Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf die kindliche Entwicklung und die Konsequenzen für die Soziale Arbeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Bindungstheorie
1.1 Definition Bindung
1.2 Die Grundannahmen der Bindungstheorie
1.2.1 Die Bedeutung kontinuierlicher und feinfühliger Fürsorge für die seelische Gesundheit
1.2.2 Die biologische Notwendigkeit von Bindungen
1.2.3 Die gegenseitige Abhängigkeit von Bindungsverhalten und Explorationsverhalten
1.2.4 Qualitative Unterschiede von Bindungen
1.2.5 Internale Arbeitsmodelle

2 Bindungsforschung
2.1 Der Vater als als Herausforderer und Helfer beim Explorieren
2.2 Die Sprachliche Erschließung von Internalen Arbeitsmodellen und ihre Bedeutung
2.3 Elterliche Repräsentationen und die Auswirkungen auf die Bindungsqualität des Kindes
2.4 Die Entwicklung von Internalen Arbeitsmodellen
2.5 Diskontinuität in der Entwicklung von Internalen Arbeitsmodellen

3 Trennung der Eltern und ihre Auswirkung auf die kindliche Entwicklung
3.1 Die mütterliche Bindungsrepräsentation als Schutz- oder Risikofaktor
3.2 Angebote für die Betroffenen

Fazit

Literatur

Einleitung

Seit Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts ist die Institution Familie ausgeprägten Wandlungs- prozessen unterworfen. Sozialwissenschaftler sprechen von einer Krise der Familie, die vor alleman der extremen Zunahme der Scheidungszahlen festgemacht wird.1 Hiervon sind rund 170000 min- derjährige Kinder pro Jahr betroffen,2 wodurch das Thema hohe gesellschaftliche Relevanz erhält.Für alle Betroffenen bedeutet die Trennung eine einschneidende Lebenserfahrung, die mit immen- sen und vielfältigen Belastungen verbunden ist. Kunz et al. sprechen in diesem Zusammenhang voneiner Lebenskrise des jeweiligen betroffenen Erwachsenen,3 Grossmann et al. von einem traumati- schen Erlebnis für das Kind.4 In diesem Zusammenhang ist die Soziale Arbeit gefordert den Betrof- fenen bei der Bewältigung ihrer Krise und der Umorientierung in ihrem Leben zu helfen.

Da nicht alle Scheidungen und Trennungen zwangsläufig pathologische Entwicklungen und/ oderdelinquente Verhaltensweisen zur Folge haben,5 entsteht die Frage, welche Bedingungen zu eineradaptiven Bewältigung von einschneidenden Lebensereignissen führen, welche eher Risikofaktorendarstellen und welche Konsequenzen die Soziale Arbeit hierbei für ihre Didaktik und Methodik zie- hen kann?

Die vorliegende Arbeit wurde durch den Vergleich und die Auswertung verschiedener Literatur verfasst. Dargestellt wird zunächst die Bindungstheorie in ihren wesentlichen Aussagen. Sie geht hier- bei von einer biologischen Notwendigkei der Herstellung von Bindungen aus und postuliert dieweitreichende Bedeutung für die psychische Sicherheit des Kindes sichtbar auf der Verhaltensebene Im zweiten Kapitel werden die Ergebnisse der neuen Bindungsforschung dargestellt, die sichmit der sprachlichen Erschließung von Bindungsrepräsentationen und somit mit der Entwicklungvon „normalen“ Entwicklungsverläufen und Abweichungen hiervon und deren Faktoren beschäfti gen. Im letzten Teil werden die Bedeutung der elterlichen Trennung für alle Betroffenen und mögliche Hilfeangebote der Sozialen Arbeit dargestellt. Das Fazit bildet den Schluss der Arbeit.

1 Bindungstheorie

Die Bindungstheorie geht davon aus, dass eine angeborene Bereitschaft des Menschen besteht Bindungen zu erwachsenen Bezugspersonen aufzubauen, da er als „unfertiges Wesen“ frühestens abdem 14. Lebensjahr alleine überleben kann.6 Die Qualitäten der Bindungen beeinflussen die Psychedes Individuums während des gesamten Lebenslaufes: Sie haben Auswirkung auf die Verinnerlichung von Bindungserfahrungen und damit auf die Organisation der Gefühle, des Verhaltens, derZiele und des Selbstbildes einer Person.7 Es werden bei der Bindungstheorie also vier Betrachtungs ebene verbunden: eine phylogenetisch ethologische eine psychologische, eine ontogenetischeund eine klinische.8

