Ästhetik und Gewalt auf der Theaterbühne - Juli Zeh's Theaterstück „Good morning, boys and girls“

Computerspiele als Amoktraining?


Essay, 2011
8 Seiten

Leseprobe

1. Einleitung – Thema und Vorstellung des Theaterstückes

„Meiner Ansicht nach ist ein Schriftsteller jemand, der etwas von Bedeutung schreibt“,[1] ließ Rutschinski in seinem Roman „Teufels Werke“ seinen Voland sagen und summierte mit dieser prägnanten Aussage die Grundhaltung vieler Denker und Liebhaber des schöngeistigen Schrifttums. Es gibt Werke, die so lebendig sind, dass die Aussage – die Seele hinter den Worten – einen im Innersten aufrührt. Das Werk „Good morning, boys and girls“ von Juli Zeh ist seit letztem Jahr ein solches Werk.

Am 10.04.2010 war die Uraufführen des Stückes „Good morning, boys and girls“ in Düsseldorf. Das Auftragswerk wurde von der Juristin und Schriftstellerin Juli Zeh ausgeführt. Behandelt werden sollte das gesellschaftlich derzeit brisante Thema Amoklauf an Schulen. Juli Zeh traute sich an diese Arbeit, jedoch anders, als man es vielleicht erwartet hätte. Das Stück behandelt in einer intensiven Darstellung die Thematik des Amoklaufs. Es geht um die inzwischen schon klassische Frage, ob das intensive Praktizieren von Computerspielen Gewaltbereitschaft im Menschen fördert, oder es ein rein ästhetisches Vergnügen ist.

In der Handlung des Stückes „Good morning, boys and girls“ begegnen wir dem 16jährige Jens, der im Stück für alle seinen Internetnamen „Cold“ trägt. Der junge Mann plant einen Amoklauf. Der Schüler mit den guten Noten hat keine Freunde im realen Leben. Nur wenn er nach Hause kommt, den Computer hochfährt und sich in das Spiel „Counter Strike“ vertieft, fühlt er sich bestätigt und befriedigt. Und die Zuschauer verfolgen nun, wie der junge Mann bis ins letzte Detail einen Amoklauf an seiner Schule plant. Kurzum: Juli Zeh malt uns das klassische Bild eines Teenangers kurz bevor ein Blutbad geschehen wird. Die Wende im Stück tritt ein, als die Nebenrolle Susanne auftritt. Cold verliebt sich in die Mitschülerin, offenbart ihr seine Sicht auf die „scheiß Karaoke-Welt“[2], als welche er die Realität sieht.

Zeh wirft ganz am Schluss die Erwartungen des Publikums dann doch über den Haufen. Der Protagonist Cold tritt in den Hintergrund und die Nebenrolle der Susanne brecht ins Rampenlicht und blendet alle: sie ist die Amokläuferin, sie erschießt Lehrerin, Mitschüler und auch Cold. Der Zuschauer selbst bleibt zurück mit Fragen und einem unguten Gefühl im Magen.

Was genau tut Juli Zeh hier? Welches Licht wirft sie mit ihrem Stück auf die Computerspieler? Sind sie durch die Gewalt im Spiel zum Amoklauf stimuliert, oder nicht? Spielt sie mit Klischees, oder will sie diese verwerfen?

Ich möchte versuchen, einen möglichen Blickwinkel dazu aufzuzeigen.

2. Computerspiele – Ästhetik, oder Gewalt?

In der Öffentlichkeit scheint man sich einig, was das typische Bild eines Amokläufers betrifft. Es sind meist junge Erwachsene, deren Sozialverhalten vor der Tat sehr angepasst war. Dies trifft auf Cold zu, denn er ist in der Schule ruhig,[3] hilft der Lehrerin beim Tragen des Overhead-Projektors[4] und erhält gute Noten. Von anderen Mitschülern aber wird er gedemütigt[5] und auch Demütigung, sprich Mobbing, gehört in das typische Profil eines Amokläufers. Potentielle Amokläufer sind zudem sozial isoliert und ziehen sich nach den öffentlichen Pflichten (wie dem Schulbesuch) in ihrer Freizeit komplett zurück und flüchten in selbstkonstruierte Scheinrealitäten. Sehr gern spielen diese Teenager Gewaltspiele wie „Counter Strike“, die daher in den Medien gern als Amok-Training abgestempelt werden. All dies trifft auf den Protagonisten in „Good morning, boys and girls“ zu. Und doch ist es am Ende ein Mädchen, das sich durch Kleidung und Auftreten im Gegensatz zu Cold in die Gruppe der Schüler integriert hatte,[6] die den Amoklauf durchführt. Juli Zeh konstruiert eine Figur, die alle Klischees erfüllt und lässt die Tat dann nicht von ihr, sondern einer anderen Rolle erfüllen; einer Rolle, die eben nicht in die Klischees passt. Sind Ego-Shooter also doch kein Amok-Training, sondern ästhetisches Vergnügen?

[...]


[1] Rutschinski, Witali : Teufels Werke. Übers. von Christiane Pöhlmann. Piper Verlag GmbH München. 2002. S. 154.

[2] Zeh, Juli: Good morning, boys and girls. Rowohlt Theater Verlag 2010. S. 30.

[3] Ebd., S. 16.

[4] Ebd., S. 14.

[5] Ebd., S. 16.

[6] Ebd., S. 29.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Ästhetik und Gewalt auf der Theaterbühne - Juli Zeh's Theaterstück „Good morning, boys and girls“
Untertitel
Computerspiele als Amoktraining?
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Zentrum Studium Universale)
Veranstaltung
Ästhetik und Gewalt
Autor
Jahr
2011
Seiten
8
Katalognummer
V207623
ISBN (eBook)
9783656352464
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Computerspiele, Amoklauf, Juli Zeh, Good morning boys and girls, Theater, Xenophobie, Medienangst, Missbildungsthese, Violenzthese
Arbeit zitieren
M.A. Cornelia Scherpe (Autor), 2011, Ästhetik und Gewalt auf der Theaterbühne - Juli Zeh's Theaterstück „Good morning, boys and girls“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207623

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