Edouard Houdremont - Seine Rolle als Manager bei Krupp in den 30er und 40er Jahren, seine Zusammenarbeit mit den Nazis und seine Verurteilung als Kriegsverbrecher im Krupp-Prozess


Essay, 2012

23 Seiten


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Nur ein Familienchronik? oder

Der schamlose Versuch der Rehabilitierung eines Kriegsverbrechers!

In der grössten luxemburgischen Tageszeitung „Luxemburger Wort“ vom 7. Juni 2012 versucht Raymond Schaack,ein luxemburgischer Historiker, im Rahmen der 200-Jahrfeier des Krupp-Konzerns, zwei Kriegsverbrecher, luxemburgischer Abstammung, in einem Lichte darzustellen, so als sei es für Luxemburg eine Ehre, dass sie, Paul Goerens und Edouard Houdremont, in der Nazi-Zeit eine führende Rolle im Krupp-Konzern gespielt haben. Darüber hinaus sei vorab bemerkt, dass es eine Schande ist, wenn solche Beiträge (fast) kommentar- und reaktionslos hingenommen werden.[1]

Da der Beitrag nur am Rande auf die Person Paul Goerens eingeht und sich hauptsächlich mit Edouard Houdremont, einem engen Freund der Familie Schaack, beschäftigt, wollen wir uns auch auf die Darstellung der kriegsverbrecherischen Machenschaften Houdremont‘s beschränken, wobei wir auf seine, von Fachleuten anerkannte, wissenschaftliche Tätigkeit und Kompetenz im Stahlbereich nicht eingehen werden, obwohl es gerade die in diesem Bereich entwickelte Leistung war, die ihn zum Krupp-Konzern brachte.

Ein deutscher Ingenieur, „zur totalen Dienstbarkeit bereit“

Aus der Biografie Houdremont‘s wollen wir nur einige Aspekte herausstreichen, die uns im Rahmen dieses Beitrags interessieren.

