Kampf der Kulturen - Analyse des Zivilisationsparadigmas von Samuel P. Huntington


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

22 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Das Ende des Kalten Krieges

2 „Kultur“ und „Zivilisation“
2.1 Kultur = biologisches Konstrukt?
2.2 „Du bist anders als ich, also bist du mein Feind“

3 Kulturkreise und Religion

4 Untergang des Westens?
4.1 „Indigenisierung“ (Regionale Anpassung)
4.2 Die konfuzianisch-islamische Bedrohung?
4.3 Mikro- und Makro-Ebene
4.3.1 Exkurs: Der Islam und der Frieden

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

„Die Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei ist nur schwer zu ziehen: Stecken Sie sich einen Ring in Ihre Nase, und Sie sind eine Wilde; stecken Sie sich zwei Ringe in Ihre Ohren, und Sie sind zivilisiert“ – Pearl S. Buck –

Einleitung

Der 11. September 2001 war für den amerikanischen Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington gewiss genauso ein schrecklicher und unvergesslicher Tag wie für das ganze amerikanische Volk. Gleichwohl dürfte sich Huntington dabei in seinen Voraussagen, die er erstmalig 1993 in einem Artikel in einer Zeitschrift und drei Jahre später in einem Buch mit dem Titel „Clash of Civilizations and the Remaking of World Order“ getätigt hatte, bestätigt gefühlt haben. Er proklamierte darin, dass die Politik im 21.Jahrhundert von einem Zusammenprall (bis hin zum Krieg) der Kulturen geprägt sein werde. Huntington spricht dabei gar von einem möglichen Untergang des Westens. Was veranlasste ihn zu diesen Aussagen und was versteht er genau unter Kulturen bzw. wie differenziert er diese? Um diese Frage zu beantworten, ist es nötig, sich seine Definitionen von „Zivilisation“ und „Kultur“ vor Augen zu führen und das Kernstück seines Werkes, sein entworfenes Zivilisationsparadigma, zu untersuchen. Mit diesem Hintergrund werde ich in dieser Arbeit der Frage nachgehen, inwieweit Huntingtons Welthypothese hilfreich ist, mit dem Blick auf den Status Quo (2012). Vorweg sei gesagt, dass das Echo bei Erscheinen des Artikels und des Buches in der Welt riesig war und der populistische Titel in den folgenden Jahren in vielen Artikeln zu oft vollkommen differenten Thematiken missbraucht wurde.[1] Bei dem Wissen um die Sensibilität dieses Themas scheinen solche Beiträge unpassend. Positiv hervorzuheben sind dagegen Aktionen wie dem YouTube-Video „Stop the Clash of Zivilisations“ der künstlerischen Internetbewegung „avaaz“, die damit sogar den YouTube Award 2007 in der Kategorie „Politik“ gewann.[2]

1 Das Ende des Kalten Krieges

Als Ausgangspunkt der Überlegungen von Samuel P. Huntington steht das Ende des Kalten Krieges. Er sieht diesen als „Cut“, in der Geschichte, der die Welt vor neuen Aufgaben stellte: Die Welt sei „zum ersten Mal in der Geschichte multipolar und multikulturell geworden.“[3] „Die Menschen entdecken heute neue, aber oft eigentlich alte Identitäten und marschieren hinter neuen, aber oft eigentlich alten Fahnen im Kriege mit neuen, aber oft eigentlich alten Feinden.[4] Nicht Ideologien oder wirtschaftliche Interessen bestimmen also in Zukunft die Politik, sondern kulturelle Unterschiede.[5] Mit diesem von ihm erdachten kulturellen Paradigma hätten sich viele Entwicklungen nach dem Kalten Krieg wie der Aufstieg des religiösen Fundamentalismus, die Heftigkeit der Handelskonflikte zwischen den USA und Japan, die Bemühungen östlicher[6] Staaten um den Erwerb von Kernwaffen und andere Entfaltungen, die er einzeln aufzählt, voraussehen lassen können.[7]

In dem Selbstverständnis, wie er sein kulturelles Schema als die Schablone für die Entwicklungen dieser Zeit annimmt, lässt sich eine gewisse Arroganz nicht überlesen. Auch ohne sich näher in die Details der einzelnen Konflikte der Zeit nach dem Kalten Krieg vertieft zu haben, mutet eine alleinige Begründung mit der Verschiedenheit von Kulturen schon sehr banalisiert an.

