Islam, Christenheit, Judentum: Der Fundamentalismus der Moderne


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2013
27 Seiten

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Inhalt:

1. Der moderne Fundamentalismus

2. Fazit: Moderner Fundamentalismus

3. Die Funktion des Jihad im Islam

4. Der 11. September 2001

5. Fazit 9/11

Der islamische Fundamentalismus

Vorwort Fundamentalismus

Die andauernden Diskussionen um die Begriffe Fundamentalismus[1] und fundamentalistisch sorgen für Unruhe in allen Bereichen des politischen, wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Lebens. Dies um so mehr, da weder die islamische, noch die westlich-christliche Welt zur Ruhe kommen und militärische Konflikte in (fast) allen islamischen Ländern zu finden sind.[2] Eine besondere Gefahr geht dabei von den Ländern Iran, Irak und dem Raum AFPAK (Afghanistan und Pakistan) aus, da diese Länder als Aufmarsch- und Rückzugsgebiete von Islamisten anzusehen ist (Scholl-Latour, 2009, S. 431). Gerade die fundamentalistischen Veränderungen in Judentum, Christentum und Islam als Reaktion auf die Moderne als Rückbesinnung auf den Ursprung oder als Gegenströmung zu politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Veränderungen verdeutlichen die Dimension dieser Entwicklung und sie zeigen, dass Glaubensausbreitung in allen drei monotheistischen Religionen inzwischen eine Domäne von Fundamentalisten geworden ist. Im Folgenden wird nun der Versuch gestartet, über eine Klärung des Begriffes Fundamentalismus zu einer aktuellen Bestandsaufnahme zu kommen.

1. Der moderne Fundamentalismus

„Fundamentalismus ist einer der am meisten gebrauchten Begriffe auf dem Feld der Religion, der Kultur und Gesellschaft, unabhängig ob es sich dabei um Moslems, Hindus, Juden oder Christen handelt“ (Maas, 2006, S. 147).

Die Renaissance fundamentalistischer Strömungen in allen monotheistischen Religionen zeigt nicht

nur eine erstaunliche Parallelität, darf aber nicht als Erfindung der Neuzeit angesehen werden.[3]

Dennoch stellt die Forschung zunehmend fest, dass sich der islamische Fundamentalismus vom christlichen dahingehend unterscheidet, dass er in einem völlig anderen Kontext gesehen werden muss und an andere zeittypische Probleme wie etwa die koloniale, wirtschaftliche und wissenschaftliche Dominanz gekoppelt ist.[4] In allen fundamentalistischen Ansätzen lassen sich mehrere Grundprinzipien festmachen. Basis ist ein allgemeines religiöses Grundprinzip. Dieses versteht Religion als eine Art Fluchtburg, die in einer konkurrierenden atheistischen Welt Antworten und Orientierung gibt. Schon hier wird deutlich, dass alle fundamentalistischen Strömungen selektiv denken und argumentieren, werden doch bestimmte Quellen der Theologie, sei es Thora, Bibel oder Koran, zum Maßstab jeglicher Diskussion erhoben. Damit werden wichtige Charakteristika des Fundamentalismus deutlich. Zunächst selektiert er einzelne oder wenige Elemente. In einem zweiten Schritt betont er diese ausgesuchten Teile und versieht sie mit einer logischen Schlussfolgerung. Der letzte Schritt ist schließlich die Ausformulierung einer kompletten Weltsicht (Davie, 1994, S. 200). Ziel der Fundamentalisten ist ein Aufbrechen der Vormachtstellung des Säkularen. Fundamentalisten versuchen Gott ins politische Leben zurückzuholen, aus dem er vom Menschen vertrieben wurde.[5] Diese Konzentration auf das vermeintlich Wesentliche einer Religion instrumentalisiert Religion als bewusstes Protestinstrument gegen herrschende religiöse, wirtschaftliche oder politische Gegebenheiten.[6]

