Kodifizierungen in der Renaissance

Guillaume Dufays 'Par droit je puis bien complaindre' und der Oxford-Codex


Seminararbeit, 2012

14 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Komponist: Guillaume Dufay.
2.1 Biografischer Hintergrund
2.2 MusikalischeBedeutung

3 Das Werk: „Par droitje puis bien complaindre“

4 Die Kodifizierung: Oxford-Codex
4.1 Grundlegendes zum Codex
4.2 Aufführungspraktische Besonderheiten

5 Zusammenfassung der Ergebnisse

II. Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Renaissance bedeutete sowohl für die Musik als auch für die gesamte kulturelle Entwicklung des 15. und 16. Jahrhunderts einen Einschnitt von massivem Ausmaß. Der I860 durch Jacob Burckhardt endgültig etablierte Epochenbegriff bezeichnet einerseits den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, was insbesondere auf die Einführung neuer gestalterischer Mittel sowie auf einen generellen Bruch mit vorher geltenden Konventionen abzielt.1 Von sprachlicher Seite betont das Wort eine Wiedergeburt („Renaissance“ bedeutet im Französischen „Wiedergeburt“). Genau genommen ist damit die Wiedergeburt der antiken Epoche Griechenlands gemeint. Auch eine Wiedergeburt des Menschen kann darunter verstanden werden, zu der dieser nämlich in einer bewussten Begegnung mit der Antike gelangt.2

Einer der bedeutendsten Komponisten für die Renaissance war Guillaume Dufay. Er galt als Meister seines Faches, führte mit seinem Stil entscheidende Neuerungen ein und erlangte damit nicht bloß eine Vorbildwirkung für seine Zeitgenossen, sondern beeinflusste darüber hinaus große Namen nachfolgender Epochen.

Gegenstand dieser Arbeit ist Dufays Kanon „Par droit je puis bien complaindre et gemir“, der in einer Sammelhandschrift namens Oxford-Codex auftaucht. Nach einem Versuch, die überlieferten biografischen Informationen Dufays in übersichtlicher Form zu veranschaulichen, soll vor allem eine musikalische Analyse des Kanons zum Verständnis der Renaissance-Musik und Dufays Kompositionsweise beitragen. Auch Fragen hinsichtlich der Aufführungssituation sollen beantwortet werden.

Ein weiterer Komplex, der im engen Zusammenhang mit dem Komponisten und dem ausgewählten Werk steht, ist die Kodifizierung, in der sich zahlreiche Werke Dufays wiederfinden. Das Sammeln von Kompositionen in einer eigens dafür vorgesehenen Schrift geht auf eine lange Tradition zurück, die bisherjedoch nur mangelhaft erforscht wurde. Dementsprechend übersichtlich gestaltet sich daher die Quellenlage zur Oxforder Kodifizierung. Die vorliegende Arbeit setzt sich trotz dieser Problematik einen Erkenntnisgewinn über den Oxford-Codex zum Ziel und wird versuchen, besonders auf die enge Verknüpfung der Elemente Komponist, Werk und Kodifizierung einzugehen.

2 Der Komponist; Guillaume Dufay 2.1 Biografischer Hintergrund

Über das Leben von Guillaume Dufay eindeutige Aussagen zu treffen, ist auf Grund des großen zeitlichen Abstandes nicht immer möglich. So existieren zwar Fakten, die einen gewissen Rahmen festlegen, sich teilweise jedoch in nicht unerheblicher Weise widersprechen. Problematisch ist dabei auch, dass die zahlreichen schriftlichen Arbeiten - bedingt durch den lange währenden Ruhm Dufays - aus ganz unterschiedlichen Epochen stammen und deshalb die Vertrauenswürdigkeit der Quellen immer wieder neu abgewogen werden muss.

