Alltag in Distanzbeziehungen und normalen Partnerschaften im Vergleich


Masterarbeit, 2012

65 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Bezugsrahmen: Definition und Explikation von Begriffen
2.1 Einflüsse gesellschaftlicher Wandlungsprozesse auf die Bedeutungszunahme von Distanzbeziehungen
2.1.1 Individualisierung
2.1.2 Enttraditionalisierungsprozesse führen zu Wahlbiografien
2.2 Modernisierungsprozesse in der Gesellschaft
2.2.1 Bildungsexpansion
2.2.2 Auswirkungen der berufsbedingten Mobilität auf Paarbeziehungen
2.2.3 Juristische Veränderungen
2.2.4 Neue Wege der Partnersuche
2.2.5 Technologieentwicklung & Geld
2.2.6 Zusammenfassung: Entstehungskontext für Distanzbeziehungen
2.3 Der Begriff des Alltags
2.3.1 Der „Alltag“ in der modernen Gesellschaft
2.3.2 Alltagsgestaltung bei Paaren
2.3.3 Zeitliche Abstimmung für einen gemeinsamen Alltag
2.4 Partnerschaft in der modernen Gesellschaft
2.4.1 Notwendigkeit: Betrachtung des modernen Verständnisses von Partnerschaft
2.4.2 Entwicklung einer Partnerschaft
2.4.3 Partnerschaft: konventionell vs. unkonventionell
2.4.4 Zusammenlebende Paare
2.4.5 Nicht-zusammenlebende Paare
2.5 Living apart together - „alleinlebende Paare“
2.5.1 LAT im Spiegel soziologischer Studien
2.5.2 Eigenschaften und Merkmale von Living-apart-together-Paaren
2.5.3 Definitionskritik und Entwicklung eines eigenen Definitionsvorschlags
2.5.4 Definitionsversuch LAT-Partnerschaften

3. Methodische Aspekte und Untersuchungsablauf
3.1 Methode zur Datenerhebung: Leitfadeninterview
3.2 Entwicklung der Interviewleitfäden
3.2.1 Forschungsfragen und Hypothesen
3.2.2 Erläuterung der Interviewleitfäden
3.3 Datenerhebung
3.4 Datenauswertung
3.4.1 Aufbereitung des Datenmaterials
3.4.2 Auswertungsverfahren: Qualitative Inhaltsanalyse

4. Untersuchungsergebnisse
4.1 Vergleich
4.3 Zwischenfazit

5. Resümee

Tabellen und Abbildungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gemeinsam Zeit miteinander zu verbringen, ist eine wichtige Voraussetzung, um eine Partnerschaft aufrecht zu erhalten und zu intensivieren. Doch aufgrund komplexer ökonomischer und gesellschaftlicher Entwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten ist Zeit in der modernen Gesellschaft zu einem raren Gut geworden. Um miteinander Zeit verbringen zu können, müssen berufstätige Paare ihre Arbeitszeiten, ihre familialen und persönlichen Zeiten miteinander abstimmen (vgl. Weißbrodt 2005: 281). Für viele Paare ist eine gemeinsame Wohnung deshalb eine Möglichkeit, den Alltag und damit mehr Lebensbereiche miteinander zu teilen. Andere Paare hingegen können oder wollen nicht zusammen wohnen, weil sie in verschiedenen Städten arbeiten oder sie aus persönlichen Gründen nicht mit dem Partner zusammen leben wollen. Wie sieht die gemeinsame Zeitverwendung aus, wenn Paare keinen gemeinsamen Haushalt führen? Wie viel Zeit bleibt Paaren ohne einen gemeinsamen Alltag? Diesen Fragen nachzugehen, ist Ziel dieser Arbeit.

Im Rahmen dieser Arbeit soll untersucht werden, wie sich der Alltag von Paaren, die in einer Living-apart-together-Beziehung leben, von dem Alltag von Paaren unterscheidet, die sich für einen gemeinsamen Haushalt entschieden haben.

Paare, die nicht zusammen leben, sind in der modernen Gesellschaft keine Seltenheit mehr: Seitdem die Ehe ihre prädominante, normative Stellung (vgl. Bloch / Fischer 2003: 117 in Riedel 2008: 27) verloren hat, hat sich das Gesicht von Partnerschaften in der modernen Gesellschaft stark verändert; durch tiefgreifende gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Veränderungen sind die Lebens1 - und Haushaltsformen vielfältiger geworden.

Eine Beziehungsform, die nach Schneider et al. (1998: 63) zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die Distanzbeziehung. Mit dem Begriff Distanzbeziehung (auch ,Liebe auf Distanz‘, Fernbeziehung) werden in der Soziologie Partnerschaften definiert, in denen Paare keinen gemeinsamen Haushalt teilen (vgl. Schneider 2009: 678; Schmitz-Köster 1990: 46).

Obwohl sie immer häufiger vorkommt, entspricht die Distanzbeziehung nicht dem in der westlichen Gesellschaft gängigen Idealbild einer Partnerschaft. Dass Paare nicht zusammen wohnen, obwohl sie längst über die Kennenlernphase hinaus sind, wird in der Gesellschaft argwöhnisch betrachtet. In der westlichen Kultur wird die Ko-Residenz als eines der wichtigsten Kriterien einer Partnerschaft angesehen (vgl. Schneider 2009: 678; Schlemmer 1995: 364). In der westlichen Vorstellung von einer Partnerschaft wohnen und wirtschaften Paare zusammen, insbesondere wenn sie schon über einen längeren Zeitraum zusammen oder gar verheiratet sind. Ist dies nicht der Fall, wird das Leben dieser Paare von der in ihrer Meinung gespaltenen Gesellschaft beäugt und als „bemitleidenswerte Lebenssituation“ oder als „zeitgemäß“ (vgl. ebd.) bezeichnet.

Eine Form der Distanzbeziehung ist die sogenannte Living-apart-together-Partnerschaft (im Weiteren: LAT). Das charakteristische Merkmal dieser Partnerschaft ist, dass die Partner in eigenständigen Haushalten leben. Sie leben also nicht in einem Hotelzimmer oder in einem notdürftig eingerichteten Zimmer, das als ,Zweitwohnung‘ am Arbeitsplatz eines Partners dient, sondern sie leben in eigenständigen, voll ausgestatteten Haushalten. Die beiden Haushalte liegen entweder nah beieinander (z. B. im selben Haus) oder in größerer Distanz (in einer anderen Stadt).

Fragestellung

Seit einigen Jahren rücken Distanzbeziehungen zunehmend in den Fokus der soziologischen Forschung. Studien, die ausschließlich LAT-Beziehungen erforschen, sind allerdings selten. LAT-Beziehungen werden vornehmlich im Zusammenhang mit anderen Beziehungsformen untersucht. Dabei besteht in der Forschung vor allem ein großes Interesse daran, warum die Paare nicht zusammen leben (vgl. Schneider et al. 2002; Traub 2005; Schmitz-Köster 1990) und ob LAT eine Übergangsphase oder eine dauerhafte Lebensform ist. In der Psychologie wurde darüber hinaus untersucht, wie zufrieden diese Paare (vgl. Noyon / Kock 2006) mit ihrer Lebensform sind.