Dass die ideologische und religiöse Stoßrichtung der demokratisch ausgerichtete Westen ist, wird allgemein vorausgesetzt (Höhling, 1992, S. 183).[7] Schon hier wird der Heilscharakter des Fundamentalismus deutlich, der sich nicht nur als eine Art Fluchtweg aus der Postmoderne, sondern auch als Heilsangebot aus der Krise der Moderne sieht (Maas, 2006, S. 208).[8] Diese Mischung – hier Heilsangebot und da bewusste Abgrenzung vom Westen – hat sowohl historische Wurzeln, die vor allem in der Kolonialpolitik des Westens zu suchen sind, als auch gegenwärtige Ursachen (Vertigans, 2009, S. 162). Fundamentalismus modernster Prägung ist immer noch Protest gegen die koloniale, wirtschaftliche und militärische Dominanz des Westens im Zuge einer imperialen Politik durch Länder wie England, Frankreich oder (in neuerer Zeit) die Vereinigten Staaten von Amerika. Die sich hieraus ergebende technische und wissenschaftliche Überlegenheit des Westens, gekoppelt an eine (für Moslems) dekadente Moral, brachten in der islamischen Welt drei wichtige Reaktionen mit sich, die miteinander konkurrierten. Diese waren und sind:

1. Eine Übernahme des westlichen Modells.[9]
2. Eine bewusste Abschottung vom Westen bei einer gleichseitigen Betonung der eigenen Kultur.
3. Ein islamischer Modernismus, aus dem sich der islamische Fundamentalismus entwickelt hat.

Islamische Fundamentalisten, arabische Intellektuelle und radikale Prediger benutzen für ihre Propaganda nicht nur moderne Kommunikationsformen wie das Internet, sondern sie greifen zusehends zu Propagandatricks, Lügen und Diffamierungskampagnen.

Eine besondere Bedeutung kommt hierbei einer Art Konglomerat von Halbwahrheiten und Lügen zu, die unter dem Schlagwort The Narrative subsumiert wird.[10] Es handelt sich hierbei um einen Cocktail von Halbwahrheiten, Propaganda und gezielten Lügen über Amerika. Das Hauptargument sieht Amerika als diejenige Nation, die dem Islam den Krieg erklärt hat.

Diese Kriegserklärung ist Teil einer „American-Crusader-Zionist conspiracy“ (Friedman 1.03.2010), die auf den 11. September zurückgeht, der im Gegensatz zum weltweiten Krieg gegen den Islam ein Betrug ist.

Diese Protesthaltung und der entstehende Fanatismus sind auch Gründe und Ursachen für

extreme Reaktionen von Fundamentalisten wie der des Märtyrertodes.[11]

Aber selbst der Tod wird positiv gewendet und übt eine starke Anziehungskraft auf junge Freiwillige aus, zumal deren Familien durch ihre Opfer einen höheren gesellschaftlichen Status erhalten und der Selbstmord eine visionäre Kraft zu haben scheint, etwas, was diese Fundamentalisten von anderen Moslems und Juden und Christen unterscheidet:

- „Es gibt im 21. Jahrhundert keine selbstverständlichen Glaubensvorstellungen
- mehr. Keine Religion ist unhinterfragt, aber auch keine Aufklärung, kein gesunder Menschenverstand, ja nicht einmal die bei uns so verbreitete Heilssuche in einer
- zum Glücken verurteilten Biographie. Das Fehlen von Visionen im öffentlichen Diskursraum lässt sich tatsächlich nur mit der Vermutung erklären, dass die meisten
- von uns immer noch leidlich zufrieden sind. Auch die Entscheidungen unserer
- Politik zielen offenbar vor allem darauf ab, den gegenwärtigen Zustand
- beizubehalten. Zufriedenheit ist ein hohes Gut, aber ein Blick über den Tellerrand
- lehrt, dass sie trügerisch ist. Übrigens: Wenige gesellschaftliche Visionen scheinen
- unattraktiver als die des politischen Islams heute, aber darin, dass sie eine Vision
- haben, sind seine Anhänger weltzeit-gemäßer als die meisten von uns.“
- (Weidner, 15.03.2009)

