Goethes Wirken hat eindrucksvolle Spuren in der Entwicklung der
deutschen Literatur hinterlassen. Seine Wirkungsgeschichte zu betrachten,
heißt ihrem Einfluss auf die Geschichte und auf die Etablierung der
deutschen Literatur in der Weltliteratur auf den Grund zu gehen.
Die Reaktionen auf Goethes Werke waren schon zu seinen Lebzeiten
enorm zahlreich und vielseitig. Das mag darin liegen, dass Goethe seine
Kritiker, sowohl ihm wohl Gesonnene als auch Zweifler, immer wieder vor
das Problem stellte, ihn nicht einordnen zu können. Bestehendes
durchbrach und revolutionierte er, sich in Entwicklung Befindliches trieb er
auf nicht mehr überbietbare Höhepunkte und erweiterte immer wieder den
Spielraum, in dem sich Literatur befand. Die Wirkung seiner Werke
übertraf in vielen Fällen den Erwartungshorizont des Publikums und führte
es an die Grenzen des allseits anerkannten Verständnisses und
Geschmackes von Literatur. Mandelkow schreibt hier von der Entstehung
eines neuen selbstbewußten Publikums und von der Entwicklung der
literarischen Kritik zu einer eigenständigen Disziplin.1 Die
Wirkungsgeschichte des Werthers ist geradezu ein Modellfall dieser
Entwicklung und zeigt in welches Spannungsverhältnis von
Meinungsbildnern dieses Werk seinen Fuß gesetzt hat. Was auf die
Veröffentlichung des Werthers folgte, übertraf alles bisher Dagewesene,
weil auch „Die Leiden des jungen Werther“ alles bisher Dagewesene
übertraf und den Briefroman wie auch den empfindsamen Roman an einen
Punkt führte, der keine Weiterentwicklung mehr zuließ.
Im Jahre 1774 erschienen „Die Leiden des junge Werthers“ von J. W.
Goethe. Goethe schrieb diesen Briefroman in nur vier Wochen nieder. Er
verarbeitet damit eine Reihe persönlicher Erlebnisse, wie den Selbstmord
eines Bekannten, Jerusalem, Probleme in der Arbeit und die unglückliche
Liebe zu Charlotte Buff. Schon kurz nachdem das Werk erschienen war, löste es eine Flut von
Reaktionen aus, positiver als auch negativer Natur. Zunächst möchte ich
die geistigen und literarischen Strömungen dieser Zeit näher betrachten,
um der Frage auf den Grund zu gehen, warum dieses Werk so einen
heftigen Literaturstreit vom Zaun brechen konnte. Dann möchte ich den
einzelnen Lagern, wie und in welcher Weise sie auf den Werther reagiert
haben, meine Aufmerksamkeit widmen. [...]
1 Mandelkow, K. R. Goethe im Urteil seiner Kritiker. Bd. I. München, 1975. S XXV
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DER BEGRIFF WIRKUNGSGESCHICHTE
3. DIE KULTUREPOCHEN
3.1. Die Aufklärung
3.2. Der Sturm und Drang
3.3. Die Leserschaft
3.4. Die literarische Tradition
4. ZEITKRITIK IM WERTHER
4.1. Die Rationalisten
4.2. Die Aufklärer
4.3. Der Orthodoxer Klerus
4.4. Die Sturm und Dränger
4.5. Das Publikum
4.6. Goethes Rezension
5. SCHLUSSWORT
6. REZENSIONEN
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielfältige Wirkungsgeschichte von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ zur Zeit seiner Entstehung. Ziel ist es, die kontroversen zeitgenössischen Reaktionen vor dem Hintergrund der damaligen geistigen Strömungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu analysieren und zu veranschaulichen.
- Historischer Kontext und soziokulturelle Strömungen des 18. Jahrhunderts
- Differenzierung der Rezeptionslager (Rationalisten, Aufklärer, orthodoxer Klerus, Sturm und Drang)
- Einfluss des Werks auf das neue Lesepublikum und die Entstehung des "Wertherfiebers"
- Die Rolle der Literaturkritik als Disziplin und die zeitgenössische moralische Bewertung
- Dokumentation der unmittelbaren Rezensionen im Rahmen einer Bibliographie
Auszug aus dem Buch
4.3. Der Orthodoxer Klerus
Der orthodoxe Klerus wandte sich ganz entschieden gegen den Werther. Seine Vertreter, darunter J. M. Goeze, Ch. Ziegra und A. Wittenberg, riefen sogar zur Zensur auf. Aber wie war es möglich, dass die Leidensgeschichte von einem jungen Romanhelden sich derart zu einem öffentlichen Ärgernis entwickeln konnte. Werther erschien in einer Zeit, in der bereits unterschwellige Unzufriedenheit in der Bevölkerung und vor allem bei den Studenten brodelte. Da Werthers Probleme teilweise auch durch die herrschenden bürgerlichen Verhältnisse entstanden, fühlten sich viele durch den Stoff angesprochen, bestätigt und aufgerufen. Werther wurde der Mantel eines Märtyrers umgeworfen und viele stilisierten ihn zu einem Heiligen hoch. Dass sich im Werther auch noch zahlreiche religiöse Anspielungen fanden, rief nun die kirchlichen Vertreter auf den Plan. Sie verfolgten mit Schrecken, wie sich eine leidenschaftliche Anhängerschaft entwickelte. Die öffentlichen Gegenreaktionen auf den Werther aus dem Lager der Orthodoxen ließen nicht lange auf sich warten. Allen voran trat Pastor Goeze vehement gegen das Büchlein von Goethe auf. Man befürchtete, die Jugend würde „Nichtstun“ für gut halten, sich gehen lassen und alle herrschenden gesellschaftlichen und moralischen Werte anzweifeln und gegen sie rebellieren. Kurz und gut, ein wahres Sodom und Gomorra wurde vorhergesagt.
