Retrospektiven auf das Studium der Soziologie

Analysen zum Verbleib von Absolvent(inn)en des Augsburger Magisterstudiengangs Soziologie


Magisterarbeit, 2012
168 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

Teil I Theoretische Hinführung

1 Zur theoretischen Einordnung in der biographischen Forschung
1.1 Identität als narrative Konstruktion in der Postmoderne
1.2 Berufliche Biographie als Teil der modernen Patchwork-Identität
1.2.1 Hochschulsozialisation und die Ausbildung eines fachlichen Habitus
1.2.2 Beruf, Profession und berufliche Identität
1.2.3 Identität im Beruf und Erkenntnisse für die biographische Erzählung
1.3 Biographieanalyse
1.3.1 Objektive Rekonstruktion: Fremdverstehen durch kontrollierte Methodik
1.3.2 Subjektive Sinnkonstruktionen: Biographische Selbstreflexion
1.3.3 Kommunikative Besonderheiten biographischer Erzählungen

2 Absolventen- und Verbleibstudien: Definition, Aufbau und Aussagekraft

3 Von der Biographieforschung zur Absolventenstudie: Zusammenführung

Teil II Methodik

4 Methodisches Design und Auswertung
4.1 Offene Fragestellungen als qualitatives Online-Erhebungsinstrument
4.1.1 Die Datenerhebung mittels sozialer Netzwerke, Emails und Foren
4.1.2 Verbreitung der Studie mithilfe des Schneeballsystems
4.2 Durchführung der Studie
4.3 Die Beschreibung der Untersuchungsgruppe

5 Auswertung der qualitativen Daten
5.1 Sozialwissenschaftliche Hermeneutik als leitendes Konzept vom Verstehen
5.2 Die „Grounded Theory“ Methode als Auswertungsinstrument

Teil III Ergebnisse

6 Über die Schwierigkeit einer Entscheidung in der Multioptionsgesellschaft
6.1 Die retrospektive Rationalisierung einer biographischen Entscheidung
6.1.1 Die retrospektive Bewertung der Studienentscheidung
6.1.2 Die retrospektive Evaluation der Ergebnisse dieser Entscheidungswahl
6.2 Fazit: Erkenntnisse für die Berufspersönlichkeit

7 Erfahrungen aus dem Studium aus arbeitsweltlicher Sichtweise
7.1 Innerfachliche Sozialisation: Erträge aus dem Studium
7.2 Außerfachliche Sozialisation:„Das Gefühl, Student und frei zu sein “
7.3 Fazit: Erkenntnisse für die Berufspersönlichkeit und die berufliche Identität

8 Nach dem Studium ist vor dem Beruf: der Übergang
8.1„Glück gehabt “: Unsicherheit bei der Einschätzung des eigenen Marktwertes
8.1.1 Bestrebungen nach rascher Berufseinmündung
8.1.2 Eigenwahrnehmung der erlernten Kompetenzen
8.1.3 Fremdwahrnehmung aus Sicht der Soziologie-Absolventen
8.2 Fazit: Auswirkungen der Unsicherheiten auf die berufliche Identität

9 Die Augsburger Soziologen in der Arbeitswelt
9.1 Soziologie als Beruf? Fehlende Identifizierung von Berufsbildern
9.2 Berufsbiographien der Augsburger Soziologen
9.2.1 Berufliche Tätigkeitsprofile der Augsburger Absolventen
9.2.2 Bühne frei für die erfolgreiche Berufsbiographie
9.3 Anwendungsmöglichkeiten soziologischen Wissens in der Praxis
9.4 Fazit: Konsequenzen für die berufliche Identität

10 Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Deskriptive Daten der Soziologie-Absolventen; eigene Berechnung nach SPSS . 54

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Schau uns doch mal an allein wie wir schon aussehn wenn wir jeden Morgen völlig verloren aus dem Haus gehen

Jeder von uns für sich

wir haben nicht mal Anwesenheitspflicht wir können das Studium umrunden mit grad mal 10 Semesterwochenstunden

unsere Seelen sind dunkel

und unsere Blicke sinister wir studieren auf Magister

(…)

Wir sind die letzten unsrer Art statt in die Vorlesung

gehn wir in den Supermarkt

doch macht euch um uns keine Sorgen wir sind die Taxifahrer von morgen

(Auszug aus dem „Magistersong“ von Sebastian Poullie, 2009)

Hintergrund

Sebastian Pouille bringt in seinem „Magistersong“, für den er 2009 den LMF Campus Radio Preis gewinnt, Vorurteile gegenüber Magisterstudierenden überspitzt auf den Punkt. Seinen Song adressiert er an die Öffentlichkeit und gibt deren Vorstellung vom Studierverhalten und Lebensgefühl der Magisterstudenten wieder: im Alleingang absolvieren sie ihr Studium mehr schlecht als recht und vermeiden dabei jegliche Anstrengung. Die Offenheit und Freiheit dieses Studienmodelles erlaubt es ihnen, ihre Freizeit hauptsächlich mit außeruniversitären Angeboten zu füllen. Ihr Studium dient vorwiegend dem Zeitvertreib, an die Zukunft stellen sie keine Erwartungen. Als Konsequenz ihrer träumerischen und realitätsfernen Haltung fühlen sie sich in der tatsächlichen Arbeitswelt verloren. Ohne ein klares Ziel vor Augen, finden sie in der Berufswelt keinen Anklang und werden, wie befürchtet, Taxifahrer.

Auch die Soziologie als Disziplin der Forschung und Lehre sieht sich, traditionell wie heute, mit ähnlichen Vorurteilen konfrontiert. Diese können mit einem Blick in die Vergangenheit dieser Wissenschaft erklärt werden. Soziologie wird in den 1960er Jahren an deutschen Universitäten eingeführt und umfasst in der Anfangsphase einen kleinen Kreis an Wissenschaftlern und Studierenden. Schnell gewinnt sie an Popularität und nimmt eine exponierte Stellung in der deutschen Gesellschaft ein. Die jungen Soziologen verstehen sich als„Speerspitze der gesellschaftlichen Modernisierung und geistigen Erneuerung Deutschlands “ (Kruse, 2006, S. 117). Soziologische Denker wie Helmut Schelsky, Ralf Dahrendorf und Jürgen Habermas prägen die öffentliche Meinung. Ihre Hochzeit erlebte sie in diesen Jahrzehnten:„Die Soziologie als Wissenschaft ist eine sehr junge Disziplin, die ihren Höhepunkt den 1960er und 1970er Jahren verdankt in denen sie als„Leitwissenschaft “ und„Königsdisziplin “ bezeichnet wurde “ (Späte, 2007, S. 15) . Die junge Wissenschaft zieht immer mehr Schulabgänger an deutsche Universitäten: waren es in den Anfängen der 1960er Jahre einige Hundert Studierende, stieg die Zahl innerhalb von zehn Jahren auf mehrere Tausend an (Kruse, 2006). Der Spiegel sagt jungen Soziologen in einem Artikel von 1968 nach,„die Kerntruppe der revoltierenden Studenten “ (Der Spiegel , 1968) darzustellen.

Die deutsche Gesellschaft steht soziologischen Hochschulabgängern damals zunehmend missbilligend gegenüber. Soziologen hängt der Ruf an, provokante, linksradikale Systemkritiker zu sein, die in erster Linie daran interessiert sind, Unruhe zu stiften und sich nicht um ihren beruflichen Verbleib kümmern. Helmut Schmidt beschwert sich 1968:„Wir haben zu viele Soziologen und Politologen. Wir brauchen mehr Studenten, die sich für anständige Berufe entscheiden, die der Gesellschaft nützen “ (Brüderle & Reimer, 2002, S. 199).

Diese Zeiten gehören der Vergangenheit an.„Wozu heute noch Soziologie ?“ titelt die Zeit in einem öffentlichen Diskurs um Sinn und Zweck der einst so einflussreichen Wissenschaft. Der Herausgeber schreibt:„Politik und Ö ffentlichkeit wenden sich fragend und hilfesuchend heute eher an Klimaforscher und Genetiker als an Soziologen; in den Reform- und Aufbruchjahren nach 1968 war das gewißnoch anders. Sollte hier die Wissenschaft von der Gesellschaft dieser Gesellschaft au dem Blick geraten sein? “ (Fritz-Vannahme, 1996, S. 7). Pierre Bourdieu, Ralf Dahrendorf und andere renommierte Soziologen streiten sich hier um die heutige Bedeutung und Wirkkraft ihrer Disziplin, die einst so populär und gesellschaftlich anerkannt war. Offensive Angriffe dieser Art auf die Soziologie sind in den letzten Jahren zurückgegangen und beschränken sich zunehmend auf innerfachliche Diskussionskreise.

Trotz alledem haftet die Vergangenheit auch heute noch an den Fersen der Soziologie. Studieninteressierte, deren direktes Umfeld und die Öffentlichkeit fragen nach Sinn und Zweck eines Soziologiestudiums sowie dem beruflichen Verbleib der angehenden Soziologen. Traditionell begleitet die Soziologen ein pessimistischer Ruf bezügliches ihres Berufserfolges. Die Stereotype des arbeitslosen oder taxifahrenden Soziologen prägt auch heutzutage noch die öffentliche Meinung. In einem Artikel über Studenten-Klischees des Zeitmagazins Campus erklärt eine Jura-Studentin:„ Auf die Frage nach seinem Wunschberuf gibt der gemeine Soziologe grundsätzlich die Antwort: Journalist. In der Regel bleibt es bei dem Wunsch, weil Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und Durchsetzungsvermögen nicht zu seinen bestimmenden Charaktereigenschaften zählen. Wenn der Soziologe also nicht an der Uni stirbt, findet man ihn irgendwann hinter dem Steuer eines Taxis, wo er seine Kundschaft mit auswendig gelernten Zitaten von Adorno nervt “ (Honert, 2006) .

Überzogen dargestellt werden hier mehrere Vorurteile benannt, die Soziologie-Studierenden vorgehalten werden: 1) Sie studieren ungerechtfertigter Weise und im Vergleich zu Studenten anderer Fächergruppen zu lange. 2) Sie sind weltfremd und naiv, lernen nichts „nützliches“ und enden 3.) als Folge fehlender Berufsfelder als Taxifahrer oder gleich in der Arbeitslosigkeit.

Neben der Soziologie diskutieren auch andere universitäre Disziplinen, Hochschulen und alle an der Ausbildung von Studierenden beteiligten Institutionen den beruflichen Verlauf von Absolventen und Absolventinnen. Die retrospektiven Bewertungen ehemaliger Studierenden bezüglich ihres Studiums sowie Angaben zu ihrer beruflichen Tätigkeit ermöglichen den jeweiligen Instituten, neue Erkenntnisse und Verbesserungsmöglichkeiten ihrer Ausbildung aus erster Hand zu erfahren. Zu diesem Zweck führen deutsche Hochschulen und Forschungsinstitute Absolventen- und Verbleibstudien durch (Teichler, 2000, S. 9).

Auch diese Arbeit ist eine Absolventen- und Verbleibstudie, es geht um ehemalige Studierende des Magisterstudiengangs Soziologie der Universität Augsburg. Zu diesem Zweck soll dieses Forschungsdesign im Folgenden kurz allgemein dargestellt werden, damit danach die Augsburger Absolventen- und Verbleibstudie vorgestellt werden kann.

Forschungsstand

Absolventen- oder Verbleibstudien haben, dem Namen nach zu erkennen, den Verbleib von Studenten einer Hochschule nach ihrem Abschluss zum Gegenstand ihrer empirischen Forschung. Sie sind quantitativ ausgerichtete Forschungsstudien, die ihre Hypothesen mithilfe repräsentativ angelegter Umfragen, die an ehemalige Studierende gerichtet sind, überprüfen. Dabei gelten sie als Instrument der Qualitätsüberprüfung und -Entwicklung von Studium und Lehre. Besonders seit den 1980ern gewinnen sie in Deutschland an Popularität. Ulrich Teichler schreibt hier von einem durchgängigen„Interesse an der Analyse und der Prognose der quantitativ-strukturellen Entwicklung der Beziehungen von Studienabschlüssen und der Beschäftigung von Hochschulabsolventen “ (Teichler, 2000, S. 9).

Dabei wird häufig eine nachfrageorientierte Arbeitsmarktperspektive eingenommen, das Hochschulstudium wird als Ausbildung und Vorbereitung für den Beruf gesehen und meistens auf Relevanz und Anwendungsmöglichkeiten in der beruflichen Praxis untersucht.

Doch nicht nur der Arbeitsmarkt, auch das deutsche Hochschulsystem selbst betont in den letzten Jahrzehnten gleichermaßen „Fachlichkeit“ und„ Beruflichkeit “ (ebd., S. 11) der Hochschulausbildung. So heißt es in einem Forschungsbericht der IHF:„Absolventenstudienleisten einen wichtigen Beitrag dazu, die Beziehungen zwischen dem Hochschul- undBeschäftigungssystem zu erfassen und die Bedingungsfaktoren für den beruflichen Erfolg von Hochschulabsolventen zu ermitteln “ (Falk, Reimer, & Sarcletti, 2009, S. 3).

