Macht als entscheidendes Moment im Melierdialog


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

14 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ausgangslage
2.1. Athen als überlegene Macht

3. Rechtsanspruch und Machtbestreben
3.1 Ablehnung des Rechts
3.2. Neutralität als Zeichen von Schwäche
3.3 Das Recht des Stärkeren

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

6. Bibliographie

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit hat den Melierdialog des Thukydides zum Gegenstand der Untersuchung und beschäftigt sich dabei besonders mit der Frage, wieso es zu keinem Kompromiss auf beiden Seiten kommen konnte.

Um dieser Frage sinnvoll nachgehen zu können, ist die Arbeit in zwei Teile gegliedert. Dabei soll der erste Teil die Ausgangslage skizzieren, die der eigentlichen Verhandlung vorausgeht und zugleich den Rahmen des Dialogs bildet. Ferner gilt es die jeweiligen Standpunkte der Athener und Melier zu untersuchen, um einen möglichen Zusammenhang mit dem Ausgang des Dialogs nachvollziehen zu können. Hierbei liegt der Fokus der Analyse auf den Aspekten der Macht und des Rechts, in denen sich beide Seiten unterscheiden.

Seine einzigartige, von Thukydides bewusst gewählte, Dialogform stellt den Melierdialog nicht nur rein rhetorisch in den Mittelpunkt des Werkes, sondern bildet dessen inhaltlichen Höhepunkt, indem er Einsichten in das Wesen der Menschen und des Staates gewährt. Den Anspruch, dass sein Werk „ein Besitztum für alle Zeiten“ sein soll, hat Thukydides mit dem Melierdialog insofern erfüllt, dass er anhand eines konkreten Beispiels in der Geschichte das Allgemeine behandelt und beschreibt ohne dabei für eine Seite Partei zu ergreifen oder gar seine eigene Meinung preiszugeben.

Auf Ursachen, die zu dem Feldzug der Athener gegen die Melier geführt haben könnten, wie etwa die Ansicht des Historikers Max Treu, dass Melos ein tributpflichtiges Mitglied des attischen Seebunds gewesen sei (Historia II, 1953/54, 253 ff.), kann in dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden, zumal diese für unsere Untersuchungen irrelevant sind.

2. Die Ausgangslage

Thukydides beginnt seine Darstellung mit einer kurzen Einführung, in der er die Umstände erwähnt, unter denen die Athener die Insel Melos belagerten.

Der Grund ihres Erscheinens lässt sich erahnen, wenn man das große Aufgebot an Schiffen und Bewaffneten betrachtet, welches die Athener darboten:

mit einer Flotte von 30 eigenen Schiffen, 6 aus Chios und 2 aus Lesbos, mit einem Heer von 1200 eigenen Schwerbewaffneten, 300 Bogenschützen, 20 Reiterschützen und von Verbündeten und den Inseln ungefähr 1500 Schwerbewaffneten.[1]

Die Insel Melos, die hier als Gründung Spartas genannt wird, hatte sich bisher erfolgreich geweigert den Athenern Untertan zu sein und sollte nun deshalb unterworfen werden. Dass es bereits einen fehlgeschlagenen Feldzug unter Nikias im Jahre 426 gab, erfahren wir hierbei nicht, sondern lesen dies an viel früherer Stelle.[2] Mit der bewussten Exklusion dieser Information in der Einleitung des Melierdialogs, wollte Thukydides anscheinend die Neutralität von Melos verdeutlichen, die einen wichtigen Aspekt im Dialog selbst einnimmt. Etwaige Behauptungen, dass er auf diese Weise die geschichtlichen Fakten bewusst fälschte und seinem Wahrheitsanspruch demnach nicht nachkomme, sind insofern abzulehnen, da er uns erstens diese Information zuvor zukommen lässt und zweitens diese sicherlich erwähnt hätte, wenn sie für den Dialog relevant gewesen wäre.[3]

2.1. Athen als überlegene Macht

Bevor die Athener jedoch die Insel verwüsteten, schickten sie Gesandte zu Verhandlungen, die von den Meliern allerdings nicht vor das Volk geführt wurden, sondern vor den Behörden und dem Rat der Adligen sprachen. Offensichtlich lag es in Athens Interesse, das Volk der Melier zu überzeugen statt es vor vollendete Tatsachen zu stellen und in einen für beide Seiten mit Verlusten verbundenen Kampf einzugehen.[4] Ebenso lag es im Interesse der Melier, dass das Volk sich nicht von den Athenern verführen lasse, sodass die Verhandlung vor einigen wenigen Meliern stattfand, die sich zum Ziel gesetzt hatten ihre Neutralität nach wie vor zu bewahren.[5] Die Athener, die das Vorhaben der Melier durchschaut hatten, schlugen daraufhin geradezu ironisch vor, die Melier sollen ihre Antwort Punkt für Punkt geben und die Athener gleich unterbrechen, wenn ihnen etwas zuwider scheint:

