Der Schlaganfall und seine Folgen

Aus der Bahn geworfen


Fachbuch, 2012

99 Seiten


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Leseprobe

Inhalt

Die Sach-Informationen (Übersicht)

Vorwort

Teil I: Der Schlaganfall – Im Krankenhaus in Marbella und Kiel
1. Umgeworfen
2. Aufgefangen
3. Verlegt

Teil II: Die Rehabilitation – In Damp an der Ostsee
4. Aufgerichtet
5. Wechselbad der Gefühle
6. Ärztliche Untersuchungen; das Duschen
7. Die Therapie
8. Spaziergänge und Ausflüge
9. Freunde (1)
10. Psyche (1)
11. Planungen
12. Das Ende der Reha

Teil III: Wieder zu Hause
13. Eingerichtet
14. „Schnell“
15. Mentales
16. Die Sprache
17. Fortsetzung der Therapie
18. Freunde (2)
19. Papierkrieg um das liebe Geld
20. Psyche (2)
21. Aus der Bahn…
22. Auch ich…
23. Abgefunden?
24. Abgefunden

Die Sach-Informationen

1. Definition, Zahlen
2. Was ist bei einem Verdacht auf einen Schlaganfall zu tun?
3. Kopfschmerzen – und weitere Anzeichen für das Vorliegen eines Schlaganfalls
4. Brechreiz und Schluckstörungen
5. Klinische Untersuchungen bei Verdacht auf einen Schlaganfall
6. Entstehungsweise unterschiedlicher Infarkte
7. Sprachprobleme (1)
8. Fliegen nach dem Schlaganfall
9. Risikofaktoren
10. Warnzeichen – Hinweise auf einen möglichen, zukünftigen Infarkt
11. Spastik
12. Sprachprobleme (2)
13. Das Absetzen der Hormontablette
14. Neue Behandlungsmethoden
15. Umgestaltung der Wohnung zwecks häuslicher Pflege
16. Ergotherapie
17. Logopädie, Neuro
18. Akalkulie
19. Aufforderung
20. Sexualität
21. Thrombozytenfunktionshemmer / Blutverdünner

Vorwort

„Aus der Bahn geworfen“ - ein solcher Titel setzt voraus, dass es eine oder mehrere Bahnen gibt, in denen ein Leben zu verlaufen pflegt, und dass diese Bahnen bekannt, berechenbar und verlässlich sind.

Wenn man eine Bahn wechseln will, plant man üblicherweise sorgfältig vor, legt sich eine neue Bahn zurecht, vergleicht sie mit der alten, wägt ab, entscheidet sich und organisiert dann einen möglichst problemfreien Übergang.

Je sicherer sich ein Mensch in einem solchen System von Bahnen - die teilweise durch Herkunft, Beruf, Tradition, Gesetze etc. vorgegeben sind, teilweise von ihm selbst ausgewählt und eingerichtet wurden - geborgen fühlt, umso schlimmer trifft ihn der Schlaganfall, der ihn aus allen vertrauten Bahnen wirft, überfallartig, oft ohne jede Ankündigung. Und diese Aussage gilt nicht nur für den direkt Betroffenen, sondern ebenfalls (wenn auch in milderer Form) für seine Angehörigen und Freunde. Zuerst kämpft er darum, möglichst schnell in möglichst viele alte Bahnen zurückzukehren, doch bald wird ihm schmerzhaft bewusst, dass die einfache Rückkehr in viele Bereiche des Lebens nicht mehr möglich ist. Neue Bahnen müssen gegangen werden; an einigen kann er mitplanen, mitgestalten - und das sollte er auch mit ganzer Kraft tun - andere ergeben sich zwangsläufig, sind fremdbestimmt - er muss sie akzeptieren, und er tut gut daran, sich damit abzufinden, sich zu arrangieren, möglichst ohne Zorn.

Wer dieses Buch liest, gelesen hat, sollte die daraus gewonnenen Sekundär-Erfahrungen, Einsichten und Kenntnisse – so es denn solche gibt, gegeben hat – weiterreichen.

Wer selbst einen Schlaganfall erlebt oder ihn in seinem Verwandten- oder Bekanntenkreis miterlebt, kann Trost und Linderung aus dem Wissen ziehen, dass all das Schlimme, das ihm erst einmal einzigartig erscheint, auch schon von anderen, von Millionen seiner Mitbürger, durchlitten worden ist. Das macht den Schmerz (und die Wut) zwar nicht kleiner, relativiert ihn (und sie) aber doch ein Stück weit: Man ist Mitglied einer riesengroßen Leidensgemeinde - und an der Redewendung, geteiltes Leid sei halbes Leid, ist schon ein Körnchen Wahrheit.

Es ist wünschenswert, wenn möglichst viele gesunde Mitmenschen mehr Kenntnisse über den Schlaganfall erwerben. Vor allem die oft deutlichen Hinweise, Vorwarnungen sollte man kennen, sie ernst nehmen und dann gegebenenfalls seinen Lebenswandel umstellen. Dazu ist es notwendig, zu wissen, welche Verhaltensformen und Elemente im Alltag dazu beitragen, das Risiko eines Schlaganfalles zu erhöhen.

Zu diesem Zweck gibt es in diesem Buch, das ansonsten die erlebte, in vielem typische, Geschichte eines Schlaganfalles schildert, Informationen, die medizinische und andere Sach-Informationen enthalten. Der Autor ist kein Mediziner, er hat sich aber bemüht, die Informationen auf dem neuesten Stand zu haben, sie frei zu halten von populistischer Schönfärberei, wie sie in vielen Medien verbreitet ist, und so zu formulieren, dass der Leser, der auch nur im Ausnahmefall Mediziner sein wird, sie verstehen kann.

Möge das Buch dazu beitragen, das Elend, das der Schlagfall jährlich über hunderttausende Familien bringt, ein wenig zu mildern – oder sogar zu verhindern.

Horst Kai Klein, Marbella, im Winter 2012

Teil I: Der Schlaganfall

Im Krankenhaus in Marbella und Kiel

1. Umgeworfen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Südspanien, Frühling, blauer Himmel, Sonne...

Wie immer in den letzten Jahren waren wir in den Osterferien 1997 nach Marbella geflogen und hatten unsere Ferienwohnung belegt. Wir, das waren meine Frau Hella, 1943 geboren, also zu diesem Zeitpunkt 54 Jahre alt, unsere Tochter Katja, ihr Mann Norbert, ihre beiden Kinder Lena und M. - und ich. Es war Dienstag, der 25. März, der zweite Ferientag.

Am Tag vorher hatten wir uns eingerichtet, hatten Tennis gespielt, wobei sich Hella seltsam lustlos gezeigt hatte (war das schon ein Vorbote gewesen?) und waren abends mit Freunden essen gegangen - wie immer zu Ferienbeginn. Hella hatte einen guten Appetit bewiesen, von ihrer Portion Kaninchen war nichts übriggeblieben, der Wein hatte ebenso gut geschmeckt wie die drei Zigaretten.

Am Vormittag hatte ich Forellen zum Räuchern eingekauft, hatte in die Stadt hineinfahren müssen, weil unser Geschäft am Campingplatz merkwürdigerweise geschlossen war – die Lkw und die Angestellten hatten wegen der blockierten Straßen nicht ihren Arbeitsplatz erreichen können. Aber das war noch die kleinste Auswirkung dieser Verkehrskatastrophe, die der oben abgedruckte Zeitungsartikel schildert. Norbert hatte sein Marathontraining absolviert und lag nun mit den Kindern unten am Pool, ich hatte die Fische in Salzlake gelegt, Hella und Katja waren zum benachbarten Haus unserer Bremer Freunde, Ariane und Jörg W., hinübergegangen und hatten sich angesehen, wie weit der Umbau des Hauses vorangekommen war. Da W. nicht anwesend sein konnten, hatten wir versprochen, nach dem Fortgang der Arbeiten zu sehen. Ich war derweil auf mein Rennrad gestiegen, um eine Radtour zu machen. Bis La Cala musste ich auf der Carretera, der N340, an der Küste entlang fahren, dort konnte ich dann landeinwärts in die Berge abbiegen.

Die beiden Frauen gingen derweil durch alle Räume und kehrten anschließend nach Hause zurück, um per Telefon in Bremen Bericht zu erstatten. Vorher wollten sie sich aber bei einer Tasse Kaffee stärken. Während Katja das Wasser aufsetzte, nahm Hella schon am Tisch Platz und zündete sich ihre erste Zigarette des Tages an, ohne schmeckte ihr kein Kaffee! Es war halb zwei Uhr mittags. Nach zwei Zügen fiel ihr die Zigarette aus der Hand. Sie bückte sich langsam, um sie aufzuheben. Katja drehte sich zu Hella um, weil sie ihr etwas sagen wollte, und sah, wie ihr die brennende Zigarette aus der Hand fiel, sie sich bückte, die Hand danach ausstreckte, aber nicht punktgenau zugriff, sondern ihre rechte Hand über den Teppich schleifte. „Hella, was ist mit deiner Hand los?“ fragte sie und ging auf sie zu. Da kippte Hella auch schon über die rechte Seite auf den Boden, verlor das Bewusstsein. Katja ergriff die brennende Zigarette, die auf dem Strohteppich lag, drückte sie im Ascher aus, versuchte Hella vom Boden aufzurichten und rief Norbert, der gerade die Treppe heraufkam, zu, er solle sich beeilen, sie brauche Hilfe.

