Naturschutzorganisationen im Deutschen Kaiserreich. „Bund Heimatschutz“ und „Staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen“ von 1904-14

Ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand und Quellen

3. Der „Bund Heimatschutz“ und die „Staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen“ von 1904-14
3.1. Der „Bund Heimatschutz“
3.1.1. Vorgeschichte und Gründung
3.1.2. Organisation
3.1.3. Philosophie
3.1.4. Tätigkeiten
3.1.5. Problemfelder und Konflikte
3.2. Die „Staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen“
3.2.1. Vorgeschichte und Gründung
3.2.2. Organisation
3.2.3. Philosophie
3.2.4. Tätigkeiten
3.2.5. Problemfelder und Konflikte

4. Zusammenfassung und Vergleich

5. Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1. Quellenverzeichnis
5.2. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Zukunft der Menschheit hängt nicht mehr davon ab, was sie tut, sondern mehr denn je davon, was sie unterlässt.“[1]

Dieses Zitat des amerikanischen Schriftstellers John Irving (*1942) kann man auch auf den Beginn der Naturschutzbewegung im deutschen Kaiserreich übertragen. Die Folgen der Industrialisierung bestanden in einer rapiden Urbanisierung, Landflucht, Bevölkerungswachstum und der Verschmutzung und Zerstörung der Umwelt. Im Geiste des obigen Zitates wollten die Pioniere der Naturschutzbewegung, Ernst Rudorff, Hugo Conwentz, Wilhelm Wetekamp und andere diese Negativentwicklung nicht passiv hinnehmen, um den zukünftigen Schaden noch zu vergrößern, sondern selbst aktiv werden, um die zunehmende Umweltzerstörung einzudämmen, dass den Menschen einen lebenswertes Land erhalten bleibt. Deshalb wurden 1904 und 1906 auf privater und staatlicher Seite zwei Organisationen gegründet, die diese Ideen verwirklichen sollten.

Diese Hauptseminararbeit handelt von den beiden Naturschutzorganisationen „Bund Heimatschutz“ (BH) und der „Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen“, die in der aufkommenden Naturschutzbewegung des deutschen Kaiserreichs wichtige Rollen einnahmen.

Ziel der Arbeit soll sein, die beiden Institutionen im Zeitraum von 1904 bis 1914 mit ihrer Vorgeschichte und Gründung, ihrer Organisation, Philosophie, ihren Tätigkeiten und Erfolgen sowie ihren Problemfeldern und Konflikten darzustellen und zu vergleichen.

Im ersten Abschnitt wird der aktuelle Forschungsstand aufgezeigt und die verwendeten Quellen dargestellt und kritisch betrachtet.

Der zweite Teil zeigt schließlich die beiden Organisationen in ihrer Bandbreite auf: zuerst der „Bund Heimatschutz“ (für den der Naturschutz nur einen Teil der Organisation ausmachte). Zuerst werden die Vorgeschichte und die Gründung des „Bundes Heimatschutz“ 1904 in Dresden konzise behandelt, der zweite Punkt handelt von der Hierarchie und der Organisation der Institution, wobei sich hier auf die Sektion Naturschutz beschränkt wird. Im Folgenden wird die Philosophie des „Bundes Heimatschutz“ beleuchtet, d.h. seine Auffassung und Herangehensweise zum Thema Naturschutz (und die Wurzeln dieser Philosophie). Der vierte Abschnitt zeigt die Tätigkeiten des Bundes auf, wobei sich hier auf die großen Projekte beschränkt wird. Der letzte Punkt geht auf die Problemfelder der Organisation und ihre Konflikte (interne, mit Behörden und anderen Naturschutzorganisationen) ein.

Die Darstellung der „Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen“ verläuft nach dem gleichen Schema.

Das Schlusswort fasst das Dargestellte noch einmal zusammen und versucht zugleich eine komparative Betrachtung.

2. Forschungsstand und Quellen

Die Literatur zu den beiden Organisationen im Zeitraum von 1904-14 und über den Naturschutz im Kaiserreich generell ist nicht dürftig, aber überschaubar.