Diese hier angesprochene visionäre Kraft des Islam ist sicherlich auch für die Re-Islamisierung vieler arabischer Länder verantwortlich und es lassen sich vier Tendenzen feststellen:

1. Die Renaissance des Islam und damit das Auftreten des Fundamentalismus stellen keinen Rückfall ins Mittelalter dar, sondern sind ein Produkt der Moderne. Beide Entwicklungen sind Reaktionen auf die Behandlung islamischer Staaten durch Imperialstaaten und Kolonialmächte.
2. Die starke politische Aktivierung des Islam in Ländern wie Afghanistan, Iran, Irak, Sudan oder Pakistan hat als Ziel die Errichtung des islamischen Gottesstaates auf der Basis der traditionellen Rechtsordnung, der Sharia.
3. Die Wiederbelebung und traditionelle Auslegung der Sharia bedeutet eine (gewünschte) Rückkehr zu den religiösen Quellen, dem Koran und der islamischen Tradition (Sunna).
4. Ziel ist eine religiöse Ordnung des gesamten politischen, sozialen und individuellen Lebens durch die Verwirklichung der Ideale des Islam, basierend auf seinen Fundamenten.[12]

[...]


[1] Der Begriff Fundamentalismus beinhaltet zunächst, wie der Begriff es selbst impliziert, die Betonung eines Fundamentes von Religion, das Hervorheben einer oder einiger weniger theologischer Schwerpunkte wie eine Apokalyptik, einen Messianismus und einen Milleniarismus (Minaty, 2009, S. 5). Daneben kennzeichnet ihn ein starres Festhalten an einer heiligen Schrift (vgl. Schubert/ Klein, 2006). Als neues Phänomen von Religionen muss diese selektive Akzentuierung von einzelnen theologischen Elementen als wesentlicher Teil der Rückkehr des Religiösen insgesamt gesehen werden. Das „globale Comeback“ der Religion und der „religious turn“ sind dabei Bestandteile der säkularisierten Moderne und fallen zeitlich mit dem Zusammenbruch des Kommunismus zusammen (Hoff, 2009, S. 152). Für den modernen fundamentalistischen Islam muss der Ursprung im Zusammenfall des Schah-Regimes im Iran gesehen werden.

Fundamentalismus ist nicht mit Islamismus zu verwechseln. Islamismus wird hier verstanden als politische Ideologisierung des Islam nach dem Vorbild der großen politischen Ideen des 20. Jahrhunderts wie des Marxismus oder Faschismus. Der Fundamentalismus kennt weder Staat noch Nation, sondern nur die Transformation des Menschen in einem rigiden, religiösen Rahmen, den die Sharia (islamisches Recht) bestimmt. Der Fundamentalismus kennt in den islamischen Ländern zwei Entwicklungen. Eine eher als konservativ einzustufende Richtung ist offen für Multikulturalismus. Die zweite, dschihadistische Richtung (Idee des Heiligen Krieges) nimmt das Erbe der antiimperialistischen Gewalt auf, bewegt sich aber in keinem nationalen Rahmen.

Zur Terminologie von Fundamentalismus und Islamismus vergleiche auch: Abu (1996), Krämer (1999), Juenemann (2000), Berman (2003), Burgat (2003), Milton/ Edwards (2005), Gemein/Redmer (2005), Huhnholz (2010).Fundamentalismus wird in diesem Zusammenhang als Begriff verstanden, der einen religiösen Ansatz beinhaltet, während Islamismus einen politischen Zugang hat. Damit wird auch ein grundsätzliches Problem des Islam aufgezeigt, der drei Zugänge aufweist, einen spirituellen, einen politischen und einen rechtlichen. Somit erweist sich die Terminologie ِۭ islamischer Fundamentalismus' als Überbegriff für ein breites Spektrum von Diskussionen und Aktivitäten innerhalb des Islam selbst, die von einem modernen Realismus bis zum extremen Radikalismus reichen. Kurzum: „Whatever it is called, modern islamism is a complex and multifaceted phenomenon“ (Stepanova, 2008, S. 61). Auffallend ist in der Forschung die Veränderung des Begriffs Fundamentalismus vor und nach dem 11. September 2001. So weist die Literatur vor diesem Datum eine mehr theologische Richtung auf, während nach dieser Zeit eine Verschiebung zur politischen Ebene zu erkennen ist (Lücke, 1993, S. 194-214).