Ich hatte mich derweil auf meiner kleinen Radtour über die leere Carretera gewundert. Als ich mich La Cala näherte, sah ich mehrere große Kräne bei der Arbeit, sah die umgestürzten Lastwagen und wusste nun, warum niemand auf der Straße unterwegs war. Ich schaute ein paar Minuten bei den Bemühungen um das Aufrichten der schwer beschädigten Sattelschlepper zu – von den Toten wusste ich nichts, ahnte vor allem auch nicht, welche Rolle die Totalsperrung der Straße für unsere kleine Familie spielen würde.

Um halb drei war ich zu Hause und stellte das Rad in die Garage. Auf der Treppe kam mir Norbert entgegen. „Hella hat einen Schlaganfall oder so. Es geht jetzt aber schon.“

1

Definition, Zahlen

„Als SCHLAGANFALL (auch Gehirnschlag, zerebraler Insult, apoplektischer Insult, Apoplexia cerebri, Ictus apoplecticus, in der medizinischen Umgangssprache häufig verkürzend auch Apoplex oder Insult) wird eine plötzlich auftretende Erkrankung des Gehirns bezeichnet, die oft zu einem anhaltenden Ausfall von Funktionen des Zentralnervensystems führt und durch kritische Störungen der Blutversorgung des Gehirns verursacht wird.“ [de.wikipedia.org/wiki/Schlaganfall]

Die Störung kann dadurch entstehen, dass eine zum Gehirn führende Ader oder eine Ader innerhalb des Gehirns durch ein Blugerinnsel verstopft wird; dann spricht man von einem ischämischen Schlaganfall.

Oder es kommt in einer Ader im Gehirn zu einem Riss und Blut tritt in das Gehirn aus; dann nennt man den Schlaganfall hämorrhagisch.

In beiden Fällen erhalten die Nervenzellen in der Umgebung der Blutung bzw. „hinter“ dem Aderverschluss zu wenig (oder keinen) Sauerstoff und Nährstoffe und sterben ab.

In Deutschland erleiden etwa 200 000 Menschen jährlich einen Schlaganfall.

Das Durchschnittsalter liegt bei Männern bei 70 Jahren, bei Frauen sind es 75 Jahre. Doch auch Jüngere kann es treffen. [www.apotheken-umschau.de/Schlaganfall – (2012)]

Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe (zu beziehen über das Postfach 104, 33311 Gütersloh) nennt höhere Zahlen - etwa 350 000 bis 500 000. Mehr als eine Million Bundesbürger leiden unter den Folgen eines Schlaganfalls, etwa 90 000 sterben daran. Damit ist der Schlaganfall nach Herzerkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland, andere Quellen nennen sie sogar die zweithäufigste. Die Behandlungskosten werden mit etwa 15 Milliarden pro Jahr angegeben.

In einem Artikel im Schlaganfall-Magazin 3/98 beklagt Dr. Claudia Eichten das skandalöse Defizit an exakten statistischen Angaben über den Schlaganfall. (S.36 f) – diese Aussage scheint auch heute noch Gültigkeit zu haben, wenn man im Internet und anderen Medien nachschaut.

Die Nachricht traf mich wie ein Schlag ins Gesicht, aber natürlich konnte ich die Tragweite dieser Aussage gar nicht so schnell realisieren. Dann fiel mir Hellas Vater ein, der vor sieben Jahren hier in Spanien auch einen Schlaganfall erlitten hatte: Nach zwei Tagen bereits konnten wir ihn aus dem Krankenhaus abholen und er war nach wenigen Wochen wieder völlig hergestellt. Vielleicht würde ja auch bei Hella alles schnell vorbei sein. Ich blieb ruhig, lief die Treppe hinauf und in unser Schlafzimmer: Hella lag auf ihrem Bett, Katja saß neben ihr. Sie sah ganz normal aus, aber beim zweiten Hinsehen bemerkte man, dass sie die Augen nicht koordiniert bewegen konnte, als ich an sie herantrat. Den Mund bewegte sie gar nicht, er stand ein klein bisschen schief. Die ganze rechte Körperhälfte war ohne Reaktion, wie Katja schon herausgefunden hatte, weich gelähmt und ohne Gefühl. Hella schaute ruhig an die Decke und in unsere Gesichter. Ab und zu ergriff sie mit der linken Hand ihre rechte, hob sie an und ließ sie los: Sie fiel schlaff herab. Man sah ihrem Gesicht an, dass sie damit nichts anzufangen wusste, immer wieder ergriff sie die Hand und legte sie anders hin - wie einen Gegenstand, der nicht so ganz zu ihr gehörte. Wir schauten ihr zu und unterhielten uns leise und stockend.

Alle Versuche, Hella anzusprechen, schlugen in den ersten Minuten fehl. Sie hatte zwar die Augen offen, war aber zu keiner Reaktion fähig. Meine Hoffnung, Norbert werde im Bücherregal eine Erste-Hilfe-Anleitung bei Schlaganfällen finden, erfüllte sich nicht - wir waren zur Untätigkeit verdammt, ich saß nun aufgeregt neben Hella und wusste nicht, wie ich ihr helfen sollte.

2

Was ist bei einem Verdacht auf einen Schlaganfall zu tun?

Grundsatz: Es ist dafür zu sorgen, dass der Betroffene so schnell wie möglich in eine Klinik kommt, am besten in eine solche, die über eine sogenannte Stroke Unit verfügt. Man wählt die 112 und lässt einen Notarztwagen kommen.

Grundsätzlich tut man gut daran, sich darüber zu informieren, wo sich die nächstgelegene Stroke Unit befindet, und zwar bereits dann, wenn alle in der Familie noch gesund sind und an keinen Schlaganfall denken. Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass die Besatzung des Notarztwagens über die notwendigen Informationen verfügt. Wenn man „Stroke Units“ im Internet eingibt, erscheint eine Seite der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft – dort kann man seine Stadt eingeben und erhält Auskunft über die nächstgelegene Klinik mit der Spezial-Kompetenz zur Behandlung eines Schlaganfalls - mit Adresse, Telefon etc.

In der konkreten Not-Situation kann man als Laie folgendes tun, um den Verdacht auf Schlaganfall zu erhärten: Man fordert den Patienten auf zu lächeln, beide Arme zu heben und sie einen Moment oben zu halten, man spricht ihm einen Satz vor, den er nachsprechen soll. Gelingt das Lächeln nur schief, ist ein Arm nicht zu heben oder oben zu halten, kann er nicht sprechen oder klingt die Sprache undeutlich, verwaschen, so sollte man diese Beobachtungen gleich dem Notfallarzt mitteilen – die Diagnose Schlaganfall ist sehr wahrscheinlich.

Bis der Arzt eintrifft, sind die Dinge zu tun, die bei Erster Hilfe üblich sind: Für Frischluft sorgen, beengende Kleidung öffnen, den Betroffenen in eine stabile Seitenlage bringen, darauf achten, dass die Atemwege frei bleiben, Ruhe bewahren und dafür sorgen, dass der Erkrankte Ruhe hat.

Katja hatte bereits alles Sinnvolle unternommen, sie hatte bei unserem Hausarzt und Freund Jak angerufen, und ihm den Verdacht auf Schlaganfall bei Hella mitgeteilt. Er hatte sich sofort auf den Weg gemacht. Ich rief ihn auf seinem Handy an und erfuhr, er könne wegen der Sperrung der Straße nicht auf direktem Wege zu uns kommen, müsse einen großen Umweg über die Bergdörfer fahren, da es an der Küste keine alternative Verbindung zwischen seiner Praxis und unserer Wohnung gab – wieder erwies sich der Unfall als ein arges Problem für uns. Er sagte mir außerdem, wir könnten nichts tun als abzuwarten. Er habe sofort die neue Klinik Hospital Costa del Sol, am östlichen Stadtrand von Marbella gelegen, angerufen, aber leider hören müssen, dass alle verfügbaren Krankenwagen und Hubschrauber zurzeit mit dem Unfall beschäftigt seien – so langsam verwünschten wir das hoch unglückliche Zusammentreffen des Schlaganfalls mit diesem Verkehrsunfall.

Da wir nicht wussten, was ‘Schlaganfall’ auf Spanisch heißt, schlug ich im Lexikon nach („ataque de apoplejia“) und rief dann selbst die Klinik in Marbella an. Ich bekam die gleiche Auskunft wie unser Arzt: Alle Wagen seien im Einsatz - aber man komme, sobald der erste wieder in der Klinik zurück sei.

