Stanley Tookie Williams - Die Wandlung vom Gangsterboss zum Kinderbuchautor


Facharbeit (Schule), 2011
57 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Abstract

3. Einleitung

4. Der Gangsterboss
4.1 Geburt und Kindheit
4.2 Schule
4.3 In der Obhut des Staates
4.4 Entstehung einer Gang
4.5 Crips
4.6 Verflogene Lichtblicke
4.7 Die Crips bekommen ein Gesicht
4.8 Drugs & Bullets
4.9 Negativspirale
4.10 Letzte Tage in der freien Welt

5. Gedanken zum Gerichtsverfahren
5.1 Ausbruchspläne
5.2 Kontroversen um das Urteil

6. Resozialisierung und Hinrichtung
6.1 Ablegen der Crip-Mentalität
6.2 Gang- und Gewaltpräventionsarbeit
6.3 Besuch von Winnie Mandela und Nominationen zum Friedens- sowie Literaturnobelpreis
6.4 Endgültige Versöhnung
6.5 Gnadengesuch
6.6 Todesstrafe in den USA
6.7 Aktuelles

7. Schlussfolgerung

8. Quellenverzeichnis

1. Vorwort

Stanley Tookie Williams, Mitgründer der Crips, der grössten schwarzen Strassengang in den Vereinigten Staaten, Bodybuilder, Insasse der Todeszelle von San Quentin, Kinderbuchautor und mehrfach Nominierter für den Friedens- sowie den Literaturnobelpreis, wurde im Dezember 2005 durch die Giftspritze in Kalifornien hingerichtet. Wie wurde ich auf diese faszinierende Persönlichkeit aufmerksam, und was bewegte mich dazu, meine Maturaarbeit über dessen Leben und Arbeit zu schreiben?

Schon seit mehreren Jahren bin ich ein begeisterter Hörer von Rap & Hip Hop. Anstatt die Musik einfach nur zu konsumieren, konzentrierte ich mich vermehrt auf die Songtexte und die Leute dahinter. Dabei stolperte ich über mir damals fremde Begriffe wie „set tripping“[1], „slobs“[2]oder „crabs“[3]. Und schon befand ich mich mitten in den Recherchen über zwei der grössten und berüchtigtsten Strassenbanden, die heute in den USA aktiv sind – die Crips und die Bloods.

Ich wurde in den Bann gezogen von den Geschichten der afroamerikanischen Unterklasse über Gewalt, Drogen und Gangs. Mitten in Los Angeles ist ein Krieg im Gang, der schon dreissig Jahre andauert und in der Weltpresse selten erwähnt wird: der Krieg zwischen den Crips, die sich ganz in Blau kleiden und den Bloods, die sich durch die rote Farbe identifizieren. In den letzten zwanzig Jahren zählte man 15‘000 Morde im Zusammenhang mit diesen beiden Gangs, das sind mehr Tote, als es im gesamten Nordirland-Konflikt gab.

Ich war geschockt von diesen Zahlen und fragte mich, wieso diese katastrophalen Zustände mitten in einigen der grössten Städte der Weltmacht USA nicht für ein grösseres Aufsehen sorgen. Um einen Einblick zu erhalten, was da in South Los Angeles, dem Ursprungspunkt dieser Gangs, genau schief lief, besorgte ich mir einige autobiografische Bücher ehemaliger Gang-Mitglieder. Darunter war zum Beispiel „Inside the Crips“ von Colton Simpson, dessen Buch ihn hinter Gitter brachte, da er darin detaillierte Beschreibungen seiner Raubüberfälle abgibt, welche vom Gericht als Geständnisse interpretiert wurden. Mit dem Buch „Monster“ von Sanyika Shakur hatte ich einen Einblick in die zweite Generation der Crip-Krieger, zu Zeiten als die Gang-Mitglieder noch in ihren tiefgelegten Chevys und mit schwenkenden blauen Bandanas und erhobenen AK-47 durch die Strassen fuhren. Heute verraten sich die Bandenmitglieder den gegnerischen Gangs und der Polizei nicht mehr durch Tragen ihrer Gang-Farben. Am meisten jedoch beeindruckte mich Stanley Tookie Williams‘ „Redemption“, das Buch, in dem der Mitgründer der Crips und sogenannte OG[4]seinen Weg zur Reue beschreibt: Die Geschichte vom Gangsterboss, der sich im Gefängnis zum Kinderbuchautor, mit dem Ziel Gewaltprävention zu leisten, entwickelte.

