HipHop- und Country-Musik – Ausdruck soziokultureller Persönlichkeit

Wechselwirkungen zwischen räumlichen, ethnischen und ökonomischen Strukturen und deren Projektion auf die musikalischen Raumbilder


Seminararbeit, 2012

48 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Hip Hop- und Country-Musik - Ausdruck soziokultureller Persönlichkeit

2. Born in the Bronx - Vom „Streetlife“ zur Hip Hop-Kultur
2.1 Showing Skills and Flow - Wechselwirkungen zwischen räumlichen Strukturen und den vier Elementen des Hip Hop
2.1.1 Graffiti
2.1.2 Breakdance
2.1.3 Dj - ing
2.1.4 Rap

3. Von New York nach L.A. und Detroit nach Atlanta - „Rap“presenting race, city, street, hood and nation

4. Das Phänomen Hip Hop und seine räumlichen Verbreitungsmuster in Deutschland und Frankreich
4.1 In Deutschland
4.2 In Frankreich

5. Vom Hip Hop-Sneaker zum Cowboystiefel - Symbiose zweier Kulturen

6. Back to the roots: Die Geschichte der Country-Musik

7. Along the Country Roads - Von Nashville nach Houston und Memphis nach Columbia

8. Vom „Ghettorap“ und „Honky Tonk“ ins Rampenlicht der Weltbühne

Lieder-Verzeichnis

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Die Entwicklung der Stereotypen US - amerikanischer Rapper (eigene Darstellung, eigene Recherche, eigene Auswertung)

Abb.2: räumliche Herkunft von Rap - Künstlern in den USA bis 2012 (eigene Darstellung, eigene Recherche, eigene Auswertung)

Abb.3: Verteilung der Rapper in Deutschland (eigene Darstellung, eigene Recherche, eigene Auswertung)

Abb.4: Zentren des französischen Hip Hop (eigene Darstellung, eigene Recherche, eigene Auswertung)

Abb.5: Schematische Darstellung der Entwicklungsstadien der Country-Musik (verändert nach www.countrytagebuch.de, eigene Darstellung)

Tabellenverzeichnis

Tab.1: Bedeutende Country-Musiker (verändert nach: http://www.laut.de/Country-(Genre))

Tab.2: Die Hauptstilrichtungen der Country-Musik und deren Merkmale (verändert nach: http://audials.com/de/genres/country_musik.html)

Tab.3: Die Hauptstilrichtungen der Country-Musik und ihre Entstehungsräume (verändert nach: http://www.laut.de/Country-(Genre))

Tab.4: Die unterschiedlichen regionalen Stilrichtungen der Country-Musik (verändert nach: http://audials.com/de/genres/country_musik.html)