- Von 1916 bis 1919 studierte Houdremont Ingenieurwissenschaften an der Technischen Hochschule zu Berlin. Von 1919 bis 1921 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent an derselben Hochschule, an der er im Juli 1921 zum Dr. Ing. promovierte. In den Jahren 1922 bis 1926 arbeitete er als Direktionsassistent bei den Krefelder Edelstahlwerken – parallel dazu lehrte er Eisenhüttenkunde an der TH Aachen. Ab 1935 war er Honorarprofessor für Eisenhüttenkunde der Technischen Hochschule Aachen[2].
- Im Oktober 1926 erhielt er eine Anstellung bei der Friedrich Krupp AG in Essen in der Gussstahlfabrik als Direktoriumsassitent im Stahlbereich. Im Januar 1930 wurde er zum Prokuristen befördert. Im Juli 1932 wurde er mit der Leitung des Bereiches Metallurgie beauftragt und zum stellvertretenden Leiter der Stahlwerke ernannt. 1936 wurde er Leiter des Bereiches Stahlforschung. Im Oktober 1938 erfolgte die Ernennung zum stellvertretenden Direktor der Friedrich Krupp AG – zu dieser Zeit wurde er auch Berater beim Beauftragten für den Vierjahresplan, Hermann Göring. Durch eine Anordnung von Gustav Krupp vom 8. März 1941 wurde er, zu jener Zeit verantwortlich für die Stahlherstellung im Stammwerk, zum Vorstandsmitglied der Kruppwerke berufen. 1942 wurde er durch Albert Speer zum Sonderbeauftragten für Metallumstellung auf Sparstoffe im Reichsministerum für Rüstung und Kriegsproduktion beordert[3]. Im April 1943 erfolgte seine Beförderung zum ordentlichen Vorstandsmitglied mit Zuständigkeit für die Bereiche Metallurgie und Stahlfabriken[4] &[5]. Im November 1943 erweiterte er seine Zuständigkeit um den Bereich Maschinenfabriken. Nach der Umfirmierung der Krupp AG in Friedrich Krupp Werke (bis dahin war Bertha Krupp alleinige Besitzerin) im Dezember 1943 wurde der „Wehrwirtschftsführer“[6] Houdremont Mitglied des Direktoriums der Firma – dann bis 1944, Generalbevollmächtigter der Friedrich Krupp Werke – faktisch Chef des Familienunternehmens und von Rüstungsminister Speer gerühmt als erfreuliches Gegengewicht zum „überalterten Krupp-Geist“[7]. Im September 1944 übernimmt er auch die Leitung der Gussstahlfabrik.[8] &[9]
- Sofort nach der Machtergreifung Hitlers, führte das aggressive Vorgehen der Nazis auch in der Firma Krupp zu personellen Veränderungen. Mehrere Mitglieder des Aufsichtsrats wurden von den Nationalsozialisten attackiert, weil sie „Juden“ waren. Im Spätsommer 1934 startete der Stellvertretende Direktor der chemisch-physikalischen Versuchsanstalt Krupps, Adolf Fry, auch einen Angriff auf die „Ausländer“ im Krupp-Management, die des „Hochverrats“ schuldig seien. Die Antwort des Firmeneigentümers, Gustav Krupp, bestand darin, dass er den Denunzianten, nicht die Denunzierten, hinauswarf. „Durch ihr Vorgehen haben Sie nicht nur das Ansehen der Herren auf das schwerste geschädigt, sondern auch den Ruf der Firma gefährdet“, so Gustav Krupp im Entlassungsschreiben. Houdremont‘s Antwort auf die Attacken Fry‘s bestand darin, dass er die deutsche Staatsbürgerschaft annahm[10].
- Am 1. Juli 1940 trat er in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 8301922) – er behauptete später[11], Göring habe ihn zum Parteieintritt gedrängt – an anderer Stelle behauptet er diesen Schritt unternommen zu haben, um eine bessere Ausgangsbasis bei seinen Bemühungen zu haben, seinen von der Gestapo verhafteten Schwippschwager, den Zentrumspolitiker Bruno Kurowski, aus der Haft frei zu bekommen[12]. In diesem Zusammenhang sei er auch bei Göring vorstellig geworden.
- Im November 1947 wurde Houdremont im Rahmen des Krupp-Prozesses vor dem US-Militärtribunal IIIa angeklagt – die Anklageschrift wurde am 17. November 1947 vorgelesen – der Prozess dauerte vom 8. Dezember 1947 bis zum 31. Juli 1948 – Houdremont‘s Verteidigung übernahm der Anwalt Walter Siemers, dem als Assitentin Houdremont‘s Schwägerin (Schwester seiner Ehefrau) Aenne Kurowski-Schmitz, zur Seite stand[13]. Im Juli 1948 wurde er in zwei von acht Anklagepunkten für schuldig befunden und zu einer zehnjährigen Freiheitsstrafe verurteilt[14]. Am 31. Januar 1951 wurde seine Strafe durch den US-Hochkommissar John Jay McCloy auf die zu diesem Zeitpunkt verbüsste Strafzeit reduziert. Am 4. Februar 1951 erfolgte seine vorzeitige Entlassung.

Edouard Houdremont war ab 1916 in Deutschland – er verbrachte, vorerst als Student, und später als Dozent, ein Grossteil seiner Arbeits- und Lebenszeit an Technischen Hochschulen und Universitäten in Deutschland, also an Ausbildungsstätten, die als ein Hort nationalistischer und antisemitischer Gesinnung galten. Es kann daher nicht verwundern, „dass das Gedankengut der Nationalsozialisten, nach deren Machtergreifung, bei den Ingenieuren auf fruchtbaren Boden fiel.“[15] Wichtiger als die weltanschauliche Übereinstimmung mit dem Nationalsozialismus war jedoch für die Ingenieure als Berufsgruppe, dass sie vom neuen Regime gebraucht wurden. Die Männer an der Spitze der deutschen Industrie, wie Houdremont selbst, verkörperten einen Menschentypus, wie ihn schon der Philosoph Friedrich Nietzsche vorausgeahnt und wie ihn Himmler für seine „neue“ SS wünschte: ein Menschentypus, hervorgegangen „aus der Verbindung von strammer Polytechnikerbildung und Militärwesen, „in der Synthese also zweier Berufsbilder mit der gleichen Tendenz zu totaler Dienstbarkeit“.[16]

