Die Wiedergeburt eines "neuen Menschen" in der Renaissance

Exemplarische Betrachtungen in Philosophie, Kunst und Gesellschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Die Renaissance: Zur Problematik einer einheitlichen Begriffs- und Epochenbestimmung
1.2 Zielsetzung und Herangehensweise

2. Der Aufbruch in eine neue Zeit
2.1 Florenz als „Idealbild“ einer Renaissancestadt
2.2 Politische, soziale und ökonomische Spannungen
2.3 Errungenschaften in Wissenschaften und Technik

3. Wandlungsprozesse im philosophischen Denken

4. Menschenbilder in der Renaissance
4.1 Veränderte Selbst- und Wirklichkeitswahrnehmung
4.2 Die Geburt eines „neuen Menschen“ am Beispiel der Kunst2
4.2.1 Leonardo da Vinci (1452-1519)
4.2.2 Michelangelo Buonarroti (1475-1564)

5. Resümee und Stellungnahme

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Die Renaissance: Zur Problematik einer einheitlichen Begriffs- und Epochenbestimmung

Der Begriff Renaissance (franz. „Wiedergeburt“) wurde im 19. Jahrhundert entlehnt und wird im Allgemeinen zur Bezeichnung der kulturgeschichtlichen Epoche zwischen Mittelalter und Neuzeit beziehungsweise als Epochenschwelle und Beginn des „modernen“ Denkens verwendet. „Wiedergeburt“ meint hier im Wesentlichen den für das 15. Jahrhundert charakteristischen Rückgriff auf Werte, Denk- und Darstellungsformen der griechisch-römischen Antike.[1] Allerdings ist es in der Renaissanceforschung höchst umstritten, ob es sich hierbei auch um eine Selbstdeutung damaliger Gelehrter handelt, und inwiefern die „Wiedergeburt der Antike“ auf feststellbaren Daten und faktischem Wissen beruht. Des Weiteren scheint auch die gängige Epochendreiteilung Antike, Mittelalter und Neuzeit sehr verkürzt, wobei vor allem die jeweiligen Übergänge problematisch und schwer zu fassen erscheinen. Wenn die Renaissance den Übergang oder den Beginn der Neuzeit markiert, stellt sich zunächst die Frage, worin genau ihre „Neuzeitlichkeit“ besteht. Hierzu gibt es sehr kontroverse Ansichten in der Forschungsliteratur, eine genaue und umfassende Festsetzung neuzeitlicher Inhalte kann deshalb nicht geleistet, und die Frage nach der Begründbarkeit historischer Einteilungen nicht eindeutig beantwortet werden.[2]

Die Frage nach einer zeitlichen Eingrenzung oder gar genauen Bestimmung dieser Epoche hängt vom jeweiligen Forschungsgegenstand sowie der kultur- und geistesgeschichtlichen Perspektive ab. So wird der Zeitraum der „Renaissance“ beispielsweise in der Musikwissenschaft auf andere Weise umrissen, als etwa aus kunsttheoretischer oder philosophischer Perspektive. Gemeinsam scheint den verschiedenen Ansätzen allerdings zu sein, dass sie mit der Renaissance den Beginn eines Wandels markieren, der in Italien beginnend schon in die Zeit des Mittelalters zurückreicht und sich nach und nach auf ganz Europa ausbreitet. Auch wenn die umgangssprachlich häufig vorgenommene Gleichsetzung mit einer „Wiedergeburt“ antiker Werte und Ideale nicht unproblematisch ist, kann in vielen wissenschaftlichen und künstlerischen Bereichen zu dieser Zeit eine „Identifikation mit der klassischen Antike“ sowie eine immer präziser werdende „Nichtidentifikation mit dem Mittelalter“ konstatiert werden.[3]

In vielen geistesgeschichtlichen Darstellungen wird als Beginn der vielfältigen und einflussreichen Wandlungsprozesse bereits das 14. Jahrhunderts angeführt, wobei in diesem Kontext in erster Linie auf Italien, insbesondere Florenz, als Geburtsstätte des „Neuen“ verwiesen wird. Der Begriff „Renaissance“ diente zunächst lediglich als bildungstheoretische beziehungsweise kulturgeschichtliche Kategorie und emanzipierte sich erst einige Zeit später aufgrund der weitreichenden Einflüsse und Folgen zu einem (begrifflich) eigenständigen Epochenbegriff. Da im Zuge des ökonomischen, sozialen und geisteswissenschaftlichen Wandels ein neues Bewusstsein in Wissenschaft und Künsten, und damit korrelierend ein verändertes Selbst- und Weltbild bei großen Teilen der Bevölkerung entstand, ist es durchaus legitim, die Zeit zwischen Mitte des 14. bis ungefähr Mitte des 17. Jahrhunderts der Renaissance zuzuschreiben und diese Epoche vom Mittelalter (zumindest terminologisch) abzugrenzen.[4]

