Diachronisch betrachtet hat sich das Wort ‚Créole‘ seit der Entdeckung Amerikas bis
heute hin sehr verändert. Im Verlauf meiner Arbeit ist folgende der zahlreichen
Definitionen am wichtigsten: „Kreolisch (créole, criollo, …) ist heute der Name, den
die Sprecher selbst ihrer Sprache gegeben haben[…]“. Zu diesen Sprechern zählen
auch die Einwohner der westlichen Inselhälfte von Hispaniola, besser bekannt als
Haïti. In der Kolonialzeit im 15. Jahrhundert kam es zur Ausrottung der
Urbevölkerung in Haïti und erst im 17. Jahrhundert wurden afrikanische Sklaven
importiert. Die unterschiedlichen Sprachen erschwerten die Kommunikation
zwischen Kolonialherren und Sklaven, aber auch zwischen den Sklaven selbst, da
diese nicht alle aus derselben Region gebracht wurden, um Verschwörungen zu
vermeiden. Kontakt zwischen Menschen, Kulturen und Sprachen war jedoch
unumgänglich im Alltag, sodass sich beispielsweise neue Sprachen entwickelten, die
anfangs nur zur gegenseitigen Verständigung dienten (Pidginsprachen), aber auch
schon bald Muttersprache für die Sklavenbevölkerung wurden (Kreolsprachen). In
Haïti spielt vor allem die französische Kreolsprache eine besondere Rolle, da
Französisch die Sprache der dominierenden Kolonialherren war.
Die Kolonialisierung von Haïti ist ein bedeutender Aspekt in der Entstehung der dort
gesprochenen Kreolsprache, weswegen ich zuerst auf historische Ereignisse
zurückgreifen und anschließend den Stellenwert der dominierenden Sprachen
Französisch und Créole klären möchte, wobei hier nicht nur der alltägliche Gebrauch
eine große Rolle spielt, sondern auch die Sprachpolitik. Um die Unterschiede der
Sprachen deutlicher zu machen, werde ich das haïtianische Volksmärchen „Istwa
Bouki ak Malis“ auf linguistische Merkmale untersuchen.
Herrscht in Haïti eine ausgewogene Diglossie oder ist Créole aufgrund historischer
Hintergründe minderwertiger als Französisch?
Diese wichtige Frage erstreckt sich durch die gesamte Arbeit und wird nach den
ganzen Untersuchungsergebnissen zum Schluss geklärt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Entstehung des Sprachraumes
3 Sprachsituation nach der Kolonialzeit und der Unabhängigkeit
3.1 Créole in Haïti
3.2 Französisch in Haïti
3.3 Sprachkontakt
4 Sprachpolitik
4.1 Justiz
4.2 Bildung
4.3 Medien und Öffentlichkeit
5 Analyse der linguistischen Merkmale des Créole anhand des haïtianischen Volksmärchens „Istwa Bouki ak Malis“
5.1 Phonetik und Phonologie
5.2 Morphosyntax
5.3 Lexik
6 Schluss
7 Bibliographie
7.1 Sekundärliteratur
7.2 Internetquellen
7.3 Bildquellen
8 Anhang
8.1 Volksmärchen „Istwa Bouki ak Malis“ Kreolfassung
8.2 Volksmärchen „L’histoire de Bouki et Malie“ Französischfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die sprachliche Situation in Haïti mit einem Fokus auf das Verhältnis zwischen dem Französischen und dem haïtianischen Kreol (Créole). Ziel ist es, historische Hintergründe der Entstehung der Kreolsprache zu beleuchten, den aktuellen Stellenwert beider Sprachen in Politik und Alltag zu analysieren und linguistische Unterschiede anhand eines Volksmärchens herauszuarbeiten, um die Frage nach einer möglichen Diglossie zu klären.
- Historische Entwicklung der Sprachverhältnisse durch Kolonialisierung und Sklavenimport.
- Analyse der offiziellen Sprachpolitik in den Bereichen Justiz, Bildung und Medien.
- Linguistische Untersuchung von Phonetik, Morphosyntax und Lexik des haïtianischen Kreol.
- Vergleichende Analyse des Volksmärchens „Istwa Bouki ak Malis“.
- Bewertung des Status und Prestiges des Créole gegenüber dem Französischen.
Auszug aus dem Buch
5.1 Phonetik und Phonologie
Vor allem in der lautlichen Struktur des Créole gibt es große Unterschiede zu dem Französischen. Dies liegt daran, dass damals eine ältere Version des Französischen gesprochen wurde oder aber auch der Einfluss der afrikanischen Sprachen der Sklaven hat viel dazu beigetragen. Da es eine Menge Abweichungen gibt, werde ich die auffälligsten und am häufigsten vorkommenden vorstellen.
