Warum gibt es eine lutherische und eine reformierte Kirche? Worin lag der Grund, dass die Reformatoren des 16. Jahrhunderts sich nicht nur von der römisch-katholischen Lehre distanzierten, sondern auch noch derart große Differenzen aufbauten, dass die protestantischen Kirchen sich in zwei Gruppierungen aufspalteten?
Mit dem Erscheinen des Heidelberger Katechismus, der heute der meistverbreitete reformierte Katechismus ist, trat 1563 das erste deutsche Fürstentum, die Kurpfalz, zum reformierten Lager über, nachdem im deutschen Luthertum die Einflüsse aus Zürich und Genf stetig gewachsen waren. Vor allem der lang anhaltende Streit um das Abendmahl, der sich besonders heftig zwischen Luther und Zwingli abgespielt hatte, ließ die reformatorische Einheit aufbrechen. 14 Jahre nach Erscheinen des Heidelberger Katechismus verfassten lutherische Theologen deshalb auf Veranlassung des sächsischen Kurfürsten August die Konkordienformel, die letzte lutherische Bekenntnisschrift. Mit ihr wollte man sowohl eine Einigung im lang anhaltenden innerlutherischen Streit erzielen als auch eine konfessionelle Abgrenzung zur reformierten Lehre. Insofern werden die strittigen Punkte in dieser Schrift gut zum Ausdruck gebracht, weswegen sie sich zur genaueren Betrachtung der inner-protestantischen Verschiedenheiten besonders eignet.
In dieser Arbeit soll nun anhand des Abendmahlsverständnisses dieser beiden zentralen Bekenntnisschriften untersucht werden, worin sich die beiden großen evangelischen Lehren unterscheiden. Dazu ist es zunächst nötig, die Entstehungsgeschichten zu erfassen und kurz nachzuzeichnen. In vollem Umfang ist das hier offenbar nicht möglich. Da das Hauptaugenmerk auf den verschiedenen Lehren liegt, können die Einflüsse der Vorgeschichte nur ansatzweise an einigen Stellen aufgezeigt werden. Jedoch ergibt sich im Zuge der Untersuchung ebenfalls eine Einführung in das allgemeine Denken der reformierten und lutherischen Theologen. Auch die katholische Abendmahlsauffassung wird kurz dargelegt. Um den vorgegeben Rahmen nicht zu sprengen, muss sich die Analyse des Abendmahlsverständnisses allerdings in der Konkordienformel auf die Behandlung von Artikel 7 und 8 und im Heidelberger Katechismus auf die Fragen 47f. und 75-82 beschränken.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Heidelberger Katechismus
2.1 Entstehungsgeschichte und Profil
2.2 „Von den Sakramenten“
2.3 Das Abendmahlsverständnis
3 Die Konkordienformel
3.1 Entstehungsgeschichte und Profil
3.2 Die Christologie
3.3 Das Abendmahlsverständnis
4 Schlussbetrachtung
5 Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die grundlegenden Unterschiede zwischen lutherischer und reformierter Lehre anhand des Abendmahlsverständnisses im Heidelberger Katechismus und in der Konkordienformel, um die Gründe für die protestantische Spaltung im 16. Jahrhundert zu ergründen.
- Historische Entstehungsgeschichte der beiden Bekenntnisschriften.
- Vergleich der Abendmahlsauffassungen und deren theologische Begründungen.
- Die Rolle der Christologie für die Abendmahlslehre (Realpräsenz vs. geistliche Gemeinschaft).
- Der Einfluss innerprotestantischer Streitigkeiten auf die dogmatische Formulierungen.
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Christologie
Bevor das Abendmahlsverständnis der Konkordienformel untersucht werden kann, ist ein Blick auf die Christologie in Artikel 8 von Nöten. Schließlich bildet sie den wesentlichen Ausgangspunkt des Abendmahlsverständnisses. Deshalb zunächst eine Zusammenfassung der zentralen Aspekte:
Die lutherische Auffassung des Wesens Christi, die sich in 2.3 bereits ansatzweise gezeigt hat, baut auf der klassischen Zwei-Naturen-Lehre des Konzils von Chalcedon (451) auf: Zwei Naturen, wahre Gottheit und wahre Menschheit, sind ungetrennt und ungeschieden sowie unvermischt und unverwandelt in der einen Person Christus. Artikel 8 der KF erläutert nun, inwieweit die göttliche und menschliche Natur miteinander eine Gemeinschaft haben. Es besteht kein Zweifel daran, dass diese persönliche Vereinigung im Gottessohn gegeben ist (1. Aff.). Auch die Begriffe unvermischt und unverwandelt werden sinngemäß vom altkirchlichen Dogma übernommen: „nicht in ein Wesen vermengt, keine in die andere verwandelt“ (2. Aff.). Beide behalten ihre spezifischen Eigenschaften, sie können jedoch nicht auf die jeweils andere Natur übertragen werden, denn die Menschheit ist veränderbar und die Gottheit eben nicht, wie beispielsweise Jak 1, 17 erklärt (3. und 4. Aff.). Auf die gesamte Person können sie allerdings übereignet werden (s. u.).
