Drei Jahre vor dem „Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg“ (Brost 2011) sprach sich Altkanzler Helmut Schmidt in der ZEIT für die weitere Nutzung von Kernenergie in Deutschland aus. So alt wie die zivile Nutzung der Kernkraft selbst ist auch der Streit zwischen Widersacher und Befürworter. Im Zentrum steht dabei neben der ungelösten Endlagerfrage immer wieder der Begriff des Risikos. Während die Verfechter die Energiegewinnung durch Kernkraftwerke als „vernünftig“ (Sentker 2009) ansehen, mit der Begründung dass eine Kernschmelze als größter anzunehmender Unfall durch technische Entwicklungen „prinzipiell ausgeschlossen“ (ibid.) sei, werten Kritiker die Errichtung und Verwendung solcher Anlagen als Angriff auf die Menschheit, da „auch wenn sie nicht, wie Bomben oder Raketen den Tod von tausenden bezwecken, diesen doch in Kauf nehmen.“ (Anders 1986: 127). Doch wie hoch oder gering ist Wahrscheinlichkeit eines „auslegungsüberschreitenden Störfall[s]“ (Schrader 2009), also eines Zwischenfalles für welchen das Kernkraftwerk nicht ausgerichtet ist, wirklich? Auf welcher Basis wird das Risiko der zivilen Kernkraftnutzung ermittelt? Und welche ethischen Überlegungen fließen in die Risikobeurteilung ein wenn es als unvermeidbares „Restrisiko“ oder „sozialadäquate Last“ (Rath 2011) die von der Bevölkerung zu tragen ist angesehen wird?
Diesen Fragen soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden. Insbesondere soll herausgestellt werden, welche normativen Entscheidungen in die Risikobeurteilung mit einfließen. In Teil (I) soll dazu näher auf die Risikoforschung im Allgemeinen und Möglichkeiten der Risikoberechnung eingegangen werden. Im Anschluss behandelt Teil (II) die Vorgänge und Wahrscheinlichkeiten eines auslegungsüberschreitenden Störfalls beziehungsweise Super-GAU1. Vor diesem Hintergrund soll dann in Teil (III) die ethische Dimension der Risikorechnungen herausgearbeitet und hinterfragt werden.
Inhaltsverzeichnis
EINFÜHRUNG
I. RISIKOBERECHNUNG UND RISIKOBEWERTUNG
I.1 Begriffsklärung und Definition
I.2 Risiko in der modernen Gesellschaft
I.3 Die Formel Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadensausmaß
I.4 Ergänzungen und Erweiterungen der Risikoformel
II. RISIKEN DER ZIVILEN KERNENERGIENUTZUNG
II.1 Kernspaltung und Radioaktivität
II.2 Auslegungsstörfälle und auslegungsüberschreitende Störfälle
II.3 Super-GAU
III. ETHISCHE DIMENSIONEN DER RISIKOBERECHNUNG UND RISIKOBEURTEILUNG
III.1 Allgemein
III.2 Eintrittswahrscheinlichkeit
III.3 Schadensausmaß
Eine neue Qualität des Risikos
Zeitlicher Horizont
III.4 Weitere Ethische Überlegungen
Unfreiwilligkeit und anthropogene Verursachung
Versicherungsschutz
IV. SCHLUSS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ethische Dimension von Risikoberechnungen am Beispiel der zivilen Kernenergienutzung, um kritisch zu hinterfragen, auf welcher Basis das Risiko ermittelt wird und welche normativen Entscheidungen in die Risikobeurteilung einfließen.