Die Frage, wie Paare, die nicht in einer gemeinsamen Wohnung leben, ihren Alltag gestalten, wurde lediglich von Schmitz-Köster (1990) aufgegriffen, die eine qualitative Studie über den Alltag in Partnerschaften mit getrennten Haushalten vorgelegt hat. Die Studie ist allerdings über zwanzig Jahre alt. Seitdem hat sich innerhalb der Gesellschaft vieles verändert: moderne Kommunikationsmittel wie Handy und Internet ermöglichen täglichen Kontakt, Distanzen lassen sich durch günstige Kurz- oder Langstreckenflüge schnell überbrücken. Ein aktueller Blick in den Alltag bzw. die Zeitverwendung von Paaren, die keinen gemeinsamen Haushalt führen, ist somit längst überfällig.

Im Rahmen dieser Arbeit soll folgenden Fragen nachgegangen werden: Wie viel Zeit verbringen Paare, die zusammen leben? Wie viel Zeit bleibt Paaren ohne gemeinsamen Haushalt? Wie viel Raum kann die Beziehung im Alltag einnehmen und welche Bedeutung haben soziale Kontakte oder der Beruf für Paare in getrennten Haushalten? Worin unterscheidet sich die Gestaltung des Alltags von LAT-Paaren im Vergleich zu Paaren in gemeinsamen Haushalten?

Das Anliegen dieser Arbeit besteht somit darin, den gemeinsamen Alltag von Paaren in gemeinsamen und getrennten Haushalten zu beschreiben und zu analysieren. Die leitende Untersuchungsfrage der vorliegenden Arbeit lautet: „Wie gestalten kinderlose2 3 Paare in Living-apart-together-Partnerschaften im Vergleich zu normalen Partnerschaften ihren Alltag?“

Um einen Einblick in die Alltagsgestaltung von Paaren zu erhalten, bietet sich eine qualitative Befragung von Personen an, die in einer Partnerschaft leben und entweder mit ihrem Partner zusammen oder in einem eigenen Haushalt leben.

Aufbau der Arbeit

Im ersten Teil der Arbeit (Kapitel 2) erfolgt eine Annäherung an den Gegenstand der Arbeit. Dazu werden die Begriffe definiert, die für die vorliegende Untersuchung eine wichtige Rolle spielen, so beispielsweise die Begriffe Living-apart-together, Partnerschaft sowie Alltag. Eine Differenzierung des Begriffs Distanzbeziehung ermöglicht einen Überblick über die Ausprägungen dieser Partnerschaftsform. Ferner werden im zweiten Kapitel die Gründe erfasst, weshalb Paare sich bewusst für eine Lebensform entscheiden, in der aufgrund separater Haushalte zwangsläufig weniger gemeinsame Zeit vorhanden ist. Um die Motivation für die Entscheidung zu dieser Lebensform umfassend betrachten zu können, wird in Kapitel 2 zusätzlich auf die Bedeutung des gesellschaftlichen Strukturwandels auf die Lebensformen eingegangen. Die Analyse der Motivation für die Entscheidung für eine Living- apart-together-Partnerschaft ist für die Entwicklung der Fragen für das Leitfadeninterview sowie für die anschließende Interpretation der Ergebnisse aus den Interviews hilfreich. Eine eigene Erhebung ist im Rahmen dieser Arbeit aus zeitlichen Gründen nicht möglich gewesen, weshalb auf die bereits bestehenden Studien zurückgegriffen wurde. An dieser Stelle der Arbeit wird deshalb deskriptiv vorgegangen. Zudem werden diese Erkenntnisse für die Entwicklung einer eigenen Definition des Begriffs Living-apart-together verwendet, mit der das zweite Kapitel abgeschlossen wird.

In Kapitel 3 wird die Datenerhebung und die Datenauswertung, das methodische Verfahren, veranschaulicht. Im vierten Kapitel werden die Ergebnisse der vier qualitativen Interviews, die im Rahmen dieser Arbeit selbstständig durchgeführt wurden, skizziert. Dabei sollen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb der untersuchten Lebensformen betrachtet werden. In Kapitel 5 werden die Ergebnisse der Untersuchung bilanzierend zusammengefasst. Zudem wird ein kurzer Ausblick auf zukünftige Forschungsperspektiven wird im letzten Teil der Arbeit thematisiert.

2. Theoretischer Bezugsrahmen: Definition und Explikation von Begriffen

Um der Frage nachgehen zu können, wie sich die Alltagsgestaltung von kinderlosen LAT- Paaren und normalen Paaren unterscheidet, sollen im Folgenden Begriffe, die in der Arbeit verwendet werden, diskutiert werden: Alltag bzw. Alltagsgestaltung sowie Partnerschaft, Living-apart-together und normale Partnerschaften. Während in der Soziologie einige der Begriffe bereits weitgehend übereinstimmend gebraucht werden, besteht für „ Living-apart- together“ noch keine einheitliche Definition. Das der Untersuchung zugrundeliegende Verständnis einer LAT-Beziehung ist jedoch wichtig und sollte aus diesem Grund selbst erarbeitet werden.

Da Living-apart-together eine Partnerschaftsform ist, die sich erst in den vergangenen Jahren zu einer Lebensform entwickelt hat, die von immer mehr Paaren gelebt wird, wird zuvor auf die Einflüsse des gesellschaftlichen Wandels auf die Bedeutungszunahme von Distanzbeziehungen eingegangen. In diesem Zusammenhang sind die Individualisierungsprozesse innerhalb der Gesellschaft zu betrachten, die durch Modernisierungsprozesse (z. B. Bildungsexpansion, Wandel des Arbeitsmarktes) begünstigt wurden und infolgedessen zu neuen Lebensformen geführt haben.

2.1 Einflüsse gesellschaftlicher Wandlungsprozesse auf die Bedeutungszunahme von Distanzbeziehungen

2.1.1 Individualisierung

In der soziologischen Diskussion wird die Entstehung der neuen Lebens-, Beziehungs-, Arbeits- oder Wohnformen in der modernen Gesellschaft u. a. mit der so genannten Individualisierungsthese (vgl. Schneider et al. 2002 b: 29; Müller 2010: 94) erklärt.

