Tabari und Co - Methoden und Vielfalt der Koranexegese am Beispiel des "Züchtigungsverses"


Bachelorarbeit, 2012

47 Seiten, Note: 1,0

Hannah Amhaz (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Vers 4:34 und seine Übersetzungen

III Zwischen Tradition und Moderne
a) Das Koranverständnis der islamischen Frühzeit
A.1Ó abarīs Verskommentar
A.2 Kontinuität und Wandel der Versinterpretationen
b) Modernes Koranverständnis
1 Das traditionelle Koranverständnis
1.1 Der Kommentar Sayyid Qutbs
1.2 Weitere Beispiele traditioneller Interpretationen
1.3 Kritik am traditionellen Koranverständnis
2 Das kritische Koranverständnis
2.1 Der Kommentar Amina Waduds
2.2 Weitere Beispiele kritischer Interpretationen
2.3 Kritik am kritischen Koranverständnis

IV Fazit

V Quellen

Jedermann sucht seine Dogmen in diesem heiligen Buche

Jedermann findet zumal was er gesuchet darin.[1]

I Einleitung

Wenn mein Vater früher den Koran aufschlug, um ihn zu rezitieren, kam es mir immer vor, als sei er auf einmal in einer anderen Welt verschwunden. Seine Falte zwischen den Augenbrauen zog sich zusammen, sein Kopf war tief über das Buch gebeugt, sein rechter Zeigefinger strich bedächtig von Zeile zu Zeile. Manchmal flüsterte er etwas und schloss dabei die Augen, hob den Kopf und strich sich über das Gesicht, ganz so als wollte er es waschen. Tatsächlich war es unmöglich, ihn in dieser Situation zu stören, denn er hörte und sah dann niemanden. Einmal fragte ich ihn, warum er sich immer die Hände wasche, bevor er im Koran lese. Er sagte mir, das müsse man tun, da der Koran kein Buch wie jedes andere sei, sondern das Wort Gottes und damit müsse man sorgsam umgehen. Er sagte mir auch, dass das Lesen des Koran aufregender sei als jeder Krimi. Denn wenn man den Koran lese, dann sei man Gott so nah, dass man sein Wort und seine Botschaft spüren könne. Das sei wie ein duftendes Bad für die Seele, nur noch viel schöner als das.

Manche sagen, der Islam bedeute Frieden und andere behaupten das Gegenteil. Manche sagen, der Koran mache den Menschen frei und andere sehen in ihm nur Verbote. Viele Menschen diskutieren unaufhörlich über das Wesen des Islam und welches von dem, was in seinem Namen geschieht, tatsächlich zu ihm gehört. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, meinen Vater nach dem Wesen des Koran zu fragen. Für mich bestand kein Zweifel daran, dass es jene Kraft sein musste, die er aus seinem Glauben schöpfte und die er ausstrahlte. Ich kannte den Koran zuerst durch seine Stimme und das bestimmt bis heute, was ich fühle, wenn ich darin lese. Es ist für mich emotional daher unbegreiflich, wie manche Menschen den Koran brutal zerpflücken und ihm Schuld an sämtlichen Missständen der Gegenwart geben.

Als ich begann, für diese Arbeit zu recherchieren, stellten sich mir viele Fragen: Wer darf eigentlich darüber entscheiden, was der Koran „meint“, mit dem, was er „sagt“? Wie muss ein Text interpretiert werden, der vor über tausend Jahren zu Papier gebracht wurde? Welches Koranverständnis hatten frühe Muslime und was ist davon heute noch übrig? Wie viel Tradition ist nötig und sinnvoll für ein differenziertes Verständnis und welche Rolle spielt dabei die eigene Vernunft? All diese Fragen spielen in die Thematik dieser Arbeit mit hinein, welche am Beispiel unterschiedlicher Interpretationen des umstrittenen „Züchtigungsverses“ die Vielfalt und Methoden klassischer und zeitgenössischer Korangelehrter untersucht.