Dabei wurde seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts Amerika immer mehr als Hauptfeind des Islam ausgemacht:

„This picture of total confrontation and non-conciliation between Islam and the West is now being strongly positioned in Washington, D.C.“ (Mousalli, 1998, S. 5).

Vgl. hier auch Meier (1994); Bosworth at al (1995); Abu (1996); Marty/Appleby (1996); Kepel (2002a/b); Burgat (2003); Marin-Guzman (2003); Ruf (2005); Milton/Edwards (2005); Armstrong (2007);Tibi (2008a/b); Ruf (2009); (Scholl-Latour 2012).

[2] Dazu muss man auch die Auseinandersetzungen zwischen Regierungen und Bevölkerung in den Jahren 2010/ 2011/2012 in Tunesien, Ägypten, Lybien, dem Jemen oder Syrien zählen, da Islamisten hier in ein politisches Vakuum stoßen können.

[3] Das Schlagwort des Fundamentalismus tauchte erstmals 1920 in der Baptisten-Zeitung Watchman – Examiner auf. Er diente hier als Beschreibung einer Sammelbewegung im nordamerikanischen Protestantismus und wird mit dem Namen Curtis Lee Laws assoziiert (Barr 1981, S. 26). Die terminologische Verbindung zwischen islamischem Fundamentalismus und christlichem Protestantismus sieht auch Watt (2002), wenn er sagt:

„... ´Fundamentalismus` bezeichnet in erster Linie bestimmte Formen des christlichen Protestantismus. Eine ähnliche Tendenz im römischen Katholizismus wird im Französischen intégratism genannt. Keiner dieser Begriffe passt jedoch für die islamische Bewegung. Besser wäre es, von Traditionalismus zu sprechen. Er umfasst viele unterschiedliche Gruppen, von denen einige hoffen, dass eine Rückkehr zum frühen Islam mit friedlichen Methoden zu erreichen sei, andere jedoch setzen auf militante politische Programme. Und dann gibt es noch weitere Gruppen, für die keiner dieser Begriffe angemessen ist“ (ebd., S. 127). Einen differenzierten Ansatz verfolgt hier Roy (2010a) . Für ihn gibt es keine Rückkehr des Religiösen, sondern eine durch „Deterritorialisierung“ und „Dekulturation“ bedingte „Veränderung des Religiösen“ (ebd., S. 26). In dieser Konstellation ist der Fundamentalismus die religiös-militante Neuformulierung in einem weltlichen Raum, die dem Religiösen seine Autonomie gegeben hat.

Religiöse Systeme, Glaubensgemeinschaften und alle großen Religionen finden sich im Zuge der Globalisierung nicht nur in einer Konkurrenzsituation, sondern in einer neuen Ausgangslage. Globalisierung und Migration haben eine Dimension eröffnet, nämlich die dauerhafte Loslösung von Religionen, Territorien, Gesellschaften und Staaten . In diesem Vakuum konnten Religionen mehr Autonomie erlangen, was besonders fundamentalistischen Gruppierungen zugute kam. Fundamentalismus als charismatische Religiosität ignoriert gesellschaftliche und politische Zwänge und trennt das Religiöse von der Kultur: „Somit ist der Fundamentalismus zugleich ein Faktor und ein Produkt der Globalisierung“ (ebd., S. 226). Diese Vorstellung des Fundamentalismus als Produkt der Moderne sieht auch Berger (2010). Für ihn ist Fundamentalismus neben Relativismus einer der beiden Hauptkräfte der aktuellen Kulturdebatte und im Zuge der weltweiten Migration „a modern phenomenon“ (ebd. S. 7). Die eigentliche Gefahr im Zuge von Migration und Globalisierung besteht in der Verstädterung, die höchst unterschiedliche Bevölkerungsgruppen intensiv und eng zusammenleben lässt, was unter religiösen Gesichtspunkten gefährlich werden kann. Die heutige Welt, so Berger, ist deshalb „the scene of enormous explosions of religious passion“ (ebd. S. 3). Der religiöse Fundamentalismus erweist sich somit als kein einheitliches oder klar zu definierendes Phänomen (Allesch, 2011, S. 27). Er steht aber allgemein für eine Revialisierung von Religion(-en), die einen kulturellen, intellektuellen und einen politischen Fundamentalismus nach sich zieht.

