Väterliche Autoritäten im Werk Thomas Bernhards und Franz Kafkas


Bachelorarbeit, 2009

44 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Spiel mit den Gattungen. Theoretische Betrachtung
2.1 Allgemeines
2.2 Thomas Bernhard: Der Keller
2.3 Franz Kafka: Das Urteil

3. Die väterlichen Autoritäten – Wie das Erlebte werkimmanent beschrieben wird
3.1 Hermann Kafka
3.2 Johannes Freumbichler
3.3 Emil Fabjan und Alois Zuckerstätter - keine väterlichen Autoritäten

4. Missbrauch der Macht – Die Schuld der väterlichen Autoritäten
4.1 Das Urteil
4.2 Der Keller

5. Nestwärme im autoritären System
5.1 Die Frage nach der Existenz von Nestwärme
5.2 Warum Georg scheiterte
5.3 Warum Bernhard sich entwickelte

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wohin wären wir gekommen, wenn wir auf die Leute gehört hätten, die uns die sogenannten

Nächsten gewesen sind? (Der Keller. S. 135)[1]

Es ist eine provokante Aussage die Thomas Bernhard – ausgerechnet in einem autobiographischen Werk – in Der Keller. Eine Entziehung [2] in den Raum stellt. Die Beschäftigung mit Autoritäten und ihrem Einfluss auf die ihnen anvertrauten Heranwachsenden ist ein altes Thema, minutiös behandelt in allen erdenklichen wissen-schaftlichen Gebieten, von Soziologen entschlüsselt, von Philologen auf die Werke der Literaturgeschichte angewandt. Es geht zweifelsohne eine große Faszination von dieser Thematik aus, denn gerade die Väter namhafter Schriftsteller hatten einen großen Einfluss auf ihrer Kinder – positiven wie negativen.

Das Leitthema dieser Arbeit soll die Betrachtung der Werke Das Urteil von Franz Kafka und Der Keller von Thomas Bernhard unter dem Gesichtspunkt der Verarbeitung individueller Erlebnisse durch die Literatur sein. Es ist die Frage nach dem Autor im Werk, nach seiner Intention beim Verfassen desselben. Ich werde im Verlaufe der Arbeit die These zu beweisen versuchen, dass beide Autoren Literatur produziert haben, um über ihre väterlichen Bezugs-personen und ihr persönliches Verhältnis zu ihnen zu reflektieren.

Bei der Untersuchung der Darstellung väterlicher Autorität in literarischen Werken habe ich drei Kriterien in den Fokus gerückt. Zunächst werde ich untersuchen, wie die erlebte Autorität dargestellt wird. Danach wende ich mich der Frage zu, wie das Erlebte verarbeitet wird, insbesondere inwiefern eine Zuweisung von Schuld an die Autoritäten erfolgt und ob diese Schuldzuweisungen berechtigt sind. Als letzter Punkt wird die Frage nach der Existenz von Nestwärme im autoritären System stehen und ob ihr Vorhandensein beziehungsweise ihre Abwesenheit einen signifikanten Einfluss auf den Emanzipationsprozess der Kinder hatte.

Bevor diese Fragen durch textimmante Werkanalysen beantwortet werden, muss zunächst in einem theoretischen Teil geklärt werden, warum die ausgewählten Werke sich für eine autobiographische Deutung besonders gut eignen, beziehungsweise inwiefern ihnen Authentizität zugesprochen werden darf. Weshalb ich die Autorenpersönlichkeit zu 100 Prozent in den Text eingegangen sehe, werde ich unter Bezugnahme auf Lejeune, der sich in den 1970-Jahren intensiv mit der Gattung der Autobiographie beschäftigt hat, erläutern. Die theoretischen Ausführungen sollen dem Ziel dienen zu verstehen, wie Das Urteil und Der Keller zwischen Fiktion und Autobiographie oszillieren und wie sowohl Thomas Bernhard als auch Franz Kafka das Spiel mit den Gattungen bewusst betrieben haben. Die Erkenntnis dieses Spieles ist, wie sich zeigen wird, zentral für die Beantwortung der aufgeworfenen Fragen.

Eine im Rahmen der Thematik der Vater-Sohn-Beziehungen nahe liegende Betrachtung soziologischer Strukturen und Sozialisationstheorien würde zwar in diesem Zusammengang eine interessante Ergänzung darstellen, kann aber in ihrem Umfang nicht in die Arbeit aufgenommen werden. Soziologische Konstrukte zu diesem Thema müssen bei der Betrachtung außen vor gelassen werden. Jedoch treten im weiteren Verlauf der Arbeit zwei Begriffe („Autorität“ und „Doppelbindung“) auf, die an dieser Stelle definiert werden, bevor sie angewendet werden sollen.

Unter Autorität versteht man in der Soziologie die „wirksame Einflußnahme einer Person auf andere“,[3] wobei diese Person aufgrund ihrer Stellung als Normgeber fungieren kann. Die Individuen, die Teil der Hierarchie sind, sind als Normadressaten dazu verpflichtet, den Willen der Autorität als wirksame Handlungsdeterminante anzuerkennen. Der Begriff Autorität ist dabei noch in keiner Weise als negativ besetzte Rolle zu verstehen. Ihr Machtvorsprung ist eine soziale Tatsache und Teil der Definition ihrer Rolle. Erst die Anwendung der Macht entscheidet über eine positive oder negative Bewertung des Anwenders. Bei einem Nichtbefolgen der Normen besitzt die Autorität Sanktionsbefugnis. Das bedeutet, dass bei Nichtbefolgen einer Norm die familiäre Autoritätsfigur berechtigt ist, Sanktionen zu verhängen, die sich außerhalb eines juristischen Rahmens bewegen können. Ein banales Beispiel aus dem Alltagsleben jeder Familie wäre die Verhängung von Hausarrest oder die Sperrung des Taschengeldes. Eltern können diese Sanktion gegen ihre Kinder verhängen, da sie als Autoritäten über diesen stehen. Autoritätspersonen können innerhalb einer Gemeinschaft durch gezielt und pragmatisch eingesetzte Sanktionen als ordnungsstiftende Instanz fungieren und sich positiv auf die Entwicklung der Schutzbefohlenen auswirken. Da diese Arbeit sich auch mit dem Machtmissbrauch durch Autoritäten beschäftigt, muss natürlich auch angemerkt werden, dass Autoritäten ihre Macht und ihre Sanktionsbefugnis zum Schaden ihres Umfeldes benutzen können. Wie dies im familiären Rahmen geschieht, lässt sich besonders gut an Das Urteil und Der Keller illustrieren, weshalb sie für die Arbeit ausgewählt wurden.

Zur Schädigung nutzen die Autoritäten in beiden Werken die Gesprächsstrategie der Doppelbindung. Watzlawick/Beavin/Jackson haben in ihrer Arbeit über menschliche Kommunikation auch Paradoxien zwischenmenschlicher Interaktion herausgearbeitet und dabei die „Doppelbindungstheorie“[4], die „erstmals 1956 von Bateson, Jackson, Haley und Weakland unter dem Titel 'Toward a Theory of Schizophrenia' [sic!] beschrieben“[5] wurde, aus ihrer Funktion einer rein psychologischen Theorie zur Erklärung der Schizophrenie gelöst und zu einem Schlüsse zum Verständnis allgemeiner Kommunikationssituationen weiter-entwickelt. Der Kern der Theorie besteht darin, dass von einem Gesprächspartner „eine Mitteilung gegeben [wird], die a, etwas aussagt, b, etwas über ihre eigene Aussage aussagt und c, so zusammengesetzt ist, daß diese beiden Aussagen einander negieren bzw. unvereinbar sind“. [sic!][6] Dies versetzt das Individuum, gegen das die Doppelbindung angewendet wird, unter Zugzwang. Egal, für welche der zwei Handlungsoptionen es sich entscheidet, es wird durch Ausführung von Aufforderung a Aufforderung b missachten und es wird a missachten, wenn es b, ausführt. Abschließend muss zur Doppelbindungstheorie muss noch gesagt werden, dass sie nur dann wirkt, wenn die Kommunikationspartner „zueinander in einer engen Beziehung [stehen], die für einen oder auch alle von ihnen einen hohen Grad von physischer und/oder psychischer Lebenswichtigkeit hat“.[7] Diese Wirkungsvoraussetzung ist in den familiären Beziehungskonstellationen in Das Urteil und Der Keller gegeben.

