Canettis "Die Blendung" - Eine medientheoretische Analyse auf der Grundlage des systemtheoretischen Kommunikationsbegriffs


Hausarbeit, 2012
23 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kommunikation und Medium
2.1 Kommunikation
2.2 Medium

3 Medientheoretische Untersuchung des Romans
3.1 Von Medien geschaffene Figurenwelten
3.2 Koinzidenz von Medien
3.2.1 Erzählstrukturierung
3.2.2 Dramaturgie

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit zum Kurs Medien und Kultur führe ich eine medientheoretische Betrachtung des Romans Die Blendung[1] von Elias Canetti auf der Grundlage des systemtheoretischen Begriffs der Kommunikation durch. Es ist mir bewusst, dass ich mit diesem Thema nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Daher erscheint mir eine exemplarische Vorgehensweise im Sinn einer tiefer gehenden Analyse zweier verschiedener Medien angebracht. Darüber hinaus sollen Medien, insbesondere Sprache, nur insoweit Berücksichtigung finden, als dies für das Verständnis von Zusammenhängen notwendig erscheint.

Der Roman Die Blendung eignet sich für eine medientheoretische Untersuchung, da nicht nur der schiere Einsatz vieler unterschiedlicher Medien, sondern auch die signifikante Zuordnung zu bestimmten Figuren auffällig ist. So kann man die Medien Buch bzw. Schrift mit dem Protagonisten Dr. Peter Kien in eine erste Verbindung bringen. Neben Geld stehen für dessen Haushälterin und späterer Ehefrau Therese Krumbholz Möbel, für den Hausbesorger Benedikt Pfaff Gewalt und für den buckligen Zwerg Siegfried Fischer, genannt Fischerle, das Schachspiel im Mittelpunkt. Des Weiteren sind die öffentliche Meinung und diverse Nebenfiguren, z. B. die Assistenzärzte der psychiatrischen Anstalt Georg Kiens, untrennbar miteinander verbunden.

Zielsetzung ist es, ausgehend vom systemtheoretischen Kommunikationsbegriff Antworten auf die Frage, welche Funktionen Medien für die Figurenkonstellation und -charakterisierung sowie für die Struktur und Dramaturgie des Romans einnehmen, zu finden. In welcher Bedeutung und in welchem Zusammenhang kommen Medien zum Vorschein? Was lässt sich daraus im Hinblick auf die Entwicklung der Erzählung deduzieren? Das sind die Themen, die im Rahmen des gesteckten Untersuchungsfeldes von besonderem Interesse sein sollen.

2 Kommunikation und Medium

Um auf Basis des systemtheoretischen Begriffs der Kommunikation eine medientheoretische Untersuchung des Romans Die Blendung vornehmen zu können, ist es zunächst erforderlich, die in diesem Umfeld zu verwendenden Begriffe Kommunikation und Medium zu erläutern.

2.1 Kommunikation

Nach Niklas Luhmann, einem der Hauptvertreter der Systemtheorie, ist Kommunikation die kleinste Einheit eines sozialen Systems[2], das sich autopoietisch, also selbsterschaffend und -bewahrend bildet, indem „Kommunikation an Kommunikation anschließt“[3]. Charakteristisch für die Kommunikation sind Selektionen in Bezug auf die drei Typen Information, Mitteilung und Verstehen, die jeweils aus Kontingenz im Sinn von „Anders-möglich-sein“ resultieren.[4] Damit ist Kommunikation wesentlich von Differenz bestimmt. So zielt die erste Selektion darauf ab, was aus einer Unzahl an Möglichkeiten als Information beurteilt werden kann.[5] Mit der Mitteilung wird selektiert, welcher Teil der Information auf welche Weise bzw. in welcher Form mindestens einem Kommunikationspartner zugänglich gemacht wird. Doch erst mit dem dritten Selektionsprozess, mit dem sich ergibt, was auf der Seite der Kommunikationspartner verstanden wird, ist die Kommunikation vollständig. In der systemtheoretischen Auffassung der Kommunikation werden somit die selektiven Ebenen Information, Mitteilung und Verstehen als Einheit begriffen. In einem Satz zusammengefasst ist Kommunikation die verstehende Differenzierung zwischen Information und Mitteilung.[6]

Eine wesentliche Fortführung dieser Definition von Kommunikation ist deren Unwahrscheinlichkeit in Bezug auf Verstehen, auf Erreichen von Adressaten und auf Erfolg. Luhmann schreibt dazu:

Als erstes ist unwahrscheinlich, daß einer überhaupt versteht, was der andere meint [...] Die zweite Unwahrscheinlichkeit bezieht sich auf das Erreichen von Empfängern. Es ist unwahrscheinlich, daß eine Kommunikation mehr Personen erreicht, als in einer konkreten Situation anwesend sind. Das Problem liegt in der räumlichen und zeitlichen Extension. [...] Die dritte Unwahrscheinlichkeit ist die Unwahrscheinlichkeit des Erfolgs. Selbst wenn eine Kommunikation verstanden wird, ist damit noch nicht gesichert, daß sie auch angenommen wird.[7]

Kommunikationen im Roman Die Blendung in der Weise konkret zu erfassen, dass sie anhand der verschiedenartigen Selektionen beschrieben werden, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Stattdessen möchte ich eingehend untersuchen, inwieweit Kommunikationen unwahrscheinlich sind, um damit eine Brücke zu dem im Folgenden erläuterten Medienbegriff zu schlagen.

2.2 Medium

In der Systemtheorie ist Medium eine Einrichtung, mit der unwahrscheinliche in wahrscheinliche Kommunikation umgeformt wird.[8]

Luhmann unterscheidet je nach Art des Abbaus der Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation die drei Medientypen Sprache, Verbreitungsmedien (z. B. Buch bzw. Schrift) und symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien (z. B. Geld). Sprache reagiert auf die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation bezüglich des Verstehens, indem sie die Anzahl an Deutungsmöglichkeiten einschränkt.[9] V erbreitungsmedien schaffen eine geringere Abhängigkeit von Raum und Zeit und transformieren unwahrscheinliche in wahrscheinliche Kommunikation dadurch, dass Adressaten schneller und in größerer Anzahl erreichbar werden.[10] Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien haben insofern den Erfolg einer Kommunikation im Blick, als sie auf eine Sinn stiftende Selektion hinlenken (z. B. Zahlungsverpflichtung), ihre Begründung in einer Zumutung (z. B. Veräußerung eines Besitzes) finden und im Hinblick darauf eine verallgemeinerte Handlungsmöglichkeit vermitteln (z. B. Zahlung aufgrund von Zahlungsfähigkeit).[11]

Die Unwahrscheinlichkeiten einer Kommunikation können aber nicht in der eben dargestellten Reihenfolge sukzessive bearbeitet werden. Vielmehr sind deren wechselseitigen Abhängigkeiten und damit die Verschränkung von Medientypen zu berücksichtigen. Durch Verbreitungsmedien verbessert sich beispielsweise auf der einen Seite das Erreichen von Adressaten in räumlicher bzw. zeitlicher Hinsicht, während sich auf der anderen Seite die Gefahr der Erfolglosigkeit im Feld der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien erhöht.[12]

3 Medientheoretische Untersuchung des Romans

Im Folgenden will ich mich auf die im Roman verarbeiteten Medien Buch bzw. Schrift des im Kapitel 2.2 erläuterten Typs Verbreitungsmedium sowie Geld des dort beschriebenen Typs symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, die auch durch ihr dichotomisches Erscheinen einen tiefen Einblick in die erzählte Welt und deren Erzeugungstechniken ermöglichen, konzentrieren.

3.1 Von Medien geschaffene Figurenwelten

Im Roman Die Blendung ist die Verbindung von Medium und Figur sehr auffällig. Wie konkret manifestiert sich diese Ausgeprägtheit im Verständnis der systemtheoretischen Begriffe Kommunikation und Medien?

Diesem Themenkomplex will ich mich weiter annähern, indem ich eruiere, was aus einer Entfernung der Figuren von den Medien, zu denen sie in eine augenscheinliche Verbindung zu bringen sind, abzuleiten ist.

Kien wird bei einem morgendlichen Spaziergang, also in einer gewissen Distanz zu seiner von Buch bzw. Schrift gestützten Welt, nach der Mutstraße gefragt:

Da rief jemand laut jemand andern an: „Können Sie mir sagen, wo hier die Mutstraße ist? Der Gefragte entgegnete nichts. […] „Verzeihen Sie, bitte, können Sie mir vielleicht sagen, wo hier die Mutstraße ist?“ Er steigerte seine Höflichkeit; sein Glück blieb gleich gering. Der andere sagte nichts. […] Der zweite, der Schweiger und Charakter, der seinen Mund auch im Zorn beherrschte, war Kien selbst..[13]

Die Kommunikation mit dem nach der Mutstraße fragenden Passanten ist dreifach unwahrscheinlich. Kien versteht zunächst nicht, dass ein Anderer eine Frage an ihn gestellt hat. Für den Passanten bedeutet das, dass in seiner räumlichen und zeitlichen Beengtheit die Erreichbarkeit von Adressaten schwierig wird. Schließlich ist die Kommunikation unwahrscheinlich in Bezug auf den Erfolg, da Kien diese nicht annimmt.

Im mit Kopflose Welt[14] betitelten zweiten Teil des Romans muss Kien auf der Polizeibehörde die Beschuldigung, Therese Geld gestohlen zu haben, entkräften. In seiner Rede kommt zur Sprache, dass er die wirkliche Therese für tot hält. Gleichzeitig geht er jedoch nicht weiter auf die anwesende Therese ein. Therese bemerkt, dass sie vor die Tore ihrer dem Medium Geld nahen Welt gesetzt wurde.

Therese bricht vor. „Bitte, er bringt mich um!“ In Ihrer Angst spricht sie leise, Kien hört sie, er leugnet sie ab. Er dreht sich nicht um. Niemals, wozu! Sie ist tot. Therese ruft: „Bitte, ich fürcht' mich!“ […] Therese schreit: „Bitte, er muß weg!“ Noch hält Kien ihrer Stimme stand. Er dreht sich nicht um. Theresens vierunddreißigjährige Wirtschaft ging im Stimmengewirr unter. Sie stampfte mit dem Fuß. […] Immer wieder versuchte Therese zu protestieren. Ihre Worte klangen schwach.[15]

Die Unwahrscheinlichkeiten der Kommunikation lassen sich hier genauso nachvollziehen: Der Wiederholung Thereses Bitten und Proteste sowie dem Stimmengewirr ist zu entnehmen, dass sie weder verstanden wird noch die Möglichkeit hat, Adressaten zu erreichen, noch Annahmen ihrer Offerten gelingen.

Ebenfalls im Romanteil Kopflose Welt tritt Fischerle in die unkonventionellen Dienste Kiens. Solange dieser Rahmen vorhanden ist, befindet sich Fischerle in seiner Welt, die großteils von Geld bestimmt ist. Nachdem Fischerle Kien behilflich war, in einem Hotelzimmer dessen Kopfbibliothek zu entladen, entsteht ein Moment der Hilflosigkeit Fischerles, da dieser nicht mehr unmittelbar mit seinem Streben nach Geld gerechtfertigt werden kann:

[...]


[1] Erstveröffentlichung: 1935 bei Herbert Reichner, weitere Publikationen: 1948 bei Willi Weismann und 1963 bei Carl Hanser; vgl. Sven Hanuschek: Elias Canetti. München, Wien 2005, S. 230, 243

[2] In der Systemtheorie wird als erste Unterscheidung die von System und Umwelt getroffen; vgl. Torsten Hahn / Niels Werber: Systemtheorie. In: Einführung in die Medienkulturwissenschaft. Hg. von Liebrand, Claudia / Schneider, Irmela / Bohnenkamp, Björn / Frahm, Laura. Münster: Lit Verlag 2005, S. 116

[3] Ebd., S. 118

[4] Vgl. Niklas Luhmann: Vorbemerkungen zu einer Theorie sozialer Systeme. In: Aufsätze und Reden. Hg. von Oliver Jahraus. Stuttgart: Reclam 2001 (= Reclams Universal-Bibliothek 18149), S. 12

[5] Vgl. hierzu und zum Folgenden Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1984, S. 193-207, und Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1998 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1360), S. 71-87

[6] Vgl. Torsten Hahn / Niels Werber: Systemtheorie. In: Einführung in die Medienkulturwissenschaft. Hg. von Liebrand, Claudia / Schneider, Irmela / Bohnenkamp, Björn / Frahm, Laura. Münster: Lit Verlag 2005, S. 120

[7] Niklas Luhmann: Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation. In: Aufsätze und Reden. Hg. von Oliver Jahraus. Stuttgart: Reclam 2001 (= Reclams Universal-Bibliothek 18149), S. 78

[8] Vgl. Ebd., S. 81

[9] Vgl. Ebd., S. 81

[10] Vgl. Niklas Luhmann: Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation. In: Aufsätze und Reden. Hg. von Oliver Jahraus. Stuttgart: Reclam 2001 (= Reclams Universal-Bibliothek 18149), S. 82

[11] Vgl. Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1998 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1360), S. 320-321

[12] Vgl. Niklas Luhmann: Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation. In: Aufsätze und Reden. Hg. von Oliver Jahraus. Stuttgart: Reclam 2001 (= Reclams Universal-Bibliothek 18149), S. 80

[13] Elias Canetti: Die Blendung. 37. Auflage. Frankfurt/Main: S. Fischer 2007 (= Fischer Taschenbuch 696), S. 14-15

[14] Ebd., S. 180

[15] Ebd., S. 352-354

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Canettis "Die Blendung" - Eine medientheoretische Analyse auf der Grundlage des systemtheoretischen Kommunikationsbegriffs
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für neuere deutsche und europäische Literatur)
Veranstaltung
Kultur, Literatur und Medien
Note
2,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V207921
ISBN (eBook)
9783656352228
ISBN (Buch)
9783656352402
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
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Arbeit zitieren
Frank Tichy (Autor), 2012, Canettis "Die Blendung" - Eine medientheoretische Analyse auf der Grundlage des systemtheoretischen Kommunikationsbegriffs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207921

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