Der fälschlich oft gleichgesetzte Begriff „Humanismus“ kann in diesem Kontext als kulturgeschichtliche Strömung definiert werden, während der Begriff „Renaissance“ eher für die Bezeichnung eines umfassenden zeitlichen und kulturellen Rahmens steht. Bei einer wissenschaftlichen Betrachtung von zeitgeschichtlichen Epochen ist es wichtig, sich der fließenden Übergänge bewusst zu sein; keine Epoche beginnt unabhängig von früher liegenden Entwicklungen, die bestimmten Wandlungsprozessen den Weg ebnen. Auch wenn eine ungefähre zeitliche Eingrenzung der Renaissance aus pragmatischer Sicht sinnvoll sein kann, verfälscht eine zu präzise Abgrenzung den „Aussagewert“, da eine solche Darstellungsweise die Möglichkeit einer isolierten Betrachtung historischer Phänomene nahelegt, die unter keinen Umständen gegeben ist. So bricht beispielsweise das ausgehende Mittelalter durch das Auftreten Petrarcas nicht unvermittelt ab, genauso wenig ist das Renaissancedenken durch das Bekanntwerden der Lehren Descartes plötzlich Vergangenheit[5].

Des Weiteren muss betont werden, dass sich der Ausdruck einer „Neufassung von Denken und Methode“[6] nicht auf einzelne Erscheinungen in Kunst und Gesellschaft beschränkt, genauso wenig betrifft die Wandlung nur einige revolutionäre Künstler oder Wissenschaftler. Mit dem Begriff „Renaissance“ muss eine umfassende Aufbruchsstimmung verstanden werden, die den Beginn der „Neuzeit“ insofern markiert, als dass die dem Begriff inhärente „Wiedergeburt“ nicht nur die antike Kunst und Philosophie betrifft, sondern als Folge auch eine veränderte Selbstdeutung und die immer stärker werdende „Bewußtheit einer Neuheit“ der Menschen zu dieser Zeit impliziert.[7] In Wissenschaften, Religion und Philosophie, Wirtschaft, Politik und dem sozialen Leben, sowie in den neuen Ausdrucksformen in Literatur, Dichtung, Kunst und Architektur wird ein neues Selbstverständnis des Menschen deutlich, das im Folgenden mit dem Begriff „Menschenbild“ bezeichnet ist.

1.2 Zielsetzung und Herangehensweise

Der Verweis auf die Vielfältigkeit der Phänomene und bedeutenden Gestalten in der europäischen Renaissance ist wichtig, um im Folgenden nicht den Eindruck einer auch nur annähernd erreichbaren Vollständigkeit zu erwecken. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird es mir nur möglich sein, exemplarische Darstellungen vorzunehmen, um anhand einer kleinen Auswahl von Beispielen in den Bereichen Gesellschaft, Philosophie, Naturwissenschaft und Kunst den zugrundeliegenden Zeitgeist zu vermitteln, welcher sich nicht nur vielseitig äußerte, sondern revolutionäre Folgen in der europäischen Geschichte im Speziellen, aber auch der Weltgeschichte im Algemeinen hatte. Die Folgen der geistesgeschichtlichen Entwicklungen in der Renaissance prägen unser Denken sowie unser Welt- und Selbstverständnis bis heute; deshalb ist diese Zeit auch aus philosophischer Perspektive von so großer Relevanz. Zudem brachte die Epoche der Renaissance eine Vielzahl sehr beeindruckender Persönlichkeiten künstlerischen, poetischen, literarischen und philosophischen Schaffens hervor, weshalb dieses Zeitalter in sämtlichen wissenschaftlichen Disziplinen gesonderte Betrachtung erfährt und die Artefakte bis heute vielseitig rezipiert werden. Neben den beachtlichen Leitungen in der Kunst kann die Renaissance als Zeitalter der größten menschlichen Entdeckungen und Reformen bezeichnet werden. Galilei, M achiavelli, Michelangelo, Da Vinci und Columbus sind nur einige der zentralen Gestalten, die eine „Wiedergeburt“ in der Renaissance durch ihren veränderten Blick auf die Welt und das Subjekt erst möglich gemacht haben. Die Ebenen der gegenseitigen Beeinflussung äußerer Umstände und verinnerlichter Denk- und Handlungsmuster können im Rahmen dieser Abhandlung leider nur skizziert werden. Bedeutend ist der Hinweis, dass weder die Epoche der Renaissance an sich, noch einzelne Erscheinungsformen eines neuen Denkens und Handelns isoliert betrachtet werden und immer nur aus dem historischen Gesamtkontext heraus begriffen werden können.