Der Autor der vorliegenden Arbeit versieht den Begriff Fundamentalismus mit drei Prämissen, die einander bedingen und beeinflussen. Fundamentalismus ist gekennzeichnet durch:

1. ein Absolut-Setzen religiöser Überzeugungen verbunden mit der Bildung von Identitätsstrukturen

2. der Ausbildung von sich aus eins ergebenden Dominanzstrategien, die die religiöse Ebene der privaten und gesellschaftlichen überordnet

3. der Schaffung des Kontextes von eins und zwei durch eine grundlegende Politisierung aller Lebensumstände.

Fundamentalisten gehören damit zu einer Art sozialer Bewegungen, die neben dem Westen auch das Leben in der Moderne als feindlich ansehen.

[4] Vgl. bes. Kienzler (2007). Hourani (1991/92) bindet diesen Gedanken an ein mangelndes Selbstbewusstsein der arabischen Welt. Die arabischen Völker haben „den Glauben an sich verloren“ (ebd., S. 369), weil sie einen kulturellen, moralischen, politischen und ökonomischen Niedergang erlebt haben. Loomba (2005) nennt als Gründe für den modernen Fundamentalismus die Globalisierung, den US-Nationalismus und die damit verbundenen Wirtschaftsinteressen. Konkret:

„Religious, linguistic or ethnic nationalism, as we have already discussed in this book, have also escalated in the last decades. They can also fuel resistance movements against multinationals, as well as movements which may be anti-US but are politically, socially and ideologically retrogressive, such as those spearheaded by Islamic fundamentalists“ (ebd., S. 224-225).

[5] Armstrong (2007) spricht zurecht davon, dass Fundamentalisten die Grenzziehung der Moderne (Trennung von Moschee und Staat oder Heiligem und Profanen) aufheben wollen, um eine verlorene Ganzheit wiederherzustellen (ebd., S. 513). Dies tun sie in einem globalen, nationalen und regionalen Rahmen (Vertigans, 2009, S. 163). Vergleiche in diesem Zusammenhang auch Max Webers Konzeption von Weltflucht und Weltbeherrschung, zwei Möglichkeiten, die für den modernen Fundamentalismus typisch sind (vgl. vor allem Weber, 1988).

[6] Tibi (1979) sah diese Entwicklung schon Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Er konstatierte bereits damals einen Zusammenhang zwischen islamischen Ländern, die sich in einer Identitätskrise befinden und einer

ansteigenden sozioökonomischen Krise, die eine wirtschaftliche ´Pauperisierung` nach sich zieht. In dieses Vakuum stößt der Fundamentalismus mit seinem attraktiven Heilscharakter (ebd., S. 69; vgl. auch Vertigans 2009, S. 169).

Die Rückkehr zur Orthodoxie einer Religion ist in der Fremde nicht nur oft an wirtschaftliches Scheitern gekoppelt , sie bedeutet auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem alten Regime in der Heimat, da junge Moslems längst westlich geworden sind. Hinzu kommt die Frustration zu merken, dass man keinen gesellschaftlichen Einfluss hat. Armut und gesellschaftliche Isolation, gekoppelt an den Prozess der Globalisierung, versahen die islamische Identität in emotionaler und psychologischer Hinsicht mit einem Gefühl der Demütigung und einem Durst nach Anerkennung die der Fundamentalismus als Mischform von psychologischen, kulturellen und sozioökonomischen Faktoren ideologisch besetzen konnte (Moϊśi, 2009, S. 92-97; 105ff).