1.1 Definition Bindung

Als Bindung wird eine besondere Beziehung (oder auch imaginäres Band) eines Kindes zu einer erwachsenen Person (Bindungsperson9 ) bezeichnet. Dieses Band ist in den Gefühlen einer Person verankert und bindet sie über Zeit und Raum hinweg an eine Person, die als stärker und weiser empfunden wird, von der also Schutz und Fürsorge erwartet werden kann.10

Ein Mensch kann an mehr als eine Person gebunden sein, z.B. an beide Elternteile, Großeltern undevtl. an eine außerfamiliäre Betreuungsperson, wie eine Erzieherin, Tagesmutter o.ä.. Jedoch gibt eshierbei eine eindeutige Hierarchie. Jeschlechter es einem Kind geht, umso mehr möchte es bei derprimären Bezugsperson sein. Weitere, sekundäre Bindungspersonen können das Kind zwar beruhi- gen, allerdings wird es trotzdem die primären Bezugspersonen bevorzugen. Ein wesentliches Merk- mal von Bindungsbeziehunge stellt das Trennungsleid und die Sehnsucht nach der abwesendenwichtigen erwachsenen Person dar. Während bei freundschaftlichen Spielbeziehungen kein Tren- nungsleid entsteht, ist es umso größer, je wichtiger die Bindungsperson für das Kind ist. Die Tren- nung zu sekundären Bezugspersonen ist für ein Kind wenig leidvoll, solange die primäre Bezugs- person Trost spenden kann.11 Dies impliziert, dass Bindungen sehr spezifisch und Bindungsperso- nen nicht beliebig austauschbar sind. Sie sind zudem darauf ausgelegt, dass sie ein Leben lang be stehen.12

1.2 Die Grundannahmen der Bindungstheorie

1.2.1 Die Bedeutung kontinuierlicher und feinfühliger Fürsorge für die seelische Gesundheit

Unabhängig von der Kultur sind es die Mütter, die sich in den ersten beiden Lebensjahren des Kin- des am häufigsten und zuverlässigsten kümmern,13 weshalb gerade die mütterliche Feinfühligkeitgegenüber den Signalen des Säuglings das zentrale Konzept der empirischen Bindungsforschungdarstellt.14 In ihrer Rolle als Versorgerin gewährleistet sie zunächst die Ernährung, Wärme und denImmunschutz des Säuglings, gestaltet seine Ruhe- und Aktivitätsphasen mit und erzeugt so positiveEmotionen und reduziert gleichzeitig physiologischen Stress.15 Sie ist also externer Regulator pri- märer Bedürfnisse.16 Ihre Feinfühligkeit ist konstitutiv für die sichere Bindung des Säuglings zu ihr.Nach Ainsworth ist die Feinfühligkeit dadurch definiert, dass die Mutter aufmerksam für das Befin- den des Säuglings ist und seine Signale wahrnimmt (z.B. er weint), sie richtig interpretiert und vonihren eigenen Bedürfnissen unterscheiden kann (er hat Hunger, er will sie nicht ärgern). Sie reagiertprompt darauf, um ihn ein Gefühl für die Wirksamkeit seiner Äußerungen zu vermitteln und gibtdem Säugling das, was er braucht, also nicht zu viel und nicht zu wenig (sie stillt ihn sofort bis ersich abwendet), sodass sich die Angemessenheit nach der Entwicklung des Kindes richtet (stillen,füttern, Mahlzeit bereitstellen).17 Das Kind erfährt also, dass seine Äußerungen Wirkung haben, in- sofern sein Leid beendet wird und Bedürfnisse befriedigt werden. Es lernt auch, dass es sich hierbeiauf die umsorgende Person verlassen kann, dass sie es versteht und in seinen Befindlichkeiten ernstnimmt, als wesentliche Voraussetzung psychischer Sicherheit und kindlichen Explorationsverhal- tens.18