- Risikoforschung und mathematische Grundlagen der Risikoberechnung
- Technische und ethische Aspekte der zivilen Kernkraftnutzung
- Kritische Analyse von Störfällen und der Wahrscheinlichkeit von Super-GAUs
- Diskussion über das Schadensausmaß und die Zukunftsverantwortung
- Ethische Reflexion von Unfreiwilligkeit, Haftung und Schadensbewertung
Auszug aus dem Buch
Eine neue Qualität des Risikos
Die Überlegung ist also, ob man das Risiko der Kernenergie überhaupt nach herkömmlichen Kriterien beurteilen darf, oder ob nicht eine neue Dimension der Gefahr von dieser Energiequelle ausgeht, die, sei das Risiko auch noch so gering – und selbst das ist anzuzweifeln – allein aufgrund ihrer zerstörerischen Möglichkeit zu verurteilen ist. Günter Anders spricht in diesem Zusammenhang von „Mord, Genozid, sogar Auslöschung der Zukunft“ (1986: 127). Er sieht die Gefährdung, die von der Nutzung der Kernenergie ausgeht als Angriff auf die Menschheit (vgl. ibid.). Hierbei steht nicht die genaue Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Unglücks im Mittelpunkt – und dass die Möglichkeit eines solchen besteht wurde in der Geschichte wiederholt deutlich – sondern das Ausmaß und dessen Unkalkulierbarkeit. Bedient man sich Hans Jonas’ Imparativ „[h]andle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ (Jonas 1979: 36) wird die Argumentation deutlich. Handlungen, die diesen indefiniten Fortbestand bedrohen sind unmoralisch und unverantwortlich. Jonas sagt weiter, dass man zwar das eigene Leben wagen dürfe, „aber nicht das der Menschheit“ (ibid.). Untermauert werden die Überlegungen durch den Begriff Wagnis. Im Gegensatz zum Risiko wird dieser in der Regel nicht quantitativ benutzt. Das heißt nicht die Wahrscheinlichkeit ist entscheidend, sondern das Ausführen einer Handlung die die Auslöschung der gesamten oder zumindest großen Teile der Menschheit als denkbare Folge in Kauf nimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
EINFÜHRUNG: Diese Einleitung führt in die Kontroverse um die Kernenergienutzung ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der normativen Grundlagen der Risikobeurteilung.
I. RISIKOBERECHNUNG UND RISIKOBEWERTUNG: Das Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Risikoforschung sowie die methodischen Möglichkeiten und Limitationen der quantitativen Risikoformel.
II. RISIKEN DER ZIVILEN KERNENERGIENUTZUNG: Hier werden die technischen Hintergründe der Kernspaltung dargelegt und die Kategorisierung von Störfällen sowie die historische Relevanz von Super-GAUs analysiert.
III. ETHISCHE DIMENSIONEN DER RISIKOBERECHNUNG UND RISIKOBEURTEILUNG: Dieses Kapitel stellt die ethische Reflexion in den Mittelpunkt, indem es Probleme der Schadensbewertung, der Zukunftsverantwortung und der Akzeptanz von Risiken erörtert.
IV. SCHLUSS: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Risikoberechnungen nicht losgelöst von ethischen Überlegungen betrachtet werden können, da sie stets normative Setzungen enthalten.
Schlüsselwörter
Kernenergie, Risiko, Risikoberechnung, Ethik, Super-GAU, Kernschmelze, Verantwortung, Wahrscheinlichkeit, Schadensausmaß, Risikowahrnehmung, Kernspaltung, Technikethik, Sicherheitsanalyse, Umweltrisiko
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich kritisch mit der ethischen Dimension von Risikoberechnungen in der zivilen Kernenergienutzung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen mathematische Risikomodelle, die technische Realität der Kernspaltung, die ethische Einordnung von Störfällen sowie Fragen der generationenübergreifenden Verantwortung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist herauszustellen, welche normativen Entscheidungen in die Risikobeurteilung einfließen und ob eine rein rechnerische Herangehensweise bei komplexen Risiken wie der Kernenergie ausreichend ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine ethisch-philosophische Analyse, die bestehende Risikoforschung und mathematische Modelle mit ethischen Imperativen, wie denen von Hans Jonas, in einen kritischen Dialog setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Grundlagenbetrachtung der Risikoforschung, eine Darstellung der technischen Risiken der Kernkraft und eine tiefgehende ethische Auseinandersetzung mit der Risikoakzeptanz und Verantwortung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Risiko, Ethik, Kernkraft, Super-GAU, Schadensausmaß und Zukunftsverantwortung.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Risiko und Wagnis?
Im Gegensatz zum quantifizierbaren Risiko bezeichnet ein Wagnis Handlungen, bei denen nicht die Eintrittswahrscheinlichkeit, sondern das Ausführen der Handlung selbst die potenzielle Auslöschung der Menschheit in Kauf nimmt.
Warum wird die Risikoformel in der Arbeit als unzureichend kritisiert?
Die Formel "Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadensausmaß" wird kritisiert, weil sie komplexe ethische Dimensionen wie Zukunftsverantwortung, Unfreiwilligkeit und die Unkalkulierbarkeit katastrophaler Ausmaße nur stark vereinfacht oder gar nicht abbildet.
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- Ben Schmid (Author), 2012, Die Ethische Dimension von Risikoberechnungen am Beispiel der zivilen Kernenergienutzung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207363