Nach einer kurzen Gegenüberstellung drei verschiedener Übersetzungen des thematisierten Verses, stelle ich den Verskommentar ÓabarÐs vor. Dieser soll exemplarisch für die „frühe“ Koranexegese den Aufbau und die Methoden klassischer Korankommentare herausstellen und Aufschluss über das damalige Koranverständnis geben. Zudem werden weitere klassische und mittelalterliche Verskommentare hinzugezogen, um dadurch methodische und inhaltliche Veränderungen innerhalb der Koranexegese zu verdeutlichen. Im darauffolgenden Teil steht das moderne Koranverständnis im Vordergrund, das am Beispiel der Verskommentare Sayyid Qutbs und Amina Waduds unterschiedliche Tendenzen innerhalb der modernen Koranexegese aufzeigen wird. Die Unterscheidung in „traditionell“ und „kritisch“ soll dabei nicht unterstellen, dass es sich bei den unterschiedlichen Korangelehrten um zwei klar voneinander abgrenzbare Gruppen handle. Vielmehr folgt sie der eigenen Abgrenzung der Gelehrten untereinander und soll vor diesem Hintergrund unterstellte Unterschiede und mögliche Gemeinsamkeiten sowie gegenseitige Kritik genauer untersuchen. Der letzte Teil dieser Arbeit bietet einen Überblick über die gewonnenen Ergebnisse und präsentiert mögliche Schlussfolgerungen.

Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt nicht auf einer detaillierten Aufarbeitung der historischen Entwicklungen innerhalb der Koranexegese. Vielmehr nutzt sie historische Einblicke gezielt, um daraus Erkenntnisse für die heutige Koraninterpretation zu gewinnen. Zudem besteht meine Quellenauswahl in der Überzahl aus den Werken „kritischer“ Gelehrter, was, trotz des Bestrebens nach Gleichgewichtung unterschiedlicher Meinungen, unweigerlich Einfluss auf die Ergebnisse genommen hat und meinem persönlichen Interesse geschuldet ist. Im Vordergrund dieser Arbeit steht die Untersuchung unterschiedlicher Versinterpretationen, wodurch das damit verbundene Koranverständnis unter besonderer Berücksichtigung der Bedeutung von Geschlechterrollen herausgearbeitet werden soll.[2]

II Vers 4:34 und seine Übersetzungen

Der in dieser Arbeit thematisierte Koranvers steht zu Beginn der Sure an-Nisāʾ[3] (die Frauen) und behandelt die Beziehung zwischen den Ehepartnern bzw. den von Gott dem Mann empfohlenen Umgang mit der Ehefrau, insbesondere im Falle einer befürchteten „Widerspenstigkeit“.

Bereits diese knappe Zusammenfassung impliziert allerdings wie üblich bei Übersetzungen aus dem Koran ein bestimmtes Verständnis des übersetzten Verses.[4] Beispielsweise bietet der in diesem Zusammenhang gebräuchliche Begriff „Widerspenstigkeit“ eine große Bandbreite an Bedeutungsspielräumen, die einander je nach Interpretation widersprechen können. Im Folgenden werden drei gängige Koranübersetzungen dem arabischen Original gegenübergestellt, welche bereits klare Anhaltspunkte über die eigentlichen Streitpunkte dieses Verses aufzeigen. Der Übersicht halber wurden die entsprechend kontrovers diskutierten Stellen in der Tabelle hervorgehoben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die verschiedenen Übersetzungen geben Aufschluss über das Versverständnis des jeweiligen Übersetzers. Während Bobzin eine möglichst wortgetreue und daher knappe Übersetzung wählt, arbeitet die Azhar/Maher-Übersetzung mit Erklärungen in Klammern und verarbeitet bereits eine Reihe gängiger Interpretationen. Paret geht ähnlich vor, seine Erklärungen entspringen jedoch einer anderen Textinterpretation als die Mahers .