Absolventen- und Verbleibsstudien richten ihre Analysen hauptsächlich auf die folgenden Interessengebiete: 1.) Die Bewertung der Studienangebote und -Bedingungen aus Sicht ehemaliger Studierender. Außerdem richtet sich das Interesse auf deren erlernte, universitäre Kompetenzen und der adäquaten Anwendung im Erwerbsalltag. 2.) Den Ablauf der Berufseinmündung und 3.) den beruflichen Verlauf sowie Tätigkeitsinhalte und Berufsfelder ehemaliger Studierender. Ergebnisse von Absolventen- und Verbleibstudien haben einen Nutzen für Studieninteressierte der jeweiligen Disziplin, für Hochschulen und Fachbereiche zur Überprüfung ihrer Forschung und Lehre, als Datenbasis für aufbauende Forschungsfragen und nicht zuletzt für die Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Auch diese Forschungsstudie ordnet sich in die Reihe universitärer Absolventen- und Verbleibstudien ein und baut sich inhaltlich anhand ihrer typischen Interessengebiete auf. Im Folgenden sollen Zielsetzungen und zentrale Fragestellungen dieser Forschungsstudie herausgearbeitet werden.

Zielsetzung und zentrale Fragestellung

Im Fokus dieser Untersuchung stehen ehemalige Studierende des Augsburger Magisterstudiengangs Soziologie. Da die meisten Absolventen- und Verbleibsstudien allerdings quantitativ orientierte Forschungsstudien sind, stellt die qualitative Ausrichtung dieser Arbeit eine Ausnahme dar: neben der arbeitsweltlich-objektivierten Sichtweise interessiert sich die Augsburger Absolventen- und Verbleibstudie vor allem für subjektive Sinnkonstruktionen sowie Handlungs- und Denkmuster ehemaliger Studierender.

Es geht weniger um die Überprüfung objektivierter Daten und Fakten im Lebenslauf der Augsburger Soziologen, sondern um deren subjektive Meinungen, Einschätzungen und Bewertungen. Die ehemaligen Hochschulabsolventen haben im Zuge ihrer Beantwortung nicht nur etwas für die Erkenntnisse einer Absolventen- und Verbleibstudie beigetragen, sondern auch einen Teil ihrer vergangenen und gegenwärtigen Berufsbiographie preisgegeben. Im Mittelpunkt dieser Studie stehen deshalb neben Themengebieten einer Absolventen- und Verbleibstudie auch die Erkenntnisinteressen und Prämissen der biographischen Forschungsrichtung, einer qualitativ ausgerichteten Spezialsoziologie. Dieser Blickwinkel hat sich erst im Laufe der Analyse des empirischen Materials dieser Forschungsstudie ergeben, da in diesem Fall neben vielen Informationen auch biographisches Material erzeugt wurde.

In dieser Studie soll, aus einem qualitativen Standpunkt blickend, herausgefunden werden, welche Beziehung die ehemaligen Studierenden zu „ihrer“ Disziplin Soziologie haben. Wozuheute noch Soziologie? kann dabei als hintergründige Fragestellung dienen. Wie in den einleitenden Anführungen bereits angedeutet, sehen sich besonders Hochschulabsolventen 1.) eines Magisterstudienganges und 2.) zusätzlich noch der Soziologie mit einigen Problematiken und Vorurteilen hinsichtlich ihres Studiums und des beruflichen Verbleibes konfrontiert, welchen in dieser Forschungsstudie Beachtung geschenkt werden soll. Im Besonderen soll es folglich 1.) um die Gestaltung der Erwerbsbiographien der Augsburger Soziologen aus einem arbeitsmarktweltlichen Blickwinkel gehen, 2.) um ihre Berufspersönlichkeit aus biographischer Forschungsrichtung und 3.) um die Frage, ob sie sich eine soziologische Identität während des Studiums angeeignet haben, die im Berufs- und Alltagsleben präsent ist.

Diese Forschungsstudie ist inhaltlich in drei Interessengebiete aufgeteilt: 1.) auf die retrospektiven Begründung und Bewertung der Augsburger Soziologen bezüglich ihres Studiums, 2.) auf ihre Berufseinmündung und 3.) auf den beruflichen Verbleib und die aktuellen Tätigkeitsinhalte und -Beschreibungen. Das Hauptziel dieser Arbeit ist es dabei, den Leser aus zwei Blickrichtungen, der arbeitsweltlich-objektiven und der lebensweltlich-subjektiven, über die Bewertungen, Meinungen, Konstruktionen und Darstellungsweisen der Augsburger Soziologen bezüglich ihrer Berufsbiographie zu informieren. Letztendlich soll es darum gehen, eine verbindende Theorie über die berufliche Identität, ihre Berufsbiographie und die Berufspersönlichkeit der ehemaligen Studierenden herauszuarbeiten.

Methodisches Vorgehen

Die Augsburger Absolventen- und Verbleibstudie ist empirisch-qualitativ ausgerichtet und in erster Linie an neuen Erkenntnissen für die soziologische Wissenschaft und nicht an der Überprüfung bereits bestehender Hypothesen interessiert. In dieser empirischen Forschungsstudie sollen 40 ehemalige Studierende des Magisterstudienganges Soziologie der Universität Augsburg selbst zu Wort kommen, die mithilfe eines offenen Erhebungsinstrumentes um ihre Mithilfe gebeten wurden. Die empirischen Analysen des berufsbiographischen Verlaufes der Augsburger Soziologen basieren auf den Ergebnissen einer qualitativen Online- Umfrage, die mithilfe von Emails sowie elektronischen Privatnachrichten in den sozialen Netzwerken Facebook, StudiVZ und Xing und deren Foren im Forschungsfeld verbreitet wurde. In einem mehrwöchigen Forschungsprozess wurden potentielle Teilnehmer individuell angeschrieben und hatten die Möglichkeit, anhand von sechs offen gestellten Forschungsfragen ihre berufsbiographischen Erzählungen wiederzugeben.

Die empirische Auswertung der Befragungsergebnisse erfolgte mithilfe der Grounded Theory Methodik, einer qualitativen Bearbeitungsweise schriftlicher Daten. Die sozialwissenschaftliche Hermeneutik wurde als Anleitung für Denk- und Interpretationsprozesse herangezogen. Die Augsburger Absolventen- und Verbleibstudie ordnet sich in einem Spannungsverhältnis zwischen zwei Forschungsrichtungen ein: einerseits geht es darum, möglichst aufschlussreiche Informationen über den beruflichen Verbleib der Augsburger Soziologen zu gewinnen, anderseits richtet sich der Blickwinkel auf die subjektivierte Haltung der Befragten gegenüber diesem biographisch wichtigen Lebensabschnitt. Daher sollen neben quantitativen Statistiken und Daten vor allem qualitative Interviews als Basis für die Ergebnisse und Erkenntnisse der Augsburger Absolventen- und Verbleibstudie dienen. Im Folgenden soll der Aufbau der Forschungsstudie eingehender betrachtet werden.

Aufbau der Arbeit

Die Augsburger Absolventen- und Verbleibstudie gliedert sich in drei unterschiedliche Bereiche: die theoretischen Herleitungen, die Methodik und die empirischen Ergebnisse.

Kapitel eins enthält die theoretischen Herleitungen zur biographischen Forschung und deren bedeutsame Prämissen für diese qualitative Forschungsstudie. In Kapitel zwei soll vertieft auf Aufbau, Inhalt und Aussagekraft von Absolventen- und Verbleibstudien eingegangen werden. Im dritten Kapitel wird die Zusammenführung dieser beiden Forschungsrichtungen erklärt, außerdem wird das Forschungsinteresse spezifischer verdeutlicht.

Im vierten Kapitel soll es um den Ablauf und die Beschreibung des Forschungsprozesses gehen. Das methodische Design des qualitativen Erhebungsinstrumentes wird erklärt, sowie das Vonstattengehen der empirischen Auswertung. Außerdem soll die Untersuchungsgruppe der Augsburger Studierenden beschrieben und zu einem besseren Verständnis in einen arbeitsweltlichen Kontext eingebettet werden. Kapitel fünf richtet sich auf die empirischen Methoden der Auswertung und erklärt angewandte Prämissen der Grounded Theory Methodik und der sozialwissenschaftlichen Hermeneutik.

Im dritten Teil dieser Forschungsarbeit werden schlussendlich die Befragten selbst zu Wort kommen. Die empirischen Auswertungen sind dabei thematisch an den inhaltlichen Aufbau des Befragungsinstrumentes angelehnt. Außerdem führt die Forschungsstudie den Leser in chronologischer Reihenfolge an den institutionellen Stationen, Statusübergängen und Lebensabschnitten der Augsburger Soziologen entlang: von den zurückliegenden Anfängen des Studiums über die retrospektiven Erfahrungen aus diesem Lebensabschnitt geht es über den Verlauf des beruflichen Überganges zur aktuellen beruflichen Beschäftigung und dem Leben in der Arbeitswelt.

Kapitel sechs behandelt im ersten Teil die retrospektiven Bewertungen der ehemaligen Studierenden hinsichtlich ihrer damaligen Entscheidung für das Studienfach Soziologie. Im zweiten Teil des sechsten Kapitels wird die retrospektive Evaluation des Ergebnisses dieser Entscheidungshandlung betrachtet. Kapitel sieben richtet ihren Blickwinkel sowohl auf die innerfachlichen, als auch außerfachlichen Erfahrungen der Soziologie-Studierenden, die ihnen retrospektiv in Erinnerung bleiben und daher eine große Bedeutung für den weiteren Lebensverlauf haben. Ab Kapitel acht wendet sich die Analyse von der Studienzeit der Augsburger Absolventen ab und beleuchtet eingehender deren berufliche Arbeitswelt, angefangen beim Verlauf des beruflichen Überganges und den Schwierigkeiten, welche die Befragten dabei empfunden haben. In Kapitel neun berichten die Befragten nicht mehr nur von ihrer Vergangenheit, sondern vorrangig aus ihrem aktuellen Arbeitsalltag. Dabei geht es im ersten Teil dieses Kapitel um potentielle Identifizierungsmöglichkeiten der ehemaligen Studierenden mit dem Beruf des Soziologen. Im zweiten Teil des neunten Kapitels geht es aus objektiver, arbeitsweltlicher Sichtweise einerseits um die beruflichen Beschäftigungsfelder, Tätigkeitsinhalte und Berufsbezeichnungen der Befragten. Andererseits soll die rhetorische Darstellungsweise ihrer Berufsbiographie aus biographie-analytischem Blickwinkel eine Rolle spielen. Der letzte Teil dieses Kapitels beschäftigt sich mit der adäquaten Anwendung universitärer Kompetenzen, resultierend aus der soziologischen Ausbildung, im Berufsalltag. Im Besonderen soll hier darauf eingegangen werden, inwieweit die Befragten etwas Soziologie- spezifisches in ihrer Arbeits- und Lebenswelt erkennen. Schlussendlich sollen die Ergebnisse der empirischen Analyse in einem Fazit zusammengefasst und diskutiert werden. Im Folgenden soll nun als erstes die biographische Forschung als theoretische Orientierung der Augsburger Absolventen- und Verbleibstudie vorgestellt werden.

Teil I: Theoretische Hinführung

1 Zur theoretischen Einordnung in der biographischen Forschung

Die Augsburger Absolventen- und Verbleibstudie1 soll sich in der Reihe biographischer Forschungsarbeiten einordnen. Dabei unterliegt sie dem interpretativen Paradigma der qualitativen Sozialforschung. Im Gegensatz zu anderen Absolventen- und Verbleibstudien, die in der Mehrzahl quantitativ ausgerichtet sind, bezieht sich diese Studie vor allem auf den biographisch-subjektiven Blickwinkel der Hochschulabsolventen2.

Im ersten Kapitel des theoretischen Abschnittes soll ein kurzer Abriss über Definitionen und Elemente der Biographieforschung dazu beitragen, spätere Deutungs- und Interpretationsmuster der empirischen Analysen der Augsburger Absolventenstudie verständlicher erklären zu können und den biographischen Blickwinkel nachvollziehbar zu machen. Die Biographieforschung ist eine heterogene Lehre, die keine in sich abgeschlossene Wissenschaft beschreibt, unterschiedliche Theorieansätze verfolgt und Probleme diskutiert, die sich auch innerhalb biographischer Forschungsarbeit ergeben. Aus diesem Grund sollen hier nur Aspekte und Problemstellungen aus der Biographieforschung vorgestellt werden, die während dem eigenen empirischen Arbeiten auftraten. Die Erkenntnisse aus den empirischen Analysen haben dazu geführt, die Augsburger Absolventenstudie theoretisch in die biographische Forschung einzubetten.