Die Herkunft und Geburt des Komponisten wirft erste Zweifel auf. Zwar hat sich im Laufe der Zeit der 5. August 1397 als Geburtstag durchgesetzt, kann aber durch die unzulängliche Dokumentenlage nicht endgültig bewiesen werden. Näherungsweise sollte das Datum allerdings der Wahrheit entsprechen.3 Wesentlich weiter driften die Angaben zum Geburtsort auseinander. Bereits im Jahr 1898 wurde in diesem Zusammenhang der Ort Hainault erwähnt.4 Dieser liegt nordöstlich von London und steht somit im Kontrast zu weiteren geäußerten Vermutungen, Guillaume Dufay sei im französischen Raum etwa 50 km westlich von Brüssel5 oder gar in Cambrai6 geboren. Ein Geburtsort in Frankreich erscheint dahingehend plausibler, weil Dufay ab dem Jahr 1409 seine musikalische Ausbildung in Cambrai, einem kleinen Ort im Norden Frankreichs, erhalten hat. Als einer von insgesamt nur zwölf Jungen hatte er das Glück, in der dortigen Klosterschule als Sängerknabe ausgebildet zu werden. Durch die Hilfe seines Onkels wurde ihm dieser Weg zugänglich gemacht, wenn auch eine gewisse musikalische Begabung notwendig war. Während der Ausbildung im Kloster herrschte eine strenge Ordnung in einem mönchsartigen Leben7 mit einem hohen Lernpensum.

Ein solcher Ausbildungsweg war normalerweise den privilegierten Schichten Vorbehalten. Dufay war ganz im Gegenteil davon unordentlich geboren, d.h. sein Vater war unbekannt. Dieser Umstand brachte es mit sich, dass Dufay weder erb- noch regierungsfähig war. Aufgrund der großen kompositorischen Leistungen in seinem späteren Leben nahm der Papst diesen Status letztlich wieder von ihm.8

Vonjener Klosterschule aus vollzog sich der weitere Werdegang Dufays. Der Unterricht zum Chorknaben dauerte drei Jahre, in denen er bereits Kompositionsunterricht erhielt. Für die Beschäftigung nach der Zeit der Ausbildung existieren keine hinreichenden Belege, jedoch wird vermutet, dass Dufay in einem Konzil in Konstanz tätig war, wo er wichtige Kontakte für seine spätere Karriere herstellte. Es folgten Aufenthalte und kompositorische Tätigkeiten u.a. in Pesaro an der italienischen Adriaküste (1420-1426), in der nordfranzösischen Stadt Laon (1426-1427) und an der päpstlichen Kapelle in Rom (1428-1433 und 1435-1437). In Rom arbeitete er als Sänger und baute seine Verbindungen zu Adelsfamilien aus, an deren Hof in Cambrai er im Anschluss an seine kirchliche Karriere angestellt war. Dufay kehrte also zu seinem (vermeintlichen) Geburtsort zurück, an dem er bis zu seinem Tod am 27.11.14749 als berühmter und angesehener Komponist lebte.10

2.2 Musikalische Bedeutung

Die Verbreitung von Kompositionen mit Hilfe des Notendrucks war in der Mitte des 15. Jahrhunderts noch nicht möglich. Umso erstaunlicher ist es, wie verbreitet die Werke von Guillaume Dufay schon zu seinen Lebzeiten waren. Die Stücke wurden in ganz Europa aufgeführt und zahlreiche große Komponisten, wie z.B. Johannes Tinctoris und Johannes Ockeghem, besuchten ihn, um ihre Ehrfurcht zum Ausdruck zu bringen.11 Dufay gilt heute als „der Schöpfer des Abendländischen in der Musik“12. Kompositorisch beschritt er völlig neue Wege und lieferte dadurch seinen Mitstreitern und Nachfolgern die Grundlagen für eine neue Mehrstimmigkeit, durch die sich letztlich die gesamte Musik der Renaissance auszeichnete. Andere Komponisten wie Ockeghem oder di Lasso entwickelten diese Mehrstimmigkeit zwar weiter, doch Dufay ist unbestritten ihr Erfinder.13

Auch die Einbettung des Textes in die Musik erfährt unter Dufays Einfluss eine grundlegende Neuerung. Zuvor war es üblich, allein die Struktur des Textes zu berücksichtigen, um mit deren Hilfe die Musik zu stützen. Dufayjedoch sorgte für eine Etablierung der inhaltlichen Komponente des Textes, so dass der Text bei ihm durch die Musik ausgedrückt wurde und nicht umgekehrt.14

