Spracharbeit im 17. Jahrhundert. Die Fruchtbringende Gesellschaft und Justus Georg Schottelius 'Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache'.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1.1 Vorrangstellung von Latein und Französisch
1.2 Gründung der Fruchtbringenden Gesellschaft nach europäischen Vorbildern
1.3 Offenheit in religiöser und ständischer Hinsicht
1.4 Keine generelle Verteufelung von Fremdwörtern
1.5 Die Übersetzungsarbeit
1.6 Die Leistungen der Fruchtbringenden Gesellschaft

2 Justus Georg Schottelius
2.1 Rhetorische Prägung der ‚Ausführlichen Arbeit’
2.2 Hohes Alter der deutschen Sprache
2.3 ‚Natürligkeit’ der deutschen Sprache
2.4 Stammwörter
2.5 Analogisten [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Anomalisten

Zusammenfassung

Einleitung

Die ältere Literaturgeschichte hat die größte deutsche Sprachgesellschaft, die Fruchtbringende Gesellschaft, in ihren Zielen häufig falsch gedeutet und ihr Nationalismus und pedantischen Fremdworthass unterstellt. Diese Ansichten sind heute überholt. Die neuere Literaturforschung relativierte die überspitzten Darstellungen und erkannte die vorrangige Zielsetzung der Gesellschaft in dem Versuch, deutsche Kultur, Literatur und Sprache im Vergleich zu anderen (damals in diesen Bereichen überlegenen) europäischen Länden zu stärken. Diese Aufgabe haben ihre Mitglieder auf äußerst vielfältige Weise zu bewältigen versucht. Die vorliegende Arbeit möchte die unterschiedlichen Wege aufzeigen, die die Fruchtbringende Gesellschaft im Rahmen der ‚Spracharbeit’ gegangen ist.

Jedes der drei Oberhäupter der Gesellschaft prägte ihr Wesen sehr stark. Das erste Oberhaupt und Gründungsmitglied Fürst Ludwig zu Anhalt-Köthen legte größten Wert auf die konfessionelle und ständische Offenheit der Vereinigung. Nach seinem Tod im Jahre 1650 wandelte sich die Struktur der Gesellschaft unter dem Oberhaupt Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar mehr in Richtung eines Ritterordens. Ihre Bedeutung in literarischen und poetologischen Belangen nahm ab. Deshalb konzentriert sich diese Hausarbeit auf die Struktur und die konkrete ‚Spracharbeit’ der Fruchtbringenden Gesellschaft unter Fürst Ludwig, also von 1617-1650.

Die Fruchtbringende Gesellschaft selbst hat keine programmatischen Schriften, etwa Grammatiken oder Poetiken, herausgegeben. (Wenn man von dem Hauptwerk von Christian Gueintz: „Teutscher Sprachlehre Entwurf“ (1641) absieht. In gewisser Weise kann es als Gemeinschaftswerk der Fruchtbringenden Gesellschaft gelten, da es von Fürst Ludwig in Auftrag gegeben wurde und wie üblich vor dem Druck durch die Hände vieler Mitglieder ging.) In sprachtheoretischer Hinsicht produktiv waren vor allem gelehrte Mitglieder bürgerlicher Herkunft. Zu nennen sind hier etwa Augustus Buchner, der bereits erwähnte Christian Gueintz, Georg Philipp Harsdörffer und Justus Georg Schottelius.

Auf den Letztgenannten will diese Arbeit ebenfalls eingehen. An seiner ‚Ausführlichen Arbeit von der Teutschen HaubtSprache’ lassen sich die typischen Legitimations-strategien der Spracharbeiter für die Verwendung der deutschen Sprache aufzeigen. Stimmen Schottelius’ Ansichten auch nicht in allen Details mit jenen der Fruchtbringenden Gesellschaft überein, so kann sein Hauptwerk in seiner Argumentation trotzdem als exemplarisch gelten.