Die Bobzin- und Azhar-Übersetzung verstehen unter dem Begriff qawwāmūna eine Verantwortung des Mannes gegenüber der Ehefrau, für die es bestimmte Gründe gebe. Parets Formulierung „stehen über“ impliziert hingegen eine Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau auf Grund einer nicht näher beschriebenen Auszeichnung. Parets Fragezeichen in Klammern zeigt an, dass dieser Teil auch anders gemeint sein könnte. Maher und Bobzin übersetzen baʿḍahum ʿalā baʿḍin im Unterschied zu Paret wörtlich mit „einigen gegenüber anderen“, woraus rein grammatikalisch gesehen nicht deutlich hervorgeht, wer gemeint ist. Maher geht entgegen Bobzin und Paret von einer dauerhaften finanziellen Verantwortung gegenüber der Frau aus und übersetzt ʾanfaqū min ʾamwālihim in der Gegenwart. Den Begriff qānitāt übersetzen alle drei als „(demütig) ergeben“, allerdings beziehen nur Paret und Maher diesen auf die Beziehung zu Gott, wohingegen bei Bobzin auch die Beziehung zum Mann gemeint sein könnte. Die Übersetzung von nušūz als „Unerträglichkeit“ (Maher) im Gegensatz zu Bobzins „Widerspenstigkeit“ deutet ein subjektives Empfinden des Verhaltens der Frau an. Während Maher dem letzten Versteil durch eine milde Wortwahl – „beraten“, „dann dürft ihr“, „(leicht) strafen (ohne sie zu erniedrigen)“ – die Schärfe nimmt, geht Paret den umgekehrten Weg und setzt seiner Übersetzung „und schlagt sie!“ sogar ein Ausrufezeichen als Ausdruck der auch im Original verwendeten Imperativform hinzu.

Bezogen auf diesen Vers geht die Azhar/Maher-Übersetzung zugunsten ihres eigenen Verständnisses und entgegen einer exakten wörtlichen Bedeutung vor und übersetzt den Vers im Sinne eines friedfertigen Umgangs zwischen Frau und Mann, der nur unter strengen Einschränkungen die Züchtigung der Frau erlaubt. Bobzins Übersetzung lässt viele Fragen offen und macht durch seine knappe Übersetzung den Anschein, als gäbe es gar keinen Erklärungsbedarf. Parets Übersetzung enthält zwar ebenfalls einige Erklärungen, die er der Sekundärliteratur entnommen hat, allerdings nicht im letzten Teil, wo dies, wie sich noch zeigen wird, für ein differenziertes Verständnis sinnvoll wäre.

III Zwischen Tradition und Moderne

a) Das Koranverständnis der islamischen Frühzeit

Nach dem Tod des Propheten waren Mitte des siebten Jahrhunderts unterschiedliche Lesarten des Koran im Umlauf und in der muslimischen Gemeinde wuchs zunehmend die Unsicherheit hinsichtlich der Auslegung uneindeutiger Verse. Aus der anfänglichen Interpretation des Koran durch die Prophetengefährten [a Ò-ÒaÎÁba ][8], allen voran MuÎammads Cousin Ibn ʿAbbās[9], entwickelte sich im ausgehenden achten Jahrhunderts die Wissenschaft der Koranexegese [ tafsīr al-qur‘ Á n ][10].
Diese basierte auf zwei Annahmen: Erstens, dass der Koran nur mit Hilfe des Propheten richtig verstanden werden könnte, weswegen sich alle Überlieferungen auf ihn zurückführen lassen sollten[11] und zweitens, dass die Existenz unterschiedlicher Lesarten und Interpretationsmöglichkeiten eine Gnade Gottes sei. [12]

Form, Inhalt und Methoden der Korankommentare waren von Beginn an nicht einheitlich und stets eng verwoben mit den sich parallel entwickelnden Disziplinen der Offenbarungsanlässe [ asb ā b an-nuz ū l ][13] und der Abrogationslehre [ an-nas Ì ][14]. Neben der Interpretation, die sich bei der Analyse theologischer, philologischer und rechtlicher Aspekte des Koran auf die Prophetentradition stützte [ tafsīr bi-l- ma’Ô ū r ], konnte sich auch eine Interpretation auf Basis persönlicher Meinung und philosophischer Spekulation etablieren [ tafsīr bi-l-r ā ’y ], die sich jedoch stets gegen den Vorwurf verteidigen musste, keine religiöse Legitimation zu besitzen.[15]