Bei dem Konzept der „Individualisierung“ handelt es sich um keine „geschlossene Theorie“, sondern um „Beschreibungen der Lebensbedingungen in modernen Gesellschaften und vage Entwicklungshypothesen“ (Hill / Kopp 2006: 313), um eine „alltagsweltliche Interpretationsfolie“ (Wohlrab-Sah 1997 in Keddi: 2003: 58). Obwohl in der Forschung umstritten4 (vgl. Keddi 2003: 58, 60), kann der Ansatz zu einem besseren Verständnis für die Erklärung des gesellschaftlichen Wandels sowie von „Modernisierungsprozessen im weiblichen Lebenslauf“ (ebd.: 59) herangezogen werden. Das Individualisierungskonzept macht deutlich, dass es in der postmodernen Gesellschaft keine normierten Lebensläufe mehr gibt und die Individuen in ihrer Lebensgestaltung freier sind als noch vor dreißig Jahren.

Nach Beck (1986), der den Begriff in den 1980er in die soziologische Diskussion eingebracht hat, bedeutet „Individualisierung“ die Herauslösung des Individuums aus gesellschaftlich vorgegebenen Strukturen (vgl. ebd.: 206). Individualisierung wird als Folge ebenso wie als Antrieb des Wandels in modernen Gesellschaften gesehen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat die fortlaufende Modernisierung dazu beigetragen, die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern, und dabei gleichzeitig zu bewirken, dass sich das Individuum aus den „sozialen Klassenbindungen und den Geschlechtslagen von Männern und Frauen“ (Beck 1986: 116) lösen konnte: „Der Ausbau des Wohlfahrtsstaates, die Erhöhung des Lebensstandards, die massive Bildungsexpansion, die gestiegene Mobilität, die steigende Freizeit und die rasante Entwicklung des Dienstleistungssektors heben anscheinend die kulturellen Voraussetzungen sozialer Klassen, die angestammten sozial-moralischen Milieus und die traditionellen Geschlechterverhältnisse auf. Mit verbessertem Lebensstandard, weitgehender sozialer Sicherheit und neuartigen Lebenschancen verlieren klassenkulturelle Identitäten, ständisch- konventionelle Lebenswege und kollektive Sinnquellen an Bedeutung“ (Schwier o. J.).

Die fortschreitende Modernisierung hatte zur Folge, dass sich sich die Individuen aus den strukturell vorgegebenen Zwänge herauslösen konnten und dabei die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten im Lebenslauf sowie die Handlungsoptionen vor allem im Privatleben deutlich zugenommen haben (vgl. Schneider et al. 2002 b: 29 f.; Beck 1991: 18).

Nach dem Verständnis der Individualisierungsthese hat der Individualisierungsprozess die Voraussetzungen für die Ausgestaltung einer Vielfalt von Lebensformen geschaffen: sowohl hinsichtlich der Partnerschaftsformen als auch der Formen des Zusammenlebens mit dem Partner oder der Familie (vgl. Müller 2010: 95).

2.1.2 Enttraditionalisierungsprozesse führen zu Wahlbiografien

Im Konzept der Individualisierung wird angenommen, dass in der postmodernen Gesellschaft Enttraditionalisierungsprozesse stattgefunden haben (vgl. Meuser 1998 in Keddi 2003: 59), die sich in einer zunehmenden individuellen Wahl- und Entscheidungsfreiheit, in der Flexibilität des Lebenslaufes und einer Pluralisierung der Lebensformen ausdrücken. Der Einzelne kann sich von gesellschaftlichen Normen lösen und sein Leben in einem erweiterten Raum gesellschaftlicher Strukturen individuell gestalten (vgl. Diezinger 1991: 18 in Keddi 2003: 59). In einer Gesellschaft, in der keine kollektiven Regeln und strukturellen Zwänge hinsichtlich der Lebensläufe mehr zu befolgen sind, steht jeder Einzelne vor der Aufgabe, sich seine „private Welt“ (Schneider et al. 2002 b: 30) selbst zu erschaffen und dabei für sich und seine Familie individuell Werte, Grenzen und Routinen (vgl. ebd.) festzulegen.

Für beide Geschlechter bedeuten diese Veränderungen eine zunehmende Auflösung der geschlechtstypisch standardisierten Normalbiografien5 hin zu einer Wahlbiografie (vgl. Keddi 2003: 51, 60). Die Wahlbiografien sind durch die Erweiterung der individuellen Möglichkeiten der Lebensgestaltung geprägt (vgl. Beck 1986: 216), die der Wandel in der Gesellschaft mit sich gebracht hat: für die Frauen bedeutet die Individualisierung, dass sie aus der ihr zugeschriebenen Rolle der Hausfrau und Mutter heraustreten können6 und wie die Männer hinsichtlich ihres Berufslebens und der Gestaltung ihrer Biografie mehr Gestaltungsfreiheit haben (vgl. ebd.: 171ff.). Während Frauen jedoch nun zwei Lebensbereiche miteinander verbinden können bzw. müssen, nämlich Beruf und Familie (vgl. Müller 2010: 98), bleibt den Männern weiterhin vorbehalten, sich fast ausschließlich auf das Berufsleben konzentrieren können (vgl. ebd.). Demnach sind weibliche Lebensläufe weniger kontinuierlich und komplizierter als männliche Biografien (vgl. Dausien 1996: 57 in Müller 2010: 98): Frauen streben zunehmend danach, selbst erwerbstätig zu sein und auch nach einer Familienphase, in der sie sich um das Kind/die Kinder kümmern, zu bleiben. Dabei erfolgt der Wechsel zwischen den einzelnen Phasen (Familienphase - Erwerbstätigkeit) immer schneller (vgl. Huinink 2008), während Lebensformen, die eine Erwerbstätigkeit beider Partner ausschließen würden, für viele Personen unattraktiv geworden sind (vgl. ebd.).

Die Individualisierungsprozesse haben, ebenso wie ökonomische Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt (vgl. Keddi 2003: 62), in der Gesellschaft zu einer „Pluralisierung7 der Lebensformen“ geführt. Es ist eine Vielfalt an Paarbeziehungs- und Lebensformen entstanden (vgl. ebd.; Keddi 2003: 93), die, so eine interessante Erkenntnis der Forschung, in bestimmten Altersgruppen oder Lebensphasen dominanter ist als in anderen (vgl. Wagner 2008: 110). Demnach ist die Heterogenität von Lebensformen vor allem bei jüngeren Menschen (vgl. Bien 1996 in Keddi 2003: 93) und in den Großstädten zu beobachten: hier sind Singlehaushalte und andere neue Lebensformen verbreiteter als in ländlichen Regionen. Nach Schneider et al. (vgl. 2002 b: 29) hängt die Pluralisierung der Lebensformen auch vom Grad der Urbanisierung ab.

Der gesellschaftliche Wandel zeichnet sich unter anderem durch ein Ansteigen der Scheidungsraten, nicht-ehelicher Partnerschaften, vermehrtes Single-Dasein sowie neue Formen des Zusammenlebens aus (vgl. Hill / Kopp 2006: 314). Zudem lebt eine zunehmende Anzahl von jungen Menschen nach ihrem Auszug aus dem Elternhaus allein oder unverheiratet mit einem Partner in einem eigenen Haushalt (vgl. Keddi 2003: 93).

