Der Stockholmer Sergels Torg als kultureller Ort im 20. Jahrhundert

Eine Studie über Raum und Zeit


Magisterarbeit, 2010
73 Seiten, Note: 2,0 (gut)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Forschungsüberblick und Material
1.2 Methode
1.3 These: „(social) space is a (social) product“

2 Raumtheorien
2.1 Raumtheoretischer Ansatz nach Foucault
2.2 Raumstrukturen nach Lefèbvre: Der Raum als Produkt

3 Städtische Plätze und ihre Funktionen im Wandel der Zeit
3.1 Ehemals gültige Werte für die Platzfunktion und -architektur
3.2 Platzfunktionen in der Gegenwart

4 Der Sergels torg
4.1 Konzeption und Planungsintention
4.1.1 Modernismus: Funktionalismus
4.1.2 Der Sergels torg in Funktion und Gestaltung
4.2 Rezeption
4.2.1 Folgen der Architektur: Wirkung des Sergels torg
4.2.2 Kritik: Gründe für den Umbau des Sergels torg

5 Resumée

6 Anhang

7 Quellenverzeichnis

1 Einführung

Meiner Generation sind der Anblick und die Atmosphäre des ehemaligen Stadtteils Nedre Norrmalm, insbesondere des Klarakvarters, leider versagt geblieben. Um ein Bild aus diesem beispiellosen Kapitel der Stockholmer Stadtgeschichte entwerfen zu können, müssen wir heute Bildbände, Bücher, Filme, Zeitungsartikel und dergleichen zur Hand nehmen. Und doch wird es nahezu unmöglich sein, völlige Empathie für die Zeitzeugen aufzubauen, die dabei waren, als Nedre Norrmalm, der frühere Sitz zahlreicher Stockholmer Tageszeitungen, in den Jahren 1951 — 1981 dem Erdboden gleich gemacht wurde und zur modernen City umgewandelt wurde.[1]

Im Herzen der City befindet sich nun seit den 60-ern der umstrittene Sergels torg. Durch seine zentrale Lage in unmittelbarer Angrenzung an T-Centralen, der meistfrequentierten Station im gesamten Stockholmer U-Bahnnetz, und in seiner direkten Nähe zum Hauptbahnhof, dem Ort, an dem Regional- und Fernverkehr passieren, wird der Platz zur Visitenkarte Stockholms für Ankommende und Abreisende:

Pladsen er forbundet med byens identitet i den grad, at noget af det ferste man ger som ankommet til en by er at sondere de centrale pladser. Pä sin vis kan man næppe overhovedet sige, at man ha været der, hvis ikke man har afviklet denne grundlæggende antropologiske evelse.[2]

Als „tiefer gelegtes Passantenparadies zwischen Kulturhaus und Högtorgscity“[3], als „scheusslicher Monumentalplatz“[4] in Stockholms Zentrum oder als „excellent example of radical post war urbanism“[5] musste der Sergels torg neben großem Zuspruch bereits viel Kritik über sich ergehen lassen und vermutlich noch über sich ergehen lassen müssen. Es steht fortwährend die Frage im Raum, wie „das“ nur geschehen konnte - der drastische Abriss eines historischen Stadtviertels und der Bau des Sergels torg in der modernen City.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie ein solches Phänomen zustande kommen kann, welcher zusammenwirkender Kräfte es dazu bedarf, dass sich Raum im allgemeinen und konkret der Sergels torg als öffentlicher Platz im Laufe der Zeit verändert oder gar verändern muss und noch verändern wird. Grundlegend sind die Fragen nach dem Zusammenhang zwischen Raum und Zeit und inwiefern sich Architektur und Raum gegenseitig beeinflussen. Wie lässt sich (sozialer) Raum planen und wo liegen die Grenzen im Bereich der Planung?

Die Entwicklungen innerhalb raumtheoretischer Ansätze sollen die Basis der Untersuchung darstellen und im Anschluss daran mögen zunächst die Veränderungen in Konstruktion und Funktion des städtischen Platzes in seiner Rolle als zentraler Ort aufgezeigt werden, um dann anschließend auf die konkrete Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Stockholmer Sergeis torg überzugehen. Neben den reinen Fakten aus den Bereichen der Geschichte, Architektur und Urbanistik wird darüberhinaus auch die Adaption dieses Platzes in Tagespresse, Belletristik und Film, an gegebenen Stellen, in die Untersuchung miteinbezogen.

1.1 Forschungsüberblick und Material

Da sich die vorliegende Arbeit dem Fragenkatalog in den drei großen Dimensionen Raumtheorie und Raumkonstruktion, allgemeine (Platz-)Architektur und der direkten Entwicklung des Sergeis torg nähert, ist an dieser Stelle ein Forschungsüberblick zu jedem der genannten Bereiche erforderlich. Es liegt auf der Hand, dass die jeweiligen Themenbereiche nur in dem Maß an Tiefgründigkeit bearbeitet werden können, wie es die Fragestellung verlangt ohne dabei den Umfang der Arbeit zu sprengen. Ziel ist es, durch Verknüpfung der drei genannten Teilbereiche zu einer fundierten Antwort auf die aufgeworfenen Fragen zu gelangen.

Die größte Dimension stellen zunächst die Raumtheorien und Raumkonzeptionen dar, die dem Thema die theoretische Basis liefern. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich auf diesem Gebiet, durch die Bänke der verschiedenen Wissenschaften hinweg, wieder (!) großes Interesse an der Frage nach der Definition von Raum entwickelt, nachdem man zu Beginn der Moderne den Raum aufgrund der neuen Kommunikationsmedien schwinden sah.[6] So hat in dieser Zeit, nach Foucault der „Epoche des Raumes“[7], in der Soziologie eine Erneuerung des Raumbegriffes stattgefunden, nach welcher die Globalisierung nicht länger zum Verschwinden des Raumes, sondern zu einer neuen Aufteilung der Räume mit neuen Grenzen führte. Anstatt sich allein auf den physischen Aspekt zu beziehen, umfasst diese 'Wiederkehr' des Raumes, basierend auf einem erweiterten Raumbegriff, etwa auch virtuelle Räume, Identitätsräume, ethnische Räume und vor allem den sozialen Raum.[8] Der Begriff des 'sozialen Raumes' ist insofern vom 'geometrischen Raum' abzugrenzen, als dieser Relationen zwischen Menschen bzw. Menschengruppen oder zwischen sozialen Phänomenen beschreibt[9]:

Public space may be regarded as a place, as a part of an urban, social and political reality, and, as an architectural and artistic expression. (...) Public space is a medium, a surface onto which differences and conflicts are projected, of and for society. Public space is, when regarded from this view-point, put into relation with the concept of democracy, which in its turn, also constantly changes and is constituted a new in every moment.[10]

