Die Bedeutung einer ethischen Unternehmensführung vor dem Hintergrund der zunehmenden Ökonomisierung in Non-Profit-Organisationen


Bachelorarbeit, 2012
72 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wirtschaftsethik und Unternehmensethik
2.1 Definition Ethik
2.2 Definition Ökonomik
2.3 Zusammenhang von Ethik und Ökonomik
2.4 Wirtschafts- und Unternehmensethik
2.5 Die drei Ebenen der Wirtschaftsethik
2.5.1 Mikroebene
2.5.2 Mesoebene
2.5.3 Makroebene
2.5.4 Das Zusammenwirken von Mikro- Meso- und Makroebene
2.6 Ansätze der Wirtschafts- und Unternehmensethik
2.6.1 Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik
2.6.2 Karl Homann: Ökonomische Ethik
2.6.3 Horst Steinmann: Diskursive Wirtschafts- und Unternehmensethik
2.6.4 Josef Wieland: Governanceethik

3. Non-Profit-Organisationen im Wandel
3.1 Begriffsbestimmung von Non-Profit-Organisationen
3.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Non-Profit-Organisationen und Profitorganisationen
3.3 Non-Profit-Organisationen aus betriebswirtschaftlicher Sicht
3.3.1 Unternehmensführung allgemein
3.3.2 Aufgaben der Unternehmensführung
3.3.3 Ansätze der Unternehmensführung
3.3.4 Unternehmensführung in Non-Profit-Organisationen

4. Ethik in Non- Profit- Organisationen
4.1 Unternehmerische Sozialethik
4.2 Unternehmensethik als Erfolgsfaktor in der Unternehmensführung

5. Managementmodelle in der Sozialwirtschaft
5.1 Das St. Galler- Managementmodell
5.2 Das Freiburger Management- Modell für Non- Profit- Organisationen
5.2.1. System- Management
5.2.2. Marketing- Management
5.2.3. Ressourcen- Management
5.3 Das Sieben S- Modell
5.4 Systemsteuerung durch Sozialmanagement

6. Schluss

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Zusammenfassung

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll aufgezeigt werden, weshalb auf ethische Elemente in der Unternehmensführung sozialwirtschaftlicher Unternehmen vor dem Hintergrund der veränderten Rahmenbedingungen dieses Sektors, nicht zu verzich- ten ist. Ausgangspunkt für die weiterführenden Überlegungen stellt hierfür die zu- nehmende Ökonomisierung und die Notwendigkeit, betriebswirtschaftliche Kompo- nenten im Management des Dritten Sektors zu implementieren, dar. Die zugrunde liegende Arbeit versucht den divergierenden Ansprüchen ökonomischer und morali- scher Komponenten im Unternehmensalltag gleichermaßen gerecht zu werden. Auf- grund der immer mehr zu verzeichnenden Anpassung an gewinnorientierte Unter- nehmen liegt die Besonderheit dieser Arbeit in der Bedeutung ethischer Aspekte vor dem Hintergrund der gemeinschaftlichen Wohlfahrt. Es wird dargestellt, wie wichtig die Implementierung von Ethik- Kodizes im sozialwirtschaftlichen Bereich ist und wie dies gelingen kann, ohne dabei die spezifischen wirtschaftlichen Anforderungen au- ßer Acht zu lassen. Die Systemtheorie bildet für die Ausarbeitung eine Art Referenz- rahmen. Die möglichen Konkretisierungen der Systemtheorie im Managementver- halten werden in der vorliegenden Arbeit in näher betrachteten Managementkonzep- ten dargestellt. Es erfolgt in diesem Kontext eine Fokussierung auf Management- konzepte, die im Rahmen einer ganzheitlichen Herangehensweise in der Berück- sichtigung von ethischen Grundsätzen einen Erfolgsfaktor für die Unternehmensfüh- rung in sozialwirtschaftlichen Unternehmen darstellen.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Drei Ebenen der Wirtschaftsethik

Abb. 2: Zusammenwirken von Mikro-, Meso- und Makroebene

Abb. 3: Wertemanagementsystem

Abb. 4: Morphologische Matrix des Nonprofit- Sektors

Abb. 5: Gemeinsame Eigenschaften und Probleme von PO und NPO

Abb. 6: Schlüssige und nicht-schlüssige Tauschbeziehungen

Abb. 7: Managementebenen nach ausgewählten Tätigkeitsschwerpunkten

Abb. 8: Management als Querschnittsfunktion

Abb. 9: PDCA - Zyklus

Abb. 10: Grundschema der plandeterminierten Unternehmensführung

Abb. 11: Zentrale Subsysteme einer Organisation

Abb. 12: Stoßrichtung vermehrter Management- Orientierung

Abb. 13: Eigenschaften eines "guten Chefs"

Abb. 14: Bedürfnispyramide der Mitarbeiter einer NPO

Abb. 15: Ethik- Management- Programm

Abb. 16: Das neue St. Galler Management- Modell

Abb. 17: Aufbaulogik des FMM

Abb. 18: Das kybernetische Modell (Regelkreis)

Abb. 19: Ressourcen- Management, Elemente und Ziele

Abb. 20: Das 7- S- Modell

Abb. 21: Systemsteuerung durch Sozialmanagement

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

"Führungskräfte der Wirtschaft sind dazu berufen, die Wirt schaft entsprechend der Würde des Menschen und mit Blick auf das Gemeinwohl zu gestalten. Ein Grundprinzip ist es da bei, Menschen mit Gütern zu versorgen, die wirklich gut sind und mit Dienstleistungen, die wirklich dienen" 1,

mit diesen Worten unterstreicht Kardinal Peter Turkson die Grundaussage der Ka- tholischen Soziallehre, dass ein Unternehmen zu aller erst als eine „Gemeinschaft von Personen“ zu betrachten sei. In den letzten Jahren standen sozialwirtschaftliche Unternehmen jedoch unter enormem Veränderungsdruck. Sie befinden sich heute in einer marktwirtschaftlich bestimmten Umwelt, in welcher sie sich zu behaupten ha- ben. Betriebswirtschaftliches Denken und der Einsatz betriebswirtschaftlicher Instru- mente gehören mittlerweile zum Unternehmensalltag von Sozialwirtschaften. Im Rahmen der zunehmenden Ökonomisierung bewegen sie sich heute zwischen öko- nomischem und karitativem, sozialem Umfeld.2 Trotz der zunehmenden Anpassung an gewinnorientierte Unternehmen, darf der Hintergrund sozialwirtschaftlicher Unter- nehmen jedoch nicht außer Acht geraten. Im Dienste der gemeinschaftlichen Wohl- fahrt erbringen sozialwirtschaftliche Unternehmen Humandienstleistungen für Men- schen, die Hilfe bedürfen. Umso wichtiger ist es, das Führen solcher Unternehmen nicht lediglich aus harten betriebswirtschaftlichen Kriterien zu sehen. Es ist Aufgabe des Managements, ethische und betriebswirtschaftliche Komponenten miteinander zu vereinen und in diesem Zusammenhang Gemeinnützigkeit mit Gemeinwohl gleichzusetzen.3 Führungskräfte müssen als Vorbildfunktion stets im Kontext ethi- scher und ökonomischer Anforderungen agieren können.4 Für Anselm Grün ist es selbstverständlich, dass für viele Verantwortliche in der Wirtschaft eine Unterneh- mensführung ohne ethische Grundsätze nicht mehr denkbar ist.5 Als Berater vieler deutscher Topmanager hat Anselm Grün diesbezüglich einen guten und tiefgehen- den Einblick. Die Besinnung auf ethische Grundsätze in der täglichen Führung geht mit seiner Einschätzung, dass die heute häufig favorisierten Führungsmodelle von einem „mechanistischen Unternehmen“, nicht einem erfolgversprechenden Führungsmodell entsprechen, einher.6 Auch Thomas Watson Sr., Gründer und Vorstandsvorsitzender von IBM, war der Auffassung, dass die Überlebenskraft eines Unternehmens nicht in seiner Organisationsform oder seinem Verhaltensgeschick liegt, sondern in der Macht von Werten.7 Obwohl natürlich immer noch eine Vielzahl mechanistischer Organisationen existiert, lässt sich ein zunehmender Trend in Rich- tung Ethik verzeichnen. So genannte Ethik-Kodizes sind inzwischen weitverbreitete Instrumente, mit welchen Unternehmen aus eigener Initiative ihr Wertesystem be- schreiben und kodifizieren.8 Dieses Spannungsfeld von einem veränderten Füh- rungsverständnis und der Entwicklung weg von einem mechanistischen zu einem systemischen Unternehmensmodell hat im Bereich der Non-Profit-Organisationen vor dem Hintergrund einer zunehmenden Komplexität und Dynamik und der stetig wachsenden Ökonomisierung dieses Sektors in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Inwiefern spielen jedoch moralische und ethische Kompo- nenten unter diesen Voraussetzungen noch eine Rolle in Sozialwirtschaften und warum ist es nicht möglich auf diese zu verzichten? Im Rahmen dieser Arbeit soll dargestellt werden, welche Bedeutung eine ethische Unternehmensführung vor dem Hintergrund der zunehmenden Ökonomisierung in sozialwirtschaftlichen Unterneh- men hat. Galten Ethik und Ökonomik zu den Zeiten Aristoteles noch als „[...]unter dem Dach der praktischen Philosophie[...]“9 eng miteinander verbunden, stehen sie sich heute unversöhnlich gegenüber. Zu Beginn der Arbeit wird zunächst die Bedeu- tung der beiden Begriffe geklärt und anschließend eine Verknüpfung hergestellt. Dieser Zusammenhang von Ethik und Ökonomik innerhalb eines Unternehmens soll durch diverse Ansätze der Wirtschafts- und Unternehmensethik verdeutlicht werden. Mit diesen Ansätzen soll eine Verbindung ökonomischer Vernunft mit sozialer Ver- antwortung gelingen.10 Um jedoch auf diese Verknüpfung im Rahmen sozialwirt- schaftlicher Unternehmen eingehen zu könne, bedarf es vorab der Erläuterung eini- ger Grundlagen. Kapitel drei setzt sich in diesem Zusammenhang mit den Unter- schieden und Gemeinsamkeiten sozialwirtschaftlicher und gewinnorientierter Unter- nehmen auseinander. Wie bereits erwähnt unterliegen Sozialwirtschaften einem enormen Veränderungsdruck und können sich durch die zunehmende Ökonomisie- rung heutzutage betriebswirtschaftlicher Mittel nicht mehr entziehen. Kapitel drei be- schäftigt sich daher auch mit Non- Profit- Organisationen aus betriebswirtschaftli- cher Sicht, wobei der Fokus auf die Unternehmensführung beziehungsweise auf das Management gelegt wird. Neben der Implementierung betriebswirtschaftlicher Komponenten gilt jedoch stets, Moral und Ethik in den Unternehmensalltag zu inte- grieren. Kapitel vier beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit der Verknüpfung von Ethik und Ökonomik im Rahmen sozialwirtschaftlicher Unternehmen. Im letzten Kapitel werden abschließend vier anerkannte Managementmodelle dargestellt und erläutert. In diesen Modellen sind sowohl betriebswirtschaftliche als auch ethische Grundsätze enthalten. Mit Hilfe der Managementmodelle soll eine Implementierung dieser beiden Grundsätze in den Unternehmensalltag erfolgen können.

2. Wirtschaftsethik und Unternehmensethik

2.1 Definition Ethik

Für die Definition von Ethik bedarf es zunächst der Erläuterung einiger Begriffe, die in der Ethik eine wesentliche Rolle spielen. Zu den wichtigsten ethischen Grundbe- griffen zählen Werte, Normen, Moral und Ethos. Werte stellen die „wünschenswerte[n] Ziele eines Individuums oder einer Gruppe [dar]“11 und sind so- mit Auffassungen über die „[...]Qualität der Wirklichkeit.“12 Lingenfelser spricht in die- sem Zusammenhang von „[...] Beurteilungsmaßstäben, welche sich in moralisch- ethischen Verhaltensmustern und -formen, der Sittlichkeit und Moralität, nieder- schlagen.“13 Unter der Überleitung von Werten in verbindliche Verhaltensrichtlinien werden darüber hinaus Normen verstanden. Normen sind somit konkretisierte Wer- te, die sich in Geboten oder Verboten niederschlagen. Sie geben Auskunft darüber, was ein Mensch in einer bestimmten Situation tun oder lassen soll.14

„ Unter Moral soll der Bestand an faktisch herrschenden Werten und Normen in einer Gruppe oder Gesellschaft verstanden werden. Moral wird durch Werte und Normen konstituiert “ . 15

Was somit in einer bestimmten Gesellschaft für gut und wünschenswert, bezie- hungsweise für böse und verboten gehalten wird, stellt die jeweils herrschende Mo- ral dar.16 Gemäß Zimbardo und Gerrig basiert moralisches Verhalten darauf, das ei- gene Verhalten nicht nur an den eigenen Bedürfnissen, sondern anhand der Bedürf- nisse der Gesellschaft zu beurteilen.17 Abschließend möchte ich nun noch auf den ethischen Grundbegriff Ethos eingehen. Sobald ein Subjekt eine bestimmte Moral als verpflichtend für sein Handeln anerkennt und das Handeln dauerhaft durch diese Anerkennung geprägt ist, spricht man von Ethos. Ethos stellt somit eine innere Ver- pflichtung zum Guten und eine Richtlinie für bestimmte Handlungsweisen dar, die das Subjekt für sich selbst als gut und wünschenswert erkannt hat. Nachdem die wichtigsten ethischen Begrifflichkeiten nun geklärt sind, kann Ethik ganz allgemein als die Lehre oder Wissenschaft von Moral und Ethos gekennzeichnet werden, also vom menschlichen Handeln, welches sich zwischen sittlich richtig und sittlich falsch leiten lässt. Die Ethik lässt sich gemäß Göbel in drei Typen ethischer Theorien aufteilen. Die deskriptive Ethik stellt eine empirische Disziplin dar und beschäftigt sich damit, wie es in einer bestimmten Gesellschaft um Moral bestellt ist. Es geht folglich um die Frage, was für das Gute gehalten wird. Die normative Ethik, welche gemäß Göbel den eigentlichen Kern der Ethik darstellt, möchte begründet werden und verbindliche Aussagen dazu machen, wie ein Mensch handeln soll, was er an- streben soll und wie er sein soll. Hier stellt sich somit die einfache Frage, was das Gute ist. Die metaethische Theorie, oder auch Metaethik genannt, möchte ethische Aussagen untersuchen. Der Forschungsgegenstand soll hierbei die Ethik an sich sein. In der Metaethik wirft sich folglich die Frage auf, ob Aussagen über das Gute wahrheitsfähig sind.18 „Die der deskriptiven Theorie angehörende analytische Ethik unterscheidet zudem in deontologische und teleologische Ethik“.19 Die deontologi- sche Ethik, oder auch Pflichtethik genannt, orientiert sich an dem impliziten Grund- satz des Handelns und ist somit situationsunabhängig. Die Kernaussage der deon- tologischen Ethik besteht darin, dass eine Handlung auch dann richtig sein kann, wenn sie nicht das größtmögliche Übergewicht von guten über die schlechten Fol- gen für den Handelnden oder die Gesellschaft hat. Die teleologische Ethik orientiert sich hingegen an den Konsequenzen des Handelns und ist somit situationsabhän- gig. Gemäß dieses Ethikverständnisses sollen die guten gegenüber den schlechten Folgen abgewägt werden und ausschließlich dann eine Handlung ausgeführt wer- den, wenn sie ein größeres Übergewicht von guten gegenüber schlechten Folgen hervorbringt als jede andere Handlungsalternative. Eine der wichtigsten Sozialethi- ken, welche als teleologische Ethik interpretiert werden kann, ist der Utilitarismus. Der Utilitarismus wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch Jeremy Bentham (1748 - 1832) und John Stuart Mill (1773 - 1836) begründet. Gemäß des Utilitaris- mus sind solche Handlungen zu treffen, die das größte Übergewicht von „angeneh- men“ Wirkungen gegenüber „unangenehmen“ Wirkungen hervorrufen.20 Nachdem sich der Utilitarismus im Zuge der industriellen Revolution in England immer mehr durchsetzen konnte, dominierte er später die Ökonomik.21 Im weiteren Verlauf der Arbeit soll nun auf die Wirtschaftsethik hingeführt werden, hierfür bedarf es zunächst einiger Begriffsbestimmungen und Erläuterungen.

2.2 Definition Ökonomik

Man könnte zunächst davon ausgehen, dass der Begriff Ökonomik die Wissenschaft von der Ökonomie, also der Wirtschaft als dem Funktionsbereich der Gesellschaft, ist. Jedoch beschäftigen sich viele unterschiedliche Disziplinen mit dem Erfahrungs- gegenstand Wirtschaft. Um nun die Ökonomik von diesen anderen Teilgebieten un- terscheiden zu können, bedarf es einer anderen Abgrenzung. Göbel spricht in die- sem Zusammenhang von der Wissenschaft des wirtschaftlichen Handelns. Wirt- schaftliches Handeln bedeutet nichts anderes als rationales Wirtschaften mit dem Ziel, die „knappen“ Güter zu minimalen Kosten und maximaler Zufriedenheit der Konsumenten zu produzieren. Den festgelegten Güterertrag sollte ein wirtschaftlich handelnder Produzent mit so wenig Ressourcen wie möglich herstellen. In der Rea- lität lässt sich jedoch immer häufiger feststellen, dass oftmals durchaus knappe Ressourcen von Unternehmen verschwendet werden, um Güter zu produzieren, die im Überfluss vorhanden sind. Offensichtlich geht es bei der Ökonomik also nicht um die bestmögliche Verwendung knapper Ressourcen mit dem Ziel optimaler Bedürf- nisbefriedigung, sondern vielmehr um die subjektiv festgelegte optimale Verwen- dung der gegebene Ressourcen zur Erreichung eines individuellen Nutzens bzw. Vorteils.22 Gemäß dieses Sachverhaltes geht Koch in seiner Definition von Ökono- mik über die von Göbel hinaus, indem er die Ökonomik als Wissenschaft des menschlichen Verhaltens definiert. Die Tätigkeit des Wirtschaftens bezieht sich in diesem Sinne auf alle Entscheidungen, die Menschen in einer Welt knapper Res- sourcen treffen müssen.23 Die Menschen werden demnach das Ziel verfolgen, an- hand ihrer individuell rationalen Handlungen die eigene materielle Situation verbes- sern zu können und ihre Entscheidungen stets auf dem Eigennutzen basierend zu treffen.24 Inwiefern Ethik und Ökonomik im Zusammenhang stehen, soll nun im nächsten Gliederungspunkt erläutert werden.

2.3 Zusammenhang von Ethik und Ökonomik

Ursprünglich wurden ethische und ökonomische Fragen bedenkenlos zusammen behandelt und waren bereits von den Anfängen der Philosophie bis hin zu den klas- sischen Liberalen der Nationalökonomie„[...] unter dem Dach der praktischen Philo- sophie eng verbunden“.25 Die praktische Philosophie lässt sich auf Aristoteles (384- 322 v. Chr.) zurückführen und kann als philosophische Erforschung der menschlichen Praxis definiert werden. Unter dem Einfluss des Werturteilsfreiheits- postulats Max Webers (1864 - 1920) trennten sich schließlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Wege.26 Die Ethik galt von nun an als Theorie der Moral, während sich in der Ökonomik als rein wissenschaftliche Disziplin die Frage stellt, wie die knappen Ressourcen in einer Gesellschaft zweckmäßig genutzt werden können.27 Die in der Zeit der praktischen Philosophie bestehende Verbindung zwischen Ethik und Ökonomik wird da getrennt, wo die Ökonomik zum rein formalen Rationalprinzip der individuellen Zweck-Mittel-Optimierung wird und sich somit vom ursprünglich materiellen Ziel der Güterversorgung entfernt. Aufgrund der Auseinanderentwick- lung von Ethik und Ökonomik ist es durchaus möglich, dass eine Handlung als mo- ralisch richtig eingestuft wird, jedoch als ökonomisch ineffizient gilt oder im Um- kehrschluss eine ökonomisch rationale Handlung als unsittlich gilt.28 Hesse/Homann sind der Auffassung, dass - mitbedingt durch das Wertefreiheitspostulats Max We- bers - eine Arbeitsteilung zwischen der philosophischen Ethik und der Wirtschafts- wissenschaft entstanden sei. Diese Arbeitsteilung ermöglicht es nicht mehr, die von den Menschen als einheitlich empfundenen praktischen Probleme auch in der Wis- senschaft integriert zu erörtern.29 Es scheint als würden sich die Ethik und die Öko- nomik unversöhnlich gegenüberstehen. Trotz der zunehmenden Emanzipierung be- stehen jedoch weiterhin Verbindungen zwischen den beiden Disziplinen, welche ins- besondere bei Adam Smith (1723 - 1790) in der Verbindung von wirtschaftstechni- schen und ethischen Fragestellungen hervortreten. Die zentralen Tugenden Klug- heit (prudence), Gerechtigkeit (justice) und Wohltätigkeit (beneficience) dienen Smith als ethische Faktoren gesellschaftlicher Wohlfahrt. Durch Ungleichheiten im Verteilungsniveau entstehen für die Menschen Anreize, ihren eigenen Wohlstand zu erhöhen. Die Verfolgung individueller Interessen im Rahmen der ethischen Gefühle führt dazu, dass sich die wirtschaftlichen Geschehnisse wie durch eine unsichtbare Hand von selbst regeln und somit zur höchstmöglichen Wohlfahrt führen.30 Diese Verbindungen zwischen Ethik und Ökonomik gehören jedoch nicht zu der Regel und es gilt dem Problem der Emanzipierung entgegenzuwirken, indem die Philosophie und die Ökonomie ihr unversöhnliches Gegenüberstehen aufgeben und sich, wie zur Zeit der praktischen Philosophie, wieder aufeinander einlassen.31

In diesem Zusammenhang wird die Nachfrage nach einer Wirtschaftsethik, auf die ich im Folgenden eingehen möchte, notwendig.

2.4 Wirtschafts- und Unternehmensethik

Die Wirtschaftsethik setzt sich aus zwei Mutterdisziplinen zusammen, der Ökonomik und der Ethik. Beiden Disziplinen liegt, wenn auch aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen, menschliches Handeln zu Grunde. In der Ökonomik wird analysiert, wel- che Verhaltensmuster sich bei rationalem und eigennützigem Verhalten der Men- schen für Verteilung und Produktion ergeben, während die Ethik sich damit beschäf- tigt, welche Handlungen als legitim oder richtig gelten.32 Es besteht eine doppelte Abgrenzung, bei welcher der „[…] disziplinäre Zugang […] über die Ethik [erfolgt], [und] das betrachtete Subsystem […] die Wirtschaft [ist]“.33 Die Wirtschaftsethik stellt somit die konkrete Anwendung der Ethik auf das Subsystem Wirtschaft dar, befasst sich mit den sittlich erwünschten Zuständen im Sachbereich Wirtschaft und versucht dementsprechend mögliche Antworten auf die moralischen Fragen der Wirtschaft zu formulieren.34 Aufgrund der Tatsache, dass sich Ethik und Ökonomik immer weiter voneinander entfernt haben, lässt sich die Wirtschaftsethik als Reflex des wachsen- den Verlangens verstehen, wirtschaftliches Handeln wieder stärker an Humanität, Solidarität und Verantwortung auszurichten.35 Während die Wirtschaftsethik ganz allgemein die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Normen und Werten der Wirtschaft ist, handelt es sich bei der Unternehmensethik um einen Teilbereich der Wirtschaftsethik, welcher sich ausschließlich mit den Werten und Normen eines Un- ternehmens beschäftigt.36 Zentrale Aufgabe der Unternehmensethik ist es, sich ethi- scher Komponenten im Unternehmensalltag bewusst zu sein und die Entscheidun- gen vernünftig und vor allem unter Berücksichtigung der Interessen aller Beteiligter zu treffen. Ein gesundes Verantwortungsbewusstsein ist insbesondere bei langfristi- gen, strategischen Entscheidungen von großer Bedeutung. Die typischen strategi- schen Fragen lauten:

- Wofür setzen wir uns ein?
- Wohin führt unser Weg?
- Wie kommen wir dorthin?
- Wie sieht unser Handlungsplan aus?

Diese Fragen können sowohl ausschließlich ökonomisch, jedoch auch im Bewusst- sein moralischer Anforderungen gestellt werden.37 Nachdem die Wirtschafts- und Unternehmensethik bereits allgemein definiert wurde, kann im Folgenden eine wei- tere Untergliederung der Wirtschaftsethik in speziellere Teilbereiche erfolgen.

2.5 Die drei Ebenen der Wirtschaftsethik

Die Wirtschaftsethik besitzt einen vielschichtigen Aufgabenbereich. Daher sind zweckmäßig drei Ebenen zu unterscheiden, die sich mit moralischen Anliegen beschäftigen. Die Führungs- oder Individualethik, die Unternehmensethik und die Wirtschafts- oder Ordnungsethik bilden sich in den Begriffen der Makro-, Meso- und Mikroebene der Wirtschaftsethik ab.38

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Drei Ebenen der Wirtschaftsethik Quelle: NOLL (2002), S.35

Man wird auf diesen drei Ebenen unterschiedliche Adressaten für die Beachtung bzw. Umsetzung moralischer Anliegen verantwortlich machen.39

2.5.1 Mikroebene

Als Mikroebene der Ethik bezeichnet man die Individualethik, welche sich mit der Verantwortung und den Entscheidungen einzelner Mitarbeiter oder Führungskräfte gegenüber sich selbst, seinen Mitmenschen, der Umwelt oder der Gesellschaft be- fasst.40 Auf dieser Ebene sind folglich sowohl die Ethik des einzelnen Unterneh- mens, als auch die Handlungen der einzelnen Menschen im Wirtschaftsprozess Ge- genstand der Betrachtung.41

„ Ethische Forderungen wenden sich auf dieser Ebene an die Individuen in ihrer Rolle als Wirtschaftsakteure, also als Konsumenten, Manager, Arbeitnehmer, Investoren, Börsenmakler usw. “ 42

Vereinfachend werden im folgenden Verlauf ausschließlich die Akteursgruppen Kon- sumenten, Produzenten und Investoren betrachtet. Göbel spricht in diesem Zusam- menhang von Konsumentenethik, Produzentenethik und Investorenethik. Als Konsu- ment stellt der Mensch automatisch einen Teilnehmer am Wirtschaftssystem dar und sollte daher eine Rolle in der individualethischen Wirtschaftsethik einnehmen.43 „Als Konsument wird der Mensch vor allem aufgefordert, seine Bedürfnisse intensi- ver zu reflektieren und Verantwortung für seinen Konsum zu übernehmen“.44 Da in der Produzentenethik angestellte Manager oder Unternehmer angesprochen wer- den, wird dementsprechend eine Unternehmer- bzw. Managerethik gefordert. Insbe- sondere den Führungskräften kommt auf der Produzentenseite eine große Bedeu- tung zu, da diese mit ihren Entscheidungen letztendlich die Unternehmenspolitik be- stimmen. Um als Unternehmen im Konkurrenzkampf um Kapital bestehen zu kön- nen, müssen die Unternehmen den Investoren bieten können, was diese wünschen. An diesem Punkt setzt die Investorenethik an, welche die Investoren auffordert, ne- ben den Renditen ihrer Anlagen ebenso nichtmonetäre Ziele in ihre Entscheidun- gen mit einfließen zu lassen.45 Rudolph ist der Auffassung, wenn moralisches Ver- halten der Unternehmen bei den Investoren positiv besetzt ist und im Kapitalmarkt wertsteigernd umgesetzt werden kann, wird es für Unternehmen einfacher sein, mo- ralisch zu handeln.46 Was nun auf individueller Mikroebene allein nicht lösbar ist, sollte auf der nächsten Ebene, der Mesoebene, angegangen werden.47

2.5.2 Mesoebene

Trotz reglementiertem Wettbewerbs und strikten Rahmenbedingungen bleiben Spielräume für das unternehmerische Handeln. Dort setzt die Mesoebene an und formuliert ethische Anforderungen an das einzelne Unternehmen.48 Bezieht sich die moralische Verantwortung folglich auf die Institution Unternehmung, befindet man sich auf der Mesoebene.49 Auf dieser Ebene werden einzelne Unternehmen und Or- ganisationen betrachtet und Fragen bezüglich dieser Institutionen ethisch reflektiert.

50 Da institutionelles Handeln automatisch auch individuelles Handeln der beteiligten Menschen bedeutet, kann die Mesoebene nicht losgelöst von der zuvor beschriebe- nen Mikroebene betrachtet werden.51 Für die Mesoebene konnte sich der Begriff Unternehmensethik etablieren, denn Unternehmen fungieren als eigenständige mo- ralische Akteure und tragen daher auch moralische Verantwortung. Es stellt sich dementsprechend die Frage der Unternehmensethik, welche unternehmensstruktu- rellen und - kulturellen Bedingungen ein ethisch gerechtfertigtes Verhalten ermögli- chen. Besonderes Augenmerk liegt hierbei auf der Unternehmensführung. Diese ist für die organisatorischen und personalpolitischen Maßnahmen zur Erfüllung ethi- scher Anliegen verantwortlich.52 Als letzte der drei Ebenen bleibt nun die Wirt- schafts- oder Ordnungsethik zu definieren.

2.5.3 Makroebene

Neben den Wirtschaftsakteuren unterliegen auch die institutionellen Rahmenbedin- gungen des Wirtschaftens einer ethischen Bewertung und können dementspre- chend als mehr oder weniger sittlich eingestuft werden.53 Auf der Markoebene der Wirtschaftsethik werden der Staat, das politische System, das Wirtschaftssystem und die Gesamtgesellschaft untersucht.54 Ansätze auf dieser Ebene wenden sich somit an staatliche Institutionen und versuchen durch die Änderung der Rahmenord- nung ethische Prinzipien in die bestehende Ordnung zu implizieren. Um eine ge- rechte Rahmenordnung setzen zu können, kann man sich nach Nolls Auffassung folgender, zentraler Fragestellungen einer Ordnungsethik bedienen: Lässt sich eine marktwirtschaftliche Ordnung aus ethischen Überlegungen rechtfertigen? Und wie steht es um den moralischen Gehalt einer marktwirtschaftlichen Ordnung?55

Aufgrund der Tatsache, dass die Markoebene den Rahmen für das Handeln der Wirtschaftssubjekte setzt, beinhaltet sie direkte Implikationen für die Meso- und Mir- koebene.56

2.5.4 Das Zusammenwirken von Mikro- Meso- und Makroebene

Die Mikro- Meso- und Makroebene stehen in enger Wechselwirkung zueinander und bedingen sich gegenseitig. Die individuellen und institutionellen Aspekte üben ge- genseitige Einflüsse aus und lassen sich nicht voneinander unterscheiden. Während eine institutionelle Ethik nicht ohne individualethisches Fundament auskommt, be- darf die Individualethik genauso einer stützenden und flankierenden Institution.57 Unternehmerisches Handeln ist infolgedessen von allen drei Ebenen abhängig. Gö- bel stellt in ihrem Buch „Unternehmensethik“ die einzelnen Beziehungen zwischen Individuum, Unternehmung und Rahmenordnung ausführlich dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Zusammenwirken von

Mikro-, Meso- und Makroebene Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an GÖBEL (2010), S.107

Im Folgenden werde ich den Zusammenhang von Individuen, Unternehmung und Rahmenordnung anhand des oben gezeigten Schaubilds kurz erläutern.

(1) Individuum → Unternehmung

Die innere Struktur einer Unternehmung wird durch die Individuen geschaffen, geformt und verändert. Seinen Charakter, den Standort und die Rechtsform bekommt eine Unternehmung durch die Gründungspersönlichkeiten verliehen. Die Führungskräfte der Unternehmung legen einen institutionellen Rahmen und Strategien fest, welche die vorhandenen Strukturen stets reproduzieren.

(2) Unternehmung → Individuum

Jede Unternehmung besitzt eine innere Struktur, welche vorgibt, wie die Individuen zu handeln haben. Die Entscheidungen der in der Unternehmung handelnden Men- schen werden somit durch die innere Struktur geprägt und beeinflusst. Passen die Persönlichkeiten der Mitarbeiter nicht optimal zum Unternehmen, findet eine Soziali- sierung statt. Innerhalb des Unternehmens herrscht eine gewisse Kultur, welche zahlreiche formale und informale Verhaltenserwartungen an ihre Mitglieder aufweist.

(3) Unternehmung → Rahmenordnung

Die Unternehmung selbst beeinflusst, bestätigt oder verändert die Rahmenordnung. Die Spielregeln der Rahmenordnung können sich hierbei lediglich auf eine Branche, aber auch auf ein ganzes Land oder eine noch größere Region beziehen. Als Möglichkeiten der Beeinflussung der Rahmenordnung nennt Göbel beispielsweise das Absprechen zwischen Unternehmen einer Branche oder das Unterlaufen von Landesgesetzen durch die Wahl eines ausländischen Standorts.

(4) Rahmenordnung → Unternehmung

Die Rahmenordnung prägt die Entscheidungen der Unternehmen. Es gibt einige Rahmenordnungen, die durch das Gesetz als geboten oder verboten gelten und Normen, die ein bestimmtes Handeln nahelegen. Die Unternehmen werden durch die sie umgebende Kultur geprägt und übernehmen wie von selbst die gegebenen Anschauungen, Bilder und Regeln.58

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die drei Ebenen der Wirtschaftsethik die Implementierung ethischer Komponenten in den Unternehmensalltag beschreiben und aufzeigen, inwiefern unternehmerisches Handeln von allen drei Ebenen abhängig ist. Im Laufe der Zeit wurden diverse Ansätze der Wirtschafts- und Unternehmensethik entwickelt, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Im Folgenden sollen vier dieser Ansätze näher erläutert werden.

2.6 Ansätze der Wirtschafts- und Unternehmensethik

Mit Hilfe neuerer Ansätze der Wirtschafts- und Unternehmensethik soll es gelingen, ökonomische Vernunft mit sozialer Verantwortung zu verbinden.59 Es besteht eine Vielzahl theoretischer Konstrukte, die sich mit dieser Aufgabe beschäftigen. Im Fol- genden werde ich auf die Konzepte von Peter Ulrich (* 1948), Karl Homann (* 1943), Horst Steinmann (* 1934) und Josef Wieland (* 1951) näher eingehen.

2.6.1 Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik

Die Integrative Wirtschaftsethik nach Peter Ulrich, welche sich auf die Diskursethik bezieht, kritisiert „[...]das vorherrschende Verständnis von Wirtschaftsethik als ange- wandte Ethik und als normative Ökonomik“.60 Gemäß dieses Verständnisses stellen Wirtschaft und Ethik getrennte Bereiche dar. Palazzo spricht in diesem Kontext von der Ökonomie als ein selbstreflexives System, welches durch die kritische Reflexion aus der Lebenspraxis nicht mehr beeinflussbar ist. Die Gewinnmaximierung und das wirtschaftliche Wachstum einer Unternehmung werden zum alleinigen Erfolgsmaß- stab des Handelns.61 Ulrich versucht mit seinem Konzept der Integrativen Wirt- schaftsethik diesem „Zwei-Welten-Konzept“62 entgegenzuwirken. Er versucht, die ökonomische Rationalität zur Vernunft zu bringen, indem sie politisch-ethisch trans- formiert wird und somit ökonomische und ethische Aspekte in der Institution Unter- nehmung wieder vereinigt werden.63 Ahlrichs ist der Auffassung, dass in der libera- len Marktwirtschaft die Verfolgung des größtmöglichen persönlichen Nutzens nahe- zu zwanghaft erfolgt. Solche Zwänge stellen für Ulrich immer eine Folge bewusster Entscheidungen dar, woraus durchaus die Option resultieren könnte, dass ökonomi- sche Entscheidungen stets auf der Basis eines „Verantwortbarkeits- bzw. Zumutbar- keitsdiskurses“64 getroffen werden können, welche die Ansprüche aller Betroffener berücksichtigt.65 In seinem Buch, „Integrative Wirtschaftsethik - Grundlagen einer le- bensdienlichen Ökonomie“, formuliert Ulrich sechs Bausteine für ein integratives Ethikprogramm im Unternehmen:

- Eine (Wertschöpfungs-) Aufgabe, die dem Unternehmen Sinn gibt.
- Verbindliche Geschäftsgrundsätze für Strategien und Methoden.
- Definierte Stakeholderrechte, insbesondere für Mitarbeiter, die die Möglich- keit zu einem herrschaftsfreien ethischen Dialog eröffnen.
- Eine Infrastruktur, die einen Dialog über Fragen der Verantwortung und Zu- mutbarkeit ermöglicht.
- Die Befähigung der Mitarbeiter zur ethischen Kompetenz und Verantwor- tungsübernahme.
- Führungssysteme, die das Ethikprogramm durch entsprechende Anreiz- und Beurteilungssysteme unterstützen.66

Die Integrative Wirtschaftsethik hat sich mit zur Aufgabe gemacht, die „Zwei-Welten- Konzeption“ zu überwinden und ein Ethikprogramm in Unternehmungen zu integrieren, denn „[ j ]e tragfähiger der ethische Unterbau einer Geschäftsidee ist, umso leichter wird es in der Regel sein, eine unternehmerische Synthese zwischen Ethik und marktstrategischer Erfolgslogik zu finden“.67

2.6.2 Karl Homann: Ökonomische Ethik

Bei der ökonomischen Ethik geht es darum, dass Werte und Normen mittels ökono- mischer Methoden langfristig durchgesetzt werden sollen.68 Die Ökonomik befasst sich gemäß Homann und Lütge mit der „[...]Erklärung und Gestaltung der Bedingun- gen und Folgen von Interaktionen auf der Grundlage individueller Vorteils-/Nach- teils-Kalkulationen.“69 Es liegt nicht im Interesse der ökonomischen Ethik, dass Indi- viduen systematisch gegen ihre eigenen Interessen verstoßen.70 Selbstverständlich gilt dasselbe auch für Unternehmen, die aufgrund des Befolgens ethischer Prinzipi- en im Wettbewerb einen Nachteil gegenüber der Konkurrenz zu verzeichnen haben. Um diesem Problem entgegenzuwirken soll die Moral gemäß Homann durch allge- mein verbindliche Rahmenbedingungen sichergestellt werden. Probleme, die in ei- nem Unternehmen auftreten, sind folglich nicht auf fehlendes ethisches Verhalten, sondern auf eine mangelhafte oder gar fehlende Ordnung der Wirtschaft zurückzu- führen.71 Homann und Blome-Drees unterscheiden vier mögliche Konstellationen, die sich durch das Spannungsverhältnis zwischen ökonomischer Effizienz und mo- ralischem Anspruch ergeben:

- Positiver Kompatibilitätsfall: Eine unternehmerische Entscheidung ver- stößt nicht gegen moralische Ansprüche und kann folglich ohne Schwierigkeiten umgesetzt werden.
- Negativer Kompatibilitätsfall: Eine unternehmerische Entscheidung bringt weder Erfolg noch moralische Akzeptanz und wird somit nicht umgesetzt.
- Moralischer Kompatibilitätsfall: Eine ökonomisch geeignete Handlung stößt gegen die moralische Akzeptanz, da sie ethische Standards verletzt obwohl sie legal ist.
- Ö konomischer Kompatibilitätsfall: Durch die Erfüllung ethischer Kompo- nenten entstehen ökonomische Nachteile.72

Tritt im Unternehmen ein Konfliktfall auf, so wird die Ökonomik der Ethik stets vorgezogen. Zusammenfassend lautet die zentrale These Homanns: „Der systematische Ort der Moral in einer Marktwirtschaft ist die Rahmenordnung.“73

2.6.3 Horst Steinmann: Diskursive Wirtschafts- und Unternehmensethik

Die diskursive Wirtschafts- und Unternehmensethik nach Horst Steinmann basiert auf der Diskursethik, nach welcher zur Akzeptanz von Werten und Normen ein machtfreier und vernünftiger Diskurs nötig ist. Grundlage des Ansatzes sind Barrie- ren für ethisches Handeln in Organisationen.74 Gemäß Steinmann und Löhr scheint die arbeitsteilige Organisation von vornherein ethisch problematisch zu sein, da sich jede Form der Organisation systematisch als eine Barriere für ethisches Handeln darstellt, da jeder Mensch nicht als ganze Person sondern nur als Rollenträger fun- gieren soll.75 Des Weiteren können dem ethischen Handeln unternehmenskulturbe- dingte Barrieren entgegenstehen. Es existieren hierbei vier verschieden Barrieren:

- Strenge Verhaltenserwartungen, die an Rollen in Organisationen herange- tragen werden.
- Eine hohe Gruppenkohäsion.
- Unklare Prioritäten.
- Abschottung gegen Interventionen von außen durch eine zurückhaltende Öffentlichkeitsarbeit.76

Neben arbeitsteiligbediengten Barrieren und Hindernissen innerhalb der Unterneh- menskultur können Erklärungen für unethisches Handeln in Unternehmungen auch an persönlichen Werthaltungen von Führungskräften festgemacht werden. Diese in- dividuellen Schuldzuschreibungen können insbesondere an den Grundhaltungen von Managern der höheren und höchsten Führungsebene festgemacht werden. Die Führungskräfte bestimmen die Richtung der Unternehmenspolitik und ihr Verhalten fungiert häufig als Vorbildcharakter für die übrigen Organisationsmitglieder.77

Die diskursive Wirtschafts- und Unternehmensethik versucht diesen eben erwähnten Hindernissen zu begegnen, indem sie sich die Frage stellt, wie ethische Konflikte im Unternehmen konstruktiv und friedlich gelöst werden können. Steinmann und Löhr schlagen einen Dialog vor, der auf vier Kriterien beruht:

- Unvoreingenommenheit: Bereitschaft, jede Vororientierung nochmals in Frage zu stellen.
- Nicht- Persuasivität: Bereitschaft, auf Appelle zu verzichten, die an fraglos hingenommene Vororientierungen gerichtet sind.
- Zwanglosigkeit: Bereitschaft, auf Sanktionen für das Geben oder Verwei- gern von Zustimmungen zu verzichten.
- Sachverständigkeit: Fähigkeit, Gründe vortragen zu könne, die eine gute Chance haben, auf Zustimmung zu stoßen.

Diese Dialogethik stellt eine Anleitung zur Entwicklung von Normen dar, welche in der gesamten Organisation zu implementieren sind.78 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Unternehmensethik auf die Entwicklung konsensfähiger Strategien des Unternehmens abzielt. Das Gewinnprinzip wird in diesem Ansatz nicht in Frage gestellt, jedoch gilt zu prüfen, ob eine am Gewinn orientierte Entscheidung konsens- fähig ist.79

2.6.4 Josef Wieland: Governanceethik

Die Governanceethik stellt einen ökonomischen Ansatz dar, in welchem es aller- dings darum geht, moralisches Handeln durch Organisationsstrukturen im Unterneh- men zu implementieren.80 Wieland greift mit seinem Konzept auf die Systemtheorie81 von Niklas Luhmann zurück. Ausgangspunkt der Governanceethik ist die zuneh- mende Globalisierung, die zu einer immer stärkeren internationalen Ausrichtung der Unternehmen führt. Da eine global ausgerichtete Wirtschaft jedoch auch Komplexität und Unsicherheiten in sich birgt, ist es Aufgabe der Unternehmung, verbindliche, moralische und kulturell übergreifende Regeln zu implementieren.82 Unternehmen brauchen ein Anreizmanagement, das sich nicht nur auf ökonomische Anreize reduzieren lässt, denn „[...]moralische Werte zählen.“83 Die praktische Anwendung der Governanceethik erfolgt durch die Implementierung eines Ethikmanagementsystems, welches im Folgenden dargestellt ist:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Wertemanagementsystem Quelle: WIELAND (2005), S.99

Der zweite Gliederungspunkt dieser Arbeit konnte nun erste Zusammenhänge zwi- schen Ethik und Ökonomik ersichtlich werden lassen. Es wurden verschiedene An- sätze dargestellt, wie die Implementierung der Ethik im Unternehmen aussehen könnte. Da im Rahmen dieser Arbeit jedoch die Bedeutung einer ethischen Unter- nehmensführung in Non- Profit- Organisationen (NPO) geklärt werden soll, bedarf es im weiteren Verlauf nun der Betrachtung sozialwirtschaftlicher Unternehmen so- wohl aus betriebswirtschaftlicher als auch aus ethischer Perspektive.

[...]


1 TURKSON (2012)

2 Vgl. VOGEL (2004), S.20

3 Vgl. TIEBEL (2006), S.1

4 Vgl. LINGENFELSER (2011), S.290

5 Vgl. GRÜN (2001), S. 8

6 Vgl. GRÜN (2001), S.11

7 Vgl. WATSON (2004)

8 Vgl. NOLL (2002), S.116

9 Vgl. NOLL (2002), S. 33 u. GÖBEL (2010), S. 53

10 Vgl. AHLRICHS (2012), S. 38

11 AHLRICHS (2012), S.27

12 NOLL (2002), S.9

13 LINGENFELSER (2011), S. 28

14 Vgl. AHLRICHS (2012), S.28

15 NOLL (2002), S.11

16 Vgl. GÖBEL (2010), S.8

17 Vgl. ZIMBARDO/GERRIG (2004) in LINGENFELSER (2011), S.28

18 Vgl. GÖBEL (2010), S.12 ff.

19 LINGENFELSER (2011), S.34

20 Vgl. NOLL (2002), S.16 ff.

21 Vgl. SCHISCHKOFF (1991) u. HÖFFE (2002) in LINGENFELSER (2011), S.141

22 Vgl. GÖBEL (2010), S.47 f.

23 Vgl. KOCH (1997), S.35

24 Vgl. GÖBEL (2010), S.50 u. S.85

25 Vgl. NOLL (2002), S.33 u. GÖBEL (2010), S.53

26 Vgl. HESSE/HOMANN (1988), S. 11

27 Vgl. NOLL (2002), S.33

28 Vgl. GÖBEL (2010), S.55 ff.

29 Vgl. HESSE/HOMANN (1988), S. 11

30 Vgl. LINGENFELSER (2011), S.139 f.

31 Vgl. NESCHEN (2008), S.12

32 Vgl. NOLL (2002), S.34

33 GÖBEL (2010), S.86

34 Vgl. GÖBEL (2010), S.87 u. BAUMANN/BIESGEN/OERTMANN-BRANDT (2010), S. 4 f.

35 Vgl. HOMANN (1993) in LINGENFELSER (2011), S. 145

36 Vgl. AHLRICHS (2012), S.29 ff.

37 Vgl. GÖBEL (2010), S.119

38 Vgl. AHLRICHS (2012), S.30

39 Vgl. NOLL (2002), S.35 f.

40 Vgl. AHLRICHS (2012), S.30

41 Vgl. BUNDESVERBAND EVANGELISCHER BEHINDERTENHILFE (2010), S.5

42 GÖBEL (2010), S.88

43 Vgl. GÖBEL (2010), S.88

44 KORFF (1999) in GÖBEL (2010), S.88

45 Vgl. GÖBEL (2010), S.88 ff.

46 Vgl. RUDOLPH (1999) in GÖBEL (2010), S.93

47 Vgl. LENK /MARING (2003), S.247

48 Vgl. AHLRICHS (2012), S.31

49 Vgl. LASER in BRAUWEILER (2008), S.24

50 Vgl. LAEIS (2005), S.264

51 Vgl. WESTPHAL (2009), S.132 f.

52 Vgl. NOLL (2002), S.36

53 Vgl. GÖBEL (2010), S.94

54 Vgl. NAEF (2010), S.92 f.

55 Vgl. NOLL (2002), S.36

56 Vgl. WESTPHAL (2009), S.132

57 Vgl. LINGENFELSER (2011), S.153 f.

58 Vgl. GÖBEL (2010), S.106 ff.

59 Vgl. AHLRICHS (2012), S.38

60 ULRICH (2008) in AHLRICHS (2012), S.45

61 Vgl. PALAZZO (2000), S.45

62 ULRICH (2008) in AHLRICHS (2012), S.45

63 Vgl. LINGENFELSER (2011), S.172

64 ULRICH (2008) in AHLRICHS (2012), S.46

65 Vgl. AHLRICHS (2011), S. 45 f.

66 Vgl. ULRICH (2008) in AHLRICHS (2012), S.48

67 ULRICH (2008) in AHLRICHS (2012), S.48

68 Vgl. KARMASIN/LITSCHKA (2008) in AHLRICHS (2012), S.38

69 HOMANN/LÜTGE (2005), S.18f.

70 Vgl. HOMANN/LÜTGE (2005), S.22

71 Vgl. AHLRICHS (2012), S.39

72 Vgl. HOMANN/BLOME-DREES (1992), S.132ff.

73 HOMANN/BLOME-DREES (1992), S.35

74 Vgl. AHLRICHS (2012), S.43

75 Vgl. STEINMANN/LÖHR (1994), S. 30

76 Vgl. STEINMANN/LÖHR (1994), S. 40

77 Vgl. STEINMANN/LÖHR (1994), S. 46

78 Vgl. STEINMANN/LÖHR (1994), S. 78 ff.

79 Vgl. AHLRICHS (2012), S.44

80 Vgl. AHLRICHS (2012), S.40

81 Vgl. Kapitel 3.3.1.2

82 Vgl. AHLRICHS (2012), S.40 f.

83 WIELAND (2005) in LINGENFELSER (2011), S.266

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung einer ethischen Unternehmensführung vor dem Hintergrund der zunehmenden Ökonomisierung in Non-Profit-Organisationen
Hochschule
Universität Hohenheim
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
72
Katalognummer
V208007
ISBN (eBook)
9783656360490
ISBN (Buch)
9783656361145
Dateigröße
1525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschaftsethik, Unternehmensethik, Unternehmensführung, Ökonomisierung, Non-Profit-Organisationen
Arbeit zitieren
Nathalie Kuhn (Autor), 2012, Die Bedeutung einer ethischen Unternehmensführung vor dem Hintergrund der zunehmenden Ökonomisierung in Non-Profit-Organisationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208007

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