1. Hip Hop- und Country - Musik - Ausdruck soziokultureller Persönlichkeit

Hip Hop ist „ more than just music “ 1 , so KRS-One in seinem 2007 erschienenen Lied “Hip Hop lives”. Der Rapper Lupe Fiasco geht diesbezüglich einen Schritt weiter und gesteht in dem Lied „ Hip Hop saved my Life “ 2 , dass Rap sein „ best homie “ 3 in schweren Zeiten war. Ebenso belässt es Johnny Cash nicht dabei, dass Country Musik nur eine, von Banjo, Gitarre und den zum Takt klopfenden, auf den Boden schlagenden Cowboyschuhen begleitete Musikform sei, sondern „ die Verarbeitung von Glaube, Liebe und Zweifel “ (CARR 1999, S. 279). Betrachten wir diese Aussagen etwas genauer und projizieren die, den Musikrichtungen zu Grunde liegenden kulturellen Umstände auf die Sichtweisen der Künstler, lässt sich unschwer erkennen, dass sowohl Hip Hop als auch Country-Musik, Ausdrucksformen individueller Persönlichkeiten sind, sowie zur Identifikation eigener Empfindungen, Emotionen und Werte beitragen. Obgleich die „Subjects“4 beider Musikgenres oft die gleichen sind, entspringen diese unterschiedlichen kulturellen „Backgrounds“5 und liegen den in den Entstehungsräumen anzutreffenden sozialen Umständen zu Grunde. Somit bleiben zwar die besungenen Themen wie Liebe, Geld, Frust, etc. gleich, jedoch werden damit unterschiedliche „Messages“6 vermittelt. Hip Hop kommt von der Straße, Country aus der Farm des wohlbehüteten Nestes irgendwo zwischen Korn- und Maisfeldern. Natürlich liegen dieser Aussage keine empirischen Studien zu Grunde und dürfte so keineswegs in einer wissenschaftlichen Arbeit geschrieben stehen, doch sehe ich es als provozierenden Ansporn meiner Selbst den Phänomenen Hip Hop und Country bezüglich ihrer kulturellen, sozialen und räumlichen Rahmenbedingungen auf den Grund zu gehen. Tatsächlich lässt sich nur schwer bestreiten, dass Hip Hop mit all seinen Elementen aus dem urbanen Moloch New York Citys stammt (vgl. COOPER 2004, S. 6). Songzeilen wie, “ It's, the music that the street loves, each thug, is now rappin this with deep love ” 7 der Gruppe GangStarr oder “ You see I live for the love of the street, Rap to the ruggedest beats ” 8 von Jay-z , widmen sich diesem urbanen “Streetlife”9 und sehen die “Roots” des Hip Hop auf den Straßen der South Bronx. Andererseits erfährt man allein durch die Betitelung der „Country“-Musik, dass diese wohl eher aus ländlichen Räumen der USA stammen muss. Somit scheint die noch eben als so primitiv dargestellte Aussage zwar als Ansatz für Überlegungen und das Grundgerüst beider Musikformen zu dienen, doch führen „Country Roads“10 niemals direkt ohne die Jahrzehnte lang gebauten Highways zu befahren auf die „Streets of Realness“!11 In diesem Sinne, ist es zwar von Bedeutung das Damals und Heute zu betrachten, jedoch ist es wichtiger die Entwicklung beider Musikstile zu verfolgen um somit Veränderungen, Vergleiche und Gemeinsamkeiten bezüglich räumlicher und sozialer Entwicklungen herausarbeiten zu können und die Bedeutung der Musik für die jeweiligen Kulturen zu verstehen.

You know what it means for Brooklyn? For New York? For the fuckin streets? For niggaz that ain't got nothing!

(M.O.P - Brooklyn, 1998)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I walk pass with a nod and a reminisce,

swear to God hip hop and comic books was my genesis. Respect the life and the fashions of the children, it's the only culture I've got, exactly what we've been building.

(Atmosphere - Always Coming back home to you, 2003)

