Aktualisierte Geschichte: Rainer Werner Fassbinders „Bremer Freiheit“


Masterarbeit, 2012

91 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Bremer Freiheit: Dramenanalyse
2.1 Handlungsverlauf
2.2 Schauplatz und Zeit: die Darstellung des offenen Raum-Zeitgefüges
2.3 Struktur und Aufbau: die szenische Entwicklung der Mordgeschichte
2.4 Figurenkonstellation: die Negativdarstellung von Geesche Gottfrieds Umfeld
2.5 Auswirkungen des „antiteaters“: der Protokollcharakter in Bremer Freiheit

3. Geesche Gottfried: der historische Fall und seine literarische Adaption
3.1 Parallelen und Bezüge zum historischen Fall
3.2 Bremer Freiheit: Anklänge an das Volksstück
3.3 Der Fall Gesche Margarethe Gottfried im Wandel seiner literarischen Gestaltung

4. Fassbinders Methode: der historische Fall - eine literarische Sozialdiagnose?
4.1 Bremer Freiheit ? - Weg in die Unabhängigkeit, Weg in das Verbrechen
4.2 Fassbinders „bürgerliches Trauerspiel“ als aktualisierte Geschichte

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als „Engel von Bremen“1 war sie allgemein in der Hansestadt bekannt: Die historische Person Gesche Gottfried (*06.03.1785, †21.04.1831)2 wurde wegen ihrer vielen familiären Schicksalsschläge bedauert und um ihre Stärke und Standhaftigkeit bewundert. Hinter der Fassade einer sittsamen und gepflegten Bürgersfrau (vgl. die Lithografie von R. Suhrland um 1829 auf dem Titelblatt)3 verbarg sich jedoch eine notorische Giftmörderin, eine Frau der Verstellung und Täuschung, die ihre engsten Verwandten und Freunde tötete. Nach ihrer Festnahme traten „[w]ährend des Entkleidens […] jene berühmten dreizehn Leibchen“4 zu Tage, die ihr Äußeres verdeckten und Teil ihrer Scheinwirklichkeit waren.

Diesen historischen Fall nimmt der Schriftsteller und Filmemacher Rainer Werner Fassbinder in seinem Drama Bremer Freiheit wieder auf und entwirft einen „effektsicheren Bilderbogen“, eine „holzschnittartige Moritat.“5 Durch die Anordnung der kurzen und schlaglichtartigen Szenen wird das Drama auf das Nötigste an Inhalt reduziert, was den Blick auf die regelgeleitete und rituelle Giftverabreichung der Protagonistin lenkt. Die Morde stellen ihren Befreiungsakt aus einer sie unterdrückenden, kleinbürgerlichen und biederen Gesellschaft dar, der sich in einem schmalen Handlungsspielraum vollzieht. Die Eingangsworte „Die Zeitung… Kaffee… Schnaps… Fenster zu… Ruhe!... Ein Schmalzbrot… Salz… […]“ (9)6 sind die Befehlsformeln, die Geesches Unfreiheit veranschaulichen und die Geschlechterrollen kontrastieren.

In der folgenden Arbeit soll die Motivlage für die Mordserie geklärt und die Rolle der Frau in der Gesellschaft betrachtet werden. Dabei konzentriert sich der Blick auf die Protagonistin Geesche Gottfried. An ihrem Beispiel zeigen sich die Folgen der gesellschaftlichen und familiären Unterdrückung. Sie sind der Auslöser für ihre Taten im Namen der Freiheit. In diesem Zusammenhang soll beantwortet werden, inwiefern man durch Mord überhaupt Freiheit erlangen kann, und ob sich Geesche nicht sowohl vor als auch nach ihren Taten in Unfreiheit befindet. In Bremer Freiheit werden folglich nicht nur die bürgerlichen Missverhältnisse kritisiert, die Geesche zu ihren Taten veranlassen, sondern auch mit welchen Mitteln sich die Protagonistin aus ihnen befreit. Der Versuch, Bremer Freiheit in einen größeren Kontext zu stellen und es mit anderen Werken des Autors, die in der Volksstücktradition stehen, in Beziehung zu setzen, wird in dieser Arbeit nicht unternommen. Auch die Protagonistin mit anderen Frauenfiguren in Fassbinders Werk, beispielsweise mit Nora Helmer, zu vergleichen, würde diesen Rahmen sprengen.

In der Forschungsliteratur findet Fassbinders Drama Bremer Freiheit, im Vergleich zu Stücken wie Katzelmacher oder Der Müll, die Stadt und der Tod, weniger Beachtung. Es lassen sich häufig vergleichende Studien ermitteln, in denen das Drama eine geringfügigere Rolle spielt. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die Arbeit von Joanna Firaza, deren umfangreiche Studie zu der Ästhetik des Dramenwerks von Fassbinder einen eingehenderen Blick auf Bremer Freiheit wirft.7 Die Pressemeinung zu dem Stück ist gespalten: Die Rezensionen zu der Uraufführung in Bremen und Hamburg gehen in ihrer Beurteilung des Theaterstückes auseinander. Der 1973 erschienene Fernsehfilm stößt größtenteils auf Widerwillen und herbe Kritik, wie auch die Titel der Rezensionen „ Kalter Kaffee aus Bremen8 und „Leichtgewichtige Mordgeschichte“9 suggerieren. Während die Forschungsliteratur zu dem Drama somit überschaubar bleibt, ist der historische Stoff um die Giftmörderin Gesche Gottfried bis heute aktuell geblieben, wie anhand der neuesten Publikation, dem Graphic-Novel Gift von Peer Meter und Barbara Yelin, zu sehen ist.10 In dieser Arbeit nimmt der letzte Aspekt jedoch keinen größeren Stellenwert ein, da sich der Blick auf den Untersuchungsgegenstand Bremer Freiheit konzentriert.

In der folgenden textanalytischen Argumentation wird deshalb zuerst eine Dramenanalyse durchgeführt, um einen Handlungsüberblick zu garantieren und eine fundierte Grundlage für die weitere Textarbeit zu schaffen. Die Dramenanalyse stellt den Kern der folgenden Arbeit dar und ist somit der Ausgangspunkt für die daraus resultierenden Überlegungen. Daran schließt sich der Vergleich zwischen historischem und literarischem Fall an, dem die eingehendere Thematisierung der Gattungsfrage des Stückes folgt. Ein kurzer Seitenblick auf die verschiedenen literarischen Adaptionen des Giftmordfalles zeigt die Abgrenzung zu Fassbinders Bremer Freiheit und seine zeitgemäße Interpretation. Nun findet eine nähere Auseinandersetzung mit der Motivlage für die Taten der Protagonistin statt. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf dem Freiheitsbegriff, in dessen Namen Geesche ihr Umfeld vergiftet. Abschließend wird die Gattungsfrage, mit Rückgriff auf den Untertitel des Dramas, wieder aufgegriffen und ein kurzes Fazit gezogen.

2. Bremer Freiheit: Dramenanalyse

Um das Drama Bremer Freiheit, von Rainer Werner Fassbinder, auf die zuvor aufgestellte Fragestellung hin zu untersuchen, schließt sich im Folgenden eine Dramenanalyse mit dem Schwerpunkt auf der Motivlage von Geesche Gottfried an. Des Weiteren stehen der Protokollcharakter des Dramas und die Figurenkonstellation im Mittelpunkt. Auf Letzterer liegt die größte Gewichtung, da durch sie Geesches Abgrenzung von ihrem Umfeld verdeutlicht wird und ihre Motive zu den Morden nachvollziehbar werden.