Obwohl der Glaube an einen zeit- und kontextunabhängigen Koran fester Bestandteil des klassischen Koranverständnisses war, sah die Mehrheit der Gelehrten keinen Widerspruch darin, koranische Offenbarungen zeitlich zu ordnen und mit Ereignissen im Leben des Propheten in Zusammenhang zu bringen. Dies war auf der Vorstellung begründet, dass frühere Offenbarungen durch spätere abrogiert wurden und dadurch ihre rechtliche Wirksamkeit verloren hatten. Zudem konnte nach Meinung der Gelehrten der Koran nur auf diese Weise richtig interpretiert werden. Der Autor at-Tuhayri[16] begründete dies damit, dass sich die Offenbarungen zwar auf die Bedürfnisse der Menschen bezogen hätten, der Koran in seiner bestehenden Form aber dennoch das Spiegelbild des bei Gott verwahrten Buches sei. Die Zeit und die Umstände, innerhalb derer ein Vers offenbart wurde, bedeuteten also nicht, dass dieser deswegen nur innerhalb dieser Zeit oder abhängig von äußeren Bedingungen Gültigkeit besaß.[17] Daraus resultierte, dass weder die zeitliche Einteilung noch die Zuordnung von Offenbarungsanlässen dazu führten, dass zwischen spezifischen und universal gültigen koranischen Offenbarungen unterschieden wurde.[18] Da die Absicht der Koranexegeten, unter ihnen zahlreiche Rechtsgelehrte, zudem darin bestand, den Gläubigen die Regeln des Koran zu verdeutlichen, wurden Interpretationen, die sich mit theologischen Fragen auseinander setzten, langfristig von Korankommentaren verdrängt, die Koran und Sunna aus heutiger Sicht vor allem als Rechtsquellen betrachteten.[19] Dieses frühe Koranverständnis legte den Grundstein für die folgenden Generationen einschließlich der heutigen, weswegen besonders die bis ins zehnte Jahrhundert verfassten Korankommentare von großer Relevanz sind.[20]

A.1 Ó abarīs Verskommentar

Als der bedeutendste Korankommentar der ersten drei islamischen Jahrhunderte gilt die Umfassende Erläuterung: Kommentar zum Koran[21] des persischen Gelehrten aÔ- Óabarī[22]. Darin sammelt, ordnet und kommentiert dieser die Arbeiten seiner Vorgänger nach den Regeln und Methoden der Überlieferung seiner Zeit. Sein Werk ist daher sowohl ein methodischer und inhaltlicher Endpunkt in der Geschichte der Koranexegese als auch Ausgangspunkt für eine neue Generation von Korankommentatoren.[23] Sein Kommentar des Verses umfasst im Original dreizehn Seiten und ist damit vergleichsweise umfangreich. Diesen beginnt er wie üblich mit der Auflistung der Isnade[24] [ as ā nīd ], welche sich auf die Generationen des späten 7. und 8. Jahrhunderts beschränken. Diese listet Óabarī für jeden Versteil gesondert auf, um die Überlieferungen so exakt wie möglich bestimmten Begriffen zuzuordnen, wobei er vereinzelt Überliefererketten mehrmals an unterschiedlichen Stellen anführt.[25]

Zuerst zitiert er verschiedene Überlieferungen, die den ersten Teil des Verses (Ar-riǧālu qawwāmūna ʿala an-nisā) erklären. Diesen Überlieferungen nach sind die Männer die Verantwortlichen (qawwāmūna) der Frauen, welche befolgen sollen, was Gott ihnen befohlen hat. Der Mann befiehlt der Frau demnach nur das, was Gott ihr als Pflicht ohnehin auferlegt hat, er soll sie an die Gesetze Gottes erinnern. Dazu gehöre, dass die Frau einen freundlichen Umgang mit den Angehörigen des Mannes pflege und auf dessen Eigentum achtgebe.

Im darauf folgenden Teil zitiert Óabarī, wie die Überlieferungen den Ausdruck „mit Rücksicht darauf, wie Allah den einen von ihnen mit mehr Vorzügen als den anderen ausgestattet hat“ erklären. Gott habe den Mann über die Frau gestellt (bi-m ā faḍḍala all ā hu) – so die verbreitete Meinung – weil es dessen Pflicht sei, für ihren Lebensunterhalt und ihre Morgengabe aufzukommen und für ihr Wohlergehen zu sorgen. Alternativ zitiert er die Meinung, der Mann solle über der Frau stehen, weil Gott ihm den Vorzug gegeben habe und weil er für sie sorge. Wenn aber die Frau ihren Ehepflichten ihrerseits nicht nachkomme, so könne der Ehemann sie leicht [ ġ ayr mubarri Î ] schlagen.