2. Born in the Bronx - Vom “Streetlife” zur Hip Hop Kultur

“If you like it or not - We all live in a Hip Hop Generation!”12. Mit diesen Worten eröffnet Kurtis Blow13 seine tägliche Messe in der “Hip Hop Church”14. Doch welch eine Entwicklung steht hinter diesem Phänomen zu behaupten, dass einst künstlerische Ausdrucksformen einer Minderheit, Generationen und Kulturen verschmelzen und zu einer Einheit - dem Hip Hop - werden lassen. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, drehen wir die „Plattenteller der Zeit“ zurück, zu Beginn der 80er Jahre. Hip Hop ist ein kultureller Prozess dessen Wurzeln auf den Straßen New York Citys, genauer gesagt der South Bronx, zu finden sind. Er spiegelt den Zeitgeist einer Gesellschaftsschicht wider und ist dabei einem stetigen Wandel unterzogen (vgl. COOPER 2004, S. 6). Mit den Worten „To da Beat y´all!“15 riefen vergessene Pioniere wie Grandmaster Caz und Dj Kool Herc , zwischen Schuttbrachen und Autowracks eine neue Untergrundkultur, den Hip Hop, ins Leben. In Mitten der Hochhausruinen lebte ein kreativer Geist, welcher darum flehte frei gelassen zu werden. Während das Bürgertum bereits in den 1960er Jahren in die neu errichteten Suburbs geflohen war, wohnten in den Ruinen der Stadt nur noch arme Schwarze und Puerto Ricaner. Um den alltäglichen Leiden in den Marginalvierteln zu entkommen, veranstaltete man in den Neighborhoods16 die ersten Block-Partys (vgl. ENGELEN 2008, S. 79). Dj-ing, Rap, Breakdance und Graffiti dienten dazu, den Gefühlen, Gedanken und der Kreativität Ausdruck zu verleihen. Aus verschiedensten Funk und Soul-Platten mischten die Djs noch nie zuvor dagewesene Beats. Rapper feuerten mit rhythmisch vorgetragenen Sprüchen wie z.B. „To da Beat y´all“ oder „Rock it, don´t stop it“17 die B-Boys und B-Girls an und Graffiti-Writer verschönerten die aus Pappkartons und Leinwänden bestehende Kulisse. Wurden bis dahin Bandenstreitigkeiten noch mit Messern und Pistolen ausgetragen, trug man diese nun in Form eines Rap-Battles18, Graffiti-Kontests oder Breakdance-Battles vor einem begeisterten Publikum aus (vgl. FISCHER 2011, S. 49 -52). Der DJ, Afrika Bambaataa, gründete in diesem Sinne und auf Basis der Kooperation aller vier Elemente die legendäre „Zulu Nation“19. In einem Interview sagte er später: „ Wir versuchten den Himmel in der Hölle zu erschaffen und den Kids auf friedliche Weise Perspektiven zu ermöglichen “ (BAMBAATAA, 1986). Hip Hop entwickelte sich schlagartig zu einem Lebensgefühl. „ Everybody wanted to be a part of it “ 20 , so die Worte des wohl bedeutendsten Hip-Hop Djs der Geschichte, Grandmaster Flash . Mit einem aufregenden neuen Sound, mit Bilderwelten die nicht in Rahmen gezwängt werden sondern an Wänden und auf Zügen erstrahlen, mit einem Tanz der den Atem verschlägt, mit einer Technik die das Musikgeschäft verändert - die Hip Hop Kultur war geboren. „ You don´t have to play drums or any other instruments, you only need a mic and two turntables [ … ] it´s not important to have any gallery or something like that, only a spray-can [ … ] ”21, so beschreibt Autor Michael Holman , der bereits present war, als Hip Hop noch in den Kinderschuhen steckte, diese revolutionäre Kultur. Mit dem Megahit “Rappers Delight” von der Sugarhill Gang , schaffte es der Hip Hop aus dem Ghetto auf die Playlisten höchst angesehener Radiosender. Rap diente von diesem Zeitpunkt an als Sprachrohr einer ganzen Generation.„We rap, we spray, we jam, we break […] everything we do is part of our culture“ (BAMBAATAA, 1986) mit dieser Aussage und den damit verbundenen Helden der Hip Hop Kultur, erschüttert man in den frühen 80er Jahren das amerikanische Establishment. Lieder wie „Peace, unity, love and having fun“22, von Afrika Bambaataa spiegeln den Spaß und die Freude wieder, die die Musik so begehrt machten. Während Hip Hop zu Beginn fast ausschließlich von schwarzen Jugendlichen in den Problembezirken New York Citys praktiziert wurde, eröffnete mit dem Roxy Club in Manhattan ein Treffpunkt der Uptown und Downtown. Im Roxy mischten sich Banker und Breaker23, arm und reich, schwarz und weiß - Hip Hop verkörperte nun das Image „One nation under a groove“24 (vgl. WILD STYLE, 1983). Räumliche Barrieren wurden überwunden, schwarze und weiße Kulturen mischten sich und die einstige Homogenität wich einem einzigartigen „multicultural Lifestyle“25.

Von nun an standen weiße und schwarze Rapper zusammen auf Bühnen der Nightclubs, Züge wurden in Gemeinschaftsarbeit von Crews unterschiedlicher Herkunft „gebombt“26 und an den Plattentellern erwiesen sich „Heads“27 aller New Yorker Bezirke die Ehre. Bedingt durch die veränderte Wahrnehmung des Raumes ändert sich im Laufe der Jahre auch der „Style“ der Kultur. Ende der 80er Jahre ergriffen Hip Hop Größen wie RunDMC und Ice-T das Mic und brachten Rap wieder „Back to the roots“28. Die Texte der Mcs wurden aggressiver und sollten das wirkliche Leben auf den Straßen New Yorks wiederspiegeln. Das Image änderte sich vom einstigen Party-Rap zum nun angesagten Ghetto- oder auch Gangsterrap. Schwarze Kids konnten sich mit den Texten identifizieren, die diese „Realness“29 der Straße wie keine in anderen Musikgenres verkörperten. Obgleich Hip Hop ein Kultur- und Generationen übergreifendes Phänomen geworden war, kam es zu einer gesellschaftlichen Neupositionierung. Von nun an spielte die Authentizität eine wichtige Rolle, durch die gewährleistet wurde das Leben der afro- amerikanischen Bevölkerung und die damit verbundenen Probleme des Lebens im Ghetto, möglichst realistisch darzustellen. In diesem Zusammenhang erschien 1995 das wohl am öftesten zitierte, und meist kritisierte Lied der Hip Hop Geschichte - Shook Ones Pt.II von Mobb Deep .