Einleitung zur biographischen Forschung

Werner Fuchs-Heinritz versteht unter biographischer Forschung„alle Forschungsansätze und - wege der Sozialwissenschaften ( … ), die als Datengrundlage ( … ) Lebensgeschichten haben, also Darstellungen der Lebensführung und der Lebenserfahrung aus dem Blickwinkel desjenigen, der sein Leben lebt “ (Fuchs-Heinritz, 2000, S. 9). Biographieanalysen unterliegen der interpretativen Theorie qualitativer Sozialforschung, sie interessiert sich für den subjektiven Blickwinkel des Befragten und seiner alltäglichen Lebenswelt. Innerhalb der deutschen Soziologie wurden biographische Analysen jahrelang aus mehreren Gründen nicht anerkannt:„geringe methodische Reflektiertheit vieler Oral-History-Projekte, ihr vordringliches Ziel, Datenmaterial für historische Archive bereitzustellen, schließlich ihre Nähe zur Memoirenproduktion von Staatsmännern und Wirtschaftsführer “(ebd. S, 112).

Die Problematik der methodischen Reflexion spielt auch in heutigen Forschungsprojekten eine Rolle, dennoch erfreuen sich biographische Analysen seit den letzten Jahrzehnten auch in Deutschland besonderer Beliebtheit. Seit der Abkehr vom Glauben an universale Theorieentwürfe sowie zentrale Kategorien und Begriffe, orientiert sich die Soziologie vermehrt an subjektivem Material und somit für die„Theorie der menschlichen Individuen als Sozialpersönlichkeit “ (ebd., S. 86). Ausgehend vom Einzelfall als ursprünglichem Bezugspunkt interessiert sich die soziologische Biographieforschung letztendlich - in Abgrenzung zur Psychologie - nicht nur für die Einzigartigkeiten einer Person, sondern für das Zusammenspiel von Subjekt und Gesellschaft und die Bedeutung der Biographie für soziale Gefüge.

Das Forschungsziel der Soziologie, soziale Gesetzmäßigkeiten zu erkennen bzw. sozialen Wandel zu analysieren, ändert sich mit der Biographieforschung somit nicht grundsätzlich, es handelt sich nur um einen anderen, nämlich den subjektivierten, Ausgangspunkt für empirische Analysen. Biographie wird verstanden als„soziales Gebilde “ (Rosenthal, 1995, S. 12), sie konstituiert und verändert sich auf der Grundlage gesellschaftlicher Strukturen und in der Interaktion mit anderen (ebd., S. 12 ff.). Die Biographieforschung hat also nicht das Individuum selbst im Blick der Analyse, sondern die soziale Konstruktion der Biographie. Die persönliche Biographie ist von Interesse, da sie ein Abbild allgemein sozialer Prozesse darstellt. Siegfried Lamnek schreibt zum gegenseitigen Wechselverhältnis von Subjekt und Gesellschaft:„Die individuelle Lebensgeschichte spielt sich immer im Spannungsfeld zwischen subjektiver Gestaltungskraft und Handlungsautonomie einerseits und sozialen Determinanten und Einschränkungen der Handlungskontingenz andererseits ab “ (Lamnek S. , 2005, S. 670). Die individuelle Biographie wird in den Sozialwissenschaften folglich in erster Linie verstanden als soziales Konstrukt, das sich einerseits aus den persönlichen Vorlieben des Individuums ausbildet, andererseits aber nie ohne Einbezug gesellschaftlicher Normen und Vorgaben entsteht.

Die (veränderte) Normalbiograhie

Auch der Wandel der Sozialstruktur Deutschlands trägt zur Erklärung der letztjährigen Beliebtheit von Biographieanalysen bei:„So wie der Beginn der biographischen Forschung bei Thomas und Znaniecki mit der Erfahrung von Traditionsauflösung und Individualisierung verbunden war, könnte der ( … ) neue Individualisierungsschub der letzten Jahrzehnte die reelle Basis des Neuanfangs bilden “ (Fuchs-Heinritz, 2000, S. 116). Im Deutschland der Nachkriegszeit haben sich die Lebensverläufe zunehmend institutionalisiert, d.h. an gesellschaftlichen Vorgaben und Handlungsmustern orientiert herausgebildet, sie unterliegen einer gewissen Regelung und gleichen Formen. Obwohl sich auch in den Frühphasen der Industrialisierung Differenzierungen ergaben, geht man von einer gewissen Normalität der Arbeitsverhältnisse und Lebenswege aus. Das stabile, unbefristete Normalarbeitsverhältnis gilt dabei als wichtige Voraussetzung für die biographische Sicherheit und Kontinuität, der individuelle Lebensverlauf konnte auf der Basis dieser materiellen Absicherung aufgebaut werden. Die Statuspassagen und Übergänge im Lebensverlauf sind vorhersagbar, sodass man eine gewisse Kontinuität und Zukunftssicherheit erwarten kann (Mayer & Müller, 1994, S. 265). Die postmodernen gesellschaftlichen Veränderungen werden als Individualisierung und Pluralisierung von Lebensstilen beschrieben, es kommt zu einer Abkehr der Orientierung an normativen Vorgaben gesellschaftlicher Institutionen. Im Zuge dessen verändert sich auch die Normalbiographie. Die strengen Muster der Institutionen brechen auf, es ergeben sich vielfältige Möglichkeiten der Gestaltung des eigenen Lebensverlaufs, aber auch neue Unsicherheiten und Orientierungslosigkeit. Das Soziologenpaar Beck/Beck-Gernsheim schreibt:„Das historisch Neue besteht darin, dass das, was früher wenigen zugemutet wurde - ein eigenes Leben zu führen - nun mehr und mehr Menschen, im Grenzfall allen abverlangt wird “ (Beck & Beck- Gernsheim, 1993, S. 21).

Die Biographie in der Postmoderne

Die Herauslösung aus traditionellen Bindungen im Zuge gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse, pluralisierte Lebenswelten und der ständige Druck zu neuen Entscheidungen zwingt das Subjekt zur Selbst-Gestaltung seines eigenen Lebens - Interpretation und Reflexion der individuellen Biographie wird zur Lebensaufgabe:„Das Selbst wird in der zersprungenen Sozialwelt zum reflexiven Projekt. Es zeichnet sich durch ein bislang unbekanntes Maßan Selbstreflexivität und Kreativität aus und muss sich in einem kontinuierlichen Prozess der Selbstbefragung und Selbststilisierung stets von neuem erschaffen “ (Eickelpasch & Rademacher, 2004, S. 22). Das„Brüchig werden der Normalbiographie “ (Müller B. , 2011, S. 159) führt zu einer Infragestellung von Kontinuität und Kohärenz der eigenen Biographie, es kommt zu einer Individualisierung des Lebenslaufs und zu einer Abkehr von ehemaligen Normalvorstellungen. Das Individuum ist nicht mehr im traditionellen Maße gekoppelt an vororganisierte Laufbahnen, sondern ist selbst Gestalter der eigenen Biographie. Die biographische Forschungsanalyse interessiert sich für diese biographischen Neugestaltungen, Veränderungen, Brüche und Abweichungen der postmodernen Gesellschaftsmitglieder.

Biographieanalyse

Als verbreitete Erhebungsmethode dieser Forschungsrichtung hat sich das narrative Interview, entwickelt von Fritz Schütze, etabliert. Die befragten Personen sollen ohne Störungen durch den Forscher zu einer Erzählung angeregt werden, die dem damals Erlebtem möglichst nahe kommt, ohne dass dabei Elemente der Selbstdarstellung, wie etwa Argumentationen, Bewertungen oder Erklärungen, das ehemals Geschehene verzerren (Fuchs-Heinritz, 2000, S. 187 ff.). Die Erzählung der interviewten Person als authentischste Form des damals Erlebten ist frei von wertenden und distanzierenden sprachlichen Mitteln des Befragten:„Argumentationen, Bewertungen, Theoretisierungen, Erklärungen und Stellungnahmen, die sich auf den damaligen Geschehensverlauf beziehen, sind von ihm am weitesten entfernt, ja sie dienen geradezu dazu, dass sich der Sprecher vom damaligen Geschehensverlauf und seiner eigenen Involviertheit darin löst, um sich aus dem Heute heraus allgemein einordnen und bewerten zu können “ (ebd., S. 190.). Fuchs-Heinritz geht davon aus, dass sich der Befragte durch sprachliche und erzählerische Mittel bewusst von damaligen Erlebnissen und Geschehnissen distanzieren möchte, wenn sich im Lebensverlauf problematische, ungelöste Brüche und Lücken ergeben haben, von denen man ungern berichten möchte. Die eigene Biographie ist kein festgelegtes Konstrukt, sondern wird im Moment der Erzählung unter Einbezug der thematischen Rahmung und des Zuhörers immer wieder neu konstituiert (ebd., S. 191).

Grundlage für biographische Fallanalysen stellen entweder im Forschungsprozess erzeugte Daten oder bereits bestehende„personal documents “ (ebd., S. 10) wie etwa Tagebücher, Briefe oder Memoiren dar. Im Gegensatz zur Lebenslaufforschung, die sich mit der Analyse „objektiv“ verfolgbarer Stationen und Ereignisse im Lebensverlauf befasst, richtet sich die biographische Analyse auf den subjektiven Blickwinkel einer Lebensgeschichte. Forschungsziel ist folglich nicht die Überprüfbarkeit objektiv nachvollziehbarer Fakten im Lebenslauf, sondern die interpretative Analyse subjektiver Konstruktionen und Beschreibungen.

Doch wie ist es dem wissenschaftlichen Forscher möglich, diese subjektiven Konstruktionen zu verstehen? Der biographische Forschungsansatz unterscheidet zwischen der„Innenwelt des Biographieträgers “ (Engler, 2001, S. 28), die nur dem Befragten selbst präsent ist und dem Forscher nur in der Erzählung zugänglich gemacht wird:„Die Innenwelt repräsentiert sich dabei in selbsterlebten Erfahrungen und Ereignissen und in Gestalt von Wandlungsprozessen ( … ) “ (ebd., S. 29). Jeder Mensch ist Träger seiner eigenen Biographie und verfügt über eine subjektive Innenwelt, in welcher die eigene Wirklichkeit individuell konstruiert wird. Im Unterschied zur subjektiven Innenwelt steht die Außenwelt, das Objektive:„Ohne diese Unterscheidung kann nicht analysiert werden, wie sich das innere Erleben des Subjektes gestaltet und in welchem Verhältnis Subjekt und Gesellschaft (aus der Subjektperspektive) zueinander stehen, wie sich die Außenwelt aus der Innenperspektive darstellt und wie sie erlebt wurde “ (ebd., S.30). In der biographischen Erzählung gilt der Anspruch an den Sozialwissenschaftler, die innere Realität des Subjektes offenzulegen, indem man individuell erlebte Erfahrungen und Ereignisse zur Sprache bringt und damit analysierbar macht. Bei biographischen Analysen muss in einem ersten Schritt die innere, subjektive Realität des Einzelnen erkannt und verstanden werden, um in einem zweiten Schritt auf objektivierte, sozialstrukturelle Zusammenhänge der Ergebnisse aller Befragungen schließen zu können:„Biographisches Material wird erhoben und interpretiert, um das Handlungsverständnis und dasHandeln innerhalb bzw. unterhalb der Regeln institutioneller Strukturen kennenzulernen, um die„ Sicht von innen, vom intentional strukturierten Handlungsraum der Beteiligten aus “ (Kohli 1981c, 440) zu erreichen “ (Fuchs-Heinritz, 2000, S. 129). Der Sozialforscher sollte sich folglich mit den subjektivierten Sinnkonstruktionen der Befragten befassen, sich allerdings danach von der Ebene dieses subjektiven Sinnes distanzieren, um verallgemeinernde Ergebnisse zu entwickeln.

Erkenntnisse aus der Biographieforschung für die Augsburger Absolventenstudie

Im Folgenden sollen wichtige Einzelerkenntnisse aus der biographischen Forschung auf die Ergebnisse der empirischen Analysen der Augsburger Absolventenstudie angewandt werden. Obwohl diese qualitative Studie nicht in erster Linie darauf ausgelegt war, biographisches Material zu produzieren bzw. zu analysieren, hat sie es doch getan, indem sie den Befragten eine Plattform geliefert hat, Aspekte ihres Lebensverlaufes freiwillig zu erzählen und in schriftlicher Form für Untersuchungen und Interpretationen zugänglich zu machen. Dabei handelt es sich zwar streng genommen um autobiographisches Material, um allerdings Ähnlichkeiten mit Autobiographien aus Journalismus oder Literatur zu vermeiden, werden im Folgenden immer Begrifflichkeiten wie Biographie, biographische Forschung oder Biographieanalyse verwendet.

Zentrales Forschungsziel war es anfänglich nicht, die Lebensverläufe der Soziologie- Absolventen unter biographischen Gesichtspunkten zu analysieren und die soziale Wirklichkeit, die sich dahinter verbirgt, herauszuarbeiten. Die Augsburger Absolventen wurden, im Gegensatz zum typischen Ablauf biographischer Befragungen, nicht dazu angehalten, frei aus ihrem Leben zu erzählen. Obwohl sich auch die Erzählungen der Augsburger Absolventen durch offene Fragen frei ergeben konnten, waren Inhalte und Fokus der Fragestellungen dennoch auf Interessengebiete einer Absolventenstudie ausgerichtet und daher vorstrukturiert. Dennoch traten im Analyseprozess immer wieder Phänomene auf, die sich mithilfe biographischer Ansätze besser verstehen und interpretieren lassen, sodass in diesem Fall beide Forschungsperspektiven, die arbeitsweltlich-informative und die biographisch-reflexive Perspektive, Beachtung bei der Interpretation der Ergebnisse finden müssen.

