Subjektive Wahrnehmungsprozesse

Was ist der Fall? Kenntnisse über die Wahrnehmung einer aktuellen Situation


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Professionalität in der Sozialen Arbeit

II Beobachtungs- und Beschreibungswissen
2 Wahrnehmung
2.1 Der Prozess der Wahrnehmung
2.2 Einflussfaktoren auf Wahrnehmungsprozesse
2.3 Konsequenzen für Fachkräfte Sozialer Arbeit
3 Beobachtungs- und Beschreibungswissen
3.1 Analyse der Rahmenbedingungen
3.2 Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Vorgehensweise
3.3 Verwendung von Methoden und zugehörigen Arbeitshilfen
4 Beobachtung und Beschreibung als diagnostisches Wissen
4.1 Psychosoziale Diagnostik in der Sozialen Arbeit
4.2 Potentiale und Grenzen psychosozialer Diagnostik
4.3 Folgen von Fehldiagnosen

III Gibt es eine objektive Wirklichkeit?

Literaturverzeichnis

I Professionalität in der Sozialen Arbeit

Seit Beginn der 70er Jahre kursiert die Diskussion um die Professionalisierung der Sozialen Arbeit. Innerhalb dieser trat klar hervor, dass die Soziale Arbeit in ihrem Wesen nicht dazu fähig ist, die klassischen Professionskriterien zu erfüllen. Ein Kriterium, welchem sich innerhalb dieser Debatte zugewandt werden musste, war die Etablierung einer eigenständigen Disziplin für das Handlungsfeld dieser, sowie die Problematik des Verhältnisses von der Theorie zur Praxis. Grund hierfür ist der Anspruch den Professionalität erhebt, berufliches Handeln anhand wissenschaftlich disziplinbezogen produzierter Theorien für Externe erklären und begründen zu können. Um diesem Anspruch nachkommen zu können, ist eine wissenschaftliche Vorgehensweise im beruflichen Handeln unabdingbar. Hiltrud von Spiegel formuliert vier Wissensbestände, auf denen sich Praktiker und Praktikerinnen der Sozialen Arbeit beziehen. Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Wissensbestand des Beobachtens und Beschreibens und dessen Bedeutung für die Erfassung einer Situation oder eines Problems zur Klärung des Falles. Insbesondere wird dieses Wissen noch in Hinblick auf den Prozess der psychosozialen Diagnose dargestellt.

II Beobachtungs- und Beschreibungswissen

2 Wahrnehmung

2.1 Der Prozess der Wahrnehmung

Der Mensch ist mit fünf Sinnesorganen ausgestattet, welche unterschiedliche Funktionen erfüllen: Riechen, Schmecken, Fühlen, Hören, Sehen. Jedes dieser ist bei jedem Einzelnen mehr oder weniger stark ausgeprägt, was zu unterschiedlichen Intensitäten von Wahrgenommenem führt. Die Sinnesorgane werden aktiviert, in dem Reize aus der Umwelt oder dem Körperinneren die persönliche absolute Schwelle überschreiten und auf sie einwirken. Die absolute Schwelle wird von Person zu Person anders definiert, woraus folgt, dass Menschen in gleicher Situation unterschiedliche Dinge wahrnehmen. Es können auch nicht alle Sinnesorgane gleichermaßen zum Einsatz kommen, weshalb der einwirkende Reiz nicht in seiner Gesamtheit wahrgenommen werden kann und bestimmte Sequenzen mehr oder minder stark aufgenommen werden. Das Einwirken eines Reizes auf die Sinnesorgane wird als Empfindung bezeichnet. Dies allein zeichnet aber keinen Wahrnehmungsprozess aus. Erst die darauffolgende Bewertung der Empfindung im Gehirn schließt einen solchen ab.

2.2 Einflussfaktoren auf Wahrnehmungsprozesse

Wie eine Empfindung bewertet wird, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Insbesondere psychische, physiologische und umweltbezogene Komponenten und dessen Wechsel- und Zusammenwirkungen zeichnen den Ablauf von Bewertungsprozessen. Grundsätzlich werden aufgenommene Informationen anhand gemachter Erfahrungen bewertet. Der Mensch ist bestrebt, seine Handlungsfähigkeit für eine erfolgreiche Lebensbewältigung zu wahren und zu sichern. Umso wichtiger ist es für ihn, sich ein Bild über die komplexe und vielfältige Welt, in dieser er agiert zu konstruieren. Hierzu ist es notwendig, sich diese anhand persönlicher Theorien, Einstellungen, Werte und Normen erklären und immer wieder regelmäßig erfahren zu können (Glasersfeld 1981: 30ff). Dieser Umstand führt aber dazu, dass die Person unbewusst selektioniert, was sie wahrnehmen möchte und unkritisch bewährte Erklärungsmuster zur Klärung der Phänomene heranzieht. Die selektive Wahrnehmung und die Bildung von Kausalketten sind Strategien, um die Kontinuität im Alltag und die Handlungsfähigkeit des Subjekts sicherzustellen. Die Konsequenz ist, dass Wahrgenommenes, welches nicht in das Konzept des Individuums passt, entweder ausgeblendet oder so uminterpretiert wird, dass es wieder kongruent mit diesem ist (vgl. Spiegel 2006: 39f).