2.2 Modernisierungsprozesse in der Gesellschaft

2.2.1 Bildungsexpansion

Der zunehmende Bedarf an Bildung aufgrund technischen Fortschritts und der daraufhin erfolgte Ausbau von Schulen und Hochschulen seit den 1950er Jahren, infolgedessen immer mehr Menschen einen mittleren oder höheren Bildungsabschluss erhalten haben, wird als Bildungsexpansion bezeichnet (vgl. Geißler 2008: 274, 279). Die zunehmende Höherqualifizierung der Bevölkerung, die auch die Frauen einschließt, hat das soziale Leben der Gesellschaft maßgeblich beeinflusst und verändert (ebd.: 279):

So hat der Zugang zu einer höheren Bildung zu mehr Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit der Frauen gegenüber den Männern geführt (vgl. Beck-Gernsheim 2010: 10). Durch das gestiegene Bildungsniveau und die Berufsqualifizierung der Frauen und die damit zunehmende Erwerbstätigkeit ist die Versorger- bzw. Hausfrauenehe, die bis in die 1980er eine verbreitete Lebensform war, kein gängiges Modell der modernen Gesellschaft mehr (vgl. Burkart 1997: 89; Keddi 2003: 26). Indem die Frauen nun selbst erwerbstätig wurden, waren sie nicht mehr auf eine Heirat angewiesen, um nach dem Auszug bei den Eltern finanziell abgesichert zu sein. Damit haben die „Ehe und Familie als Versorgungsinstanz und als ausschließlich biografischer Rahmen für Frauen“ an Bedeutung verloren (Beck-Gernsheim 1992 in Keddi 2003: 27). Ihnen eröffneten sich Optionen, ihr Leben individuell zu gestalten und eigenen Bestrebungen nachzugehen. Sie erlangten durch ihre berufliche Tätigkeit ökonomische Unabhängigkeit (vgl. Keddi 2003: 27), die wiederum zu mehr Selbstbewusstsein und dem Anspruch auf Eigenständigkeit in der Lebensgestaltung (vgl. ebd.) führte.

Eine weitere Folge der Bildungsexpansion ist, dass sich die Ausbildungszeiten der jungen Menschen verlängert haben. Dadurch hat sich wiederum der Zeitpunkt zur Gründung einer eigenen Familie verschoben: Das durchschnittliche Heiratsalter bei Frauen lag im Jahr 2005 bei 29,6 Jahren, bei Männern bei 32,6 Jahren (vgl. Peuckert 2007: 40 in Hradil / Masson 2008: 206). Die längeren Ausbildungszeiten und damit das höhere Einstiegsalter in den Beruf werden als Gründe für das zunehmende Heiratsalter angesehen (vgl. Hradil / Masson 2008: 206).

Zudem ist es durch die Bildungsexpansion immer mehr Menschen möglich geworden, in höhere berufliche Positionen zu gelangen und damit ein höheres Einkommen zu erzielen. Insoweit sind mehr Menschen in der Lage, einen eigenen Haushalt zu finanzieren und damit unabhängig von einem Partner zu leben. Gleichzeitig werden mit den besseren Chancen, in eine höhere Berufsposition zu gelangen, neue Anforderungen an die Arbeitnehmer gestellt, die Auswirkungen auf die Partnerschaft bzw. auf das Familienleben des Einzelnen haben: Flexibilität und Mobilitätsbereitschaft sind die häufigsten Anforderungen an den modernen Arbeitnehmer.

2.2.2 Auswirkungen der berufsbedingten Mobilität auf Paarbeziehungen

Mit der Auflösung nationalstaatlicher Grenzen, durch den wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Strukturwandel und den technologischen Fortschritt hat die beruflich induzierte Mobilität zugenommen (vgl. Schneider et al. 2002 b: 22). Von den Arbeitnehmern wird erwartet, dass sie anpassungsfähig und mobilitätsbereit sind (ebd.: 13). Obwohl es Mobilitätserfordernisse, die durch den Beruf bedingt sind, schon immer8 gegeben hat, haben das Ausmaß, die Intensität, aber auch die Anlässe beruflicher Mobilität in den vergangenen Jahren stark zugenommen (vgl. ebd.: 23). Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig (vgl. Schneider et al. 2002 a: 23 f.):

Die zunehmende berufsbedingte Mobilität hat Auswirkungen auf Paare und Familien. Während in den 1950er bis 1970er Jahren Berufsmobilität mit Umzugsmobilität gleichzusetzen war und bei einem beruflichen Wechsel die gesamte Familie mit dem Mann umzog, hat sich die Berufsmobilität im ausgehenden 20. Jahrhundert verändert: Da mit der Emanzipation und dem gestiegenen Bildungsniveau immer mehr Frauen einem Beruf nachgehen und vor allem Akademikerinnen sich eine eigene berufliche Karriere aufbauen wollen, haben sich neue Formen beruflicher Mobilität gebildet. Sind beide Partner beruflich ambitioniert, kommt es nicht selten vor, dass der eine Partner, bei einem berufsbedingten Ortswechsel des Anderen, einen Umzug verweigert, um einen Schaden in der eigenen Karriere zu vermeiden (vgl. ebd.). Auch in Partnerschaften mit Kindern werden die klassischen Familienumzüge vermieden, stattdessen werden bei Berufsmobilen andere Möglichkeiten in Betracht gezogen: tägliches Pendeln, Wochenend- oder Fernpendeln (vgl. ebd.). Sind beide Partner karriereorientiert, ist der Beruf selten mit der Familie zu vereinbaren. Nach Schneider et al. (vgl. ebd.) sind vor allem mobile Frauen kinderlos.

Während unter Mobilität zunächst die räumliche9 oder soziale10 Mobilität verstanden wurde, ist der Bedeutungsgehalt der modernen Mobilität nach Schneider et al. (vgl. 2002 b: 25) weitaus umfangreicher geworden. Die moderne Mobilität hat zur Entstehung vielfältiger mobiler Lebensformen geführt. Mobil zu sein, bedeutet, offen, mobil und flexibel zu sein, und darüber hinaus stets für den Arbeitgeber verfügbar zu sein (vgl. ebd.: 24). Doch diese Anforderungen an die Arbeitnehmer haben zwangsläufig Auswirkung auf das Privatleben und auf die sozialen Kontakte. Aus diesem Grund sprechen Schneider et al. (vgl. 2002 a: 16) davon, dass die moderne Berufsmobilität eine neue „Dimension erhalten“ habe: die Integration der beruflichen Mobilitätserfordernisse in das Privatleben und in die Familie (vgl. ebd.). Wie schwierig diese Integration ist, zeige sich daran, dass es immer weniger Menschen schaffen, Karriere und Familie zu vereinbaren (vgl. ebd.).