„Wenn man ein gutes Pferd kauft, muss man ein paar Mängel hinnehmen“

Wie sah Edouard Houdremont diese „Dienstbarkeit“?[17]

Generell hatten sich die Rüstungsmonopole mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg keineswegs abgefunden. In einer Rede im Januar 1944 bestätigte Gustav Krupp die heimliche „Wehrhaftmachung“ unmittelbar nach dem Kriege: „Es ist das grosse Verdienst der gesamten deutschen Wehrwirtschaft, dass sie in diesen schlimmen Jahren nicht untätig gewesen ist, mochte auch aus einleuchtenden Gründen ihre Tätigkeit dem Lichte der Öffentlichkeit entzogen sein. In jahrelanger stiller Arbeit wurden die wissenschaftlichen und sachlichen Voraussetzungen geschaffen, um zu gegebener Stunde... wieder zur Arbeit für die deutsche Wehrmacht bereitzustehen Nur durch diese verschwiegene Tätigkeit deutschen Unternehmertums... konnte nach 1933 unmittelbar der Anschluss an die neuen Aufgaben der Wiederwehrhaftmachung erreicht, konnten dann auch die ganz neuen vielfältigen Probleme gemeistert werden“.[18] So wurde also in der Weimarer Republik der Versailler Vertrag sehr frühzeitig unterlaufen und freudig telegrafierte Gustav Krupp an Hitler, nachdem das Deutsche Reich Ende Oktober 1933 die Abrüstungskonferenz in Genf verlassen hatte und aus dem Völkerbund ausgetreten war: „Auf dem vorgezeichneten Weg folgt Ihnen in unbeugsamer Entschlossenheit inmitten der einigen Nation die deutsche Industrie“.[19]

Nach dem Zweiten Weltkrieg legte Houdremont ein geschickt verfasstes Memorandum vor, dessen Argumentation darauf hinauslief, den Krupp-Konzern als Opfer nationalsozialistischer Zwangswirtschaft hinzustellen. „Es ist nicht die Schuld von Krupp, dass sein Name von der Propaganda des Nazireichs und von dessen Führern stets als Schlagwort benutzt wurde...“.[20] Houdremont, der sich persönlich mit um die Errichtung einer Krupp-Produktionsstätte in Auschwitz gekümmert hatte und auch sonst mit der Organisation der Beschäftigung und Rekrutierung von jüdischen KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern befasst gewesen war, vermied es diese Themen auch nur zu berühren.

In seiner längeren Darlegung zur wirtschaftlichen Lage der Firma und politischen Einstellung der Konzernleitung zwischen den Kriegen, erwähnte der faktische Chef des Stahlriesen diesen Komplex mit keinem Wort. In diesem Bestreben, dieses Kapitel als ein „noli me tangere“ zu behandeln, ähnelte Houdremont‘s Haltung ganz der seiner Manager-Kollegen.

In der Beschreibung der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen industrieller Produktion im Dritten Reich waren seine Ausführungen geschickter und auch vorsichtiger als die Einlassungen manches anderen Industrieführers in den ersten Wochen nach der alliierten Besetzung. Houdremont bedauerte die nun plötzlich überall anzutreffende falsche Vorstellung von Krupp als „Hauptproduzent von Kriegsmaterial, als der Hauptförderer und –nutzniesser des Nazismus und in der Folge als einer der Hauptanstifter des Krieges und als einer der grössten Kriegsgewinnler“. Dieser Eindruck sei falsch. Er glaube vielmehr sagen zu können, „dass die Firma Krupp viel weniger mit dem Krieg zu schaffen hatte als andere Industrieunternehmen“. Neben allerlei Hinweisen dazu, wie fern Inhaber und Manager des Konzerns dem Nationalsozialismus immer gestanden hätte (der Konzern beschäftigte 1944 insgesamt über 70.000 Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge), variierte der Krupp-Chef geschickt das bekannte Thema vom unerbittlichen Zugriff des Staates auf die Grosswirtschaft. Besonders wirkungsvoll herausgestrichen wurden die häufigen Konflikte mit der NS-Rüstungsorganisation. Ebenfalls als Entlastung wollte er eine zutreffende Feststellung verstanden wissen: „Kein Krupp-Direktor war in einer leitenden Stellung in den staatlichen Organisationen oder zum Beispiel im Speer-Ministerium zu finden“. Im Lügen und Anbiedern erwies sich Houdremont als Mann vom Fach!

In der Anklageschrift des Nürnberger US-Militärtribunals liest sich das etwas anders. Die Punkte 26. und 27. heben hervor: „Die Angeklagten Mueller und Houdremont arbeiteten eng mit den militärischen Beschaffungsstellen zusammen sowohl beim Entwurf von Waffen als auch in der Planung der Waffenproduktion. ... Der Beschuldigte Houdremont leitete den Spezialausschuss für Metallumstellung. Krupp-Mitarbeiter waren in vielen der wichtigsten Ausschüsse und anderen Organisationen zu finden“. Die Anerkennung des Krupp-Personals an der Wiederbewaffnung Deutschlands wurde durch die Ernennung der Beklagten Alfried Krupp, Loeser, Houdremont, Mueller, Janssen und Pfirsch zu "Wehrwirtschaftsfuehrern" hervorgehoben.

Die hohen Stellungen der Angeklagten in politischen, finanziellen, industriellen und wirtschaftlichen Bereichen Deutschlands, erleichterten die Koordination der Tätigkeiten der Firma Krupp mit jenen des deutschen Programms der Wiederbewaffnung. Sie hielten Schlüsselpositionen in wirtschaftlichen Organisationen und Gruppen, die, in Zusammenarbeit mit dem deutschen Oberkommando, den deutschen industriellen Mobilisierungsplan vorbereiteten.[21] Die Anklagebehörde ergänzte: „ Nach Ausbruch des Krieges waren die Beziehungen Krupps zur Wehrmacht und den zivilen Behörden des Reiches noch enger. Die Erfahrungen, die er angesammelt hatte, wurden in den Dienst der Regierung gestellt. Zwei der Angeklagten, Erich Mueller und Houdremont, übernahmen führende Regierungspositionen. ... Houdremont, im Bereich der Metallurgie, ... als Spezialausschussleiter für Metallersatzstoffe, nutzte,..., die Forschungsergebnisse die Krupp bei Metallersatzstoffen und Legierungen erreicht hatte.“ 19 Chefankläger, General Telford Taylor, mit Bezug auf die Verleihung der „Goldenen Fahne“[22] an Krupp im Jahr 1940 aus den Händen von Rudolf Hess, erklärte: „... die Tradition der Firma Krupp und die sozialpolitische Haltung, die sie vertrat, passte genau in die moralische Atmosphäre des Drittes Reiches. Es gab kein Verbrechen, das ein solcher Staat begehen konnte... an dem sich diese Männer nicht beteiligt haben würden. Lange bevor die Nationalsozialisten zur Macht kamen, war Krupp schon ein nationalsozialistischer Musterbetrieb“.[23]

Zur Behauptung, dass die deutschen Industriemagnaten nichts oder nur sehr wenig mit der Nazipartei und den Verbrechen des Naziregimes gemein hätten, hat ein vom US-Senat 1945 eingesetzter Untersuchungsausschuss, unter Leitung des Senators Kilgore, folgende Feststellungen getroffen:

„Es ist nicht wahr, dass die deutschen Grossindustriellen sich erst im letzten Augenblick und halb gezwungen dem Nationalsozialismus angeschlossen haben. Sie waren von Anfang an seine begeisterten Förderer... Die Umstellung der deutschen Wirtschaft auf die Kriegswirtschaft und die fieberhafte Rüstung zum Angriffskrieg erfolgte unter der unmittelbaren Leitung der deutschen Industriellen Die Tatsachen machen diese Industriellen einwandfrei mitschuldig an den von den Nationalsozialisten verübten Verbrechen“.[24]

Zu totaler Dienstbarkeit bereit, auch gegenüber den „neuen Herren“

Nach der deutschen Niederlage, und in Anlehnung an die vorhergemachten Überlegungen über die „Dienstbarkeit“ der Berufsgruppe der deutschen Ingenieure, ist es denn auch nicht erstaunlich, dass Männer mit dieser Geisteshaltung genauso willig ihren „neuen Herren“ gegenüber „zu totaler Dienstbarkeit“ bereit waren, sei es in den USA, in der Sowjetunion, in Grossbritannien oder auch in Frankreich. Der deutsche Ingenieur durfte sich „als Sieger der Niederlage“ fühlen, denn jedem noch so sehr in die kriminellen Machenschaften des NS-Regimes verstrickten Ingenieur wurde gestattet, einfach dort weiterzumachen, wo er am 8. Mai 1945 hatte aufhören müssen. Und als die stets latent gewesenen Spannungen zwischen den Westmächten und der Sowjetunion zum „Kalten Krieg“ eskalierten, sahen die politisch Verantwortlichen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs bewusst und grosszügig über die Nazi-Vergangenheit der jeweils in ihren Diensten stehenden deutschen Ingenieure hinweg. Denn ihnen wurde zugestanden, dass ihre Tätigkeit, auch die im Dienste des NS-Regimes, ausschliesslich sachorientiert gewesen sei. Der Ingenieur hatte ja nur für das reibungslose Funktionieren des Systems gesorgt. Das hatte er gut gemacht und dafür konnte man ihn wieder gebrauchen. Darin, dass die USA, die Sowjets, Briten und Franzosen die Person des Ingenieurs und auch seine Arbeit nur nach der fachlichen Leistung werteten, liegt der eigentliche Skandal. Sollte etwa das Gesellschaftsbild der „neuen Herren“ dem des deutschen Ingenieurs der Nazizeit gar nicht so unähnlich gewesen sein?

Die Angeklagten im Krupp-Prozess wussten sehr wohl, auf was sie sich eingelassen hatten, und dass sie später als Kriegsverbrecher belangt werden konnten. Bereits am 2. August 1943, wurde ihnen von der „Verbindungsstelle Eisen für Schrifttum und Presse“[25] ein Beitrag, erschienen im britischen „The Financial News“ vom 15. Juli 1943, zugetragen in dem es hiess: „Früher oder später werden die Alliierten ihre Listen von Kriegsverbrecher aufstellen müssen. Während diejenigen, die verantwortlich sind für Hinrichtungen und Folterungen, für Handlungen der grundlosen Aggressionen, als erste verarbeitet werden müssen, steht zu erwarten, dass diejenigen, die Plünderungen aller Art angeordnet oder ausgeführt haben, nicht übersehen werden. Es ist ein unbestrittenes Prinzip, dass die Teilnahme an der Ausplünderung der besetzten Gebiete als Kriegsverbrechen gilt“.[26]

