Seminar "Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland während des 20. Jahrhunderts aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive"
Inhalt des Seminars: Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland war im 20. Jahrhundert von zahlreichen Brüchen (Erster Weltkrieg, Hyperinflation, Weltwirtschaftskrise, Staatskonjunktur der NS-Zeit, Zweiter Weltkrieg, Teilung, Wiedervereinigung) und sehr unterschiedlichen Wirtschaftsordnungen gekennzeichnet.
Durch die Vorträge der Seminarteilnehmer sollen deren jeweilige Wirkungen
auf das Wachstum und dessen Triebkräfte geklärt werden. Zudem wird aber
auch nach eventuellen Konstanten der Wirtschaftsentwicklung über alle
Brüche hinweg gefragt werden. Insgesamt soll auf diese Weise ein klares
Bild der Wirtschaftsentwicklung in einem hochindustrialisierten Land unter
der Einwirkung von zahlreichen Schocks entstehen.
Das Seminar kann besucht werden von Studierenden der VWL (Diplom und
B.A.) im Rahmen des Wahlbereichs, im M.A. und Magisterstudiengang
Geschichte, von Wirtschaftspädagogen mit Wahlfach Geschichte sowie im
Diplomstudiengang BWL als Teil des Wahlpflichtfachs Wirtschaftsgeschichte
Die Voraussetzungen für den Besuch des Seminars können von Fall zu Fall
abgeklärt werden. Außer für Studierende in M.A. Geschichte ist im Allgemeinen der erfolgreich absolvierte Besuch des Proseminars im Fach bzw. die
Vorlesung "Einführung in die Wirtschaftsgeschichte für Volkswirte" erforderlich.
Der Seminarschein wird erteilt auf der Basis einer Hausarbeit, eines Referats
und einer Klausur. Termin für die Abgabe der Hausarbeit ist Montag,
26.05.2008. Anmeldung zum Seminar und Themenvergabe finden erstmals
am Dienstag, den 4. Dezember 2007 in der Sprechstunde und dann in den
Feriensprechstunden statt.
Einführende Literatur:
Knut Borchardt, Trend, Zyklus, Strukturbrüche, Zufälle: Was bestimmt die
deutsche Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts? , in: ders., Wachstum,
Krisen, Handlungsspielräume der Wirtschaftspolitik. Studien zur
Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts,
Göttingen 1982, S. 100-124 16
Christoph Buchheim, Einführung in die Wirtschaftsgeschichte, München
1997, S. 86-130
Reinhard Spree (Hg.), Geschichte der deutschen Wirtschaft im 20.
Jahrhundert, München 2001
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Quellen und Hintergrund
Perioden
Indikatoren und Einflussfaktoren
Das Kaiserreich (1901-1913)
Der Erste Weltkrieg und die Hyperinflation (1914-1924)
Weimarer Republik (1925-1933)
Das Dritte Reich (1933-1938)
Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen (1939-1949)
Das Wirtschaftswunder der 50er und 60er (1950-1973)
Langsames Wachstum (1974-1990)
Wiedervereinigung (1990-2000)
Zusammenfassung
Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die langfristige Entwicklung der Investitionstätigkeit in Deutschland im 20. Jahrhundert unter Berücksichtigung unterschiedlicher politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Das Ziel ist es, die Auf- und Abschwungphasen der Investitionsquote in den verschiedenen historischen Epochen zu analysieren und die maßgeblichen Einflussfaktoren sowie deren wechselnde Bedeutung im Zeitverlauf zu identifizieren.
- Analyse der Netto- und Bruttoinvestitionsquoten über verschiedene historische Perioden hinweg.
- Untersuchung der Bedeutung von Unternehmensgewinnen, Zinssätzen und staatlicher Einflussnahme auf das Investitionsverhalten.
- Diskussion der Auswirkungen von Krieg, Inflation, Wiederaufbau und Wiedervereinigung auf das Investitionsklima.
- Auseinandersetzung mit theoretischen Ansätzen zur Erklärung von Investitionsschwäche und -wachstum, insbesondere im Kontext der Weimarer Republik und der Nachkriegszeit.
- Evaluation des Strukturwandels der Investitionen, insbesondere im Hinblick auf den Übergang zum Dienstleistungssektor.
Auszug aus dem Buch
Das Kaiserreich (1901-1913)
Auf dem ersten Blick erkennt man, dass die Investitionsquote stärker variiert als das BSP/NSP.
Da im Datensatz von Ritschl und Spoerer die Höhe der Abschreibungen kalkulatorisch aus den Nettoinvestitionen abgeleitet worden ist, betrachte ich die Nettoinvestitionen. In der Endperiode des Reiches stieg die Nettoinvestitionsquote fast konstant von 10,4 % in 1901 auf 15,2 % in 1913 an (Brutto: von 15,8 auf 21,4%). Am plausibelsten scheinen zwei Erklärungen dieser langfristigen Entwicklung. Erstens bedeutete das Wachstum des Sozialproduktes pro Kopf, dass die Haushalte einen immer kleineren Anteil ihres Einkommens für Konsum brauchten und dementsprechend eine höhere Sparquote möglich war. Der zweite Grund für die Tendenz ist, dass mit fortschreitender Entwicklung ein immer größerer Kapitaleinsatz nötig ist, um eine gleich hohe Rendite erzielen zu können, d.h. die Kapitalintensität steigt mit der Zeit und zwar in fast allen Ländern überproportional im Vergleich zum Sozialprodukt. Das hat zur Folge, dass die Abschreibungen ein immer größeres Gewicht bekommen und der Anteil der Nettoinvestitionen am NSP kleiner wird (nicht aber der Bruttoinvestitionen). Der internationale und intertemporale Vergleich zeigt außerdem, dass heutzutage 15 bis 25 % (Bruttoinvestitionen/BSP) üblich sind.