1.1 Vorrangstellung von Latein und Französisch

Um die Zielsetzungen der Fruchtbringenden Gesellschaft zu verstehen, sind einige Vorbemerkungen über den Stand der deutschen Sprache und Kultur im 17. Jahrhundert notwendig. Die Arbeit der Gesellschaft ist immer unter dem Aspekt zu betrachten, dass andere europäische Sprachen in vielen Bereichen der Verwaltung, Kultur oder Wirtschaft den Vorrang vor der deutschen haben. Beachtet man diese Sachlage, dann erscheint die dauernde Betonung der Leistungsfähigkeit der deutschen Sprache im rechten Licht: diese Hervorkehrung der Vorzüge der Muttersprache soll sie als gleichrangig gegenüber den anderen europäischen ausweisen. Diese Forderung steht unter dem Primärziel, damit auch eine Anerkennung der deutschen Kultur zu erreichen. Klaus Conermann:

„Es war das Ziel dieser Gesellschaft, die politischen, militärischen und intellektuellen Führungsschichten für die Vorstellung einer nationalen sprachlichen und literarischen Kultur zu gewinnen“.[1]

Besonders deutlich ist in Deutschland die Vorrangstellung des Lateinischen und des Französischen. Damit gibt es gleich zwei der Bevölkerung weitgehend unverständliche Kultur- und Oberschichtsprachen (im Gegensatz zu Frankreich oder England).

Latein ist dabei die Sprache der Gelehrten. In der Schule, in der Predigt, auf dem Rathaus kommt sie zum Einsatz. In offiziellen Reichsangelegenheiten gelten, auch für den Kaiser, nur die Reichssprachen Lateinisch und Deutsch[2]. Besonders lange, bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts, hält die Jurisprudenz am Lateinischen fest. Es erlangte mit der Rezeption des römischen Rechts seine Vorrangstellung. Ähnlich wichtig ist Latein in der Medizin.

Das Französische dagegen ist eng an die Kommunikationskultur am Hof gebunden. Die starke Verwendung dieser Sprache verdeutlicht genau jene Hochschätzung der fremden Kultur vor der deutschen, die die Sprachgesellschaften bekämpfen. Ferdinand van Ingen ist der Ansicht, dass vor allem das Französische jene Fremdsprache ist, die auch im Alltag eine große Rolle spielt. Latein und andere lebende europäische Sprachen finden mehr im speziellen Fachjargon und als Gelehrtensprache Verwendung[3]. Als besonders zentral betrachtet van Ingen außerdem die Tatsache, dass der Gebrauch der französischen Sprache auch einen Prestigegewinn bedeutet. Die soziale Oberschicht partizipiert so an der überlegenen französischen Kultur. Gleichzeitig grenzt sie sich von nicht-Gebildeten und Rangniedrigeren ab:

„Die kulturelle Orientierung am Hof und die Ausrichtung der schulischen Erziehung auf den »Weltmann« bestimmten das spezifische zivilisatorische Gepräge der sozialen Oberschicht und wirkten auch nach unten normbildend. Rang und Bedeutung eines Menschen waren hier von der gesellschaftlichen Meinung abhängig, die deshalb im wahrsten Sinne als »existenzbegründend« anzusehen ist. […] Im Bereich des Hofes, wozu auch die vielen bürgerlichen Gelehrten zu rechnen sind, die am Hof tätig waren, wurde der Gebrauch französischen Wörter und Begriffe als unvermeidlich betrachtet, ja diese fungierten geradezu als Ausweis für den erfolgreichen Mann von Welt“.[4]

Der Bereich des Hofes kultiviert also die französische Conversation und schafft ein entsprechendes Persönlichkeitsideal. Ähnlich sieht es Peter Polenz, der feststellt, dass der Gebrauch von Fremdworten zumindest in der Oberschicht „eine bewusste, gepflegte Gewohnheit“[5] ist. Beliebt sind beispielsweise französische Coutoisie- und Komplimentierbücher oder Briefsteller. Die Einflusssphäre dieses höfisch-galanten Verhaltens wirkt damit nicht nur für die Aristokratie, sondern auch für das Bildungsbürgertum normprägend. Das Ergebnis ist häufig ein modischer, mit Fremdworten (teils auch unfachmännisch) gespickter Jargon. Eben dieser übertriebene Gebrauch von französischen (und auch lateinischen) Wörtern wird von Mitgliedern der Fruchtbringenden Gesellschaft in zahlreichen satirischen Texten aufs Korn genommen, beispielsweise in Johann Michael Moscheroschs „Alamode Kehraus“ (1650) oder Andreas Gryphius` „Horribilicribrifax Teutsch“ (1663).

Ein weiterer Grund für die Sprachmischung sind die Kriege des Jahrhunderts, allen voran der Dreißigjährige Krieg. Er fördert die Verbreitung von französischen militärischen Fachausdrücken. Andere europäische Sprachen sind vor allem als Fachsprachen von Bedeutung. So etwa das Italienische für den Handel und das Bankenwesen.

1.2 Gründung der Fruchtbringenden Gesellschaft nach europäischen Vorbildern

Die Gründung der Fruchtbringenden Gesellschaft im Jahr 1617 geschieht eindeutig nach dem Vorbild europäischer Akademien. In der Einleitung des ersten Gesellschaftsbuches von 1622 wird konkret auf

„Academien, die in frembden Landen/ beydes zuerhaltung guten vertrawens/ erbawung wolanstendiger Sitten/ als nützlicher außübung jedes volcks Lands Sprachen/ auffgerichtet“[6]

als Anregung Bezug genommen. Direktes Vorbild der Fruchtbringenden Gesellschaft dürfte die italienische „Accademia della Crusca“ sein. Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen, erstes Oberhaupt der Gesellschaft, ist dort seit 1600 unter dem Gesellschaftsnamen „L` Acceso“ Mitglied. In vieler Hinsicht folgt er den Bräuchen der Accademia. Das Motto der Fruchtbringenden Gesellschaft ist „Alles zu Nutzen“, ihr Sinnbild eine Kokospalme. In einem Sinngedicht („Reimgesetz“) gleich nach der Einleitung von Fürst Ludwig wird der hohe Nutzen der Palme erläutert, aus der man „Nehnadlen machen kann/ Garn/ Stricke/ Seide/ Schiff/ auch Mast/ und Segel dran/ Wein/ Eßig/ Brandtewein/ öhl seine früchte geben/“[7] und anderes mehr. Nach diesem Vorbild sollen auch die Gesellschaftsmitglieder ‚Frucht bringen’.

Die Mitglieder erhalten nach gleichem Muster neben dem Gesellschaftsnamen eine Pflanze (oder einen Pflanzenteil, einen Wachstumszustand) zugewiesen, ebenso ein Motto und ein Reimgesetz. Meist weist Fürst Ludwig eine spezielle Pflanze zu und dichtete den Sinnspruch, jedoch nicht ohne Absprache mit anderen Mitgliedern oder auch dem Neuanwärter. Dabei ist das Sinnbild eines Gartens (aus den einzelnen Pflanzen der Mitglieder), der sich um die Palme entwickelt, eine für das 17. Jahrhundert typische Metapher. Es symbolisiert die Vereinigung von Natur und Kunst (Ein Garten ist die durch Kunst geleitete/gelenkte Natur) sowie den Nutzen, der aus dieser Verbindung entspringt[8].

Die Impresen der ersten beiden Mitglieder weisen wiederum auf eine Anlehnung an die ‚Accademia della Crusca’ hin. Caspar von Teutleben (Der Mehlreiche) hat als Sinnbild Weizen, der zu reinem Mehl gemahlen wird, Fürst Ludwig (Der Nährende) einen Laib Weizenbrot.[9] Die Fruchtbringende Gesellschaft ist aber nicht so ‚produktiv` wie die Accademia, die eine Grammatik und ein überaus erfolgreiches Wörterbuch herausbringt (Das „Vocabulario degli Accademii della Crusca“ von 1612). Gemeinschaftswerke sind nicht üblich. Eigene Arbeiten veröffentlichen Mitglieder jedoch gerne unter ihrem Gesellschaftsnamen. Besonders häufig sind Übersetzungen ausländischer Werke, die Fürst Ludwig ausdrücklich befürwortet und anregt. Sprachtheoretische Werke (wie Grammatiken, Poetiken, Wörterbücher) werden größtenteils von bürgerlichen Mitgliedern verfasst.

1.3 Offenheit in religiöser und ständischer Hinsicht

Fürst Ludwig legt größten Wert darauf, dass die Fruchtbringende Gesellschaft nicht nur für Angehörige des Adels, sondern auch Bürgerlichen offen steht. Wichtig ist ihm nur, dass das Mitglied der Gesellschaft in einer Art ‚von Nutzen’ ist. Hier ist die Einführung der Gesellschaftsnamen zentral. Die Mitglieder reden/schreiben sich nur mit ihnen an, so tritt ein eventueller Standesunterschied in den Hintergrund. Stattdessen sind alle Gesellschafter durch Pflanzennamen und Sinnspruch auf das Hauptziel (Alles zu Nutzen) ausgerichtet. Die ständische Offenheit erscheint außerdem ausdrücklich in der Vorrede zu verschiedenen Gesellschaftsbüchern, die man als Satzung verstehen kann. Hier aus der Vorrede des ersten Gesellschaftsbuches (1622): als Mitglied ist willkommen

„jedermänniglichen/ so ein liebhaber aller Erbarkeit/ Tugend und Höfligkeit/ vornemblich aber des Vaterlands/“.

Weiter unten geht es um die Rangordnung innerhalb der Gesellschaft:

„Wie nun sieder der Zeit/ nach dem alter der eintretung und nicht des Standes Vorzug/ die Gesellschafft in ordnung sich vermehret […]“[10]

[...]


[1] Klaus Conermann (Hg.): Die Fruchtbringende Gesellschaft und ihr Köthener Gesellschaftsbuch. Eine Einleitung. (Der Fruchtbringenden Gesellschaft geöffneter Erzschrein Band 2) Weinheim/ Deerfield Beach 1985, S.7.

[2] Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band 2: 17. und 18. Jahrhundert. Berlin/ New York 1994, S.51.

[3] Ferdinand van Ingen: Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts. Zwischen Kulturpatriotismus und Kulturvermittlung. In: Muttersprache 96 (1986), S. 141.

[4] Ferdinand van Ingen: Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts. Zwischen Kulturpatriotismus und Kulturvermittlung. In: Muttersprache 96 (1986), S. 140.

[5] Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band 2: 17. und 18. Jahrhundert. Berlin/ New York 1994, S. 61.

[6] KlausConermann (Hg.): Die ersten Gesellschaftsbücher der Fruchtbringenden Gesellschaft. (Die Deutsche Akademie des 17. Jahrhunderts Fruchtbringende Gesellschaft. Reihe 2: Dokumente und Darstellungen, Abteilung A: Köthen, Band 1.) Wolfenbüttel 1992, S. 8.

[7] Klaus Conermann (Hg.) Der Fruchtbringenden Gesellschaft Vorhaben, Namen, Gemälde und Wörter. Faksimile des Ersten Bandes das im Historischen Museum Köthen aufbewahrten Gesellschaftsbuches Fürst Ludwig I. von Anhalt-Köthen. (Der Fruchtbringenden Gesellschaft geöffneter Erzschrein Band 1) Weinheim/ Deerfield Beach 1985.

[8] Martin Bircher: Im Garten der Palme. Kleinodien aus dem unbekannten Barock: die fruchtbringende Gesellschaft und ihre Zeit. Ausstellungskatalog der Herzog August Bibliothek 68. Wolfenbüttel 1992, S. 11.

[9] ‚Crusca’ heißt Kleie; eine Anspielung auf den Zweck der Accademia, die ‚Kleie’ vom ‚Mehl’ zu scheiden, also alles Unreine auszusondern.

[10] Klaus Conermann (Hg.): Die ersten Gesellschaftsbücher der Fruchtbringenden Gesellschaft. (Die Deutsche Akademie des 17. Jahrhunderts Fruchtbringende Gesellschaft. Reihe 2: Dokumente und Darstellungen, Abteilung A: Köthen, Band 1.) Wolfenbüttel 1992, S. 8 bzw. 10.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Spracharbeit im 17. Jahrhundert. Die Fruchtbringende Gesellschaft und Justus Georg Schottelius 'Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache'.
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Deutsch in der Welt
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
25
Katalognummer
V20712
ISBN (eBook)
9783638245265
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spracharbeit, Jahrhundert, Fruchtbringende, Gesellschaft, Justus, Georg, Schottelius, Ausführliche, Arbeit, Teutschen, HaubtSprache, Hauptseminar, Deutsch, Welt
Arbeit zitieren
Andrea Geiss (Autor), 2003, Spracharbeit im 17. Jahrhundert. Die Fruchtbringende Gesellschaft und Justus Georg Schottelius 'Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache'., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20712

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