Das Oberthema dieser schriftlichen Arbeit lautet : „Das Pferd als Co-Therapeut in der sozialen Arbeit“ und wirft als erstes die Frage auf, welche Gründe dazu veranlassen können, einem Tier therapeutische
Fähigkeiten zuzuschreiben. Als Therapeutenvariablen gelten im allgemeinen „spezifische verbale, nonverbale und soziale Verhaltensaspekte und Interventionsstrategien eines Therapeuten zur
Lösung von psychischen Problemen eines Hilfesuchenden“ (Fachlexikon der sozialen Arbeit, 1997, S. 957). Da das Werkzeug des Sozialarbeiters insbesondere die Sprache ist, scheint dem Laien
die Frage an dieser Stelle genügend beantwortet. Das Pferd ist nicht zur verbalen Kommunikation mit dem Menschen fähig, demnach vermag es in keinster Weise einen gesprächstherapeutischen Prozess zu unterstützen. Dennoch sei an dieser Stelle behauptet,
dass das Pferd zu einer umfangreichen Kommunikation mit dem Menschen fähig ist und außerdem über eben die spezifische Grundhaltung verfügt, die ein Therapeut gegenüber seinem Klienten
einnehmen soll. Das Unterthema der Arbeit „Methoden, Finanzierung, Grenzen und Perspektiven des Therapeutischen Reitens“ soll darauf
hinweisen, dass innerhalb dieser Ausführung zum Thema im Sinne der Ganzheitlichkeit der Sozialarbeit eben nicht nur die Beziehung
des Therapeuten zum Klienten, hier die Beziehung zwischen Therapeut, Co-Therapeut und Klient, betrachtet werden soll, sondern inwiefern das Therapeutische Reiten in der sozialen Arbeit bereits
eingebetet ist bzw. wie es eingebetet werden könnte. Dazu ist es zum Einen notwendig, die unterschiedlichen Methoden in ihrer Bandbreite
genauer zu betrachten und zum Anderen die Rahmenbedingungen und insbesondere die Finanzierbarkeit des Therapeutischen Reitens
abzuklären. Ziel dieser Arbeit ist es, den Einsatz des Pferdes als effektiven Sozialhelfer anhand von ausgewählten methodischen Ansätzen und Handlungskonzepten zu prüfen. Da das Therapeutische Reiten ein Oberbegriff ist, dient das erste
Kapitel als Orientierungshilfe innerhalb der vielseitigen Einsatzmöglichkeiten des Pferdes in Medizin, Pädagogik und Sport.
In der Betrachtung des Pferdes als Co-Therapeut in der sozialen Arbeit wird hier der Bereich des Heilpädagogischen Reitens und
Voltigierens akzentuiert. Im zweiten Kapitel soll das Pferd mit seinen spezifischen Verhaltensaspekten als, weitläufig in seinen besonderen Qualitäten noch relativ unbekanntes, Medium besondere Beachtung
finden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Therapeutischen Reiten - Der Einsatz des Pferdes in Medizin, Pädagogik und Sport
2.1 Die Hippotherapie - Krankengymnastische Förderung auf dem Pferd
2.2 Das Heilpädagogische Reiten und Voltigieren - Ganzheitliche Förderung von Kindern und Jugendlichen
2.3 Reiten als Sport für Behinderte - Integrative Freizeitgestaltung und Leistungssport
3 Pferd - Kind - Pädagoge: Die Partner im heilpädagogischen Reiten / Voltigieren
3.1 Das Pferd - Symbolhaftigkeit und gemeinsame Entwicklungsgeschichte mit dem Menschen
3.1.1 Verhaltensspezifische Eigenschaften und Beziehungsfähigkeit des Pferdes
3.1.2 Zum Motivationsaspekt- der (auf)fordernde Charakter des Pferdes
3.1.3 Das geeignete Therapiepferd
3.2 Das Kind/ der Jugendliche – Zielgruppenbestimmung und Lebensweltbetrachtung
3.2.1 Reduzierung der Freiräume für Kinder - Multimedialität versus Realitätsprinzip
3.2.2 Zur Entstehung von Verhaltensauffälligkeiten/ -störungen, Lernstörungen/-behinderungen
3.3 Der Reitpädagoge - Grundsätzliche Einstellung und Verhalten des Pädagogen
3.3.1 Sachorientierte Partnerschaft als Handlungskonzept im Heilpädagogischen Reiten/voltigieren