Nach etwa fünf Minuten trat bei Hella eine Veränderung ein. Sie guckte uns an und signalisierte per Kopfzeichen, dass sie uns wahrnahm und - bei Nachfrage - auch verstand: ein erstes leichtes Aufatmen. Da sie offenkundig nicht sprechen konnte, fragte ich, ob sie schriftlich antworten wolle; sie nickte. Als aber Papier und Bleistift dalagen, nahm sie den Stift mit links, sah ihn längere Zeit an und legte ihn dann weg - so als wisse sie nicht, was sie damit anfangen solle.

Nach einer Weile zeigte sie mit der linken Hand, dass sie Durst habe. Wir brachten ein Glas Wasser, stellten einen Strohhalm hinein und hoben es in Trinkhöhe. Leider geriet schon der erste Schluck in die Luftröhre und sie hustete fürchterlich, wobei sich ihr Gesicht vor Schmerz verzog. Auf meine Nachfrage, ob sie Kopfschmerzen habe, nickte sie heftig.

3

Kopfschmerzen - und weitere Anzeichen für das Vorliegen eines Schlaganfalles

Die Verletzung im Gehirn schmerzt nicht, da das Gehirn keine Nervenzellen für Schmerzempfindungen hat. Wohl aber sorgt die Schwellung, die sich um den Infarkt herum bildet, für Druck unter der Schädeldecke und damit für Kopfschmerzen.

Plötzliche heftige Kopfschmerzen gehören daher zu den Anzeichen für einen Schlaganfall.

Weitere signifikante Anzeichen sind:

Verlust der Sprechfähigkeit

Schwierigkeiten beim Verstehen von Gesprochenem

Lähmung oder Taubheit einer Körperseite, eines Armes und/oder eines Beines

Lähmung einer Gesichtshälfte, die Augen arbeiten nicht koordiniert, ein Mundwinkel hängt

Bewusstseinstrübung bis hin zu Ohnmacht, Koma

Drehschwindel, Gangunsicherheit bis zur Gangunfähigkeit

Sehstörungen - oft auf einem Auge, Doppelbilder

Ja nach Schwere des Anfalls sind die Symptome vollständig oder nur zum Teil vorhanden und auch unterschiedlich stark ausgeprägt.

Dann wurde Hella unruhig, und nach mehreren Fragen war klar: Sie wollte zur Toilette. Norbert und ich führten sie in Richtung Badezimmer. Als wir am großen Spiegel im Flur vorbeikamen, bremste sie uns vehement und wollte sich mit aller Macht im Spiegel ansehen. Offenbar war sie mit dem, was sie sah, ganz zufrieden – sie zeigte nach dem Toilettengang durch Gesten an, dass sie ins Schlafzimmer aufs Bett zurück wollte.

Dort lag sie nun.

Die kleine M. kam zwischendurch herein, guckte, fragte. Katja beruhigte sie, sagte, es gehe Hella zwar im Augenblick nicht gut, sie könne aber wieder zu Lena nach unten spielen gehen.

Nach einer Weile begann Hella zu würgen. Wir stellten eine Plastikschüssel neben sie und drehten sie auf die Seite. Aber sie erbrach nichts. Mehrfach wiederholte sich der quälende Brechanfall.

4

Brechreiz und Schluckstörungen

Sie kommen in der Akutphase nach dem Schlaganfall sehr häufig vor. Sie sind nicht ungefährlich und werden in der Klinik sehr sorgfältig beobachtet und notfalls behandelt. Der Brechreiz erhöht den Druck im Gehirn und schadet daher.

Wenn Nahrungsbestandteile oder Flüssigkeit in die Luftröhre gelangen, besteht die Gefahr einer Lungenentzündung. Bei anhaltenden Schluckbeschwerden wird die Ernährung deshalb auf Suppen umgestellt oder gar durch eine Magensonde vorgenommen.

Zur Untätigkeit verdammt, hatten wir genügend Zeit, uns auszumalen, wie viel „Glück“ im Unglück wir noch gehabt hatten, denn der Schlaganfall hätte Hella ja auch am Steuer des Autos ereilen können, oder sie hätte allein zu Hause sein können, die brennende Zigarette hätte dann den Strohteppich entzündet...nicht auszudenken. Andererseits fragten wir uns auch, warum es gerade Hella erwischt hatte. Womit hatte sie das „verdient“? Diese Unsinnsfrage stellen sich wohl alle Menschen, die von einem schweren Unglück betroffen werden, als wüssten sie bei nüchterner Betrachtung nicht, dass ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt oder ein Krebs nichts mit „Verdienen“ und auch nichts mit Schuldigsein zu tun haben. Bestenfalls kann man fragen, ob es Gründe im bisherigen Leben gegeben habe, die ursächlich zu diesem Unglück geführt haben. Wir kannten die Risikofaktoren damals noch nicht genau, waren uns aber einig, dass Hella offenbar nicht in das Bild eines Schlaganfall-Gefährdeten passte: Sie war jung, sie war schlank, sie war sportlich aktiv, sie lebte vernünftig. Ja, sie rauchte, aber das taten Millionen andere auch, Frauen und Männer, ohne dass sie deshalb gleich einen Infarkt erlitten. Warum also, warum?

Wir warteten mit zunehmender Ungeduld auf den Krankenwagen, erwogen kurzfristig, Hella in unser Auto zu setzen und selbst in die Klinik zu bringen, trauten uns das aber nicht, weil wir Angst hatten, durch das aufrechte Sitzen den Schaden zu vergrößern. (Wie gut wir daran taten, merkte ich in den nächsten zehn Tagen, als ich beobachten konnte, wie konsequent man bei allen notwendigen Transporten bis in die Reha-Klinik in Damp darauf achtete, dass Hella lag, nicht saß.)

Ich machte mir im Stillen Vorwürfe: Wäre ich doch nicht mit dem Rad weggefahren, sondern selbst zu W.s hinübergegangen! Dann hätte Hella sich wohl nicht um die Mittagszeit bereits eine Zigarette angezündet. Dann hätte es wohl nicht den Infarkt gegeben, denn sicherlich hatte das Nikotin der ersten tiefen Züge dafür gesorgt, dass sich die Adern im Gehirn kurzfristig verengten. Nikotin durchbricht nämlich in Sekundenschnelle erfolgreich die sogenannte But-Hirn-Schranke, die bei den meisten Giften das Eindringen in das Gehirn verhindert, und zieht die Adern zusammen. Und ein Thrombus, der zufällig genau in diesem Moment unterwegs war, wäre sonst vielleicht glatt durchgerutscht, nun war er hängengeblieben. Hätte, wenn und wäre – es war sinnlos, sich solche Gedanken zu machen.

Das Warten zerrte an den Nerven, zumal wir uns bei unseren Gesprächen daran erinnerten, einen dieser typischen, mit Halb-Informationen Optimismus verbreitenden Fernsehberichte gesehen zu haben, in denen man gesagt hatte, die Mediziner hätten ein Mittel gefunden, den Pfropf im Gehirn aufzulösen, den Infarkt also gewissermaßen ungeschehen zu machen. Von Schlangengift und anderen Chemikalien war die Rede gewesen. Wir wussten noch alle drei genau, dass man in dem Beitrag mehrfach betont hatte, das Zeitfenster für eine solche Auflösung, „Lyse“ (Trombolyse) genannt, sei sehr eng, je früher man in der Klinik erscheine, desto größer sei die Chance, diese Waffe erfolgreich einzusetzen. Nun lief uns die Zeit davon, der verwünschte Unfall machte alle Hoffnungen auf einen solchen Eingriff zunichte, das Zeitfenster hatte sich sicher schon geschlossen.

2. Aufgefangen

Um halb vier hörten wir endlich unten ein Auto vorfahren: Der lang ersehnte Krankenwagen war da.

Der Fahrer entschuldigte sich und erklärte, er habe - wie alle anderen Autos - bei der Fahrt zu uns im Stau gesteckt, sein Blaulicht habe keine Wirkung gehabt, da die schmale Küstenstraße keine Möglichkeit zum Ausweichen und Überholen biete.

Wir trugen Hella zu zweit in Sitzhaltung nach unten - die enge, gewundene Treppe erlaubte keinen anderen Transport. Katja hielt ihr den Kopf stabil, den sie selbst nicht hätte halten können. Unten wurde sie auf eine Trage gelegt und in den Krankenwagen geschoben. Katja stieg vorn mit ein, ich holte Hellas Papiere - Krankenversicherung etc. - und fuhr mit unserem Auto hinterher. Ziel war das Hospital Costa del Sol.

Bei der „Urgencia“, dem Eingang für Notfälle, ging es recht hektisch zu. Hella wurde zur Untersuchung in einen Raum geschoben, in dem Schwestern und Ärzte an sechs, sieben Betten, Liegen, Tragen herumhantierten. Katja musste Hella allein lassen, da sie angewiesen wurde, im Aufnahmebüro Daten zur Person mitzuteilen. Als ich ankam und die Aufnahmeformalitäten übernahm, kehrte Katja in den Untersuchungsraum zu Hella zurück, in den ich dann auch hinüberging.

