Die Ethische Dimension von Risikoberechnungen am Beispiel der zivilen Kernenergienutzung


Hausarbeit, 2012

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINFÜHRUNG

I. RISIKOBERECHNUNG UND RISIKOBEWERTUNG
I.1 Begriffsklärung und Definition
I.2 Risiko in der modernen Gesellschaft
I.3 Die Formel Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadensausmaß
I.4 Ergänzungen und Erweiterungen der Risikoformel

II. RISIKEN DER ZIVILEN KERNENERGIENUTZUNG
II.1 Kernspaltung und Radioaktivität
II.2 Auslegungsstörfälle und auslegungsüberschreitende Störfälle
II.3 Super-GAU

III. ETHISCHE DIMENSIONEN DER RISIKOBERECHNUNG UND RISIKOBEURTEILUNG
III.1 Allgemein
III.2 Eintrittswahrscheinlichkeit
III.3 Schadensausmaß
Eine neue Qualität des Risikos
Zeitlicher Horizont
III.4 Weitere Ethische Überlegungen
Unfreiwilligkeit und anthropogene Verursachung
Versicherungsschutz

IV. SCHLUSS

V. QUELLENVERZEICHNIS
V.I Literatur
V.II Internet

Einführung

„ Natürlich hat Kernkraft ihre Risiken. Es gibt aber keine Energie und nichts auf der Welt ohne Risiken, nicht einmal die Liebe."

Helmut Schmidt (Zeit Online 2008)

Drei Jahre vor dem „Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg“ (Brost 2011) sprach sich Altkanzler Helmut Schmidt in der ZEIT für die weitere Nutzung von Kernenergie in Deutschland aus. So alt wie die zivile Nutzung der Kernkraft selbst ist auch der Streit zwischen Widersacher und Befürworter. Im Zentrum steht dabei neben der ungelösten Endlagerfrage immer wieder der Begriff des Risikos. Während die Verfechter die Energiegewinnung durch Kernkraftwerke als „vernünftig“ (Sentker 2009) ansehen, mit der Begründung dass eine Kernschmelze als größter anzunehmender Unfall durch technische Entwicklungen „prinzipiell ausgeschlossen“ (ibid.) sei, werten Kritiker die Errichtung und Verwendung solcher Anlagen als Angriff auf die Menschheit, da „auch wenn sie nicht, wie Bomben oder Raketen den Tod von tausenden bezwecken, diesen doch in Kauf nehmen.“

(Anders 1986: 127). Doch wie hoch oder gering ist Wahrscheinlichkeit eines „auslegungsüberschreitenden Störfall[s]“ (Schrader 2009), also eines Zwischenfalles für welchen das Kernkraftwerk nicht ausgerichtet ist, wirklich? Auf welcher Basis wird das Risiko der zivilen Kernkraftnutzung ermittelt? Und welche ethischen Überlegungen fließen in die Risikobeurteilung ein wenn es als unvermeidbares „Restrisiko“ oder „sozialadäquate Last“ (Rath 2011) die von der Bevölkerung zu tragen ist angesehen wird?

Diesen Fragen soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden. Insbesondere soll herausgestellt werden, welche normativen Entscheidungen in die Risikobeurteilung mit einfließen. In Teil (I) soll dazu näher auf die Risikoforschung im Allgemeinen und Möglichkeiten der Risikoberechnung eingegangen werden. Im Anschluss behandelt Teil (II) die Vorgänge und Wahrscheinlichkeiten eines auslegungsüberschreitenden Störfalls beziehungsweise Super-GAU1. Vor diesem Hintergrund soll dann in Teil (III) die ethische Dimension der Risikorechnungen herausgearbeitet und hinterfragt werden.

I. Risikoberechnung und Risikobewertung

I.1 Begriffsklärung und Definition

Der Begriff Risiko geht auf das Wort rischiare zurück, welches im Oberitalien des 14. Jahrhunderts geprägt wurde und soviel heißt wie „Klippen umsegeln, aber auch, sich in klippenreiche Seegebiete vorwagen“ (Münkler 2010: 19). Damit wurde auf das Wagnis des Seehandels verwiesen, der Reichtum als große Chance versprach, allerdings auch Gefahr für Leib und Leben barg. Menschen die dieses Risiko auf sich nahmen konnten viel gewinnen, allerdings auch ebenso alles verlieren. Da Risiko also die Möglichkeit von positiven sowie negativen Folgen impliziert, schlagen einige Autoren vor den Begriff neutral zu definieren als „Möglichkeit von ungewissen Folgen eines Ereignisses oder einer Handlung“ (Rosa 1997, zitiert in Renn & Klinke 2003: 95). Im umgangssprachlichen Gebrauch ist die Konnotation als Chance heute weitgehend verloren gegangen (vgl. König 2010: 209) und Risiko wird oft synonym mit Gefahr verwendet, die den „drohenden Eintritt eines Ereignisses oder de[n] Beginn einer Entwicklung [das/die für] Betroffene schwere Schädigungen zur Folge haben kann“ (Münkler 2010: 11) bezeichnet und damit definitionsgemäß ausschließlich die möglichen negativen Auswirkungen umfasst. Des Weiteren ist der Begriff Bedrohung von Bedeutung. Dieser wird ähnlich der Gefahr definiert, mit dem Unterschied, dass ein Akteur identifizierbar ist der bestimmte Absichten verfolgt (vgl. ibid.).

