Nachdem die Frage behandelt worden ist, warum das Thema des Todes für Rilke und ebenso für Malte Laurids Brigge eine besondere Rolle spielt, wurden verschiedene Ar-ten des Sterbens besprochen, wie sie in den Aufzeichnungen zu finden sind. Dabei hat sich gezeigt, dass Malte eine tiefe Abscheu gegen diejenige Art zu sterben hegt, die ihm im modernen Leben der Großstadt begegnet. Dort sterben die Menschen aus seiner Sicht einen einsamen, anonymen und trostlosen Tod, der im starken Kontrast zu seiner Vorstellung eines „eigenen Todes“ steht, wie er anhand der Kindheitserinnerungen an den Tod der Großeltern aus der Linie der Brigges dargestellt wird.
Gleichzeitig konnte aber auch gezeigt werden, dass die negativen Erfahrungen, die Malte in Paris macht, für diesen zugleich auch einen Erkenntnisgewinn bedeuten. Nur durch die Betrachtung des Elends und der damit einhergehenden Beschäftigung mit der eigenen Angst vor dem Tod kann Malte seine Liebe zum Leben entdecken. Aus dieser Liebe entwickelt sich auch die Hoffnung, durch die Arbeit als Dichter eines Tages die Einheit von Leben und Tod zu begreifen und damit die Chance zu bekommen, über den eigenen Tod hinauszudenken, was für Malte eine neue Form der Existenz fernab der grausamen Gegenwart bedeuten würde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aufgabenstellung
3. Sterben und Tod in den Aufzeichnungen
3.1 Der Tod als ein Zentrum der Rilkeschen Gedankenwelt
3.2 Öffentliches Sterben
3.2.1 Die Angst vor dem Tod und die Liebe zum Leben
3.3 Die Frucht des Lebens und ihr Kern
3.4 Der Kammerherr und seine Frau
3.5 Der Tod der Eltern
3.6 Maltes Ausweg
4. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielfältigen Facetten des Sterbens und Todes in Rainer Maria Rilkes Prosawerk „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. Ziel ist es, das dem Werk zugrunde liegende Todesideal sowie dessen Bedeutung für die Figur des Malte und den Autor selbst zu erarbeiten, wobei insbesondere der Gegensatz zwischen dem anonymen Großstadtsterben und dem individuellen „eigenen Tod“ im Fokus steht.
- Das Todesverständnis als zentrales Motiv in Rilkes Gedankenwelt.
- Die Abgrenzung von öffentlichem, familiärem und historischem Sterben.
- Die „Frucht-Metapher“ und die Einheit von Leben und Tod.
- Die existenzielle Bedeutung der Todesangst für das eigene Ich-Verständnis.
- Die Rolle des Dichters bei der Suche nach einer neuen Sinngebung für Dasein und Tod.
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Tod als ein Zentrum der Rilkeschen Gedankenwelt
Bevor man sich mit der oder vielmehr den in den Aufzeichnungen enthaltenen Todeskonzeptionen beschäftigt, sollte zunächst die Frage geklärt werden, warum der Tod für Rilke eine derart bedeutende Rolle spielt, dass Regina Stuber zu der Aussage gelangt: „Rilke schließlich, der sich selbst als ‚Schüler des Todes’ bezeichnete, hat sein gesamtes dichterisches Schaffen dem Versuch gewidmet, den Verlust der religiösen Transzendenz im Medium der Kunst zu bewältigen.“ Eine plausible Antwort darauf gibt Stuber selbst. Sie erläutert das Phänomen, dass in der geistigen Welt im Deutschland des 19. Jahrhunderts „eine immer radikaler und offener sich erklärende Abkehr vom Glauben an die Existenz Gottes“ zu beobachten ist. Aus dem Aufbrechen religiöser Bindung folgt jedoch unweigerlich auch der „Verlust der Verankerung im Jenseits“. Der Mensch wird durch diese Entwicklung zwar von der „Tyrannei des allmächtigen Gottes“ befreit, muss aber gleichzeitig auch neue Wege finden, seiner Existenz einen Sinn zu geben.
Löst man sich wie Rilke von der in der christlichen Heilslehre verankerten Vorstellung, dass der Tod nur den Übergang in eine neue Welt bedeutet, so ist es durchaus verständlich, dass der Auseinandersetzung mit dem Wesen des Todes ein besonderer Stellenwert zukommt. Schließlich ist der Gedanke, dass der Tod ein absolutes Ende bedeutet und damit jegliche Existenz erlischt, für den Menschen seit jeher nur schwer zu ertragen gewesen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet die Entstehungsgeschichte des Werks und das komplexe Verhältnis zwischen Rilke und seinem Protagonisten Malte Laurids Brigge.