Zwar ist die berufliche Kontinuität in Deutschland derzeit noch die Regel, wie eine Online- Umfrage des Karriereportals Monster 2007 (Monster 2007; vgl. auch Eichhorst et al. 2009b: 56) zeigt: 45 Prozent von 3.882 Arbeitnehmern arbeiten nach eigenen Angaben bereits fünf Jahre im selben Job. Zukünftig erwarten Schneider et al. (2002 b) jedoch, dass „traditionelle Arbeitsverhältnisse fortschreitend durch diskontinuierliche Erwerbsbiografien mit hohen Anforderungen an Flexibilität und Mobilität abgelöst werden“ (ebd.: 19). Die berufsbedingte Mobilität setzt häufig die Bereitschaft der räumlichen Mobilität voraus bzw. macht diese erforderlich. Denn nicht selten befindet sich ein neuer Arbeitsplatz an einem anderen Ort oder in einer anderen Region.

Die Bereitschaft zur Mobilität steigt bei Personen mit hohem Bildungsgrad und sinkt mit steigendem Alter und zunehmender Haushaltsgröße (vgl. Limmer 2005: 104; Schneider et al. 2002 b: 37). Ferner sind Arbeitnehmer, die heimatverbunden sind und eine hohe Familienorientiertung aufweisen, weniger mobil (vgl. Limmer 2005: 104, Schneider et al. 2002 b: 20).

2.2.3 Juristische Veränderungen

Das Frauenbild war bis in die 1970er Jahre auch vor dem Gesetz davon geprägt, dass die Frauen „Dienerinnen der Familie“ (Beck-Gernsheim 2010: 10) seien und eine Erwerbstätigkeit für verheiratete Frauen vom Ehemann genehmigt werden musste. Seit der Reform des Gesetzes, können Frauen selbstbestimmter über ihr Leben entscheiden und einem eigenen Beruf nachgehen.

2.2.4 Neue Wege der Partnersuche

Nach Burkart findet Paarbildung dort statt, „wo sich Menschen treffen“ (1997: 60). Begünstigt wird sie, wenn die Menschen regelmäßig in Kontakt kommen, also vor allem in der Nachbarschaft, im Bildungssystem und am Arbeitsplatz oder bei Freizeitaktivitäten (ebd.).

Eine neue Form der Partnersuche ist die der Partnersuche im Internet. Durch zahlreiche Singlebörsen ist es nun möglich, in Kontakt mit Menschen zu kommen, denen man im realen Leben möglicherweise nie begegnet wäre. Mit dieser neuen Form der Partnersuche hat sich nicht nur der Markt potentieller Partner erweitert: Auch der Ort, an dem der Partner wohnt, kann nun hunderte oder gar tausende Kilometer vom eigenen Wohnort entfernt sein. Oft resultieren daraus Partnerschaften auf Distanz.

2.2.5 Technologieentwicklung & Geld

Durch die Entwicklung der Kommunikationstechnologie ist es den Paaren nun möglich, für wenig Geld regelmäßig miteinander zu kommunizieren. Telefon und Internet sind bezahlbar geworden und lassen es zu, dass Paare über tausende Kilometer Entfernung Kontakt miteinander halten und sich über Webcams sogar sehen können. Statt Briefe zu schreiben, die früher oft wochenlang unterwegs waren, erreichen E-Mails eine Person innerhalb von Sekunden - sogar dann, wenn er sich in einem Land mit schlechter Infrastruktur befindet.

Auch das Reisen ist mittlerweile zu einem komfortableren und relativ preiswerten Vergnügen geworden: ein Hin- und Rückflug von Berlin nach Paris kostet heute beispielsweise nur noch 64 Euro11.

Mit diesen technologischen und bezahlbar gewordenen Errungenschaften ist es Paaren möglich geworden, in getrennten Haushalten in verschiedenen Orten oder Ländern zu leben und dennoch ihre Beziehung aufrechtzuerhalten.

2.2.6 Zusammenfassung: Entstehungskontext für Distanzbeziehungen

Die Veränderungen, die in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen stattgefunden haben, können als Erklärung für die Entstehung dieser neuen Form von Partnerschaft dienen. Der Individualisierungsschub hat zu neuen Wahlmöglichkeiten und Entscheidungsspielräumen geführt (vgl. Beck-Gernsheim 2010: 26). In zwei Jugendgenerationen („Achtundsechziger“ und „Bildungsexpansion“ (Burkart 1997: 90)) hat sich ein Wandel in der Gesellschaft vollzogen, der nachhaltige Auswirkungen auf spätere Generationen hatte. Die Haltungen hinsichtlich Sexualität, Partnerschaft und Ehe haben mit der Studenten- und Frauenbewegung in den 1960er Jahren den Grundstein gelegt, juristische Änderungen hinsichtlich Kuppelei, Scheidung und Abtreibung (vgl. Burkart 1997: 90) führten zu einer Legitimität des Wandels. Die zunehmende Bildungsbeteiligung der Frauen haben den Arbeitsmarkt und damit die Chancen der Frauen, ökonomisch unabhängig zu leben, verändert.

Das traditionelle, bürgerliche Leitbild der „Normalfamilie“ ist für viele Menschen im 21. Jahrhundert kein Ideal mehr (vgl. Beck-Gernsheim 2010: 17).

Diese Veränderungen haben es Paaren in der modernen Gesellschaft ermöglicht, individuell zu entscheiden, in welcher Form sie ihre Partnerschaft leben wollen und gleichzeitig ihre eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen. Dazu gehört auch, sich für eine Distanzbeziehung zu entscheiden, wenn es der berufliche Ehrgeiz oder persönliche Ideale und Werte erfordern.

2.3 Der Begriff des Alltags

Im täglichen Leben wird der Begriff Alltag als Routine oder als , das Gewöhnliche ‘ begriffen, als etwas, das im Tagesverlauf immer wieder vorkommt (vgl. Müller 2010: 75). Seit den 1970er beschäftigen sich zahlreiche Forschungsdisziplinen (u. a. die Soziologie, Volkskunde, Geschichts-, Sprachwissenschaften und auch Psychologie; vgl. Krotz / Thomas 2007: 34) mit dem Konzept des „Alltags“. Anregungen für spätere Publikationen haben insbesondere die Überlegungen des Soziologen Norbert Elias gegeben, der das Alltagskonzept in seinem 1978 erschienen Aufsatz „Zum Begriff des Alltags“ diskutierte. Alltag ist nach Elias ein zivilisatorisches Phänomen, das nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern mit der „Struktur der Gesamtgesellschaft und mit dem langfristigen sozialen Wandel (der Modernisierung, dem Prozess der Zivilisation) in Verbindung“ (Elias 1978: 24) steht. Elias unterscheidet zwischen „Alltag“ und „Nicht-Alltag“ (vgl. ebd.: 26), die er gegenüberstellt (vgl. ebd.; vgl. auch Mörth 1991: 5): Für Norbert Elias stellt sich der Alltag als etwas dar, das im täglichen Leben eines Individuums stattfindet: das Zusammenleben mit der Familie, dem Nachgehen des Berufes. Tätigkeiten oder Situationen, die nicht bewusst ausgeführt bzw. durchlebt werden, sondern in das tägliche Leben integriert, und damit „Routine“ sind, entsprechen dem Alltag eines Menschen. Nicht-Alltag sind dagegen u. a. Festtage, öffentliches oder berufliches Leben, Großereignisse.