Ziel dieser Arbeit wird es sein, einige relevante Gesichtspunkte eines umfassenden Umwälzungsprozesses zu beschreiben, indem zunächst die politischen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen angesprochen werden, dessen Wurzeln bereits im Mittelalter zu verorten sind. Im weiteren Verlauf möchte ich einige wichtige Wegbereiter des neuen Denkens und Selbstverständnisses erläutern, welches als zentralen Charakteristikum der europäischen Renaissance gelten kann und sich in neuartigen inhaltlichen und formalen Darstellungs- und Ausdrucksweisen in kulturellen Bereichen äußerte.

Abschließend soll unter Bezugnahme auf diese kulturellen und wissenschaftlichen Phänomene das in dieser Epoche entstehende Menschenbild in Abgrenzung zur im mittelalterlichen Denken verwurzelten Auffassung der Beziehung zwischen Subjekt und Welt betrachtet werden.

2. Der Aufbruch in eine neue Zeit

2.1 Florenz als „Idealbild“ einer Renaissancestadt

Als Ausgangspunkt der gesellschaftlichen Veränderungen, die zu einem Umdenken und einer Umdeutung der Welt- und Selbstsicht in der Renaissance geführt haben, wird in der Forschungsliteratur verbreitet die italienische Renaissance mit Bezugnahme auf „Florenz als Mittelpunkt einer neuen Welt“[8] gewählt.

Es wird jedoch in diesem Kontext auch davor gewarnt, Florenz zu sehr in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen, mit dem nachvollziehbaren Hinweis auf andere kulturelle Zentren in Italien wie etwa Ferrara, Mantua und Venedig. Zudem übersehe man nur allzuleicht die internationalen Verflechtungen dieser Zeit und die Einflüsse, die auch von anderen europäischen Ländern wie etwa Frankreich und England ausgingen. Spätestens seit Jacob Burckhardt dient Florenz als idealtypische Renaissancestadt, die zur Verdeutlichung vielfältiger Entwicklungen herangezogen wird.[9]

Dennoch kann Florenz als geeignetes Beispiel einer renaissancegeprägten Stadt dienen, die sich nicht zuletzt auch aufgrund der hohen Dichte an Künstlern und einflussreichen Denkern zur Bezugnahme eignet. Allerdings sollte hierbei von einer zu idealisierten sowie isolierten Darstellung abgesehen werden, da auch in Florenz als sozusagen „Prototyp“ einer Renaissancestadt Widersprüche und interne Brücke erkennbar waren. Da Florenz trotz dieser Bedenken als künstlerischer Mittelpunkt und europäischer Ausgangspunkt umfassender Strömungen und Entwicklungen gesehen wird, möchte ich diese Stadt zur exemplarischen Darstellung jener Wandlungen heranziehen, welche die in vielerlei Hinsicht revolutionären Postulate einer „Selbstbefreiung des Denkens“ und eines „Zusichselbstkommens des Individuums“ trugen[10].

Wichtig erscheint mir an dieser Stelle der Hinweis, dass die Renaissance nur eine der zahlreichen historischen Anknüpfungen an das antike Gedankengut darstellt, wodurch auch das 12. Jahrhundert bereits Elemente einer „Renaissance“ aufwies. Die Idee, traditionelle Werte wieder aufzugreifen und durch ein Wiederaufleben etwas „Neues“ zu schaffen, ist also geschichtlich weder einmalig noch neu. Allerdings erreichten die Veränderungen in der europäischen Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert einen noch nie vorher da gewesenen Höhepunkt, wodurch die Auffassung der Renaissance als „Durchbruch zur Rationalität und Individualität als Kennzeichen des neuzeitlichen Menschen“[11] verständlich wird.