Einige von Ihnen mögen sich sicher noch an die weltweite Medienpräsenz von Williams erinnern, als er 2001 von Mario Fehr, dem Schweizer Parlamentarier, zum Friedensnobelpreis nominiert wurde. Und noch mehr erinnert man sich wohl daran, als 2005 sein Gnadengesuch vom damaligen Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, abgelehnt wurde. Somit war die Brücke nach Europa und mit Mario Fehr auch speziell in die Schweiz geschlagen und ich beschloss, meine Maturaarbeit über Stanley Tookie Williams und dessen Arbeit als Autor und Friedensstifter zu verfassen.

Um die Verbindung zur heutigen Zeit und die Relevanz meiner Arbeit zu verstehen, muss man folgendes verstehen: Die Art von Kriminalität, die die Leute ins Gefängnis bringt, kommt vor allem in armen Wohngegenden vor, die sich durch eine hohe Arbeitslosenquote auszeichnen. Ich spreche von strafbaren Handlungen gegen Leib und Leben, gegen das Vermögen und gegen die Freiheit, wie zum Beispiel Mord, Körperverletzung, Raub und Menschenhandel.

Aktuell (Oktober 2011) protestieren Tausende von Studenten, die Mühe haben Jobs zu finden, aber auch andere Demonstranten an der Wallstreet gegen die Macht der Banken. Bloomberg, Bürgermeister von New York, sagte in einem Interview zu diesen „Occupy Wall Street“-Protesten, dass es verheerend für eine ganze Generation junger Amerikaner sei, eine 9,1-prozentige Arbeitslosenquote zu haben, und dass es, wenn es so weitergeht, zu ähnlichen Ausschreitungen wie in Griechenland kommen könnte.

Doch wer spricht von der 40-prozentigen (!) Arbeitslosenquote, die in einigen schwarzen Wohngebieten in den USA schon seit Jahrzehnten herrscht? Versteht man diese Tatsache, werden die riesigen Kriminalitäts-Probleme, die in einigen armen Vierteln der USA herrschen, etwas verständlicher.

Im Rahmen meiner Untersuchungen hatte ich Kontakt mit Barbara Becnel, Franziska Greber und Mario Fehr, was mir hilfreiche Aufschlüsse für die Arbeit lieferte. Ich möchte diesen Leuten dafür herzlich danken. Auch danke ich Jakob Scheuermeier für die Betreuung meiner Arbeit. Zudem danke ich Heinz Stöckli, Eva Marti Sharma, Ueli Friederich und meinen Eltern (Christine und Adrian Hässig) für das Korrekturlesen.

2. Abstract

Stanley Tookie Williams' unglaubliches Leben kann grundsätzlich in drei Phasen eingeteilt werden. In der ersten Phase seines Lebens wurde Williams mehrmals von der Schule verwiesen, landete wegen diversen Kleindelikten mehrmals in Jugendanstalten und gründete zusammen mit Raymond Washington die berühmte Crip-Gang, die heute weltweit sogar Nachahmer-Gangs inspiriert hat. Nach der Gründung der Crips startete Williams eine inoffizielle Bodybuilder-Karriere, und er wurde immer gewalttätiger. Zudem fiel er in eine gravierende Drogensucht, um der hoffnungslosen Realität, in der er auch angeschossen wurde, zu entfliehen. Und die Crips machten unter Williams‘ „Führung“ immer mehr negative Schlagzeilen. Mit 26 Jahren wurde er wegen vierfachen Mordes verhaftet.