1.2.2 Die biologische Notwendigkeit von Bindungen

Bindungsverhalten hat ihren Ursprung in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit und hat fürsie aus zweierlei Hinsicht einen Überlebenswert. Der Mensch ist zunächst ein soziales Wesen, so- dass Bindungen die Grundlage seiner Sozialstruktur darstellen. Sie dienen der Fürsorge und demSchutz des Kindes vor Gefahren und erhöhen so die Überlebenschancen des Individuums und damitder eigenen Art.19 Auf physiologischer Ebene bedeutet die Bindung zur Mutter für den Säugling dieRegulatio vo Körperfunktione wi Herzschlag Atmun u.a sowi di Ausschüttun von Wachstumshormonen und körpereigenen Opiaten. Diese positiven Emotionen diene als Antrieb fü da Spiel un Erkundungsverhalten Di normale Bemutterun regulier als de gesamten Säugling von seinem Verhalten bis zu seinem Herzschlag. Umgekehrt gilt, dass bei drohender oder tatsächliche Trennun negativ Emotione un entsprechend körperlich Reaktione ausgelöst werden und das Erkundungsverhalten deaktiviert wird.20

Weiter ist der Mensch aus biologischer Notwendigkeit ein Kulturwesen, begründet in seiner organischen Unspezialisiertheit und Unfertigkeit, in seinem natürlichem Nichtfestgelegtsein und seiner In stinktarmut.21 Seine einzigartige Hirnstruktur ist die Grundlage für Bewusstsein, Verstand, Erinne rungsvermögen, Begriffssprache, Urteils und Reflexionsvermögen und befähigt ihn, seine Umweltaktiv zu gestalten bzw. Kultur zu erzeugen.22 Der zu früh geborene Mensch im Sinne bei der Ge- burt noch nicht ausgereifter kognitiver Fähigkeiten23 ist in seiner Entwicklung auf die Kommunika- tion mit seinen Bindungspersonen angewiesen, um ein sprachlich darstellbares Verständnis von Ge- fühlen, motivierten Zielen und kognitivem Erkennen zu schaffen und zu verinnerlichen.24 Erst dieBindung mit anderen Menschen lässt also das menschliche Gehirn zu seinen höheren Funktionenreifen, die den Menschen erst zum solchen machen.25 Sie regulieren zudem die Emotionen des Men- schen, verleihen ihm damit eine Bedeutung und werden als Erinnerung gespeichert, sodass diese Er- fahrungen das Erleben und Verhalten in bestimmten Situationen steuern26 und in Wechselwirkungdie Anpassung an die Umwelt erst ermöglichen.27

1.2.3 Die gegenseitige Abhängigkeit von Bindungsverhalten und Explorationsverhalten

Der Mensch ist, wie bereits im vorherigen Abschnitt beschrieben, auf Bindungen existentiell ange- wiesen. Als kulturelles Wesen ist jedoch das zentrale Ziel jeder menschlichen Entwicklung auch dieAneignung seiner Umwelt.28 Das ebenfalls angeborene Explorationsverhalten des Menschen steht ineinem „antagonischen Verhältnis“ zum Bindungsverhalten.29 Letzteres wird nur in belasteten Situationen gezeigt, also wenn das Kind die Nähe seiner Bindungsperson braucht, z.B. durch Krankheit,Trauer, Hunger, Alleinsein in einer fremden Umgebung oder aber durch die Gefährdung der Bindung selbst. I einer solchen Situation wird sofort das Explorationsverhalten deaktiviert, um dieNähe zur Bindungsperson herzustellen. Besteht jedoch keine Gefahr mehr für das Kind, fühlt essich wohl, wird der Antrieb zur Exploration der Umwelt wieder aktiviert.30 Das Kind braucht dieBindungsperson also als einen „sicheren Hafen“, den es aufsucht, wenn es sich unwohl fühlt und als„sichere Basis“, die es gestärkt verlassen kann, wenn es sich sicher fühlt und Neues entdeckenwill.31

1.2.4 Qualitative Unterschiede von Bindungen

Bereits am Ende des ersten Lebensjahres lassen sich bei Kindern unterschiedliche Bindungsstrategien durch eine von Mary Ainsworth entwickelte und mittlerweile standardisierte Untersuchungsme- thode der „fremden Situation“ feststellen. Hierbei wird das Bindungsverhalten durch die Trennungvon Mutter und Kind in einer Situation mit vielen fremden Aspekten (Gebäude, Raum, fremde Person) provoziert, auf Video aufgenommen und die Interaktion zwischen Mutter und Kind bei Wiedervereinigung analysiert.32 Je nach dem, wie die Mutter zur Bewältigung des Trennungsstressesgenutz wurde konnte zunächs dre Haupt-Bindungsstrategie (organisiert Bindungsmuster),später vier (hinzu kam die vorher nicht einordbare Desorgination) klassifiziert werden:

Die sicheren Bindungsmuster (B) sind dadurch gekennzeichnet, dass das Kind offen seine Bedürfnisse in allen Phasen der Untersuchung kommuniziert, deutlich beim Fortgehen der Mutter protestiert und ihr entgegen strebt, wenn sie wieder den Raum betritt. Nach der Beruhigung durch den eingeforderten Körperkontakt, kann es weiter spielen. Diese Verhaltensstrategien sind so erfolgreich, dass das Stresshormon Cortisol bei dem Kind hierbei nicht nachweisbar ist.33

Wesentliches Merkmal de unsicher-vermeidende Bindungsmuster (A) ist, dass kaum Trennungsleid erkennbar wird, solange die fremde Person bei den Kindern ist. Sie weinen nicht und vermeiden es, der wiederkehrenden Bindungsperson gegenüber Bindungsbedürfnis und verhalten zu zeigen, sondern wenden sich stattdessen vermehrt dem Spielzeug zu. Das Explorationsverhalten ist jedoch nur halbherzig. Dieses Verhalten erreicht nicht das Ziel, psychische Sicherheit wiederherzustellen, da die Herzschlagfrequenz und der Cortisolspiegel steigen.34

Unsicher ambivalente Bindungsmuster (C) sind durch das ausgeprägte, widersprüchliche, übertriebene dramatisc wirkend un mi Ärge vermischt Bindungsverhalte gekennzeichnet.

[...]


1 Vgl. Peuckert 2008, S. 9, S. 167

2 Vgl. Harnach 2007, S. 262

3 Vgl. Kunz et al. 2009, S. 17

4 Vgl. Grossmann et al. 2008, S. 496

5 Vgl. Harnach 2007, S. 264

6 Vgl. Grossmann et al. 2008, S. 29; vgl. Huber 2005, S. 88

7 Vgl. Grossmann et al. 2008, S. 29

8 Vgl. ebd.

9 Aus stilistischen Gründen werden die Begriffe „Bezugsperson“ und „wichtige Person“ synonym verwendet

10 Vgl. Schleiffer 2009, S. 27; Vgl. Grossmann et al. 2008, S. 71

11 Vgl. ebd., S. 68 f

12 Vgl. ebd., S. 40

13 Vgl. Schleiffer 2009, S. 31; vgl. Grossmann et al. 2008, S. 129

14 Vgl. ebd., S. 116

15 Vgl. ebd., S. 42

16 Vgl. Sander 1977, vgl. Spangler et al. 1994 n. Grossmann et al., 2008, S. 114

17 Vgl. Ainsworth 1978 zit. n. Schleiffer 2009, S. 39; vgl. Grossmann et al. 2008, S. 119

18 Vgl. Grossmann et al. 2008, S. 120 f, S. 183

19 Vgl. ebd., S. 37, S. 39 f

20 Vgl. Grossmann et. al. 2008, S. 42 ff

21 Vgl. Altenthan et al., 1993, S. 36, S. 41

22 Vgl. ebd., S. 39 ff

23 Vgl. Portmann zit. n. Altenthan et al., 1993, S. 38; zit. n. Grossmann et al. 2008, S. 37, S. 52

24 Vgl. Grossmann et al. 2008, S. 37, S. 54 ff

25 Vgl. Altenthan et al., 1993, S. 39 f

26 Vgl. Huber 2005, S. 96 f

27 Vgl. Grossmann et al. 2008, S. 37, S. 60

28 Vgl. Schrapper 2005, S. 20

29 Vgl. Schleiffer 2009, S. 32

30 Vgl. Ainsworth 1973 zit. n. Grossmann et al. 2008, S. 133; vgl. Schrapper 2005 S. 12; vgl. Schleiffer 2009, S. 32 f

31 Vgl. Ainsworth zit. n. Grossmann et al. 2008, S. 74

32 Eine ausführliche Beschreibung der Untersuchungsmethode in Grossmann et al. 2008, S. 132 - 136

33 Vgl. Grossmann et al. 2008, S. 144

34 Vgl. Sagi et al. 1987 zit. n.. Grossmann et al. 2008, S. 148

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf die kindliche Entwicklung und die Konsequenzen für die Soziale Arbeit
Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V207553
ISBN (eBook)
9783656347545
ISBN (Buch)
9783656349044
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
auswirkungen, trennung, scheidung, entwicklung, konsequenzen, soziale, arbeit
Arbeit zitieren
Britta Iwwerks (Autor), 2010, Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf die kindliche Entwicklung und die Konsequenzen für die Soziale Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207553

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