Trotz aller Neuerungen blieb Guillaume Dufay dennoch den grundsätzlichen Mustern seiner Zeit treu und komponierte die für damals üblichen musikalischen Gattungen. Zu seinem Werkkatalog zählen Messen und Messesätze, Motetten, Antiphonen, Sequenzen, Hymnen, Benedicamus, Magnificate, Choräle, Chansons sowie weltliche Werke. Die verwendeten Texte waren entweder in lateinischer, italienischer oder französischer Sprache gehalten.15 Der Begriff weltlich ist dabei nicht als Gegenpol zur geistlichen Kirchenmusik zu verstehen, wie es nach der Gegenreformation üblich wurde. Zu Lebzeiten Dufays war das Weltliche nur ein untergeordneter Bestandteil der gesamten christlich geprägten Welt und ist somit auch in den religiösen Bereich einzuordnen.16 Dieser Mischung aus Tradition und Innovation ist es zu verdanken, dass Guillaume Dufay vor allem an mehreren Adelshöfen angestellt war, was seinen Aufstieg zu einem der gefragtesten Komponisten seiner Zeit zusätzlich beschleunigte.

3 Das Werk; „Par droit je puis bien complaindre“

Zur angesprochenen Stärkung der inhaltlichen Bedeutung des Textes kommt die Tatsache, dass Guillaume Dufay nie rein instrumentale Stücke geschrieben hat. Instrumente spielten bei ihm vor allem eine unterstützende Rolle, wie auch in seinen Kanons, in denen das vokale Element besonders stark zum Ausdruck kommt.

Die Entwicklung seiner Kanons verlief insgesamt vom Ordentlichen zum Unüberschaubaren. Zunächst waren sie von einer fast gezwungenen Ordnung geprägt, bis sich das Bild wandelte und eine strukturelle Überschaubarkeit immer schwieriger wurde. Das Chaos, das sich hauptsächlich in rhythmischen Komplexitäten äußerte, stellte für die ausführenden Musiker eine große Herausforderung dar. Es wird sogar behauptet, Dufay habe es mit diesen Kompositionen darauf abgesehen, die Musiker scheitern zu sehen.17

Ein Kanon der fassbareren Art findet sich in „Par droitje puis bien complaindre“.

Der Oberstimmenkanon hat eine Länge von 25 Takten, in denen sich das vierzeilige Strophenmaterial abspielt. Die vier Stimmen bestehen zum einen aus den zwei Oberstimmen (Superior I und II genannt), die den Dux und den Comes in einem Abstand von zwei Takten vortragen und die textliche Grundlage bilden.

[...]


1 Vgl. Lütteken (1998), Sp. 144.

2 Vgl. Michels (1989), S. 229.

3 Vgl. Gülke (2003), S. XIX.

4 Vgl. Stainer (1966), S. 2.

5 Vgl. Gülke (2003), S. XIX.

6 Vgl. Stenzl (1992), S. 218.

7 Vgl.ebd., S.7.

8 Vgl. Gülke (2003), S. 1.

9 Vgl. Gülke (2003), S. XXVI.

10 Vgl. Stenzl (1992), S. 219.

11 Vgl. ebd., S. 219.

12 Ebd., S. 219.

13 Vgl. ebd., S. 218.

14 Vgl. ebd., S. 219.

15 Vgl. Gülke (2003), S. 455-465.

16 Vgl. Stenzl (1992), S. 221.

17 Vgl. Gülke (2003), S. 170-172.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Kodifizierungen in der Renaissance
Untertitel
Guillaume Dufays 'Par droit je puis bien complaindre' und der Oxford-Codex
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Historische Instrumentenkunde/Musik der Renaissance
Note
3,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V206586
ISBN (eBook)
9783656341215
ISBN (Buch)
9783656342069
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
kodifizierungen, renaissance, guillaume, dufays, oxford-codex
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Steffen Peise (Autor), 2012, Kodifizierungen in der Renaissance, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206586

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