Die zweite Phase lässt sich am besten als Übergangsphase beschreiben. Es waren die zwei Jahre, die Williams in Untersuchungshaft verbrachte. Von den Behörden durch starke Beruhigungsmittel absichtlich ruhig gestellt, soll dort Williams unfähig gemacht worden sein, dem Gerichtsverfahren zu folgen. Durch zweifelhafte Zeugenaussagen und fragwürdige Beweise wurde er wegen vierfachen Mordes zum Tode verurteilt. 25 Jahre später sagte Williams‘ Anwältin an seiner Beerdigung, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass die Zeugen die Mörder waren und Williams nicht direkt mit den Morden zu tun hatte. Ist also ein unschuldiger Mann hingerichtet worden?

Die dritte Phase seines Lebens verbrachte Williams im berühmten und brutalen Gefängnis von San Quentin. Während er sich in den ersten Jahren noch auf die gefängnisinternen Konflikte einliess und die meiste Zeit in Isolationshaft verbrachte, begann er sich nach einiger Zeit zu ändern. Er begann zu lesen und lernte ganze Fremdwörterbücher auswendig. Der Gangsterboss entwickelte sich allmählich zum gebildeten Mann. Nach vielen Jahren ohne weitere gewalttätige Zwischenfälle im Gefängnis schwor Williams den Crips ab. Er traf die Journalistin und Autorin Barbara Becnel und begann mit ihr Kinderbücher zu schreiben, die die Kinder präventiv von Gangs und Gewalt abhalten sollten. Der Rest ist Geschichte. Nachdem er für den Friedens- und Literaturnobelpreis nominiert wurde, lehnte Arnold Schwarzenegger, der damalige Gouverneur von Kalifornien, sein Gnadengesuch ab, und er wurde 2005 durch die Giftspritze hingerichtet.

3. Einleitung

Das Primärziel meiner Arbeit ist es, einen umfassenden Blick auf Stanley Tookie William’s Leben mit all seinen verschiedenen Facetten zu werfen.

Im ersten Teil möchte ich ein lebendiges Bild auf Williams‘ Jugend und seine Entwicklung zum Gangsterboss aufzeichnen. In dieser Zeit wurde der Grundstein für Williams‘ späteres Leben gelegt, was ich im ersten Kapitel verständlich machen will.

Im Mittelteil werfe ich einen Blick auf die zwei Jahre, die Williams nach seiner Verhaftung in Untersuchungshaft verbracht hatte. Ich möchte herausfinden, wie das vierfache Todesurteil zu Stande kam, und diskutieren, ob das angeblich ungerechte Gerichtsverfahren und die Verurteilung gerechtfertigt waren.

Im dritten und letzten Teil will ich herausfinden, welchen Einfluss Williams‘ Arbeit auf die Gangs weltweit hatte. Ich gehe dabei speziell auf Williams‘ Arbeit in Sachen Gewaltprävention ein. Welchen Einfluss hatte seine Kinderbuchserie auf die Gang-gefährdeten Kinder und wurde seine Friedensbotschaft erhört? Zudem möchte ich diskutieren, warum Williams‘ Arbeit und die ausgesprochene Veränderung seiner Persönlichkeit im Gefängnis zum Teil nicht ernst genommen wurden, und wieso die Begnadigung, trotz Nominierungen für den Friedens- und Literaturnobelpreis, abgelehnt wurde. Danach möchte ich die Hinrichtung besprechen, die viel Staub in Sachen Widerstand gegen die Todesstrafe in den USA aufgewirbelt hat. Schliesslich möchte ich herausfinden, ob Williams‘ Projekte weitergeführt werden und ob neue Veröffentlichungen folgen werden.