Wichtige, aus der biographischen Forschung abgeleitete Phänomene, die bei der empirischen Analyse der Augsburger Absolventenstudie auftraten, waren:

1.) Zugrundeliegender Ausgangspunkt aller Interpretationen ist die Annahme, dass biographische Wirklichkeit subjektiv konstruiert wird und sich in einer wechselseitigen Beziehung von vergangenen Ereignissen, aktuellen Bezügen und Antizipationen der Zukunft einbettet. Dieser Punkt wird vor allem in der objektiven Biographieanalyse im zweiten Kapitel eine Rolle spielen. Lebensgeschichte sollte nicht als etwas im Gedächtnis fixiertes, konstantes und vergangenes verstanden werden, sondern wird unter Einbezug aller zeitlichen Dimensionen und Räume permanent modifiziert und wiedergegeben:„Lebensgeschichtliche Erfahrungen und Entwicklungen sowie das biographisch verankerte, handlungsrelevante Selbst- und Weltverständnis eines Menschen betrachten wir prinzipiell als sprachlich-kognitive Konstrukte, die in der (narrativ strukturierten) Retrospektive auf das jeweils eigene Leben gebildet oder umgestaltet werden “ (Straub & Sichler, 1989, S. 223). Diese Tatsache liegt allen Analysen dieser qualitativen Absolventenstudie zugrunde und ist bei der Interpretation der Antworten zu beachten.

2.) Die im Punkt Biographieanalyse angesprochene Problematik zwischen dem subjektiven Verständnis, dass nur dem Individuum selbst zugrunde liegt und dem Versuch, daraus aus objektiver Forscherperspektive soziale Wirklichkeiten zu konstruieren ohne dabei willkürliche Interpretationen walten zu lassen, zieht sich durch alle empirischen Auswertungen dieser Studie. Diese forscherbezogene Problematik soll vor allem durch die hilfreichen Lösungsansätze der objektiven Hermeneutik gelöst werden und wird in Kapitel 5.1 eingehender besprochen.

3.) Die Darstellung eines kohärenten Sinnzusammenhangs zwischen zurückliegenden Entscheidungen, Ereignissen und Handlungen im Lebensverlauf zieht sich als zugrundeliegendes Beantwortungsmuster der Absolventen durch alle Interpretationen. Erklärungsansätze hierfür werden in der Identitätsforschung begründet und kommen vor allem in den Kapiteln sechs, sieben und neun zur Sprache.

4.) Biographische Entscheidungen wie etwa die Studien- bzw. Berufswahl, die eine gewisse Bedeutsamkeit im Lebensverlauf nach sich ziehen, werden unter aktuellen lebensweltlichen Gesichtspunkten reflektiert, bewertet und dargestellt. Uwe Schimank schreibt dazu:„Der Akteur selbst hat durch Erziehung und andere Formen der Sozialisation in starkem Maße verinnerlicht, dass rationales Entscheiden angesagt ist “ (Schimank, 2005, S. 5). Die nachträgliche Rationalisierung einer Entscheidung und deren Evaluation wird in Kapitel sechs behandelt.

5.) Die Unterscheidung von„erlebter und erzählter Lebensgeschichte “ (Rosenthal, 1995, S. 14): tatsächlich Erlebtes, im Gedächtnis gespeicherte „Daten“ und in der Befragung wiedergegebene Beschreibungen müssen nicht miteinander übereinstimmen. Erinnerungen werden in der retrospektiven Darstellung anders konstruiert und nicht, ähnlich einer Kassette, immer wieder gleich abgespielt. Erinnerungen und Erfahrungen konstruieren sich unter Einbezug aktueller Lebensgeschichte. Hintergründig existiert das Motiv, im Lebensverlauf einen Sinnzusammenhang zu erkennen. Inwieweit sich die Erfahrungen und Erinnerungen der Augsburger Absolventen aufgrund ihrer aktuellen Sichtweise geändert haben, soll vor allem in den Kapiteln sechs, sieben und acht thematisiert werden.

6.) „ Die Realität unserer lebensgeschichtlichen Vergangenheit und das in dieser Realitätverwurzelte Selbst ( … ) konstruieren wir im Medium der Sprache “ (Straub & Sichler, 1989, S. 222): Vergangene, gegenwärtige und zukünftige Erfahrungs- und Wissensbestände werden sprachlich, in Textform, thematisiert. Geht man davon aus, dass Lebensgeschichte eine von Sprache abhängige Erinnerung darstellt, versteht man Biographieforschung auch als hermeneutische Wissenschaft. Der konstruierte Text darf nicht per se als solches erforscht werden, sondern muss auch auf rhetorische Besonderheiten, wie etwa die doppelte Zeitperspektive, Schönfärbungen, Täuschungen und Ironisierung untersucht werden (Straub & Sichler, 1989, S. 223 ff.).

7.) Die befragten Soziologie-Absolventen bedienen sich in ihren schriftlichen Antworten sprachlicher und erzählerischer Mittel, um ihre eigene Biographie in einem gewünschten Licht darzustellen: Theoretisierungen, Bewertungen und Werthaltungen dienen dazu, ehemalige Geschehnisse zu erklären und rational zu begründen. Entscheidungen, Handlungen und Ereignisse im Lebensverlauf werden aus einem distanzierten, retrospektiven Blickwinkel beschrieben und somit zu einem gewünschten Bild zusammengefügt. Diese Darstellungsmittel spielen vor allem in der Analyse des empirischen Materials in Kapitel sechs und neun eine zentrale Rolle.

1.1 Identität als narrative Konstruktion in der Postmoderne

Im Folgenden soll der Begriff Identität, der eine wichtige Rolle in dieser Forschungsstudie spielt, erläutert werden. Identität wird verallgemeinernd verstanden als„die völligeÜbereinstimmung einer Person oder Sache mit dem, was sie ist oder als was sie sich bezeichnet “ (Brockhaus Enzyklopädie, 2011) und wird in der Soziologie nie ohne den Bezug zur Gesellschaft verstanden.

Identität in der Postmoderne

George H. Mead geht davon aus, dass sich Identität vor allem in der Interaktion und Abgrenzung zu anderen Gesellschaftsmitgliedern ausbildet und kein ausschließlich persönlich- isoliertes, sondern vor allem soziales Konstrukt darstellt. Während man vor 40 Jahren, Erik Eriksons Theorie folgend, noch angenommen hat, dass die Entwicklung der eigenen Identität mit dem Jugendalter abgeschlossen ist, geht man in postmodernen Gesellschaften von einem unabgeschlossenen Identitätsprojekt im Lebensverlauf aus (Müller B. , 2011, S. 26 ff.). Während das Individuum in der industriellen Moderne gesellschaftliche Strukturen als Orientierungsmuster der Identitätsbildung hatte, verlieren sich die institutionellen Vorgaben, die bis dahin als normal und unhinterfragt galten, in der Postmoderne. Der Prozess der Modernisierung führt zu nachhaltigen Veränderungen des Lebensverlaufes unter den Gesellschaftsmitgliedern:„Normal-Arbeitsverhältnisse, Karriereverläufe, Geschlechterrollen etc.unterliegen heute einem zunehmenden gesellschaftlichen Erosionsprozess. Für die Subjekte heißt das: Sie müssen die zu der eigenen Lebensorganisation„passenden “ sozialen Muster in eigener Regie entwickeln ( … ). Sie haben die Wahl - und damit auch die Qual “ (Keupp & Hohl, 2006, S. 8).

Heiner Keupp geht - nach Max Weber - davon aus, dass mit diesem Prozess der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse das„stahlharte Gehäuse der Hörigkeit “ , das die kapitalistisch geprägt Industriegesellschaft den Subjekten als Korsett aufdrängt “ (Keupp, 1997, S. 16) aufplatzt und sich neue Wahlmöglichkeiten und Handlungsspielräume für den einzelnen Akteur ergeben. Er schreibt:„Das Subjekt löst sich infolge dieses Prozesses immer mehr von vorgegebenen biographischen Entwurfsschablonen und Schnittmustern und muss die Lebensentwürfe in eigene Regie nehmen “ (ebd., S. 16). Mit der Auflösung dieser Sinnvorgaben ist es von nun an jedem einzelnen Individuum überlassen, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen und die Biographie selbst zusammenzubasteln. Auch die Bildung einer stabilen Identität erschwert sich in der sich zunehmend enttraditionalisierten Gesellschaft, die Frage „Wer bin ich?“ stellt sich den Individuen ständig aufs Neue. Neue Freiheiten und der Zuwachs an Handlungsspielräumen und Wahlmöglichkeiten bietet nicht nur die Chance, sich selbst ständig neu zu definieren und auszuprobieren, sondern birgt auch Unsicherheit und einen Verlust an Stabilität. Es ist die Aufgabe jedes Einzelnen geworden, sich im Optionsdschungel zurechtzufinden, ständig neue Entscheidungen zu fällen und Wert- und Normvorstellungen neu auszuhandeln: Keupp spricht in diesem Zusammenhang von„Identitätsarbeit “ (ebd., S.11). Der moderne Mensch ist täglich mit einer Vielzahl von Möglichkeiten, Entscheidungen, Handlungs- und Lebensalternativen konfrontiert, sodass er sich die eigene Identität patchwork - artig zusammensetzt. Sie ist nicht mehr normiert, muss nun immer wieder neu auf ihre Stabilität und Existenz überprüft werden, das Leben wird nicht mehr verstanden als„eine `Wunderbare Gabe Gottes `“, sondern als„individuelle(n) Besitz, der auf Dauer zu verteidigen ist. Mehr noch: es wird zur gestalteten Aufgabe, zum individuellen Projekt “ (Kohli, 1994, S. 142).

Narrative Identität

Eine Möglichkeit, sich seiner eigenen Identität obgleich der Unsicherheit und Flexibilität der postmodernen Gesellschaft dennoch zu vergewissern, sieht Keupp im Moment der Reflexion. Er schreibt dazu:„Reflexivität, als das konstitutive Moment spätmoderner Identität, kann alsÜberwindung vorgegebener persönlicher Entwicklungsschablonen begriffen und als Potential der Emanzipation gefeiert werden “ (Keupp, 1994, S. 347). Im Moment der Erzählung über das eigene Tun und Handeln kommt es genau zu dieser Reflexivität. Wolfgang Kraus etabliert dazu den Begriff der„Narrativen Identität “ (Kraus, 2003) und meint damit die Herstellung einer stabilen Identität im Moment der Erzählung. Er geht davon aus, dass sich Subjekte in ihrer Erzählung über sich selbst eine individuelle Antwort auf die Frage„Wer bin ich ?“ geben. Die stabile und umfassende Selbsterzählung dient den Individuen in der Postmoderne zur Konstruktion der ehemals gefährdeten Kohärenz. Unter den unsicheren, gesellschaftlichen Voraussetzungen können Individuen nicht darauf verzichten, durch diesen Moment der Erzählung positive Selbsterfahrung zu machen und einen inneren Zusammenhang zu finden. Auch Monika Wohlrab-Sahr geht davon aus, dass Identitätsbildung gebunden ist„an ein Mindestmaßvon Kontinuität und Kohärenz “ (Wohlrab-Sahr, 2006, S. 90). Personen muss es gerade unter instabilen gesellschaftlichen Voraussetzungen möglich sein, Bezüge zwischen den eigenen Entscheidungen, Handlungen und Erlebnissen herzustellen und„ü ber Divergenzen hinweg Zusammenhänge [ zu ] schaffen “ (ebd., S.90). In der Erzählung bezieht das Subjekt alle zeitlichen Dimensionen - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - in die Konstruktion der Biographie mit ein und setzt sich somit mit den Ereignissen im Lebensverlauf auseinander. Wohlrab-Sahr bemerkt:„Nicht dass ein harmonisches Verhältnis zwischen konfligierenden Bezügen hergestellt wird, konstituiert Identität, sondern dass ein Verhältnis hergestellt wird “ (ebd., S. 91).