Edouard Houdremont, in weiser Voraussicht und entsprechend seiner anbiederischen Art, konstatierte denn auch, dass die Art und Weise, wie die Unternehmensleitung den alliierten Besatzern am westlichen Rheinufer gegenüber treten sollte, von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des Gesamtkonzerns sein werde.[27] Er begnügte sich nicht mit „emphatischen“ Appellen. Der Vorsitzende des Krupp-Direktoriums behielt in den Umbruchswochen die Fäden fest in der Hand und hatte bereits lange vor Abfassung seiner Denkschrift18 (siehe oben) alle Hebel im Sinne der von ihm geforderten vertrauensvollen und zukunftsorientierten Zusammenarbeit mit der Militärverwaltung in Bewegung gesetzt. Nach der Besetzung Essens am 11. April 1945 hatte Houdremont umgehend Kontakt zu den Amerikanern hergestellt, und bereits 2 Tage später fand eine erste Besprechung zwischen der Konzernspitze und alliierten Offizieren statt.[28] Houdremont war auch zweifellos durch das Protokoll [29] der Krefelder Notstandskommission vom 19. März 1945, darüber informiert, dass die Amerikaner in den Monaten zuvor den Anliegen der Wirtschaft im linksrheinischen Besatzungsgebiet mit viel Verständnis begegnet waren.

[...]


[1] Im nachfolgenden Beitrag wird auf jedweden Hinweis auf die Ausführungen von Raymond Schaack verzichtet

[2] Tageblatt-Notiz vom 16. November 1935 (das Tageblatt ist eine linksorientierte Tageszeitung in Luxemburg), und, Ulrich Kalkmann „Die Technische Hochschule Aachen im Dritten Reich (1933-1945)“, Verlagshaus Mainz, Aachen, 2003

[3] „Die Luxemburger im Reich“, Luxemburger Wort („Alle Prüfungen mit Auszeichnung bestanden“) und Tageblatt („Ein Leben im Dienst der Industrie“), 16. Januar 1943 – „.... kommt... Dr. Houdremont die ganz besondere Bedeutung zu, dass er berufen ist, in der grössten Schicksalstunde des deutschen Volkes und im Augenblick der neuen Reichwerdung eine entscheidende Aufgabe zu erfüllen“ – Luxemburger Wort, gez. Eugen Ewert

[4] „An entscheidender Stelle der deutschen Kriegswirtschaft – Prof. Dr. Paul Görens und Prof. Dr. Ed. Houdremont im Vorstand der Firma Krupp in Essen“, Luxemburger Wort und Tageblatt, 9. April 1943

[5] „Die grössere Heimat: Deutschland – Zu einer soeben erschienenen Broschüre über die „Luxemburger im Reich““, Luxemburger Wort, 29. August 1943

[6] Als „Wehrwirtschaftsführer“ , vom Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt im Oberkommando der Wehrmacht ernannt, musste Houdremont eine Erklärung der politischen Korrektheit unterbreiten in der er sich, ohne Einschränkung, dem nationalsozialistischen Staat verpflichtete (genauer Wortlaut in „Trials of War Criminals before the Nuernberg Military Tribunals“7)

[7] Passage eines Berichtes von Speer über eine „Reise an Rhein und Ruhr“ vom November 1944 – in Klaus-Dietmar Henke, “Die amerikanische Besetzung Deutschlands”, Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Hrsg. Institut für Zeitgeschichte, Band 27, 3te Auflage, R. Oldenbourg Verlag, München, 2009, S. 518

[8] Trials of War Criminals before the Nuernberg Military Tribunals under Control Council Law No. 10, Volume IX, “The Krupp Case”, US Government Printing Office, Washington, 1950

[9] Law Reports of Trials of War Criminals, Selected and prepared by the United Nations War Crimes Commission, Vol. X, The I.G. Farben and Krupp Trials, His Majesty’s Stationery Office, London, 1949

[10] Siehe dazu - Harold James, „Krupp – Deutsche Legende und globales Unternehmen“, Verlag C.H.Beck, München, 2011, S. 201-203

[11] Ulrich Kalkmann „Die Technische Hochschule Aachen im Dritten Reich (1933-1945)“, Verlagshaus Mainz, Aachen, 2003

[12] Fragebogen der Militärregierung vom 10. September 1946, in HStA Düsseldorf, NW 1079, HA Sk Ac, 9794, oBl.

