Zu: Christa Wolf – Nachdenken über Christa T.


Seminararbeit, 2010

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Christa T.s äußerer Lebenslauf und Charakterzüge

3. Christa T. im Kontext der DDR-Gesellschaft der fünfziger und frühen sechziger Jahre
1.1 Der individuelle Anspruch Christa T.s im Spannungsverhältnis zum real existierenden Sozialismus der DDR
1.2 Christa T.s Umgang mit ihrer systemimmanenten Konfliktsituation

4. Vom Umgang mit der Vergangenheit
Wolf, Christa (1980): Lesen und Schreiben. Neue Sammlung. Essays, Aufsätze, Reden. Darmstadt: Luchterhand, S. 66, zit. nach Hilzinger (1986), S. 41

5. Nachdenken über Christa T. und seine Wirkung auf die Erzählerin und den Lesenden

6. Fazit

1. Einleitung

Ein leicht angreifbares und schwer greifbares Stück Literatur […], ein Roman, der Interpretationen entziehen möchte.[1]

So beschreibt Reich-Ranicki Christa Wolfs vielfach diskutierte und rezensierte Erzählung Nachdenken über Christa T., die sie direkt nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED 1965 zu schreiben begann. In die damit verbundene angespannte Atmosphäre - auf diesem Plenum verschärfte sich die Stoßrichtung gegen kritische Literatur massiv und Kritik wurde pauschal als antikommunistisch gewertet - fällt also die Entstehungsgeschichte des Textes.[2] Doch auch die Veröffentlichung nach der Fertigstellung der Erzählung im Jahre 1967 verlief nicht konfliktlos. Der Mitteldeutsche Verlag ließ zunächst zwei Arbeitsgutachten erstellen, die letztlich in der Erzählung ein desillusionierendes Moment ausmachten und trotz des Bescheinigens der literarischen Qualität eine ablehnende Haltung einnahmen.[3] In einem Gespräch mit ihrem Zensor, so berichtet Wolf, äußerte dieser, dass „ihm […] in der Erzählung vor allem die ‚positiven Züge‘ unserer Gesellschaft [fehlten]. Alle Nebenfiguren verstand er als ‚angeknackst‘. Christa T. sei ‚lebensuntüchtig‘.“[4] Auf die dann folgenden umfangreichen Änderungswünsche ging Wolf nicht ein, fügte jedoch das 19. Kapitel hinzu, ohne damit mit dem Konzept ihrer Erzählung zu brechen. „Dadurch ist nichts entschärft worden, aber er konnte jetzt sagen, ich hätte noch daran gearbeitet, und so konnte er den Druck ohne gar zu großen Gesichtsverlust doch noch genehmigen.“[5] So erscheint Anfang 1968 dann auch ein Vorabdruck und anschließend die Buchfassung in einer sehr geringen Auflage. Christa Wolf spricht diesbezüglich von 4000 Exemplaren.[6] Auf dem Schriftstellerkongress im Frühling 1969 wurde die Erzählung umfassend besprochen, obwohl das Buch bislang nicht vielen Personen zur Verfügung stand. Gegenstand der Rezensionen waren dabei, wie eingangs schon eingeführt, das dargestellte Leben und Denken der Figuren und damit eng verbunden auch Wolfs spezifische Art zu schreiben. Diese Schreibart, die sich vom geforderten Sozialistischen Realismus immer mehr entfernte, umschreibt sie mit dem Begriff der Subjektiven Authentizität.[7] Diese Begrifflichkeit erscheint in Bezug auf die Erzählung insofern nachvollziehbar, da die Ich-Erzählerin die ‚innere’ Lebensgeschichte und Entwicklung ihrer verstorbenen Freundin Christa T. auf Grundlage eigener Erfahrungen und überlieferten Schriftstücken der Protagonistin schreibend nachgeht. Sie denkt ihr nach. „Etwas von Zwang ist unleugbar dabei“[8], stellt die Erzählerin fest, der Zwang, „daß sie sich zu erkennen gibt.“[9] Dieses in Zügen zwanghafte Hervorbringen der Christa T. geschieht dabei nicht ihrer selbst wegen, heißt es doch in dem Prolog der Erzählung: „Sie braucht uns nicht. Halten wir also fest, es ist unseretwegen, denn es scheint, wir brauchen sie.“[10]

Warum aber ist sich die Erzählerin dieser Aussage sicher? Welchen Wert oder auch Nutzen hat Christa T. - wohlgemerkt auch noch als Verstorbene - für die Erzählerin und über diese, die sich in ein nicht näher bestimmtes „wir“ verortet, hinaus? Christa T.s Nützlichkeit scheint dabei nicht direkt zugänglich zu sein. So wird es von der Erzählerin auch beschrieben als „ihr Geheimnis, auf das ich aus war, seit wir uns kannten.“[11] Eng im Zusammenhang mit der Frage des Wertes hängt daher auch der gewählte Weg der Erzählerin „auf der Suche nach dem Übersehenen […].“[12] Ausgehend von diesen Überlegungen soll in dieser Arbeit die Fragestellung behandelt werden, warum Christa T. aus dem retrospektiven Blick der Erzählerin gebraucht werden könnte. So heißt es auch an anderer Stelle, an der die Erzählerin ihr Vorgehen reflektiert: „Warum, wird man fragen, stellst du sie vor uns hin? Denn das tue ich, es wird nicht bestritten.“[13]

Zur Beantwortung der Frage sollen die Ebene der Lebensgeschichte und Charakter der Christa T. (Kapitel 1), die nach dem Tod der Protagonistin rückblickend von einer Ich-Erzählerin erzählt wird, die Ebene der historischen Verflechtung in die fünfziger und zum Teil sechziger Jahre der DDR (Kapitel 3) und die Ebene des Nachdenkens und Reflektierens insbesondere in Hinblick auf Erzählerin und Leserschaft (Kapitel 4 und 5) miteinander verknüpft werden.[14] Durch diese Verbindung soll gezeigt, werden, dass Christa T.s spezifischer Wert erst durch den nachdenkenden und reflektierenden Akt der Erzählerin seine eigentliche Wirkung entfalten kann.

2. Christa T.s äußerer Lebenslauf und Charakterzüge

Die Erzählerin (re-)konstruiert das Leben ihrer Freundin Christa T. kurze Zeit nach deren Tod. Beide sind Ende 1920 geboren und erleben somit eine Kindheit unter dem Hakenkreuz. Erstmals begegnen sich die Mädchen zu Schulzeiten, verlieren sich dann jedoch nach Kriegsende aus den Augen. Christa T. arbeitet zu dieser Zeit als Neulehrerin und beginnt dann ihr Studium der Germanistik in Leipzig. In der Universität treffen sich die beiden zentralen Figuren zufällig erneut und sollen auch im weiteren Verlauf miteinander verbunden bleiben. Nach ihrem Studienabschluss im Jahr 1954 betätigt sich die Protagonistin erneut als Lehrerin, lernt ihren zukünftigen Mann Justus kennen, wird Ehe- und Hausfrau sowie Mutter von drei Kindern. Erst Mitte dreißig stirbt sie, die „Tierarztfrau im Mecklenburgischen“[15], 1963 an Leukämie.[16] In der Zusammenfassung der Erzählerin heißt es auch recht knapp: „Vier Wohnorte. Zwei Berufe. Ein Mann, drei Kinder. Eine Reise. Krankheiten, Landschaften. Ein paar Menschen bleiben, ein paar kommen hinzu.“[17] Von den äußeren Eckdaten her betrachtet wirkt dieses Leben also zunächst nicht wichtiger und interessanter als andere Lebensläufe ihrer Generation.[18] Doch dies, so versichert die Erzählerin, hat innerhalb der Komposition der Erzählung seine Zweckmäßigkeit, denn „wer von ihr, Christa T., weg und auf größere, nützlichere Lebensläufe zeigt, hat nichts verstanden.“[19] So erscheint Christa T. gerade deswegen interessant, weil sie einen (fast) alltäglichen Lebenslauf vorzuweisen hat. Denn damit einhergehen zeigt sie ein zu der Zeit untypisches Innenleben, das aus Sicht der Erzählerin wertvolle Einstellungen und Gedanken birgt. Die Erzählerin, dass ihre Freundin ein Geheimnis in sich birgt, das sie konkreter zu erkennen erhofft.[20] Dieses sogenannte Geheimnis hängt dabei eng mit der Persönlichkeit der Protagonistin zusammen.

Christa T. wird von der Erzählerin als selbstbewusst, unangepasst und unabhängig beschrieben, ausgestattet mit einem unvoreingenommen Blick und einer Abneigung gegen das Ungeformte.[21] Gleichzeitig trägt sie eine beständige Angst vor Festlegung und Verfestigung in sich, so dass sie hinter sich lassen möchte, was sie zu gut kennt und keine Herausforderung mehr in sich birgt.[22] Ackrill sieht in diesem Zusammenhang in Christa T.s Lebensstil zu Studentenzeiten auch einen deutlichen Hang zur Bohème und melancholischen Künstlerin.[23] Sie war eine Person, die „ausprobierte, was möglich war, bis ihr nichts mehr übrigblieb […].“[24] Sie ist neugierig, auf der Suche nach sich selbst sowie „[s]innsüchtig, deutungssüchtig […].“[25] Nichts war ihr mehr zuwider als „falsche Liebe, falsche[r] Haß, falsche Anteilnahme und falsche Teilnahmslosigkeit.“[26] Vielmehr plädiert sie für das Zusammenspiel von Denken und Fühlen beim Menschen. Denn letztlich beängstigt sie jegliche Art von Trennung, die Wirklichkeit reduzieren könnte. So besitzt sie auch eine leidenschaftliche Erbitterung bezüglich des Schicksals anderer Personen, die nicht verstehen, wie die Welt zusammenhängt und denen, wie im Fall der Straßenbahnschaffnerin, das neue Gesellschaftssystem nicht helfen wird.[27]

Mit ihrer Leidenschaft und Anpassungsunwilligkeit lädt Christa T., die „ewige Schwärmerin“[28], zur Identifikation ein. Anderseits provoziert sie auch mit ihrer distanzierten Haltung in Liebesbeziehungen, ihrer Unproduktivität, dem geringen Pflichtbewusstsein.[29] Denn durch ihre unruhige, schwankende Art bietet sie Angriffsfläche und müsse laut Hörnigk auch mit Skepsis betrachtet werden.[30] Christa T. ist also keine eindimensional gezeichnete Person, sondern eine vieldeutige Persönlichkeit, die den Lesenden zur Identifikation einladen und gleichzeitig distanzierende Momente eröffnen kann (vgl. Punkt 5).

Schon diese nur überblicksartig genannten Charakterzüge lassen erahnen, dass ihre Erfahrungen in der Nachkriegszeit nicht nur positiv ablaufen können, gerade „wenn man wie Christa T. dazu neigt, die Normen und Werte der etablierten Welt vorbehaltlos zu überprüfen und in Frage zu stellen.“[31] Mit dieser Einstellung wirkt es, als würde sie innerhalb der ideologischen Auseinandersetzungen der DDR nicht ganz in die neue Welt passen.[32]

[...]


[1]
Reich-Ranicki, Marcel (1969): Christa Wolfs unruhige Elegie. „Nachdenken über Christa T. w — ein höchst bemerkenswerter DDR-Roman. Online verfügbar unter: http://pdf.zeit.de/1969/21/Christa-Wolfs-unruhige-Elegie.pdf [Letzter Zugriff 05.10.2009].

[2] vgl. Firsching, Annette (1996): Kontinuität und Wandel im Werk Christa Wolfs. Würzburh: Königshausen und Neumann. S. 42/44.

[3] vgl. Firsching (1996), S. 44.

[4] Wolf, Christa/Drescher, Angela (Hrsg.) (1996): Dokumentation zu Christa Wolf Nachdenken über Christa T. Hamburg/Zürich: Luchterhand. S. 195.

[5] Wolf, Christa/Widmann, Arno (2008): Interview mit Christa Wolf. "Nehmt euch in Acht". Online verfügbar unter: www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/zeitgeschichte/die_68er/1968_aktuelle_artikel/?em_cnt=1365654&em_cnt_page=1 [Letzter Zugriff 05.10.2009].

[6] Wolf/Drescher (1996), S. 199.

[7] Zum Begriff der Subjektiven Authentizität vgl. Dröscher, Barbara (1993): Subjektive Authentizität. Zur Poetik Christa Wolfs zwischen 1964 und 1975. Würzburg: Königshausen & Neumann; Greve, Astrid/Popp, Wolfgang (1987): Die Neutralisierung des Ichs - oder:Wer spricht. "Weibliches Schreiben" und "subjektive Authentizität" im Werk Christa Wolfs. Essen: Die Blaue Eule.

[8] Wolf, Christa (2007): Nachdenken über Christa T. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 10.

[9] Wolf (2007), S. 11.

[10] Wolf (2007), S. 11.

[11] Wolf (2007), S. 200.

[12] Wolf (2007), S. 153.

[13] Wolf (2007), S. 103.

[14] vgl. Dröscher (1993), S. 77. Dröscher macht fünf Schichten im Roman aus, von denen die drei hier genannten in leicht modifizierter Form für die Fragestellung als besonders wichtig angesehen werden. Daraus ergibt sich, dass die Ebene, die das Verhältnis zwischen Christa T. und der Erzählerin thematisiert sowie die übergeordnete Ebene, die essayistische Gedanken zur Problematik des Schreibakts beinhaltet, vernachlässigt werden.

[15] Wolf (2007), S. 139.

[16] Für ausführliche biographische Angaben der Figur Christa T. vgl. Stephan, Alexander (1976): Christa Wolf. München: Beck; edition text + kritik. S. 61f.

[17] Wolf (2007), S. 74.

[18] vgl. Firsching (1996), S. 48. Die Tatsache, dass Christa T. nach der Heirat nicht – wie in der DDR eher üblich war – weiterarbeitet, sondern Hausfrau wurde, wird in der vorliegenden Sekundärliteratur kaum diskutiert.

[19] Wolf (2007), S. 160.

[20] Wolf (2007), S. 200.

[21] vgl. Dröscher (1993), S. 81-84.

[22] vgl. Wolf (2007), S. 53.

[23] vgl. Ackrill, Ursula (2004): Metafiktion und Ästhetik in Christa Wolfs "Nachdenken über Christa T.", "Kindheitsmuster" und "Sommerstück". Würzburg: Königshausen & Neumann. S. 42.

[24] Wolf (2007), S. 200.

[25] Wolf (2007), S. 168.

[26] Wolf (2007), S. 175.

[27] vgl. Mauser, Helmtrud/Mauser, Wolfram (1987): Christa Wolf "Nachdenken über Christa T.". München: Wilhelm Fink Verlag. S. 18.

[28] Wolf (2007), S. 204.

[29] vgl. Hörnigk, Therese (1989): Christa Wolf. Göttingen: Steidl Verlag. S. 125.

[30] vgl. Hörnigk (1989), S. 125.

[31] Stephan (1976), S. 62.

[32] vgl. Hörnigk (1989), S. 125

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Zu: Christa Wolf – Nachdenken über Christa T.
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Germanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V207194
ISBN (eBook)
9783656342571
Dateigröße
687 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
christa, wolf, nachdenken
Arbeit zitieren
Nika Ragua (Autor), 2010, Zu: Christa Wolf – Nachdenken über Christa T. , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207194

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