Häusliche Gewalt aus ökonomischer Sicht


Bachelorarbeit, 2011
35 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. BETRACHTUNG VON H„USLICHER GEWALT IN DER ÖFFENTLICHKEIT

2. KATEGORISIERUNG THEORETISCHER MODELLE
2.1 Modelle mit simultanen Entscheidungen
2.1.1 Tauchen, Witte und Long: der Mann als dominantes Wesen in der Ehe
2.1.2 Farmer und Tiefenthaler: häusliche Gewalt als Nash-Gleichgewicht
2.1.2.1 Grundmodell
2.1.2.2 Erweiterung zur Berücksichtigung der Wirkung von externen Einrichtungen
2.2 Modelle mit sequentieller Entscheidungsfolge
2.2.1 Bowlus und Seitz: Einbezug der Arbeitsentscheidung der Ehefrau
2.2.2 Aizer und Bó: zeitveränderliche Präferenzen bei Frauen
2.2.3 Bloch und Rao: Analyse zum Heiratsmarkt in Indien
2.3 Intergenerationale Modelle

3. EMPIRISCHE UNTERSUCHUNGEN UND EVIDENZEN ZUR H„USLICHEN GEWALT
3.1 Allgemeines zur Empirie
3.2 Einfluss von Seiten des Staates
3.2.1 Auswirkungen von neutralen Institutionen
3.2.2 Konsequenzen durch die Legislative
3.2.2.1 No-drop-policy
3.2.2.2 Mandatory-arrest-law
3.2.2.3 Unilateral-divorce-law
3.2.3 Das Minneapolis-Experiment
3.3 Empirische Evidenzen bezüglich der Auslöser häuslicher Gewalt
3.3.1 Alkohol
3.3.2 Kurzfristige, emotionale Reize
3.4 Wirtschaftliche Ursachen und Wirkungen
3.4.1 Ökonomischer Status und häusliche Gewalt
3.4.2 Arbeitsentscheidung der Frau
3.5 Interessante empirische Analysen häuslicher Gewalt
3.5.1 Vererbung an und Konsequenzen für Kinder
3.5.2 Beobachtungen im nicht-westlichen Kulturkreis
3.5.2.1 Häusliche Gewalt in Indien
3.5.2.1 „gyptische Haushalte und Gewalt

4. AUSBLICK AUF DIE WEITERE ENTWICKLUNG

1. BETRACHTUNG VON H„USLICHER GEWALT IN DER ÖFFENTLICHKEIT

Als Straus, Gelles und Steinmetz im Jahr 1980 mit ihrem Werk Behind closed Doors - Violence in the American Family an die Öffentlichkeit traten, war das Thema häusliche Ge walt noch nicht in den Fokus geraten. Ihrer Pionierarbeit ist es zu verdanken, dass die Gewalt zwischen Ehepartnern bald als gesellschaftliches Problem anerkannt und entsprechend thematisiert wurde. Obwohl einige ihrer Theorien und empirischen Beobachtungen später widerlegt wurden, gab ihre wissenschaftliche Arbeit den Anstoß zu weiterer Forschung, die heute dabei hilft, die Gewalt mehr und mehr einzuschränken.

Es ist aus mehreren Gründen erstaunlich, dass dieses Thema vor 1980 in der Öffentlichkeit kaum Beachtung fand: Einerseits aufgrund der bloßen Zahl an gewaltsamen Ehen und gewalttätigen Vorfällen in amerikanischen Haushalten1. Andererseits hätten auch die resultierenden Kosten das Interesse sowohl des Staates als auch der Öffentlichkeit sehr viel früher wecken müssen. Das amerikanische Department of Health and Human Services, Centers for Disease Control and Prevention schätzte die durch häusliche Gewalt gegen Frauen verursachten Kosten im Jahr 2003 auf jährlich 5,8 Milliarden Dollar. Diese Berechnung enthielt unter anderem geschätzte 4,1 Milliarden Dollar an Kosten für das Gesundheitssystem, Kosten von 900 Millionen Dollar aufgrund des Produktivitätsverlustes der Volkswirtschaft und denselben Betrag an Kosten durch Mordfälle aufgrund von häuslicher Gewalt2.

Umso interessanter ist ein Blick auf die induzierte Entwicklung der Forschung auf diesem Gebiet. Dazu möchte ich im folgenden, zweiten Teil meiner Arbeit zunächst einen Überblick über die theoretischen Modelle häuslicher Gewalt geben, wobei diese kategorisiert werden. Im anschließenden dritten Abschnitt wird ein Großteil der Modelle mithilfe der empirischen Beobachtungen genauer untersucht. Zusätzlich werden dabei weitere empirische Evidenzen präsentiert. Zuletzt schließt das vierte Kapitel mit einem Ausblick auf die mögliche Entwick- lung der Forschung.

2. KATEGORISIERUNG THEORETISCHER MODELLE

2.1 Modelle mit simultanen Entscheidungen

Modelle, in denen die Partner ihre Entscheidungen gleichzeitig treffen, bilden die erste Kate- gorie der theoretischen Betrachtungen. Die untergeordneten Modelle gleichen sich in einem charakteristischen Merkmal: Mann und Frau werden in Abhängigkeit verschiedener Interdependenzen als individuell nutzenmaximierende Wesen gesehen, wobei ihr optimales Verhalten für den Zeitraum der Ehe bestimmt wird. Mögliche Verhaltensänderung aufgrund der gemachten Erfahrungen werden vernachlässigt, da die Modelle eine Optimalitätsentscheidung und keine Entscheidungsfindung über mehrere Perioden illustrieren.

2.1.1 Tauchen, Witte und Long: der Mann als dominantes Wesen in der Ehe

Weitreichende Beachtung in dieser Kategorie finden Tauchen, Witte und Long mit ihrem Modell zur Gewalt in der Ehe. Die grundlegende Annahme der Autoren ist, dass ein Partner existiert, der eine extrem dominante Stellung innerhalb der Beziehung einnimmt. Im Allgemeinen wird dabei der Mann als die dominierende Person vermutet.

Damit die Beziehung besteht, müssen beide Partner aus ihr einen Nutzen generieren, der mindestens ihrem Reservationsnutzen entspricht. Gewalt dient dem gewalttätigen Individuum in zweierlei Hinsicht: Einerseits stiftet sie direkten Nutzen in Form von sadistischer Befriedigung und andererseits wird sie dazu gebraucht, das Verhalten des Gegenübers in die Richtung zu beeinflussen, die den eigenen Nutzen maximiert.

Der Nutzen des Mannes wird positiv von seinem Konsum und dem Niveau an Gewalteinwir- kung auf die Frau beeinflusst. Weiterhin geht auch das Verhalten der Frau direkt in die Nut- zenfunktion des Mannes ein. Die Nutzenfunktion der Frau ist ähnlich gestaltet, jedoch wirkt sich die erfahrene Gewalt negativ aus. Das Budget der Individuen ergibt sich durch ihr Ein- kommen zuzüglich möglichen Netto-Transferzahlungen zwischen den Eheleuten. Im Rahmen des Modells treffen beide Partner während der Ehe jeweils zwei ausschlaggeben- de Entscheidungen. Die Frau entscheidet über ihr Verhalten und den Transfer, den sie an ih- ren Mann zahlt. Sie weiß, dass sie umso weniger Gewalt zu befürchten hat, je mehr ihr Ver- halten mit den Vorstellungen und Erwartungen ihres Mannes übereinstimmt. Dabei maximiert sie ihren Nutzen unter Berücksichtigung der Auswirkungen ihres Verhaltens auf die optima- len Entscheidungen des Mannes. Nachdem dieser die Entscheidungen der Frau beobachtet hat, legt auch er sein nutzenmaximierendes Verhalten fest. Er bestimmt den Geldbetrag, den er an die Frau transferiert und das Niveau an Gewalt, die er ausübt.

Es können sich innerhalb des Modells zwei Situationen mit unterschiedlichen Auswirkungen auf Transferzahlung und Hintergrund der Gewalt einstellen: Entweder schafft die Beziehung für beide Partner einen Nutzenzuwachs oder mindestens ein Partner erhält lediglich seinen Reservationsnutzen.

Letzterer Fall ist trivialer zu analysieren. Allgemein wird angenommen, dass dieser am ehes- ten für die Frau eintritt3. Die Gewalt kann in dieser Situation keine verhaltenssteuernde Funktion besitzen, da das Verhalten der Frau nicht geändert werden kann. Denn falls sie beeinflusst wird und sich daher nicht für ihr optimales Verhalten in der Ehe entscheiden könnte, wird sie die Beziehung beenden, da sie dann unter ihr Reservationsnutzen-Niveau fiele. Sollten Transferzahlungen auftreten, so sind diese vom Mann an die Frau gerichtet und dienen dazu, den Nutzenverlust der Frau durch die Gewalteinwirkung auszugleichen. In diesem Fall gebraucht der Mann die Gewalt lediglich zur Befriedigung.

Sollten in der Ausgangssituation beide Partner von der Beziehung profitieren, ist die Analyse vielschichtiger. Nun kann die Gewalt sowohl befriedigende als auch verhaltenssteuernde Wir- kung haben. Auch die Richtung der Transferzahlungen ist nicht mehr eindeutig. Dabei kann der Fall existieren, dass die Frau einen Transfer an den Mann zahlt, um seine Gewaltanwen- dung zu verringern. Aber auch der Fall, in dem der Mann sich durch Transferzahlungen an die Frau die Möglichkeit erkauft, mehr Gewalt anwenden zu können ohne das Bestehen der Be- ziehung zu gefährden. Die jeweilige Realisation ist von den individuellen Parametern der Haushalte abhängig.

Kritisch zu bewerten sind die Annahmen bezüglich der Intention der Gewalt. Die Autoren sehen nur verhaltenssteuernde oder sadistische Hintergründe. Ein Blick auf weiterführende Literatur zeigt, dass beispielsweise kurzfristige emotionale Erregungen auch als gewaltindu- zierend betrachtet werden müssen4. Damit bleiben wichtige Hintergründe der Gewalt in der Ehe unbeachtet, was zu Verzerrungen bei der Betrachtung mit diesem Modell führen kann. Weiterhin sind die theoretischen Analysen zeitlich auf eine Periode begrenzt. Dynamische Aspekte und Entwicklungen der Gewalt, die mehrere Perioden betreffen, werden dabei für diese Kategorie typisch außer Acht gelassen. Daher wird in einigen Fällen die Interaktion innerhalb der Ehe nicht richtig dargestellt: Beispielsweise kann das Modell nicht zur Erklä- rung von Ehen beitragen, bei denen die Gewalt endet, ohne dass es zur Scheidung kommt. Auch die Rückkehr in gewaltsame Ehen von Frauen, die vorübergehend von ihrem Mann häuslich getrennt waren, kann nicht betrachtet werden.

2.1.2 Farmer und Tiefenthaler: häusliche Gewalt im Nash-Gleichgewicht

2.1.2.1 Grundmodell

Farmer und Tiefenthaler wählen in ihrer Arbeit einen ähnlichen Ansatz, legen jedoch andere Schwerpunkte in der Betrachtung. In ihrem Modell ist der Hintergrund der Gewalt unerheblich, da lediglich die mögliche Existenz von Gewalt analysiert wird.

Die Ehe wird als nicht-kooperative Beziehung betrachtet. Beide Partner sind auf ihre indivi- duelle Nutzenmaximierung bedacht, wobei altruistische Handlungen jedoch nicht ausge- schlossen sind. Der Nutzen des Mannes geht daher direkt in die Nutzenfunktion der Frau ein, nicht jedoch der Nutzen der Frau in die Funktion des Mannes. Die Autoren begründen dies mit empirischen Beobachtungen, dass Frauen aus gewalttätigen Beziehungen außergewöhn- lich oft Liebe und Zuneigung zu ihrem Partner als Grund dafür angeben, dass sie weiterhin in der Beziehung bleiben, während diese selbstlosen Motive bei Männern nicht zu beobachten sind5. Daher wird angenommen, dass bei vielen Frauen in der Ehe altruistische Motive eine große Rolle spielen. Weiterhin gehen die Autoren im Grundmodell von vollständiger, sym- metrischer Information während der Verhandlungen zwischen den Ehepartnern aus, wobei sie diese Annahme in einer späteren Analyse, die im Anschluss betrachtet werden soll, verworfen haben.

Der Mann maximiert seinen Nutzen, der von der Gewalt, dem Ehekapital und mehreren individuellen Faktoren positiv abhängt, unter der Nebenbedingung, dass der Reservationsnutzen der Frau garantiert und das verfügbare Einkommen ausreichend ist. Implizit durch seine Nutzenmaximierung entscheidet er sich für eine Transferzahlung, die er an die Frau tätigt, in Abhängigkeit des Niveaus an Gewalt und seines Konsums.

Auch die Annahmen bezüglich des Nutzens der Frau sind denen des Modells von Tauchen, Witte und Long sehr ähnlich. Jedoch betrachten Farmer und Tiefenthaler das Einkommen der Frau als endogen, weshalb bei der Nutzenmaximierung unter anderem die Arbeitsentschei- dung der Frau betrachtet wird. In der Folge entscheidet sich auch der Mann für sein nutenma- ximierendes Verhalten unter Berücksichtigung des Reservationsnutzens der Frau. Auch mit Blick auf den Reservationsnutzen vertiefen Farmer und Tiefenthaler das Modell, da dieser nicht mehr als exogen angenommen wird. Sie modellieren diesen in Abhängigkeit des möglichen Konsums außerhalb der Ehe, welcher durch das Einkommen der Frau und eventu- elle staatliche Unterstützungen nach der Scheidung bedingt ist. Eine wichtige Annahme des Modells ist, dass der Reservationsnutzen der Frau zusätzlich auch vom Einkommen des Man- nes abhängt, da nach der Scheidung und der Gütertrennung in der Regel ein Teil seines Ein- kommens an die Frau transferiert wird.

Die Arbeitsentscheidung der Frau hat weitreichende Konsequenzen für das Modell, da sich das dadurch erlangte Einkommen in zweierlei Hinsicht auf die häusliche Gewalt auswirkt. Zunächst wird damit ihr mögliches Einkommen außerhalb der Ehe erhöht, wodurch auch der Reservationsnutzen entsprechend steigt. Außerdem erhält die Frau durch weiteres Einkommen in Form von Transferzahlungen nun einen geringeren marginalen Nutzen. Der Mann kann daher durch den Einkommenstransfer weniger Nutzenverlust aufgrund von Gewaltein- wirkung ausgleichen. Da die Arbeitsentscheidung der Frau endogenisiert wird, kann diese nun durch ihr Verhalten indirekt die Gewaltentscheidung des Mannes beeinflussen.

Im Zuge der individuellen Entscheidungen stellt sich ein Nash-Gleichgewicht ein, in dem sich die Grenzraten der Substitution zwischen Konsum und Gewalt von Mann und Frau anglei- chen. Damit wird auch das optimale Niveau der Transferzahlung bestimmt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Nutzenmaximierung des Mannes im Gleichgewicht durch die Gewalt und seinen

In der Grafik ist das Reservati- onsnutzenniveau (UW) der Frau abgetragen. Ihr Nutzen sinkt mit der Gewalt. Je mehr der Mann konsumiert, desto weniger Trans- fer kann er bezahlen, weshalb ihr Nutzen auch negativ vom Kon- sum des Mannes beeinflusst wird. Ihre Besserrichtung ist daher der Ursprung. Auf der anderen Seite steigt der Nutzen des Mannes Konsum. Im langfristigen Gleichgewicht wird er daher seinen Konsum und seine Gewaltein- wirkung solange ausweiten, bis die Frau gerade noch ihren Reservationsnutzen erhält (Tan- gentialpunkt).

Farmer und Tiefenthaler gelingt es ein Modell zu gestalten, das viele Aspekte häuslicher Ge- walt berücksichtigt und daher sehr positiv zu sehen ist. Leider treten bei den Betrachtungen die bereits erwähnten Probleme aufgrund der Vernachlässigung dynamischer Aspekte auf. Zudem erscheint auch die Annahme symmetrischer Information gerade in gewaltsamen Ehen nicht plausibel.

2.1.2.2 Erweiterung zur Ber ü cksichtigung der Wirkung von externen Einrichtungen

In einer Überarbeitung des Modells wollten die Autoren untersuchen, welche Auswirkungen Einrichtungen haben, die Frauen aus gewalttätigen Ehen Zuflucht bieten. Im Rahmen dieser Analyse änderten sie die Annahmen bezüglich der Symmetrie der Informationen. Zwischen den Ehepartnern herrscht nun asymmetrische, unvollständige Information. Der Reservationsnutzen der Frau ist dem Mann daher unbekannt6.

Es werden zwei Typen von Frauen unterschieden: Frauen vom ersten Typ befinden sich an ihrem kritischen Nutzenniveau und sind damit bereit zur Scheidung (S), wohingegen Frauen vom zweiten Typ höheren Nutzen aus der Ehe generieren und sich vorerst nicht scheiden las- sen wollen (N). Der Mann kennt die Wahrscheinlichkeiten der einzelnen Typen, kann den Typ seiner Ehepartnerin jedoch nicht verifizieren. Farmer und Tiefenthaler vernachlässigen in diesem Teilmodell die Maximierungsentscheidungen und gehen davon aus, dass Frau und Mann vorher bereits ihr optimales Verhalten gewählt haben7. Für beide Typen von Frauen existieren kritische Gewaltniveaus (VN > VS), bei deren Überschreitung sie sich scheiden las- sen. Der Mann wird sich für eines dieser beiden Niveaus entscheiden, da diese in Abhängig- keit der jeweiligen Typen den größten Nutzen schaffen. Dabei wägt er seinen zusätzlichen Nutzen durch die Gewalt gegenüber der Wahrscheinlichkeit ab, dass die Frau daraufhin die Beziehung beendet. Nur wenn sein Nutzenzuwachs durch die Gewalt ausreichend ist, wählt er das hohe Gewaltniveau VN und riskiert damit die Scheidung von einer VS-Frau.

Berücksichtigt man nun die externen Einrichtungen, so können diese den Frauen beim Signaling helfen. Eine Frau vom Typ N kann eine solche Unterkunft aufsuchen und dem Mann damit signalisieren, dass sie vom Typ S ist. Sollte diese Täuschung funktionieren, so kann sie damit das Gewaltniveau von VN auf VS senken.

Als Ergebnis können sich zwei unterschiedliche Gleichgewichte einstellen. Falls der Mann den Anreiz hat, das niedrige Gewaltniveau in jeder Situation zu wählen, stellt sich ein Poo- ling-Gleichgewicht in reinen Strategien ein. Alle Frauen nutzen die externen Einrichtungen, weshalb sich an den angenommenen Wahrscheinlichkeiten, mit denen der Mann kalkuliert, nichts ändert, da er durch das Aufsuchen der Unterkünfte durch die Frauen keine weiteren Informationen gewinnt. Wenn der Mann sich in Abhängigkeit des Nutzenzuwachses durch das hohe Gewaltniveau und der Wahrscheinlichkeit, dass die Frau von Typ S ist, immer für VS entscheidet, kann dieses Gleichgewicht unterstützt werden. Falls er jedoch durch den Nut- zenzuwachs für die Scheidungswahrscheinlichkeit kompensiert wird, existiert kein Gleichge- wicht in reinen Strategien.

In diesem Fall hat der Mann also auch Anreize, das hohe Gewaltniveau zu wählen. Typ-S- Frauen werden sich in jedem Fall für die Einrichtungen entscheiden, da sie dies strikt besser stellt8. Für Frauen vom Typ N stellt sich ein Gleichgewicht in gemischten Strategien ein, falls sie indifferent zwischen Täuschung und Eingeständnis ihres Typs sind. Ein Teil der Frauen täuscht durch das Aufsuchen der Unterkünfte vor, Typ S zu sein und der andere Teil offenbart seinen Typ, da er die Not-Unterkünfte nicht aufsucht. Diese Indifferenz der Frauen stellt sich nur in Abhängigkeit der Entscheidungen des Mannes ein, der sich auch für eine gemischte Strategie entscheidet und mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit VN beziehungsweise VS wählt, solange er sich bezüglich des Typs der Frau nicht sicher ist9.

Im Gleichgewicht in gemischten Strategien ergibt sich somit folgende Situation: (i) Frauen von Typ S suchen Zuflucht in den Unterkünften und kehren nicht in die Ehe zurück. (ii) Ein Teil der Frauen von Typ N versucht den Mann durch den Besuch der Unterkünfte zu täuschen und wird dafür belohnt, da dieser mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit VS wählt. Der andere Teil der Frauen (iii) wird für seine Täuschung nicht belohnt, da der Mann mit der Gegenwahr- scheinlichkeit VN wählt. Diese Frauen müssen zusätzlich noch die möglichen Kosten des Be- suches zahlen und sind damit schlechter gestellt als (iv) die Frauen, die keine Hilfe bei exter- nen Unterkünften suchen, damit ihren Typ dem Mann eingestehen und sich sicher dem Ge- waltniveau VN ausgesetzt sehen.

Mit Blick auf die Erweiterung des Grundmodells lässt sich festhalten, dass diese bei der Un- tersuchung der Wirkung von Frauenhäusern sehr hilfreich ist. Von weitergehenden Betrach- tungen des ehelichen Zusammenlebens sollte jedoch abgesehen werden, da das Modell hierzu beispielsweise aufgrund der fehlenden Nutzenmaximierung der Individuen nicht geeignet ist.

2.2 Modelle mit sequentieller Entscheidungsfolge

Die zweite größere Kategorie innerhalb der Literatur bilden die sequentiellen Modelle, die häufig mithilfe spieltheoretischer Betrachtungen analysiert werden. Der Vorteil gegenüber den simultanen Modellen besteht in der Möglichkeit der mehr-periodigen Betrachtung. Die zeitliche Komponente wird bei einigen Entscheidungen bezüglich des Verhaltens in der Ehe als wichtiger Aspekt gesehen. Beispielsweise kann die Veränderung von Verhandlungsergebnissen bei wiederholter Interaktion betrachtet werden.

2.2.1 Bowlus und Seitz: Einbezug der Arbeitsentscheidung der Ehefrau

Die Studie von Bowlus und Seitz legt das Hauptaugenmerk des sequentiellen Modells auf die Entscheidung der Frau, ob sie einer Beschäftigung nachgeht oder nicht. Frau und Mann agie- ren hierbei in jeweils aufeinander folgenden Perioden. Zu Beginn der ersten Periode sind alle Individuen alleinstehend. Zunächst trifft die Frau ihre Entscheidung bezüglich der Arbeit und heiratet einen Partner oder nicht. Später existiert für die Frau dann die Möglichkeit der Schei- dung. Frauen maximieren ihren Nutzen dabei abhängig von Heiratsstatus, Arbeitsentscheidung, häuslicher Gewalt durch den Mann, dem ehespezifischen Kapital und einer Komponente, die von individuellen Charakteristika10 abhängig ist.

Daraufhin beginnt die nächste Periode, in der der Mann sein Verhalten festlegt. Alle Männer, die im Zuge der vorhergehenden Perioden verheiratet sind, entscheiden, ob sie gegenüber ihrer Frau gewalttätig werden. Die Nutzenmaximierung der Männer geschieht in Abhängigkeit ihrer Entscheidung bezüglich der Gewalt, des Verhalten ihrer Frau, dem ehespezifischen Kapital und ihrer individuellen Komponente. Zusätzlich spielt in den künftigen Perioden auch die Gewalt aus den vorhergehenden Abschnitten eine Rolle.

Die dargestellten Perioden wiederholen sich unendlich oft, wobei jede Frau die Möglichkeit hat nach einer möglichen Scheidung einen neuen Partner zu treffen und nochmals zu heiraten. Durch diesen Aufbau ergeben sich mehrere Möglichkeiten, wie die Arbeitsentscheidung der Frau mit der häuslichen Gewalt interagieren kann. Zunächst kann die erfahrene häusliche Gewalt direkte Konsequenzen für die Entscheidung der Frau bedeuten, wenn der Mann wie auch in anderen Modellen die häusliche Gewalt einsetzt, um die Frau gezielt zu beeinflussen. Zusätzlich bezieht die Frau auch bei ihrer Entscheidungsfindung bezüglich der Arbeit die möglichen Folgen für die Höhe der Wahrscheinlichkeit häuslicher Gewalt mit ein. Die Auto- ren kalkulieren das Gleichgewicht des Modells durch Rückwärtsinduktion in den einzelnen Perioden und berechnen in Abhängigkeit der Arbeitsentscheidung der Frau die Wahrschein- lichkeiten einer gewaltsamen Eskalation.

Eine Schwäche dieses Modells ist seine mangelnde Erklärungskraft für einige empirische Be- obachtungen zum ehelichen Zusammenleben. Beispielsweise wird nur die Möglichkeit be- trachtet, dass eine Frau in Folge der Gewalt die Scheidung einreicht oder ihre Arbeitsent- scheidung anpasst. Weitere Möglichkeiten werden hierbei vernachlässigt. So könnte die Frau sich an Behörden sowie andere Instanzen wenden. Auch die Rückkehr in eine gewalttätige Ehe, die in der Realität häufig zu beobachten ist, kann innerhalb des Modells nicht abgebildet oder erklärt werden.

Weiterhin werden bei der Analyse einige Faktoren vernachlässigt, die sich in einer Ehe als äußerst bedeutend herausgestellt haben. Fundamentale Auswirkungen auf die Gewalt und die Entscheidungen der Ehepartner kann der Ursprung des ehelichen Kapitals haben. Sollte die Frau einen Großteil des Kapitals verdienen, so besitzt sie eine völlig andere Verhandlungsposition gegenüber dem Mann, da er nicht der Alleinverdiener ist. Die fehlende Betrachtung von Verhandlungsmacht und Drohpunkten ist daher eine Schwäche des Modells.

[...]


1 Zu Beginn der 80er-Jahre wurde vermutet, dass bereits in jedem sechsten Haushalt derartige Vorfälle aufgetreten waren. Vgl. hierzu Straus, Gelles und Steinmetz (1980), S. 3

2 vgl. United States Department of Health and Human Services, Centers for Disease Control and Prevention: Costs of Intimate Partner Violence Against Women in the United States (2003), S. 49

3 vgl. Tauchen, Witte und Long (1991), S. 495

4 vgl. z.B. Card und Dahl (2011)

5 vgl. Farmer und Tiefenthaler (1997), S. 340

6 vgl. Farmer und Tiefenthaler (1996), S. 275

7 vgl. Farmer und Tiefenthaler (1996), S. 275

8 vgl. Farmer und Tiefenthaler (1996), S. 276

9 vgl. Farmer und Tiefenthaler (1996), S. 276 f.

10 Hier sind sowohl ökonometrisch erfassbare Daten (Bildung, Geburtsort, Wohnort, Kinder) als auch persönliche Daten erfasst. Vgl. hierzu Bowlus und Seitz (2006), S. 1121 f.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Häusliche Gewalt aus ökonomischer Sicht
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
35
Katalognummer
V208102
ISBN (eBook)
9783656355977
ISBN (Buch)
9783656357261
Dateigröße
779 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
häusliche, gewalt, sicht
Arbeit zitieren
Daniel Föller (Autor), 2011, Häusliche Gewalt aus ökonomischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208102

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