Das Publikum eiferte Werther auch in der Hinsicht nach, als dass es begann, Missstände in der bestehenden bürgerlichen Ordnung für seine persönlichen Leiden verantwortlich zu machen. Der orthodoxe Klerus sah sich in der Pflicht, die Jugend, die den Werther missverstand, wieder auf die richtige Bahn zu bringen und das Verständnis für die Aussage des Werkes auf teilweise sehr unterschwellige Weise zu beeinflussen. Um die enorme Vorbildwirkung, die Werther bei der Leserschaft eingenommen hatte, zu brechen, wurde seine Geschichte in eine Krankheitsgeschichte uminterpretiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Bedeutung von Goethes Werk für die deutsche Literatur und erste Skizzierung des Forschungsinteresses an seiner Wirkungsgeschichte.
2. DER BEGRIFF WIRKUNGSGESCHICHTE: Erläuterung des theoretischen Konzepts der Wirkungsgeschichte, bei der die Rezeption durch den Leser als zentraler Aspekt der Konkretisation eines Werkes begriffen wird.
3. DIE KULTUREPOCHEN: Darstellung der Aufklärung und des Sturm und Drang als zeitgeschichtlicher Kontext sowie Analyse der Leserschaft und literarischen Traditionen.
4. ZEITKRITIK IM WERTHER: Detaillierte Untersuchung der verschiedenen zeitgenössischen Rezeptionslager, ihrer moralischen Wertungen und der spezifischen Kritik an Goethes Roman.
5. SCHLUSSWORT: Zusammenfassende Reflektion über den neuen Zugang zur Literaturbetrachtung und Erläuterung des Umfangs der beigefügten Bibliographie.
6. REZENSIONEN: Auflistung der bibliographischen Daten zahlreicher zeitgenössischer Rezensionen und kritischer Äußerungen zum Werther vor 1800.
Schlüsselwörter
Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Wirkungsgeschichte, Rezeptionsästhetik, Aufklärung, Sturm und Drang, Literaturkritik, Zeitkritik, Leserschaft, Moral, Zensur, Empfindsamkeit, Briefroman, Konkretisation, Literaturstreit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der unmittelbaren Wirkungsgeschichte von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ und untersucht, wie das Werk von verschiedenen zeitgenössischen Gruppen aufgenommen und bewertet wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die literarischen Epochen Aufklärung und Sturm und Drang, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des 18. Jahrhunderts sowie den Literaturstreit, den das Erscheinen des Romans auslöste.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die teils heftigen Kontroversen um den Roman vor dem geistigen Hintergrund der damaligen Zeit verständlich zu machen und zu zeigen, welche Weltanschauungen hinter den jeweiligen Lob- oder Kritikäußerungen standen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt einen rezeptionsästhetischen Ansatz, um das Spannungsverhältnis zwischen dem Text und dem zeitgenössischen Publikum zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die spezifischen Positionen von Rationalisten, Aufklärern, dem orthodoxen Klerus und dem Sturm und Drang detailliert beleuchtet sowie eine Analyse der Rezensionen und Goethes eigene Sichtweise dargelegt.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie Wirkungsgeschichte, Rezeption, Literaturstreit, Epochenkontext und die spezifische zeitgenössische Kritik am Werther charakterisieren.
Warum wurde der "Werther" vom orthodoxen Klerus so massiv angegriffen?
Der Klerus fürchtete eine Gefährdung der moralischen Ordnung, da der Roman den Selbstmord thematisierte, religiöse Anspielungen enthielt und die Jugend zu Ungehorsam gegenüber traditionellen Normen verleiten konnte.
Wie reagierte der reife Goethe rückblickend auf die Kritik an seinem Werk?
Goethe betrachtete das Werk in „Dichtung und Wahrheit“ als notwendigen „Zündstoff“ einer Zeit, die ohnehin an ihren eigenen Widersprüchen litt, und distanzierte sich von Forderungen, dass Kunst primär einen didaktischen Zweck erfüllen müsse.
- Citar trabajo
- Birgit Sedelmaier, Mag. (Autor), 2003, Die Wirkungsgeschichte der "Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang Goethe, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20639