Neben der selektiven Wahrnehmung stellen auch soziale und kulturelle Bezüge einen erheblichen Einfluss dar. Die Qualität zwischenmenschlicher Interaktion sowie die Beziehung zu der beobachteten Person können unterschiedliche Emotionen auslösen, wodurch persönliche und berufsbezogene Motive der Fachkräfte beeinflusst werden. Die soziale Umwelt mit ihren jeweiligen Kulturformen vermittelt dessen Mitglieder ebenso kulturspezifische Deutungs- und Interpretationsmuster, die sich von anderen grundlegend unterscheiden können.

Ebenso die genetische und physiologische Ausstattung von Individuen bewirken Unterschiede in der Erfassung und Bewertung von Informationen.

2.3 Konsequenzen für Fachkräfte Sozialer Arbeit

Die Folge individueller Einflussnahmen auf die Wahrnehmung sind subjektive Wirklichkeitskonstruktionen. Wirklichkeit meint, dass alle am Wirklichkeitsbildungsprozess beteiligten Personen das Gleiche wahrnehmen, es kosensuell interpretieren und darüber kommunizieren. Hieraus ergeben sich Leitlinien, die ein professionelles Handeln fördern sollen:

Zum einen müssen Praktiker und Praktikerinnen ein Bewusstsein darüber entwickeln, dass mehrere verschiedenartige Sichtweisen gleichwertig nebeneinander bestehen können. Die Bewertung einer Situation ist außerdem nicht konstant, sondern kann sich aufgrund neugewonnener oder neu-interpretierter Daten stets verändern.

Sie sollten sich regelmäßigen Fremd- und Selbstreflexionsprozessen unterziehen, um sich ihrer Erkenntnisinteressen, Modelle der Wirklichkeit und Deutungsmuster bewusst zu werden. Das Bewusstmachen solcher inneren Prozesse bewirkt, dass gängige Muster erkannt und anschließend überprüft werden können. Es muss auch ein Bewusstsein darüber herrschen, dass jegliches Handeln aus vorangegangen Bewertungsprozessen - welche sich nach persönlichen Motiven richten - resultiert. Das heißt auch, dass Emotionen und angestrebte oder durchgeführte Bewältigungsversuche nur im jeweiligen Bedeutungskontext interpretiert werden können (vgl. Spiegel 2006: 41).

3 Beobachtungs- und Beschreibungswissen

3.1 Analyse der Rahmenbedingungen

Ausgangspunkt einer jeden Fallarbeit ist die Analyse der Rahmenbedingungen. Diese trägt maßgeblich zur Beantwortung der Frage bei, was eigentlich der Fall ist. Welche Themen impliziert er, was sind die vorhandenen oder fehlenden Ressourcen und wo sollen Veränderungen stattfinden?

Da bei der Erfassung und Bewertung von Situationen keine absolute Wirklichkeit abgebildet werden kann, sollten für diesen Arbeitsprozess die Sichtweisen aller Beteiligten sowie die der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen durch zum Beispiel dialogische Verständigung miteinbezogen werden. Diese Vorgehensweise verstärkt, dass der Klient sich mit der Problem- und Situationsbeschreibung identifizieren kann, wodurch das erfolgreiche Erreichen der ausgehandelten Ziele stark determiniert wird. Durch die Schaffung einer solchen Partizipationsmöglichkeit wird der Klient aktiv in die Bearbeitung seiner Problemlage miteinbezogen. Das Wissen der Fachkraft wird nicht expertisiert und verabsolutiert, sondern mit dem des Klienten relationiert und als gleichwertig betrachtet. Es sichert ebenso eine multiperspektivische Sammlung von Informationen über den Fall. Dies kann neue Denkanstöße anregen. Unter dem Vorbehalt, dass jede konstruierte Wirklichkeit unter Revision stehen kann muss bedacht werden, dass Lebensumstände keine dauerhaften und konstanten Variablen darstellen, sondern neu gewonnene Informationen und neu eintretende Veränderungen eine Neubewertung des Falles notwendig machen können.

Fachkräfte stehen demnach vor der Herausforderung, vorschnelle und vorgefertigte Etikettierungen zu vermeiden. Diese wiederum könnte nämlich einen erheblichen Einfluss auf die Wahl und Gestaltung von Maßnahmen sowie auf die von Klient und Fachkraft vorgenommene Zielentwicklung haben. Um bei der Erfassung und Beschreibung von Situationen subjektive Einflüsse vermeiden zu können, muss also methodisch und wissenschaftlich fundiert vorgegangen werden. Durch eine kriteriengeleitete Beobachtung kann den wissenschaftlichen Anforderungen Rechnung getragen werden. Es sollten Kategorien formuliert werden, die es ermöglichen, Informationen über problemrelevante Aspekte zu erfassen. Insbesondere sollten hierbei biografische, sozialräumliche, beziehungsanalytische Dimensionen erfasst werden, sowie Motive und Anliegen aller beteiligten Parteien.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Subjektive Wahrnehmungsprozesse
Untertitel
Was ist der Fall? Kenntnisse über die Wahrnehmung einer aktuellen Situation
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main  (Soziale Arbeit)
Veranstaltung
Modul 7 - Soziale Arbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V206356
ISBN (eBook)
9783656335511
ISBN (Buch)
9783656336273
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Subjektivität, subjektiv, Wahrnehmung, Professionalität, Soziale Arbeit, Wahrnehmungsprozess
Arbeit zitieren
Nicole Lindner (Autor:in), 2010, Subjektive Wahrnehmungsprozesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206356

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