Narrative Identität der Augsburger Soziologie-Absolventen

Auch die Erzählungen der Augsburger Soziologen sind Geschichten über ihr eigenes Leben. Demzufolge haben die schriftlichen Antworten einen direkten Bezug auf die eigene Persönlichkeit und werden unter Einbezug einiger Prämissen der Identitätserhaltung gestaltet. Es geht hier folglich um die Bemühungen der Absolventen, einen kohärenten Sinnzusammenhang zwischen den Erlebnissen, Erfahrungen, Entscheidungen und Handlungen ihrer eigenen Biographie darzustellen, um die eigene Identität und somit ein positives Selbst- und Fremdbild im Moment der Erzählung aufrechtzuerhalten. Bernadette Müller bezieht sich bei Kohärenz„auf das Gewordensein der eigenen Person und meint die Fähigkeit, einen sinnhaften Zusammenhang zwischen früheren Phasen des Lebens, der gegenwärtigen Situation und einer Zukunftsperspektive herzustellen“ (Müller, 2011, S. 231). Dabei wird der Moment der autobiographischen Selbstdarstellung als eine identitätsbekräftigende Situation angesehen, indem sich die Befragten auch dem„biographischen Anderen“ (Fuchs-Heinritz, 2000, S. 49), also dem Leser, bewusst sind. Die Befragung stellt dabei eine Plattform zur Selbstdarstellung dar, eine Möglichkeit zur Selbstinszenierung.

Diese und weitere Prämissen der Identitätsbildung und -Aufrechterhaltung sollen hier als weiteres Deutungsmuster angeführt werden, um die Art und Weise des Antwortverhaltens der befragten Soziologie-Absolventen zu verstehen. Folgende Prämissen dieser Annahmen, die den Interpretationen dieser Forschungsstudie als Deutungsmuster zugrunde liegen, sollen hier definiert werden:

1.) Menschen besitzen die Fähigkeit, Bewusstsein über ihr eigenes Selbst zu entwickeln

und sich mit den Augen anderer Personen zu betrachten („Me“ bei George H. Mead). Identität wird nicht nur unter Einbezug des personellen Selbst („I“) vollzogen, sondern auch unter Einbezug der Haltung anderer Personen. Auch die befragten Soziologie-Absolventen beziehen bei ihrer Beantwortung die Erwartungen der Leser mit ein und wissen, dass ihr früheres Handeln ihre eigene Identität widerspiegelt. Demzufolge sind sie darum bemüht, sich in einem positiven Licht darzustellen (Vester, 2009, S. 59 ff.).

2.) Das Bewusstsein über eigene Entscheidungen, Handlungen und Interaktionen führt zu einer Bewertung dieses Tuns und der Herstellung eines eigenen Selbstbildes. Ein positives Selbstwertgefühl entsteht dann, wenn das eigene Selbstbild mit dem Fremdbild (Glauben über die Meinung anderer über sich selbst) und dem eigenen Idealbild weitgehend übereinstimmt. Da Menschen nach einem positiven Selbstbild und Anerkennung durch andere Personen streben, versuchen sie mithilfe von Strategien, das Infrage stellen oder Zerstören des eigenen Selbstbildes zu vermeiden. Auch diese Annahme, in der Interaktion mit anderen ein möglichst positives Bild von sich zu vermitteln, liegt den Beantwortungsmustern der Soziologie- Absolventen zugrunde und muss bei der Interpretation ihrer Antworten beachtet werden (Müller, 2011, S. 149).

3.) Aufgrund der Ablösung von gesellschaftlichen Sinnvorgaben, Normen und Verhaltensregeln wird die sinnvolle Begründung eigener Handlungen zur zentralen Selbstaufgabe im Leben. Die sinnvolle Begründung des eigenen Tuns wird zum selbstzugeschriebenen Projekt, man kann sich nicht an vorgegebenen Sinnsystemen orientieren. Auch in den Antworten der Soziologie-Absolventen finden sich diese Deutungsmuster. Sie wissen, dass sich ihre damaligen Entscheidungen und Handlungen nur in Rückgriff auf ihre eigene Persönlichkeit erklären lassen. Fehler, Lücken und Brüche in der eigenen Biographie werden von den Befragten entweder übergangen oder anhand legitimier gesellschaftlicher Begründungen bewertet und dem Leser erklärt (Abels, 2009, S. 150 ff.).

4.) Sprachliche Mittel dienen der Selbstdarstellung der eigenen Identität im Prozess der sozialen Interaktion mit anderen Personen: Argumentationen, Bewertungen, Erklärungen und Theoretisierungen dienen den befragten Soziologie-Absolventen zur Selbstinszenierung. Sie beeinflussen ihre Erzählung bewusst mithilfe dieser sprachlichen Elemente, um das gewünschte Selbstbild abzubilden und die Erwartungen des Lesers zu erfüllen. Diese Strategie dient der Aufrechterhaltung der eigenen Identität.

Verdeutlicht werden soll zusammenfassend die Annahme, dass die befragten Soziologie- Absolventen im Moment ihrer Erzählung vorrangig daran interessiert sind, einen kohärenten Sinnzusammenhang in den Ereignissen ihres Lebens zu erkennen, um das eigene Selbstbild nicht zu gefährden. Obwohl Identität in der heutigen, dynamischen Gesellschaft nicht als „ statische Struktur “ (Müller B. , 2011, S. 231) verstanden wird und„Elemente im Lebensverlaufumgedeutet, verdrängt oder aufgegeben werden “ (ebd., S.231) , bleibt in der Erzählung das Gefühl„der oder dieselbe zu sein “ als wichtigstes Motiv bei der Beantwortung von Fragen über das eigene Leben (ebd., S.231).

1.2 Berufliche Biographie als Teil der modernen Patchwork-Identität

In einer sich immer weiter differenzierenden Gesellschaft in ihre Teilsysteme konstituiert sich das Subjekt als Träger verschiedener sozialer Teil-Identitäten, die sich nach Heiner Keupp patchwork-artig miteinander verbinden. Nach dem Verständnis von Georg Simmel (1992) bildet der Akteur die zugeschriebene Schnittmenge sozialer Kreise ab, Individualität entsteht in der sozialen Wechselwirkung und nur in Bezug auf Gesellschaft und Gemeinschaft. Während sich in traditionalen Gesellschaften das Individuum als ganze Person verstand, ist es in der modernen Gesellschaft zum multiplen Rollenträger geworden (Vester, 2009, S. 25).

Diesem Ansatz folgend, wird im weiteren Verlauf der Arbeit nur noch das Ausbildungs- und Arbeitssystem als ein sozialer Kreis eines nicht mehr vereinheitlichten Identitätssystems eine Rolle spielen. Der Blickwinkel wendet sich folglich von der ganzheitlichen Betrachtung der Biographie bzw. Identität eines Menschen auf den Teil-Aspekt Bildung und Beruf.

Die berufliche Biographie einer Person bildet sich im Laufe des „Marsches durch die Institutionen“ aus, erweitert und ändert sich im Lebensverlauf wobei Institutionen3 eine die Biographie begleitende und stützende Funktion einnehmen (können). Eine normale Erwerbsbiographie beinhaltet das Normalerwerbsverhältnis als einen kontinuierlichen, verlässlichen Faktor im Lebensverlauf: Das Normalarbeitsverhältnis wird dabei definiert als„abhängiges Beschäftigungsverhältnis,das in Vollzeit und unbefristet ausgeübt wird“ (Statistisches Bundesamt Deutschland, 2011), es verspricht ökonomische Sicherheit und macht die Zukunft planbar. Die Annahme, dass ein unbefristetes, stabiles Erwerbsverhältnis den Normalitätszustand beschreibt, ergibt sich erst seit der arbeitsweltliche Wandel der letzten Jahrzehnten mehr Unsicherheiten und erodierende Stabilitäten in die Erwerbsbiographie gebracht hat. Arbeitsverhältnisse in der Postmoderne dagegen können als flexibel, prekär und unsicher beschrieben werden. Die Möglichkeit, eine reguläre, unbefristete Erwerbstätigkeit auszuüben ist auch für Akademiker als höchstqualifizierteste Arbeitnehmergruppe deutlich schwerer als früher realisierbar. Heutige Berufsbiographien stellen keine Normalerwerbsbiographie im Sinne einer planbaren, vorhersehbaren Abfolge kontinuierlicher, unbegrenzter Erwerbsphasen mehr dar, sondern sind geprägt von Lücken, Brüchen, Auf- und Abstiegsphasen (Strünk, 2004, S. 40). Der berufliche Lebenslauf weicht ab von vorgegebenen, biographischen Strukturierungen und ist, so wie auch andere Bereiche im Leben, geprägt vom Prozess der Individualisierung. Man spricht von einer De-Standardisierung und DeInstitutionalisierung der Berufsbiographie (Hoerning, 1995, S. 20 ff.).

In dieser qualitativen Forschungsstudie werden die Berufsbiographien der Soziologie- Absolventen der Universität Augsburg unter die Lupe genommen. Die Bildungsbiographie als ein dem beruflichen Leben vorausgehender Abschnitt wird ab dem Zeitpunkt des Eintritts in die Hochschule beachtet. Die biographische Laufbahn der Befragten enthält einige Gemeinsamkeiten: sie alle durchlaufen dieselbe Organisation (Universität Augsburg), die den Prozess der Hochschulbildung begleitet und lenkt. In ihr und durch sie erhalten die ehemaligen Studierenden die institutionelle Formung ihrer Bildungsbiographie - das Studium der Soziologie. Mit Abschluss der Hochschulausbildung verlassen die Absolventen den institutionell vorgegebenen Rahmen ihrer Biographie, dementsprechend differenziert charakterisiert sich das Berufsbild der Soziologie-Absolventen.

In den nachfolgenden Kapiteln sollen theoretische Herleitungen zu den inhaltlichen Themen der Absolventenstudie zu einem besseren Verständnis der empirischen Interpretationen beitragen. Als erstes werden Aspekte der Hochschulausbildung als Sozialisationsprozess, sowie deren Idealziele eingehender betrachtet. Danach sollen die Begriffe Beruf, Profession und berufliche Identität definiert werden. Im Anschluss daran wird die Bedeutung des Berufes für die Identität bewertet. Alle Ergebnisse werden in Bezug gesetzt zur Disziplin Soziologie, sodass sich am Ende jedes Kapitels Forschungsfragen an das empirische Material ergeben und sich somit ein Bezug zwischen theoretischen Herleitungen und praktischen Interpretationen ergibt.

1.2.1 Hochschulsozialisation und die Ausbildung eines fachlichen Habitus

Die biographische Phase „Studium“ wird nicht nur als Übergangsstation auf dem Weg zum Beruf gesehen, sondern als eigene, für Schulabgänger neue Lebensform verstanden. Diese Lebensphase stellt eine Art freien Raum da, eine Station zwischen Erwachsenwerden und Erwachsensein, die als„Post-Adoleszenz “ (Schmitt, 2010, S. 63) bezeichnet wird. Universität als institutioneller Rahmen der Bildungsbiographie verfolgt dabei drei Funktionen: die Qualifikationsfunktion in der Ausbildung fachspezifischer Kompetenzen, die Sozialisationsfunktion in der Ausbildung spezifischer Denk- Handlungs- und Wahrnehmungsmuster und die Selektionsfunktion, z.B. durch Prüfungen (Huber L. , 1991, S. 417 ff.). Im Folgenden sollen die Prozesse der Sozialisation und Qualifikation eingehender betrachtet werden.

Hochschulsozialisation

Sozialisation wird verstanden als Vermittlungsprozess zwischen Individuum und Gesellschaft, welcher sich als unabgeschlossener und daher lebenslanger Prozess im Lebensverlauf vollzieht. Dabei ist der Prozess der Sozialisation„keinesfalls problem- und schmerzlos, sondern häufig mit krisenhaften Orientierungs- und Verstehensproblemen sowie massiven Fremdheitserfahrungen verbunden “ (Bauer, 1997, S. 16). Sozialisation meint die Ausrichtung des Individuums auf gesellschaftliche Gegebenheiten und deren Veränderungen, von welchen es beeinflusst wird - dieser Prozess wird als Internalisierung verstanden:„Danach verinnerlichen wird die Werte und Normen einer Gesellschaft so sehr, dass wir sie zum eigenen Antrieb des eigenen Denkens und Handels machen. Was wirüber uns selbst denken und wie wir gegenüber den Anderen handeln, bewegt sich gewissermaßen im Rahmen dessen, was die Gesellschaft allen ihren Mitgliedern empfiehlt, abverlangt oder was auch immer “ (Abels & König, 2010, S. 10). Die Herstellung und Konstruktion der eigenen Identität wird allerdings nicht nur als Spiegelbild der Gesellschaft verstanden, sondern als skeptischer Prozess in der Hinterfragung gesellschaftlicher Handlungserwartungen und der daraus resultierenden, wechselseitigen Einflussnahme (Abels & König, 2010, S. 11 ff.).

In diesem Fall dreht es sich um Studierende, den Lernort Universität und ihr soziales Umfeld an der Universität. Die tertiäre4 Sozialisationsphase (hier die Hochschulsozialisation), in der sich die Absolventen während ihres Studiums und im Zuge ihrer Berufstätigkeit befinden, soll in dieser Analyse eine Rolle spielen (Buchmann & Huisinga, 2009, S. 64):„Versteht man unter„Sozialisation “ den Prozess, in dem sich der Mensch als gesellschaftlich handlungsfähiges Subjekt in tätiger Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt entwickelt (Geulen & Hurrelmann, 1980; Tillmann 1989), so ist„Hochschulsozialisation “ derjenige Teil dieses Prozesses, der mit dem Studium an einer Hochschule einhergeht “ (Huber L. , 1991, S. 417).

Inner- und außerfachliche Sozialisationsprozesse

Die Hochschule gilt als soziale Instanzen, die den gesellschaftlichen Auftrag der Wissensaneignung und der Ausbildung von Kompetenzen und Werthaltungen erfüllen soll. (Hoch)-schulen verrichten einen doppelten Auftrag: Neben dem Erwerb von fachlichen Kenntnissen„ist das Einüben in die Verkehrsformen der Institution (Hierarchie, Konkurrenz) undin das Beziehungsgeflecht der Peergroup (Solidarität, Anerkennung) für diePersönlichkeitsentwicklung mindestens {genau} so wichtig (…)“ (Horstkemper & Tillmann, 2008, S. 290).

Die Hochschule unterscheidet sich zur Schule durch zwei sich überlagernde Systeme,„das aufErkenntnisproduktion ausgerichtete Wissenschaftssystem und das auf Qualifikation und Persönlichkeitsbildung ausgerichtete (Aus-)Bildungssystem “ (ebd., S. 296). Diese beiden Systeme sind nur theoretisch voneinander trennbar, im universitären Alltag gehen sie ineinander über und sind miteinander verflochten. Für diese Forschungsstudie ist es wichtig, sich diese beiden Systeme in Erinnerung zu behalten, da auch die Augsburger Absolventen innerfachlich und außerfachlich wichtige Erfahrungen gemacht haben.

Fachlicher Habitus als Ausbildungsziel von Hochschulen

Die Ausbildung eines fachspezifischen Habitus wird als ein zentrales Ziel erfolgreicher Hochschulsozialisation angesehen. Fachspezifischer Habitus wird in Anlehnung an Pierre Bourdieus Habitustheorie entwickelt und wie folgt definiert:„Im allgemeinsten Sinne ist mit Habitus die Haltung des Individuums in der sozialen Welt, seine Dispositionen, seine Gewohnheiten, seine Lebensweise, seine Einstellung und seine Wertvorstellung gemeint. ( … ) Im Einzelnen enthält der Habitus Schemata, die der Wahrnehmung der sozialen Wirklichkeit dienen, Denkschemata, mit Hilfe derer diese Wahrnehmungen geordnet und interpretiert werden, ethische Ordnungs- und Bewertungsmuster,ästhetische Maßstäbe zur Bewertung kultureller Produkte und Praktiken sowie Schemata, die die Hervorbringung von Handlungen anleiten “ (Fuchs-Heinritz & König, 2011, S. 112-113).

Als Idealziel der Hochschulausbildung gelingt eine fachspezifische Prägung, die sich nicht nur auf im Studium erlerntes Wissen beschränkt, sondern sich ganzheitlich auf die Wahrnehmungen und Denkmuster des Studenten auswirkt. Mithilfe einer fachspezifischen Haltung können sich die Beteiligten einer akademischen Gruppe von einer anderen abgrenzen und sich untereinander identifizieren. Vergessen werden darf hier allerdings nicht, dass sich der fachliche Habitus nicht zwingend bei jedem Studenten ausbildet, sondern nur eine Idealvorstellung ist (Schmitt, 2010, S. 236).

Soziologie als Studienfach

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird eine Spezialisierung auf das Fach Soziologie vorgenommen. Die Soziologie im Speziellen leistet sich eine außerordentliche Diskussion um die Frage nach der richtigen Vermittlung soziologischer Kompetenzen an der Universität und deren adäquater Verwendung in der Praxis.5 Scheint sich die soziologische (Aus)Bildung in Zeiten von Bildungsexpansion, Studiengebühren und Einzug prekärer Arbeitsverhältnisse in Akademikerlaufbahnen maßgeblich durch ihre Nützlichkeit insbesondere für die Praxis zu legitimieren, ist die ursprüngliche Idee der Hochschule als zweckfreier Forschungs- und Lernort fast vergessen (Pasternack, 2002).

Die Frage was man im Soziologie-Studium lerne und was man damit nach dem Studium eigentlich mache beschäftigt die soziologische Verwendungsforschung seit den 1960er Jahren und scheint auch nach jahrelanger - teils öffentlicher aber vor allem innerfachlicher Diskussion - nicht geklärt. Dringlicher denn je stellt sich diese Frage heute nicht nur Soziologie-Studenten (und deren Verwandten) meist erst am Ende ihres Studiums, sondern auch Arbeitsmarktforschern und Arbeitgebern. Während naturwissenschaftliche Inhalte in der Schule gelehrt werden und sich jeder etwas unter den Studienfächern Biologie, Physik und Chemie vorstellen kann, scheint das Studienfach Soziologie sowohl für Studienanfänger, als auch für deren soziales Umfeld diffus und anfänglich schwierig zu begreifen. Werner Schirmer beschreibt die Problematik wie folgt:„Soziologie ist offensichtlich zu unbekannt. Die Begründungen von Erstsemestern, warum sie Soziologie studieren, sind dafür ebenso bezeichnend. Nur die wenigsten studieren Soziologie, weil sie Soziologen werden wollen “ (Schirmer, 2003, S. 241).

Neben dem Nichtwissen über soziologische Inhalte im Studium wirft er den Soziologie- Studenten eine fehlende Vorstellung über zukünftige Berufsbilder vor. Während allerdings auch Studienanfänger anderer Fächer nicht genau wissen, was sie im Studium erwartet und welche Qualifikationen sie lernen, so seine Argumentation, bedarf es bei Soziologie-Studenten besonderer Reflexion:„Die Frage, was man mit physikalischem Wissen anfangen kann, stellt sich meist nicht, obwohl die Antwort gar nicht so sehr auf der Hand liegt, wie es auf den ersten Blick erscheint “ (ebd., S. 242). Insbesondere der Soziologie wird Reflexion und Rechtfertigung hinsichtlich Studieninhalte und Anwendung im Beruf abverlangt:„Wer Soziologie studiert, kommt nicht um solche Reflexionen auf da eigene Fach herum, ( … ). Es lässt sich annehmen, dass diese Selbstreflexion, die Frage nach der Identität des eigenen Faches so nur in der Soziologie zu finden ist “ ( ebd., S.242).

Die Gedanken des Autors aufgreifend wurden auch die Soziologie-Absolventen der Universität Augsburg gefragt, warum sie dieses Studienfach gewählt haben. Wie begründen sie retrospektiv diese biographisch wichtige Lebensentscheidung? Diese Fragen werden in Kapitel sechs beantwortet. Wie reflektieren sie ihr Fach, das Ulrich Beck zufolge,„als Leitwissenschaft abgedankt hat “ (Beck, 2005, S. 3)? Welche Erfahrungen sind aus arbeitsweltlicher Sichtweise im Nachhinein für die Hochschulabsolventen wichtig? Diese Themen spielen in Kapitel sieben eine Rolle. Welche soziologischen Qualifikationen haben die ehemaligen Studierenden im Zuge ihrer Sozialisation gelernt bzw. wie verwenden sie diese? Lassen sich aus ihren Antworten Gemeinsamkeiten erkennen, die auf internalisierte Denk- Handlungs- und Wahrnehmungsmuster, also einen fachspezifischen Habitus, hinweisen? Gibt es eine „soziologische Identität“? Diese Fragen sollen in Kapitel neun beantwortet werden.

1.2.2 Beruf, Profession und berufliche Identität

Beruf

Ein Beruf als„Grundlage der Versorgungs- und Erwerbschancen “ (Corsten, 1995, S. 39) stellt auch in postmodernen Gesellschaften ein entscheidendes„Strukturierungselement des gesamten Lebenslaufs “ (ebd., S.39) dar. Neben der ökonomischen Absicherung hat er eine soziale, zeitstrukturierende und identitätsstiftende Funktion und bildet auch in Zeiten vielzähliger Handlungsalternativen einen zentralen Orientierungsanker im Lebensverlauf ab. Beruf soll hier bezeichnet werden als eine„spezifisch zugeschnittene, auf produktive Aufgaben bezogenen und aus gesellschaftlichen Bildungsprozessen hervorgehende Form von Fähigkeiten und Fertigkeiten und/oder dazu komplementärer fachlicher Tätigkeiten und Leistungen “ (Kopp & Schäfers, 2010, S. 33). Berufe genießen unterschiedliche Privilegien wie Einkommen, Status, Prestige und Autonomie und verstärken dadurch ihr besonderes Profil gegenüber anderen Tätigkeiten (ebd., S. 33). Kennzeichen von Berufen sind 1.) die Reservierung und Abgrenzung spezieller Tätigkeitsfelder, Angehörige der jeweiligen Berufsgruppe haben hier einen legitimierten Zugang. 2.) Angehörige einer Berufsgruppe verfügen über spezielle Kompetenzen und Qualifikationen, welche zur Erfüllung der jeweiligen Aufgaben befähigen. Dadurch entsteht eine gewisse Autonomie gegenüber Laien oder „Nicht-Experten“, die nicht über dieses Wissen verfügen. 3.) Die Qualifizierung für einen Beruf ist an eine eigenständige Ausbildung gebunden, die mit einem öffentlich anerkannten Zertifikat abgeschlossen wird. Meistens wird das berufsspezifische Wissen in der praktischen Anwendung vermittelt oder in der schulischen Vermittlung. Ein Beispiel hierfür ist das deutsche Ausbildungsmodell, welches den „Lehrling“ zur Arbeit in einem Betrieb und begleitenden schulischen Ausbildung verpflichtet. 4.) Ein Beruf ist meist verbunden mit einer gewissen gesellschaftlichen Anerkennung bzw. Prestige und unterscheiden sich hinsichtlich Einkommen und Hierarchie - man vergleiche die gesellschaftlich unterschiedliche Anerkennung der Arbeit von Krankenschwestern und Ärztinnen (Heidenreich, 1999, S. 4). Akademische Berufe sind häufig Professionen - dieser Begriff wird nun vorgestellt.

Profession

Auch die Soziologie als wissenschaftliche Disziplin ist eine Profession. Eine Profession unterscheidet sich von einem Beruf durch einige Aspekte, die allerdings nicht trennscharf voneinander abgegrenzt werden können. So beinhalten alle eben genannten Charakteristika eines Berufes auch die Ansprüche an eine Profession. Heidenreich bezeichnet Professionalisierung als den Prozess,„ indem die Berufsausbildung und Weiterentwicklung der professionellen Wissensbasis systematisiert und institutionalisiert werden und bestimmte Tätigkeitsfelder für die Angehörigen eines Berufes reserviert werden“ (ebd., S. 4). Lamnek unterscheidet Beruf und Profession vor allem in der Ausrichtung ihrer Aufgaben: während der Beruf als ein Instrument zur Erfüllung wirtschaftlicher Bedürfnisse gesehen wird, und sich durch „individuelle Anpassungsfähigkeit und - bereitschaft“ (Lamnek S. , 1993, S. 21) auszeichnet, geht es der Profession vor allem um gesellschaftliche Anerkennung und Ausbildung eines eigenen Status - eine Profession lässt sich im Gegensatz zum Beruf nicht ohne weiteres abändern, man denke z.B. an die Medizin als Profession (meistens werden akademische Berufe als Profession bezeichnet) und den Beruf der Krankenschwester.

Berufliche Identität

Die Ausbildung einer beruflichen Identität, also einer professionellen Fachkultur unter Berufsmitgliedern, dient der Festigung der jeweiligen Profession. Berufliche Identität meint hier nicht die Gleichsetzung des ausgeübten Berufes mit der eigenen Persönlichkeit, sondern die Möglichkeit, den eigenen Beruf und seine Tätigkeitsinhalte klar definieren zu können. Es geht folglich nicht um die persönliche Identität der Mitglieder aus dem jeweiligen Berufsstand, sondern nur um deren Fähigkeit, sich das eigene Berufs- und Kompetenzbild selbst und gegenüber der Öffentlichkeit klar zu definieren und mit der vorausgesetzten Ausbildung - hier das Hochschulstudium - in Verbindung zu bringen. Die berufliche Identität etabliert sich mithilfe der Ausbildung eines fachlichen Habitus unter den Berufsmitgliedern und stärkt das Selbstbild gegenüber der Öffentlichkeit.

Die Ausbildung einer beruflichen Identität„erzeugt auf sozialer Ebene stabile Fremdzurechnungen, und auf individueller Ebene die Chance, stabile Selbstzuschreibungen vorzunehmen “ (Corsten, 1995, S. 48). Auf organisationaler Ebene geschieht die Ausbildung einer beruflichen Identität durch die Gründung von Berufs- bzw. Dachverbänden6, auf gesellschaftlicher Ebene durch Kenntnis eines spezifischen Berufsbildes und auf personaler Ebene durch die Möglichkeit der Selbstzuschreibung.

Professionsschwierigkeiten der Soziologie

Soziologie ist ein Studiengang ohne klare berufliche Tätigkeitsfelder und einer offenen Beziehung zwischen Hochschulabschluss und beruflicher Verwendung der erlernten Qualifikationen, daher hat sie gewisse Schwierigkeiten sowohl mit der Legitimierung ihres Faches als Profession, als auch mit der Ausbildung einer professionellen Identität unter ihren Berufsmitgliedern. Da die Soziologie immer noch eher für den Wissenschaftsbetrieb und nicht für einen spezifischen Beruf ausbildet, ist es für Soziologie-Absolventen und die Öffentlichkeit schwierig, soziologische Qualifikationen in der Arbeitswelt wiederzufinden. Während klar ist, welche Qualifikationen ein Arzt bzw. Lehrer vorzuweisen hat und woher seine entsprechenden Kompetenzen stammen (von der universitären Ausbildung), ist die Identifizierung soziologischer Qualifikationen schwammiger und willkürlicher (Falk, Reimer, & Sarcletti, 2009, S. 14).

Gernand und Schürmann definieren drei Kriterien, welche die Soziologie erfüllen sollte, um sich als Profession gegenüber anderen Professionen zu behaupten:

1.) Spezielles Expertenwissen, welches eine autoritäre Position bei der Behandlung gesellschaftlicher Probleme zur Folge hat. Soziologisches Expertenwissen ist die Analyse-, Reflexions-, und Interpretationsfähigkeit gesellschaftlicher Phänomene, sowie Skeptizismus und eine soziologiespezifische Denkweise. Dieses Expertenwissen wird an der Universität vermittelt, soziologische Theorie stellt dabei ein Alleinstellungsmerkmal dar und dient der Abgrenzung zu anderen Professionen. In Kapitel neun wird klar, dass gerade soziologischtheoretische Inhalte des Studiums schwer in die Praxis umsetzbar sind und es den ehemaligen Studierenden aus Augsburg insgesamt schwer fällt, soziologisches Expertenwissen anzuerkennen und in ihrem Beruf anzuwenden.

2.) Dominanz eigener beruflicher Handlungsfelder und die sich daraus ergebenden abgrenzbaren Berufsrollen. Dieser Tatbestand ist in der Soziologie nicht gegeben, dadurch ergibt sich eine verlorengegangene Autonomie im Beruf, die noch an der Universität vorherrschte: es besteht der Verdacht, dass Soziologen im Arbeitsalltag austauschbar werden.

3.) Entwicklung einer professionellen, soziologischen Identität und „Institutionalisierung einer korporativen Interessenvertretung zur Steigerung des Berufsprestiges und der Gegenleistungsserwartungen “ (Gernand & Schürmann, 1993, S. 188). Diese Institutionalisierung würde dazu beitragen, dass sich die Soziologie innerfachlich und vor allem in der beruflichen Arbeitswelt außerhalb des Wissenschaftsapparates einheitlich präsentieren kann.

Entsoziologisierung von Soziologen in der Arbeitswelt

Aus den angeführten Problemen der Soziologie in der Arbeitswelt haben Soziologen fachintern eine Problematik entdeckt, die als„Entsoziologisierung von Soziologen “ (Kühl, 2003, S. 7) mit dem Eintritt der Hochschulabsolventen ins Berufsleben, bezeichnet wird. Gemeint ist dabei die Schwierigkeit, soziologische Qualifikationen seitens der Soziologie-Studenten und ihrer potentiellen Arbeitgeber überhaupt zu erkennen und wertzuschätzen - Entsoziologisierung meint die Aberkennung und somit das Verschwinden soziologischer Kompetenzen in der Arbeitswelt. Man geht davon aus,„dass die Soziologie als Wissenschaft anderen Regeln, Strukturen und Rationalitäten unterliegt als die Praxisfelder außerhalb der Wissenschaft, in denen soziologisches Wissen zur Anwendung kommen kann “(ebd. , S. 13 ).Diese unterschiedlichen Regeln und Strukturen führen dazu, dass universitäres Wissen der Soziologie von ihren Vertretern kaum in die Praxis umgewandelt werden kann, sodass ein „ Reinterpretationsprozess“ (ebd., S.13) stattfindet:„Bei der Reinterpretation von wissenschaftlichem Wissen werden ( … ) die Ergebnisse soziologischer Forschung ihrer„Soziologie “ entkleidet. Die Wissensbestände, die im Wissenschaftsbetrieb ( … ) produziert werden, unterliegen im Produktionsprozess nicht dem Kriterium der Anwendbarkeit und sind deswegen für die Praxis häufig„unpraktisch “ ( ebd., S. 13 ).

Die fehlende Passung von universitären Kompetenzen und beruflichen Anforderungen führen dazu, dass Soziologie-Absolventen keine soziologische Identität entwickeln, sondern außersoziologische Qualifikationen aus den Nebenfächern VWL oder Psychologie als wichtiger für die Berufstätigkeit nach dem Studium anerkennen. Als Konsequenz scheint es„eine Tendenz zu einem Doppelleben von Soziologen zu geben: einerseits der Erwerb von theoretischem Lehrbuchwissen und andererseits eine gezielte Berufsvorbereitung, die wenig oder gar nichts mit Soziologie zu tun hat “ (ebd., S. 14).

Unter Anbetracht der aufgeführten Problematiken, die sich für Soziologen in außeruniversitären Berufsfeldern zu ergeben scheinen, stellen sich folgende Forschungsfragen an das empirische Material dieser Absolventenstudie: Sind die Soziologie-Absolventen der Universität Augsburg auch von diesen„Entsoziologisierungsprozessen “ im Arbeitsleben betroffen oder erkennen sie den Beruf des Soziologen an? Haben sie spezifische Kompetenzen erworben, welche als unverzichtbar für die Bewältigung ihrer beruflichen Tätigkeit angesehen werden? Haben sie sich eigene Denk- und Handlungsmuster angeeignet und können eine eigene berufliche Identität erkennen, die sie sowohl von anderen Fachkräften abgrenzt als auch in der Öffentlichkeit anerkannt ist? Diesen Forschungsfragen wird in den Kapiteln sieben, acht und neun nachgegangen.

1.2.3 Identität im Beruf und Erkenntnisse für die biographische Erzählung

Eine zufriedenstellende Berufstätigkeit auszuüben stellt bei Erikson (1973) eine wichtige Komponente für die erfolgreiche Identitätsentwicklung am Ende der Adoleszenz dar.

Veränderungen der Arbeitswelt erschweren die Verbindung von Persönlichkeit und Beruf

Die heutige Arbeitswelt ist von tiefgreifenden Veränderungen betroffen, die einerseits eine erhöhte Verbindung von Persönlichkeit und Beruf verlangen, diese Verbindung aber gleichzeitig durch unsichere Arbeitsverhältnisse erschwert wird.

Es kommt zu einer Verflüssigung der Grenzen zwischen Arbeits- und Lebenswelt besonders bei höher qualifizierten Erwerbstätigkeiten: Arbeitszeit und Freizeit werden nicht mehr strikt voneinander getrennt, klassische „nine-to-five“ Jobs von Montag bis Freitag lösen sich auf, Berufs- und Privatleben sind kaum trennbar miteinander vereint. Arbeitnehmer werden häufig in Projektarbeiten eingesetzt und leistungsabhängig bezahlt. Flexible Arbeitszeiten und die Entgrenzung fester Arbeitsstrukturen führen zu einer Subjektivierung von Arbeit. Einerseits besteht die Chance und Möglichkeit, Arbeitsabläufe persönlicher zu gestalten, andererseits ergibt sich dadurch ein doppelter Zwang:„nämlich erstens, mit„subjektiven “ Beiträgen den Arbeitsprozess auch unter„entgrenzen “ Bedingungen im Sinne der Betriebsziele aufrecht zu erhalten; und zweitens, die eigene Arbeit viel mehr als bisher aktiv zu strukturieren, selbst zu rationalisieren und zu„verwerten “ (Moldaschl & Voß, 2003, S. 15) .

Der moderne Arbeiter soll sich mit seinem Handeln identifizieren, persönliches Interesse und innere Beteiligung am Arbeitsprozess zeigen. Diese Verbindung zwischen Persönlichkeit und ausgeübtem Beruf gestaltet sich unter heutigen Arbeitsmarktvoraussetzungen allerdings schwierig, die moderne Arbeitswelt ist von vielen Veränderungen betroffen. Es ist schwierig, eine stabile Beziehung zu seiner Arbeit herzustellen, wenn das Arbeitsverhältnis weder Sicherheit noch Zukunftspotential verspricht. Heinz schreibt dazu:„Wird der Berufsweg einer Person häufig unterbrochen, etwa durch Tätigkeits-, Betriebs-, oder Berufswechsel, aber auch durch Erwerbslosigkeit, dann ist die Entwicklung beruflicher Lebenspläne und berufsbezogener Identität gefährdet “ (Heinz, 1995, S. 104).

Erwerbsarbeit als zentrale Quelle der Identifizierung

Obwohl es infolgedessen Diskussionen um Möglichkeiten zur Abwertung von Erwerbsarbeit und zur Aufwertung von Alternativen (unbezahltes, bürgerschaftliches Engagement) als Quelle der Identifizierung gibt, hat der Beruf auch heute seine zentrale Stellung in der Gesellschaft nicht verloren. Die berufliche Normalbiographie ist zwar brüchig geworden, dennoch stellt Erwerbsarbeit eine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung im Leben dar. So dient der Beruf neben dem reinen Geldverdienen auch als Möglichkeit zur Integration in die Gesellschaft, zur Selbst- und Sinnfindung (Eickelpasch& Rademacher, 2004, S. 35 ff.).

Er prägt die eigene Identität, das soziale Umfeld und wirkt sich auf persönliche Denk-, Handlungs-, und Wahrnehmungsmuster aus. Der Zusammenhang zwischen der Arbeits- und Lebenswelt drückt sich wie folgt aus:„Das subjektive Gefühl, sein Leben frei gestalten zu können, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit einer positiven Bewertung des Berufslebens sowie generell mit Lebenszufriedenheit und Glücksempfinden “ (Müller B. , 2011, S. 186). Ist man mit seinem ausgeübten Beruf zufrieden, wird er nicht nur als notwendiges Übel zur materiellen Absicherung betrachtet, sondern als„bedeutende Ressource zur Identitätsherstellung und -Darstellung “ (ebd., S. 181).

Auch die staatlich geregelte soziologische Ausbildung an der Universität dient der Aneignung spezifischer Qualifikationen, die im späteren Berufsleben Anwendung finden sollen und bildet somit das erste Charakteristikum für die berufliche Karriere der Studierenden. Eine lange Studienzeit an der Universität und damit verbundene finanzielle Investitionen erhöhen den Druck, eine zufriedenstellende Erwerbstätigkeit zu finden. Die heutigen beruflichen Biographien von Hochschulabsolventen sind mit Chancen des Aufstieges und der beruflichen Kontinuität, sowie Risiken, Dequalifizierung und beruflicher Diskontinuität verbunden. Die universitäre Ausbildung stellt folglich keinen Garant mehr für einen guten Job dar, sondern kann auch in niedrigqualifizierte Beschäftigungsformen führen.

Verbindung zwischen Beruf und Persönlichkeit

Bereits im ersten Kapitel zur Biographieforschung wurde erwähnt, dass biographische Erzählungen so konstruiert werden, dass der Befragte eine gewisse Kontinuität und Kohärenz im eigenen Leben erkennt und diese mithilfe seiner Erzählung vermittelt. Lebensgeschichtliche Erzählungen„produzieren die Biographie als eine Wirklichkeit, die sich durch Kontinuität auszeichnet und deswegen die Persistenz und Identität einer Person„sichert “ . Jede Lebensgeschichte bildet nicht zuletzt wegen dieser inneren Kontinuität des fraglichen Lebens einen Zusammenhang, eine Gestalt beziehungsweise Einheit “ (Straub, 2000, S. 138).

Auch die berufliche Biographie der Soziologie-Absolventen ist ein Teil ihrer eigenen Persönlichkeit, die universitäre Ausbildung und der berufliche Lebensweg untrennbar an die eigene Identität gekoppelt. Sie sind von schwierigen Arbeitsmarktverhältnissen betroffen, die eine problemlose Berufsbiographie kaum ermöglichen. Im Moment der Narration wird eine Verbindung zwischen Persönlichkeit und Berufstätigkeit hergestellt, folglich ist man darauf bedacht, beim Leser ein positives Bild der eigenen beruflichen Biographie zu erzeugen. Die Vermittlung einer erfolgreichen Berufsbiographie dient dem Erzähler vor allem zur Aufrechterhaltung seines positiven Selbstbildes und somit seiner Identität. Brüche und Lücken der beruflichen Biographie werden mit legitimen Gründen erklärt oder gänzlich ausgelassen, schlussendlich ist auch die Erzählung über die eigene berufliche Biographie eine Inszenierung. Für die empirische Analyse ergibt sich aus diesen Erkenntnissen folgende Forschungsfrage: Wie verbinden Soziologie-Absolventen Berufsarbeit, die keine Sicherheit und Kontinuität mehr zu versprechen scheint und somit zu einem unsicheren Anker der Identitätsbildung geworden ist, mit ihrer erzählten Lebensgeschichte und somit der Aufgabe, alles in einen kohärenten Zusammenhang, also einer einheitlichen, sinnvollen Erzählung zu verpacken? Dieser Frage wird in Kapitel neun nachgegangen.