Ein Beispiel für das neu erwachte Interesse an der Raumfrage ist etwa die 2002 gegründete interdisziplinäre Arbeitsgruppe 'Raum - Körper - Medium'.[11] Nach Martina Löw wird heute Abstand genommen, von der Annahme, dass Raum den materiellen Hinter- oder erdgebundenen Untergrund sozialer Prozesse bildet.[12] So sprach bereits 1974 Lefèbvre davon, dass „not so many years ago, the word 'space' had a strictly geomatrical meaning. (...) To speak of 'social space', therefore, would have sounded strange[13] “. Und auch Anthony Giddens setzte etwa zeitgleich mit seinem Konzept der 'time-space-distanciation' eine Interaktion zwischen Raum und Zeit als Basis der Entwicklung sozialer Strukturen voraus.[14] Diesen neuen raumtheoretischen Ansätzen zufolge werden dem Menschen innerhalb des sozialen Raumes in hierarchisierten Strukturen die (mehr oder weniger) geeigneten Räume zugewiesen.[15] Die aktuellen Ansätze innerhalb dieser Thematik tendieren fortführend in die Richtung, dass Raum nicht länger als starrer (geographischer) Hintergrund betrachtet werden kann, sondern vielmehr in steter Entwicklung selbst sozial produziert wird. Dadurch sei anzunehmen, dass Raum Gesellschaft strukturiert und selbst durch diese strukturiert wird.[16]

Daran anschließend ist die bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende Frage nach dem Zusammenhang von sozialer Ordnung und Raum wesentlich für diese Arbeit[17] - „Es geht in der Tat darum, nicht die Formen des Bodens zu untersuchen, sondern die Formen der Gesellschaften, die sich auf dem Boden niederlassen.“[18] Dieser Gedanke trennt von nun an die soziale Raumbeschreibung vom geographischen Substrat und weiter ist bei Dünne zu lesen, dass ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu der Abkopplung von sozialem und geographischem Raum der Gedanke richtungsweisend wird, dass Raum überhaupt durch individuelles und soziales Handeln konstituiert ist. Geographie sei demnach nicht etwas naturräumlich Gegebenes, sondern würde 'gemacht'.[19] Mit dem spatial turn bekommt dieser Ansatz, geographischen Raum in Relation zu seiner kulturellen Wirkung zu betrachten, in den 1980-ern einen feststehenden Begriff.[20] Neben der Geographie, der Architektur, dem Städtebau und den Regionalwissenschaften als traditionelle Herangehensweise beschäftigen sich zunehmend auch Disziplinen wie Soziologie und Kunstgeschichte mit der Konzeption von Raum. Zu den Vorreitern dieses neuen Raumverständnisses zählt Soja die Soziologen und Philosophen Michel Foucault und Henri Lefèbvre, deren grundlegende Annahme er wie folgt darstellt:

Alles, was existiert, jemals existiert hat, je existieren wird, hat eine wichtige räumliche Dimension, und eine kritische räumliche Perspektive auf alles, was als existent denkbar ist, kann uns eine wesentliche Hilfe sein, die Welt zu verstehen.[21]

Um chronologisch und gedanklich an die Idee des spatial turn anzuknüpfen, ist der Vollständigkeit halber auch Anthony Giddens' Konzept der 'Raum - Zeit - Geographie' zu nennen, mit welchem er die zunehmende Ausdehnung über Raum und Zeit als grundlegendes Merkmal sich entwickelnder sozialer Strukturen kennzeichnet.[22]

An dieser Stelle schließt der für diese Arbeit relevante Bereich der Raumtheorie mit Lefèbvres Beitrag, wonach der Raum einerseits als Produktionsmittel in Form eines Rohstofflieferanten und andererseits als Produkt einer sozialen Praxis zu betrachten sei. Eine eindeutige Erklärung zur Relation zwischen physischem und sozialen Raum gibt Lefèbvre nicht, doch unterscheidet er deutlich zwischen Natur- und Sozialraum.[23] Unter Kapitel 2 sollen neben Foucaults Beiträgen zum Raumparadigma der Moderne die Gedanken Lefèbvres bezüglich der „Produktion“ sozialer Räume vertieft werden.

Zur konkreten Darstellung der aktuellen Rauminterpretation in Schweden dient unter anderem die Dissertation von Catharina Gabrielsson (Att göra skillnad. Det offentliga rummet som medium för konst, arkitektur och förändringar, 2006), welche den 'öffentlichen Raum' unter dem Blickwinkel einer 'bedrohten Kategorie' oder 'eines verlorenen Ideals in der Gesellschaft' betrachtet. Sie vermutet, dass das Schwinden des öffentlichen Raumes als Begriff und Form zwangsweise einen architektonischen Effekt mit sich bringt.[24]

Den Schwerpunkt des schwedischen Raumdiskurses bildeten in den letzten zehn Jahren primär die Fragen, nach dem Status des öffentlichen Raumes als institutioneller Teil der Gesellschaft und nach den ihm früher und heute zugeschriebenen Bedeutungen in Relation zu seiner physischen Form. Generell bewegt sich die Diskussion noch immer zwischen dem sozial-politischen und dem rein räumlichen Gehalt der Öffentlichkeit; das eine Feld berührt die Theorien aus Politik, Philosophie, Gesellschaft, Medien und Kommunikation, das andere Feld bewegt sich in (Landschafts-)Architektur, Kunst und Städtebau.[25]

Im Hinblick auf architektonische und urbanistische Gesichtspunkte im Allgemeinen sowie auf Beiträge zur konkreten Platzarchitektur als zweite große Dimension dieser Arbeit ist hier eine Gegenüberstellung von einst geltenden und heute gültigen Richtlinien in Bezug auf die Platzarchitektur sinnvoll. Die beiden Werke Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen (Camillo Sitte, 1889) und Platz und Monument (A. E. Brinckmann, 1912) mögen den Anfang der für uns interessanten Forschung markieren. Ihnen sind klare Vorgaben zu Form und Funktion des damaligen Platzes zu entnehmen. Dort ist beispielsweise vom Platz als „Sammelpunkt des städtischen Lebens“[26] zu lesen und weiter heisst es, dass „von den Plätzen ein ungehinderter Ausblick durch die Straßen auf besondere Architekturen“ verlangt wurde oder dass „der vornehmste Platz den Goldschmieden reserviert“ sei.[27] Herrschte in der Renaissance noch der „reinlich von der Straße abgetrennte“ und „allseitig ausbalancierte Platz“, so wurden Straße und Platz im Barock zu einem „einzigen, ineinandergefalzten Raumkörper“.[28] Über Sitte liest man bei Klaus Semsroth, er sei der Vertreter schlechthin für die seit 1900 auftretende 'Geschlossenheit', gestaltet durch geschlossene Platzwände, kontinuierliche Baufluchten oder in das Platzgefüge eingesetzte Monumente[29] - die Protagonisten der Avantgarde bezeichneten ihn gerne als „Gründungsvater des romantischen Städtebaus“[30] oder betrachteten ihn in seiner Rolle als „Vermittler zwischen Tradition und Moderne“ als zu rückwärtsgewandt.[31] Mit seinem Werk Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen wagte er schon 1889 „den Versuch [...], eine Menge schöner alter Platz- und überhaupt Stadtanlagen auf die Ursachen der schönen Wirkung hin zu untersuchen; weil die Ursachen, richtig erkannt, dann eine Summe von Regeln darstellen würden, bei deren Befolgung dann ähnliche treffliche Wirkungen erzielt werden müssten.“[32]

Heinz Coubiers Beitrag zur Funktion des europäischen Platzes lautet im Jahr 1985: „Das übrige, das Alltägliche, war unten dem Platz zugewiesen. Dort ging es städtisch zu und gutbürgerlich. [...] Alles, was zu verhandeln war, dort wurde es verhandelt: Gemüse und Obst zuerst, das Fleisch wie der Fisch, dann der Prozeß, das Geschäft, die politische Lage.“[33] Über Sittes Ansichten hinaus erkennt Coubier, dass sich neben den Bräuchen und der Zusammensetzung der beteiligten Gesellschaft auch die Funktion des Platzes selbst gewandelt habe. In Bezug auf Großstädte und Metropole wie Stockholm liest man weiter, dass in Ballungszentren dieser Größenordnung der zentrale Stadtplatz keine echte Aufgabe mehr habe und dass es „nicht mehr der gleiche Mensch sei, der dahin zurückkehrt, um auf dem Platz zu leben. Meist sind es Touristen, die kommen und gehen [.. .]“.[34]

Zur Darstellung aktueller Betrachtungen des Platzes in seiner Form und Funktion wird in dieser Arbeit u.a. Bezug genommen auf die Werke Verdichtete Stadtwahrnehmung (Antje Wischmann, 2003), The making of a metropolis (Thomas Hall, 2009) und Sted, gade, plads - en naiv teori om byen (Frederik Stjernfeldt, 1996).

Die dritte Dimension, d.h. die Betrachtung der konkreten Konzeption und Entwicklung des Sergels torg lässt sich wiederum in zwei Bereiche gliedern. Zunächst gilt es anhand von (architektur-) geschichtlichen Arbeiten die Entstehung und Entwicklung des Sergels torg zu untersuchen. Zu den Hauptwerken diese Arbeit betreffend zählen dabei När skönheten kom till city (Kurt Bergengren, 1976), Norrmalm förnyat 1951-1981 (Göran Sidenbladh, 1985) sowie die beiden Werke jüngeren Datums von Thomas Hall The Making of a Metropolis (2009) und Sergels torg - resurs eller rivningsobjekt? Reflektioner till stadsförnyelsens mögligheter och begränsningar (1999). Durch den steten Umbaugedanken wird der dauerhafte „lekplats Sergels torg “[35] immer wieder zum Untersuchungsgegenstand unter Städtebauplanem und Architekten. Zur Darstellung diesbezüglicher Tendenzen werden u.a. Berichte aus den Fachzeitschriften für (Landschafts-)Architektur Bauwelt (Berlin: Bauverlag) und Topos (München:

Baufachinformation) herangezogen.

Außerdem werden die städteplanerische Konzeption und die tatsächliche Rezeption des Sergels torg gleichermaßen durch Bezugnahme auf verschiedene Quellen betrachtet; dazu werden neben Artikeln aus den Stockholmer Tageszeitungen Dagens Nyheter und Svenska Dagbladet auch Fachzeitschriften aus dem Bereich der (Landschafts-)Architektur, bellestristische Werke und die Filme Dom kallar oss Mods, Ett anständigt liv und Det sodala arvet aus der Modstrilogin (Stefan Jarl: 1968 - 1993) sowie Ausschnitte aus der Serie Stockholmspärlor (Jan Bergmann: 2000) ausgewertet. Von einem Forschungsstand im eigentlichen Sinne kann man diesbezüglich nicht sprechen; es geht vielmehr darum, die Strömungen in den Bereichen Architektur, Soziologie und Urbanistik zu verfolgen und in einen Kontext zu führen, der Aufschluss über die Fragestellung gibt.

1.2 Methode

Die Betrachtung des Sergels torg als kultureller Ort im 20. Jahrhundert umfasst die Komponenten Architektur und Urbanistik im zeitlichen Diskurs. Der zentrale Platz als öffentlicher Raum soll in dieser Arbeit auf seine Funktion im Wandel der Zeit hin untersucht werden. Gegenstand dieser Untersuchung ist die Frage nach der Relation zwischen Raum (gezielt im Sinne von zeitgenössicher Architektur) und der sich in diesem Raum befindenden Gesellschaft. Wodurch spiegelt sich möglicherweise - am Beispiel des Sergels torg - der 'Zeitgeist' in der Architektur wieder? Um zu einer denkbaren Antwort zu gelangen, ist es sinnvoll, sich der Fragestellung über die größtmögliche Dimension, d.h. die Raumtheorien, zu nähern. Wodurch lässt sich Raum kennzeichnen und wie verhält sich Raum im Verhältnis zur Zeit? Die Grundpfeiler der Darlegung möglicher Raumformen und denkbarer Raumentwicklung bilden Foucaults Konzeptionen von Utopie und Heterotopie[36] sowie Lefèbvres Annahme, Raum sei grundsätzlich gesellschaftlich produziert: „(Social) space is a (social) product“[37].

Der nächste Schritt in Richtung der konkreten Anschauung des Sergels torg ist die Analyse von Platzfunktionen im Allgemeinen und gezielt in der (Groß-)Stadt. Inwiefern haben sich einerseits die reine Bauweise und andererseits die Funktion des Platzes verändert oder dem Zeitgeschehen angepasst? Erweitern oder verändern sich die Anforderungen an einen Platz?

An dieser Stelle ist nun die unmittelbare Betrachtung des Sergels torg - als das „Musterbeispiel der Spätmoderne“[38] ? - erreicht. Diese wird aufgenommen durch die Analyse der Ausgangsposition für den Bau des Platzes; durch welche Eigenschaften lässt sich das vorherige Klarakvarter im Gegensatz zu der darauffolgenden modernen City beschreiben? Wie zeigen sich Moderne und Funktionalismus in Planung und Architektur der City bzw. am Sergeis torg? Und weiter, welche (sozialen) Funktionen schreiben Städtebauplaner und Architekten dem neuen Platz zu? Werden diese Erwartungen erfüllt? Wo liegen die Grenzen des Planbaren und wodurch werden diese markiert? Was sind die tatsächlichen Auswirkungen der realisierten Platzkonstruktion?

Die Erkenntnisse aus Raumtheorie und Platzfunktion werden zusammengetragen und unterstützend zur Analyse des Verhältnisses von Konstruktion und Rezeption des Sergeis torg in seiner Planungsphase und in seiner realisierten Form werden zudem Textstellen aus Tagespresse und Bellestristik sowie Momente aus dem Dokumentarfilm herangezogen.

1.3 These: „(social) space is a (social) product“

Der nun dargestellte, umfangreiche Korpus an Fragen bezüglich des Stockholmer Sergeis torg als kultureller Ort im 20. Jahrhundert soll vor dem Hintergrund der These „(Social) space is a (social) product“ (Lefèbvre, 1974) bearbeitet werden. Der Sergeis torg als kultureller Ort ist hier als sozialer und gemeinsamer Raum der Gesellschaft zu verstehen.

Kultur bezeichnet in diesem Zusammenhang den gegenwärtigen Ausdruck menschlichen Denkens und Handelns und in dieser Auffassung von Kultur als alles, was der Mensch gestaltend hervorbringt, vereinen sich die einzelnen Aspekte von Raumtheorie, Architektur[39] und Urbanistik, sowie der konkreten Platzfunktion und schließlich seiner Adaption in Literatur und Film. Zudem impliziert Kultur, indem sie in diesem Sinne als stetem Wandel unterworfen verstanden wird, auch den zeitlichen Faktor und führt somit unmittelbar auf die These zurück; denn einem 'Produkt' geht gezwungenermaßen der Produktionsvorgang voraus, in den wiederum genannte Aspekte einfließen.

Döring und Thielmann beschreiben Mobilität, Dynamik, Entwicklung und Geschichte als Eigenschaften, die in der traditionellen Sichtweise der Zeit zugeschrieben wurden, wohingegen Immobilität und Stagnation mit dem Raum in Verbindung gebracht wurden. Diese Zuweisung von Eigenschaften ist in der heutigen Vorstellung von Zeit und Raum in dieser Gegensätzlichkeit nicht mehr zu finden. Neben den Dingen im Raum wird der Raum heute selbst als flexibel aufgefasst, was sich bis hinein in die Architektur verfolgen lässt und etwa in der Verwendung leichter und veränderlicher Baumaterialien zum Ausdruck kommt. Die Architektur ist als wesentliches Merkmal unseres Raumes mobil und nicht mono- sondern multifunktional ausgerichtet. Nach dieser Betrachtungsweise kann Raum nicht länger als Hindernis oder Widerstand bietendes Element gelten, sondern vielmehr als Mittel, um „ungehindert überall hin gelangen zu können.“[40] Entsprechend schreibt auch Gabriellson: „Tid och rum är alltid sammanflätade och implicerar varandra, det ena kan inte erfaras av det andra. Tiden är lokaliserad, rummet är temporalt.”[41]

Gemäß dieser Grundannahme für diese Untersuchung werden Räume also nicht länger als „unveränderlich vorhandene physische Wahrnehmungsbedingungen“, sondern als kulturell konstituiert oder „produziert“ betrachtet.[42] Haben die Stockholmer den Sergeis torg zu dem gemacht, was er heute ist und werden sie ihn zu dem machen, was er morgen sein wird? Lässt sich anhand dieser These das Phänomen des vollständigen Abrisses von Nedre Norrmalm und des drastischen Neubaus der City erklären? Wenn die Annahme zutrifft, dass sich (sozialer) Raum durch die Gesellschaft formt, inwieweit ließe sich Raum dann planen? Und wo lägen die Grenzen der Planung bzw. wodurch würde der nicht planbare Bereich verkörpert?

Im Jahr 1974 verfasste der schwedische Journalist und Schriftsteller Jan Olof Olsson zu der historischen Situation in Nedre Norrmalm folgendes Gedicht:

En okunnig amerikansk turist
lär i sommar hafrägat
om det var ryssar eller tyskar
som haft sönder Stockholm.

Han bör ha kunnatfä det stolta svaret
att det har vi gjort alldeles själva. [43]

Dem kann sich Rasmus Wærn nur anschließen, wenn er sagt, dass die Innenstadt oder „das Herz“ von Stockholm im Zweiten Weltkrieg nicht etwa zerstört worden sei, sondern dass die Schweden ihrem Kulturerbe ganz und gar eigenhändig das Leben genommen hätten.[44] Dass die Stockholmer „tatenlos“ zusahen, wie eigene Landsleute das Zentrum ihrer Stadt in Ruinen legten, empfanden viele als wesentlich schlimmer als eine zerbombte Stadt. Nichts von der historischen Atmosphäre sei verschont worden, man hätte das Stockholm von Almqvist und Strindberg zerstört, das wenigstens in ihren Romanen unangetastet bliebe.[45]

2 Raumtheorien

Der Titel sowie die Fragestellung der vorliegenden Arbeit implizieren die Betrachtung des Raumes unter Einbezug des Zeitfaktors. Um den Sergeis torg als öffentlichen und sozialen Raum im Zeitraum des 20. Jahrhunderts auf die Fragestellung hin zu untersuchen, bedarf es zunächst einer Klärung des Raumbegriffes. Da der Leitgedanke dieser Arbeit darin besteht, dass sich der Platz verändert oder sich gar seiner Umwelt anpasst bzw. von dieser geformt wird, muss von der überholten Ansichtsweise des Raumes als „unveränderlich vorhandene physische Wahmehmungsbedingung“[46] oder der rein territorialen Darstellung des Raumes als „Stätte für eine Ausbreitung oder Ausdehnung“[47] Abstand genommen werden. Der Raum wird entgegen der Newton'schen Physik nicht länger als gleichförmiger Ausdehnungsraum, sondern vielmehr als „Erlebnisraum“ konzipiert, der schließlich auch die seit der Antike bekannte Vorstellung vom Raum als Behälter, in dem Dinge und Menschen auf einen bestimmten Platz fixiert sind, aufhebt.[48] Ausgehend von der These „(Social) space is a (social) product“ - und nach Lefèbvre ist Raum heute immer „sozialer Raum“ in Form eines gesellschaftlich hergestellten Produktes[49] - stellt sich einerseits die Frage nach dem Auslöser der postulierten Veränderung in Bezug auf den (sozialen) Raum und explizit den (öffentlichen) Platz und andererseits nach der Relation zwischen physischem und sozialen Raum. Wodurch wird der Raum im Einzelnen - nicht zuletzt in architektonischer Hinsicht - moduliert? Und welche Funktion hat (sozialer) Raum?

Im folgenden soll der raumtheoretische Ansatz nach Foucault dargestellt und auf die Frage hin untersucht werden, inwieweit sich durch seine Theorien zu reellen und „anderen Räumen“ bzw. durch sein Modell der Utopien und Heterotopien Rückschlüsse auf den Aufbau und die Funktion von Räumen (Plätzen) ziehen lassen? Die von Foucault ins Leben gerufene Wissenschaft der Heterotopologie kam bereits in den 1980-ern bei den Planungen zur Wiedervereinigung Berlins in Kontakt mit Städtebau und Architektur, wobei Foucault selbst zunächst keine Verbindung zu diesen Wissenschaften erkannte oder gar anstrebte, wie es der Ausschnitt eines Briefes von 1967 belegt:

Erinnerst du dich noch an das Telegramm, über das wir so gelacht haben, von einem Architekten, der ein ganz neues Konzept des Städtebaus zu erkennen glaubte? (...) in einem Radiovortrag über die Utopie. [50]

Nicht zuletzt Edward Soja fragte sich, wie es möglich war, Foucaults Texte von „Anderen Räumen“ zwanzig Jahre ungenutzt zu lassen und nicht die darin liegende neue Bedeutung des Raumes und der Räumlichkeit zu erkennen.[51] Schließlich entfaltete sich ab 1970 zunehmend der Diskurs der Architektur und des Städtebaus in der Utopie und generell begannen sich Stadtsoziologen und Stadtplaner, gerade aufgrund seiner Analyse der normativen Eigenschaften von Bauwerken und Institutionen, auf Foucault zu beziehen.[52]

2.1 Raumtheoretischer Ansatz nach Foucault

Greifen wir zu Beginn die Erkenntnis Foucaults auf, nach welcher der Raum in der abendländischen Erfahrung selber eine Geschichte hat und eine „schicksalshafte Kreuzung der Zeit mit dem Raum“ unmöglich zu verkennen sei.[53] In seinen Ausführungen geht es nicht um einen Platz in realer Ausdehnung oder um Orte in imaginären Bereichen, sondern um Plätze und Orte in einem eigentlich strukturellen bzw. topologischen Raum.[54] Der Raum sei generell durch ein 'Innen' und 'Außen'[55] zu unterscheiden, wobei für diese Arbeit vor allem das 'Außen', also der Raum, in dem wir leben und der sowohl unsere Zeit als auch unsere Geschichte beinhaltet, von Bedeutung ist:

Wir leben nicht in einem leeren, neutralen Raum. (...) Wir leben, wir sterben und wir lieben in einem gegliederten, vielfach unterteilten Raum mit hellen und dunklen Bereichen, mit unterschiedlichen Ebenen, Stufen, Vertiefungen und Vorsprüngen, mit harten und mit weichen, leicht zu durchdringenden, porösen Gebieten.[56]

Wir leben nicht etwa in einer Leere sondern innerhalb unzähliger einzelner Platzierungen, die in unbestimmten Relationen zueinander stehen.[57] Ferner unterscheiden sich diese einzelnen Platzierungen in ihrer Definition als „provisorische Halteplätze“ und „offene Ruheplätze“ (Foucault zählt dazu Cafés, Kinos, Strände etc.), „Durchgangszonen“ wie Straßen, Eisenbahnzüge und Untergrundbahnen oder „geschlossene - und halbgeschlossene Ruheplätze“ (das Haus, Zimmer, Bett etc.), die innerhalb ihres Beziehungsnetzes in verschiedenen Relationen zueinander stehen können.[58]

Nun bestehen aber neben diesen Realräumen auch die „anderen Räume“, die mit allen anderen in Verbindung stehen und dennoch allen anderen Platzierungen widersprechen. Es handelt sich dabei entweder um Utopien - Platzierungen ohne reelle Orte - oder Heterotopien, als die wirklichen und wirksamen Orte oder tatsächlich realisierten Utopien, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind.[59] Für den weiteren Verlauf der Arbeit ist dieser Gedanke besonders interessant im Hinblick auf die Frage nach den Intentionen (Utopien?) von Architekten und den tatsächlichen Ergebnissen ihrer Arbeit (möglicherweise Heterotopien). Eine eindeutige Definition der Heterotopien liefert Foucault nicht, doch fügt man seine diesbezüglichen 'Grundsätze' zu einem Ganzen zusammen, lässt sich ein Bild in Bezug auf Aufbau und Funktion dieser „anderen Räume“ konstruieren.

Prinzipiell sind die Heterotopien, als die eigentlich sozial relevante Kategorie und als real existierende Orte im Vergleich zu den Utopien,[60] in allen Kulturen der Welt etabliert und nehmen sie auch gänzlich unterschiedliche Formen an, so ist allen Heterotopien die Eigenschaft gemein, an ein und demselben Ort mehrere Räume zusammenzubringen, die eigentlich unvereinbar sind.[61] Es handelt sich bei ihnen um spezielle Räume innerhalb mancher sozialer Räume, die in ihrer Funktion von den übrigen abweichen und gelegentlich sogar genau entgegengesetzte Funktionen beinhalten.[62] Außerdem können bereits existierende Heterotopien durch die Gesellschaft im Laufe der Zeit einer anderen Funktion zugeschrieben werden, sie sind also nicht statisch. Der Aspekt der sich entwickelnden oder verändernden Funktion eines Ortes ist in Foucaults Thesen also vorhanden. Im dritten Grundsatz der Heterotopien beschreibt Foucault das mögliche Charakteristikum von einigen Räumen oder Platzierungen an einem einzigen Ort, wie z.B. dem Kino oder dem Theater, in dem mehrere aufeinander folgende Orte vereint sind.[63] In einer denkbaren Interpretation dieses Grundsatzes sind die unterschiedlichen und an sich nicht zu vereinenden Funktionen eines zentralen Platzes an einem bestimmten Ort zusammengeführt, die dieser Ort nun für die verschiedenen Menschen der Gesellschaft erfüllt.

Der vierte Grundsatz handelt von der Bindung der Heterotopien an Zeitabschnitte. So trifft beispielsweise auf Museen oder Bibliotheken die sich endlos akkumulierende Zeit zu, dadurch, dass die Zeit an diesen Orten nicht aufhört sich zu 'stapeln' und zu 'drängen'. Baut man nun einen Ort oder Platz ständig um oder erneuert bzw. ersetzt diesen völlig, so kann dies einerseits als Akkumulation sämtlicher Bestandteile eines Zeitabschnittes gedeutet werden oder es kann, im Gegenteil, die Vernichtung dieser Bestandteile, die einen bestimmten Zeitabschnitt reflektieren, bedeuten.