2. Das Spiel mit den Gattungen. Theoretische Betrachtung

2.1 Allgemeines

Einen Schriftsteller in den Fokus einer psychologischen Betrachtung seiner Kindheit und Adoleszenz zu rücken, ist ein ergiebiges Untersuchungsfeld. Schwierig – aber umso faszinierender – wird es, wenn man diesen Schriftsteller nur aufgrund eines ausgewählten Werkes, das er verfasste, dieser psychologischen Betrachtung unterzieht. Diese Herangehensweise bietet sich bei Autobiographien an, da dort „der Autor die Chronik des eigenen Lebens schreibt, d.h. Subjekt und Objekt der Darstellung zugleich ist“.[8] Hier findet sich die von Lejeune gegebene Minimaldefinition von Autobiographie wieder, die als Voraussetzung der Gattungszuordnung vorsieht, dass eine „Identität zwischen dem Autor, dem Erzähler und dem Protagonisten[9] bestehen muss.

Ich werde mich als Erstes der Frage zuwenden, warum Der Keller, obwohl er Teil von Bernhards autobiographischem Zyklus ist, nicht ohne Weiteress als Autobiographie bezeichnet werden kann und weshalb die Textstellen, die ich im Verlauf der Arbeit untersuchen werde, nicht als „schlichte Wahrheit“, das heißt nicht ohne Betrachtung von bio-graphischer Sekundärliteratur gelesen werden dürfen. Wenn ich diese Frage beantwortet haben werde, wird es die zweite Aufgabe dieses Kapitels sein zu beweisen, dass im Umkehrschluss die Erzählung Das Urteil für biographische Rückschlüsse auf Kafka genutzt werden kann.

Ziel ist es, am Ende des Kapitels die Oszillation der Werke gezeigt zu haben: Das Urteil als Erzählung, die doch autobiographisch ist, und Der Keller, der als Autobiographie in eine stark fiktiven Charakter hat und dennoch autobiographisch betrachtet werden muss.

2.2 Thomas Bernhard: Der Keller

Thomas Bernhards autobiographisches Werk gilt als umstritten. An manchen Stellen ist Bernhards Hang zur Selbstinszenierung so stark, dass das Werk sehr viel stärker fiktional denn autobiographisch wirkt. Zieht man Biographien sowie Berichte von Zeitzeugen und Freunden zu unserer Betrachtung hinzu, lässt sich diese These sehr leicht erhärten. Da ich mich mit dem Verhältnis Kafkas und Bernhards zu ihren väterlichen Autoritäten beschäftige und Bernhards Großvater, Johannes Freumbichler, diese Rolle im Leben Bernhards inne hatte, gilt es für diese Arbeit diesen Inszenierungshang Bernhards bezüglich seines Großvaters zu erkennen und zu werten. Alexandra Ludewig hat in ihrer Auseinandersetzung mit Thomas Bernhard anschaulich erarbeitet, weshalb man zwischen der realen Person des Großvaters Johannes Freumbichler und seiner Darstellung in Bernhards Autobiographie sehr bewusst differenzieren muss. Beispielsweise hat Freumbichler „niemals ein Priesterseminar besucht“,[10] auch wenn dies im ersten Band des autobiographischen Zyklus Die Ursache. Eine Andeutung von Bernhard behauptet wird.[11] Ebenso ist der

vom Erzähler betonte Atheismus des literarischen Großvaters [ist] beim realen Großvater anhand seiner gottesfürchtigen Schriften zu revidieren, das heißt, die österreichisch-katholische Tradition, in welcher Freumbichler stand, hätte Bernhard gern negiert gesehen.[12]

An dieser Stelle wird besonders gut deutlich, dass Thomas Bernhard die Niederschrift seiner Autobiographie nutzt, um ganz gezielt und wohl kalkuliert sein Leben, das Leben seines Großvaters und die Beziehung beider Männer zueinander in das Licht zu rücken, in dem der Leser die drei Aspekte sehen soll. Von Wahrheit kann hier keine Rede mehr sein. Betrachtet man dies alles, steht man vor einem vernichtenden Urteil. Muss man aus diesem Grunde Bernhards Der Keller den Anspruch auf die Bezeichnung „Autobiographie“ entziehen? An dieser Stelle komme ich auf Lejeune zu sprechen. Dieser hält fest:

Name des Protagonisten = Name des Autors. Allein diese Tatsache schließt die Möglichkeit einer Fiktion aus. Selbst wenn die Erzählung historisch gesehen völlig falsch ist, gehört sie dem Bereich der Lüge an (einer „autobiographischen“ Kategorie), und nicht dem der Fiktion.[13]

Bernhard spielt hier sehr bewusst mit der Gattungsdefinition, denn er weiß: Auf dieser Definition basierend, kann man ihn der Lüge bezichtigen, doch man kann dem Werk un-möglich den Anspruch auf die Gattungszuordnung entziehen, denn der Name des Protagonisten in Der Keller ist der Name des Autors; es ist Thomas Bernhard. Er baut dieses Wissen sogar explizit in das Werk ein, indem er an einer Stelle die Reflexion auf sein Leben unterbricht und einschiebt: „Wir wollen die Wahrheit sagen, aber wir sagen nicht die Wahrheit. Ich habe zeitlebens immer die Wahrheit sagen wollen, auch wenn ich jetzt weiß, es war gelogen“ (Der Keller. S. 39). Indem Der Keller der Gattung „Autobiographie“ zuordnet wird, tritt auch der sogenannte autobiographische Pakt in Kraft und Bernard kann getrost über sich und sein Werk sagen, er habe gelogen. Nach Lejeune verbürgt sich der Autor für die berühmt gewordene Gleichung: Autor = Erzähler = Protagonist und der Leser erklärt sich beim Beginn der Lektüre einverstanden, dass diese „Namensidentität“[14] zwischen den dreien besteht.

Nach Lejeune enthalten Autobiographien neben dem autobiographischen Pakt auch einen referentiellen Pakt, nämlich dadurch, dass sie auf eine „außerhalb des Textes liegende ,Realität'“[15] verweisen. Es ist nachprüfbar, inwiefern das literarische Abbild der Realität gut oder schlecht gezeichnet ist. Bernhards Beschreibungen, die nun nicht der Realität entsprechen, entschuldigt der referentielle Pakt, denn für die

Autobiographie ist es [nur] unerläßlich, daß der Referenzpakt geschlossen und eingehalten wird: Aber das Resultat muß nicht unbedingt eine strenge Ähnlichkeit aufweisen. Der Referenzpakt kann nach den Maßstäben des Lesers schlecht eingehalten werden, ohne daß der referentielle Wert des Textes verschwindet.[16]

Die Unwahrheiten, die Bernhards autobiographischen Schriften enthalten, werden ihm somit nicht nur nicht zum Verhängnis, sondern erfüllen vielmehr gerade die Existenzbedingung einer Autobiographie. Er verführt den Leser, wie Mephisto einst Faustus, mit ihm diesen Pakt einzugehen. Jetzt kann der Leser nur noch „die Ähnlichkeit bekritteln, aber niemals die Identität“.[17] Bernhard nutzt diese Grundlage für seine Schreibstrategie. Der Keller beschreibt kaum biographische Ereignisse, sondern ist eine einzige große Reflexion Bernhards auf sein Leben und Denken. Der Leser läuft Gefahr, Bernhards Meinung zu übernehmen, je länger er sich im Text und somit innerhalb Bernhards Wahrnehmungsperspektive bewegt. Natürlich ist sich Bernhard auch dessen vollkommen bewusst. Er spielt mit dem Rezipienten, um sowohl seine eigene Geschichte als auch die Person seines Großvaters umzuschreiben. Hat man die Unterschiede zwischen Fiktion und Wirklichkeit herausgefunden, kann man auf der Basis dieses Wissens dennoch werkimmanent arbeiten. Interessant ist für meine Arbeit, wie die erlebte Autorität im Werk verarbeitet wird, dabei können Diskrepanzen zwischen biographischen Fakten und Bernhards Darstellung gerade interessant sein. Es wirft folgende Fragen auf: An welchen Stellen schrieb Bernhard die Familiengeschichte um und was sagt dies über ihn beziehungsweise das Verhältnis zur väterlichen Autorität aus? An welcher Stelle er sie umschrieb, das kann ich bereits jetzt vor wegnehmend sagen: Wann immer ein Verhalten des Großvaters beschrieben wird, aufgrund dessen man ihn Erziehungsfehler unterstellen würde. Wenn ich also auf die Schuldfrage zu sprechen komme, werde ich differenzieren müssen, zwischen der tatsächlich existierenden Person Johannes Freumbichler und seiner Darstellung in Bernhards Autobiographie.

2.3 Franz Kafka: Das Urteil

Nun ist Das Urteil zweifelsohne eine Erzählung und keine Autobiographie. Die darin auftretenden Figuren sind Erzeugnisse eines literarischen Schaffensprozess, keine realen Personen. Die Figuren dürfen deshalb nicht mit dem Autor beziehungsweise Personen aus seiner eigenen Biographie gleichgesetzt werden, auch wenn in diesen Schöpfungsprozess die Bearbeitung persönlicher Erlebnisse eingeflossen ist.

Ich möchte jedoch behaupten, dass Das Urteil ein Gedankenspiel Kafkas ist, in dem er seine eigene Persönlichkeit verschlüsselt in der Figur des Georg Bendemann auftreten und ein Konfliktszenario mit seinem Vater (der dadurch als Verschlüsselung Hermann Kafkas entlarvt wird) durchspielen lässt. Hier begebe ich mich nicht auf Neuland. Es ist eine immer wiederkehrende Frage, ob die Werke Kafkas biographisch gelesen werden dürfen. Gegen eine biographische Deutung wird das Argument ins Feld geführt, die Mutter des Protagonisten sei bereits gestorben, was auf Franz Kafkas Mutter zum Zeitpunkt der Niederschrift der Erzählung nicht zutreffe und auch Georgs Vater habe sich aus geschäftlichen Belangen zum Großteil zurückgezogen, während Hermann Kafka seinerzeit noch ein aktiver Geschäftsmann gewesen sei.[18]

Dies sind Fakten, sie können aber als Argumente gegen eine biographische Deutung als hinfällig betrachtet werden. Es war nicht Kafkas Intention, ein literarisches Abbild der Familie und deren Verhältnisstrukturen untereinander zu illustrieren und in diesem Rahmen die Figuren miteinander agieren zu lassen. Ihm ging es um das Aufzeigen möglicher Handlungsoptionen, die er seinem Vater Hermann Kafka gegenüber hatte, sowie möglicher Ergebnisse dieser Verhaltensweisen. Diese Sichtweise wird in der Sekundärliteratur auch von Born vertreten, der bei der Betrachtung des Werkes zu dem Schluss kommt:

Vergleichsweise wenig beachtet wurde bisher in der Kafka-Literatur, wie nun, umgekehrt, die Dichtung auf das Leben des Autors zurückwirkte: d.h. Kafkas Versuche, seine Dichtung daraufhin zu überprüfen, was sie über die geistig-seelische Verfassung des Schreibers erkennen läßt. Es scheint nämlich, als habe er ihnen immer wieder Erkenntnisse über sich entnehmen wollen, Erkenntnisse, die ihm sonst nicht zuteil würden – eben weil, wie er meinte, bei seiner Arbeit des Schreibens, ähnlich wie im Traum, Unbewußtes oder Vorbewußtes in der Sprache der Symbole zum Ausdruck gelangte.[19]

Kafka exerziert also an der literarischen Geschichte den möglichen Verlauf seines realen Lebens durch, „indem er sein Verhältnis zu Vater und Ehe in zwei epische Handlungsträger, nämlich Georg und seinen Petersburger Freund, aufspaltet“[20] und testet, was passiert, wenn er sich für die eine oder die andere Existenzform entscheidet. An Georg spielt er das Leben in der rationalen Welt durch, nimmt also die Rolle ein, die sein Vater Hermann Kafka ihn zeitlebens spielen lassen wollte. Der Freund stellt das Dichter-Ich dar. Dieses Ich lebt fern der Heimat und versteht dadurch „die Verhältnisse in der Heimat nicht mehr“ (Das Urteil. S. 52). Dieses Nichtverstehen der alten Heimat, der rationalen Welt entspricht genau Kafkas Sicht als ein der Welt entrückter Schöngeist. Dieses Ich bleibt zwar ehelos und einsam, aber es überlebt (zumindest findet sich innerhalb der Geschichte keine Beendigung des Lebens des Freundes). Der Wahrnehmungsfokus liegt im Werk aber nicht auf dem Freund, sondern auf Georg Bendemann. Das wird im Besonderen auch daran deutlich, dass der Name des Protagonisten als „Chiffrierung von Franz Kafkas Namen“[21] auftritt, wie Kafka selbst in einem Tagebucheintrag festhält:

,Georg' hat soviele Buchstaben wie Franz. In Bendemann ist ,mann' nur eine (…) Verstärkung von ,Bende'. Bende aber hat ebenso viele Buchstaben wie Kafka und der Vokal e wiederholt sich an den gleichen Stellen wie der Vokal a in Kafka.'[22]

Daher ist anzunehmen, dass Kafka sich besonders für die Konsequenzen interessierte, die diese Daseinsform, als Arbeiter in der rationalen Welt, für ihn bringt.

Kann man nun beweisen, dass Kafka sich in diesen Figuren finden lässt? Was eine biographische Deutung der Figur des Georg Bendemann besonders legitimiert, ist ein weiterer Tagebucheintrag Kafkas vom 8. März 1912. Hier hält er nach einem Streit mit seinem Vater fest: „Vorgestern Vorwürfe wegen der Fabrik bekommen. Eine Stunde dann auf dem Kanapee über Aus-dem-Fenster-springen nachgedacht.“[23] Ich sehe diese Aufzeichnung mit der Idee des Sich-in-den-Tod-Stürzens als deutliches Indiz dafür, dass Kafka seine eigenen Gedanken und Emotionen in die sechs Monate später entstandene Erzählung Das Urteil eingearbeitet hat. Um meinen Standpunkt weiter zu festigen, möchte ich auch den Brief an den Vater an dieser Stelle kurz erwähnen. Der post-hum von Kafkas engem Freund Max Brod unter diesem Titel veröffentliche Brief wird in der Forschung immer wieder als Grundlage für psychoanalytische Deutungen Kafkas herangezogen. Ich nutze ihn hier, da er thematisch sehr eng mit der Erzählung verbunden ist. Der Gedanke der Verurteilung, das Leitthema der Kurzerzählung, hatte biographisch eine hohe Relevanz für Kafka. Der Begriff des Urteils taucht bereits am Anfang des Briefes in der Formulierung „Dein Urteil über mich“[24] auf und kehrt danach im Brief fortwährend wieder. Anscheinend verband er nichts so sehr mit seinem Vater wie den Akt der Anklage (beziehungsweise aus seiner Perspektive das Verklagtwerden durch den mächtigen Vater). Bei der Lektüre des Briefes fällt allerdings auf, dass Kafka darin gezielt literarische Schreibstrategien nutzt, die den Vater mittels Übertreibungen als ein Monster darstellen. Wie ich aber bereits im Unterkapitel 2.2 zu Johannes Freumbichler ausgeführt habe, ist Übertreibung und selbst Lüge nach Lejeune kein Kriterium, dem Schriftstück einen autobiographischen – das heißt referentiellen – Wert abzuerkennen. Der Brief ist klar biographisch. Es ist Kafkas Brief, er verbürgt sich mit seinem Namen für die Identität zwischen dem „Ich“ des Textes und seiner eigenen Person. Dies ist vermutlich auch der Grund, weshalb Hermann Kafka selbst jenen Brief nie zu lesen bekam und nur seine Schwester Ottillie beziehungsweise seine Mutter als Rezipientinnen von ihm ausgewählt wurden: Franz Kafka stellte ihnen kein fiktionales Werk vor, sondern wollte tatsächlich seine persönlichen Gedanken über seinen Vater mit den beiden Frauen teilen. Kafka hatte offenbar zu viel Angst davor, den Brief seinem Vater zu zeigen.

[...]


[1] Da alle Passagen aus Das Urteil und Der Keller. Eine Entziehung ausnahmslos aus den im Literaturverzeichnis unter „Primärliteratur“ angegebenen Werkausgaben stammen, werden in der Arbeit verwandte Zitate lediglich mit Kurztiteln und der Anmerkung der Seitenzahl beschlossen. Als Sekundärliteratur herangezogene Werke werden dagegen gesondert behandelt und mit Fußnoten versehen.

[2] Im Folgenden abgekürzt als D er Keller.

[3] Türk, Hans Joachim: Autorität. Matthias-Grünewald-Verlag. Mainz 1973. S. 12.

[4] Englisch: „Double bind theory“.

[5] Watzlawick, Paul/ Beavin, Janet H./ Jackson, Don D.: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Hans Hubert Verlag. Bern 1974. S.195.

[6] Ebd., S. 196.

[7] Ebd., S. 195.

[8] Wagner-Egelhaaf, Martina: Autobiographie. Metzer Verlag. Stuttgart/Weimar 2000. S. 1.

[9] Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1994. S. 15.

[10] Ludewig, Alexandra: Grossvaterland. Thomas Bernhards Schriftstellergenese dargestellt anhand seiner (Auto-)Biographie. Peter Lang AG. Bern 1999. S. 174.

[11] Vgl. Bernhard, Thomas: Die Ursache. Eine Andeutung. Residenz-Verlag. Salzburg 1998. S. 86 f.

[12] Ludewig, Alexandra: Grossvaterland. S. 174 f.

[13] Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt. S. 32.

[14] Ebd., S. 27.

[15] Ebd., S. 39.

[16] Ebd., S. 40.

[17] Ebd., S. 27.

[18] Vgl. dazu Anz, Thomas: Franz Kafka. Verlag C.H.Beck. München 1989. S. 94.

[19] Born, Jürgen: „Daß zwei in mir kämpfen ...“ und andere Aufsätze zu Kafka. Vitalis Verlag. Furth im Wald 2000. S. 58.

[20] Binder, Hartmut: Kafka in neuer Sicht. Mimik, Gestik und Personengefüge als Darstellungsformen des Autobiographischen. Metzler Verlag. Stuttgart 1976. S. 329.

[21] Neuhaus, Stefan: Im Namen des Lesers. Kafkas Das Urteil aus rezeptionsästhetischer Sicht. In: Oliver Jahraus, Stefan Neuhaus (Hrsg.): Kafkas „Urteil“ und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen. Reclam. Stuttgart 2002. S. 85.

[22] Tagebucheintrag vom 11. Februar 1913. Abgedruckt in Anz, Thomas: Franz Kafka. S. 23.

[23] Abgedruckt in Müller, Michael: Franz Kafka. Das Urteil. Reclam Verlag. Stuttgart 1995. S. 30.

[24] Kafka, Franz: Brief an den Vater. Mit einem Kommentar von Peter Höfle. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2008. S. 9.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Väterliche Autoritäten im Werk Thomas Bernhards und Franz Kafkas
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Aufbauseminar: Dichtung und Wahrheit: Autobiographisches Schreiben von Goethe bis Grass
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
44
Katalognummer
V207289
ISBN (eBook)
9783656353614
ISBN (Buch)
9783656355090
Dateigröße
639 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Germanistik, Neuere Philologie, Literaturwissenschaft, Franz Kafka, Thomas Bernhard, DAs Urteil, Der Keller
Arbeit zitieren
M.A. Cornelia Scherpe (Autor), 2009, Väterliche Autoritäten im Werk Thomas Bernhards und Franz Kafkas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207289

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