Ein Arzt fragte uns aus, ob es vorweg Anzeichen für einen drohenden Schlaganfall gegeben habe, welche Krankheiten Hella habe, ob es in der Familie schon Schlaganfälle gegeben habe, was genau am Nachmittag geschehen sei etc. Wir teilten ihm mit, Hella habe vor sechs Jahren nach einem Sportunfall lange Zeit mit Thromboseproblemen im verletzten Bein zu tun gehabt und wochenlang Spritzen bekommen. Außerdem sei vor vier Wochen einmal spontan und ohne erkennbaren Grund ein extrem hoher Blutdruck aufgetreten. (Der systolische Wert hatte bei 210 mmHg gelegen.) Hellas Großmutter habe im Alter von 70 und ihr Vater vor sieben Jahren im Alter von 73 einen Schlaganfall erlitten, allerdings einen leichten, von dem er sich nach kurzer Zeit vollständig erholt hatte. Hella wurde befragt, welcher Tag, welcher Monat sei; ihr wurden dabei verschiedene Möglichkeiten angeboten - und sie bejahte alle durch eifriges Nicken. Ein Arzt nahm Blut ab, hängte sie dann an einen Tropf.

Uns wurde gesagt, wir könnten um 20.00 Uhr wiederkommen. Bis dahin habe man die notwendigen Untersuchungen erledigt und könne uns eine Entscheidung über den eventuell notwendigen Verbleib im Krankenhaus mitteilen. Sollte sich etwas Unvorhergesehenes ereignen, rufe man uns an.

5

Klinische Untersuchungen bei Verdacht auf einen Schlaganfall

Gründliche Anamnese, um zu klären, welche allgemeinen Risikofaktoren für einen Schlaganfall vorliegen

Allgemeine internistische Untersuchungen, wobei der Blutdruck eine wichtige Rolle spielt

Eine neurologische Untersuchung, um festzustellen, ob bereits Schädigungen / Ausfallserscheinungen im Gehirn vorliegen

Laboruntersuchungen zu Stoffwechselstörungen, Zuckerkrankheit, Blutfettwerte

Untersuchung der Blutgefäße des Gehirns mit Ultraschall: Doppelsonographie, Duplexsonografie, transkranielle Dopplersonographie

Erstellen eines Elektrokardiogramms, um eventuelle Funktionsstörungen des Herzens und Herzrhythmusstörungen festzustellen

Eine Ultraschalluntersuchung (Echokardiographie) des Herzens, um mögliche Blutgerinnsel aufzuspüren, die der Ausgangspunkt für die Gehirnembolie sein könnten

Ein Computertomogramm, bei dem Schichtaufnahmen des Gehirns angefertigt werden, die Lage und Größe des Infarkt-Schadens sichtbar macht

Hella erzählte später, an die zwei Stunden auf dem Bett in der Wohnung und an den Transport in die Klinik habe sie keine Erinnerung, das liege absolut im Dunkeln. Die Lichter glommen erst wieder am späten Nachmittag, als sie merkte, dass sie sich in einem Krankenbett befand - in welchem Krankenhaus, das wusste sie allerdings nicht. Als sie auf den Flur geschoben wurde, fiel ihr am rechten Handgelenk eine Art Plastikarmband auf. Sie drehte das Armband so, dass sie sehen konnte, um was es sich handelte: Es war ein Namenschildchen, wie sie es von Neugeborenen kannte. (Eine Zeichnung davon mit ihrem falsch geschriebenen Nachnamen ziert das Deckblatt dieses Buches.) Dann musste es aber bös’ um sie stehen, wenn man meinte, zu solchen Sicherheitsmaßnahmen greifen zu müssen, ging ihr durch den Kopf. Vor ihr und hinter ihr registrierte sie weitere Betten mit Patientinnen und Patienten, und ein Pfleger oder Arzt sagte ihr, sie käme gleich zum Röntgen dran. Die spanischen Worte rayas, ‘Röntgenstrahlen’ und la siguiente für ‘die nächste’ blieben ihr im Gedächtnis.

Die weiteren Ereignisse des Tages und Abends sind dann schon wieder in Dunkelheit gehüllt.

Katja und ich fuhren nach der Klinik bei deutschen Freunden vorbei, die ganz in unserer Nähe Urlaub machten. Wir trafen nur die beiden Frauen an. Sie reagierten mit Erschütterung und Entsetzen, äußerten dann aber Optimismus. Es gebe mehrere von einem Schlaganfall Betroffene in ihrem Bekanntenkreis und einige hätten sich bereits nach wenigen Wochen vollständig erholt und lebten weiter wie vorher.

Sven, den einen der Ehemänner, trafen wir im Tennisclub an. Er ist Arzt, zwar Orthopäde, aber wir erwarteten dennoch eine medizinische Auskunft, die eine größere Sicherheit hatte als unsere laienhafte Einschätzung. Wir schilderten die Symptome. Vier Möglichkeiten kamen danach für den Mediziner in Betracht: eine Blutung im Gehirn, ein Aderverschluss im Gehirn, eine Virusattacke, ein Tumor. Nur eine genaue Untersuchung in der Klinik könne Klarheit bringen. Wir fuhren nach Hause zurück.

Hier versuchte ich, den Tag möglichst so weiter zu gestalten, wie er geplant gewesen war, möglichst wenig von der gewohnten Bahn abzuweichen. Es sollte zum Abendessen geräucherte Forellen geben, und dafür war ich zuständig. Zu unserer gemeinsamen Urlaubsgestaltung gehörte es, dass jeden Tag eine andere oder ein anderer für das Einkaufen, Essenzubereiten, Aufräumen etc. zuständig war - und heute war ich dran. Also hackte ich Holz, holte die Fische aus der Salzlake, ließ sie trocknen, machte das Feuer im Räucherofen an, streute das Räuchermehl auf das Stahlblech, hängte die Fische hinein. Die Hände verrichteten die gewohnten Arbeiten, im Kopf rotierte es. Was würden wir um acht Uhr in der Klink zu hören bekommen? Von dieser Auskunft mussten viele Elemente unserer Zukunft abhängen, musste sich zeigen, ob die alten Bahnen noch begehbar waren.

Um 20.00 waren wir wieder in der Klinik. Hella lag noch immer in dem großen Zimmer der Aufnahmestation. Der Arzt, der die Untersuchungen geleitet hatte, informierte uns: Ja, es liege ein Schlaganfall vor, aber „no hay sangre en el cerebro“, sagte er wörtlich, es sei also kein Blut im Gehirn, „pero es un infarcto, un infarcto cerebral“, also ein Gehirninfarkt, Hella müsse im Krankenhaus bleiben. Wie, wodurch der Infarkt entstanden sei, darüber könne man jetzt noch keine Auskunft geben.

6

Entstehungsweise unterschiedlicher Infarkte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gleiches kann in der Lunge geschehen, dann gibt es eine Lungenembolie

oder in den Kranzgefäßen des Herzens, dann gibt es einen Herzinfarkt.

B. Die zweithäufigste Art des Schlaganfalls ist die Gehirnblutung. Sie macht etwa 15-20% der Fälle aus.

Hier ist fast immer eine lange Zeit des Bluthochdruckes vorausgegangen, der kleine Adern im Gehirn geschädigt und brüchig gemacht hat.

C. Die restlichen Prozente sind sogenannte Subarachnoidal-Blutungen. Dabei platzt eine Gefäßmissbildung, meistens ein Aneurysma, eine Aussackung einer Ader, und Blut gerät in den Subarachnoidalraum, als zwischen die mit Hirn-Flüssigkeit gefüllten Hirnhäute.

Ich musste ein Papier unterzeichnen, dass ich mit Hellas Verbleib im Krankenhaus einverstanden sei, und dann ging es im Rollbett ab auf die Innere Station. Im ersten Stock in Zimmer „once, cero, dos“ (1102) war ein Bett frei geworden, dort konnte man sie unterbringen.

Katja und ich hatten den Eindruck, es gehe Hella jetzt eher schlechter als am frühen Nachmittag. Da schien sie bei hellem Bewusstsein, jetzt wirkte sie wie unter Drogen, sah uns an, erkannte uns offenkundig, versuchte ein Lächeln, schien sich dann wieder ein Stück zu entfernen, uns dann aber wieder - neu? - wahrzunehmen. Katja fragte die Stationsschwester, ob Hella ein Beruhigungsmittel oder Ähnliches bekommen habe. Sie verneinte, wobei unklar blieb, ob das den Tatsachen entsprach: Sie schien über die Medikamentierung unten in der Aufnahmestation nicht informiert zu sein.