An diese Überlegungen knüpft Voß in seiner Konzeption des Alltagsbegriffs an, wenn er drei abstrakte Dimensionen von Alltag beschreibt (vgl. 2000: 33):

1. Alltag als Handlungsmodus: Alltag wird als normales, gewöhnliches Tun beschrieben, dass sich von dem Handeln an Sonn- oder Feiertagen absetzt. Die Tätigkeiten sind konkret, praktisch sowie pragmatisch und verlaufen eher teil- bzw. unbewusst und unreflektiert.
2. Alltag als Sozialmodus (vgl. ebd.: 34, Müller 2010: 75): In diesem Sinne bewirkt Alltag eine soziale Inklusion und Exklusion. Vertraute Menschen begleiten das Individuum ständig im Alltag, Menschen in einem gewohnten Umfeld verbindet ein „Wir-Gefühl“. Fremde, also nicht zur eigenen Gruppe, zur eigenen Schicht gehörende Menschen, die ärmer, reicher, sozial niedriger oder höher sind, hingegen gehören nicht zum „normalen Alltag“ (Voß 2000: 34).
3. Alltag als Modus des Welterlebens (ebd. 34f.): Demnach wird dem Alltag alles zugerechnet, was dem eigenen Leben zugeschrieben wird. Der Alltag ist „die fiktive Gesamtheit und Ganzheit unseres Lebensrahmens, eben unserer ,Welt‘“ (ebd.: 34, Hervorhebung im Original).

Der Alltagsbegriff umfasst somit die Dimensionen gewöhnliches Handeln und Deuten, die soziale Verortung eines Individuums sowie das allgemeine Erleben der eigenen Welt (vgl. ebd.: 35). Es geht um das routinierte Tun eines Menschen, das individuell verschieden ist. Die Routine im täglichen Leben eines Menschen hat eine zentrale Bedeutung, wenn von „Alltagshandeln“ gesprochen wird.

2.3.1 Der „Alltag“ in der modernen Gesellschaft

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Einteilung der täglich verfügbaren Zeit durch gesellschaftliche Differenzierungs- und Flexibilisierungsprozesse einen Bedeutungswandel erfahren (vgl. Weißbrodt 2005: 280; Klenner et al. 2002: 1).

Der Tagesablauf eines Menschen ist zeitlich strukturiert (vgl. Klenner et al. 2002: 1), wobei diese Zeitstrukturen gesellschaftlich oder physiologisch (vgl. ebd.) geprägt sind: Physiologisch bedingte Strukturen sind der Schlafbedarf eines Individuums und seine Nahrungsaufnahme, sozial bedingte Zeitstrukturen sind Arbeitszeiten, Öffnungszeiten von Läden und Behörden, Medienzeiten (vgl. ebd.) sowie von anderen Institutionen abhängige Freizeitaktivitäten (Vereinssportarten, Musikschule). Eine große Rolle spielt im Hinblick auf die Zeitstrukturierung auch der „Wechsel von Arbeitswoche und Wochenende“ (ebd.).

Während viele Aktivitäten in der Vergangenheit von der Tages- bzw- Uhrzeit bestimmt wurden, sind sie heute nicht mehr an bestimmte Zeiten gebunden: So zum Beispiel das Einkaufen, das in manchen Geschäften 365 Tage im Jahr sogar rund um die Uhr möglich (vgl. Weißbrodt 2005: 280). In vielen Haushalten spielt auch das Fernsehen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des Alltags: während die Sendezeit noch bis Ende der 1980er Jahre auf bestimmte Tageszeiten beschränkt war, stehen die Sendungen heutzutage ebenfalls täglich 24 Stunden zur Verfügung steht. Technologische Fortschritte haben die Möglichkeiten, sich zu beschäftigen, vervielfältigt: das Internet bietet einen großen Aktivitätsraum im Privaten, das Telefonieren ist günstig und fast auf der ganzen Welt möglich, Entfernungen sind mit Auto, Bahn oder Flugzeug leicht zu überbrücken. Die zunehmende Flexibilisierung der Arbeitszeit seit den 1990er Jahren (vgl. Klenner et al. 2002:

1) haben ebenfalls Veränderungen in den zeitlichen Strukturen der Individuen zur Folge gehabt. Feste Arbeitszeiten von 8.00 Uhr bis 16.00 Uhr und eine 5-Tage-Woche (Normalarbeitszeit) sind in der modernen Gesellschaft nur noch ein Arbeitszeitmodell von vielen: Schichtarbeit, Gleitzeit sowie variable Arbeitszeiten auch am Wochenende und am Abend nehmen zu (vgl. ebd.).

Obwohl ein Individuum seinen Alltag frei gestalten kann, wird sein Handeln von verschiedenen Faktoren und deren Ausprägung beeinflusst: der Alltag ist, so das Fazit von Alltagsforschern, die ihre Forschung subjekt- oder tätigkeitsbezogen ausrichten, „schicht-, generations-, geschlechts- und milieuspezifisch“ (Krotz / Thomas 2007: 36) geprägt. Kulturelle wie gesellschaftliche Bedingungen müssen mit den Bedürfnissen des Individuums vereinbart werden (vgl. ebd.: 39; Müller 2010: 77).

Wenn gesellschaftlich geprägtes Alltagshandeln betrachtet wird, muss eine Differenzierung in Arbeitsalltag und Freizeitalltag sowie den Übergängen zwischen diesen beiden Phasen vorgenommen werden (vgl. ebd.). Während der Arbeitsalltag in der Regel festen Strukturen folgt und in Aufgabenbereiche unterteilt ist, kann die Freizeit freier gestaltet werden (ebd.).

In der vorliegenden Arbeit wird der Freizeitalltag betrachtet, da angenommen wird, dass die Paare ihre gemeinsame Zeit in der Freizeit verbringen, sofern sie nicht zusammenleben.

2.3.2 Alltagsgestaltung bei Paaren

Da nachfolgend die gemeinsame Alltagsgestaltung der Paare untersucht werden soll, muss der Fokus also auf die regelmäßigen, routinierten Handlungen liegen, die die Paare habitualisiert haben. Um den gemeinsamen Alltag der Paare analysieren zu können, ist es notwendig, die jeweiligen Lebensbedingungen12 und die beziehungsbiografischen Erfahrungen der Paare zu analysieren.