Unter diesen drei Faktoren spielt die Globalisierung sicherlich eine zentrale Rolle, da sie Menschen in vielen Bereichen entwurzelt hat, diese aber Halt, innere Stärke und eine Heimat brauchen. Islamische Gruppen bieten eine Art Rundumversorgung und ein Feindbild, das im Westen allgemein und in Amerika sein konkretes Bild erfährt. Neben dem Westen, der moralisch und religiös verworfen wird, erfolgt meist eine Dreiteilung der Welt. Diese Bereiche werden als Aktions- bzw. Schlachtfelder beschrieben und terminologisch mit den Begriffen Haus des Friedens (der Platz, wo der Islam bereits herrscht), das Haus des Krieges (der Platz, wo der Islam kämpfen muss) und Haus des Vertrages (der Platz, wo der Islam toleriert wird) umschrieben (Höhling, 1992, S. 183).

[7] Diese These einer Stoßrichtung gegen den Westen ist vielfältig. Die Forschung nennt hier mehrere Ansätze, die nicht immer harmonieren, da sich Schwerpunkte mit verschiedenen historischen, geographischen, politischen oder religiösen oder wirtschaftlichen Hintergründen festmachen lassen.

Gemein/Redmer (2005) gelingt eine gute Übersicht über diese Fragestellung. Ihre Hauptthesen sind:

- In seiner Historie ist der Fundamentalismus Reaktion auf die Entkolonialisierung, den europäischen Imperialismus und die amerikanische Hegemonie (Huntington These).

- Er ist Ausdruck des Scheiterns, westliche Wirtschaftsmodelle zu übernehmen, ohne sie auf das jeweilige Land und seine strukturellen Gegebenheiten zu modifizieren.

- Er entstand als Antwort auf soziale und ethnische Probleme in islamischen Ländern.

- Er ist Zeichen einer innerislamischen Krise, da kein Moslem einen anderen als heidnisch ansehen darf (Meyers Gegenthese zu Huntington).

- Er entstand durch hohe Arbeitslosigkeit von Hochschulabgängern, einer einsetzenden Landflucht, fehlendem Wirtschaftswachstum, Korruption und Vetternwirtschaft.

Die Kritik des Westens am Islam hat andererseits etwas damit zu tun, dass der Islam eine Konzeption der Welt einfordert, die mit Europeaness und Westerness nicht kompatibel ist. Richardson (2004) sieht den Westen als Provokation für Moslems, da er ein Symbol für verabscheuungswürdige Entwicklungen wie Naturwissenschaften, Kapitalismus, Individualität und Demokratie steht (ebd., S. 117). Der moderne Fundamentalismus ersweist sich als religiöse, kulturelle oder politische Reaktion gegenüber einem kulturellen Pluralismus westlicher Prägung dessen high-tech Welt stabile Gemeinschaften und jahrhundertealte Traditionen zerstört (Caputo, 2001a, S. 106).

[8] Zum Verhältnis Islam und westlicher Demokratie vgl. bes., Yilmaz (2002), Bahlul (2003), Filali-Ansary (2003), Turam (2004), Zakaria (2004), Merry (2004), sowie Scholl-Latour (2012).

Zur besonderen Rolle der USA und ihrem kulturellen und militärischen Totalitarismus, der weltweit zu spüren ist (Huntington, 1997, S. 258; Hardy, 2010, S. 1-9).

[9] Burns (19.09.2001) spricht im Zusammenhang mit der kulturellen, technischen und wissenschaftlichen Überlegenheit des Westens von einem ´kulturellen und militärischen Totalitarismus` der USA, der weltweit spürbar ist und der gerade für junge Moslems verführerisch und verabscheuungswürdig ist.

[10] Für Details zu dieser militärischen, kulturellen und (angeblich) religiösen Dominanz des Westens unter dem Schlagwort ´The Narrative` (Die große Erzählung) vgl. besonders Friedman 1.03.2010.

