Vergleichende Interpretation der Werke "Lösung" von Karin Kiwus und "Erster Verlust" von J. W. v. Goethe


Referat / Aufsatz (Schule), 2010

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

„[…] mein verlorenes Paradies“ – sucht dies nicht jeder Mensch? So verschieden strukturiert es auch sei und von den verschiedensten Motiven geleitet – ein privatpersönliches Glück, Geborgenheit und Harmonie in der Liebe sind zentrale Themen, Wunschvorstellungen und ersehnte Bedürfnisse jeder Zeit. Dass diese These unwiderlegbar ist, vermag am besten ein Vergleich zweier lyrischer Texte zeigen, die diese Thematik auf unterschiedlicher Ebene und mit anderer Wirkungsabsicht zum Ausdruck bringen. So soll der folgende, gegenüberstellende Vergleich die These verifizieren, dass Sehnsucht nach Glück und Harmonie schon immer des Menschen Antrieb waren. Den Anhaltspunkt für diesen Beweis können dabei Goethes „Erster Verlust“ und „Lösung“ von Karin Kiwus darstellen – sind modernes und historisches Menschenbild denn so verschieden?

In neun Versen, die in unterschiedlicher Anzahl auf drei Strophen verteilt sind, vermag Goethe, der größte deutsche Dichter, mit seinem Werk „Erster Verlust“ die unglaublich wichtige Rolle der allerersten Liebe für den Menschen zum Ausdruck zu bringen. Sehr klar kommt dabei durch die Ausrufe bereits in der ersten Strophe zum Ausdruck, wie sehr das lyrische Ich sich die Stunden der allerersten Liebe zurückwünscht und verzweifelt sucht, wer diese Erinnerung denn wieder lebhaft werden lassen könne. Der Schmerz des Handlungsträgers kommt dabei in der zweiten Strophe noch gesondert betont herüber: Von schmerzlicher Einsamkeit ist die Rede, die die immer wiederkehrende Trauer ob des verspielten und verlorenen Glücks nicht bewältigen kann. Eine gewisse Rahmenfunktion nimmt folglich die dritte und kürzeste Strophe ein, die mit einem zur ersten Strophe vergleichbaren Ausdruck einhergeht und durch den Ruf nach Wiederkehr der ersten Liebeserfahrungen die Hauptaussage dieses lyrischen Werkes komprimiert darlegt.