Im Anschluss beschreibt er den überlieferten Offenbarungsgrund sinngemäß folgendermaßen: Eine Frau kam zum Propheten und bat ihn darum, ein Urteil zu fällen, da ihr Ehemann sie geschlagen hatte. Daraufhin sprach er ihr das Recht auf Wiedervergeltung [ qi Ò ā Ò ] zu, sie durfte nun ihren Mann gleichfalls schlagen. Jedoch wurde anschließend Vers 4:34 offenbart und dem verurteilten Mann vorgetragen.

Óabarī führt an dieser Stelle mit Berufung auf unterschiedliche Autoritäten den bis heute oft zitierten Prophetenhadith an: „Ich wollte das eine und Gott wollte das andere“[26], der zeige, dass der Prophet selbst gegen die Züchtigung der Frau gewesen sei, Gott jedoch anders entschied. Anschließend zitiert Óabarī den Prophetengefährten az-Zahri, der gesagt haben soll: „Wenn ein Mann sich mit seiner Frau streitet oder sie verletzt, ergibt sich daraus keine [bzw. nicht das Recht auf] Wiedervergeltung, sondern [auf] Wergeld, außer, wenn er sie angreift und [dadurch] umbringt, dann wird er wegen ihr umgebracht.“[27]

Im nächsten Teil beschreibt Óabarī die Bedeutung aṣ-ṣāliḥātu qānitātun als die Frauen, die „die Religion befolgen, die Gutes tun [...] und die Gott und ihren Ehemännern gegenüber folgsam sind“.[28] Í āfiẓātun li-l-ġaibi sind seinen Überlieferungen zufolge die Frauen, die in der Abwesenheit ihrer Ehemänner treu seien und auf deren Eigentum aufpassen, die ihre Pflichten einhalten und die ihren Männern zuhören.[29] Anschließend widmet er sich dem Begriff nušūz, dem er eine Analyse der Bedeutung des Begriffes „Furcht“ vorwegnimmt, da es heißt „deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet“.[30] Nušūz definiert Óabarī durch seine Überlieferer als „Überheblichkeit gegenüber dem Mann“[31] oder als „Nicht-Einhaltung der Ehepflichten“ aus Gefühlen von Hass und Ablehnung. Eine widerspenstige Frau nehme den Mann weder ernst, noch höre sie ihm zu und liebe zudem dessen Abwesenheit, verweigere sich ihrem Mann, gebe ihm erniedrigende Blicke und / oder gehe und komme wie sie wolle.[32] Während die einzig zulässige Bedeutung für fa-ʿiẓūhunna die „sprachliche Erinnerung an Gott“ sein könne, führt Óabarī zur Interpretation des nächsten „Schritts“wa-hǧurūhunna fi l-maḍāǧiʿi mehrere widersprüchliche Bedeutungen an[33] und widmet sich dann einer weiteren Lesart des Verses: Fürchtet der Mann Widerspenstigkeit auf Seiten der Frau, so solle er sie ermahen, dann im Haus einsperren und dann so lange schlagen, bis sie tue, was sie zu tun habe. Das Schlagen dürfe dabei nicht stark sein, nicht das Gesicht oder andere sensible Körperstellen berühren, solle mit einem Miswak [ misw ā k ] o. Ä. durchgeführt werden, dürfe nur als letztes Mittel zum Einsatz kommen und ihr weder Knochen brechen noch andere Spuren hinterlassen. Sobald die Frau zu ihren Pflichten zurückkehre, dürfe der Mann keine Gründe für etwaige Bestrafung suchen, denn sie sei nicht dazu verpflichtet, ihr Verhalten aus Liebe zu ihm zu ändern.[34]

Óabarī lässt seiner eigenen Meinung über die Bedeutung dieses Verses in seinem Kommentar nur wenig Raum. Wie überall in seinem Werk zitiert er, untermauert die verschiedenen und oft widersprüchlichen Meinungen dann durch eine geordnete Auflistung von Überlieferungen[35], zieht zur Erklärung einzelner Wörter und Begriffe Teile anderer Suren oder Dichterverse aus der ¹āhiliyya heran und gibt erst dann ein eigenes Urteil ab. Wenn Óabarī allerdings eine Entscheidung darüber trifft, welcher Interpretation zu folgen ist, begründet er dies auf Basis seiner eigenen Meinung z. B. indem er die allgemeine Ablehnung einer Lesart damit erklärt, dass diese der allgemeinen arabischen Logik widerspreche.[36] Zudem setzt er das Verständnis voraus, dass Gott mit „den einen“ die Männer meine, die er gegenüber den Frauen mit mehr Vorzügen ausgestattet habe, ohne dabei überhaupt auf den Zusammenhang von Grammatik und Inhalt einzugehen.[37]

[...]