„Da wir unsere Worte nicht an das Volk richten können, offenbar damit nicht die Menge in zusammenhängender Rede von uns manche verlockenden und unwiderstehlichen Dinge höre und sich dadurch täuschen lasse- denn das bedeutet doch, wir wissen es genau, unsere Ladung vor den Rat-, so verfahrt nun, ihr hier Versammelten, noch vorsichtiger: Antwortet auch ihr auf jeden einzelnen Punkt und nicht in Zusammenhängender Rede, sondern unterbrecht uns sofort, wenn euch etwas in unserer Rede unannehmbar scheint. Zunächst sagt also, ob euch unser Vorschlag gefällt.“[6]

Die Festlegung auf die Dialogform erfolgt also durch die Athener, die damit die Richtung angeben in die sich die Verhandlung bewegen soll. Ihre Überlegenheit diesbezüglich wird vor allem nach der Antwort der Melier deutlich, die ihrerseits versuchten die Verhandlung anzuführen, indem sie den Athenern vorwarfen, dass das scheinbare Widerspruchrecht, welches sie ihnen gewährten, eben nichts anderes sei als Schein:

Die Ratsherren der Melier antworteten: Gegen euren gerechten Vorschlag, einander in aller Ruhe zu überzeugen, haben wir nichts einzuwenden, doch scheinen die kriegerischen Rüstungen, die schon abgeschlossen sind und nicht erst drohen, damit nicht übereinzustimmen. Sehen wir euch

doch gekommen, selbst Richter zu sein über alles, was gesprochen werden wird. Und das Ende davon wird schließlich sein:: Siegen wir in dem Rechtsstreit und geben daher nicht nach, so droht uns Krieg, lassen wir uns aber von euch bereden, Knechtschaft.[7]

Die Athener drohten den Meliern daraufhin die Verhandlungen abzubrechen, wenn sie nicht bereit sind über die Rettung der Stadt zu beraten anstatt Vermutungen über die Zukunft zu äußern. Eingeschüchtert stimmten die Melier dem zu und erklärten sich bereit die Diskussion so fortzuführen wie die Athener dies wünschten

[...]


[1] Thukydides. Der Peloponnesische Krieg, Reclam, hrsg. Von H.Vrestka u. W. Rinner, Stuttgart, 2000. V (84)

[2] Das Vorhaben im Jahre 426 unter Nikias Kommando hatte als Grund ebenfalls die Kapitulation der Insel Melos und deren Unterwerfung. Da die Melier, trotz Verwüstung ihres Landes, nicht nachgaben, verließen die Athener die Insel wieder. Siehe Thukydides. Der Peloponnesische Krieg. III (91).

[3] Max Treu wirft Thukydides vor, er habe in dem geschichtlichen Rückblick unmittelbar vor dem Melierdialog und im Melierdialog selbst den Unterwerfungsversuch des Nikias unerwähnt gelassen und „durch dieses Schweigen die wirkliche Situation wesentlich verwandelt“ um eine „ideale Atmosphäre“ zu schaffen. Siehe Eberhardt, W. „Der Melierdialog und die Inschriften ATL A9 und (IG I² 63) und IG I² 97+.“ Historia 8 (1959) 284-314.

[4] Siehe Morrison, J.V. “Historical lessons in the Melian dialogue”, in: TAPA 130 (2000) 119-148. “We should recognize that, while the Athenians have the option of attacking and putting the city under siege, the very fact that they are talking at all implies that they would prefer to persuade the Melians.”. Dieses Nützlichkeitsdenken, welches den realpolitischen Ansatz der Athener hier bereits erahnen lässt, wird uns auch an späterer Stelle begegnen und beschäftigen.

[5] Ebenda. S.123.

[6] Thukydides. Der Peloponnesische Krieg. V (85).

[7] Ebenda. V (86).

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Macht als entscheidendes Moment im Melierdialog
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2.0
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V206647
ISBN (eBook)
9783656338680
ISBN (Buch)
9783656339571
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thukydides, Peloponnesischer Krieg, Athen, Sparta, Macht, Melierdialog, Recht des Stärkeren
Arbeit zitieren
Melek Dingil (Autor:in), 2010, Macht als entscheidendes Moment im Melierdialog, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206647

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