Dieser Schrei nach unbedingt ersehnter Wiederkehr der ersten Liebe vermag dieses Liebesgedicht mit schmerzlich-klagendem Gestus auch formal Ausdruck zu verleihen. Das Leitmotiv des Autors stellt sich in dem Begriff der Zerrissenheit dar. Genauso zerrissen und etwas unstrukturiert ist auch der Aufbau, was nicht nur am bereits geschilderten unterschiedlichen Strophenlängen liegt. Durch viele Enjambements, die durchweg zum Hakenstil führen, wird auch klar, dass das lyrische Ich faktisch in einem großen, emotional betonten und sehr starken Gedankenfluss ist und diesem so schnell wie möglich den nötigen Ausdruck verleihen will. Unterstrichen wird diese Aussage ferner dadurch, dass kein klares Reimschema erkennbar ist und das Schema somit „abcd-cad-ad“ entspricht. Unklar und von seinen Gefühlen stark geleitet und beeinflusst – so erscheint der lyrische Handlungsträger hier. Demnach ist auch der Rhythmus des Gedichts diesen Einflüssen unterworfen und kann zwar im Wesentlichen als Trochäus bezeichnet werden, was prinzipiell mit einem regelmäßigen Herzschlag verglichen werden kann. Dennoch: In der zweiten Zeile der ersten Strophe wird dieses Einheitsbild des Trochäus unterbrochen und ein kleiner Sprung wird für den geneigten Leser erkennbar – zum Ausdruck eines rhythmischen Individualismus. Die überwiegende Endsilbenlage bzw. –betonung (Kadenz) ist klingender (weiblicher) Art: Doppelt so viele weibliche wie männliche Kadenzen finden ihren Platz zur Strophengestaltung. So kann die hier zur Verwendung kommende dichterische Form ausschließlich zur Stützung der Gesamtaussage verhelfen. Durch den beschriebene, auf verschiedenste Art und Weise individuell gestalteten Rhythmus wird klar, dass die Hauptaussage sehr emotionaler Art ist und dass der angesprochene „erste Verlust“ der für den Menschen so unglaublich wichtigen ersten Liebe mit starken Gefühlsschwankungen, menschlicher Subjektivität und starken Emotionen einhergeht. Auch sprachlich wird die bereits dargelegte Zerrissenheit und die schwankende Emotionalität aussagekräftig zum Ausdruck gebracht: Durch drei rhetorische Fragen (Z. 1, 3, 8) und den häufigen Gebrauch der Interjektion „Ach“ in diesem Zusammenhang wird den Emotionen und der Sehnsucht Stimme verliehen. Bildliche Vergleiche (Metaphern) sorgen zudem für Anschaulichkeit, wenn etwa davon gesprochen wird, dass das lyrische Subjekt einsam seine Wunde nähren müsse (paraphrasiert, Z. 5). Sehnsucht wird auch durch Genügsamkeit Stimme verliehen: Fordert das lyrische Ich noch zu Beginn, wieder in den Tagend er ersten Liebe verweilen zu dürfen (Z. 1,2), so genügt vor lauter Sehnsucht in Zeile 3 sogar schon „nur eine Stunde“, um wenigstens einen kleinen Eindruck dieser Liebelei wiedergewinnen zu können. Durch die ebenfalls bereits angedeutete Wiederholung einiger Sinngehalte von Strophe 1 in Strophe 3 wird Sehnsucht ebenfalls anschaulich, nachhaltig und langandauernd zu Papier gebracht – ein Schmerz, der nicht so leicht zu stillen ist. Dies verifiziert sich auch, wenn man die Illustration dazu in Zeile 6 betrachtet, wo von „stets erneuter Klage“ die Rede ist. Sprachlich wie formal wird dem Thema in diesem Gedicht durch Abstrahierungen, Vergleiche, Wiederholungen und einen besonderen Rhythmusauf spezielle Art und Weise Ausdruck verliehen – die Autorenintention ist klar sichtbar. Darauf weist im Übrigen auch der Titel „Erster Verlust“ hin, der die Thematik darlegt, ohne zu viel zu verraten. Erste Konnotationen des Lesers beim Erblicken des Titels können, ohne den Restgehalt des Gedichts zu kennen, nicht verraten, wie der Autor diesen ersten Verlust verarbeitet, da die hier stattfindende emotional schwierige Verarbeitung nur ein möglicher Ausweg ist. Und doch ist der Titel konform zum Gesamtwerk und eine Untermalung der Gesamtkomposition: Durch das Attribut „erster“ wird der Verlust insofern betont, als dass dem Leser auch klar wird, weshalb der beschriebene Verlust mit einer emotional so schweigen Abwicklung einhergeht.

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Details

Titel
Vergleichende Interpretation der Werke "Lösung" von Karin Kiwus und "Erster Verlust" von J. W. v. Goethe
Veranstaltung
Deutsch-Unterricht Oberstufe
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
10
Katalognummer
V207017
ISBN (eBook)
9783656341758
ISBN (Buch)
9783656342243
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ausarbeitung im Rahmen des schriftlichen Vorabiturs im Fach Deutsch auf Grundkursniveau
Schlagworte
vergleichende, interpretation, werke, lösung, karin, kiwus, erster, verlust, goethe
Arbeit zitieren
Robert Ziegler (Autor), 2010, Vergleichende Interpretation der Werke "Lösung" von Karin Kiwus und "Erster Verlust" von J. W. v. Goethe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207017

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