Walter Schoenichen veröffentlichte 1954 zum 50-jährigen Jubiläum des „Bundes Heimatschutz“ ein kurzes Werk, in der er die Geschichte des „Bundes Heimatschutz“ und die der „Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen“ bis 1922, dem Todesjahr von Hugo Conwentz[2], nachzeichnet. Schoenichen war von 1922-35 Conwentz´ Nachfolger als Leiter der staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege, verband unglücklicherweise schon vor und in der Weimarer Republik den Naturschutzgedanken mit einer rassisch-völkischen Ideologie und wurde später ein überzeugter Anhänger des NS-Regimes.[3]

Weitere Werke über den Naturschutz im Kaiserreich erschienen erst wieder in den 1980er und 1990er Jahren. 1993 veröffentlichte Andreas Knaut seine Dissertation über den Heimatschutz im wilhelminischen Zeitalter. Das Werk beschäftigt sich intensiv mit dem „Bund Heimatschutz“ und stellt die bisher wohl ausführlichste Betrachtung der Organisation dar,[4] weshalb es in dieser Arbeit (neben dem Werk Friedemann Schmolls) am häufigsten zitiert wird.

1997 publizierte William H. Rollins eine ähnlich umfangreiche Betrachtung der deutschen Heimatschutzbewegung von 1904 bis 1918[5], 2004 folgte ein umfangreiches, profundes Werk von Friedemann Schmoll, Professor für Ethologie an der Universität Augsburg, über den Naturschutz im Kaiserreich.[6] Die aktuellsten Arbeiten stammen von Frank Uekötter und Joachim Radkau aus dem Jahre 2011.[7]

Weiterhin wurden noch zwei Aufsätze von Arne Andersen (von 1987) und Michael Wettengel (1993) verwendet. Ersterer befasst sich mit dem Heimatschutz, letzterer mit der Geschichte der staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege von 1906 bis 1945.[8]

Die beiden Hauptquellen für diese Arbeit sind die jeweiligen Publikationsorgane der beiden Organisationen: die Zeitschriften „Heimatschutz. Mitteilungen des Deutschen Bundes Heimatschutz“[9] und die „Beiträge zur Naturdenkmalpflege“[10]. Erstere Zeitschrift erschien von 1905-14 und 1917 in unregelmäßigen Abständen. Die „Beiträge zur Naturdenkmalpflege“ wurden von 1907 bis 1937 ebenfalls in unregelmäßiger Folge publiziert. In diesen Organen wurden Mitglieder und Interessierte über die vergangenen Tätigkeiten, Projekte, Vorträge, Satzungsänderungen, Vorstandswechsel etc. informierte.

3. Der „Bund Heimatschutz“ und die „Staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege in

Preußen“ von 1904-14

3.1. Der „Bund Heimatschutz“

3.1.1. Vorgeschichte und Gründung

Die Gründung des „Bundes Heimatschutz“ (BH) ist ohne die Person Ernst Rudorffs undenkbar. Der Komponist, Musikpädagoge und Umweltschützer verlebte seine Jugend in einer ländlich-idyllischen Atmosphäre, die durch die wachsende Industrialisierung zerstört zu werden drohte, was ihn zu ersten kleineren Umweltschutzmaßnahmen veranlasste. Er veröffentlichte seine erste Schrift zum Umweltschutz 1880[12] und prägte 1897 auch den Begriff „Heimatschutz“ in einer ausführlichen Darstellung seiner Gedanken und Forderungen.[13] Sein Weltbild war durch die Romantik, von deren Märchen und Musikstücken, geprägt[14] sodass er als Gründer des „Bundes Heimatschutz“ der Organisation eine ästhetische Betrachtung der Natur als Grundphilosophie einimpfte.[11]

Die Gründung war für das Jahr 1904 schon länger geplant, allerdings hatte Rudorff noch mit einigen Problemen zu kämpfen: die Kosten für die Gründungsvorbereitung waren horrend und die Zusammensetzung des künftigen Vorstandes noch ungeklärt, ebenso das Verhältnis zu Hugo Conwentz. Dieser, neben Rudorff der zweite große Pionier der Umweltbewegung im Kaiserreich, war zwar BH-Mitglied, jedoch Anhänger der Naturdenkmalpflege, die nur wenige Schnittpunkte mit der Philosophie des BH hatte (siehe Abschnitt 3.2.3.).

Schließlich konnten die meisten dieser Probleme doch überwunden werden und am 30. März 1904 wurde in Dresden der „Bund Heimatschutz“ ins Leben gerufen.[15]

3.1.2. Organisation

Der Schutz von Tieren und Pflanzen war nur ein Tätigkeitsfeld des BH, weitere Sektionen waren Denkmalpflege, ländliche Bauweise, Landschaftsbild, Volkskunst sowie Sitten und Gebräuche.[16] Der Vorstand setzte sich aus dem ersten Vorsitzenden und seinem Stellvertreter, dem Geschäftsführer, dem Schatzmeister, den Beisitzern und den Gruppenleitern für die jeweiligen Sektionen zusammen und wurde für drei Jahre gewählt.[17] Aufgrund der Tatsache, dass der Vorstand sich hauptsächlich aus Architekten und Künstlern zusammensetzte, nahm der Naturschutz im BH nur eine untergeordnete Rolle ein.[18]

Ziel des Bundes war der Aufbau einer schlagkräftigen Organisation, die in sich geschlossen agiert und die regionalen und lokalen Heimatschutzvereine und –initiativen reichsweit unter seinem Dach vereint.[19] Dieses Ziel konnte durch die Heterogenität der deutschen Naturschutzbewegung und der Neugründungen von Vereinen, die sich ausschließlich mit Naturschutzfragen befassten, jedoch nicht erreicht werden.[20]

Aufgrund des gravierenden Personalmangels konnten jedoch bis 1908 nur einige Unterverbände in Sachsen und Thüringen ins Leben gerufen werden,[21] sodass der geplante Individualaufbau des BH zunächst nicht realisiert wurde. Dies lag zum einen daran, dass der Heimatschutzidee eine spezifische Regionsverbundenheit innewohnt, die der großen Machtfülle des BH-Vorstandes und der strengen vertikalen Hierarchie diametral gegenüberstand.[22] Zum anderen verfehlte es der BH, den regionalen und lokalen Heimatschutzvereinen für den geforderten Verlust der eigenen Existenz (falls diese dem BH beiträten) einen angemessenen Ersatz zu bieten.[23]

[...]


[1] http://myzitate.de/stichwoerter.php?q=Natur&page=2 (Stand: 30.8.2012, 21:20h).

[2] Siehe Abschnitt 3.2.1.

[3] Walter Schoenichen: Naturschutz, Heimatschutz. Ihre Begründung durch Ernst Rudorff, Hugo Conwentz und ihre Vorläufer, Stuttgart 1954 (im Folgenden zitiert als „Schoenichen, Heimatschutz“).

[4] Andreas Knaut: Zurück zur Natur! Die Wurzeln der Ökologiebewegung (Supplement 1 (1993) zum Jahrbuch für Naturschutz und Landschaftspflege), Bonn 1993 (im Folgenden zitiert als „Knaut, Natur“).

[5] William H. Rollins: A Greener Vision of Home. Cultural Politics and Environmental Reform in the German Heimatschutz Movement, 1904-18, Michigan 1997 (im Folgenden zitiert als “Rollins, Vision”).

[6] Friedemann Schmoll: Erinnerung an die Natur. Die Geschichte des Naturschutzes im deutschen Kaiserreich (Geschichte des Natur- und Umweltschutzes 2), Frankfurt/Main 2004 (im Folgenden zitiert als „Schmoll, Erinnerung“).

[7] Frank Uekötter: Am Ende der Gewissheiten. Die ökologische Frage im 21. Jahrhundert, Frankfurt/Main 2011 (im Folgenden zitiert als „Uekötter, Ende“). Uekötter geht aber nur sehr kurz auf die beiden Organisationen ein, ebenfalls wie Radkau, weshalb dessen Buch nicht verwendet wurde.

[8] Arne Andersen: Heimatschutz. Die bürgerliche Naturschutzbewegung, in: Besiegte Natur. Geschichte der Umwelt im 19. und 20. Jahrhundert, hg. v. Franz-Josef Brüggemeier/Thomas Rommelspacher, München 1987 (im Folgenden zitiert als „Andersen, Heimatschutz“); Michael Wettengel: Staat und Naturschutz 1906-1945. Zur Geschichte der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen und der Reichsstelle für Naturschutz (HZ 257), hg. v. Lothar Gall, Frankfurt/Main 1993 (im Folgenden zitiert als „Wettengel, Staat“).