In allen französischen Kreolsprachen fehlen die gerundeten Palatalvokale und an Stelle dieser sind die gespreizten Palatalvokale getreten. Zum Beispiel werden [ø] und [œ] zu [e] und [ɛ], sodass das Wort deux [dø] zu de [de] wird. Weil sie anstelle des neufranzösischen [wa] Lauts den älteren Lautstand [we/wɛ], wie bei voir [vwaʀ] – wé [wɛ], bewahrt haben, gelten einige französische Kreolsprachen als sehr konservativ. Faire [fɛʀ], das zu fé [fɛ] wird, zeigt ein eindeutiges Schwinden des Phonems /ʀ/. Dies geschieht wenn es vor einem Konsonanten oder wie in diesem Fall im Wortauslaut nach einem Vokal steht. Es gibt auch Wörter wo das /ʀ/ erhalten ist, jedoch wandelt es sich dann vor einem [o] und [u] in ein [w] um, wie beispielsweise bei féroce [feʀɔs], das zu fewòs [fewɔs] wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der haïtianischen Kreolsprache ein und erläutert die forschungsleitende Frage nach der Diglossie in Haïti.
2 Entstehung des Sprachraumes: Das Kapitel beschreibt die historische Kolonialisierung Haïtis, den Import afrikanischer Sklaven und die daraus resultierende Herausbildung der Kreolsprache.
3 Sprachsituation nach der Kolonialzeit und der Unabhängigkeit: Hier werden der aktuelle Stand des Créole und des Französischen in der Bevölkerung sowie Phänomene des Sprachkontakts beleuchtet.
4 Sprachpolitik: Dieses Kapitel analysiert die rechtliche Stellung und den tatsächlichen Gebrauch beider Sprachen in Justiz, Bildungswesen und öffentlichen Medien.
5 Analyse der linguistischen Merkmale des Créole anhand des haïtianischen Volksmärchens „Istwa Bouki ak Malis“: Anhand eines konkreten Märchens werden die sprachlichen Eigenheiten des haïtianischen Kreol auf phonetischer, morphosyntaktischer und lexikalischer Ebene detailliert untersucht.
6 Schluss: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und beantwortet die Frage, ob in Haïti eine ausgewogene Diglossie vorliegt oder das Französische weiterhin dominiert.
7 Bibliographie: Auflistung der verwendeten wissenschaftlichen Sekundärliteratur, Internetquellen und Bildnachweise.
8 Anhang: Enthält das analysierte Volksmärchen „Istwa Bouki ak Malis“ sowohl in der Kreolfassung als auch in der französischen Fassung.
Schlüsselwörter
Haïti, Créole, Französisch, Kreolsprache, Sprachpolitik, Diglossie, Kolonialisierung, Phonetik, Morphosyntax, Lexik, Sprachkontakt, Istwa Bouki ak Malis, Voudou, Sklavenbevölkerung, Linguistik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die sprachliche Situation in Haïti und das komplizierte Verhältnis zwischen der Amtssprache Französisch und dem in der Bevölkerung weit verbreiteten haïtianischen Kreol.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit umfasst die historischen Ursprünge der Sprache, die aktuelle Sprachpolitik des Landes sowie eine detaillierte linguistische Untersuchung der grammatikalischen und lautlichen Strukturen des Créole.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu klären, ob in Haïti eine ausgewogene Diglossie herrscht oder ob das Kreolische aufgrund historischer und sozialer Faktoren als minderwertig gegenüber dem Französischen betrachtet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Autorin nutzt eine historische Einordnung sowie eine linguistische Analyse des Volksmärchens „Istwa Bouki ak Malis“, um die theoretischen Unterschiede zwischen Französisch und Créole anhand praktischer Textbeispiele aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Entstehungsgeschichte, eine Darstellung der aktuellen Sprachsituation, die Analyse der Sprachpolitik in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen sowie die detaillierte Untersuchung der sprachlichen Merkmale des Kreol.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Diglossie, Kreolsprache, Sprachpolitik, Morphosyntax und der historische Einfluss der Kolonialzeit auf die heutige Sprachentwicklung in Haïti.
Wie unterscheidet sich die Lautstruktur des Créole vom Französischen?
Die Arbeit zeigt auf, dass im haïtianischen Kreol beispielsweise gerundete Palatalvokale fehlen und durch gespreizte ersetzt wurden, zudem findet sich ein häufiges Schwinden des Phonems /ʀ/.
Welche Rolle spielt die Bildungspolitik für die Sprachsituation?
Trotz bilingualer Ansätze in der Grundschule bleibt das Französische die dominierende Sprache der Macht und des höheren Bildungswesens, was eine echte Gleichstellung der Sprachen in der Gesellschaft erschwert.
- Arbeit zitieren
- Selin Sahin (Autor:in), 2012, Französisch und Créole in Haïti, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206731