Folgendes hat Foucault ürsprünglich in Bezug auf die Funktionen und Eigenschaften der Bibliotheken formuliert, doch diese Beschreibung kann in ihrer Darlegung auch auf den öffentlichen Platz in seiner Definition als Anhäufung von Charakteristika eines Zeitabschnittes bezogen werden:

Die Idee, alles zu akkumulieren, die Idee, eine Art Generalarchiv zusammenzutragen, der Wille, an einem Ort alle Zeiten, alle Epochen, alle Formen, alle Geschmäcker einzuschließen, die Idee, einen Ort aller Zeiten zu installieren, der selber außerhalb der Zeit und sicher vor ihrem Zahn sein soll, das Projekt,solchermaßen eine fortwährende und unbegrenzte Anhäufung der Zeit an einen unerschütterlichen Ort zu organisieren - all das gehört unserer Modernität an.[64]

Es stellt sich die Frage, ob ein Ort, bzw. ein Platz, nach vergleichbarem Schema, gleichermaßen Vergangenheit und Gegenwart in sich vereinen kann, ohne dabei in den Dimensionen der bloßen Utopie gefangen zu sein.

Neben diesen zeitgebundenen und vor allem Zeit speichernden Heterotopien der Ewigkeit existieren nach Foucault auch die, die an das „Flüchtigste“, „Vorübergehendste“ und „Prekärste“ der Zeit geknüpft sind. Zu ihnen zählen u.a. Festwiesen, Feriendörfer oder „diese wundersamen leeren Plätze am Rand der Städte, die sich ein- oder zweimal jährlich mit Baracken, Schaustellungen, heterogensten Objekten, Kämpfern, Schlangenfrauen, Wahrsagerinnen usw. bevölkern.“[65] Das „Flüchtige, Vorübergehende und Prekäre“ der Stätten von zeitgebundener Art führt uns zu den (post-) modernen festivals, den spontanen Demonstrationen oder den Feiern zwecks Abitur (bzw. Studenten) und Sportereignissen, wie sie traditionell auf dem Sergels torg zelebriert werden.

Der letzte wesentliche Aspekt der Heterotopien besteht darin, dass diese gegenüber dem verbleibenden Raum eine Funktion erfüllen; entweder, indem sie einen Illusionsraum schaffen, der alle Platzierungen des menschlichen Lebens innerhalb des gesamten Realraums als noch illusionsreicher denunziert oder indem zusätzlich ein vollkommener Raum geschaffen wird, der wiederum den unsrigen (reellen) Raum „ungeordnet“, „mißraten“ und „wirr“ erscheinen lässt.[66] Die Heterotopien stellen in ihrem eigentlichen Wesen alle anderen Räume in Frage.[67] Mit Rücksicht auf Foucaults Aussage, dass Heterotopien zu allen Zeiten existieren können, scheint es, nach Dünne, doch plausibel, dass sie gerade die Moderne so zahlreich hervorbrachte.[68]

Neben seinen Studien zu „anderen Räumen“ ist auch Foucaults Vorstellung des Panopticons als „architektonisches Programm der meisten Gefängnisprojekte“[69] aufschlussreich für die Struktur von zentralem (und öffentlichen!) Raum. An dieser Stelle sei zu betonen, dass Foucault selbst das Panopticon als paradigmatische Verbindung zwischen Raum und Macht niemals als eine Heterotopie bezeichnet hätte.[70] Der Grundgedanke des Panopticons ist die Verbindung aus Überwachung und Beobachtung, Sicherheit und Wissen, Individualisierung und Totalisierung sowie Isolierung und Transparenz an einem Ort. Foucault versteht unter dem Begriff des Panoptismus Räume, die einerseits durch eine strikte Begrenzung und andererseits durch eine absolute visuelle Erfassbarkeit gekennzeichnet sind.[71] Zu den essentiellen Kriterien des Panopticons zählt der „ständige Blick auf den Häftling“[72], der durch die bestimmte Baukonstruktion ermöglicht werden soll. Durch die strenge Form des Halbkreises oder auch der stern- oder kreuzförmigen Anordnung[73] wird in dem Bau „die Intelligenz der Disziplin in den Stein übertragen“ und ermöglicht somit eine Transparenz zur Handhabung der Macht. Der sogenannte Zentralpunkt der Konstruktion gewährleistet den ständigen Blick sowohl auf die Häftlinge als auch auf das Personal.

In dem Punkt der „Überschaubarkeit“ bildet der Sergeis torg durch den architektonischen Aufbau von zwei separaten Ebenen gewissermaßen eine Parallele zum Panopticon und dessen Eigenschaft der Sichtbarkeit und Erfassbarkeit eines Raumes. Es stellt sich die Frage, ob dieses Modell gegebenenfalls zugunsten der Sicherheitspolitik für öffentliche Plätze in sich ein Leitmotiv birgt. Auch die Redensart 'Sehen und gesehen werden', wie sie allerorts auf zentralen Plätzen zu vernehmen ist, ließe sich in diesem Zusammenhang völlig neu interpretieren.

Was „Raum“ explizit für Foucault bedeutet und wie er sich eine Verbindung vorstellt zwischen dem theoretischen und dem praktischen Bereich, zwischen dem mentalen und dem sozialen und dem Raum der Philosophen sowie dem Raum der Menschen, die sich mit dem Materiellen beschäftigen, bleibt ungeklärt.[74] Vom Standpunkt seiner Diskursanalyse aus betrachtet, stellen sich heute die Fragen nach den relativen Grenzen innerhalb einer gegebenen kulturellen Ordnung und nach den Grenzziehungen einer Ordnung gegen ihr „Außen“.[75]

2.2 Raumstrukturen nach Lefèbvre: Der Raum als Produkt.

Zur konkreteren Beschreibung sozialer Konstitutionen im Raum soll hier der Übergang zu Lefèbvres Ansichten vom Raum als Produkt sozialer Praxis markiert werden. Bei der Gegenüberstellung von physischem und sozialem Raum sind seiner Meinung nach zweierlei Ansätze möglich. Zum einen ermögliche der kategoriale Unterschied zwischen Natur- und Sozialraum, Raum überhaupt als „herstellbar“ zu definieren und zum anderen könne die Kultur als „graduelle Entfremdung der Natur“ betrachtet werden, welche ihren absoluten Höhepunkt in der kapitalistischen Produktionsweise findet.[76]