[9] Heimatschutz. Mitteilungen des Deutschen Bundes Heimatschutz, hg. v. Geschäftsführenden Vorstand des Bundes Heimatschutz, 4.-10. Jahrgang, Bremen/Berlin 1908-15 (im Folgenden zitiert als „Heimatschutz-Zeitschrift“).

[10] Beiträge zur Naturdenkmalpflege, Bd. 1-2 u. 4, hg. v. Hugo Conwentz, Berlin 1910/1912/1914 (im Folgenden zitiert als „Beiträge Naturdenkmalpflege“.

[11] Eine detaillierte Darstellung der Ereignisse vor der Gründung des BH findet sich bei Knaut, Natur, S.65-73.

[12] Das Werk hieß „Ueber das Verhältniss des modernen Lebens zur Natur“; Schoenichen, Heimatschutz, S.142.

[13] Knaut, Natur, S.27.

[14] Ebd.

[15] Für den Gründungsaufruf Ernst Rudorffs auf der Versammlung siehe Hans Kornfeld: 50 Jahre Deutscher Heimatbund. Deutscher Bund Heimatschutz, Neuß am Rhein, 1954, S.59-68. Für allgemeine Darstellungen der Gründungsversammlung siehe Uekötter, Ende, S.42; Wettengel, Staat, S.360.

[16] Rollins, Vision, S.96; Andersen, Heimatschutz, S.149; Schmoll, Erinnerung, S.401.

[17] Erster Geschäftsführer war der Architekt Paul Schultze-Naumburg, sein Vize Friedrich Frhr. von Feilitzsch, Geschäftsführer Robert Mielke und der Schatzmeister Franz Goerke. Zum Gruppenleiter für die Tier- und Pflanzenwelt wurde Hugo Conwentz ernannt (Heimatschutz-Zeitschrift, 1. Jahrgang 1905, S.5; Knaut, Natur, S.91).

[18] Schmoll, Erinnerung, S.403. Schmoll stellt sogar in Frage, dass der BH überhaupt eine Naturschutzbewegung ist.

[19] Knaut, Natur, S.78. Das Zitat „Wenn der Bund Heimatschutz seine Aufgaben als Sammelstelle der deutschen Heimatschutzbewegung [...] erfüllen will...“ (Heimatschutz-Zeitschrift, 4. Jahrgang 1908, Heft 1-3, S.43) weist in dieselbe Richtung. Heimatschutz-Zeitschrift, 4. Jahrgang 1908, Heft 1-3, S.40: „In organisatorischer Hinsicht versucht der Bund eine Ergänzung dadurch, daß er als Verein alle gleichgesinnten Personen und Vereine zusammenfassen oder doch wenigstens Beziehungen zu allen haben möchte.“.

[20] Schmoll, Erinnerung, S.399. Beispielsweise entstand schon 1900 der „Verein zum Schutze und Pflege der Alpenpflanzen“, 1902 der „Münchener Isartalverein“ und 1909 der „Verein Naturschutzpark“ sowie der „Bund zur Erhaltung der Naturdenkmäler (Ebd., S.7).

[21] Neugründungen waren der Verein für Heimatschutz in Lübeck, die Landesgruppe Brandenburg, der Ausschuss zur Pflege heimatlicher Natur, Kunst und Bauweise in Sachsen sowie die Ortsvereine in Jena, Schmalkalden, Weimar, Freiburg i. Br., Gera und Hamburg (Knaut, Natur, S.79).

[22] Schmoll, Erinnerung, S.400.

[23] Knaut, Natur, S.91.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Naturschutzorganisationen im Deutschen Kaiserreich. „Bund Heimatschutz“ und „Staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen“ von 1904-14
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte unter Einbeziehung der Landesgeschichte)
Veranstaltung
Aufbruch in die Moderne? Kulturpessimismus und Lebensreform um 1900
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
24
Katalognummer
V208393
ISBN (eBook)
9783656358367
ISBN (Buch)
9783656361152
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rudorff, naturdenkmalpflege, heimatschutz, conwentz, hugo conwentz, hermann löns, ernst rudorff, danzig, naturschutz, kaiserreich, ästhetik, naturschutzorganisationen, schoenichen, nationalpark, schultze-naumburg, provinzialkomitee
Arbeit zitieren
Fabian Fuchs (Autor), 2013, Naturschutzorganisationen im Deutschen Kaiserreich. „Bund Heimatschutz“ und „Staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen“ von 1904-14, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208393

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