Doch wie hat man sich diese Vereinigung nun vorzustellen? Die KF entwirft dazu ein sehr anschauliches Bild: Die Naturen verhalten sich zueinander nicht so wie zwei „zusammengeleimte Bretter“, die lediglich eng miteinander verbunden sind, aber kein Austausch zwischen ihnen stattfindet. Vielmehr kann man sie mit einem „feurigen Eisen“ vergleichen: Wie sich Feuer und Eisen gegenseitig durchdringen, so durchdringen sich auch Gottheit und Menschheit in Christus.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung skizziert die Fragestellung nach den Gründen für die konfessionelle Spaltung im 16. Jahrhundert und führt in die Bedeutung der gewählten Bekenntnisschriften ein.
2 Der Heidelberger Katechismus: Dieses Kapitel behandelt die Entstehungsgeschichte des Heidelberger Katechismus als reformiertes Bekenntnis sowie sein Profil und seine spezifische Lehre zu den Sakramenten und dem Abendmahl.
3 Die Konkordienformel: Hier wird der Entstehungsprozess der Konkordienformel als lutherisches Einigungswerk dargelegt, gefolgt von einer Analyse der zugrunde liegenden Christologie und des lutherischen Abendmahlsverständnisses.
4 Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die wesentlichen theologischen Differenzen zusammen, die zum Bruch der reformatorischen Einheit führten, und ordnet diese historisch ein.
5 Literatur: Das Literaturverzeichnis listet die verwendeten Primär- und Sekundärquellen auf.
Schlüsselwörter
Abendmahl, Heidelberger Katechismus, Konkordienformel, Reformation, Realpräsenz, Christologie, Confessio Augustana, Sakramente, Reformiert, Lutherisch, Abendmahlsstreit, Transsubstantiation, Konsubstantiation, Heilsgewissheit, Idiomenkommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Unterschiede in der Abendmahlslehre zwischen der reformierten und der lutherischen Konfession basierend auf ihren zentralen Bekenntnisschriften.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Geschichte der Reformation, das spezifische Abendmahlsverständnis der beiden Konfessionen sowie die christologischen Grundlagen, die diese Auffassungen stützen.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, worin sich die großen evangelischen Lehren unterscheiden und warum diese Differenzen zum Bruch der reformatorischen Einheit führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematisch-theologische Analyse, die historische Kontexte mit einer dogmengeschichtlichen Untersuchung der jeweiligen Texte verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Entstehung, das Profil und die Abendmahlslehre sowohl des Heidelberger Katechismus als auch der Konkordienformel, inklusive der jeweiligen christologischen Voraussetzungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Realpräsenz, Abendmahl, Heidelberger Katechismus, Konkordienformel, Reformation, reformierte und lutherische Theologie.
Wie unterscheiden sich die reformierte und lutherische Auffassung der Realpräsenz?
Während die lutherische Lehre von einer leibhaftigen, realen Gegenwart Christi in den Elementen (Konsubstantiation) ausgeht, betont die reformierte Lehre eine geistliche Gemeinschaft durch den Heiligen Geist, ohne die Substanz der Elemente zu verändern.
Warum spielt die Christologie eine so wichtige Rolle für das Abendmahl?
Die Christologie bestimmt, ob und wie Christus seiner menschlichen oder göttlichen Natur nach im Abendmahl gegenwärtig sein kann. Die lutherische Lehre nutzt das Konzept der Vergottung der menschlichen Natur, um die Realpräsenz zu ermöglichen, während die reformierte Lehre die Integrität der Naturen betont.
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- B.A. Steffen Schütze (Author), 2012, Reformiertes und lutherisches Abendmahlsverständnis im Heidelberger Katechismus und in der Konkordienformel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207545