[11] Viele dieser radikalen Kräfte greifen zu extremen Maßnahmen wie etwa dem Märtyrertod. Baierle (2007) hat hierüber eine interessante Studie vorgelegt. Hierin geht sie soziologisch von Émile Durkheims Selbstmordbegriff aus und überträgt ihn auf die christliche fundamentalistische Gruppierung der Amish-Leute und der Hamas. Für die Anhänger der Hamas etwa konstatiert sie bei Selbstmordattentätern nicht nur eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz gepaart mit Intoleranz Andersdenkenden gegenüber, sondern auch einen Ehrenkodex versehen mit einem starken Glauben und einer Verachtung des irdischen Lebens:

„... Die starke Beeinflussung durch die restliche Bevölkerung führt dazu, dass abweichende Meinungen nicht toleriert werden und dass die Selbstmordattentate allgemein toleriert und sogar befürwortet werden müssenDiese hohe Akzeptanz und Ehre, die Selbstmordattentätern zu Teil wird, ist ... ein bedeutender Grund dafür, dass so viele Palästinenser freiwillig Selbstmordattentate begehen Auch bei den Hamas-Selbstmordattentätern spielt der Glaube an das Jenseits und die Verachtung der Haftung am irdischen Leben eine große Rolle...“ (ebd., S. 18; vgl. auch Mackert, 2007). Zur Zeit wird die Rolle der Frau im Dschihad neu definiert. (Dschihad arabisch: Rückkehr zur reinen Lehre, zum Ursprung. Der Begriff tauchte erstmals im 7. Jahrhundert auf und erlebte im Zuge der Kreuzzüge eine erste Belebung (zum Konzept des Dschihad oder Jihad vgl. besonders Heck, 2007, S. 17-23).

Frauen radikalisieren sich und werden offensiv für den bewaffneten Kampf. Das ist ein neuer Trend, der aber innerhalb des Islams selbst nicht unumstritten ist. Auffallend ist diese Radikalität unter Konvertitinnen, die durch eine mitunter als brutal einzustufenden Propaganda auffallen (Wehner 30.05.2010).

Ein anderes Phänomen, das durchaus im Zusammenhang mit der Thematik des Märtyrertodes gesehen werden muss, ist die Existenz des Takir. Darunter versteht man die Übernahme des westlichen Lebensstils, das Ausleben von Sexualität, der Verzehr von Schweinefleisch und sogar der Konsum von Drogen. Potentielle Selbstmörder, die sich auf einen Anschlag vorbereiten, tarnen sich mit diesen westlichen Verhaltensformen, um nicht als Fundamentalisten aufzufallen. Takir kann deshalb als Sünde in Verkleidung verstanden werden und der Begriff muss so gedeutet werden, dass beides - das befristete Leben in Sünde und der anschließende Märtyrertod - gleichzeitig als verboten und erlaubt angesehen werden, um der Sache, resp. dem Terrorismus zu dienen..

[12] Erklärtes Ziel des Fundamentalismus ist die Hakimiyat Allah (Gottesherrschaft) und die Anwendung des Nizam Islami (Islamisches System), die ein Gegenmodell zur modernen und bürokratischen Industriegesellschaft darstellen soll. Dabei wird der Islam als vollkommenes System angesehen, das bei konsequenter Anwendung sämtliche Belange des menschlichen Lebens regelt und direkt und konkret ist. Als Beispiel dient z. B. die wörtliche Auslegung des Koran; Sure 2: 112 „Wer das Gesicht ganz zu Gott wendet und dabei recht handelt, der wird den Lohn bei seinem Herrn vorfinden“. Hier steht wird und nicht kann (Anmerkung des Verfassers).

26 von 27 Seiten

Details

Titel
Islam, Christenheit, Judentum: Der Fundamentalismus der Moderne
Autor
Jahr
2013
Seiten
27
Katalognummer
V207609
ISBN (Buch)
9783656349747
Dateigröße
771 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fundamentalismus, moderne
Arbeit zitieren
Matthias Dickert (Autor), 2013, Islam, Christenheit, Judentum: Der Fundamentalismus der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207609

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