2. Aufgabenstellung: Hier wird die zentrale Fragestellung der Arbeit definiert, nämlich die Untersuchung der verschiedenen Sterbearten und die Herausarbeitung des zugrunde liegenden Todesideals.
3. Sterben und Tod in den Aufzeichnungen: Dieses Kapitel bildet den analytischen Hauptteil, in dem die unterschiedlichen Todeskonzepte, von der Anonymität der Großstadt bis zur familiären Tradition, differenziert betrachtet werden.
3.1 Der Tod als ein Zentrum der Rilkeschen Gedankenwelt: Es wird analysiert, warum der Tod aufgrund des Verlusts religiöser Transzendenz zu einem zentralen und notwendigen Bezugspunkt für Rilke und Malte wird.
3.2 Öffentliches Sterben: Der Fokus liegt auf Maltes negativer Wahrnehmung des anonymen, „fabrikmäßigen“ Sterbens in der modernen Metropole Paris.
3.2.1 Die Angst vor dem Tod und die Liebe zum Leben: Dieses Kapitel erläutert, wie aus der existenziellen Todesangst und dem „Sehen-Lernen“ eine neue Form der Selbstreflexion und Liebe zum Leben erwächst.
3.3 Die Frucht des Lebens und ihr Kern: Die Frucht-Metapher wird hier als Symbol für die Einheit von Leben und Tod sowie für die Bewahrung individueller Identität gedeutet.
3.4 Der Kammerherr und seine Frau: Die Untersuchung der gegensätzlichen Sterbeprozesse des Großelternpaares dient zur Veranschaulichung der „Komplementarität“ von Leben und Tod.
3.5 Der Tod der Eltern: Hier wird anhand des Todes der Mutter und des Vaters die Differenzierung zwischen verschiedenen familiären Prinzipien, dem „Briggeschen“ und dem „Braheschen“, erörtert.
3.6 Maltes Ausweg: Das Kapitel schließt mit der Betrachtung von Maltes Hoffnung, als Dichter durch eine neue Sinngebung über das eigene Sterben hinauszudenken.
4. Zusammenfassung: Die zentralen Erkenntnisse der Arbeit werden resümiert und die Bedeutung der negativen Erfahrungen für den Erkenntnisgewinn des Protagonisten hervorgehoben.
Schlüsselwörter
Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Tod, Sterben, Todesideal, Existenz, Großstadt, Individuum, Sinngebung, Identität, Todesangst, Moderne, Literatur um 1900, Dichtung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der zentralen Rolle des Sterbens und des Todes in Rilkes Prosawerk „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten gehören der Gegensatz zwischen anonymem und individuellem Sterben, die Metaphorik des Todes sowie das Ringen um Sinnhaftigkeit in einer entfremdeten Welt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es, die verschiedenen Facetten des Sterbens zu beleuchten und das spezifische Todesideal herauszuarbeiten, das Maltes Gedankenwelt bestimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung und kritischer Auseinandersetzung mit der einschlägigen Sekundärliteratur zu Rilke.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Sterbeformen (öffentlich, familiär, geschichtlich) und untersucht zentrale Metaphern wie die „Frucht des Lebens“ sowie die Entwicklung Maltes durch seine Todesfurcht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Rilke, Todesideal, Existenz, Entfremdung, individuelle Identität und die Rolle des Dichters.
Welche Bedeutung hat das „Hotel Dieu“ für die Analyse?
Das „Hotel Dieu“ steht für das anonyme, „fabrikmäßige“ Sterben in der Großstadt, das Malte zutiefst abschreckt und ihn zur Reflexion über sein eigenes Todesideal führt.
Wie unterscheiden sich die „Brigges“ von den „Brahes“?
Das Briggesche Prinzip steht für eine organische, individuelle Entwicklung, während das Brahesche Prinzip die Austauschbarkeit und das Aufheben der zeitlichen Grenzen des Daseins repräsentiert.
Was bedeutet die Frucht-Metapher für das Todesverständnis?
Die Metapher verdeutlicht, dass der Tod kein bloßes Ende ist, sondern als „Kern“ des Lebens dessen Fundament und den eigentlichen Sinn der Existenz darstellt.
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- Sascha Fiek (Author), 2003, Sterben und Tod in Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20735