I got you stuck off the realness, we be the infamous

you heard of us,

official Queensbridge murderers.

The Mobb comes equipped with warfare, beware of my crime family who got nuff shots to share. For all of those who wanna profile and pose

rock you in your face, stab your brain wit' your nosebone you all alone in these streets, cousin,

every man for theirself in this land we be gunnin'. And keep them shook crews runnin'

like they supposed to

they come around but they never come close to. I can see it inside your face

you're in the wrong place,

cowards like you just get they're whole body laced up with bullet holes and such

speak the wrong words man and you will get touched. You can put your whole army against my team and I guarantee you it'll be your very last time breathin'. (Mobb Deep - Shook Ones Pt. II, 1995)

Durch diese Umstrukturierung wurde ein dominierendes, die Situation kontrollierendes Persönlichkeitsbild geschaffen, das gerade im urbanen Kontext des Hip Hop von großer Bedeutung ist. Obgleich viele Rapper stets die kulturübergreifende Entwicklung von Hip Hop leugnen, haben Einflüsse verschiedenster Kulturen Hip Hop zu dem gemacht was er ist - eine Lebenseinstellung, oder nach KRS-One „[…] something you live“30 und das ganz egal in welcher Form.

2.1 Showing Skills and Flow - Wechselwirkungen zwischen räumlichen Strukturen und den vier Elementen des Hip Hop

Aufbauend auf die Entstehungsgeschichte des Hip Hop, werde ich nun versuchen Wechselwirkungen zwischen räumlichen Strukturen und den vier Elementen des Hip Hop - Graffiti, Breakdance, Dj-ing und Rap zu erörtern. Der Fokus liegt hierbei in erster Linie auf den unterschiedlichen Auffassungen und Umsetzungen von Hip Hop die von Stadt zu Stadt, Stadtteil zu Stadtteil, ja sogar von Hood31 zu Hood unterschiedlich sind.

2.1.1 Graffiti

„Make your mark in society. Not on society.” Nach diesem Motto entstand in den frühen 80er Jahren in den USA eine neue Subkultur - Graffiti, die Rebellion mittels Zeichen, die Ich-Makierung in der Anonymität der Großstadt. Eine neue Kunstform die für jeden zugänglich ist ohne jahrelang Graphik-Design studiert zu haben oder eine Gallerie zu besitzen. Obgleich nicht zu bestreiten ist, dass es sich bei Graffiti um eine sehr kontrovers diskutierte künstlerische Ausdrucksform handelt, hat diese dazu beigetragen, räumliche Entwicklungen und Veränderungen bezüglich der Hip Hop - Kultur besser zu deuten und zu verstehen. Versucht man hierbei zusätzlich eine offizielle Erklärung für dieses Phänomen heranzuziehen, trifft man bei Soziologen auf Unverständnis. Grenzüberschreitung, Aufbegehren, Selbstbestätigung - man sieht Graffiti als neuartige Rebellion einer sich querstellenden Gesellschaftsschicht an. Doch was, wenn all diese überbewerteten Parameter wegfallen? Dann fällt der Blick auf das Künstlerische, den Ausdruck. Auf ein Schrift-Virtuosentum, das auch ganz gut ohne den Anspruch auf Revolutionierung der Gesellschaft auskommt und räumliche Zusammenhänge mittels Identifikation verkörpert.

In diesem Zusammenhang und rückbezüglich der Aussage, dass anhand Graffiti die räumliche Entwicklung des Hip Hop zu verfolgen ist, betrachten wir nun die Intentionen der Graffiti-Writer (vgl. http://www.graffiti.org/).

„ Für mich dient Graffiti als Ausdruck meiner persönlichen Entwicklung. Ich habe schon immer gesprayt um mein Revier zu makieren und um zu zeigen, dass ich hier war “ ( „Stencil“, 2011).

Projizieren wir diese Aussage auf die Entstehungsräume des Hip Hop, also New York, lässt sich ebenso unschwer erkennen, dass Graffitis oft zur Kennzeichnung des eigenen Territoriums genutzt werden. Ebenso werden die Grenzen der eigenen Hood überwunden und man dringt in neue Gebiete ein. Da eben Graffiti einen Teil des Hip Hops ausmacht, gelangt sozusagen auch die Kultur mit freundlicher Unterstützung der Sprayer in andere Gegenden, überwindet räumliche Distanzen und breitet sich somit aus.