Der Alltag von Paaren, die keinen gemeinsamen Haushalt teilen, ist zeitlich sehr viel eingeschränkter als der von zusammenlebenden Paaren. Er ist auf einige Stunden oder Tage am Wochenende oder am Abend reduziert, Fahrtzeiten zum Partner und zurück zur eigenen Wohnung minimieren die gemeinsame Zeit.

Die Intensität der gemeinsamen Alltagsgestaltung hängt nicht unbedingt davon ab, ob Paare zusammenleben oder nicht. Rein objektiv betrachtet, ist die gemeinsame Zeit und damit die Möglichkeit, den Alltag zu gestalten, bei normalen Paaren aufgrund ihrer gemeinsamen Wohnung höher als bei LAT-Paaren. Doch mehr Zeit miteinander verbringen zu können bedeutet nicht unbedingt, dass die normalen Paare tatsächlich viel Zeit miteinander verbringen. Hier spielen weitere Faktoren eine wichtige Rolle: der Beruf beispielsweise. Wenn der eine Partner beispielsweise sehr berufsorientiert ist und einen langen Arbeitsalltag hat, kann sich das tägliche Miteinander auf wenige Augenblicke beschränken. Auch zeitaufwendige Freizeitaktivitäten wie Sport, ein Hobby oder Medienkonsum, die von beiden Partnern getrennt verfolgt werden, reduzieren die Zeit, die einem normalen Paar zur Verfügung steht.

2.3.3 Zeitliche Abstimmung für einen gemeinsamen Alltag

Die wichtigste Voraussetzung, um einen gemeinsamen Alltag zu entwickeln, ist, nach Klenner et al., zeitgleich an einem Ort zu sein (vgl. 2002: 144). Dazu müssen sich die Paare hinsichtlich ihrer Arbeitszeiten und ihrer Freizeitaktivitäten abstimmen und „gegenseitig berücksichtigen“ (vgl. ebd.). Je mehr Lebensbereiche miteinander vereinbart werden müssen, desto komplexer wird die Koordination. Da die Erwerbstätigkeit der Frauen in den vergangenen Jahren zugenommen hat, ist die Organisation der Zeit von Paaren oder Familien komplexer geworden. Dabei nimmt neben Beruf, Partnerschaft und Familie auch die Freizeitgestaltung eine größere Rolle ein. Die zeitlichen Kapazitäten, die dem Individuum frei zur Verfügung stehen, sind innerhalb der modernen Gesellschaft oft stark eingeschränkt.

Um regelmäßig gemeinsam Zeit miteinander verbringen zu können, ist es erforderlich, dass die Paare fähig und bereit dazu sind, sich zeitlich zu organisieren und dabei nicht nur ihre eigenen, sondern auch die zeitlichen Tagesstrukturen (Schlafen, Arbeiten und Essen) des Partners im Blick zu haben (vgl. ebd.: 1, 147). Somit ist zu vermuten, dass die zeitliche Abstimmung nicht nur bei LAT-Paaren wichtig ist, sondern auch bei normalen Paaren.

2.4 Partnerschaft in der modernen Gesellschaft

2.4.1 Notwendigkeit: Betrachtung des modernen Verständnisses von Partnerschaft

Auch der Partnerschafts- und der Paarbegriff soll an dieser Stelle betrachtet werden, da Definitionen aus früheren Generationen nicht mehr die Wirklichkeit abbilden. Nach BeckGernsheim stimmen die „gewohnten Begriffe nicht mehr“ mit dem „Lebensgefühl und die Lebenswirklichkeit der jüngeren Generationen“ (2010: 18 f.) überein:

Nach Beck-Gernsheim werde beispielsweise der Begriff „Alleinstehender“ in der amtlichen Statistik noch immer aufgeführt, obwohl dieser Begriff heutzutage nicht mehr aussagekräftig sei: ,Alleinstehend‘ (Synonym: ,Single‘ (vgl. Hradil 1995: 6)) bedeutet nicht mehr, dass jemand, der alleine lebt, keinen Partner hat. Ein Alleinstehender könne durchaus in einer festen Beziehung leben, ohne mit seinem Partner einen Haushalt zu teilen (vgl. Beck- Gernsheim 2010: 19).

2.4.2 Entwicklung einer Partnerschaft

Die Entwicklung einer Partnerschaft ist ein progressiver Prozess13, der durch Interaktion (vgl. Kaufmann 2005: 71, 77; Hill / Kopp 2006: 168 f.) ermöglicht wird. Ob eine Partnerschaft langfristig bestehen kann und stabil ist, hängt von mehreren Faktoren ab: „In der modernen Gesellschaft ist die Partnerwahl ein kontinuierlicher Prozess, an dessen Anfang keineswegs sicher ist, dass man einen Partner fürs Leben oder auch nur für längere Zeit findet“ (Hill / Kopp 2006: 169).

Wenn eine Beziehung mindestens ein Jahr andauert, wird sie im Allgemeinen als eine „feste“ Partnerschaft bezeichnet (vgl. Brüderl / Klein 2002: 4). Allerdings ist diese Zahl eher willkürlich gewählt, so dass sie nichts weiter ist als ein möglicher Hinweis auf die Stabilität einer Beziehung.

Andauernde Interaktion zwischen beiden Partnern in einer Partnerschaft ist eine wichtige Komponente, die, wenn sie erfolgreich ist, eine Beziehung erhält, oder nicht, was zum Beziehungsabbruch führt (vgl. ebd.). Wie soziologische Beobachtungen zeigen, werden die Bereiche, in denen die Paare interagieren, „inhaltlich sukzessive ausgeweitet“ (ebd.).

Nach Hill und Kopp (2006: 169 f.) zeichnen sich stabile Partnerschaften durch Investitionen aus, die die Paare bereit waren und sind, zu investieren. Als Investitionen werden materielle oder soziale Güter sowie Verhaltensanpassungen und emotionale Unterstützung bezeichnet. Sie nehmen im Verlauf der Partnerschaft zu, wobei Rückschläge oder Stagnation durchaus als normal angesehen werden. Dennoch ist die Investition in eine Partnerschaft ein wichtiger Indikator „für die Fortführung und die Stabilität einer Beziehung“ (ebd.: 170).

Individuen in einer Partnerschaft definieren sich nach Burkart (1997: 49 f.) „gemeinsam“, was bedeutet, dass beide Partner einen Teil ihrer Individualität aufgeben und sich nach Außen als eine Einheit zeigen. Unterschieden werden unterschiedliche „Grade der Individualität oder der Autonomie“ (ebd.: 50) innerhalb in einer Partnerschaft. Je nachdem, welches Partnerschaftsideal vorliegt, sind die Grade der Autonomie oder der Individualität jedes einzelnen Partners unterschiedlich.

Zu einer Partnerschaft gehört es auch, dass „in einem Kommunikations- und Verhandlungsprozess eine gemeinsame Sicht“14 (Hill / Kopp 2006: 171) und gemeinsame Zielvorstellungen (vgl. ebd.) geschaffen werden. Partner entwickeln gemeinsame Regeln, um miteinander umzugehen, um Konflikte zu vermeiden bzw. zu lösen (vgl. ebd.).