Anscheinend stimmt die Investierung etwa eines Fünftels vom Sozialprodukt mit den langfristigen Präferenzen in den entwickelten Ländern überein, mit länderspezifischen Abweichungen nach unten, z. B. USA, und nach oben, z. B. Japan. Neben den möglichen kulturellen Erklärungen dieser Abweichungem, sind sie in einer rein ökonomischen Ebene mit dem Spätstart der Industrialisierung und dem viel kleineren Kapitalstock Anfang des XX. Jhs. im Falle Japans zu erklären, der Fall der USA ist genau der umgekehrte.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel erläutert die methodischen Herausforderungen bei der Analyse der Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts aufgrund sich ändernder Systeme und Datenlücken und stellt die genutzte Quellenbasis vor.
Das Kaiserreich (1901-1913): Die Entwicklung der Investitionsquote wird als Teil eines langfristigen Wachstumstrends beschrieben, wobei der Anstieg der Kapitalintensität als entscheidender Faktor identifiziert wird.
Der Erste Weltkrieg und die Hyperinflation (1914-1924): Es wird die durch Kriegsfolgen und Hyperinflation geprägte, quantitativ schwer fassbare Periode beschrieben, in der strukturelle Verschiebungen hin zur Schwerindustrie und eine Stärkung der Monopolmacht stattfanden.
Weimarer Republik (1925-1933): Das Kapitel analysiert die Investitionsschwäche der Weimarer Republik, diskutiert die Borchardt-Kontroverse um zu hohe Löhne und beleuchtet die Auswirkungen der internationalen Kapitalabhängigkeit und der Weltwirtschaftskrise.
Das Dritte Reich (1933-1938): Es wird aufgezeigt, dass der drastische Anstieg der Investitionen in diesem Zeitraum primär durch eine Rüstungskonjunktur getrieben war und nicht als gesundes, nachhaltiges Wirtschaftswachstum gewertet werden kann.
Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen (1939-1949): Das Kapitel behandelt die Zerstörung des Kapitalstocks im Krieg, die demontagebedingten Folgen nach 1945 und den Übergang zu einem wirtschaftlichen Wiederaufbau unter veränderten politischen Rahmenbedingungen.
Das Wirtschaftswunder der 50er und 60er (1950-1973): Der außergewöhnlich hohe Investitionsgrad nach dem Krieg wird auf Faktoren wie Humankapital, Wiederaufholpotenziale und ein investitionsfreundliches Umfeld zurückgeführt.
Langsames Wachstum (1974-1990): Das Kapitel thematisiert die Normalisierung des Wachstums nach dem „Goldenen Zeitalter“, den Einfluss des demografischen Wandels und die strukturelle Verschiebung zum Dienstleistungssektor.
Wiedervereinigung (1990-2000): Es werden die massiven Investitionsanstrengungen zur Angleichung der ostdeutschen an die westdeutsche Wirtschaft sowie die Rolle staatlicher Transfers und Strukturprobleme analysiert.
Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die zentralen Einflussfaktoren auf die Investitionstätigkeit – insbesondere Konjunktur, Gewinne, Sicherheit und Politik – zusammen und rekapituliert die historische Entwicklung des Jahrhunderts.
Schlüsselwörter
Investitionstätigkeit, Deutschland, 20. Jahrhundert, Bruttoinvestitionen, Nettoinvestitionen, Konjunktur, Kapitalintensität, Wirtschaftswachstum, Wiedervereinigung, Rüstungskonjunktur, Weimarer Republik, Investitionsquote, Kapitalstock, Strukturwandel, Wirtschaftsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung der Investitionstätigkeit in Deutschland während des gesamten 20. Jahrhunderts und beleuchtet die verschiedenen Auf- und Abschwungphasen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Investitionsquoten im Zeitverlauf, der Einfluss politischer Systeme, die Rolle von Unternehmen und Staat sowie die Auswirkungen von Krisen und Kriegen auf das Investitionsklima.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Schwankungen der Investitionstätigkeit in unterschiedlichen deutschen Epochen nachzuvollziehen und die ausschlaggebenden ökonomischen und politischen Einflussfaktoren zu identifizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen und wirtschaftshistorischen Analyse, die sich auf die Auswertung und Interpretation vorliegender Datenreihen und existierender wirtschaftswissenschaftlicher Literatur stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische Abschnitte, die von der Zeit des Kaiserreichs bis zur Wiedervereinigung im Jahr 2000 reichen, und untersucht jeweils spezifische wirtschaftliche Bedingungen und Investitionsmuster.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Investitionsquote, Wirtschaftshistorie, Konjunktur, Kapitalstock, Strukturwandel und die Analyse verschiedener politischer Regime im 20. Jahrhundert.
Welche Rolle spielten die Gewinnerwartungen für die Investitionen in der Weimarer Republik?
Laut dem Text gelten die Gewinnerwartungen als entscheidend; in der Weimarer Republik wurden diese jedoch durch hohe Löhne, Unsicherheit und die Krisensituation belastet, was zu einer Investitionsschwäche führte.
Wie wirkte sich die Wiedervereinigung auf die Investitionsstruktur aus?
Die Wiedervereinigung führte zu einem Strukturbruch, der enorme Investitionsanstrengungen, insbesondere im öffentlichen Sektor und in den neuen Bundesländern, erforderte, um den qualitativen und quantitativen Rückstand zu verringern.
- Quote paper
- Jordan Tchorbadjiyski (Author), 2008, Auf- und Abschwung der Investitionstätigkeit in Deutschland im 20. Jahrhundert , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208335