2.1.2 Breakdance

Ein weiteres Element des Hip Hop, welches sich ebenso wie auch Graffiti, im Laufe der Zeit zu einer eigenen künstlerischen Ausdrucksform entwickelte, ist der Breakdance. Dieser ist eine ursprünglich auf der Straße getanzte Tanzform der afro- und puertoamerikanischen Jugend (vgl. www.bboy.org). Die Entstehungsgeschichte ist eng mit der des Dj-ing verbunden. In den 70er Jahren traten die „Breaker“32 zunächst auf den Blockpartys der Djs als Animation für das Publikum auf. Später entwickelte sich der Breakdance zu einem eigenständigen Element des Hip Hop. Mit artistischen Tanzeinlagen begleiteten die „B-Boys“33 und „B-Girls“34 die Rapper und Djs durch das Abendprogramm einer Hip Hop Veranstaltung. Durch verschiedenste kulturelle Einflüsse formte sich der Breakdance zu einem Art „Cross-over“ - Tanzstil. Dieser setzt sich wiederum aus drei Tanzformen zusammen, dem „Popping“35, dem „Locking“36 und dem „B-Boying“37 (vgl.: http://www.paradisi.de/Fitness_und_Sport). Tanzte man sich Ende der 70er Jahre noch ausschließlich im Ghetto der South Bronx die Füße wund, erfreute sich der Breakdance bereits Anfang der 80er Jahre größerer Beliebtheit. Durch Auftritte unzähliger Breakdancer in den Nachtclubs von Manhattan gelang der Sprung aus den Marginalvierteln in das Spektrum der Öffentlichkeit. Jugendliche unterschiedlichster Ethnien trafen sich von nun an in Jugendzentren und auf öffentlichen Plätzen und erlernten in den von den Pionieren des Breakdance veranstalteten Workshops die Kunst des B-Boyings.

Frosty Freeze, einer dieser Veteranen, sagte diesbezüglich in einem Interview mit Martha Cooper38 : „ Es spielt keine Rolle, ob du schwarz, wei ß , spanisch, chinesisch oder was auch immer bist. Es geht nur ums Tanzen und darum, den anderen zu respektieren “ (COOPER 2004, S. 86). Auf diese respektvolle Art und Weise konnten räumliche Barrieren überwunden werden, wovon wiederum die sich ständig weiterentwickelnde Hip Hop - Kultur profitierte.

2.1.3 Dj-ing

„ Als die Dämmerung einsetzte, tauchte der Bus mit Kool Herc auf. Seine Jungs packten Klapptische aus und schleiften sie durch ein Loch im Zaun auf den Schulhof, während Kool die Abdeckung von einem Laternenpfahl abschraubte, um ein fettes Verlängerungskabel anzuschlie ß en. Kisten voller Platten, übereinander gestapelte Lautsprecher und das Dj - Zubehör wurden aufgebaut. Dann machte sich Kool Herc an die Arbeit “ (GEORGE 2002, S. 47 - 48).

So schildert Nelson George , einer der wichtigsten Musikkritiker in den USA und Autor mehrere Sachbücher über R&B39, Motown40 und Hip Hop seine erste Begegnung mit der Hip Hop - Bewegung, besser gesagt dem Dj-ing.

Eben diese Mitternachts -Jams, auch bekannt als „Block Parties“, haben in den Siebzigern den Grundstein für die Entwicklung von Hip Hop gelegt (vgl. KAGE 2009, S. 47).

Somit gelten die Djs als eigentliche Pioniere dieser Kultur. Aus der einst passiven Tätigkeit des Plattenauflegens erwuchs eine abenteuerliche Form des musikalischen Selbstausdrucks. In einem neuen Mix kombinierten die Djs Geräuschmaterialien verschiedener Schallplatten, manipulierten sie und ordneten sie in einen neuen Kontext ein. Aus aneinandergereihten „Samples“ und „Breaks“41 kreierten die Disc - Jockeys neue Beats. Oft saßen sie tagelang zu Hause und bastelten an neuen Techniken und Musikbauteilen. In einem Interview sagte Grandmaster Flash diesbezüglich: „ Meine Kumpels verfluchten mich, weil ich ohne Tageslicht in meinem Kellerloch herumtüftelte, anstatt mit ihnen Basketball zu spielen. Aber ich war viel zu berauscht von meinen Plattenspieler - Experimenten “ (GRANDMASTER FLASH, 1991). Ebenso wie der Breakdance setzt sich auch das Dj-ing aus verschiedenen Formen bzw. Bauteilen zusammen. Hierzu zählen das „mixing“, „body-tricks“, „slip- cueing“, „needle drops“, „scratching“, „phrasing“, „cutting“, „beat juggling“, „beatmatching“ und das “phasing”. Um jedoch einen gewissen Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, kann leider nicht genauer auf diese Techniken eingegangen werden. Vielmehr stellt sich die Frage wie es das Dj-ing geschafft hat sich seinen Weg aus der South Bronx in die ganze Welt zu bahnen. Heute sieht man schließlich in fast jedem Club den man betritt einen Dj hinter den Plattenspielern.

