Der Machtkampf ist ein Phänomen, dass laut Frau Dr. med. Davatz in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen immer noch sehr verbreitet ist.
In der sportdidaktischen Literatur finden sich nur sehr wenige Quellen, die sich explizit mit dem Thema Machtkampf beschäftigen (z.B. Scherler, 2000). Allgemein scheint dies daran zu liegen, dass es sich hierbei um ein Tabuthema bei Pädagogen handelt: „Machtkämpfe hat man einfach nicht.“
Aus diesem Grund wird für die Erklärung der Entstehung von Machtkämpfen auf die Texte von Bräutigam, Miethling, Scherler & Schirtz, Sieland und Werning zurückgegriffen und auf Anleihen aus der Erziehungswissenschaft und der Sozialwissenschaft, die sich bereits näher mit dem Thema der Machtkämpfe beschäftigt haben. Das soziale Phänomen „Machtkampf“ – oder „Machtkonflikt“ – ist in der Sozialwissenschaft bereits als Teil einer Konflikttheorie von H. Messmer dargestellt worden. Diese globale, sozialprozessorientierte Theorie wird auf den Sportunterricht übertragen werden. Eine scharfe Abgrenzung des Begriffes „Machtkampf“ ist sehr schwierig, weil jeder individuell definiert, wann er sich gestört fühlt und wann für ihn ein Machtkonflikt anfängt. Um diese Definitionsproblematik zu umgehen wird daher grundlegend die Definition des „Machtkonfliktes“ vom Messmer verwendet werden.
Doch auch in sportwissenschaftlichen Texten finden sich Andeutungen darüber, dass Unterrichtsstörungen, d.h. Konflikte im Unterricht, sich zu Machtkonflikten entwickeln können.
Besagte Konflikte können entweder durch eine Win-Win-Lösung beigelegt werden, bei der sowohl Lehrer als auch Schüler ohne Gesichtsverlust den Konflikt beenden können oder sie werden durch Eskalation zu einem Machtkampf, welcher eigentlich nur durch eine Win-Lose-Lösung beendet werden kann. Daher sollten Lehrer bemüht sein zum einen Machtkämpfe grundsätzlich zu vermeiden und zum anderen, wenn dies nicht möglich ist, eine möglichst akzeptable Lösung für beide Seiten zu finden. Wie derartige Lösungsmöglichkeiten aussehen können, wurde bisher nicht erforscht, es kursieren lediglich „präventive Tipps“.
Daher verfolgt diese Arbeit die Forschungsfrage: Welches Lehrerverhalten kann in einem Machtkonflikt einen glimpflichen Verlauf und Ausgang ermöglichen?
Um auf diesen bisher unerforschten Bereich der Sportwissenschaft ein erstes Licht zu werfen wurden Daten durch Experteninterviews mit fünf Sportlehrern von einem Gymnasium erhoben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Bisherige Antworten zur Thematik
2.1 Theorie
2.1.1 Definition
2.1.2 Wie entstehen Machtkonflikte
2.1.3 Folgen für die Beteiligten
2.1.4 Vorschläge zur Prävention und Bewältigung
2.2 Empirie
3 Empirische Untersuchung
3.1 Entwicklung und Formulierung der Fragestellung
3.2 Auswahl und Begründung der Erhebungsmethode und des Erhebungsinstrumentes
3.3 Beschreibung und Begründung der Untersuchungsdurchführung
3.4 Zusammenfassung des Interviews A
3.5 Zusammenfassung Interviews B
3.6 Zusammenfassung des Interviews C
3.7 Zusammenfassung des Interviews D
3.8 Zusammenfassung des Interviews E
3.9 Interpretation
3.10 Zusammenfassung der Ergebnisse
3.11 Methodenkritische Reflexion
4 Reflexion und Rückbezug zur Theorie
5 Fazit
Zielsetzung und Forschungsfragen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Problematik von Machtkonflikten im Sportunterricht aus der Perspektive von Lehrkräften. Ziel der Fallstudie ist es, durch qualitative Experteninterviews ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie Sportlehrer diese Konflikte wahrnehmen, welche Ursachen sie ihnen zuschreiben und mit welchen Strategien sie diesen pädagogischen Herausforderungen im Schulalltag begegnen.
- Analyse des theoretischen Wissensstandes zu Macht und Konflikt im schulischen Kontext.
- Untersuchung der spezifischen Bedingungen des Sportunterrichts als potenzielle Konfliktquellen.
- Erhebung subjektiver Erfahrungen von Sportlehrkräften durch leitfadengestützte Interviews.
- Reflexion der erlebten emotionalen Belastungen für Lehrkräfte in Machtkonflikten.
- Zusammenstellung präventiver und reaktiver Handlungsstrategien zur Bewältigung von Disziplinproblemen.
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
„Machtkonflikte? Ham‘ we‘ nich‘“, so die geschlossene Aussage aus dem Lehrerzimmer. Diese ist erstaunlich, bedenkt man, dass schon 1956 der hessische Minister für Erziehung beklagte: „Nach Berichten und Erfahrungen der letzten Jahre hat die Zahl der Schüler zugenommen, die sich den pädagogischen Maßnahmen der Schule böswillig und nachhaltig verschließen oder widersetzen, die Schulordnung und Gemeinschaft erheblich stören und dadurch dem Lehrer im Unterricht erheblich Schwierigkeiten bereiten.“ (Miethling 1993, S. 14).
Dieser Widerspruch und die Tatsache, dass Lehrer nach genauerem Nachfragen doch „zugeben“ in ihrem Unterricht auch „schon einmal“ einen Machtkonflikt bestritten zu haben, deutet darauf hin, dass es sich bei dieser Thematik um ein Tabu-Thema im Lehrerzimmer handelt. Machtkonflikte hat man einfach nicht! Es scheint vielen peinlich zu sein, vor Kollegen oder gar Außenstehenden zuzugeben, dass sie ihre Schüler nicht immer „im Griff“ haben. Dennoch gehört gerade dies zum Unterrichtsalltag (vgl. Bräutigam 2003, S. 169).
Schüler widersetzen sich der Autorität des Lehrers aus verschiedensten Gründen, sei es Unverständnis, Lustlosigkeit oder das Bestreben, sich einmal nicht unterzuordnen, sondern gegen die „Macht des Lehrers“ zu rebellieren. Diesem Verhalten als Lehrer gelassen gegenüberzutreten und sich nicht auf die Einladung zum Machtkonflikt einzulassen ist nicht leicht. So schreibt Dreikurs in seinem Buch „Lehrer und Schüler lösen Disziplinprobleme“:
Ist es schon schwierig genug, den Provokationen des Kindes zu widerstehen, wenn es Aufmerksamkeit fordert, so ist es noch schwieriger, sich zurückzuhalten, wenn es seine Überlegenheit oder Macht demonstrieren will. Viele Lehrer sind weder von ihrer Persönlichkeit her noch emotional darauf vorbereitet sich aus einem Machtkampf mit einem Kind, das ihre Autorität in Frage stellt, herauszuhalten. (Dreikurs et al., 2007, S. 40).
Obwohl das Thema also keine Ausnahme im Schulalltag darstellt, finden sich in der Literatur überwiegend präventive Strategien zur Vermeidung von Machtkonflikten nichts aber darüber, wie Lehrer mit Machtkonflikten umgehen sollten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Tabuisierung von Machtkonflikten im Lehrerzimmer und führt in die Problematik des Lehrer-Schüler-Verhältnisses ein.
2 Bisherige Antworten zur Thematik: Dieses Kapitel fasst den aktuellen Wissensstand aus Theorie und Empirie zusammen, wobei Definitionen von Macht und Konflikt sowie bestehende Studien zu Unterrichtskonflikten analysiert werden.
3 Empirische Untersuchung: Hier wird das methodische Vorgehen der Fallstudie dargelegt, die Interviews mit Sportlehrkräften dargestellt, ausgewertet und interpretiert.
4 Reflexion und Rückbezug zur Theorie: Die gewonnenen empirischen Ergebnisse werden kritisch mit den theoretischen Ansätzen aus Kapitel 2 verglichen und verknüpft.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass Machtkonflikte zum Schulalltag gehören und ein professioneller Umgang durch Wissen und pädagogische Routine entscheidend ist.
Schlüsselwörter
Machtkonflikt, Sportunterricht, Lehrerautorität, Schulalltag, Disziplinprobleme, Pädagogische Maßnahmen, Unterrichtsstörungen, Experteninterviews, Konfliktdynamik, Pubertät, Professionelles Lehrerhandeln, Machtinstrumente, Subjektive Theorien, Schülerverhalten, qualitative Sozialforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen „Machtkonflikt“ im schulischen Sportunterricht und untersucht, wie Lehrkräfte diese Situationen wahrnehmen und bewältigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Definition und Entstehung von Machtkonflikten, die Bedeutung der Lehrerautorität sowie die erlebten Auswirkungen auf die Lernatmosphäre und das Lehrer-Schüler-Verhältnis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erforschung von Erfahrungen und Handlungsstrategien von Sportlehrkräften in Machtkonflikten, da hierzu bisher kaum empirische Daten vorlagen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wurde ein qualitativer Forschungsansatz gewählt, konkret leitfadengestützte Experteninterviews mit fünf Sportlehrkräften eines Gymnasiums.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst sowohl eine theoretische Fundierung des Machtbegriffs im Bildungskontext als auch eine detaillierte Auswertung und Interpretation der geführten Interviews.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Machtkonflikt, Autorität, Sportdidaktik, pädagogische Intervention und Stressbewältigung im Lehrerberuf.
Inwiefern unterscheidet sich der Sportunterricht von anderen Fächern bezüglich dieser Konflikte?
Durch das spezifische Setting, wie das größere Raumangebot der Sporthalle und den Aufforderungscharakter von Sportgeräten, ergeben sich andere Konfliktpotenziale als im klassischen Klassenraumunterricht.
Welche Rolle spielt die Berufserfahrung der Lehrkräfte?
Die Arbeit zeigt auf, dass erfahrenere Lehrkräfte über ein breiteres Repertoire an Handlungsalternativen verfügen, während Berufsanfänger (Referendare) häufiger Überforderungssituationen erleben.
- Quote paper
- Dörte Schabsky (Author), 2009, Machtkonflikt im Sportunterricht. Und was dann?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207990