3.3.2 Berufsbezeichnung, Qualifikation
3.4 Das Beziehungsgeschehen im Setting des Heilpädagogischen Reitens/Voltigierens
4 Verschiedene methodische Ansätze und spezielle Zielsetzungen des HPR/V
4.1 Entwicklungsorientierung - Zur Entwicklung der Persönlichkeit nach Freud und Erikson
4.2 Psycho- und sensomotorische Förderung durch das Pferd
4.3 Psychoanalytisch-orientiertes Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren
4.4 Erwerb individueller und sozialer Kompetenzen durch den Umgang mit dem Pferd
5 Zusammenarbeit mit Kostenträgern, ltern sowie anderen Institutionen
5.1 Zur Finanzierung des Therapeutischen Reitens - Leistungserbringer und Kostenträger
5.2 Zusammenarbeit mit anderen Institutionen sozialer Arbeit
5.3 Die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den Eltern
5.3.1 Der erste Kontakt mit den Eltern - Absicherung, Kosten, Anamnese
5.4 Qualitätssicherung im HPR/V - Qualitätsstandards und Zielüberprüfung
6 Die Grenzen der Arbeit mit dem Pferd
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einsatz des Pferdes als Co-Therapeuten in der sozialen Arbeit, insbesondere im Kontext des heilpädagogischen Reitens und Voltigierens. Ziel ist es, die vielfältigen methodischen Ansätze, die Finanzierungsmöglichkeiten, die therapeutischen Grenzen und die Zukunftsperspektiven dieser Arbeit zu prüfen, um den Einsatz des Pferdes als effektiven Sozialhelfer wissenschaftlich zu untermauern.
- Psychologische und entwicklungsgeschichtliche Bedeutung der Mensch-Pferd-Beziehung
- Methodische Ansätze im Heilpädagogischen Reiten und Voltigieren (HPR/V)
- Sensomotorische Förderung und Persönlichkeitsentwicklung durch den Umgang mit dem Pferd
- Zusammenarbeit mit Kostenträgern und die Finanzierung heilpädagogischer Interventionen
- Qualitätssicherung im therapeutischen Reitsport
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Verhaltensspezifische Eigenschaften und Beziehungsfähigkeit des Pferdes
Ausgehend von einer gesunden psychischen Stabilität kann gesagt werden, dass ein Pferd einfühlsam und rücksichtsvoll ist. So wird es z.B. niemals auf ein am Boden liegendes Geschöpf treten und stehen bleiben, wenn das reitende Kind droht vom Rücken zu rutschen oder die Körperhaltung so verändern, dass das Kind wieder Halt bekommt. Diese Eigenschaft des sogenannten „unters Gewicht treten“ machen sich z.B. Dressurreiter zu nutzen, denen es gelingt durch minimale Gewichtsverlagerung ein Seitwärtsschreiten des Tieres zu erreichen (vgl. C. Klüwer, 1995/1997). Pferde reagieren artgerecht - nicht menschlich, d.h. sie können sich nicht verstellen, sich nicht rächen und nicht strafen, sie sind i.d.R. gutmütig veranlagt und offen gegenüber jedem Menschen, dieses wirkt besonders auf verhaltensbeeinträchtigte Kinder, die so erfahren, dass ihr abweichendes Verhalten nicht unbedingt und nicht unmittelbar aggressive Reaktionen hervorruft. Auf falsche Behandlung reagiert ein Pferd nicht nachtragend oder rachsüchtig, sondern immer artspezifisch. Das feine Gespür für Stimme und Stimmung, die Fähigkeit Angst, Unruhe und Ungeduld ausdrücken zu können, die sich oft aus der Gruppe oder vom Reiter aufs Pferd überträgt , lässt das Pferd zum „Spiegelbild“ der eigenen Empfindung werden. Pferde sind in ihrem Verhalten weitgehend konstant, also verlässlich und somit in Erziehungsprozesse einplanbar, d.h. wenn man ein Pferd gut kennt, mit ihm vertraut ist, kann man seine Verhaltensweisen voraus sagen, es unter Berücksichtigung seiner individuellen Fähigkeiten und Charakterzüge entsprechend den geforderten Leistungsansprüchen ganz speziell in der Arbeit mit Kindern einsetzen (vgl. M. Gäng 1998a).
Das Pferd verfügt über eine fein ausdifferenzierte Wahrnehmung. Sowohl Gesichts- und Hörsinn, als auch der Geruchs- und Tastsinn sind bei dem Flucht- und Herdentier sehr fein ausgeprägt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung begründet das Thema der Diplomarbeit und erläutert die Forschungsfrage hinsichtlich der therapeutischen Fähigkeiten des Pferdes in der sozialen Arbeit.
2 Therapeutischen Reiten - Der Einsatz des Pferdes in Medizin, Pädagogik und Sport: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die drei Hauptbereiche des therapeutischen Reitens und deren spezifische Ausrichtungen.
3 Pferd - Kind - Pädagoge: Die Partner im heilpädagogischen Reiten / Voltigieren: Hier werden die Rollen der drei Hauptakteure sowie deren Zusammenspiel im Beziehungsdreieck detailliert beleuchtet.
4 Verschiedene methodische Ansätze und spezielle Zielsetzungen des HPR/V: Dieses Kapitel widmet sich den theoretischen Grundlagen und methodischen Konzepten, die der heilpädagogischen Arbeit zugrunde liegen.
5 Zusammenarbeit mit Kostenträgern, ltern sowie anderen Institutionen: Hier stehen die organisatorischen, finanziellen und administrativen Aspekte sowie die Notwendigkeit der Netzwerkarbeit im Vordergrund.
6 Die Grenzen der Arbeit mit dem Pferd: Das Kapitel reflektiert kritisch die Limitationen, Kontraindikationen und praktischen Schwierigkeiten beim Einsatz des Pferdes als Co-Therapeut.
7 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet den Einsatz des Pferdes unter Effektivitäts- und Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten.
Schlüsselwörter
Heilpädagogisches Reiten, Heilpädagogisches Voltigieren, Co-Therapeut, Sozialarbeit, Persönlichkeitsentwicklung, Pferd-Kind-Beziehung, Sensomotorik, Psychomotorik, Sachorientierte Partnerschaft, Qualitätssicherung, Finanzierung, Inklusion, Verhaltensstörungen, Förderdiagnostik, Beziehungsdreieck
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, warum und wie ein Pferd als Co-Therapeut in der Sozialarbeit fungieren kann, insbesondere im Bereich des heilpädagogischen Reitens und Voltigierens für Kinder und Jugendliche.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die heilpädagogische Wirkung des Pferdes, methodische Konzepte, die Zusammenarbeit mit Institutionen und Eltern sowie die Finanzierung und Qualitätssicherung dieses Arbeitsfeldes.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die wissenschaftliche Prüfung und Evaluierung des Einsatzes des Pferdes als effektivem Sozialhelfer anhand ausgewählter Handlungskonzepte.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit nutzt Literaturanalysen und stützt sich auf entwicklungspsychologische Theorien (Freud, Erikson) sowie systemische Ansätze, um den therapeutischen Prozess zu begründen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Beziehungsgestaltung (Kind-Pferd-Pädagoge), den psychomotorischen und psychoanalytischen Fördermöglichkeiten sowie den praktischen Rahmenbedingungen der Finanzierung und Zusammenarbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Heilpädagogisches Reiten, Soziale Arbeit, Psychomotorik, Beziehungsdreieck, Qualitätssicherung und Persönlichkeitsentwicklung.
Warum ist die "sachorientierte Partnerschaft" nach Kröger für die Arbeit so wichtig?
Das Konzept ermöglicht ein Heranreifen der eigengesteuerten Handlungsfähigkeit des Kindes, indem es eine neutrale Basis schafft, die frei von der direkten emotionalen Überforderung durch den Pädagogen ist.
Welche Rolle spielen Kontraindikationen bei der Aufnahme des HPR/V?
Kontraindikationen wie bestimmte Wirbelsäulenerkrankungen oder akute psychische Instabilitäten dienen dazu, das Risiko für Klienten zu minimieren und die Eignung der Methode für den jeweiligen Einzelfall zu prüfen.
- Quote paper
- Janina Steen (Author), 2002, Therapeutisches Reiten. Das Pferd als Co-Therapeut in der sozialen Arbeit. Methoden, Finanzierung, Grenzen und Perspektiven., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20714