I.2 Risiko in der modernen Gesellschaft

In Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte waren Gefährdungen vor allem auf die Natur zurückzuführen. Seit rund 200 Jahren haben technische Entwicklungen, unter anderem zum Schutz vor der Natur, rasant zugenommen. Parallel dazu stieg die durchschnittliche Lebenserwartung in den Ländern des Globalen Nordens signifikant an und hat sich unterdessen mehr als verdoppelt (DKV 2012). Viele Wissenschaftler schließen aus dieser Korrelation, dass das Leben viel sicherer geworden ist (König 2010: 208). Dennoch wird die heutige Gesellschaft oft als „Risikogesellschaft“ (Beck, zitiert in König 2010) bezeichnet. Dieser vermeidliche Widerspruch lässt sich durch die Betrachtung oben stehender Begriffsdefinitionen auflösen.

Dadurch dass die Natur zunehmend beherrschbar wurde (was bei vielen zum Irrglauben führt, diese gänzlich kontrollieren zu können), nahmen Gefährdungen, beispielsweise durch Naturkatastrophen, ab und wurden durch die mit vielen Technologien verbundenen Risiken ersetzt. Ein modernes Beispiel ist die Gentechnik, mit deren Hilfe unter anderem extrem widerständige Nutzpflanzen gezüchtet werden sollen. Zwar würde man so dadurch die Gefährdung durch schlechte Wetterbedingungen verringern, jedoch diese durch das Risiko das mit der Gentechnik verbunden ist ersetzen. Ebenso die Kernenergiegewinnung, die einerseits Energie liefert - als eine Grundlage für moderne Gesellschaften - andererseits das hier zu diskutierende Risiko birgt.

I.3 Die Formel Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadensausmaß

Eine gängige Berechnung des Risikos stammt aus der Versicherungsmathematik. Mit der Risikoformel: R (Risiko) = S (Schadensumfang bzw. Schadenspotential) × H (Eintrittshäufigkeit bzw. Eintrittswahrscheinlichkeit) (vgl. König 2010: 213) soll versucht werden Risiko zu quantifizieren. Die Vorgehensweise, größer werdende Schadensausmaße nur zu akzeptieren, wenn die Wahrscheinlichkeit des Eintritts entsprechend gering wird scheint zunächst einleuchtend. Auch die Ermittlung numerischer Werte stellt sich für die Berechenbarkeit von Risiko als nahe liegend dar. Für viele komplexe Risikosituationen ist diese Bestimmungsversuch jedoch unzureichend (vgl. Renn & Klinke 2003: 96), da einigen Dimensionen des Risikos damit keine, oder eine stark vereinfachte Gewichtung zustanden wird.

I.4 Ergänzungen und Erweiterungen der Risikoformel

Durch die Verwendung der Eintrittswahrscheinlichkeit als einen von nur zwei Multiplikanden wird von einer sehr genauen Bekanntheit dessen ausgegangen. Durch eine Reihe von Ungewissheiten lassen sich jedoch oft nur vage Vermutungen darüber anstellen, wie hoch die Wahrscheinlichkeiten tatsächlich sind. Darüber „wann, bei wem oder wo sich diese Folgen materialisieren“ (Renn & Klinke 2003: 101) lassen sich zudem keine Aussagen treffen. Renn und Klinke identifizieren vier Typen der Ungewissheit2 und schlagen vor einen Indikator für die verbleibende Unsicherheit mit in die Risikoformel aufzunehmen (ibid.).

Es kann also festgehalten werden, dass zur Beurteilung von Risiken die einfache Formel Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadensausmaß nicht ausreicht. Weitere Parameter die zum einen die Unsicherheit bei der Eintrittswahrscheinlichkeitsberechnung darstellen, sowie verschiedene Dimensionen des Schadensausmaßes genauer spezifizieren sind von Nöten. Auch die Risikowahrnehmung und „weiche Werte“ (Birnbacher 1993: 187) müssen bei der Beschreibung von Risiken Beachtung finden.

[...]


1 Die Abkürzung GAU steht für gr öß tes anzunehmender Unfall. Das Prefix super stammt aus dem lateinischen und drückt aus, dass der Unfall noch über den anzunehmenden und damit verhinderbaren Unglücksfall (größter Auslegungsstörfall) hinausgeht. Synonym dazu kann man auch von einem auslegungsüberschreitenden Störfall reden.

2 Als die vier Typen von Ungewissheit bestimmen Renn & Klinke die inter-individuelle Sensibilität, die Summe von Messfehlern und Extrapolationen, stochastische Prozesse und verbleibende Unbekannte.

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Details

Titel
Die Ethische Dimension von Risikoberechnungen am Beispiel der zivilen Kernenergienutzung
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Ethik und Technik am Beispiel der Kernspaltung
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V207363
ISBN (eBook)
9783656347262
ISBN (Buch)
9783656349761
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Technikethik, Kernenergie, Atomkraft, Ethik, Atomausstieg, Risiko, Risikoberechnung
Arbeit zitieren
Ben Schmid (Autor), 2012, Die Ethische Dimension von Risikoberechnungen am Beispiel der zivilen Kernenergienutzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207363

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