Oben im Zimmer versuchte Hella dauernd zu sprechen, schaffte mal einen halben „Satz“, merkte dann wohl, dass niemand ein Wort davon verstanden hatte, weil sie sehr unklar artikulierte, schüttelte den Kopf , schwieg, versuchte es wieder. Es war erschütternd, diese Hilflosigkeit mit anzusehen - und sie selbst litt offenkundig auch darunter.

7

Sprachprobleme (1)

Recht häufig werden durch den Schlaganfall Sprachzentren (mit)geschädigt, es kommt zu Sprechstörungen unterschiedlicher Art (Aphasien).

Dazu gehört die motorische Aphasie, die „stark gestörte, verlangsamte, mühsame Sprachproduktion“ mit „undeutlicher, oft dysarthrischer (mühsamer, stotternder, stammelnder) Artikulation und skandierender Sprache.“

Zusätzlich ist der aktive Wortschatz eingeschränkt, es kommt zu Wortverwechslungen und grammatikalischen Fehlern. Das Sprachverständnis ist dabei meistens nur leicht oder gar nicht gestört.

[Przyrembel, Stichwort „Aphasie“]

Katja und ich beratschlagten, ob ich die Nacht über dableiben sollte, wie es in spanischen Kliniken durchaus erlaubt und üblich ist. Wir hatten das Dableiben zu Hause vorgeplant, waren dabei aber davon ausgegangen, dass wir ein Einzelzimmer mit Sofa oder Liege oder Ähnlichem hätten - nun lag aber eine zweite, schwerkranke Frau mit im Zimmer und in der Ecke stand nur ein Stuhl mit Armstützen... Hella würde sich quälen, meinten wir, versuchen, mir etwas zu sagen, wach zu bleiben - wir beschlossen zu gehen und sie ausruhen zu lassen. Sie hatte das alles offenkundig mitbekommen und bekundete ihr Einverständnis: Sie zeigte in Richtung Ausgang und schob uns vom Bett fort

Um halb zehn kam unser Hausarzt in unsere Wohnung. Wir hatten ihn zwischendurch angerufen, dass Hella jetzt in der Klinik sei, und er hatte sich dort über ihren Zustand informiert. Er beantwortete einige der Fragen, die uns bedrängten: Nein, sagte er ganz klar, auch wenn man den Pfropf, der die Ader versperre, auflösen würde, wäre der Infarkt nicht rückgängig zu machen. Die nicht mit Blut versorgten Zellen stürben in wenigen Minuten ab – unwiederbringlich, auch wenn man in letzter Zeit anderes lese. Das sei wie bei einem Baum, bei dem man an einem Ast die Rinde zerstört und damit die Zirkulation der Säfte unterbrochen habe: Der nicht mehr versorgte Teil der Äste und Zweige sterbe ab und sei nicht wiederzubeleben. Dennoch sei eine „Lyse“ nicht ohne Sinn und Wert: Die vielen weißen Blutkörperchen, die sich um den Infarkt herum an die Arbeit machen (vgl. Info 3), zerstörten dabei auch gesunde Gehirnzellen, und zwar über einen längeren Zeitraum. Diesen sekundären Schaden könne man weitgehend eindämmen oder gar verhindern, wenn man den Pfropf auflöse. Das Problem mit der Lyse sei allerdings, dass die notwendige Blutverdünnung zu einem hohen Risiko einer Gehirnblutung führe. In Spanien werde die Lyse deshalb noch gar nicht eingesetzt und auch in den meisten deutschen Kliniken nur bei jungen Leuten. Sein Fazit: Man hätte Hella auch nicht anders behandelt, wenn sie eine Viertelstunde nach dem Schlaganfall in der Klinik gewesen wäre. Die Sorge um die verpasste Chance war uns damit genommen.

Es sei ungewiss - so sagte er weiter - und nicht voraussehbar, was sich alles regenerieren werde, welche Funktionen durch andere Zellen und Nerven übernommen werden könnten. Das Laufen und die Beweglichkeit des Armes kämen wahrscheinlich wieder - durch zähes, langes Üben - das Sprechen ziemlich sicher auch. Wir müssten uns auf sehr lange Rehabilitations-Zeiten einstellen.

Er wies auf erste Konsequenzen hin: Der geplante Rückflug in einer Woche komme nicht in Frage. Ich sollte bei Hella bleiben, mindestens für zehn Tage, zwei Wochen. Monate des Trainings müssten folgen, damit die Muskeln erhalten bleiben und einsatzfähig sind, wenn die Gehirnzellen wieder Befehle über die Nervenbahnen senden. Langzeitprognosen seien unseriös, niemand könne sagen, ob Tennis- oder Volleyballspielen oder Skilaufen und Catamaransegeln jemals wieder möglich sein würden. Die Arbeit in der Schule, in der Bibliothek könne für Hella vor dem Sommer nicht ins Auge gefasst werden.

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Fliegen nach dem Schlaganfall

Unser Hausarzt, der „Flugarzt“ der Lufthansa ist, lehnt Flüge innerhalb der ersten Zeit (bis zu zehn Tagen) kategorisch ab. Ein Druckabfall im Flugzeug, der nie ganz auszuschließen ist, weil technische Pannen immer möglich sind, wäre für das frisch geschädigte Gehirn tödlich. Ab wann wieder risikofrei geflogen werden kann, hängt von der Schwere des Schlaganfalls ab und sollte unbedingt mit den behandelnden Ärzten abgeklärt werden.

Die Auskünfte hinterließen bei uns allen sehr gemischte Gefühle: Die Hoffnung auf ein schnelles Wiederherstellen der Normalität, wie bei Hellas Vater seinerzeit, war damit gestorben, wir mussten uns wohl auf eine lange schwierige Phase einstellen. Andererseits war es offenbar zumindest möglich, dass Hella dermaleinst wieder in die gewohnten Bahnen des Arbeitens, des Sports, des Alltags zurückkehren könnte. Klar war: Es würde nun eine Zeit vor dem Tag X, dem 25. März 1997, und die Zeit nach dem Tag X geben, und beide Zeiten würden sich wahrscheinlich sehr voneinander unterscheiden.

Es gelang mir trotz rotierender Gedanken, relativ schnell einzuschlafen. Um fünf Uhr wurde ich dann wach, Hellas Zustand fiel mir wie Blei ins Gemüt. Draußen tobte ein Stumm, unsere kleine Siamkatze lief maunzend durch die Wohnung – auch sie vermisste sicherlich Hella, auf deren Bett-Fußende sie üblicherweise die Nacht verbrachte. Dann schlief ich doch noch wieder ein, aber unsere Situation verfolgte mich bis in die Träume hinein. Der erste bestand aus einer geradezu kafkaesken Schulsituation, im zweiten schliefen Katja und ich in Hellas Krankenzimmer. Morgens wachte sie auf, konnte wieder normal reden und sich auch einigermaßen bewegen. Sie lachte, strahlte. Ich wachte auf, es war kurz vor sieben. Wieder schoss mir die Realität ins Bewusstsein, doppelt bitter nach dem optimistischen Traum.

Seitdem schlich die Zeit - es wollte nicht 13.00 Uhr werden. Das war die Zeit, zu der wir wieder Zutritt zu Hella hatten. Vorher zu kommen, so hatte man unserem Hausarzt gesagt, habe keinen Sinn, sie ließen niemanden herein, gäben auch keine Auskünfte. Ich erledigte inzwischen die notwendigen Telefonate mit Deutschland, mit den Verwandten und auch mit der Schule. Der Alltag außerhalb der Klinik und unseres kleinen betroffenen Kreises lief schließlich normal weiter, auch wenn man das kaum glauben konnte. Die verspätete Rückkehr aus den Schul-Ferien musste vorbereitet werden... Viel war zu organisieren, Zeugnisnoten vorzubereiten, Klausuren zu planen, die Kursverteilung des nächsten Semesters… Die deutsche Freundin mit Kind, die Katja hier bei uns besuchen wollte, passte nun beim besten Willen nicht in unseren Haushalt, die projektierten Ausflüge ins Landesinnere fielen fort usw. Es war schwer, ruhig zu denken und zu planen und sich auf die Sachnotwendigkeiten zu konzentrieren. Immer wieder schweiften die Gedanken ab, kreisten um die Frau im Zimmer 1102: Die Welt ist ungerecht! Warum hatte es ausgerechnet Hella treffen müssen? Alle Freunde und Verwandten, denen ich von Hella im Krankenbett – dem Unglück berichtete, wollten es kaum glauben, waren entsetzt: Hella, die Aktive, die Sportliche, die Schlanke - das passe doch alles gar nicht zum landläufigen Bild vom übergewichtigen, trägen Schlaganfall- oder Infarktgefährdeten!

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tag 1 nach X

Pünktlich um 13.00 Uhr waren Katja und ich in der Klinik. Es war Mittwoch, der 26.3.1997 - der erste Tag danach. Wir waren sehr angespannt - hatten wir doch gehört, die ersten Tage seien die wichtigsten, aufschlussreichsten. Von den Fortschritten der ersten Tage könne man sehr auf die Besserungschancen insgesamt schließen. Die Tür stand weit offen, Hella saß fast im Bett, schaute uns hell und klar an. Wir atmeten auf, sahen uns an, strahlten.