2.1 Handlungsverlauf

Das Drama Bremer Freiheit, mit dem Zusatz Frau Geesche Gottfried. Ein bürgerliches Trauerspiel von Rainer Werner Fassbinder, wird mit einer stereotypen Situation zwischen Mann und Frau eröffnet:11

1 Der Ehemann, Miltenberger, liest Zeitung und lässt sich von seiner Frau, Geesche, mit Schnaps, Zeitung, Kaffee und Medizin bedienen. Im Hintergrund sind die weinenden Kinder zu hören. Während Miltenberger die Todesanzeigen und aktuellen Meldungen in der Zeitung studiert, verlangt es Geesche körperlich nach ihrem Mann (9). Dieser geht jedoch nicht auf ihr Bedürfnis ein, sondern schlägt sie stattdessen brutal nieder, sodass sie schließlich am Boden liegt (9). Als er bedrohlich über ihr steht, klopft es und die betrunkenen Freunde Gottfried, Zimmermann und Rumpf kehren auf ihrer Zechtour bei Miltenberger ein. Geesche und Gottfried machen während ihres Aufeinandertreffens einen vertrauten Eindruck, wobei Gottfried sich um Geesches Befindlichkeit sorgt (9f.). Das Gespräch der Männer dreht sich schnell um ein Bordell namens „Rote Leni“, in der die Lustseuche aufgetreten ist. Die Männer kontrollieren, ob sie sich bei einer der Damen angesteckt haben. Sie kommen zu dem Schluss, gesund zu sein. Geesche bedient die Männer und wird von ihrem Ehemann verhöhnt und vorgeführt, indem sie seine Befehle, zu beten, ausführen muss und ihre sexuelle Lust auf ihren Mann und ihre Liebe zu ihm vor den anderen Männern gestehen soll (11). Zudem generiert sich Miltenberger vor seinen Freunden als starker und besitzergreifender Mann, der seine Frau körperlich und sexuell unter Kontrolle hat, indem er sie gewaltsam küsst und berührt (11 f.). Nebenbei erzählen sich die Freunde unter reichlichem Alkoholkonsum Witze über Frauen (11). Zum Schluss wird im Gespräch eine kommende Hinrichtung thematisiert. Danach verabschiedet sich zuerst Gottfried, dem die anderen Männer folgen. Als Geesche und Miltenberger allein sind, versucht er in betrunkenem Zustand seine Frau sexuell zu bedrängen. Sie zeigt eine offensichtliche Antipathie gegen ihn, als er sie weiterhin abtastet. Schließlich kann er sie überwältigen.

2 Nach einem Lichtwechsel auf der Bühne erscheint Miltenberger hilfeschreiend und zeitweilig weinend, wobei er äußert, zu brennen (13). Geesche schaut ihrem Mann zu und leistet keine Hilfe. Stattdessen singt sie die ersten beiden Strophen eines Liedes, das sich im Handlungsverlauf wiederholen wird (13). Währenddessen stirbt Miltenberger unter Qualen und richtet das Wort hilfesuchend an seine Frau. Diese wendet sich ab, bekreuzigt sich vor dem Leichnam, betet und entfernt den Toten von der Bühne.

3 Nun treten Geesche und ihr Vater auf, beide in Trauerkleidung. Er diktiert seiner Tochter die Todesanzeige von Miltenberger, wobei sie zwischenzeitlich durch die Ankunft der Mutter unterbrochen werden. Das Geschäft von Geesches verstorbenem Mann soll von Gottfried übernommen werden, wie aus dem Gespräch zwischen Vater und Tochter hervorgeht. Nach Abschluss des Diktats darf Geesche endlich ihre Mutter in die Arme schließen. Nun erscheinen Gottfried, Zimmermann, Rumpf, Frau Mauer und eventuell noch andere zum Kondolieren. Geesche bittet Gottfried vorübergehend die Geschäfte zu übernehmen, der daraufhin einwilligt.

4 Das Paar steht sich gegenüber und schaut sich an, während alle anderen die Bühne verlassen. Geesche gesteht nun Gottfried ihre Liebe (17), woraufhin sie sich umarmen und küssen.

5 Nach einem weiteren Lichtwechsel liegt die gleiche Konstellation wie zu Beginn des Dramas vor: Gottfried und Geesche führen ein Gespräch über die Zukunft des Sattlergeschäftes, wobei Gottfried dieses ausbauen will, indem er eine zweite Arbeitskraft einstellen möchte. Geesche hegt darüber ihre Zweifel und wiegelt ab. Schließlich lässt sie sich doch durch die herrische Art ihres Lebensgefährten umstimmen (18). Zwischen Gottfried und Geesche ist die gleiche Befehlskette zu beobachten, wie in der ersten Szene zwischen den Ehepartnern Geesche und Miltenberger (17ff.). Als sie ihm wiederum sagt, dass sie ihn liebt, und versucht, ihn zu streicheln, wehrt Gottfried ab und verweist auf die Nacht, da nur sie seines Erachtens für Intimitäten zur Verfügung steht.

6 Auf ein Klopfen tritt Geesches Mutter ein, woraufhin Gottfried sich verabschiedet. Nach Geesches Geburtstagswünschen an ihre Mutter klagt diese über ihr hartes Los mit ihrem Mann und ihrer sündhaften Tochter. Diese sei vor Gott in Ungnade 7 gefallen, da sie ohne das heilige Sakrament in wilder Ehe lebe und ihren Kindern kein Vorbild sei (19ff.). Sie entspreche nicht dem Ideal der dem Mann gehorchenden Frau (20). Geesche widerspricht ihrer Mutter und führt das Recht auf Selbstbestimmung, Freiheit und eigene Wahl des Mannes an (20f.). Sie ist der Überzeugung, dass sie das Recht hat, mit dem Mann zusammenzuleben, den sie liebt, und ihre Gefühle zu ihm auch ausleben darf (20). Als Geesche schließlich das Leben und das Glück nach dem Tod anzweifelt und auf das Aus-Leben im Hier und Jetzt verweist (21), wirft ihr die Mutter den Abfall von Gott und eine Besessenheit von bösen Geistern vor (21). Sie gibt die Diskussion mit ihrer Tochter auf. Daraufhin bekreuzigt sich Geesche vor dem Kruzifix und gibt ihrer weinenden Mutter eine Tasse Kaffee. Durch die Regieanweisung wird deutlich, dass nicht erkennbar ist, ob sie das Getränk vergiftet. Nach weiterem Klagen über ihre Tochter verlässt Mutter Timm weinend und schwankend die Bühne. Geesche schüttet den Kaffeerest weg und singt, vor dem Kruzifix kniend, die erste Strophe des Liedes. Der Vater läuft nun sichtlich erregt herein und berichtet vom Tod der Mutter. Geesche fällt daraufhin in Ohnmacht und wird vom Vater fürsorgevoll von der Bühne getragen. Das Licht geht aus.

7 In der nächsten Szene liest Gottfried Zeitung. Er befindet sich in einer gereizten Stimmung, da er sich in seiner Ruhe gestört fühlt (23). Geesche erscheint in schwarzer Kleidung und nimmt eine demütige Haltung ein. Gottfried lobt die von Vater Timm formulierte Todesanzeige seiner Gattin. Er liest stellenweise aus dieser vor und prophezeit eine Steigerung des Geschäfts durch den Todesfall. Geesche hingegen kritisiert die Scheinheiligkeit der Wörter. Die Ehe ihrer Eltern sei von einem einseitigen Machtgefüge bestimmt gewesen, in dem ihre Mutter die Rolle einer Haussklavin einnahm, die ihren Mann verwöhnte und mit der er machen konnte, was er wollte. Gottfried reagiert darauf kühl und verlangt nach Kaffee und Brot. Er ist der Meinung, dass Geesche sich zu viele Gedanken mache und sich nicht in die Rolle der Frau füge (24). Sie dreht sich daraufhin um und schaut ihn lange an, ohne eine Antwort zu geben, während er weiterhin in der Zeitung liest (24). Schließlich eröffnet Gottfried Geesche, dass er sie verlassen und ausziehen will. Geesche ist daraufhin zutiefst betroffen (24). Gottfried begründet seine Entscheidung mit dem Geschrei der Kinder, das ihn stört, mit dem Wunsch eigene Nachkommen mit seiner Frau zu zeugen, eine Lebensgefährtin zu finden, die nur ihren häuslichen Pflichten nachkommt, nicht zu intelligent ist und ihrem Mann Folge leistet. Geesche reagiert darauf sehr emotional. Sie schwankt zwischen Hysterie und Ohnmacht und macht Gottfried den Vorwurf, ihr seine Liebe gestanden zu haben, obwohl er keine ernsten Gefühle für sie gehegt habe. Sie ist der Überzeugung, dass die Liebe zwischen zwei Menschen einmalig und etwas Besonderes ist (25). Gottfried hingegen behauptet, dass der Liebe keinen großen Wert beigemessen werden sollte. Geesche verteidigt ihre Auffassung von einer Beziehung zwischen Mann und Frau, während Gottfried ihre Meinung mit ihrer Verzweiflung abtut (25). Die Frage, ob er eine neue Freundin hat, verneint er, gibt aber zu, sich auf Brautschau zu begeben. Gottfried tröstet Geesche und verweist auf ihre finanzielle Lage, die potentielle Werber auf sie aufmerksam machen könnte. Geesche beteuert weiter ihre Liebe, äußert ihre körperliche Begierde und beschreibt ihre Verzweiflung und den Schmerz, den sie spürt (26). Sie bittet Gottfried, sie nicht zu verlassen. Dieser hat jedoch andere Vorstellungen von seinem Leben und möchte eigene Kinder mit einer anderen Partnerin bekommen. Geesche schlägt daraufhin vor, mit ihr eigene Nachkommen zu zeugen, was Gottfried jedoch mit der Begründung ablehnt, die eigenen Kinder nicht mit denen ihres verstorbenen Mannes aufwachsen zu lassen. Schließlich verlässt er Geesche, um etwas trinken zu gehen. Die Bitte, noch zu bleiben, verneint er mit einem Kopfschütteln. Danach bricht Geesche weinend zusammen, richtet sich aber wieder auf und geht zu ihren schreienden Kindern hinaus, die nach einer gewissen Zeit ihr Schreien intensivieren. Geesche erscheint wieder, kniet vor dem Kruzifix nieder und beginnt das Lied zu singen. In der zweiten Strophe hört das Schreien der Kinder schlagartig auf, es herrscht Totenstille (27), was deren Ableben suggeriert.

8 Das Licht geht aus und nach einer Pause kehren Geesche, Timm und Gottfried von der Beerdigung der Kinder zurück. Timm beginnt das Gespräch, indem er offenlegt, dass er die Todesfälle in Geesches Haus für gerechtfertigt hält und sie als Strafe Gottes für unmoralisches und gotteslästerliches Verhalten ansieht (28). Seine Tochter versucht, ihn zum Schweigen zu bringen und ihn dazu zu bewegen, nach Hause zu gehen. Timm versteift sich jedoch darauf, dass Geesche ihren Vater nicht respektiert und sich nicht entsprechend demütig verhält. Geesche entgegnet, dass sie nach eigenen Maßstäben leben möchte und eine eigene Meinung besitzt (28). Timm ist von der Haltung seiner Tochter empört und spricht ihr, als Frau, das Recht, eine eigene Meinung zu haben, ab. Anschließend greift er den schweigenden Gottfried an, der sich seiner Meinung nach in ein gemachtes Nest setze, indem er von dem Geschäft seiner Tochter profitiere und diese ausnutze. Er wirft ihm vor, nur aus finanziellen Gründen mit Geesche zusammenzuleben, wobei er nicht die Absicht hege, sie zu ehelichen. Damit degradiere er seine Tochter zu einer „Hur“ (28). Geesche versucht, ihrem Vater Einhalt zu gebieten und unterbricht ihn in seiner Anklage, wird aber von ihrem Vater zurechtgewiesen (29). Auch die erneute Aufforderung, sich zu den Vorwürfen zu äußern, bringt nicht Gottfried zum Sprechen, sondern Geesche, die dessen Zögern, bezüglich des Ehegelöbnisses, rechtfertigt (29). Timm gibt daraufhin die Diskussion auf, die ihm aufgrund des amoralischen Verhaltens der Anwesenden sinnlos erscheint, und sagt sich von seiner Tochter als Vater los, bis diese sich in geordneten Verhältnissen befindet. Nach dem Abgang des Vaters entschuldigt sich Geesche bei Gottfried für das Verhalten von Timm und bittet ihn, ihrem Vater zu verzeihen, der aufgrund der vielen Schicksalsschläge nicht mehr bei Verstand sei (29f.). Gottfried vergibt ihm. Nach einer Pause gibt Geesche ihrem Vater jedoch Recht und spricht die Möglichkeit der Heirat an. Gottfried erklärt sich allerdings nicht dafür bereit. Er ist sich über seine Gefühle zu Geesche im Unklaren und kann sich vorstellen, auch ohne sie zu leben (30). Geesche hingegen empfindet wahre Liebe für Gottfried. Er beteuert daraufhin, dass er sie respektiert, ihre Liebe zu ihm anerkennt und sie nicht im Stich gelassen habe, da ihm ihr Leid zu groß erschien. Er tröstet Geesche und nimmt sie in die Arme.

9 Das Licht geht aus und wieder an. Das Paar steht wie zuvor in einer Umarmung auf der Bühne. Geesche offenbart Gottfried, dass sie schwanger sei (31). Daraufhin schleudert Gottfried seine Partnerin auf das Sofa und wirft ihr mangelnde Vorsicht bei der Verhütung und eine absichtliche Schwangerschaft vor (31). Er macht deutlich, dass er kein Kind mit ihr bekommen möchte (32). Gottfried zerrt sie nun vor einen Spiegel und führt ihr ihre Hässlichkeit vor Augen. Dabei beleidigt er sie und äußert seine Abscheu gegenüber Geesche. Diese gewinnt ihre Fassung wieder, richtet sich her und fragt Gottfried nach der weiteren Vorgehensweise. Dieser kritisiert ihre harte und standhafte Art, die nicht seinem gängigen Frauenklischee einer schwachen Person entspricht. Mit so einer Frau hätte Gottfried Mitleid gehabt und möglicherweise zu ihr so etwas wie Liebe empfunden. Geesche hingegen verzichtet auf sein Mitleid und beschreibt ihm ihre schwachen Momente in ihrer Beziehung, die er jedoch nie bemerkt hat (32). Obwohl Geesche um Gottfrieds Abneigung weiß, fragt sie ihn, wie er sich zu der Schwangerschaft verhalten will. Gottfried verweigert jede Verantwortung und stürmt davon. Geesche folgt ihm und ruft ihm hinterher.

10 Das Licht geht aus. Das Paar erscheint auf der Bühne, wobei Geesche ihren schwächelnden und kranken Lebensgefährten stützt und sich fürsorglich um ihn kümmert. Nach einem Klopfen tritt Pater Markus auf, der den Todkranken begrüßt, sich nach seiner Befindlichkeit erkundigt und die Fürsorge von Geesche lobt. Danach fragt er das Paar, ob es bereit für das Ehegelöbnis ist, was er nach der Zustimmung der beiden vollzieht (33f.). Anschließend verstirbt Gottfried. Als Geesche seinen Tod realisiert, wird sie hysterisch (34). Schließlich fängt sie sich wieder und singt, zusammen mit Pater Markus vor dem Kruzifix kniend, das Lied. Danach lässt sie sich von ihm die Beichte abnehmen und schildert, wie sie Gottfried vergiftet hat (35). Zudem gibt sie als Motiv der Tat ihre Verzweiflung an, da sie befürchtete, von Gottfried mit dem gemeinsamen Kind im Stich gelassen zu werden. Nach der Beichte erscheint Timm, der von Pater Markus erfährt, dass seine Tochter nun erneut zur Witwe geworden ist (35). Timm tröstet Geesche und zahlt dem Pater seinen Lohn für die getane Arbeit. Den Hinweis des Geistlichen, ihn zu bezahlen, kommentiert Geesche mit einem hysterischen Lachkrampf. Die Männer lassen Geesche allein, die sich wieder beruhigt, den Toten küsst und ihn hinauszerrt (36). Hinter der Bühne gibt sie einen unmenschlichen Schrei von sich, der auf eine Fehlgeburt hindeutet (36).

11 Das Licht geht aus und Geesche tritt mit ihrem Vater und Bohm auf. Timm fordert seine Tochter auf, Kaffee zu kochen und sich von ihrer besten Seite zu zeigen, da er für sie einen neuen Bräutigam, namens Bohm, ausgewählt hat, einen Neffen und Sattler aus Hannover, der das Geschäft übernehmen will. Geesche möchte sich jedoch selbst binden und sich ihren Mann nach eigenen Vorstellungen aussuchen (36). Der Vater traut seiner Tochter nicht zu, die Geschäfte allein zu führen, wovon Geesche jedoch überzeugt ist. Auch das Geld, was Timm in das Sattlergeschäft investiert hat, möchte sie ihm zurückzahlen, um eigenständig die Firma zu leiten. Der Vater beharrt allerdings auf seine Entscheidung, Geesche mit Bohm zu vermählen (37). Seine Tochter widersetzt sich seiner Aufforderung und bekundet, dass sie sich als ein freier Mensch momentan nach keinem Mann sehnt, sich aber gegebenenfalls neu bindet, wenn es sie körperlich danach verlangt (37). Der Vater ist über diese Worte entsetzt und droht damit, sie gerichtlich zur Heirat zu zwingen. Daraufhin bietet Geesche den beiden Männern Kaffee an, den sie dann auch trinken. Anschließend richtet sie das Wort an Bohm, dem sie nahelegt, dass eine eigensinnige und selbstbestimmte Frau sicherlich nicht seinen Vorstellungen entspricht. Durch die verschiedenen Positionen von Vater und Tochter ist Bohm verunsichert und unschlüssig, wie er sich entscheiden soll (37f.). Schließlich lehnt er die Heirat mit Geesche ab, da sie ihm zu intelligent und zu selbstbewusst erscheint. Daraufhin gibt Timm sein Ansinnen auf und prophezeit, dass Geesche ihr Verhalten noch bereuen wird. Sie antwortet darauf, dass er sie nichts mehr büßen lässt. Als Geesche allein auf der Bühne zurückbleibt, bekreuzigt sie sich vor dem Kruzifix und beginnt das Lied.

12 Während sie singt, tritt Zimmermann auf und schleicht sich von hinten an Geesche heran und überwältigt sie. Im ersten Moment ist sie überrascht, liegt aber dann küssend mit Zimmermann auf dem Boden. Dieser gesteht ihr seine Liebe, kommt dann aber schnell auf sein Problem zu sprechen: Er benötigt das Geld zurück, das er Geesche für das Sattlergeschäft geliehen hat, um damit seinem Bruder auszuhelfen (39). Geesche ist jedoch nicht dazu imstande, Zimmermann die ganze Summe zurückzubezahlen, da sie das Geld in ihr Sattlergeschäft investiert hat. Er nimmt jedoch keine Rücksicht auf Geesches Lage, sondern besteht auf die Erstattung seines Geldes. Daraufhin fragt sie ihn, ob er sie nicht mehr liebe, da er so unbarmherzig das Geld zurückverlangt (40). Zimmermann trennt jedoch zwischen Liebe und Geld, wobei er Letzterem den Vorzug gibt. Daraufhin fordert Geesche ihn auf, das Problem in Ruhe und bei einem Kaffee zu klären. Zimmermann geht darauf ein und Geesche schlägt ihm vor, die Schulden monatlich in Raten abzubezahlen (40). Er schlägt das Angebot aus und stellt klar, dass er ihr nur in seinem Liebeseifer das Geld überlassen habe. Er setzt Geesche ein Ultimatum von drei Monaten, um ihm die Summe zurückzuzahlen. Weiterhin droht er ihr, die Sattlerei zu verpfänden, falls sie seiner Forderung nicht nachkomme (41). Schließlich verabschiedet er sich und wird von Geesche hinausbegleitet. Dabei summt sie die Melodie des Liedes „Welt ade“.

13 In der nächsten Szene treffen sich Geesche und ihr Bruder Johann Timm wieder.

Sie berichtet über die vielen Schicksalsschläge, welche die Familie ereilt hat. Johann zeigt sich betroffen von dem Leid, das seine Schwester erfahren musste und ist froh, wenigstens noch ein Familienmitglied anzutreffen (42). Als Johann jedoch ankündigt, das Geschäft übernehmen zu wollen, um Geesche diese große Last abzunehmen, ist diese sehr erregt und erschrocken, da sie sich diese Verantwortung nicht nehmen lassen möchte (42). Johann hingegen hat ein bestimmtes Rollenbild der Geschlechter vor Augen, in dem der Mann arbeitet und die Frau den Haushalt bestellt (43). Geesche entgegnet Johann, dass ihrer Meinung nach der Mann eine kluge Frau respektieren und als gleichberechtigt ansehen muss. Zudem besteht sie darauf, die Geschäfte nicht an ihn abzugeben und ihr Leben nicht nach seinen Maßstäben auszurichten. Sie ist der Überzeugung, dass derzeit zu wenige wissen, dass eine Frau auch ein Mensch ist (43). Johann kann und will Geesches Entscheidung nicht akzeptieren und reagiert sehr verärgert, als Geesche ihn auffordert, zu gehen, falls er sich ihr nicht fügt (43). Er verdeutlicht seine Machtposition und stellt klar, dass er sich von seiner Schwester nicht bevormunden lässt. Nach Johanns Wutausbruch folgt eine Pause, der sich Geesches Darreichung von Tee anschließt. Johann trinkt ihn in einem Zug aus und geht danach mit dem Vorhaben zu Bett, am nächsten Tag das Geschäft anzusehen. Als Geesche allein ist, bekreuzigt sie sich vor dem Kruzifix und beginnt, das Lied zu singen. Das Licht geht schnell aus.

14 Das Licht geht wieder an und Luisa Mauer, die Freundin der Protagonistin, trifft auf Geesche. Nach einer kurzen Begrüßung spricht Luisa ihre Freundin auf deren Schönheit und Vitalität an. Geesche begründet ihre Verfassung mit der selbstgewonnenen Freiheit (44). Luisa hegt den Verdacht, dass Geesche mit dem Teufel im Bunde sein muss, da ihr in der letzten Zeit so viel Unglück widerfahren ist. Geesches Freundin berichtet davon, wie sie zusammen mit ihrem Mann darüber Wetten abgeschlossen hat, welche Person in Geesches Umfeld als nächstes stirbt. Während sie erzählt, trinkt sie den von Geesche gereichten Kaffee. Luisa spricht ihre Freundin auf deren große Oberweite an. Geesche erklärt ihr, dass sie diese mit Watte verstärkt, um das Interesse der Männer auf sich zu lenken, da sie ein grundlegendes sexuelles Bedürfnis nach ihnen hat (45). Luisa missachtet Geesches offene Haltung zum männlichen Geschlecht. Sie ist ihrem Mann treu ergeben und kritisiert das flitterhafte Verhalten ihrer Freundin (45f.). Geesche hingegen versucht, Luisas Bescheidenheit und Schlichtheit zu hinterfragen (46). Schließlich klagt Luisa über Unwohlsein und Übelkeit. Geesche eröffnet ihr daraufhin, dass sie sie vergiftet habe. Zuerst hält Luisa dies für einen Scherz, erhält dann aber nach Geesches erneuter Beteuerung Gewissheit über ihre Vergiftung und fragt nach dem Motiv der Tat. Geesche begründet die Giftverabreichung mit der Erlösung Luisas aus ihrem bisherigen Leben („Ich habe dich davor bewahren wollen, das Leben, das du führst, noch weiter führen zu müssen.“ (46)). Daraufhin ruft Luisa um Hilfe und versucht, die Tür zu erreichen. Sie stirbt jedoch auf dem Weg dorthin und fällt dem eintretenden Rumpf entgegen. Geesche konstatiert Luisas Tod und versucht, Rumpf zu umarmen (47). Dieser wehrt jedoch ab und berichtet von seinem Besuch bei der Polizei, dem Giftfund und Geesches damit verbundener Absicht, ihn zu ermorden. Auf die Frage der Tötungsabsicht kann Geesche nur mit den Achseln zucken und zu der Feststellung kommen, dass sie nun sterben wird (47). Abschließend kniet sie nieder und singt alle Strophen des Liedes. Das Licht geht langsam aus.

2.2 Schauplatz und Zeit: die Darstellung des offenen Raum-Zeitgefüges

Die zeitliche und räumliche Einordnung des Dramas, in der sich das Geschehen abspielt, wird durch den Autor in einer Vorbemerkung geklärt: „Die Handlung trägt sich zu Bremen um 1820 zu“ (8). Der genaue Beginn des Geschehens lässt sich den Zeitungsartikeln entnehmen, die Gottfried in der ersten Szene vorliest. Demnach spielt sich das Drama im Winter des Jahres 1814, Anfang November, ab (9, 14). Die unterschiedlichen Zeitangaben im Drama stellen einzelne Versatzstücke dar, die als kurze Elemente in einer Zeitkette eingeworfen werden. Das Datum „um 1820“ (8), welches in der Vorbemerkung genannt wird, gewährt somit einen offenen Zeitrahmen, der Sprünge im zeitlichen Kontinuum ermöglicht. Die einzelnen Szenen sind u.a. nur durch einen Lichtwechsel (Blackout) von einander abgetrennt. Geesches Haus, der Handlungsort in der biedermeierlichen Hansestadt Bremen, variiert nicht. Sämtliche Dialoge finden in einem Zimmer, einer Art Wohnküche, statt. Andere Räumlichkeiten, wie das Schlafzimmer, sind kein direkter Handlungsschauplatz und werden nur in der Regieanweisung angedeutet (13). Durch diese zwei Aspekte ist es schwierig, zeitliche Sprünge konkret auszumachen und zu benennen. Die Szenen zwischen den Lichtwechseln sind kurz gefasst und behandeln in knapper Form nur das Nötigste an Inhalt. Durch den hohen Gehalt an Gesprächssituationen entspricht die erzählte Zeit in den einzelnen Szenen häufig der Erzählzeit. Das bedeutet, die Aufführungs- bzw. die Lesezeit weicht nicht im großen Maße von der voranschreitenden Zeit innerhalb der Szenen ab, wenn die Regieanweisungen und die Zeitsprünge zwischen den Szenen nicht berücksichtigt werden. Das Drama umfasst etwa einen Aufführungszeitraum von eineinhalb Stunden.12

Nach einem Blackout vergeht häufig eine längere Zeitspanne, wie oftmals durch die Regieanweisung deutlich wird. Beispielsweise nach dem Tod von Geesches Kindern am Ende von Szene acht. Sie schließt mit Geesches Gesang ab. Die darauffolgende Szene beginnt mit der Bemerkung, dass Geesche, Timm und Gottfried von der Beerdigung der Kinder zurückgekehrt sind (28). Ein zeitlicher Sprung von einigen Tagen ist festzustellen (vgl. eine vergleichbare Situation von Szene zwei auf drei (14)). Oftmals ist jedoch ein solcher Zeitsprung nicht auszumachen, wie zum Beispiel nach Szene vier. Diese endet mit der Umarmung von Geesche und Gottfried. In der darauffolgenden Szene liegt eine vergleichbare Situation zwischen dem Paar vor, wie zwischen Geesche und ihrem verstorbenen Ehemann zu Beginn des Dramas (17). Der zeitliche Sprung ist nicht konkret festzulegen. Es könnte sich um ein paar Tage oder um einige Monate handeln. Die Zeitdimension wird in ihrer Bedeutung reduziert und tritt zugunsten der Handlung in den Hintergrund.

Auf der Grundlage der vorherigen Überlegungen schließt sich nun der Versuch an, einen zeitlichen Rahmen der Handlung festzulegen. Wie bereits dargelegt, setzt das Geschehen Anfang November 1814 ein. Die erste Szene erstreckt sich über den Zeitraum von einem Tag. Der Übergang zur zweiten Szene weist in der zeitlichen Einordnung eine Problematik auf. Die Dauer zwischen der ersten und zweiten Szene lässt sich nicht genau festlegen. Es ist, allein vom Handlungsgang ausgehend, unwahrscheinlich, dass Miltenberger noch an demselben Tag seinen Tod findet, der in der ersten Szene thematisiert wird, da vorher keinerlei Anzeichen auf eine Vergiftung vorliegen. Somit ist in der zweiten Szene bereits einige Zeit vergangen, an deren Ende der Tod Miltenbergers steht. Andererseits wird sein Todesdatum von Vater Timm auf den „ersten dieses Monats“ (14) festlegt. Das bedeutet, Miltenberger stirbt noch an demselben Tag, an dem er die Zeitung liest (Anfangssituation in Szene eins), da es sich dabei auch um den Ersten des Monats November handelt. Beide Deutungsvarianten sind vorstellbar und somit ist eine genaue Festlegung des Zeitsprungs nicht möglich. Nach der zweiten Szene sind einige Tage vergangen, da sich Geesche und ihr Vater in Trauerkleidung befinden, eine Todesanzeige formulieren und dadurch der Tod Miltenbergers noch nicht weit zurückliegt. Szene vier knüpft nahtlos an die vorherige an, sodass kein zeitlicher Sprung vorliegt (17). In der darauffolgenden Situation sind einige Tage oder Monate vergangen, da Geesche und Gottfried bereits einen alltäglichen Umgang miteinander pflegen (17f.). In Szene sechs trifft Geesches Mutter auf ihre Tochter, während Gottfried noch anwesend ist. Somit ergibt sich zeitlich ein nahtloser Übergang (19). Am Ende der Szene tritt Vater Timm sichtlich erregt auf und berichtet von dem Tod der Mutter. Hier lässt sich ein zeitlicher Sprung ausmachen, da sich das Ableben der Mutter nicht innerhalb von einer Strophe, die nach dem Weggang der Mutter von Geesche gesungen wird, ereignet haben kann (22). Dennoch lässt sich ihr Tod auf denselben Tag festlegen, da sie an ihrem Geburtstag verstarb; an dem Tag, an dem sie Geesche besuchte: „[…] endete an ihrem Geburtstage, meine teure geliebte Gattin, […] ihr tätiges Leben an einer innerlichen Entzündung.“ (23). Zu Szene sieben ist wieder eine längere Zeitspanne von einigen Tagen auszumachen (23). Dies lässt sich mit der Todesanzeige der Verstorbenen begründen, die Gottfried aus der Zeitung vorliest (23). Da eine solche Anzeige gewöhnlich zeitnah zum Sterbedatum inseriert wird, sind nur wenige Tage verstrichen. Die Mutter von Geesche ist, nach Angabe der Anzeige, „am zweiten dieses Monats“ (23) gestorben. In der darauffolgenden Szene kommen Geesche, ihr Vater und Gottfried von der Beerdigung der Kinder wieder, die am Ende von Szene sieben von ihrer Mutter getötet wurden (28). Auch hier sind, ähnlich wie bei dem Sterbefall von Miltenberger, einige Tage vergangen. Zudem gibt die Protagonistin in Szene acht einen Hinweis auf den bereits vergangenen Zeitraum, in dem die Todesfälle aufgetreten sind. Sie spricht von dem „Leid der letzten Jahre“ (29), das ihren Vater ungerecht gemacht habe. Damit erstreckt sich der sehr kurz dargestellte Handlungsverlauf auf einen langen, zeitlichen Rahmen von mehreren Jahren. Die genaue zeitliche Abfolge und die Dauer der zeitlichen Zwischenräume, welche die einzelnen Gesprächssituationen der Szenen begrenzen, lassen sich nicht genau benennen. Das historische Geschehen, was sich über Jahre ereignet hat, wird in Fassbinders Drama auf einzelne Schlaglichtszenen zusammengekürzt und zeitlich gerafft.

In dem Übergang von Szene acht zu Szene neun ist kein Zeitsprung auszumachen. Das Paar liegt sich am Ende und zu Beginn der jeweiligen Szene in den Armen (31). Die zehnte Szene wird mit dem Auftritt von Geesche eröffnet, die ihren kranken Lebensgefährten stützt, der sichtlich von seinem Leiden geschwächt ist (33). Somit liegt eine größere zeitliche Differenz zur vorherigen Szene vor, da Gottfrieds Krankheit weit vorangeschritten ist und er sich bereits auf dem Totenbett befindet. Diese Beobachtung wird durch Geesches Beichte nach dem Tod von Gottfried bestätigt. Dort schildert sie, dass sie sich bereits im vierten Monat ihrer Schwangerschaft befindet (35). Somit sind zwischen dem Geständnis der Schwangerschaft in Szene neun, bis zur Szene zehn, in der sie Pater Markus ihr Verbrechen beichtet, circa vier Monate vergangen. Auch Szene elf folgt mit einem größeren zeitlichen Abstand auf die vorherige Situation. Geesches Vater stellt seiner Tochter einen potentiellen Bräutigam vor (36). Es ist nicht ersichtlich, ob die anschließende Szene mit Zimmermann direkt auf den Besuch von Geesches Vater und ihrem Vetter Bohm folgt, oder ob eine zeitliche Differenz besteht. Im weiteren Handlungsverlauf treffen Geesche und ihr Bruder Johann aufeinander (Szene 13). Wieder ist einige Zeit vergangen. Geesche spricht von einer langen Abwesenheit des Bruders („du warst so lange fort“ (41)), der während der Sterbefälle seinen Kriegsdienst ableistete. Durch ihre Aussage bestätigt sich die bereits aufgestellte Vermutung, dass sich der zeitliche Rahmen über einen sehr langen Zeitraum von mehreren Jahren erstreckt (vgl. 29). In der letzten Szene erhält Geesche Besuch von ihrer Freundin Luisa. Zwischen diesem Zusammentreffen und dem Wiedersehen des Bruders liegt abermals ein größerer, nicht genau festzulegender, Zeitraum. Mit Geesches Überführung durch Rumpf endet das Drama. Es findet kein zeitlicher Ausblick statt und somit auch keine Klärung der darauffolgenden Ereignisse.

2.3 Struktur und Aufbau: die szenische Entwicklung der Mordgeschichte

Bremer Freiheit erscheint wie eine schnelle Szenenabfolge aus dem Leben einer bürgerlichen Frau, die abrupt endet. Die einzelnen Gesprächssituationen oder Ausschnitte aus Geesches Lebensgeschichte werden nicht durch eine Szenenangabe voneinander abgetrennt. Häufig steht ein Zeitsprung, verbunden mit einem Blackout, dem Lied „Welt ade“ oder einer erkennbar anderen Szenerie, zwischen ihnen. Die verschiedenen Bilder aus Geesches „Mordgeschichte“ werden wie Schlaglichter dem Leser entgegengeworfen. In ihnen stellen sich der Inhalt und die Motivation zum Mord verknappt in einer Gesprächssituation dar. Inhaltliche Übergänge sind oftmals zwischen den Abschnitten, die durch Lichtwechsel getrennt werden, nicht sofort auszumachen. Das stetig wiederkehrende Augenmerk liegt auf Geesches notorischer Giftgabe im Stationendrama.13 Bremer Freiheit lässt sich als ein solches definieren, da es in kurze, lose Auftritte gegliedert ist und eine lineare Szenenanordnung aufweist,14 die durch die Vergiftungen auch einen Wiederholungscharakter besitzt. Wie Assenmacher hilfreich anmerkt, folgen die Morde alle demselben Muster und fungieren nicht als dramatische, spannungsheischende Elemente, sondern als Mittel, um den Stationencharakter des Geschehens hervorzuheben.15 Am Ende mündet die Szenenfolge in die Entlarvung der Protagonistin.16 Des Weiteren fällt auf, dass eine Einteilung in Akte und Szenen fehlt.17

Auch die nicht genau benennbaren Zeitabstände der Szenenzwischenräume stellen einen Hinweis auf das Stationendrama dar.18

Um einen besseren Überblick zu gewinnen und um die einzelnen Begegnungen mit der Protagonistin besser voneinander zu unterscheiden, wurde für das Theaterstück eine Szeneneinteilung vorgenommen. Entgegen der Forschungsmeinung von Töteberg und Assenmacher, wird es in 14 Szenen unterteilt, und nicht, wie von ihnen vorgeschlagen, in acht Szenen gegliedert.19 Eine Einteilung von 14 Szenen erscheint aufgrund der Zeitsprünge und inhaltlichen Unterschiede zwischen den Situationen sinnvoller, wie im Folgenden erläutert wird. Demnach endet/beginnt nach jedem Lichtwechsel eine neue Szene (Szenen 1/2, 4/5, 6/7, 7/8, 8/9, 9/10, 10/11, 13/14). Weiterhin erfolgt eine solche bei einem offensichtlich beabsichtigten, zeitlichen Sprung, da u.a. die zeitliche Differenz zu einer unterschiedlichen Situation und einem anderen Kontext führt. So beispielsweise von Szene zwei zu Szene drei: Während Geesche in dem einen Auftritt den Leichnam ihres Ehemannes von der Bühne zieht (Szene zwei), befindet sie sich in dem anderen in einem Diktat mit ihrem Vater (Szene drei). Sowohl der zeitliche Unterschied, als auch die unterschiedlichen Ausgangssituationen der Auftritte, begründen die Setzung einer neuen Szene.

Auch innerhalb einer augenscheinlich zusammenhängenden Szene wurden Trennungen vorgenommen, sodass eine inhaltlich zusammenhängende Situation in mehrere unterteilt wurde. So zum Beispiel in Szene 3/4: Hier ist eine solche Aufspaltung notwendig, da sich die Szenerie personell auf Geesche und Gottfried reduziert und ein eigenständiger Auftritt des Paares stattfindet, der sich formal und inhaltlich von dem vorherigen Geschehen unterscheidet (16 f.). Bei einem Personenwechsel innerhalb einer Szene wurde unter Umständen ebenfalls eine Trennung vorgenommen: Dem Gespräch zwischen Geesche und Gottfried folgt eine Diskussion zwischen Mutter und Tochter (Szene 5/6), die einen eigenen inhaltlichen Komplex bildet. Nach dem Lied, das von Geesche nach einer Tötung gesungen wird, erfolgt ebenfalls in zwei Situationen eine weitere Szenensetzung, da sich entweder ein Zeitsprung feststellen lässt, ein Personenwechsel stattfindet oder sich ein neues Bild aus Geesches Lebensgeschichte ergibt (Szene 11/12, 12/13). Die vorgenommene Szeneneinteilung ist unter Vorbehalt zu betrachten und hat lediglich organisatorische und strukturelle Gründe, wobei keine tiefergehenden, interpretatorischen Ansätze verfolgt werden.

Das Theaterstück Bremer Freiheit ist ein eigenständiges literarisches Werk und hat den historischen Fall um Geesche Gottfried lediglich adaptiert und neu aufgearbeitet. Es handelt sich nicht vordergründig um ein Kriminalstück oder die Wiedergabe von historischen Ereignissen, obwohl die historischen Personen in Fassbinders Drama Verwendung finden und der inhaltliche Kern aus dem geschichtlichen Geschehen erwachsen ist (vgl. Kap. 3.2). Fassbinder hat „aus der Realität ein Modell abstrahiert.“20 Dieses Modell folgt den immer gleichen Regeln: „Die einzelnen Bilder des Stücks sind in sich analog gebaut. Kurz wird jeweils angespielt, worunter die Frau gerade leidet; dann sieht man, wie die, die daran schuld sind, sterben.“21 Dabei lässt sich eine motivische Entwicklung für die Morde feststellen, die von Hellmut Karasek teilweise dargelegt wurde.22 Bis zu Gottfrieds Tod mordet Geesche für die Liebe, indem sie ihren ersten Ehemann Miltenberger tötet und dadurch seiner Tyrannei entkommt und Gottfried als neuen Partner gewinnt (vgl. Kap. 2.4; die enge Verbindung von Geesche und Gottfried). Dieser muss sterben, da er sich nicht heiratswillig zeigt, Geesches Liebe nicht erwidert und das gemeinsame Kind nicht anerkennt. Nachdem sie durch ihre Ehemänner um die Verwirklichung der wahren Liebe gebracht wurde, will sie ihre durch den Tod ihres Gatten neu gewonnene Selbstständigkeit und Unabhängigkeit bewahren und tötet ihre Eltern, ihren Bruder und ihren Gläubiger aus dem Motiv der Freiheit heraus. Schließlich vergiftet sie ihre Freundin Luisa, um ihr das vermeintliche Los einer unglücklichen Ehe zu ersparen; folglich auch im Sinne der Freiheit. Am Ende unternimmt sie den Giftmord an Rumpf aus Selbstzweck. Geesches Schulterzucken zeigt ihr Desinteresse und ihre Motivationslosigkeit für den Mordversuch (47).

Die Giftverabreichung läuft nach einem strengen, sich stetig wiederholenden Schema ab, das sich in Form eines Rituals vollzieht. Dabei spielen christliche Charakteristika wie das Kreuzzeichen und das Lied „Welt ade“ vor dem Kruzifix eine Rolle. Der Ablauf der Tötung ist immer ähnlich und variiert nur in Einzelheiten: Geesche bietet ihrem jeweiligen Opfer Kaffee oder Tee an, den sie zuvor mit Gift versetzt hat. Diese Giftmischung und das Lied fungieren als Indikatoren für Geesches Taten.23 Sie verweisen auf den Giftmord, auch wenn dieser nicht direkt auf der Bühne erkennbar ist. „Dieses Verfahren [der Aussparung] verlängert die Wirkung des Rituals trotz seiner Unvollständigkeit.“24 Kurz nach der Gifteinnahme oder dem Tod des Opfers, tritt Geesche vor das Kruzifix, bekreuzigt sich, kniet nieder und singt das Lied. Die Strophen des Liedes nehmen im Handlungsverlauf zu und werden nach dem Kindermord vollständig von Geesche vorgetragen. Somit stellt die Kindstötung ein besonderes Moment in Geesches Tatabfolge dar. Die einzelnen Charakteristika treten nicht alle gleichzeitig hintereinander in einer Reihung auf. Oftmals lässt sich nur eine Kombination aus ihnen feststellen, wie z.B. aus der Giftgabe und dem Lied, wobei das Kreuzzeichen ausgelassen wird (22).

Das Lied thematisiert Geesches Wunsch nach Frieden und Erlösung aus ihrer leidvollen Situation. Sie singt über eine Welt, die gekennzeichnet ist von „Krieg und Streit“, „Eitelkeit“, „Tod“, „Angst und Not“ (27). Auf dieser Welt wird sie von „Krankheit“ und „Schmerz“ heimgesucht (27). Der Himmel oder das Jenseits hingegen bieten den „rechte[n] Friede[n]“, „die ewge Seelenruh“, „Friede, Freud und Seligkeit“ (27). Hier findet Geesche in „Gottes Schoß“ Schutz (27). Die Opposition von Welt und Himmelreich wird zudem durch die inhaltliche Strophengliederung deutlich: Jede Strophe ist zweigeteilt. So werden zuerst die negativen Seiten der Welt dargestellt, woran sich die Beschreibung des erlösenden Himmelsreiches anschließt (27). Das Lied thematisiert Geesches Jenseitssehnsucht und stellt kein Totenlied für ihre Mordopfer dar.25 Zu Beginn singt Geesche das Lied in Form einer Art Bittgesang oder Rechtfertigung für ihr Handeln, da sie von ihrem schweren Schicksal erlöst werden möchte. Im Verlauf des Dramas wandelt sich das Lied zu einem Ritus, der ein Teil von Geesches Tötungen ist und nun als Hymne für ihre Selbstbefreiung fungiert. Er wird von ihr in einer bigotten, zwanghaften und doppelmoralischen Weise vorgetragen. Gegen Ende des Dramas summt die Protagonistin die Melodie nur noch, was ihre triumphierende Haltung zeigt (41). Somit stellt das Lied nicht allein die stetige Abkehr vom religiösen Glauben dar, wie Assenmacher vermutet.26 Der Übergang vom Gesang zum Summen des Liedes stellt kein Indiz für ihre Auflehnung gegen die Religion dar. Vielmehr instrumentalisiert Geesche das Lied und drückt dadurch provokativ ihre Selbstbefreiung aus.

Das Lied ist rhythmisch sehr eingehend, was auf das regelmäßige Versmaß und das Reimschema zurückzuführen ist. Die vier Strophen sind wie folgt gegliedert: Erste Strophe: a b a b, zweite Strophe: c c c c, dritte Strophe: d e d e, vierte Strophe: f f c c. Es liegt durchgehend ein vierhebiger Trochäus vor, wobei in der ersten und dritten Strophe die Verse jeweils im Wechsel von unbetonter und betonter Silbe enden. Die Strophen zwei und vier weisen durchgehend eine betonte Endung auf. Sowohl durch den regelmäßigen Rhythmus, den durchgehenden Trochäus, als auch durch den christlich konnotierten Inhalt des Liedes, lassen sich im Song Anklänge eines Kirchenliedes finden, was mit den christlichen Elementen, wie dem Niederknien, dem Kruzifix und der Bekreuzigung übereinstimmt. Dies wird durch den Ursprung des Liedes bestätigt. Es handelt sich um ein Kirchen- und Bestattungslied, das von Johann Georg Albinus geschrieben27 und von Johann Rosenmüller später als Begräbnismusik komponiert wurde.28 Johann Sebastian Bach hat später Teile davon in seiner Kantate BWV 27 im 6. Choral verwendet.29 Die ersten zwei Strophen von Albinus Bestattungslied (Welt ade, ich bin dein müde) wurden von Fassbinder mit einigen Änderungen in vier Strophen untergliedert und in den Dramentext integriert und wiederholt.

Die folgende Handlungsübersicht stellt überblicksartig die einzelnen Szenen und die sich wiederholenden Momente, wie die Giftverabreichung, das Lied, das Kreuzzeichen und den Wechsel der Lichtverhältnisse, dar:

[...]


1 o.V.: Gesches Opfer und Motive. http://www.radiobremen.de/kultur/themen/gesche134.html. (03.09.2012).

2 Marzahn, Christian: Scheußliche Selbstgefälligkeit oder giftmordsüchtige Monomanie? Die Gesche Gottfried im Streit der Professionen. In: Criminalia - Bremer Strafjustiz 1810-1850. Hrsg. von Wiltrud Ulrike Drechsel, Heide Gerstenberger und Christian Marzahn. Bremen: o.V. 1988 (Beiträge zur Sozialgeschichte Bremens, Heft 11). S. 200. Und: Seling-Biehusen, Petra: Johann Eberhard Noltenius: Gerichtssekretär im Fall Gesche Gottfried. In: Criminalia - Bremer Strafjustiz 1810-1850. Hrsg. von Wiltrud Ulrike Drechsel, Heide Gerstenberger und Christian Marzahn. Bremen: o.V. 1988 (Beiträge zur Sozialgeschichte Bremens, Heft 11). S. 140.

3 Meter, Peer: Gesche Gottfried: Eine Bremer Tragödie. Bremen: Ed. Temmen 2010. S. 203.

4 Meter 2010: 54.

5 Töteberg, Michael: Fassbinder, Rainer Werner. In: Metzler-Autoren-Lexikon. Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart. 2. Aufl. Hrsg. von Bernd Lutz. Stuttgart und Weimar: Metzler 1994. S. 187.

6 Fassbinder, Rainer Werner: Bremer Freiheit. Blut am Hals der Katze. 3. Aufl. Frankfurt am Main: Verlag der Autoren 1994 (Theaterbibliothek 2). S. 7-47. Nach dieser Ausgabe wird im Folgenden, unter Angabe der Seitenzahlen, im laufenden Text zitiert.

7 Firaza, Joanna: Die Ästhetik des Dramenwerks von Rainer Werner Fassbinder. Die Struktur der Doppelheit. Frankfurt am Main u.a.: Lang 2002 (Gießener Arbeiten zur neueren deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, Bd. 23).

8 Ziermann, Horst: Kalter Kaffee aus Bremen. In: Die Welt, 08.11.1973.

9 Zytur, Cordula: Leichtgewichtige Mordgeschichte. In: Funk-Korrespondenz, 14.11.1973.

10 o.V.: Deutschlands bekannteste Giftmörderin und ihr Mythos. http://www.radiobremen.de/wissen/dossiers/gesche162.html (03.09.2012).

11 Die vorgenommene Szeneneinteilung im folgenden Handlungsverlauf erfolgte selbstständig und liegt dergestalt nicht im Primärtext vor. Sie dient dem besseren Überblick. Eine Begründung für die Szenensetzung findet sich in Kapitel 2.3 Struktur und Aufbau: die szenische Entwicklung der Mordgeschichte.

12 Assenmacher, Karl-Heinz: Das engagierte Theater Rainer Werner Fassbinders. In: Sprachnetze. Studien zur literarischen Sprachverwendung. Hrsg. von Gerhard Charles Rump. Hildesheim und New York: Georg Olms Verlag 1976. S. 32.

13 In diesem Zusammenhang bietet sich ein kurzer Vergleich mit Georg Büchners Fragment Woyzeck, bezüglich des Stationendramas, an. Woyzeck ist ebenfalls, wie Geesche Gottfried in Bremer Freiheit, auf einen historischen Hintergrund zurückzuführen. Am 27. August 1824 wird der vierundvierzigjährige Johann Christian Woyzeck auf dem Leipziger Marktplatz öffentlich hingerichtet - einige Jahre vor Gesche Gottfrieds Prozess. In beiden Fällen handelt es sich um kriminalistische Kasus. In: Poschmann, Henri: Kommentar. In: Georg Büchner. Woyzeck. Text und Kommentar. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008 (Suhrkamp BasisBibliothek 94). S. 130.

14 Vgl.: In Büchners Fragment verlaufen die Szenen ebenfalls in einer Kette. Sie folgen lose aufeinander, haben keine inhaltlich zusammenhängende Abfolge und sind somit austauschbar. In: Große, Wilhelm: Georg Büchner. Der Hessische Landbote - Woyzeck: Interpretation von Wilhelm Große. 2. Aufl. München: Oldenbourg 1997 (Oldenbourg Interpretationen, Bd. 6). S. 34.

15 Assenmacher 1976: 46.

16 Vgl.: In Woyzeck endet die Szenenabfolge mit einer Katastrophe, dem Mord an Marie. In: Große 1997: 34.

17 Vgl.: Auch in Woyzeck fehlt eine Einteilung in Akte und Szenen. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass es sich bei Büchners Woyzeck um ein Fragment handelt. Dennoch baut auch Büchner sein Drama von der Einzelszene her auf und verfolgt keine geschlossene Dramenform. In: Große 1997: 34.

18 Vgl.: Die Zeitabstände zwischen den einzelnen Szenen sind in Woyzeck, ähnlich wie in Bremer Freiheit, nicht genau erschließbar. In: Große 1997: 35. Bezüglich der Zeitspanne, die sich in Woyzeck abspielt, trifft die Aussage von Große auch auf Bremer Freiheit zu: „ein Ganzes [wird] in Ausschnitten gegeben […].“ In: Große 1997: 35.

19 Töteberg, Michael: Fassbinders Moritat von der Giftmischerin Gesche Gottfried. In: Neues MusikTheater. Almanach zur 1. Münchener Biennale. Hrsg. von Hans Werner Henze. München und Wien: Hanser 1988. S. 96. Und: Assenmacher 1976: 32.

20 Töteberg 1988: 97.

21 Iden, Peter: Ein Leben und viel Sterben. In: Frankfurter Rundschau, 15.12.1971. S. 5.

22 Karasek, Hellmuth: Das Gift der Emanzipation. In: Die Zeit, 17.12.1971.

23 Assenmacher 1976: 46.

24 Firaza 2002: 141.

25 Assenmacher 1976: 39.

26 Assenmacher 1976: 39.

27 Schulze, Hans-Joachim: Die Bach-Kantaten. Einführung zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2006. S. 431.

28 Schulze 2006: 432.

29 Schulze 2006: 432. Und: Dürr, Alfred: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Band 2. 3. Aufl. Kassel u.a.: Bärenreiter-Verlag und dtv 1979. S. 455ff.

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Aktualisierte Geschichte: Rainer Werner Fassbinders „Bremer Freiheit“
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Germanistische Literaturwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
91
Katalognummer
V207312
ISBN (eBook)
9783656379959
ISBN (Buch)
9783656380184
Dateigröße
843 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
enthält hilfreiche Übersichten zur Figurenkonstellation und dem Dramenaufbau
Schlagworte
Rainer Werner Fassbinder, Gesche Gottfried, Antiteater, Bremer Freiheit, neues kritisches Volksstück
Arbeit zitieren
Tanja Henschel (Autor:in), 2012, Aktualisierte Geschichte: Rainer Werner Fassbinders „Bremer Freiheit“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207312

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