Meilensteile des Dj-ing waren in diesem Zusammenhang sicherlich die Erfindung des „scratching“ und des „Loopen“. Damit wurden noch nie zuvor dagewesene Klänge erzeugt, die eine ganze Dj-Generation zur Nachahmung animierten. Als Vater dieses sogenannten „Turntabilism“ gilt Dj Kool Herc. Im Laufe der Zeit haben Djs verschiedener Nationen ihre „Skills“ immer weiter ausgebaut und perfektioniert. Heutzutage wird in den meisten Clubs, Bars und Diskotheken die komplette Musikgestaltung, allein von einem Disc - Jockey übernommen. Galten Djs einst nur als Künstler der Hip Hop - Bewegung, begegnet man diesen nun in verschiedensten Musikgenres. Führende Vertreter sind über die ganze Welt verteilt im Funk, Electro & Trance zu finden.

2.1.4 Rap

Obwohl Dj-ing das wohl fundamentalste Element des Hip Hop darstellt, zeichnet sich „Rap“42 vermutlich als Bekanntestes aus. Gegenüber dem Dj-ing, bei dem die Musik, also die Beats im Vordergrund stehen, will der Rapper ausschließlich lyrische Inhalte vermitteln. Das „Rappen“ bezieht sich hierbei auf das Reimen von Sprache nach einem rhythmischen Muster. Die dafür nötige Rhetorik ist ein wichtiger Bestandteil dieser Musikrichtung. Neben verschiedenen Techniken wie dem „Double-Time Rap“43, „Double - Rhyme Rap“44 oder dem „Trible - Rhyme Rap“45 spielt ebenso die „Realness“ des Rappers, welcher auch MC46 genannt wird, eine wichtige Rolle. Hip Hop dient seit Beginn an als Ausdruck der Persönlichkeit - des eigenen Lebens. Diesbezüglich entstand Rap als Sprachrohr. Gewährleistet wird diese „Realness“ durch die selbstreflektierten „Lyriks“47 des MCs. Die Texte verarbeiten Geschehenes, nehmen Bezug auf soziale Umstände, beinhalten Anspielungen auf gesellschaftliche und geschichtliche Ereignisse und erheben den Anspruch situationsgemäß interpretiert zu werden. Betrachten wir einen Ausschnitt der Biographie des deutschen Rappers Hoch2, werden eben diese Parameter nochmals bekräftigt.

[...]


1 Ü.d.V.: „mehr als nur Musik“

2 Ü.d.V.: „Hip Hop rettete mein Leben“

3 Ü.d.V.: „bester Freund“

4 Ü.d.V.: „die besungenen Themen“

5 Ü.d.V.: „Hintergründe“; bezüglich kultureller Herkunft

6 Ü.d.V.: „Nachrichten“; bezüglich der behandelten Themen

7 Ü.d.V.: „Es ist die Musik, welche die Straße liebt, jeder Gangster rappt das nun mit einem tiefgründigen Sinn“

8 Ü.d.V.: „Siehst du es, ich lebe für die Liebe die mir die Straße gibt und rappe auf die übelsten Beats“

9 Ü.d.V.: „das Leben auf der Straße“

10 Ü.d.V.: „ländliche Straßen“

11 Ü.d.V.: „Die Straßen der Wahrheit“ (Slang)

12 Ü.d.V.: „Ob du es magst oder nicht - Wir leben alle in der Generation „Hip Hop“

13 A.d.V.: Kurtis Blow war Rapper der legendären Hip Hop Formation „Sugarhill Gang“

14 A.d.v.: Kirche in Harlem, in der Gottesdienste auf Basis der Hip Hop Kultur gehalten werden.

15 Ü.d.V.: „Tanzt alle zum Rhythmus“ (Slang)