[13] Tageblatt, 22. Mai 1948, « Edouard Houdremont setzte auf Krupp – Ein geborener Luxemburger vor dem Nürnberger Gericht », gez. F.G.

[14] Luxemburger Wort, 2. August 1948, „Urteilsspruch im Krupp-Prozess“, Tageblatt, 2. August 1948, „12 Jahre Gefängnis für Alfred Krupp“

[15] Helmut Heiber, „Universität unterm Hakenkreuz“, 3 Bde., De Gruyter Saur München, 1991/1992

[16] Gerd Hortleder, „Das Gesellschaftsbild des Ingenieurs – Zum politischen Verhalten der Technischen Intelligenz in Deutschland“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1970

[17] Aussage von Alfried Krupp vor dem Nürnberger Militärtribunal – zit. nach Ulrich Sander, „Von Arisierung bis Zwangsarbeit – Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933 bis 1945“, PapyRossa Verlag, Köln, 2012, S.85

[18] Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof. Nürnberg 14. November 1945 – 1. Oktober 1946. Amtlicher Text Verhandlungsniederschriften. Nürnberg 1947, Band 1., S. 203 f., Komet, Frechen, 2001

[19] Ulrike Hörster-Philipps, „Wer war Hitler wirklich?“ Pahl-Rugenstein Verlag Köln, 1978, S. 173f

[20] Schreiben der Fried. Krupp, gez. Houdremont, an Oberst Edson D. Raff, “Commander of the Essen Zone”, vom 25.5.1945, Krupp-Archiv, WA VII f 1423

[21] Trials of War Criminals before the Nuernberg Military Tribunals under Control Council Law No. 10, Volume IX, “The Krupp Case”, US Government Printing Office, Washington, 1950, S. 19 u. S. 100

[22] Eine der höchsten Auszeichnungen der Deutschen Arbeitsfront(DAF) für so genannte Musterbetriebe

[23] Stenographische Protokolle der Verhandlungen vor dem Militärgerichtshof III, Fall X, S. 112 – Verhandlung vom 8.12.1947

[24] Zitiert nach »Allgemeine Zeitung » (Organ der US-Besatzungsmacht), Berlin, 12. Oktober 1945

[25] „Verbindungsstelle Eisen für Schrifttum und Presse“, Düsseldorf, war eine Gemeinschaftseinrichtung der nordwestlichen Gruppe des „Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller“, die die wichtigsten Nazi-Industriellen mit geheimen und vertraulichen Informationen versorgte – für die Firma Krupp war Friedrich von Buelow der Verbindungsoffizier, Krupps Vertreter bei Presse und Propaganda

[26] Trials of War Criminals before the Nuernberg Military Tribunals under Control Council Law No. 10, Volume IX, “The Krupp Case”, US Government Printing Office, Washington, 1950, S. 19 u. S. 110/111

[27] Aktenvermerk eines leitenden Angestellten über eine „Aussprache mit Herrn Prof. Houdremont am 5.3.1945 in Essen“, Krupp-Archiv, WA VII f 1134

[28] „Notizen aus der Besprechung mit Herren der amerikanischen Besatzungsbehörde am 13.4.1945“, Krupp-Archiv, WA 42/227

[29] Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Köln, 25-27-1

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Details

Titel
Edouard Houdremont - Seine Rolle als Manager bei Krupp in den 30er und 40er Jahren, seine Zusammenarbeit mit den Nazis und seine Verurteilung als Kriegsverbrecher im Krupp-Prozess
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V206939
ISBN (eBook)
9783656352310
ISBN (Buch)
9783656353041
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krupp, Kriegsverbrechen
Arbeit zitieren
Jim Schumann (Autor:in), 2012, Edouard Houdremont - Seine Rolle als Manager bei Krupp in den 30er und 40er Jahren, seine Zusammenarbeit mit den Nazis und seine Verurteilung als Kriegsverbrecher im Krupp-Prozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206939

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