[1] Goldziher, S. 1 [Originalzitat stammt von dem Theologen Peter Werenfels].

[2] Alle englischen und arabischen Originalzitate dieser Arbeit wurden, soweit nicht anders angegeben, durch die Autorin übersetzt.

[3] Zugrunde liegendes Koranexemplar dieser Arbeit ist die arabisch-deutsche Fassung von Max Henning. Gegenstand der Analyse ist Vers 4:34: Henning (1998): Der Koran arabisch-deutsch. Istanbul.

[4] Vgl. Bobzin, Der Koran Eine Einführung, 118 – 122.

[5] Für die verschiedenen Lesarten vgl. BBA der Wissenschaften, Corpus Coranicum, http://www.corpuscoranicum.de/lesarten/index/sure/4/vers/34/startwort/0. [Stand: 20.9.2012]

[6] Paret, Rudi (1981): Der Koran Kommentar und Konkordanz. Qum.

[7] Maher, Mustafa / al-Azhar (1999): Der Koran. Kairo.

[8] Vgl. EI²: s.v. Ñ aÎÁba (Muranyi, M.).

[9] ʿAbd Allāh b. al-ʿAbbās: gilt als wahrscheinlich bedeutendster Gelehrte der ersten Generationen von Muslimen und als Vater der Koranexegese. Vgl. EI²: s.v. ʿAbd All ā h b. al- ʿ Abb ā s (Veccia Vaglieri, L.).

[10] Die Interpretation des Koran, welche neben der Lehre von Íadī× und Fiqh zu den anerkannten Wissenschaften des Koran zählt. Vgl. EI²: s.v. Tafs ī r (Rippin, A.).

[11] Den Grundsatz, eine echte Überliefererkette müsse auf den Propheten zurückgehen, setzte erst aš-ŠāfiÝī (767 - 820) durch. Vgl. Berg, Zur Überlieferung im Korankommentar aÔ- Óabar ī s, S. 291.

[12] Vgl. EQ: s.v. Exegesis of the Quran: Classical and Medieval (Gilliot, C.); Bauer, „Traditional“ Exegeses of Q 4:34, S. 46; Bauer, Kultur der Ambiguität, S. 229f.; Krämer, Geschichte des Islam, S. 96.

[13] Berichte, die im allgemeinen von den Prophetengefährten stammten und Informationen über den Anlass, die Zeit und den Ort einer Offenbarung beinhalteten. Vgl. EQ: s.v. Occasions of Revelation (Rippin, A.).

[14] Die Abrogationslehre fand normalerweise Anwendung, wenn sich aus dem wörtlichen Verständnis zweier Verse oder Überlieferungen Widersprüche ergaben. Vgl. EQ: s.v., Abrogation (Burton, J.).

[15] Vgl. EI²: s.v. Tafs ī r (Rippin, A.); Bauer, „Traditional“Exegeses of Q 4:34, S. 130f. Stowasser, S. 32.

[16] Oder: at-Takhiri, genaue Schreibung nicht bekannt. Vgl. Gilliot, Koranwissenchaften unter den Karrāmiten. Der Autor des Kitāb al-Mabānī, http://halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-00644196/. [Stand: 15.9.2012]

[17] Vgl. EQ: s.v. Occasions of Revelation (Rippin, A.).

[18] Vgl. Scott, A Contextual Approach to Women’s Rights in the Qur‘ ā n: Readings of 4:34, S. 63f.

[19] Allerdings gibt es nur zwischen 200 und 500 „rechtlich verwertbare“ Verse im Koran gegenüber 800 – 7000 (je nach Schätzung) der rechtlich relevanten Hadithe. Vgl. Bauer, Kultur der Ambiguität, S. 135 – 144.

[20] Vgl. Stowasser, S. 31f.; Scott, S. 63 f.