2.2 Politische, soziale und ökonomische Spannungen

Um die geschichtliche Situation zur Zeit der Renaissance im Italien des 15. Und 16. Jahrhunderts begreifen zu können, müsste man weit bis in Mittelalter zurückgehen. Ich beginne im Rahmen des Umfangs dieser Arbeit im 14. Jahrhundert, das sich durch eine krisenhafte soziale und politische Situation auszeichnete. Zunächst brach die seit dem 11. Jahrhundert aufgebaute wirtschaftliche Expansion allmählich zusammen, wodurch die „Aufwärtsentwicklung der Städte endete“ und unausweichlich soziale Spannungen und politische Konflikte zunahmen. Ein wesentliches Problem im ausgehenden Mittelalter waren die sozialen Unterschiede, die sich aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage immer weiter verschärften, und die gegensätzlichen Interessen von Stadtadeligen, Kaufleuten und der Masse der Lohnempfänger, was wiederum verbreitet zu Aufständen und Streiks führte. Vor allem Baueraufstände wurden immer häufiger und teilweise blutig ausgetragen. Die Verstärkung sozialer Gegensätze führte zu einem stetig anwachsenden Reichtum einiger weniger Bürgerfamilien und einer gleichzeitigen Verarmung einfacher Arbeiter- und Bauernfamilien. Im Zuge dieser Spannungen gewannen weltliche und geistige Fürsten immer mehr an politischer Macht und schwächten die ohnehin angeschlagene Masse der Stadtbevölkerung, bei welcher schon bald eine „resignative Stimmung“ bemerkbar wurde.[12]

Neben diesen Entwicklungen waren es mehrere Hungersnöte, daraus resultierende Seuchen und schließlich die in einem unvorstellbaren Ausmaß über ganz Europa wütende Pest von 1348, die nicht nur die Bevölkerungszahl erheblich dezimierte, sondern der schwarze Tod schien auch die „Nichtigkeit irdischen Strebens zu beweisen“[13]. Wie verheerend zudem die Auswirkungen auf ein ganzes Zeitalter waren wird deutlich, wenn Beteiligte selbst von einem „moralischen Niedergang“ durch das Aufkommen der Pest berichten. So schreibt der Zeitgenosse Matteo Villani in diesem Zusammenhang: „Haltlos stürzte sich fast ganz unsere Heimatstadt in ein unehrenhaftes Leben“[14] . Die Pest stellte zudem eine enorme Herausforderung für Medizin, Wissenschaft und Naturphilosophie dar, in einer Zeit, in der die Menschen ihr Vertauen in die Wissenschaft verloren hatten, und auch das „Vernunftvertrauen, das mit der wirtschaftlichen und kulturellen Expansion seit dem 11. Jahrhundert gewachsen war, geriet in die Krise (…)“.[15]

[...]


[1] vgl. Duden 2001: 668

[2] vgl. Gerl 1989: 7

[3] vgl. Gerl 1989: 1

[4] vgl. Keßler 2008: 7

[5] vgl. Keßler 2008: 7

[6] Gerl 1989: 1

[7] vgl. Gerl 1989: 2

[8] Flasch 1986: 514

[9] vgl. Flasch 1986: 514 f.

[10] vgl. Gerl 1989: 8

[11] Gerl 1989: 9

[12] vgl. Flasch 1986: 364

[13] Flasch 1986: 364

[14] zitiert nach Flasch 1986: 364

[15] Flasch 1986:365

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Wiedergeburt eines "neuen Menschen" in der Renaissance
Untertitel
Exemplarische Betrachtungen in Philosophie, Kunst und Gesellschaft
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Subjekt- und Wirklichkeitserfahrung in der Renaissance
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V206671
ISBN (eBook)
9783656338581
ISBN (Buch)
9783656339397
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Renaissance, Philosophie, Kunst, Subjekt, Menschenbild, Florenz, Da Vinci, Michelangelo
Arbeit zitieren
Nicole Borchert (Autor), 2012, Die Wiedergeburt eines "neuen Menschen" in der Renaissance, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206671

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Wiedergeburt eines "neuen Menschen" in der Renaissance



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden