Brentanos Weberlied – ein poetologisches Gedicht?


Seminararbeit, 2012
14 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zu Struktur, methodischem Vorgehen und Ziel

2. Poetologische Lyrik

3. Das Weberlied als poetologisches Gedicht
3.1 Struktur
3.2 Sprachrausch vs. Sprachschock
3.3 Weber, weben, Gewebe

4. Auswertung, Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Zu Struktur, methodischem Vorgehen und Ziel

Ziel dieser Hausarbeit ist es, zu klären, inwieweit das Gedicht Wenn der lahme Weber träumt, er webe von Clemens Brentano eine poetologische Lesart zulässt. Brentanos Weberlied erschien in dem Anhang der überarbeiteten Version seines Märchen von Gockel, Hinkel und Gackeleia, welcher den Titel Aus dem Tagebuch der Ahnfrau. (Vom Charfreitag bis Sonnenwende 1317) trägt.[1] Obwohl es naheliegend ist, das Weberlied im Kontext des Märchen von Gockel, Hinkel und Gackeleia zu betrachten, wird diese Arbeit keine kontextgebundene Interpretation anbieten. Ein Grund dafür ist, dass sich das Gedicht, so Heinrich Henel, vom Ursprungswerk abgetrennt leichter lesen lässt[2], was in Anbetracht des Umfangs der Arbeit von Vorteil ist. Noch schwerer wiegt die Behauptung Hans Magnus Enzensbergers, dass das Märchen von Gockel, Hinkel und Gackeleia bzw. Aus dem Tagebuch der Ahnfrau (Vom Charfreitag bis Sonnenwende 1317) keinen engen Bezug zum Weberlied habe:

Die Verbindung der Verse mit dem Text des Tagebuchs ist nicht eng. Sie werden der ‚unweisen Klareta‘, einer Dienerin der Ahnfrau, in den Mund gelegt. Fackeln, Schalmeien, selbst der Weber, der in dem Gedicht auftritt, haben in der Chronik keinerlei epische Funktion; sie werden einzig und allein um des Gedichtes Willen eingeführt. Die Beziehungen zur Handlung sind durchwegs konstruiert. Daraus kann man schließen, daß das Weberlied […] vor dem Tagebuch und von ihm unabhängig entstanden ist.[3]

Enzensberger kommt zu dem Schluss, dass „der Kontext keinerlei Hinweise (bietet), die der Interpretation dienlich sein könnten“[4]. Diesem Schluss Enzenbergers Glauben schenkend ist davon auszugehen, dass eine kontextgebundene Interpretation gegenüber der kontextungebundenen Interpretation keinen Mehrwert bietet, sodass es sogar völlig legitim scheint, das Weberlied nicht unter Einbeziehung seines Erscheinungskontexts zu interpretieren.

Um zu erforschen, inwieweit Brentanos Weberlied eine poetologische Lesart zulässt, wird zunächst dargestellt werden, was die Forschung unter dem Begriff der poetologischen Lyrik versteht. Danach wird das Weberlied im Hinblick auf die zentrale Fragestellung dieser Arbeit interpretiert werden, dabei wird auf die Struktur des Gedichts, den Antagonismus zwischen Sprachrausch und Sprachschock und schließlich auf die Möglichkeit, den Weber als Dichter und des Text als Gewebe zu verstehen eingegangen werden.

Zu Brentanos Weberlied wurde zwar schon viel geforscht, zur Frage nach einer möglichen poetologischen Lesart des Gedichts jedoch verhältnismäßig wenig. Keiner der im Rahmen der Recherche zurate gezogenen Texte beschäftigte sich exklusiv mit dem für diese Arbeit relevanten Thema. Deshalb erscheint es durchaus interessant, diesen wenig beachteten Aspekt des Gedichts aufzugreifen und sich in dieser Arbeit intensiv und möglichst umfassend mit ihm zu beschäftigen.

2. Poetologische Lyrik

Bevor die Frage, inwieweit Brentanos Weberlied eine poetologische Lesart zulässt, beantwortet werden kann, muss der Begriff der poetologischen Lyrik mit Inhalt gefüllt werden. Laut Olaf Hildebrand gibt es drei Merkmale poetologischer Lyrik: das thematische, das sprechakttheoretische und das reflexive.[5] Bei poetologischer Lyrik handele es sich um „eine Sonderform dichterischer Selbstreflexion“, im Rahmen derer die Dichter sich mit „ihr(em) Werk, ihre(n) Darstellungsprinzipien und ihre(r) soziale Rolle als Künstler“[6] beschäftigen. Dabei weist Hildebrand darauf hin, dass es oft schwierig ist, zu entscheiden, ob ein Gedicht als poetologisch Gedicht gelten kann oder nicht, da sich immer die Frage stellt, inwieweit poetologische Aspekte das Gedicht beherrschen.[7] Aus dieser Schwierigkeit zieht Hildebrand folgende Konsequenz: „Im Zweifelsfall gilt das thematische Kriterium: Wo es einen Aspekt der Dichtungstheorie berührt, hat ein Gedicht poetologische Qualität, auch wenn man es zugleich als politisches, als Natur- oder Liebesgedicht lesen kann.“[8] Ferner schlägt Hildebrand vor, poetologische Lyrik als eine performative Gattung zu betrachten, wobei er sich auf die Sprechakttheorie bezieht. Die Sprechakttheorie beschäftigt sich u.a. mit performativen Verben, in denen Hildebrand Ähnlichkeiten zum poetologischen Gedicht zu erkennen meint: „Performative Verben beschreiben nicht einen außersprachlichen Vorgang, sondern im sprachlichen Benennen dieses Vorgangs liegt zugleich sein Vollzug. […] [Das poetologische Gedicht] konstituiert den Gegenstand in der künstlerischen Darbietung, löst das Gesagte also immer schon affirmativ ein oder subvertiert es selbstkritisch im performativen Widerspruch.“[9] Das poetologische Gedicht habe also eine doppelte Aussageebene, denn es behandelt dichtungstheoretische Überlegungen sowohl inhaltlich als auch formal. Zuletzt wird die Reflexivität von poetologischer Lyrik behandelt, die seit dem späten 18. Jahrhundert zum dominanten Merkmal poetologischer Lyrik avanciert ist.[10] Grund dafür sei die Abkehr von Normativität zugunsten von Individualität und Subjektivität, angetrieben durch das im 18. Jahrhundert wachsende Bedürfnis nach Individualität: das sprechende Ich gewinnt an Bedeutung und mit ihm auch die Selbstkritik des Dichters.[11]

Poetologische Überlegungen finden sich nicht nur in der Lyrik, sondern auch in allen anderen Textgattungen[12], aber sowohl Olaf Hildebrand als auch Walter Hinck liefern Argumente dafür, dass sich Gedichte besonders gut zur poetologischen Reflexion eignen: im Gegensatz zur Poetik, die entweder deskriptiv oder normativ sein muss, also entweder zeitlich vorhergehende literarische Produktion beschreibt oder Regeln für folgende literarische Produktion aufstellt, könne das poetologische Gedicht „experimentell verwirklichen, was es als Aufgabe der Dichtung definiert“[13], was ihm Überzeugungskraft verleihe.[14] Ferner habe das Gedicht im Gegensatz zu anderen Textgattung den Vorteil, dass es nie in die reine Abstraktion abgleiten kann, da es durch die lyrische Form immer auch an Anschaulichkeit gebunden ist; es bleibe „auch im Nachdenken über das Poetische noch Poesie“, was verdeutlicht, „daß sich der Ausdrucksgehalt von Dichtung nie ganz in die Interpretation auflösen und in ihr einfangen läßt“.[15] Ein weiterer Vorteil des poetologisches Gedichts liege in seiner Kürze: es könne „einen poetologischen Gedanken in konzentrierter und prägnanter Form (darbieten) und ihm so die Durchschlagskraft eines Manifests (…) geben“.[16]

Auf Armin Paul Frank geht die Unterscheidung zweier Haupttypen der poetologischen Lyrik zurück:

Verspoetiken als Spielart des Lehrgedichts, ‚diskursive‘ Dichtungen, deren Aussagen auch in Prosa oder einem Essay stehen könnten, sowie poetologische Gedichte im präzisen Sinne, ‚mimetische‘ Gedichte, die ihre Aussage im Aufbau des Gedichts mitvollziehen und in sinnlicher Sprache vergegenwärtigen.[17]

Für die Beschäftigung mit Brentanos Weberlied ist ausschließlich der zweite Haupttyp, das mimetische Gedicht, von Interesse.

Abschließend sei noch etwas zur Geschichte der poetologischen Lyrik gesagt. Dichtung über Dichtung findet man bereits in der Antike, Horazʼ Ars poetica gilt beispielsweise als ein Urtext poetologischer Lyrik[18], und auch im Mittelalter wurden poetologische Gedichte produziert. Es ist jedoch zu beobachten, dass in der Neuzeit und vor allem im 20. Jahrhundert auffällig viele poetologische Gedichte verfasst wurden.[19] Hinck meint, dass diese Entwicklung im Zusammenhang mit Georg Wilhelm Friedrich Hegels Auffassung von neuzeitlicher Kunst in Abgrenzung zur antiken und mittelalterlichen Kunst stehe. Bei der erstgenannten sei die Selbstreflexion sowie die Reflexion der Umwelt vordergründig.[20]

[...]


[1] Vgl. Enzensberger: Brentanos Poetik, S. 43.

[2] Vgl. Henel: Nochmals: Brentanos Weberlied, S. 437.

[3] Enzensberger: Brentanos Poetik, S. 43f.

[4] Ebd., S. 44.

[5] Hildebrand: Poetologische Lyrik, S. 5.

[6] Ebd., S. 1.

[7] Vgl. ebd., S. 4.

[8] Ebd.

[9] Hildebrand: Poetologische Lyrik, S. 5.

[10] Vgl. Hildebrand: Poetologische Lyrik, S. 5.

[11] Vgl. ebd., S. 6.

[12] Vgl. ebd., S. 1.

[13] Ebd.

[14] Vgl. ebd.

[15] Hinck: Das Gedicht als Spiegel der Dichter, S. 10.

[16] Ebd.

[17] Ebd., S. 11.

[18] Vgl. Hildebrand: Poetologische Lyrik, S. 1.

[19] Vgl. Hinck: Das Gedicht als Spiegel der Dichter, S. 10.

[20] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Brentanos Weberlied – ein poetologisches Gedicht?
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur I)
Veranstaltung
Lyrik der Romantik
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V206503
ISBN (eBook)
9783656335894
ISBN (Buch)
9783656336433
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Clemens Brentano, Germanistik, Neuere Deutsche Literatur, Romantik, Poetologie, Dichter, Gedicht, Gedichtanalyse, Weberlied, Sprachrausch, Sprachschock, Text, Textur, Weber, Poet, Selbstreflexion, Selbstreferenz, Poetologische Lyrik
Arbeit zitieren
Stephanie Eßer (Autor), 2012, Brentanos Weberlied – ein poetologisches Gedicht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206503

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