Als Basis der „Raumproduktion“ dienen drei verschiedene und untrennbare Ebenen sozialer Räumlichkeit, die in spezifisch dialektischer Weise zusammenwirken. Die sogenannte Trias nach Lefèbvre birgt eine andauernde Dialektik zwischen These, Antithese und Synthese und bedeutet in ihrer Konzeption der Räumlichkeit eine an die Kunst gerichtete Hoffnung auf die Überwindung der Widersprüche zwischen Alltags- und Planungsräumen.[77] Dieser Vorgang lässt sich als Versuch betrachten, die Einheit in der Vielfalt von möglichen Raum-Besetzungen- und Dualismen zu finden. Die soziale Praxis ist an die Materialität des Lebens gebunden und umfasst durch dieses fortdauernde Wechselspiel zwischen dem wahrnehmenden Ich und der räumlichen Umwelt die kontinuierliche Produktion und Reproduktion des sozialen Lebens.[78] Damit operiert Lefèbvre gewissermaßen mit zwei Raumbegriffen: einerseits mit Räumen, aus welchen sich neue Räume entwickeln und andererseits mit Räumen, die innerhalb existierender Räume entstehen.

Grundvoraussetzung zur eingangs dargestellten These, dass der (soziale) Raum als ein (soziales) Produkt zu verstehen ist, ist die Tatsache, dass sich der physische Raum zwar zunehmend distanziert, jedoch weiterhin als gemeinsamer Ursprung bestehen bleibt.[79] Diese Distanzierung beinhaltet nicht etwa ein völliges Verschwinden des Naturraums sondern vielmehr ein Verschiebung in den 'Bildhintergrund':

Die Natur, dieser mächtige Mythos, verwandelt sich in eine Fiktion, in eine negative Utopie: Sie ist bloß noch der Rohstoff [matière première], auf den die Produktivkräfte der verschiedenen

Gesellschaften eingewirkt haben, um ihren Raum zu produzieren.[80]

Die zusammenwirkenden Kräfte ergänzen sich aus dem Physischen bzw. aus der Natur, dem Mentalen, inklusive logischer und formeller Strukturen, sowie dem Sozialen als dritte Kraft.[81] In Parallele zu Foucaults spezifischen Heterotopien der verschiedenen Gesellschaften produziert nach Lefèbvrejede Gesellschaft ihren eigenen Raum und so verfügte seiner Meinung nach bereits die antike Polis über ihre eigene Raumpraxis, hat sich also ihren eigenen Raum geschaffen.[82] Raum ergänzt sich aber nicht nur um das Neue, sondern speichert auch das Vergangene, die Veränderung von Orten und Plätzen. Lefèbvre nennt dies die Ethymologie der Orte; der frühere Ort ist immer noch gegenwärtig und somit stellen sich das Produkt und die Produktion als zwei untrennbare Seiten dar.[83] Der Begriff des „sozialen Raumes“ als Darstellung und Analyse sozialer Strukturen entwickelte sich erst später. Bei Lefèbvre lässt sich dieser durch das Modell der Triade veranschaulichen, eine Dreiheit aus räumlicher Praxis, den Raumrepräsentationen und den Repräsentationsräumen:[84]

[...]


[1] Sidenbladh, Göran: Norrmalmförnyat. 1851 - 1981. Stockholm: Arkitektur Förlag AB, 1985, 9.

[2] Stjernfeldt, Frederik: Sted, gade, plads - en naiv teori om byen. In: Zerlang, Martin (Hg.): Byens pladser. Kebenhavn: Center for Urbanitet og Æstetik u. Borgen, 1996, 21.

[3] Brinkmann, Ulrich: „Das Stockholmer Modell”. In: Bauwelt, 96. Jahrgang, 2005, HeftNr. 6, 8-9, hier: 8.

[4] Gustafsson, Lars: „Du musst nicht glauben, dass dujemand bist.“ In: NZZFolio, 1998, Nr.8, 12-18, hier: 14.

[5] Olgarsson, Per: Recording and characterizing the modern city centre of Stockholm. The Stockholm City Museum: http://www.aicomos.com/wp-content/uploads/2009_UnlovedModern_Qlgarsson_Per_Stockholm_Paper.pdf. 4.

[6] Schroer, Markus: „Bringing space back in“ - Zur Relevanz des Raums als soziologischer Kategorie. In: Döring, Jörg, Thielmann, Tristan (Hg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld: transcript, 2008, 125.

[7] Foucault, Michel: Andere Räume. In: Barck, Karlheinz et al. (Hg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Leipzig: Reclam, 1990, 34.

[8] Schroer, Markus (2008): 132 ff.

[9] Löw, Martina (2008): 46.

[10] Gabrielsson, Catharina: Auszug aus ihrem Vortrag Public space is a medium. Critical theory in architecture xact. KTH School of Architecture: Stockholm, 2002: http://www. xakt.nu/postmillconfprogr.pdf (Stand: 30.05.2010)

[11] Dünne, Jörg: http://www.raumtheorie.lmu.de/Forschungsbericht4.pdf. 2. (Stand: 12.05.2010)

[12] Löw, Martina: Einführung in die Stadt- und Raumsoziologie. Opladen: Verlag Barbara Budrich, 2008, 51.

[13] Lefèbvre, Henri: Theproduction ofspace (Orig.: Laproduction de l'espace. 1974). Oxford: Blackwell, 2009, 1.

[14] Dünne, Jörg: Raumtheorie. Frankfurt: Suhrkamp, 2006, 296.

[15] Dünne, Jörg (2006): 331.

[16] Löw, Martina (2008): 51.

[17] Dünne, Jörg ( 2006): 289.

[18] Durkheim, Emile: Note sur la morphologie sociale. In: Dünne, Jörg: Raumtheorie. Frankfurt: Suhrkamp, 2006, 289.

[19] Dünne, Jörg (2006): 289 ff.

[20] Döring, Jörg und Thielmann, Tristan et al. (Hg.), (2008): 7.

[21] Soja, Edward W.: Vom „Zeitgeist“ zum „Raumgeist“. New twists on the Spatial Turn. In: Döring, Jörg und Thielmann, Tristan et al. (Hg.), (2008), 243 ff.

[22] Dünne, Jörg (2006): 296.

[23] Ebd.: 297.

[24] Gabrielsson, Catharina: Att göra skillnad. Det offentliga rummet som medium för konst, arkitektur och förändringar. Stockholm: AxlBooks, 2006, 15.

[25] Ebda.: 13.

[26] Brinckmann, A. E.: Platz und Monument. Berlin: Verlag Wasmuth, 1912, 36 ff.