Vor ihr auf dem Krankenbett-Tisch stand ein komplettes Menu und sie löffelte mit links die Suppe - orangefarbene Krebssuppe, wie man auf dem Hemd, dem Bett und vor allem auf dem großen Schutz-Handtuch sehen konnte. Ich übernahm das Einlöffeln der Suppe und sagte ihr, wie erleichtert und begeistert wir seien. Solch einen Zustand hatten wir am Vorabend nicht zu erwarten gewagt.

Nach einer Weile lehnte sie weitere Suppe ab - durch Kopfschütteln und Zeichen mit der Hand. Von den Hackbällchen und dem Gemüse aß sie dann wieder eine ganz normale Portion - die Nachspeise blieb allerdings unangerührt. Ich räumte das Essen weg, legte sie tiefer und richtete Grüße aus. Sie weinte leise vor sich hin. Es war ein Weinen, das deutlich ausdrückte: Hier liege ich Häufchen Elend nun! Sie war aber schnell zu trösten, verstand offenkundig alles, was wir sagten, störte sich nicht an der Ankündigung, erst später nach Deutschland fliegen zu dürfen. Als ich allerdings mitteilte, in einer Angelegenheit müsste sie die gewohnte Bahn zumindest zeitweise verlassen, in die Schule zur Arbeit werde sie nämlich gewiss nicht vor den Sommerferien können, da weinte sie wieder still in sich hinein.

An Hellas Bettgestell war ein großer Plastikbeutel befestigt, der sie von Anfang an störte, wie sie mir später mitteilte. Er war nämlich das Ende eines Blasenkatheters und dieser Katheter machte ihr stets mit Nachdruck bewusst, wie krank sie war. Dass sie den rechten Arm und das rechte Bein nicht bewegen konnte, empfand sie als den Umständen entsprechend normal, das war die übliche Folge eines Schlaganfalls und würde sich nach einigen Wochen wieder legen, das hatte sie bei ihrem Vater miterlebt. Auch den Tropf, an dem sie von Anfang an hing, akzeptierte sie, schließlich wurden ihr auf diese Weise problemfrei die notwendigen Medikamente intravenös verabreicht. Aber dass sie einen Katheter brauchte, empfand sie als tiefen Eingriff in die Intimsphäre - und deshalb sträubte sich alles in ihr gegen diesen Apparat. Sie hatte die Schwestern gestenreich gedrängt, ihr den Schlauch zu entfernen und sie zur Toilette zu bringen, aber man hatte ihr nicht nachgegeben. Sie beklagte sich bei uns unter Einsatz von Mimik und Gestik, ich fragte bei den Schwestern nach, aber die erklärten mir – und ich gab das an Hella weiter - nach Aussagen des Arztes habe sie noch kein Gespür für eine gefüllte Blase, könne auch noch nicht den Blasenschließmuskel kontrollieren, sei deshalb auf den Katheter angewiesen. Sie akzeptierte das widerwillig für die nächsten Tage. Immer wenn Besuch kam, versuchte sie, einen leeren Urinbeutel zu haben, den sie dann unter der Bettdecke verstecken konnte.

Damit Hella sich zeitlich orientieren und nachsehen konnte, wann Essen, Besuch, ärztliche Visiten kämen, hatten wir eine Uhr mitgebracht und auf den Tisch gestellt. Es dauerte aber einige Tage, bis sie mit der Zeigerstellung eine Uhrzeit verknüpfte. Ein kleiner Handspiegel sollte ihr helfen, die eigene Mimik zu verfolgen und zu kontrollieren und nach dem Essen gegebenenfalls Speisereste aus dem rechten Mundwinkel zu entfernen, denn in diesem Bereich waren die Gefühlsnerven so stark beeinträchtigt, dass sie nicht merkte, wenn dort Reiskörner oder Nudelteile klebten. Erst Monate später konnten wir an Loriot erinnern und gemeinsam ein Späßchen machen - anfangs ärgerte sich Hella sehr über dieses Handicap.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hella in ihrem Krankenzimmer

An diesem Nachmittag sorgten die sachlichen Mitteilungen und Überlegungen nach einer Weile für Ausgeglichenheit und Ruhe. Wir kündigten an, dass ich bleiben werde, Katja nach Hause fahre und mich dann wieder abhole. Auf die Frage, wann Katja mich holen solle, sagte sie: „Sechs.“ Und nach etwa fünfzehn Minuten nahm sie sichtlich alle Konzentration zusammen und sagte so, dass man es verstehen konnte: „Katja kann jetzt gehen.“ Katja fuhr nach Hause, nachdem ich bei den Schwestern abgeklärt hatte, dass ich abends noch einmal kommen und ohne weiteres bis neun bleiben könne.

Auf dem Flur an dem Tresen, hinter dem alle Papiere der Station aufbewahrt wurden und wo die Schwestern saßen, fand ich auch den verantwortlichen Stationsarzt Dr. S. Ich fragte ihn, wie er sich erkläre, dass Hella einen Schlaganfall erlitten habe und er nannte - nach einigem Zögern - als wahrscheinliche Ursache die Kombination aus Vererbung der „Veranlagung“, der langen Einnahme der Hormon-Pillen und das Rauchen. Das Rauchen betonte er besonders. Das geringe Alter sei ungewöhnlich. Der Schaden, so sagte er, sei ziemlich groß. Das könne man noch nicht anhand einer Kopf-Aufnahme nachweisen, aber die Heftigkeit der Lähmung sei bedenklich - im Bein gebe es keine Reaktion, im Arm fast keine. Der Fall sei als grave (ernst) zu bezeichnen. Neben Arm und Bein sei das Sprachzentrum links stark betroffen. Die Gefahr der Wiederholung schätzte er als mittelgroß ein. Da ein zweiter Schlaganfall lebensbedrohend sei, müsse ein solcher unbedingt vermieden werden. Er ging von sieben bis zehn Tagen Liegedauer aus, dann sei ein normaler Flug nach Deutschland möglich, da es ja in den Kabinen den vollständigen Druckausgleich gebe, auf den man sich – so seine Einschätzung - verlassen könne.

Er empfahl dringend, sofort mit einer Bewegungstherapie anzufangen, ein Sprechen solle ich erst einmal noch nicht fordern. Ich informierte Hella über meine neuen Kenntnisse. Sie verstand offenbar alles und nahm auch die lange Liegedauer mit Fassung auf.

9

Risikofaktoren

Die Reihenfolge entspricht nicht der Bedeutung / Wichtigkeit; die erste Hälfte kann man selbst stark beieinflussen / reduzieren, die zweite weniger leicht.

Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel, Alkoholmissbrauch, langfristige Einnahme der Antibabypille/ Hormonpille gegen die Beschwerden der Wechseljahre,

hoher Blutdruck, Herzerkrankungen, Zuckerkrankheit, Fettstoffwechselstörungen, Arteriosklerose, Vererbung einer Veranlagung, hohes Alter.

Verschiedene Wissenschaftler machen Angaben darüber, um das Wievielfache das Risiko eines Infarktes steigt, wenn ein bestimmter Risikofaktor vorliegt. Die Angaben der verschiedenen Untersuchungen differieren aber sehr, weshalb hier auf Zahlen verzichtet wird. Sicher scheint zu sein, dass das Zusammenkommen mehrerer Faktoren das Risiko überproportional steigen lässt.

Den Nachmittag verbrachten wir in einer Mischung aus ganz unterschiedlichen Aktivitäten: Ich beugte und streckte ihren rechten Arm und das linke Bein, ich erzählte, fragte, sie antwortete mit Nicken oder auch einzelnen Wörtern oder kurzen Sätzchen, dann schlief sie wieder eine Viertelstunde, wir machten wieder Gymnastik etc. Leider kam gegen 15.30 Besuch ans Nachbarbett: die Mutter der Mitpatientin, unförmig dick in einem passenden Blümchenkleid und Latschen und der übergewichtige vierzehnjährige Sohn. Sie aßen gemeinsam zwei Tüten Chips leer, schauten dann gemeinsam fern, was sie aber nicht daran hinderte, sich laut zu unterhalten. Leise wurde es erst, als sich der Flapps in den Stuhl fläzte, den Daumen in den Mund steckte und eine gute Stunde schlief.

Um 17.00 erschien die Therapeutin des Krankenhauses, um Hellas Fähigkeiten zu überprüfen und erste Übungen zu machen. Sie bewegte deutlich lustlos den Arm, das Bein, gab ein paar Anweisungen, die ich Hella übersetzte, sah, dass kaum ein Befehl ausgeführt werden konnte, murmelte etwas von grave und duro (ernst und hart) - und ging. Sie kam kein zweites Mal wieder.

Gegen 18.00 Uhr bekam Hella einen Brechanfall, der ihr sehr zu schaffen machte. Sie war totenblass. Als Katja kam, reagierte sie nur sehr schwach, so dass Katja sehr erschrocken war und meine positive Gesamtdarstellung vom Verlauf des Nachmittags gar nicht recht glauben wollte. Bevor wir um viertel nach sechs losfuhren, fragte ich Hella, ob ich noch einmal wiederkommen solle. Sie verneinte und schloss demonstrativ die Augen. Als unser Hausarzt fünf Minuten später zu Besuch kam, fand er sie fest schlafend vor.

Kurz nach 20.00 Uhr fuhr ich dann doch noch einmal zu ihr. Sie schlief immer noch - mit ganz friedlich entspanntem Gesichtsausdruck. Ich setzte mich in den Stuhl. Nach einer Weile klingelte das Telefon der Mitpatientin. Hella wachte auf, sie sah mich an. Es dauerte offensichtlich eine Weile, bis sie die Situation begriff. Sie hatte gewiss gespeichert, ich sei weg, und nun saß ich da im Stuhl. Die Schwester informierte mich, dass Hella abends nur eine Brühe bekomme. Man müsse unbedingt neue Brechanfälle vermeiden, um den damit verbundenen krampfartigen Überdruck im Gehirn zu verhinder. Man habe ihr deshalb etwas gegen den Brechreiz in die Infusion getan und ihr außerdem zwei Magentabletten gegeben.

Ich rief am Abend unsere zweite Tochter Anja, die in Bremen bei einem Arzt tätig ist, an – am Vortag hatte ich sie trotz mehrfacher Versuche nicht erreicht. Sie weinte - und schimpfte. Gerade vor vier Wochen habe sie den spontanen Bluthochdruck bei Hella miterlebt - sie selbst hatte die Messung durchgeführt, als Hella mit einem diffusen Unwohlsein und Druck im Kopf aus der Schule gekommen war. Möglicherweise sei das doch schon ein Hinweis auf den späteren Schlaganfall gewesen. Sie habe mit ihr geredet und ihr dringend geraten, das Rauchen einzustellen. Hella habe nur gelacht.

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Warnzeichen – Hinweise auf einen möglichen zukünftigen Infarkt

Spontan auftretender hoher Blutdruck gehört nur nach Aussagen weniger Wissenschaftler in die Liste der typischen Warnzeichen.

Genannt werden in fast allen Veröffentlichungen weitgehend übereinstimmend:

Einseitiges Taubheits- und Schwächegefühl in Arm und Bein, plötzlich herabhängender Mundwinkel, Taubheitsgefühl in einer Gesichtshälfte, vorübergehende Sehstörungen: Doppelsehen (ohne Alkohol!),halbiertes Gesichtsfeld, kurzfristige Blindheit, spontan auftretende Schwierigkeiten beim Verstehen, beim Lesen, beim Sprechen, Drehschwindel, Gleichgewichtsstörungen beim Gehen.

Diese Erscheinungen werden durch ein kleines Blutgerinnsel verursacht, das nur kurzfristig eine Ader verstopft. Sie heißen „ transitorische (vorübergehende) ischämische Attacken “. Wer eine solche TIA erlebt, sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen.

Die zweite Nacht schlief ich relativ normal, der nächste Vormittag verging wie im Flug. Der Alltag mit seinen vielen Gesunden forderte sein Recht. Tausend Dinge waren zu regeln - und das war gut so, verhinderte es doch das unfruchtbare Grübeln und das Hadern mit dem Schicksal. Katjas Freundin hatte ihr Kommen abgesagt, sie wollte nicht in dem von uns reservierten Hotel wohnen, Hellas Frühstücksdienst war zu übernehmen, der Einkauf für das Abendessen war zu planen, unser Freund Bernd aus Kiel war auf dem Flughafen gelandet, Bekannte und Freunde riefen an, sie hätten gehört, dass..., wie es denn um Hella stünde? Ich versuchte außerdem die Korrektur der mitgebrachten Klassenarbeiten fortzusetzen - aber hier zeigten sich dann doch schnell die Grenzen der Belastbarkeit: Mehr als ein Anstreichen der Fehler war mir nicht möglich, die Konzentration auf den Inhalt gelang nicht.

Um zwanzig vor eins fuhr ich mit dem Rad los - sieben Minuten nach eins war ich oben, nassgeschwitzt, obgleich ich mich um langsames Fahren bemüht hatte.

Hella schlief. Ich setzte mich in den Stuhl und wartete. Nach ein paar Minuten wachte sie auf. Ich gab ihr löffelweise die Suppe ein - mehr bekam sie auch heute nicht. Ich richtete ihr Stück für Stück alle Grüße aus, erzählte vom freundlichen Bemühen um uns herum - sie wirkte ruhig und ausgeglichen. Wir machten wieder Übungen, sie schlief zwischendurch immer ein Viertelstündchen, in dem ich dann zu lesen versuchte.

Kurz nach drei kam unser Hausarzt. Am Montag oder Dienstag werde man neue Aufnahmen vom Kopf machen. Er hatte - nach meiner Erzählung von der ersten Erfahrung mit der Krankenhaustherapeutin - eine eigene Therapeutin mitgebracht, Ute, mit der er zusammenarbeitete. Sie wartete unten - mehr als zwei Besucher durften nicht ins Krankenzimmer kommen. Nach einigen Minuten ging ich mit ihm hinunter, er verabschiedete sich und die Therapeutin kam mit nach oben. Wir hatten bei der Nennung ihres Namens nicht realisiert, wer sie war, aber nun sah ich natürlich, dass es sich um eine alte gute Bekannte aus dem Umfeld der Deutschen Schule handelte und begrüßte sie entsprechend erfreut.

Sie arbeitete dreißig Minuten mit Hella und zeigte mir alle sinnvollen, notwendigen Übungen mit dem Ziel, Spastik zu verhindern. Zum Glück hatte ich bei meiner bisherigen ‘Gymnastik’ nichts falsch gemacht, lernte nun aber vieles hinzu, worauf ich eigenständig nie gekommen wäre. Auch sie betonte, es lege ein schwerer Fall vor - im Gegensatz zum Arzt äußerte sie allerdings die Überzeugung, der Arm werde mehr Probleme machen als das Bein - womit sie Recht behalten sollte. Ich solle durchaus das Sprechen zu aktivieren versuchen, zum Grimassieren anregen, damit die Gesichtsmuskulatur schnell wieder in Ordnung komme. Wichtig sei es, Hella stets zum Mitmachen aufzufordern, „im Kopf“ das Bein zu bewegen, zu ziehen, zu drücken, zu halten - auch wenn dadurch faktisch nichts geschehe. Die Gehirnzellen und die Nervenbahnen müssten gefordert werden, nur dann seien sie eines Tages „bereit“, wieder ihre Arbeit aufzunehmen.

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Spastik

Ein wesentliches Ziel der Physiotherapie ist es, die gefürchtete Spastik zu verhindern. Das Wort meint die übergroße Spannung innerhalb bestimmter Muskeln, der Muskeltonus ist dann zu groß. Es kommt zu schwer lösbaren Verkrampfungen. Vor allem der geschädigte Arm ist oft betroffen: Er wird im Ellenbogen steif, die Hand wird im Gelenk abgewickelt, die Finger verkrampfen sich zur Krallhand.

Hella brauchte nach den ersten Reha-Übungen eine Weile zur Erholung. Wir schalteten auf Sprech-Übungen um, nahmen uns das Alphabet vor. Das Stückchen von „a“ bis „f“ hatte sie parat - dann war es vorbei. Wir übten, ich sprach vor, sie wiederholte kleine Stücke. Es gelang ihr auch der eine oder andere kleine Satz - oft aber verweigerte sie das Nachsprechen. Offensichtlich strengte das alles sehr an. Der neuerliche Besuch bei der Nachbarin und das damit verbundene laute Fernsehen lenkten sie sehr ab – ein Arbeiten war kaum noch möglich.

Kurz vor sechs fielen ihr die Augen zu. Sie fragte, wann ich abgeholt werde - hatte also vergessen, dass ich mit dem Rad da war. Ich sagte uns - Katja und mich - für den Abendbesuch um 20.00 an.

In der Zeit zwischen 18 und 20 Uhr gab es eine Fülle von Telefonaten, Informationen, Hilfsangeboten. Monika lud mich zu ihrem Geburtstag am Samstag ein, was ich gleich absagte, sie bot ihr Auto zur freien Nutzung an, damit ich nicht mit dem Rad fahren müsse, wenn unsere Gäste zu einer Tour unterwegs waren, Karin, die Frau von Bernd, rief an, sie habe die von mir gewünschten Schulunterlagen mitgebracht: Unsere Nachbarin hatte sich erst gesträubt, sie in die Wohnung zu lassen, sei dann mitgegangen und habe sie keine Sekunde aus den Augen gelassen…

Unsere Tochter Anja hatte mit ihrem Chef gesprochen und richtete nun aus: Ich solle mir nicht einbilden, Hella zu Hause neben der Arbeit in der Schule versorgen zu können; sie sei für längere Zeit ein schwerer Pflegefall und könne nicht über Stunden allein im Haus bleiben. Ich müsse mich um eine Stelle für die Rehabilitation kümmern. Das hörte ich gar nicht gern. Zweitens: Ich sollte über einen ADAC-Liegendtransport nachdenken - wir seien doch Mitglied. Jedes Drängen auf einen frühen Transport sei aber zu unterlassen, jede Gefährdung müsse vermieden werden. Drittens: Ihr Chef habe ihr zugesichert, sie könne für eine Woche zu uns nach Kiel kommen, sobald Hella und ich dort seien. Dann hätte ich Hilfe bei der Fülle der auf uns zukommenden Formalitäten und Arbeiten.

Ich bastelte aus einer leeren Waschpulververpackung, die ich zwecks Stabilität mit Pinienzapfen füllte, einen Hilfsapparat zur Arbeit mit dem Bein, in der Klinik waren keinerlei Hilfsmittel zu bekommen. Hella sollte darauf den Unterschenkel legen und dann das Bein anziehen, ausstrecken etc. – so hatte mich Ute eingewiesen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ute bei der Therapie mit Hella

Um acht Uhr waren wir wieder im Krankenhaus. Hella war müde, aber guter Dinge. Zu Übungen irgendwelcher Art war sie nicht mehr in der Lage. Sie hatte nachmittags - so erfuhren wir - eine Spritze in die Bauchdecke bekommen, und jetzt bekam sie noch zwei Tabletten: eine zur Beruhigung des Magens und die andere „para lo que tiene “ - für das, was sie hat - so lautete die wenig präzise Auskunft der Krankenschwester. Es handelte sich um Tiklid, so fand ich heraus, einen Thrombozytenfunktionshemmer, ein Mittel also, das die Verklumpung von Blutplättchen bremst und somit der Thrombenbildung, also der Gefahr von Thrombosen und Embolien, entgegenwirkt.

Das Essen kam um 20.30. Es gab Schonkost (BLANDA-GASTRICA stand auf dem Essenszettel), aber nicht mehr nur Suppe. Der Fisch schmeckte fade, fand ich bei einer Probe – aber genau das war ja ein wesentliches Element der Schonkost: Das Fehlen von Salz und allen scharfen Zutaten, Gewürzen.

Um neun Uhr verließen wir die Klinik und fuhren zu unseren deutschen Freunden im Tennisclub. Unser Arzt Sven hatte sich schlau gemacht und informierte uns: Bevor etwa zehn Tage um seien, könne man gar keine Prognose stellen. Es habe bei Schlaganfällen alle erdenklichen Entwicklungen gegeben. Jede frühe Beobachtung sei ohne Langzeitbedeutung. (Wie man sieht, sind sich auch die Herren in Weiß in manchen Dingen nicht einig, hatte unser Hausarzt doch den Beobachtungen der ersten Tage hohen prognostischen Wert zugebilligt.) Man möge - so sagte er weiter - weder mit dem Schlimmsten rechnen, aber auch nicht blauäugig schnelle Besserung erwarten. Er habe Beziehungen in Deutschland und werde sich um eine Anschluss-Behandlung kümmern. Er schlage etwa 14 Tage stationäre Betreuung in einer Klinik in Damp an der Ostsee vor, in der er selbst lange Zeit gearbeitet hatte, dann eine Rehabilitation mit Betreuung tagsüber - den Abend und die Nacht könne Hella dabei zu Hause verbringen.

Der zweite deutsche Freund, Bernd, entwickelte - und das erlebten wir noch häufig - große Angst, als wir darüber spekulierten, wie sich schlimmstenfalls die Zukunft gestalten werde: ein Leben ohne Tennis, nie mehr Volleyball, Reiten, Skilaufen, Catamaransegeln etc. Zum Teil waren diese Aussagen reiner Zweckpessimismus, zum Teil entsprangen sie echten Ängsten - niemand war ja in der Lage, die Folgen auch nur annähernd abzuschätzen. Offenbar hatte Bernd Angst, auch ihm könne so etwas zustoßen, zumal er mit Übergewicht, Bewegungsmangel, hohem Blutdruck und einem reichlichen Zigarettenkonsum zu kämpfen hatte. (Das Rauchen stellte er umgehend ein - und hat die Abstinenz bis heute durchgehalten.) Auch der Mediziner Sven zog für sich eine Bilanz des Risikos: Es sei auch bei ihm extrem hoch. Er hoffe nur, dass ein Infarkt seine Lunge oder das Herz treffe und es dann gleich ganz aus und vorbei sein möge.

Dieses Reflektieren der eigenen Situation erlebten wir bei vielen Freunden und Bekannten - fast immer bewirkte die nur mit erlebte Erfahrung allerdings lediglich eine sehr kurzfristige Änderung in der Lebensweise, hin zur Risiko-Minimierung durch Umstellung im Rauchen, Trinken, Sich-Bewegen etc.

Die beiden Freunde „drohten“ mir an: Karfreitag lasse man mich noch zufrieden, dann aber müsse ich wieder zum Tennis und den anderen Freizeitaktivitäten erscheinen. Schließlich gehe das Leben außerhalb des Krankenhauses weiter. Sie hatten aus ihrer Sicht wohl Recht. Für sie hatte im Freundeskreis ein Betriebsunfall stattgefunden, auf den man einige Tage Rücksicht nehmen musste, dann aber war wieder Normalität zu fordern. (Ich kann hier aber anfügen, dass gerade diese beiden Freunde im Laufe der nächsten Tage und Wochen am deutlichsten wahrnahmen, dass es sich nicht um eine schnell vorübergehende Panne handelte, sondern um einen tiefen Einschnitt in unser Leben - und ihr Verhalten darauf einrichteten. Sie waren - und sind - uns in vielen Belangen eine wertvolle Hilfe geworden . Gegen Mitternacht erst waren Katja und ich zu Hause.

Am nächsten Tag - Karfreitag, 28.3 . – kam Ariane herüber – die Familie war inzwischen auch nach Spanien in die Ferien gekommen. Sie brachte auf meinen Wunsch ihr Faxgerät mit, so dass ich problemfrei und schnell mit der Schule in Kiel kommunizieren konnte. Auch sie war erschüttert, dass Hella im Krankenhaus lag. Ich faxte gleich unsere Schule an, beschrieb den neuesten Stand der Dinge.

Als ich an diesem Tag gegen 17.30 aus der Klinik nach Hause kam, spendierte ich eine Flasche Sekt. Ich war glücklich und aufgekratzt, weil es bei Hella zum ersten Mal einen deutlichen Fortschritt gegeben hatte: Um 13.00 war ich in der Klinik gewesen - Norbert hatte mich hingefahren. Hella weinte wieder still in sich hinein, als ich vom bewegenden Telefonat mit ihrem Vater berichtete, beruhigte sich aber schnell. Es war vor allem ihre Mimik, die mich euphorisch machte. Die Muskulatur des Gesichtes gehorchte wieder (fast) normal; sie konnte lachen, den Mund spitzen - Aktivitäten, die am Vortag noch vollständig misslungen waren.

Außerdem interessierte sie sich wieder für Dinge um sie herum: Meine Hosentasche beulte sich, meine Haare saßen nicht richtig. Ihre Augen blickten hell und klar. Auch das Sprechen war besser, kleine Sätze gelangen recht oft. Sie sprach an diesem Nachmittag vieles richtig nach, sagte auch manches aus eigener Erfindung, war sehr auf die Arbeit konzentriert, auch als wieder der verwünschte Fernseher bei der Nachbarin lief. Ich unterstützte, lobte, freute mich. Sie saß sogar eine Weile frei - ungestützt - im Bett. Sie hatte das energisch gefordert. Um 17.00 war Katja da; sie wollte eigentlich bis 18.00 bleiben, aber nach fünfzehn Minuten fragte Hella, ob ich noch einmal wiederkäme, und als ich bejahte, sagte sie, wir sollten nun gehen, sie sei müde. Wir fuhren nach Hause.

Um 19.30 brachte ich Lena und Norbert zur Oster-Prozession nach Marbella und war um 20.00 pünktlich in der Klinik. Hella war wach und gut gelaunt. Wir machten einige Übungen - mit dem Arm und dem Bein und auch Sprechübungen. Sie wollte wissen, ob wir Gäste im Hause haben - es existierte für sie also schon wieder eine Welt außerhalb des Krankenhauses, über die sie sich Gedanken machte. Schön!

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Der Schlaganfall und seine Folgen
Untertitel
Aus der Bahn geworfen
Autor
Jahr
2012
Seiten
99
Katalognummer
V206652
ISBN (eBook)
9783656343127
ISBN (Buch)
9783656343554
Dateigröße
11006 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bahn, geschichte, schlaganfalls, folgen
Arbeit zitieren
Horst Klein (Autor), 2012, Der Schlaganfall und seine Folgen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206652

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