1.3 Biographieanalyse

Biographieforschung wendet sich in ihrer Analyse zwei differenzierten Perspektiven zu: den subjektiven Sinnkonstitutionen des befragten Subjektes und der nachträglichen, objektiven Rekonstruktion des Sozialforschers im Prozess der Analyse. Dabei geht es nicht darum, den Unterschied zwischen in der Realität tatsächlich stattgefundenen und subjektiv konstituierten Ereignissen aufzudecken, sondern darum, von der eigenen, biographischen Selbstreflexion des Erzählers auf den ihm verborgenen Sinn - die soziale Wirklichkeit hinter den Erzählungen - zu schließen. Dabei geht es nicht darum, Subjektives einfach zu Objektivem zu verdichten, sondern vielmehr darum, die„Spannung zwischen Biographie als subjektiver Konstruktion und Biographie als sozialer Wirklichkeit “ (Kohli & Robert, 1984, S. 5) zu erkennen und bei den Analysen zu beachten.

Bereits im ersten Kapitel wurde der„der Dualismus von Subjektivismus und Objektivismus “ (Engler, 2001, S. 53) als Problematik in der Biographieforschung erwähnt:„Auch wenn beansprucht wird, mittels Biographieanalysen die soziale Wirklichkeit aus der Perspektive von Subjekten in den Blick zu nehmen, so geht diesem Anspruch die Unterscheidung zwischen Subjektivem und Objektivem voraus. Diesen Dualismus zuüberwinden ist ein vielfach formuliertes Desiderat der Soziologie “ (ebd., S. 53). Die Biographieforschung möchte zeigen, dass sich auch auf Basis subjektiver Sichtweisen interessante Erkenntnisse für die Soziologie ergeben können. Dabei wird sie konfrontiert mit dem „Un“-Verständnis quantitativer Forscher, die der Biographieforschung Subjektivität und Individualität vorwerfen. Sie gehen davon aus, dass soziale Wirklichkeit der Handelnden nicht gleich Realität ist und bezweifeln somit den wissenschaftlichen Anspruch dieser qualitativen Forschungsrichtung.

Pierre Bourdieu soll hier als Gegenposition genannt werden, um die Problematik der Biographieforschung zu verdeutlichen. Er analysiert den Dualismus aus einem anderen Licht: er zweifelt sowohl an der Analysierbarkeit des Subjekts als auch am Legitimitätsanspruch des biographischen Forschers und deklariert:„Den Versuch zu unternehmen, ein Leben als eine einzigartige und für sich selbst ausreichende Abfolge aufeinander folgender Ereignisse zu begreifen, ohne andere Bindung als die an ein Subjekt, ( … ) ist beinahe genauso absurd wie zu versuchen, eine Metrostrecke zu erklären, ohne das Streckennetz in Rechnung zu stellen, also die Matrix der objektiven Beziehungen zwischen den verschiedenen Stationen “ (Bourdieu, 2000, S. 58). Er geht folglich davon aus, dass sich keine allgemeinen Erkenntnisse zur sozialen Wirklichkeit aus Sicht des biographischen Erzählers gewinnen lassen, da der Standpunkt zu eingeschränkt sei und der Sozialforscher die Subjektivität des Befragten nicht überwinden kann, sondern unweigerlich an sie gebunden sein muss. Bourdieu sieht die Schwierigkeit vor allem darin, dass der Sozialforscher kein„freischwebendes, existierendes Ich “ (Engler, 2001, S. 69) verkörpert, welches frei von allen sozialen Bezügen Biographieanalysen vollziehen kann. Er geht weder davon aus, dass der Sozialforscher noch das analysierende Individuum eine„universelle Individualität “ (ebd., S.63) charakterisieren, die frei von Sozialbezügen einfach zu interpretieren ist. In seinem Aufsatz„die biographische Illusion “ schreibt Bourdieu (1990) von dem illusionären Charakter linearer und kohärenter Erzählungen, die auf einem stabilen Subjekt beruhen sollen, dass es seiner Ansicht nach gar nicht gibt.

Auch für diese qualitative Forschungsstudie ist es wichtig, sich den Unterschied und die sich daraus ergebenden Problematiken zwischen subjektiven Sinnkonstitutionen der Befragten und dem Anspruch und den Fähigkeiten des Sozialforschers, daraus objektive Erkenntnisse ableiten zu können, zu vergegenwärtigen. In diesem Fall wurde unter der Annahme gearbeitet, dass der dargestellten Wirklichkeit in der Befragung zwar etwas Subjektives anhängt, aber mithilfe kontrollierter, soziologischer Auswertungsverfahren objektiv gültige Ergebnisse erkannt werden können. Treffend für die hier vertretene Position sei das Thomas-Theorem genannt: „ If men define situationsas real, they are real in their consequences “ (Merton, 1995, S. 380). Die beiden amerikanischen Soziologen William I. Thomas und Dorothy S. Thomas sind sich der Differenz zwischen subjektiver Wirklichkeit und objektiver Rekonstruktion durchaus bewusst. Wenn Menschen eine Gegebenheit als real ansehen, dann ergeben sich daraus abgeleitete, reale Handlungskonsequenzen, obwohl diese Gegebenheit eventuell objektiv nicht existiert. Sie gehen davon aus, dass Menschen selten auf objektive Tatsachen reagieren, sondern sich eher auf ihre subjektiven Deutungen und Wahrnehmungen dieser Situation verlassen. Aus diesem Grund ist es nötig, subjektive Konstruktionen anzuerkennen, um Entscheidungen und Handlungen von Akteuren nachvollziehen zu können. Das Thomas-Theorem soll hier dazu beitragen, die Subjektivität der Menschen als Grundlage für Erklärungen objektiv sozialer Prozesse zu legitimieren.

Im Folgenden soll der Unterschied zwischen subjektiven Konstruktionen und objektiver Rekonstruktion eingehender betrachtet werden, da sich im empirischen Ergebnisteil durchaus Unterschiede zwischen Subjektivem und Objektivem bemerkbar machen. Neben der Analyse von Konstitution und Konstruktion biographischen Wissens und dem Sichtbarmachen im Forschungsprozess sollen außerdem kommunikative Besonderheiten biographischer Erzählungen zur Sprache kommen, da neben der Erforschung der Wirklichkeitsperspektive auch das Medium der Entstehung und deren Analysemöglichkeit in Textform eine Rolle spielt.

1.3.1 Objektive Rekonstruktion: Fremdverstehen durch kontrollierte Methodik

Während die Erzählung der eigenen Geschichte als„Besonderheit des eigenen Lebens “ (Fuchs-Heinritz, 2000, S. 79) aufgefasst wird, als etwas subjektives und individuelles, das sich von anderen Lebensgeschichten unterscheidet, interessiert sich die Soziologie im Grunde nicht für solche Einzelschicksale. Das Individuum wird verstanden als ein sich in der Interaktion mit anderen konstituierendes Subjekt, sodass„Individualität und Individualisierung ( … ) nur auf der Folie von Sozialität, d.h. auf der Grundlage von Gemeinschaftlichkeit und Gesellschaftlichkeit möglich ist “ (Vester, 2009, S. 25). Ein Individuum ist„sozial eingebettet “ (ebd., S. 26), es wird geprägt im Prozess der Sozialisation, lebt entlang institutioneller Vorgaben und urteilt anhand gesellschaftlicher Normen und Wertvorstellungen. Der Mensch wird hineingeboren in diese gesellschaftliche Ordnung, erlernt soziale Verhaltens- und Handlungsmuster und verändert diese wiederum durch sein eigenes Tun und Handeln.

Die Verwendung subjektiver Lebensgeschichten als Datengrundlage spricht eigentlich gegen sozialwissenschaftliche Ansprüche an Untersuchungsmaterial, nämlich„Auskünfteüber soziale Verhältnisse und Vorgänge aus‚unpersönlicher‘ Sicht“ (Fuchs-Heinritz, 2000, S. 80) zu erhalten. Biographische Forschung verfolgt dennoch den Anspruch, auf Grundlage der subjektiven Sichtweise der Befragten auf objektive, allgemeingültige Phänomene der sozialen Ordnung schließen zu können. Dabei geht es nicht darum, empirisch überprüfbare Wahrheiten zu entdecken, Objektivität bezieht sich hier eher auf die Interpretationen des Sozialforschers, welche durch kontrollierte Methodik nicht willkürlich, sondern wissenschaftlich fundiert sind.

Auch die hermeneutische Wissenssoziologie beschäftigt sich mit der Frage nach gesellschaftlicher Ordnung. Diese Wissenschaft begründet sich einerseits in der Sozialphänomenologie von Alfred Schütz und Thomas Luckmann und andererseits in der hermeneutischen Forschungsperspektive. Hermeneutische Wissenssoziologie wird verstanden als„komplexes, theoretisches, methodologisches und methodisches Konzept“(Hitzler, Reichertz, & Schröer, 1999, S. 10). Sie ist Teil einer„mundanphänomenolgisch informierten Soziologie des Wissens und methodisch/methodologisch Teil einer hermeneutisch die Daten analysierenden, strukturanalytisch modellbildenden, interpretativen Sozialforschung “ (ebd., S.10). Ihr Ziel ist es, sprachliche oder nichtsprachliche Interaktionen von Subjekten und deren Resultate und Relevanz für gesellschaftliche Wissensbestände zu untersuchen und zu verstehen: Hermeneutische Wissenssoziologie zielt ab auf„die Erkenntnis der Konstitutionsbedingungen von Wirklichkeit und damit auf die Entzauberung gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktionen“ (ebd., S.11). Sie geht also der Frage nach, wie Wissen in der Gesellschaft überhaupt konstituiert wird um zu verstehen, wie daraus soziale Wirklichkeit entsteht - welche wiederrum in der Biographieforschung analysiert werden will.

Wissenssoziologische Perspektive

Eine grundsätzliche Annahme der wissenssoziologischen Forschungsrichtung, und somit auch dieser qualitativen Biographieforschung, ist folgende: Akteure orientieren sich in ihren individuell und interessengeleiteten Handlungen an gesellschaftlich vorhandenen Wissensbeständen, welche in Institutionen„bewahrt, geschützt und verteilt “ (Hitzler et al, 1999, S.12) werden. Schon mit Beginn des Lebens verinnerlichen die Gesellschaftsmitglieder diese vorhandenen Wissenseinheiten im Prozess der Sozialisation, sie werden individuell verinnerlicht und geprägt.

[...]


1 Im weiteren Verlauf dieser Forschungsarbeit wird der Name von „Augsburger Absolventen-, und Verbleibstudie“ auf „Augsburger Absolventenstudie“ gekürzt unter der Annahme, dass sich das Forschungsinteresse auch auf den beruflichen Verbleib der Soziologie-Absolventen richtet.

2 Im Laufe dieser Arbeit wird die männliche Form zugunsten der Lesbarkeit verwendet. Natürlich sind dabei immer auch Soziologinnen, Absolventinnen, Forscherinnen, Mitarbeiterinnen usw. gemeint.

3 Institution wird hier definiert als„relativ auf Dauer gestellte, durch Internalisierung verfestigte Verhaltensmuster und Sinnorientierungen mit regulierender sozialer Funktion. Institutionen sind relativ stabil und damit auch von einer gewissen zeitlichen Dauer, ihre Stabilität beruht auf der temporären Verfestigung von Verhaltensmustern“(Hoerning, 1995, S. 17)

4 Die primäre Sozialisation erfolgt vor allem in und durch die Familie in der Vermittlung von grundsätzlichen Überzeugungen, Wertehaltungen und Verhaltensmustern. Die sekundäre Sozialisation vollzieht sich in und durch Bildungseinrichtungen und, neben der Familie, auch im weiteren sozialen Umfeld des Akteurs durch seine Peergroups.

5 An dieser Stelle wird kein theoretischer Beitrag zur Diskussion um Verwendbarkeit, Relevanz, Legitimierung, Vorhandensein soziologischen Wissens usw. geleistet.

6 In der Soziologie sind das der „Berufsverband deutscher Soziologinnen und Soziologen e.V.“ und die „deutsche Gesellschaft für Soziologie“.

Ende der Leseprobe aus 168 Seiten

Details

Titel
Retrospektiven auf das Studium der Soziologie
Untertitel
Analysen zum Verbleib von Absolvent(inn)en des Augsburger Magisterstudiengangs Soziologie
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
168
Katalognummer
V207022
ISBN (eBook)
9783656344131
ISBN (Buch)
9783656344803
Dateigröße
1132 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Absolventenstudie, Verbleibstudie, Berufsverbleib, qualitative Forschungsstudie, Berufsbiographie, Biographieforschung, Professionssoziologie, Onlinebefragung, Hochschulsozialisation, berufliche Identität, Soziologiestudium, narrative Identität
Arbeit zitieren
Tatiana Müller (Autor), 2012, Retrospektiven auf das Studium der Soziologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207022

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