2 „Kultur“ und „Zivilisation“

Huntington setzt zunächst einmal das Faktum voraus, dass es verschiedene Kulturen schon immer gegeben hat. Kulturen geben dem Menschen nach seiner Meinung eine Identifikation.[8] Er summiert kleine Kulturen zu größeren Kulturkreisen. Der gemeinsame Nenner eines Kulturkreises sind objektive Elemente (Sprache, Geschichte, Religion, Sitten, Institutionen) und die subjektive Identifikation der Menschen mit eben jener Kultur.[9] Der Begriff „Kulturkreise“ ist für ihn ein Synonym zu dem Begriff „Zivilisationen“. Der entsprechende Singular „Zivilisation“ hatte den ursprünglichen Zweck einen Gegensatz zum Begriff der „Barbarei“ darzustellen; bedeutete demnach, dass eine Kultur sesshaft war. Durch die Tatsache, dass nichteuropäische Völker sich zivilisiert haben, wurde der Begriff „Zivilisation“ im Singular aber zunehmend durch den Plural „Zivilisationen“ ersetzt.[10] Huntington ist nicht konform mit der Entsprechung der deutschen Bedeutungen von „Zivilisation“ und „Kultur“, da es da im Gegensatz zu allen anderen Ländern zu einer Unterscheidung der beiden Begrifflichkeiten kommt. „Kultur“ kann sich im Deutschen auch einfach nur auf ideelle Werte und künstlerische Leistungen beziehen, während „Zivilisation“ materielle Faktoren impliziert.[11]

2.1 Kultur = biologisches Konstrukt?

„[Kulturkreise] verschwinden […] auch, und der Sand der Zeiten begräbt sie.“[12] Nach Huntingtons Ansicht hat jede Zivilisation eine Zeit des Aufstiegs, der Blütezeit und des Niedergangs.[13] Er definiert Zivilisationen damit als eine Art „Megalebewesen“[14], der einen biologischen Kreislauf von der Geburt bis zum Tod hat. Mit diesem Verständnis lässt sich auch Huntingtons Angst vor einem Niedergang des Westens erklären, der weiter unten näher erläutert wird. Er befürchtet also womöglich, dass das Lebewesen „Der Westen“ sich im Herbst seiner Zeit befindet und sich allmählich dem Niedergang nähert. Wenn er den Untergang einer Zivilisation de facto voraussetzt, so impliziert das auch eine Unausweichlichkeit von Krieg auf der Welt, denn aus welchem anderen Grund könnte eine Zivilisation sonst zugrunde gehen?

2.2 „Du bist anders als ich, also bist du mein Feind“

Dieser etwas überspitzt gewählte Untertitel spiegelt eine weitere wichtige These in Huntingtons Zivilisationsparadigma wider. Verschiedene Kulturkreise unterscheiden sich also in unterschiedlichen Elementen wie Sprache, Religion, Sitten, Institutionen usw. Um sich mit seiner eigenen Kultur identifizieren zu können, muss man sich von einer anderen abgrenzen: „Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind und gegen wen wir sind“.[15] Das „gegen wen wir sind“ hat hier, genau wie bei seiner Kreation der Kultur als Megalebewesen, wieder eine kriegerische Konnotation. Er schafft „ein Weltbild […], das von der Annahme genuiner, quasi-naturwüchsiger ´Erbfeindschaften´ auszugehen scheint“.[16] An anderer Stelle wird er noch deutlicher, wenn er behauptet, dass Feinde für die Identitätssuche eines Menschen „unabdingbar“ seien und eben diese „potenziell gefährlichsten Feindschaften begegnen uns an den Bruchlinien zwischen den großen Kulturen der Welt.“[17] Huntington überinterpretiert damit die Distinktivitätstheorie der Sozialpsychologie, die er selber in ihrer wahren Form an anderer Stelle aufgreift und liefert sogar ein eigenes passendes Beispiel: „Zwei Europäer, ein Deutscher und ein Franzose, die miteinander interagieren, werden sich selbst und ihr Gegenüber als Deutschen bzw. als Franzosen identifizieren. Zwei Europäer, ein Deutscher und ein Franzose, die mit zwei Arabern, einem Saudi und einem Ägypter, interagieren, werden sich selbst und ihre Gegenüber als Europäer bzw. als Araber definieren.“[18] Warum er diesen unbestrittenen, harmlosen Effekt zu einem falschen und vor allem gefährlichen Denkschema verallgemeinert, bleibt rätselhaft.