4. Der Gangsterboss

4.1 Geburt und Kindheit

“On December 29, 1953, in New Orleans Charity Hospital, I entered the world kicking and screaming in a caesarean ritual of blood and scalpels.“

Stanley Tookie Williams

Stanley Tookie Williams III wurde später in den Strassen von Los Angeles bekannt als Big Took. Als Williams noch nicht einmal ein Jahr alt war, verliess sein Vater die Familie. Seine 17-jährige Mutter und „Momma“, Williams‘ Grossmutter, zogen ihn von da an alleine gross. Es herrschten ärmliche Verhältnisse und die Sprüche 13:24 der Bibel wurden wortwörtlich genommen: „He who spareth his rod hateth his son. But he that loveth him chastieth him betimes“ (Williams 2004: 4) Williams beschreibt sich selbst als unruhiges Kind, das schon früh begann, kleinere Verbrechen zu begehen: “Motivated by greed and envy, I took to stealing little food items and toys from stores. […] My philosophy was hardening: adapt and survive. That was the street rule” (Williams 2004: 5).

1959 zogen Williams und seine Mutter in einem Greyhound Bus nach Kalifornien, wo sie sich in einem Apartment im damaligen South Central Los Angeles niederliessen: „I believe it was the lingering racism of Jim Crow – the systematic discrimination against Southern Blacks during the period following the Civil War – as well as my incorrigible behavior that fuelled my mother’s desire to migrate to California” (Williams 2004: 5). Damit fanden sich Williams und seine Mutter direkt in dem rassistischen Umfeld von Los Angeles anfangs der 1960er Jahre wieder.

Der 6-jährige Williams prügelte sich mit Gleichaltrigen und wurde dafür von den betrunkenen Eltern seiner Rivalen geschlagen. Er stahl Cookies in kleinen Lebensmittelläden und musste danach zusehen, wie seine Freunde von weissen Polizisten ohnmächtig geprügelt wurden. „I didn’t enjoy getting into trouble, I just found the streets more interesting than home. It felt liberating to be able to face the street adventures and to make my own decisions about what I should do. […] Each time I stepped out into this society – rife with poverty, filth, crime, drugs, illiteracy, and daily, brutal miscarriages of justice – I inhaled its moral pollutants and so absorbed a distorted sense of self-preservation” (Williams 2004: 12, 13). Für Williams wurde dieses vergiftete Umfeld zur alltäglichen Normalität.

Er sagt, er hätte wegen des fehlenden Wissens gar keine Chance gehabt, sich so zu entwickeln, wie er wollte: „Like most of my peers, I stumbled through life „dyseducated“, a very different quality than being merely uneducated” (Williams 2004: 14). Im Umfeld, in dem Williams aufwuchs, gab es keine Jugendclubs und Sportclubs. Er war umgeben von Dieben, Spielern, Zuhältern und Prostituierten. Auf den Strassen wurden Hundekämpfe ausgeführt und manchmal wurden nachts Tauben angezündet und gewettet, wie weit sie noch fliegen würden: „Seen through my adolescent eyes, everyone was at war: fathers battled their wives, neighbors were at each other’s throats, criminals fought criminals. […] This was our culture: casually brutal, unspeakably cruel“ (Williams 2004: 14).

1963 kam Williams‘ Schwester Cynthia, von der er nicht wusste, dass es sie gab, mit „Momma“ in Los Angeles an. Die beiden hatten immer viele Konflikte auszufechten. „We were as unlike as night and day” (Williams 2004: 18).

Gegen seinen Willen musste Williams oft die Baptistengemeinde besuchen. Dort wurde er auch getauft. Williams nutzte die Kirchenbesuche für erste Annäherungen an das andere Geschlecht.

4.2 Schule

“The time had come for me to enter a place of higher learning. But South Central’s educational system was cloning and graduating students who could barely read, write or reason.”

Stanley Tookie Williams

In der Schule war zu dieser Zeit eine physische Bestrafung der Schüler noch üblich: „The most popular method of punishment at that time was called „ferule discipline“ – a wooden ruler was used to repeatedly beat the inside palms of a child’s hand” (Williams 2004: 25). Die Schüler durften laut Williams weder schreiben noch lesen. Es wurde gebastelt, Puzzles zusammengesetzt und Geschichten zugehört, vorgelesen von der Lehrkraft. Bleistifte und Gummis gab es keine im Klassenzimmer. Die Bücher im Klassenzimmer durften von den Schülern nicht angefasst werden, was den kleinen Williams jedoch dazu antrieb, endlich etwas zu lesen. Als er in der Schulbibliothek beim Lesen erwischt wurde, drohte ihm seine Lehrerin jeweils mit einem Anruf nach Hause. “All I wanted to do was to become educated, not battle with a deranged teacher over my constitutional right to read schoolbooks” (Williams 2004: 28).

Neben der Schule reiste Williams mit einigen Freunden oft nach Downtown L.A. wo sie Kleider, Essen, Schmuck und Schuhe stahlen. Daneben putzten sie Schuhe von Passanten, was ihnen ein gutes Taschengeld einbrachte.

Williams berichtet in seinem Buch „Redemption“ von einigen schockierenden Erlebnissen, die ihm zu dieser Zeit widerfahren sind: Zum einen wurde er fast zum Opfer einer Misshandlung durch einen pädophilen Lehrer, der ihn und einen Freund zu sich nach Hause bestellte um „Schuhe zu putzen“, zum anderen wurden er mit seiner Mutter und Schwester von einem betrunkenen Autofahrer angefahren. „Though my entire body was in pain, it did not compare to the soreness of circumcision” (Williams 2004: 35, 36), womit Williams ein weiteres prägendes Erlebnis beschreibt, das er damals als Strafe auffasste.

Die siebte Klasse besuchte Williams in der Forshay Junior High. Seine Zeit dort beschreibt Williams als nutzlos: „At Forshay I went through the motions of showing up and performing each school task without understanding its purpose. I never harboured dreams of becoming a president, astronaut, banker, millionaire, doctor, fireman or lawyer. Such reveries were absurd to me as Santa Claus. I was conditioned to anticipate a living hell. My future involved no fortunes, no dreams, no miracles, no hope and no peace” (Williams 2004: 36). Dasselbe empfanden während den 1960er Jahren im hoffnungslosen Klima von South Central Los Angeles wohl auch viele andere Teenager. Downtown Los Angeles löste die Schule als Ort seines Interesses ab. Die meiste Zeit schwänzte er die Schule und nahm mit seinen Freunden den Bus nach Downtown L.A. „Downtown Los Angeles became our institution of higher learning; its curricula of thievery, deceit and robbery promised a diploma in criminality” (Williams 2004: 37). Mit der Zeit sorgte sich Williams’ Mutter wegen seiner schulischen Abwesenheit und den kleinen Delikten immer mehr um ihn und schickte ihn zu einem Psychiater. Dieser war jedoch ratlos, und nach einigen Monaten besuchte Williams ihn nicht mehr.

Die Freunde seiner Mutter akzeptierte er nicht. „I believed I was grown, making it impossible for any male substitute as a father figure” (Williams 2004: 38). Als Williams Mutter einen Freund, der später sein Stiefvater werden würde, nach Hause brachte, wurde er von Williams als „potenzieller Rivale“ (Williams 2004: 43) angesehen. Von nun an verbrachte er und seine Schwester viel Zeit mit den Töchtern ihres zukünftigen Stiefvaters, doch Williams bevorzugte es, draussen mit dem Hund zu spielen. Er war beeindruckt von Hunden, speziell von Hundekämpfen. Hätte seine Mutter dazumal gewusst, dass er schon mehr als „fünfzig blutige Hundekämpfe“ gesehen hatte, hätte sie ihn wohl sofort wieder zurück zum „shrink“, dem Psychiater geschickt, so Williams[5].

4.3 In der Obhut des Staates

In der High School kam Williams zum ersten Mal in Berührung mit Gangs. Er wurde von einigen Mitgliedern einer Schulbande spitalreif geschlagen, die auf sein Taschengeld aus waren. Als er sich danach mit dem grössten Mitglied der Bande anlegte, wurde er von den anderen Bandenmitgliedern der Schule wieder alleine gelassen. „I gained a reputation as a quiet, tough guy who was also crazy“ (Williams 2004: 50).

Nachdem er 20 Dollar aus der Kasse der Schulkantine mitlaufen liess, wurde er zum ersten Mal von der Schule verwiesen. Williams war mittlerweile 15 Jahre alt und seine Mutter schickte ihn auf eine neue High School in der Nähe des Wohnsitzes seines Stiefvaters. Dort traf Williams einige neue Freunde, und eine Clique entstand. „Though not a gang, we began to establish the missing link of camaraderie through common interests: partying, girls, fighting, kinship and hustling” (Williams 2004: 53). Die Schule gehörte nicht auf diese Liste und sie wurde zu nichts weiter als ein „Platz, wo wir herumhingen, wenn es nichts anderes zu tun gab“ (Williams 2004: 54).

Der Ruf von Williams‘ Clique breitete sich aus und er und seine Leute wurden von einer Strassenbande angefragt, mitzumachen. Williams lehnte ab mit; „ […] my homeboys and I were like family and weren’t into gangs.” (Williams 2004: 55).

Auch die neue High School wollte nach einiger Zeit nichts mehr von Williams wissen. Er wurde wegen Schwänzen und Schlägereien auf dem Schulareal verwiesen. Von da an war es für Williams‘ Mutter fast unmöglich, eine weitere Schule für ihren Sohn zu finden. Nur eine einzige High School akzeptierte Williams noch; die Brett Hart Junior High, die sich in Westmont, einem sehr kriminellen Gebiet von Los Angeles, befand, wo er mit Mutter und Schwester dann auch hinzog.

Williams schaffte es, die Junior High School mit genügenden Noten abzuschliessen. Im Sommer landete er jedoch zum ersten Mal im Jugendgefängnis. Die Polizei wurde auf ihn aufmerksam, als ihm der Magen im Spital wegen übermässigem Konsum von Betäubungsmitteln ausgepumpt werden musste. „Long before high school, I was a user of street drugs. I had graduated from sniffing glue to smoking marijuana to dropping “red devils” – a barbiturate which is a depressant (downer)” (Williams 2004: 60).

Williams beschreibt seinen Gefängnisaufenthalt als “point of no return” (Williams 2004: 57). Aus seiner Sicht trug die Jugendanstalt nur dazu bei, die Insassen auf weitere Gefängnisaufenthalte vorzubereiten: […] Juvey [Juvenile Hall] was a warehouse for incorrigible youth where they would vegetate and sink into ignorance and confusion. It also served as conditioning and preparation for a youth’s inevitable step toward prison – as though it was a boot camp, training recruits for the next level of armed services” (Williams 2004: 61).

Nach einigen Wochen wurde Williams wieder freigelassen, und er fiel sofort wieder in die alten Aktivitäten zurück. Er besuchte nun die Washington High School, welche bekannt war als Zuhause für mehrere Gangs – auch heute noch ist das so. 2007 wurde in dieser Schule z.B. ein Schüler erstochen und 2008 wurden eine 12-Jährige und ein 18-jähriger Schüler angeschossen[6].

Williams Truppe ernannte die High School zu ihrem Territorium, und benutzte sie als Platz, um ihren diversen, teils kriminellen Aktivitäten nachzugehen: „The staff knew exactly who we were and what we were doing at and around school, but they were too scared to stop us – or didn’t care“ (Williams 2004: 63).

1970 landete Williams wieder in der Jugendanstalt, dieses Mal wegen Diebstahls und Fahrens unter Drogeneinfluss. „I had made the mistake of being intoxicated and running out of gas in a stolen car, in a predominantly white area of Carson” (Williams 2004: 64). Kurz darauf wurde er nach Salt Lake City in die “Job Corps” verlegt, ein Programm für 16- bis 24-Jährige, mit dem Ziel deren Lebensqualität durch berufliche und akademische Kurse zu verbessern[7]. Von dort wurde Williams jedoch schnell wieder nach Hause geschickt, da er fast einen Aufstand zwischen den lateinamerikanischen und afroamerikanischen Programmteilnehmern auslöste.

Zurück in L.A. dauerte es nicht lange, bis Williams wieder mit einem gestohlenen Auto geschnappt wurde. Er landete im Los Padrinos Jugendgefängnis, wo er begann Gewichte zu heben. „I became addicted to the feeling of being bigger and stronger“ (Williams 2004: 68).

4.4 Entstehung einer Gang

“Prior to my release date [von Los Padrinos Juvenile Hall] I was summoned for the customary re-evaluation. I sat […] before the staffs tribunal and faced a long list of questions. The last question was fair enough: “Stan, what are your plans once you are released back into society?” With an indifferent expression I replied, “I plan on being the leader of the biggest gang in the world.”

Stanley Tookie Williams

Nach den Watts Riots von1965, grossen Ausschreitungen im Stadtteil Watts von Los Angeles, bei denen die Amerikanische Nationalgarde eingesetzt wurde, um die Aufstände niederzuschlagen und bestimmte Gebiete zum Abschuss freigegeben[8]wurden, herrschte eine Zeit lang eine Aufbruchsstimmung in South Central L.A. Die Gang-Aktivitäten waren auf einem Tiefpunkt. Vielmehr traten die Jugendlichen den Black Panthers bei oder halfen beim Wiederaufbau der Stadt. Mit der stärker werdenden Black Power Bewegung wurde auch das Klima in South Central L.A. besser. Doch die Black Panther Bewegung wurde vom damaligen FBI Direktor, J. Edgar Hoover, als „die gefährlichste Bedrohung der inneren Sicherheit des Landes“[9]angesehen. Die meisten Aktivisten der Black Pride Bewegung wurden entweder verhaftet, getötet (Malcolm X. 1965, Martin Luther King 1968) oder ins Exil geschickt[10]. Williams beschreibt die Situation, die damals in den USA herrschte, wie folgt: „The Black Panther’s field Marshal, George Jackson, was shot and killed during an alleged escape attempt at San Quentin state prison. The political activist Angela Davis was still in Marin County Jail, and a rebellion was in full swing at Attica state prison in upper New York state. Not to mention the usual problems: poor education, few jobs, lack of youth programmes, broken families – all feeding the growing civil rights movement” (Williams 2004: 72). Nach dem Tod von Martin Luther King 1968 drehte die Aufbruchsstimmung in das hoffnungsloseste Klima, das je in South Central L.A. herrschte. Viele neue Gangs tauchten auf, die gewalttätiger als diejenigen der Generation vor ihnen waren. Und Williams fand sich nach seiner Entlassung aus Los Padrinos genau in diesem gewalttätigen Klima wieder. Williams traf wieder auf seine alte Clique, wo er sofort die Führungsposition übernahm. Offiziell war Williams‘ Truppe jedoch noch keine Gang, doch das änderte sich schnell: „We were not a gang in the traditional sense, but as our rivals raised the bar with their increasing aggression and strong-arming, we morphed into a gang without a title” (Williams 2004: 73).

Williams begann, sich in den Strassen von South Central einen schlechten Ruf aufzubauen. “Gang battles raged, and we picked up the pace in drive-by beatings. Often we’d bail out of a stolen car to beat down unsuspecting rivals and I’d let them know it was me, Tookie, who was doing it to them” (Williams 2004: 73).

4.5 Crips

“Remember the panthers man? - Yeah! They was strong man. - Yeah! Yeah! They was tight man, they protected the community. – Yeah. Look around you man! Whos gunna protect ours but you and I? We love our people man, we love this community, somebody got to protect it! Look around you man, were the only ones man, were the only ones who care. - Yeah. We should start our own thing man! Yeah Yeah! Baby Cribs! Yeah! You down man, Baby Cribs! – Yeah, sounds good homie!

Raymond Lee Washington & friends

1969 gründete Raymond Lee Washington mit neun Freunden die East Side Baby Cribs nach dem Vorbild der Black Panthers. Primäres Ziel der Gang war es, das Viertel vor anderen Gangs und Drogendealern zu schützen. Washington hörte von dem jungen Unruhestifter Tookie, der anderen Gangs durch seine Prügelattacken Kopfweh bereitete. Eines Tages ging er zur Washington High School auf der Suche nach Tookie. Weil sie beide zu wenig Mitglieder in ihren Gangs hatten, Williams auf der West Side und Washington auf der East Side, beschlossen sie, sich zusammenzuschliessen. Sie trafen sich an einem Freitag Abend, beide begleitet von so vielen Mitgliedern wie möglich, um die Vereinigung zu beschliessen. „It would have been a police photographer’s Kodak moment to have captured all of us on film that day. Standing and sitting around on the bleachers was the largest body of black pariahs ever assembled” (Williams 2004: 81). Mit einem Händedruck besiegelten Williams und Washington den Zusammenschluss ihrer beiden Truppen. Keiner der beiden realisierte damals, dass sie soeben die grösste afroamerikanische Gang ins Leben gerufen hatten, die sich später unter dem Namen Crips über die ganzen Vereinigten Staaten und noch weiter ausbreiten würde.

Wie der Name Cribs zu Crips wurde, bleibt bis heute ein Mysterium. Williams begründet den Wechsel damit, dass die meisten Mitglieder unter Drogeneinfluss den Namen falsch aussprachen und diese Version sich dann durchsetzte. Andere sagen, der Name kam von den Zeitungen, die von den Crips berichteten, als Kurzform für Cripple (Krüppel), da viele Mitglieder damals Gehstöcke benutzten, die zur Ausrüstung und zum Stil der Homeboys gehörten[11].

[...]


[1]Die Kriegshandlung zwischen zwei verfeindeten Gangs

[2]Abschätzender Name für Bloods (oft gebraucht von den Crips)

[3]Abschätzender Name für Crips (oft gebraucht von den Bloods)

[4]Original Gangster: Die Personen die von Anfang an bei einer Gang dabei waren, bzw. die Gang gegründet haben.

[5]Williams 2004: S.46

6http://abclocal.go.com/kabc/story?section=news/local&id=6402868

[7]www.jobcorps.gov

[8]Verschiedene Strassen durften nicht befahren werden. Bog man falsch ab, musste man damit rechnen, beschossen zu werden.

[9]Film: Crips and Bloods: Made in America, 2008

[10]Film: Crips and Bloods: Made in America, 2008

[11]Film: Gangsta King: Raymond Lee Washington, 2005

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Stanley Tookie Williams - Die Wandlung vom Gangsterboss zum Kinderbuchautor
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
57
Katalognummer
V207946
ISBN (eBook)
9783656355472
ISBN (Buch)
9783656357919
Dateigröße
722 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
handelt sich hierbei um eine Maturaarbeit
Schlagworte
Stanley, Tookie, Williams, Crips;, Bloods;, Gangs;, USA, San Quentin;, Gangsterboss, Kinderbuchautor, Barbara, Becnel, Mario, Fehr, Gefängnis, Todesstrafe, Nobelpreis, Literaturnobelpreis, Giftspritze, Arnold, Schwarzenegger, Mord, Mörder, Gangster, Black, Panthers, Watts, Riots, Washington, Bush, Los, Angeles, South, Central, Hinrichtung, Giftsprizte, Gerichtssystem, Bodybuilder, Kalifornien, Gang, Kultur, Gerichte, Prozess, Kriminalität, Waffen, Drogen
Arbeit zitieren
Jonas Hässig (Autor), 2011, Stanley Tookie Williams - Die Wandlung vom Gangsterboss zum Kinderbuchautor, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207946

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