16 Ü.d.V.: „Nachbarschaft/Umgebung“ (Slang)

17 Ü.d.V.: „Hört nicht auf zu feiern“ (Slang)

18 A.d.V.: Ein mit Worten ausgetragener Kampf bei dem sich zwei Rapper gegenüber setehen.

19 A.d.V.: Die Zulu Nation erweitert Hip Hop um ein fünftes Element: Knowledge/Wissen (Bambaataa, 1986).

20 Ü.d.V.: „Jeder wollte ein Teil davon (des Hip Hop) sein.“

21 Ü.d.V.: „Du musst nicht Schlagzeug oder irgend ein anderes Instrument spielen können, du brauchst nur ein Mikrofon und zwei Plattenspieler […] es ist nicht wichtig eine Gallerie oder etwas ähnliches zu besitzen, nur eine Sprühdose […]“.

22 Ü.d.V.: „ Friede, Gemeinschaft, Liebe und Spaß haben“

23 A.d.V.: umgangssprachlich für „Breakdancer“.

24 Ü.d.V.: „Eine gemeinsame Nation unter einem Einfluss“

25 Ü.d.V.: „multikultureller Lebensstil“

26 A.d.V.: umgangssprachlich für das besprühen von Zügen und Wänden mit Sprühdosen

27 A.d.V.: umgangssprachlich für etablierte Künstler in der Dj-Szene

28 Ü.d.V.: „Zurück zu den Anfängen/Wurzeln“ (Slang)

29 Ü.d.V.: „Wahrheiten/ wahre Zustände“

30 A.d.V.: [..] „Hip Hop is something you live”, aus dem Lied “9 Elements” von KrsONE

31 A.d.V.: umgangssprachlich für „Bezirk“ oder „Gegend“

32 A.d.V.: umgangssprachlich für „Breakdancer“.

33 A.d.V.: umgangssprachlich für männliche Breakdancer.

34 A.d.V.: umgangssprachlich für weibliche Breakdancer.

35 A.d.V.: Beim „Popping“ stellt der Breakdancer Bewegungen eines Roboters nach.

36 A.d.V.: „Locking“ steht für das Imitieren von Marionettenfiguren.

37 A.d.V.: „B-Boying“ ist ein Synonym für „Breakdancing“

38 A.d.V.: Martha Cooper ist die Autorin des Buches „Hip Hop Files“.

39 A.d.V.: „R&B“ gilt als Abkürzung für die Musikrichtung „Rhythm and Beats“.

40 A.d.V.: „Mowton“ ist eine Plattenfirma, die 1959 unter dem Namen Tamla Record Company von Berry Gordy Jr. in Detroit, Michigan gegründet wurde.

41 A.d.V.: „Samples“ und „Breaks“ sind Fragmente bestehender Musik

42 A.d.V.: als „Rap“ wird in der Hip Hop Kultur ein Art „Sprechgesang“ bezeichnet.

43 A.d.V.: als „Doubletime - Rap“ versteht man Sprechgesang in doppelter Geschwindigkeit.

44 A.d.V.: als „Double - Rhyme Rap“ bezeichnet man Rap, welcher aus Doppelreimen besteht.

45 A.d.V.: als „Triple - Rhyme Rap“ bezeichnet man Rap, welcher aus Trippelreimen besteht.

46 A.d.V.: MC ist die Kurzform für „Master of Ceremonies“ und gilt als Synonym für den Rapper.

47 Ü.d.V. „Texte“

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
HipHop- und Country-Musik – Ausdruck soziokultureller Persönlichkeit
Untertitel
Wechselwirkungen zwischen räumlichen, ethnischen und ökonomischen Strukturen und deren Projektion auf die musikalischen Raumbilder
Hochschule
Universität Passau  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Kulturgeographie
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
48
Katalognummer
V208390
ISBN (eBook)
9783656358381
ISBN (Buch)
9783656359418
Dateigröße
857 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anmerkung des Dozenten: eine tadellose Arbeit!
Schlagworte
hiphop-, country-musik, ausdruck, persönlichkeit, wechselwirkungen, strukturen, projektion, raumbilder
Arbeit zitieren
Dominik Hoffmann (Autor), 2012, HipHop- und Country-Musik – Ausdruck soziokultureller Persönlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208390

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