[21] [ Ǧ ā mi ʿ al-bay ā n f ī tafs ī r al-qur’ ā n ]. Gedruckt wurde dieser erstmals im Jahr 1903. Vgl. Bobzin, Der Koran – eine Einführung, S. 114; Für einen „Kommentar zum Kommentar“ vgl. Loth, Óabar ī s Korancommentar, S. 588–628.

[22] Abū ¹aÝfar MuÎammad Ibn ¹arīr aÔ- Óabarī (839-923): Vgl. Bobzin, Der Koran – eine Einführung, S. 114.

[23] Vgl. ebd.

[24] Überliefererkette einer Tradition. Vgl. Wehr, isn ā d.

[25] Vgl. EQ: s.v. Exegesis of the Quran: Classical and Medieval (Gilliot, Claude); Der folgende Teil bezieht sich auf: Óabarī, Ǧ ā mi ʿ al-bay ā n f ī tafs ī r al-qur’ ā n, 4:34, S. 57 – 70. Übersetzungen durch Autor (sofern nicht anders angegeben).

[26] Óabarī, S.58. Der Hadith befindet sich in keiner ÒaÎÐÎ -Sammlung.

[27] Óabarī, S. 59.

[28] Ebd.

[29] Hier fügt Óabarī ein Prophetenhadith ein: „Die beste Frau ist die, deren Anblick dir Freude bereitet, die deinem Befehl folgt und die in deiner Abwesenheit ihre Keuschheit und dein Eigentum bewahrt.“: Óabarī, S. 60.

[30] [Hervorhebung durch Autor]; Er führt zudem an, dass einige Überlieferer den Begriff durch „Wissen“ [ Ýilm ] ersetzten und begründet dies mit einem Dichtervers von Imruʾ al-Qays. Demnach stünden Vermutung und Zweifel in einem engen Verhältnis zueinander und wer etwas fürchte, der wisse unterbewusst schon, dass es eintreten werde. Deswegen werde der Mann bereits in diesem Zustand aufgefordert, zu handeln indem er die Frau an ihre Pflichten bzw. an Gott erinnere, bevor sie diese tatsächlich missachtete. Vgl. Óabarī, S. 61.

[31] Abgeleitet von na š az, einer höher gelegenen Stelle auf der Erde. Vgl. Óabarī, S. 62.

[32] Óabarī, S. 62f.

[33] Diese könnten sein: (1) Der Mann schläft im selben Bett mit dem Rücken zu seiner Frau. (2) Der Mann ignoriert sie. (3) Der Mann spricht mit ihr in herablassendem Ton. (4) Der Mann meidet den Geschlechtsverkehr mit ihr nicht, aber hört ihr nicht mehr zu. (5) Der Mann meidet sie, aber spricht mit ihr wie gehabt. (6) Der Mann schimpft beständig mit ihr, aber verlässt das Bett nicht. Vgl. Óabarī, S. 64.

[34] Zum Schluss zitiert Óabarī die Lesart von Abu ¹aÝfar, der den Mann zu einem gerechten Umgang mit seiner Frau ermahnt und ihn daran erinnert, dass nur Gott, in dessen Hand jedes Schicksal liegt, der einzig Mächtige sei. Vgl. Óabarī, S. 70.

[35] Von denen die meisten nicht auf den Propheten, sondern nur auf einen Prophetengefährten zurückgehen [ Îad ī × maqÔ ū Ý ]. Vgl. Mubarak, Breaking the interpretive monopoly: a re-examination of verse 4:34, S. 274.

[36] Vgl. Óabarī, S. 60.

[37] Vgl. ebd., S. 57f.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Tabari und Co - Methoden und Vielfalt der Koranexegese am Beispiel des "Züchtigungsverses"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
47
Katalognummer
V207106
ISBN (eBook)
9783656343301
ISBN (Buch)
9783656345053
Dateigröße
975 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
exegese, koran, islam, suren, züchtigungsvers, 4:34, traditionell, orthodox, koranexegese, tafsir, auslegung, interpretation, tabari, wadud amina, kritisch, modern, klassisch, arabisch, original, vers, frau, frauen, muslimisch, islamisch, übersetzung
Arbeit zitieren
Hannah Amhaz (Autor), 2012, Tabari und Co - Methoden und Vielfalt der Koranexegese am Beispiel des "Züchtigungsverses", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207106

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