[27] Ebd.: 37 ff.

[28] Ebd.: 46.

[29] Semsroth, Klaus: Kunst des Städtebaus. Neue Perspektiven auf Camillo Sitte. Köln: Böhlau, 2005, 7.

[30] Jormakka, Kari: Der Blick vom Turm. In: Semsroth, Klaus: Kunst des Städtebaus. Neue Perspektiven auf Camillo Sitte. Köln: Böhlau, 2005, 21.

[31] Vgl.: Semsroth, Klaus (2005): 7.

[32] Hanisch, Ruth: Die Ursache der schönen Wirkung. In: Kunst des Städtebaus. Neue Perspektiven auf Camillo Sitte. Köln: Böhlau, 2005, 209 ff.

[33] Coubier, Heinz: EuropäischeStadt-Plätze. Genius und Geschichte. Köln: DuMont, 1985, 12.

[34] Ebd.: 24.

[35] Hall, Thomas: Sergels torg - resurs eller rivningsobjekt. Reflektioner kring stadsförnyelsens möjligheter och begränsningar. Stockholm: 1999, 100.

[36] Foucault, Michel (1990): 38 ff.

[37] Lefébvre, Henri: Theproduction ofspace. Oxford: Blackwell, 2009, 26 ff.

[38] Andersson, Thorbjörn: „Jeder Raum hat seinen Platz.“ In: Baufachinformation Topos. 1999, Nr. 28: 24-32, hier: 25.

[39] Die Architektur wird hier als „Auseinandersetzung des Menschen mit dem Raum“ begriffen.

[40] Döring, Jörg und Thielmann, Tristan et al. (Hg.), (2008): 142 ff.

[41] Gabriellson, Catharina: Attgöraskillnad. Stockholm: Axl Books, 2006, 213.

[42] Dünne, Jörg: http://www.raumtheorie.lmu.de/Forschungsbericht4.pdf. 2. (Stand: 12.05.2010)

[43] Olsson, Jan Olof: Stockholmsluft. In: Stockholm - staden som försvann. Sjöbrandt & Sylvén (Hg.), Stockholm: Natur & Kultur, 2000, 74.

[44] Wærn, Rasmus: „Das Mögliche, das Notwendige und das Unvoraussagbare. Die stadtformenden Kräfte Stockholms.“ In: Bauwelt, 96. Jahrgang, 2005, Nr. 6, 10-12, hier: 10.

[45] Bergengren, Kurt: Närskönheten kom till city. Stockholm: Bonniers, 1976, 143 ff.

[46] Vgl.: Dünne, Jörg (2004), 2.

[47] Dünne, Jörg: Raumtheorie. Frankfurt: Suhrkamp, 2006, 10.

[48] Ebd.: 105.

[49] Löw Martina (2006): 51 ff.

[50] Defert, Daniel: Raum zum Hören. In: Foucault, Michel: Die Heterotopien. Der utopische Körper. Frankfurt: Suhrkamp, 2005, 73.

[51] Defert, Daniel. In: Foucault, Michel (2005): 70 ff.

[52] Ebd.: 79 ff.

[53] Vgl.: Foucault, Michel: Andere Räume. In: Barck, Karlheinz et al. (Hg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Leipzig: Reclam, 1993, 34.

[54] Dünne, Jörg (2006): 124.

[55] Foucault, Michel. In: Barck, Karlheinz et al. (1993): 37 ff.

[56] Foucault, Michel: Die Heterotopien. Der utopische Körper. Frankfurt: Suhrkamp, 2005, 9 ff.

[57] Foucault, Michel (1993): 38.

[58] Foucault, Michel (2005): 10.

[59] Ebd.: 39.

[60] Dünne, Jörg (2006): 293.

[61] Foucault,Michel(2005): 14.

[62] Defert, Daniel. In: Foucault, Michel (2005), 88.

[63] Ebd.: 42.

[64] Ebd.: 43.

[65] Ebd.: 44.

[66] Ebd.: 45.

[67] Foucault, Michel (2006): 19.

[68] Dünne, Jörg: http://www.raumtheorie.lmu.de/Forschungsbericht4.pdf. 6. (Stand: 12.05.2010)

[69] Foucault, Michel: Überwachen undStrafen. Die Geburtdes Gefängnisses. Frankfurt: Suhrkamp, 1976, 318 ff.

[70] Foucault, Michel (2005): 83 ff.

[71] Behschnitt, Wolfgang: Metropole und Region. Wahrnehmung und Darstellung geographischer Räume im Diskurs von GeschichteundLiteratur. In: Heitmann, Annegret: Arbeiten zurSkaninavistik. Frankfurt: Lang, 2001, 119.

[72] Foucault (1976): 318.

[73] Ebd.: 319 ff.

[74] Lefèbvre, Henri: Theproduction ofspace. Oxford: Blackwell, 2009, 4.

[75] Dünne, Jörg: http://www.raumtheorie.lmu.de/Forschungsbericht4.pdf. 6. (Stand: 12.05.2010)

[76] Dünne, Jörg (2006): 297.

[77] Ebd.: 298 ff.

[78] Hamedinger, Alexander: Raum, Struktur und Handlung als Kategorien der Entwicklungstheorie. Frankfurt: Campus, 1998, 193.

[79] Lefèbvre, Henri: Die Produktion des Raums. In: Dünne, Jörg: Raumsoziologie. Frankfurt: Suhrkamp, 2006, 330.

[80] Ebd.: 330.

[81] Lefèbvre, Henri (2009): 11.

[82] Lefèbvre, Henri: In: Dünne, Jörg (2006): 330 ff.

[83] Ebd.: 334.

[84] Ebd.: 333.

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Der Stockholmer Sergels Torg als kultureller Ort im 20. Jahrhundert
Untertitel
Eine Studie über Raum und Zeit
Hochschule
Universität zu Köln  (Philosophische Fakultät)
Note
2,0 (gut)
Autor
Jahr
2010
Seiten
73
Katalognummer
V207342
ISBN (eBook)
9783656356677
ISBN (Buch)
9783656357506
Dateigröße
1898 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zum vollständigen Verständnis (für Untertitel, Zitate etc.) ist es notwendig, über Kenntnisse in schwedischer, dänischer und englischer Sprache zu verfügen.
Schlagworte
Sergels Torg, Architektur, Kultur, Stockholm, Raumtheorie, social space, Henri Lefèbvre, Michel Foucault, Thomas Hall
Arbeit zitieren
Dorit Elisa Baetcke (Autor), 2010, Der Stockholmer Sergels Torg als kultureller Ort im 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207342

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Stockholmer Sergels Torg als kultureller Ort im 20. Jahrhundert


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden