Auf- und Abschwung der Investitionstätigkeit in Deutschland im 20. Jahrhundert


Seminararbeit, 2008
37 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Einleitung
Quellen und Hintergrund
Perioden
Indikatoren und Einflussfaktoren

Das Kaiserreich (1901-1913)

Der Erste Weltkrieg und die Hyperinflation (1914-1924)

Weimarer Republik (1925-1933)

Das Dritte Reich (1933-1938)

Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen (1939-1949)

Das Wirtschaftswunder der 50er und 60er (1950-1973)

Langsames Wachstum (1974-1990)

Wiedervereinigung (1990-2000)

Zusammenfassung

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Nettoinvestitionsquote 1901-1913

Abb. 2: Nettoinvestitionsuote in den 20er und 30er Jahren

Abb. 3: Nettoinvestitionsquoten: Vergleich dreier 6-Jahresperioden

Abb. 4: Investitionen in Bauten und Machinen (1938-1944)

Abb. 5: Investitionsquote 1950-1975

Abb. 6: Produktionsfaktoren nach dem Krieg

Abb. 7: Quellen von Investitionsmitteln

Abb. 8: Investitionsquote 1970-1990

Abb. 9: Staatsausgaben (1950-1990)

Abb. 10: Investitionsquote 1991-2000

Abb. 11: Staatsausgaben (1991-2000)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Produktivität in der Industrie (GB=100)

Tabelle 2: Investitionen in die Produktions- und Verbrauchsgüterindustrien

Einleitung

Quellen und Hintergrund

Jeder, der sich mit der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert auseinandersetzt (und insb. bei Betrachtung des ganzen Zeitraums), hat mit einigen methodologischen Problemen zu tun, die von den zahlreichen Änderungen des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Systems und des Territoriums herrühren. Die resultieren in einer turbulenten Geschichte, in denen Rahmenbedingungen, Definitionen und Theorien drastischen Änderungen unterlagen. Folge davon ist z. B. die Nichtexistenz von verlässlichen Daten aus den Jahren 1914-1924 und 1939-1949.

Das größte Problem ist das Fehlen einer einheitlichen Quellenbasis. Obwohl das Kaiserliche Statistische Reichsamt 1890 angefangen hat, ein Jahrbuch herauszugeben, unterscheiden sich die verwendeten Definitionen von den heute üblichen, und zwar v. a. was die für unser Thema interessante Verwendungsrechnung betrifft, z. B. werden keine Werte für die Abschreibungen angegeben. Es fällt auf, dass der relevante Abschnitt – §15 im „Statistischen Jahrbuch für die BRD“ – im Jahrbuch für das Reich nicht mal existiert. Damit kann man nicht zwischen Brutto- und Nettoverwendungen des Sozialproduktes unterscheiden, was die Arbeit direkt mit den Quellen erschwert und umständliche Rechnungen notwendig macht. Daher war ich für die Periode vor dem II. WK auf Nachrechnungen wie diejenigen von Hoffmann, Ritschl (& Spoerer) und Burhop/Wolff verwiesen. Für die Periode 1950-1990 benutze ich die Daten aus einer Publikation des Statistischen Bundesamtes (Fachserie 18, S. 15, 1991) und nach 1990 diejenigen aus der GENESIS-Datenbank auf www.destatis.de.

Der wohl wichtigste Grund für die Änderung der Ansätze bei der Erstellung der Statistik ist die Entstehung neuer ideologischen und theoretischen Paradigmen. Anfang des Jahrhunderts herrschte in Europa der Nationalismus und Deutschland machte keine Ausnahme: der Akzent wurde auf das Volksvermögen, -reichtum (und dementsprechend die Macht des Staates)[1] gesetzt. Im Laufe des Jahrhunderts trat das Wachstum immer mehr in den Vordergrund. Die Arbeiten von Wissenschaftlern wie Keynes und die Entwicklung von Modellen wie dem Sollowschen machten die genaue Kenntnis von makroökonomischen Größen wie Brutto- und Nettoinvestitionen sowie deren Struktur unverzichtbar. Diesem Umstand verdanken wir die relative Fülle an Quellen auf dem Gebiet nach dem II. WK.

Perioden

Eine logische Teilung wäre die den politischen Änderungen folgende: Kaiserreich (1901-1913), 1. Hiatus (Krieg 1914-1918, teilweise Daten für die Zeit 1919-1924), Weimarer Republik (1925-1933), das III. Reich (1933-1938), 2. Hiatus (Krieg 1939-1945 und

Nachkriegsunklarheiten 1945-1950), „alte“ BRD (1950-1990) und BRD ...(1990-2000). Dabei ist die Zeit der Weimarer Republik die Periode von größtem Interesse, da sie trotz der vielen ihr gewidmeten Arbeiten am diskutabelsten geblieben ist. Die Geschichte der „alten“ BRD charakterisiert sich durch zwei Unterperioden: Nachholung in den 50er und frühen 60er und „normale“ Entwicklung nachher.

So zeichnen sich folgende Perioden von Interesse aus. Zuerst – die Zwischenkriegszeit (die scheinbar „normale“ Investitionshöhe in den 20er und zur Zeit des III. Reichs gibt sich bei einer näheren Betrachtung als alles Andere außer „normal“ erkennen). Zum Zweiten – die Zeit der langfristig erstaunlich hohen Investitionsquoten nach dem II. WK und die durch die Widervereinigung beeinflussten 90er. Diese Schwerpunktbildung ist weitgehend in Einklang mit der Entwicklung anderer gesamtwirtschaftlichen Größen wie BSP/NSP.

Indikatoren und Einflussfaktoren

Betrachtet werden vor allem die Netto- und Bruttoinvestitionsquoten, sowie der Anteil des Staates an den gesamtwirtschaftlichen Investitionen. Ein einheitlicher Trend lässt sich nicht unbedingt erkennen (es sei denn man betrachtet die Einpendlung der Bruttoinvestitionsquote auf etwa 20 % als einen und die Erhöhung des Anteils der Abschreibungen an den Bruttoinvestitionen)

Da die Investitionen eine Teilverwendung des Sozialproduktes sind, bewegt sich ihre Höhe im Großen und Ganzen zusammen mit der gesamtwirtschaftlichen Konjunktur. Es ist aber unmöglich im Rahmen dieser Arbeit auf die Richtung eines kausalen Zusammenhangs zu schließen[2]. Eine Regression, die die Investitionstätigkeit auf bestimmte Einflussfaktoren zurückführt, wird auch nicht unternommen. Als weitere wirtschaftliche Einflussfaktoren kommen die Höhe der Zinssätze und Löhne in Frage. Ferner sind sich fast alle Studien[3] darin einig, dass die Höhe der privaten Investitionen größtenteils durch die Gewinnerwartungen bestimmt wird und durch den Preis von Investitionsgütern (Tobins q[4] ). Außerdem spielen die Politik und die (wirtschaftlichen) Beziehungen mit dem Ausland eine Rolle, vor allem was den Staat betrifft.

Die Bedeutung der erwähnten Faktoren änderte sich im Zeitablauf und in verschiedenen Perioden war überwiegend der eine oder andere fürs Investitionsverhalten der Wirtschaftsakteure bestimmend.

Das Kaiserreich (1901-1913)

Auf dem ersten Blick erkennt man, dass die Investitionsquote stärker variiert als das BSP/NSP.

Da im Datensatz von Ritschl und Spoerer die Höhe der Abschreibungen kalkulatorisch aus den Nettoinvestitionen abgeleitet worden ist, betrachte ich die Nettoinvestitionen. In der Endperiode des Reiches stieg die Nettoinvestitionsquote fast konstant von 10,4 % in 1901 auf 15,2 % in 1913 an (Brutto: von 15,8 auf 21,4%). Am plausibelsten scheinen zwei Erklärungen dieser langfristigen Entwicklung. Erstens bedeutete das Wachstum des Sozialproduktes pro Kopf[5], dass die Haushalte einen immer kleineren Anteil ihres Einkommens für Konsum brauchten und dementsprechend eine höhere Sparquote möglich war. Der zweite Grund für die Tendenz ist, dass mit fortschreitender Entwicklung ein immer größerer Kapitaleinsatz nötig ist, um eine gleich hohe Rendite erzielen zu können, d.h. die Kapitalintensität steigt mit der Zeit und zwar in fast allen Ländern überproportional im Vergleich zum Sozialprodukt[6]. Das hat zur Folge, dass die Abschreibungen ein immer größeres Gewicht bekommen und der Anteil der Netto investitionen am NSP kleiner wird (nicht aber der Bruttoinvestitionen). Der internationale und intertemporale Vergleich zeigt außerdem, dass heutzutage 15 bis 25 % (Bruttoinvestitionen/BSP) üblich sind[7].

Anscheinend stimmt die Investierung etwa eines Fünftels vom Sozialprodukt mit den langfristigen Präferenzen in den entwickelten Ländern überein, mit länderspezifischen Abweichungen nach unten, z. B. USA, und nach oben, z. B. Japan[8]. Neben den möglichen kulturellen Erklärungen dieser Abweichungem, sind sie in einer rein ökonomischen Ebene mit dem Spätstart der Industrialisierung und dem viel kleineren Kapitalstock Anfang des XX. Jhs. im Falle Japans zu erklären, der Fall der USA ist genau der umgekehrte[9].

Abb. 1: Nettoinvestitionsquote 1901-1913

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Hoffmann: „Das Wachstum...“, S. 826-828

Die auffälligsten Unterbrechungen dieser Aufwärtsbewegung – 1902, 1908 und teilweise 1909-10[10] – lassen sich konjunkturell (zyklisch) erklären: sie sind höchstwahrscheinlich mit den zeitgleichen Rezessionen zu verbinden[11]. Die erste Rezession ist nach verschiedenen Autoren 1900 / 1901 / 1902 / 1900-02 / 1901-02 anzusetzen, d.h. sie ging mit der Abnahme der Investitionsquote einher. Die nächsten zwei – 1906-07 und 1908 / 1909-11 / 1909-10. Gerade in dem Zeitraum sanken die Investitionen relativ zum Sozialprodukt ziemlich stark. 1908 wurden sie durch eine Stagnation der Industrieproduktion und sinkende Kapitalrenditen[12] begleitet / verursacht (Dasselbe beobachtet man im Jahre 1901). Dann blieben sie etwa auf diesem Niveau bis 1911. Für den Rückgang 1913 könnte die Politik des Staates mitverantwortlich sein: die Einführung von neuen Steuern in 1911 und 1912 und der Crowding-out-Effekt einer unproduktiven Erhöhung des Staatsverbrauchs[13] (Militärausgaben wegen der Aufstände in Afrika und der immer gespannter werdenden internationalen Situation), für eine Rezession spricht auch die gestiegene Anzahl der Arbeitslosen 1913[14].

Die Abschnitte oberhalb der Trendlinie dürften die Folge eines Nachholbedarfs sein.

Der Erste Weltkrieg und die Hyperinflation (1914-1924)

Für diese Periode liegen keine verlässlichen Daten vor, beziehungsweise die Kriegs- und Inflationskonjunktur lassen ihre Quantifizierbarkeit und Vergleichbarkeit mit anderen Zeiträumen fraglich erscheinen. Daher sind keine genaue Angaben über Investitionshöhe und –art vorzustellen. Man muss aber Einiges zur allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Situation sagen, da die nachherige Entwicklung ihre Wurzeln schon im Krieg und der Hyperinflation hat.

Während des Krieges hatten zwei Vorgänge direkten Einfluss auf die Investitionstätigkeit. Erstens: Die Bautätigkeit ist um fast 100 % gesunken[15] und da sie im Laufe des XX. Jh. immer einen beträchtlichen Anteil der Gesamtinvestitionen ausgemacht hat, ergaben sich schon allein deswegen große Investitionsdefizite für die Nachkriegszeit. Die zweite Änderung betraf die Struktur der Industrie: es fand eine überproportionale Verschiebung hin zur Schwerindustrie und Großbetrieben. Die Produkte der Schwerindustrie waren für den Krieg nötig und ihr wurde bei der Verteilung von Rohstoffen und Arbeitskräften Vorrang gegeben, die gesetzliche Grundlagen dafür schaffte das sog. Hindenburg-Programm (z. B. durch das „Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst“ von 1916). Was die Inputs (Arbeitskräfte, Rohstoffe und Kredite) betrifft, waren Großbetriebe auch allein durch ihre Größe begünstigt: sie verfügten über größere Reserven und z. B. die Mobilmachung, Rohstoffrationierung und Mangel an Krediten waren für sie nicht so gefährlich wie für kleinere Firmen. Zusammenfassend: die Position der Monopolisten wurde gestärkt.

Aus den politischen Unruhen nach dem Ende des Kriegs (Arbeiteraufstand 1918) kamen die Gewerkschaften viel stärker heraus und umfassten mehr Arbeiter als vor dem Krieg; in der neuen Republik war die Stimme der Sozialisten und Kommunisten zu hören. Ein Ausdruck der gestiegenen Macht der Unionen ist die am 15.11.1918 gegründete „Zentralarbeitsgemeinschaft der industriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Deutschlands“.

Die am Arbeitsmarkt stattgefundene institutionelle Änderung (Erstarkung der Gewerkschaften und Monopolisten) ist wichtig für die sog. „Borchardt-Kontroverse“, und zwar für Borchardts erste These: dass die Löhne in den 20er Jahren zu hoch gewesen seien, was über sinkende Gewinne der Unternehmen und den dadurch verursachten Investitionsrückgang die Krise 1929/1933 vorbestimmt hat.

[...]


[1] Vgl. Helfferich, „Deutschlands Volkswohlstand 1888-1913“: „Die Rückschau auf den Weg, den unser Volk durchwandert hat, mag dazu beitragen, das deutsche Selbstvertrauen auf die Höhe der deutschen Volkskraft zu bringen“, S. 125

[2] Obwohl regressionsanalytische Versuche existieren: so z. B. van de Klundert und van Shaik: „On the historical continuity...“, Kendrick: „How much Does Capital Explain?“

[3] Allgemeine und konkretere Analysen finden sich in der Literatur – Kalckreuth: „Exploring the Role...“, Kallfass: „Die Investitionstätigkeit der Großunternehmen...“, Minsky: „Induced Investment...“, Courvisanos: „Investment Cycles...“

[4] Marktwert-Buchwert-Verhältnis

[5] Zu dessen historischen Entwicklung: Ritschl & Spoerer: „Das BSP in Deutschland“, S.49

[6] Maddison: „Dynamic Forces in Capitalist Development“, S. 67 (Table 3.10 – Ratio of Gross Non-Residential Capital Stock to GDP, 1890-1987) oder Metz: „Säkulare Trends…“ S. 470 (Index der Kapitalintensität 1850-2001)

[7] vgl. „One Hundred Years of Economic Statistics“, Tabelle auf S. 8

[8] vgl. Biedenkopf: „Investieren in Deutschland“, Tabelle auf S. 42 (Investitionsquoten in 6 Industrieländern

1969-1988)

[9] vgl. Maddison: „Dynamic Forces in Capitalist Development“, S. 68 (Graph 3.3, Growth of Non-Residential Capital Stock and GDP in the USA and Japan 1890-1987)

[10] Wenn man die Daten von Hoffmann: „Das Wachstum...“ benutzt, bekommt man das gleiche Bild, vgl. Rostow: „The World Economy“, S. 407

[11] Zeitpunkte der Rezessionen nach Burhop & Wolff: „A Compromise Estimate of German...“, S. 646 und S. 650, App. Table 1

[12] Burhop & Wolff: „A Compromise Estimate of German...“, S. 653

[13] Kuczynski: „Die Bewegung der deutschen Wirtschaft“, S. 209, Hoffmann: „Das Wachstum...“, S. 828

[14] Laursen, Pedersen: „The German Inflation…“, S. 78

[15] Kuczynski: „Die Bewegung der deutschen Wirtschaft“, S. 114

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Auf- und Abschwung der Investitionstätigkeit in Deutschland im 20. Jahrhundert
Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
37
Katalognummer
V208335
ISBN (eBook)
9783656355496
ISBN (Buch)
9783656357476
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
auf-, abschwung, investitionstätigkeit, deutschland, jahrhundert
Arbeit zitieren
Jordan Tchorbadjiyski (Autor), 2008, Auf- und Abschwung der Investitionstätigkeit in Deutschland im 20. Jahrhundert , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208335

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