[...]


1 Der Begriff „Lebensform“ bezeichnet in den Sozialwissenschaften einen „Oberbegriff zur Beschreibung vielfältiger Formen der Lebensund Beziehungsgestaltung“ (Asendorpf 2008: 4): z. B. Alleinlebende, Paare, Alleinerziehende (vgl. Hradil 1995: 5). Die Versuche, den Begriff Lebensformen zu definieren, sind jedoch noch nicht abgeschlossen (vgl. Wagner 2008: 100): Die Ansätze sind heterogen und reichen von engen hin zu weitergefassten Definitionen. In der vorliegenden Arbeit wird die Auffassung geteilt, dass Lebensformen „allgemein mit Formen des Alleinlebens oder Zusammenlebens (mit oder ohne Kinder) beschrieben werden“ können (Niemeyer / Voit 1995: 437 in: Wagner 2008: 101). Zur Differenzierung der Lebensformen vgl. Wagner (2008).

2 „Kinderlos“ bezieht sich in der vorliegenden Arbeit auf die Haushalte. Um eine Vergleichbarkeit zu ermöglichen, wurde festgelegt, dass nur Gesprächspartner in Frage kommen, in deren Haushalten keine Kinder leben.

3 In der vorliegenden Arbeit werden kinderlose Paare betrachtet, weil diese Paare unabhängig von ihrer Wohnform häufig soziodemographische Gemeinsamkeiten aufweisen, die eine Vergleichbarkeit gut ermöglichen: sie verfügen über eine höhere Schulbildung, über ein höheres Einkommen und sind häufig Doppelverdiener-Haushalte (vgl. Langfeld 2003: 86). Zudem ist es einfacher gewesen, Paare ohne Kinder für ein Interview zu gewinnen: Ein Blick in meinen weiteren Bekanntenkreis hat gezeigt, dass die Suche nach Interviewpartnern schwierig würde, da keines der mir bekannten, getrennt lebenden Paare Kinder hat.

4 Die Individualisierungsthese ist trotz großflächiger Rezeption unter anderem umstritten, weil es kein universelles Phänomen sei, das auf die gesamte postmoderne Gesellschaft zutreffen würde (vgl. Keddi 60), sondern nur auf „individualisierte Milieus und (...) privilegierten Gruppen“ angewendet werden könnte. Die Individualisierung sei deshalb eher eine segmentierte denn eine universale (vgl. ebd.). Zudem werde von der Individualisierungstheorie der Einfluss von Strukturen unterschätzt: so wirkten sich regionale Arbeitsstrukturen, Möglichkeiten zur Bildung und Qualifizierung sowie Betreuungsangebote für die Kinder in unterschiedlichem Maße auf die Gelegenheitsstrukturen und somit auf die Entwicklungsperspektiven von Individuen aus (vgl. ebd. 78, 80f.). Als Gelegenheitsstrukturen werden gesellschaftliche und soziale Rahmenbedingungen bezeichnet, die die Chancen und Gelegenheiten eines Individuum beeinflussen (vgl. Keddi 2003: 81). (Zu weiteren Kritikpunkten: vgl. ebd.: 60f., 78f.)

5 Unter einer Normalbiografie werden standardisierte Stationen in einem Lebenslauf verstanden, die von einem Großteil der Bevölkerung geteilt werden. Am Beispiel der Männer lassen sich folgende Stationen in einer Normalbiografie finden: Schule, Berufsausbildung, Erwerbstätigkeit bis zur Rente, Heirat, Familiengründung und Rente (vgl. Müller 2010: 95).

6 In der soziologischen Diskussion wird in diesem Zusammenhang allerdings auch von dem „weiblichen Individualisierungsprozess“ gesprochen, der besagt, dass Frauen ihre Biografie zwar frei bestimmen können - jedoch nur phasenweise: aufgrund schlechter institutioneller Bedingungen hinsichtlich der Kinderbetreuung müssen Frauen in Phasen der Mutterschaft teilweise in die weibliche Normalbiografie zurückkehren (vgl. Müller 2010: 95).

7 Zur Begriffsgeschichte vgl. Wagner / Franzmann 2000.

8 Schneider et al. (2002 a: 17 ff.; 2002 b: 14 ff.) bieten einen umfassenden Überblick über die Entwicklung der beruflichen Mobilität seit dem 19. Jahrhundert.

9 Räumliche Mobilität wird nach Schneider et al. (2002 b) als „Bewegung im Raum, die einen Wohnortwechsel impliziert“ (Albrecht 1972: 25 in ebd.: 25) bezeichnet und umfasst „alle Formen räumlicher Mobilität, bei denen wiederkehrend größere Distanzen überwunden werden, zumeist verbunden mit längeren Abwesenheiten vom Wohnort“ (ebd.: 25). Mobilität in diesem Verständnis „führt zur Entstehung „ mobiler Lebensformen “ (ebd.).

10 Soziale Mobilität wird als sozialer Auf-/Abstieg von Individuen innerhalb der Gesellschaft verstanden (vgl. Schneider et al. 2002 b: 25).

11 Flugabfrage am 01.11.2011: http://www.swoodoo.com/de/result/Berlin-Tegel-TXL/Paris-Orly-ORY/2012-02-04/0/2012-03-18/0

12 Unter „Lebensbedingungen“ werden nach Hradil (1995: 5) die „äußeren Rahmenbedingungen menschlicher Existenz“ bezeichnet, also beispielsweise „Einkommensverhältnisse, Wohn- und Arbeitsbedingungen“.

13 Hill und Kopp haben den Verlauf von Partnerschaften aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und dabei drei Dimensionen unterschieden: „(i) Die Struktur der Entscheidungen und die dyadische Verflechtung, (ii) die Investitionen in die Partnerschaft und (iii) das Commitment in eine Partnerschaft“ (Hill/Kopp 2006: 169f.).

14 Hill und Kopp bezeichnen diese Entwicklung in der Partnerschaft, in der eine Verbundenheit zwischen den Partnern entsteht und eine „gemeinsame Realität“ aufgebaut wird, als „Commitment“, als „das Gefühl, in eine Beziehung eingebunden zu sein“ (2006: 171).

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Alltag in Distanzbeziehungen und normalen Partnerschaften im Vergleich
Hochschule
FernUniversität Hagen  (KSW, Soziologie)
Autor
Jahr
2012
Seiten
65
Katalognummer
V206634
ISBN (eBook)
9783656338741
ISBN (Buch)
9783656339984
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Auszug aus Masterarbeit ohne Falldarstellungen
Schlagworte
Living apart together, normale Partnerschaften, Interviews, Soziologie
Arbeit zitieren
Denise Fritsch (Autor), 2012, Alltag in Distanzbeziehungen und normalen Partnerschaften im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206634

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