3 Kulturkreise und Religion

Da Einteilungen für eine Ordnung sorgen, die den Überblick erleichtern, folgt auch Huntington dieser Logik und teilt die unglaubliche menschliche Vielfalt in sieben oder acht Kulturkreise auf: einen (konfuzianisch) sinischen, einen japanischen, einen hinduistischen, einen islamischen, einen (christlich) orthodoxen, einen (christlich) westlichen und einen lateinamerikanischen. Der mögliche achte Kandidat ist ein afrikanischer Kulturkreis.[19] Hier ist schon bemerkenswert, dass er Afrika nicht sicher eine Zivilisation zusprechen kann. Ein fundamentales Element eines Kulturkreises und somit ein wesentliches Merkmal für die Unterscheidung sei die Religion.[20] Setzt man dieses Merkmal jedoch an seine Kulturkreise an, so muss man Lateinamerika und zumindest den Süden Afrikas als christlich bezeichnen, was dann eine wesentliche Analogie der eigentlich verschiedenen Kulturkreise zur Folge hätte. Zudem müssten die zwei verblieben Weltreligionen, das Judentum und der Buddhismus, auch jeweils einen Kulturkreis bilden, wenn Religion der entscheidende Faktor zur Differenzierung sein soll.[21] Huntington hantiert bei seiner Konstruktion fast wahllos mit religiösen, sprachlichen und geographischen Aspekten. Dergleichen scheint es auch anmaßend z.B. den Islam als Mittel zu nehmen, um über eine Milliarde Menschen verschiedenster Orte, von Indonesien bis Senegal, in eine große „Kulturschublade“ zu stecken.[22]

Die große Bedeutung der Religion lässt Huntington dann auch nicht versäumen, zu erwähnen, dass eben diese zum Zeitpunkt der Produktion des Buches (Ende des 20.Jahrhunderts) in der ganzen Welt eine neue Renaissance erfahre.[23] Ohne es statistisch widerlegen zu können und natürlich geprägt von der heutigen (2012) Situation in Deutschland, empfinde ich die Behauptung, dass auf der ganzen Welt zu der Zeit das Religiöse wieder verstärkt aufkam, als zu pauschal. Seine Begründung, dass der Anstieg von „Nichtgläubigen“ und Atheisten in dem Zeitraum von 1900 bis 1980 von 0,2 Prozent auf zusammen 20,9 Prozent mit der Abnahme der Anhänger von „chinesischen Volksreligionen“ von 23,5 auf 4,5 Prozent im gleichen Zeitraum zusammenhängt, erscheint auch äußerst fragwürdig und spricht eher für ein Verschließen der Augen vor der Realität.[24]

[...]


[1] Zuletzt gesehen in der Juni-2012-Ausgabe der Mitgliederzeitschrift der Bundespartei Bündnis 90/Die Grünen: Unter eben der Überschrift „Kampf der Kulturen?“ wurde die Urheberrechtsdebatte in der Netzwelt debattiert.

[2] Ein Internetblog von dem Rabbi Brant Rosen: http://rabbibrant.com/2008/03/23/stop-the-clash-of-civilizations/ [07.08.2012].

[3] HUNTINGTON, Samuel. P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21.Jahrhundert, 4.Aufl., München 2002; S. 20.

[4] Ebd. S. 18.

[5] Vgl ebd. S.21.

[6] Huntington spricht hier genauer von „islamischen“ und „konfuzianischen“ Staaten. Diese Begriffe nimmt er aus seiner Einteilung der Welt in verschiedene große Kulturkreise, die ich aber für unangemessen halte und daher nicht übernehme.

[7] Vgl. Huntington, S. 45-48.

[8] Vgl. Huntington, S.49.

[9] Vgl. ebd. S.53.f.

[10] Vgl.ebd. S.50.

[11] Vgl. ebd. S.51.

[12] Ebd. S. 55.

[13] Vgl. ebd. S.55

[14] CAGLAR, Gazi: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen. Der Westen gegen den Rest der Welt, Hannover 1997, S. 35.

[15] Huntington, S. 21.

[16] RIESEBRODT, Martin: Die Rückkehr der Religionen. Fundamentalismus und der „Kampf der Kulturen“, München 2000, S. 21.

[17] Huntington, S. 18.

[18] Huntington, S. 95.

[19] Vgl. ebd. S. 57-62.

[20] Vgl. ebd. S. 52-53, 413.

[21] Vgl. Riesebrodt, S. 17.

[22] Vgl. TODOROV, Tzvetan: Die Angst vor den Barbaren. Kulturelle Vielfalt versus Kampf der Kulturen, Hamburg 2010, S. 119.

[23] Vgl. Huntington, S.89.

[24] Vgl. ebd. S. 90.

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Details

Titel
Kampf der Kulturen - Analyse des Zivilisationsparadigmas von Samuel P. Huntington
Veranstaltung
Interkulturelles Kompetenztraining. Theorie-Übung-Reflexion
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V206883
ISBN (eBook)
9783656337348
ISBN (Buch)
9783656337898
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kampf, kulturen, analyse, zivilisationsparadigmas, samuel, huntington
Arbeit zitieren
Daniel Albers (Autor), 2012, Kampf der Kulturen - Analyse des Zivilisationsparadigmas von Samuel P. Huntington, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206883

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