Das poetologische Selbstkonzept im Spätwerk Stefan Georges

Der Dichter in Zeiten der Wirren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Hinführung zum Thema
1.2 Der Umschwung des poetologischen Konzepts Georges um die Jahrhundertwende

2. Der Dichter in Zeiten der Wirren
2.1 Das Gedicht in seinen poetologischen Dimensionen
2.2 Das dichterische Selbstbild ( poeta vates ) und seine literarische Tradition

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Hinführung zum Thema

Stefan George, der am 12. Juli 1868 in Büdesheim geboren wurde und am 4.Dezember 1933 in Minusio starb, ist aufgrund seines lebenslangen Hangs zur Exklusivität und auch seiner kritischen wissenschaftlichen Rezeption eine der schillerndsten literarischen Persönlichkeiten um die Jahrhundertwende. Dabei tat er sich nur nicht als Dichter, sondern auch als poetologischer Theoretiker hervor, der seine dichterischen Ideale stets zum Ausdruck brachte. Seine Sonderstellung wird durch die Tatsache verdeutlicht, dass sich kurz vor der Jahrhundertwende mehrere Gleichgesinnte um ihn versammelten, die ähnlich literarische Standpunkte vertraten und seine Dichtung sowie George selbst verehrten. Diese Gruppe sollte unter dem Namen „George-Kreis“ in der Folgezeit personelle als auch poetologische Wandlungen vollziehen, die Grundstruktur eines personenzentrierten Gebildes, dessen Mittelpunkt Stefan George bildete, blieb jedoch immer erhalten.

Diese Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht, das literarische Programm des späten Stefan George genauer zu beleuchten und in seinen Facetten und Bezugspunkten zu untersuchen. Die Grundlage wird hierbei das Gedicht „Der Dichter in Zeiten der Wirren“, das 1921 erschien, bilden, da es sich in diesem Fall um ein Stück von hohem programmatischem Gehalt handelt. Das Gedicht soll, neben einer inhaltlichen Analyse, auch bezüglich seiner poetologischen Dimensionen analysiert werden. Daraufhin soll das von George vertreten Konzept des poeta vates , des seherischen Dichters, betrachtet und in seine literarische Tradition eingeordnet werden. Zuvor sollte jedoch ein kurzer Überblick über die grundsätzlichen poetologischen Ansichten Georges gegeben werden.

1.2 Der Umschwung des poetologischen Konzepts Georges um die Jahrhundertwende

Ein besonderes Charakteristikum der Lyrik Stefan Georges ist die Diskontinuität im poetologischen Selbstbild. Das Frühwerk des Dichters ist von einer starken Anlehnung an den französischen Ästhetizismus und Symbolismus geprägt. Er war persönlich mit dem französischen Lyriker Stéphane Mallarmé bekannt, der Georges Erstwerk in höchsten Tönen lobte.1 George selbst formuliert in „Tage und Taten“ die Ansprüche an seine eigene Dichtung: „In der dichtung - wie in aller kunst-betätigung ist jeder der noch von der sucht ergriffen ist etwas ‚sagen‘ etwas ‚wirken‘ zu wollen nicht einmal wert in den vorhof der kunst einzutreten.“2 Diese Loslösung von Wirkungsabsichten hat in ihrer Radikalität eine Fokussierung auf Form, Maß und Klang zur Folge.3 Die Devise der „l’art pour l’art“ findet hierbei ihre literarische Umsetzung. Auch in den ersten Erscheinungen der „Blätter für die Kunst“, einer Zeitschrift die George ab 1892 mit dem um ihn entstehenden Kreis veröffentlichte, postuliert er noch dieses poetologische Konzept, das vor allem im Ausland große Beachtung erfuhr4. Friedrich Gondulf, ein langjähriges Mitglied des Kreises und Vetrauter Georges, schrieb 1920 über diese Frühphase:

Die Betonung des Handwerklich-Sinnlichen der Dichtung in der ersten Heften der Blätter für die Kunst, das ‚Ästhetenhafte“, ist nur die zeitlich-erzieherische Abwehr der formblinden, bürgerlich-lehrhaften Kunst-auffassung und -übung die damals gang und gäbe war. Jene Sätze sind nur relativ zu nehmen mit Bezug auf die jeweilige Widerwelt: sie enthalten das was je-weils dem Draußen zu hören gut ist, nicht die ewige Wahrheit.5

Gondulf relativiert hier die Gültigkeit der poetologischen Selbstaussagen Georges und stellt diese als Protesthaltung gegen die bestehenden künstlerischen Konventionen dar. Diese Einschätzung entsprang jedoch schon einer veränderten ästhetischen Grundhaltung des Kreises, denn George „suchte […] von Anfang an eine gewisse Einheitlichkeit in der geisteswissenschaftlichen Richtung seines Kreises zu sichern.“6 Erst nach der Jahrhundertwende setzte ein Wandel in Georges dichterischem Selbstkonzept ein, der auch mit einer neuen Zusammensetzung des George-Kreises einherging.7 Fortan rückten die „Propagierung elitärer Ideale“8, religiöse und prophetische Aspekte in den Mittelpunkt der Poesie des George-Kreises und George selbst wurde zum kultischen Anführer der Gemeinschaft. „Nicht mehr Gefährten waren ihm not, sondern Jünger.“9 Das poetologische Konzept Georges richtet sich an eben jenem Verständnis aus. Prophetie und Führungsanspruch des Dichters werden die zentralen Elemente der späten georgeschen Dichtung. Aber George verfasst in diesem Zeitraum auch theoretische Abhandlungen über seine poetologische Auffassung und seine idealistischen Vorstellungen für den George-Kreis.10 Die Führerfigur, die im Rahmen der Dichtung Georges immer wieder auftaucht, wird vor allem von der jungen Generation mit Begeisterung rezipiert und George selbst wird zum geistigen Führer der Jugendbewegung stilisiert.11 Doch es handelt sich keinesfalls um eine ausschließliche Stilisierung von außen. „Die Wirkung seiner Dich-tung vermittelt sich nicht zuletzt über die Ge-stalt ihres Schöpfers, der die verkündeten Ide-ale im eigenen Kreis vorlebt.“12 Vor allem Georges letzte Veröffentlichung, „Das Neue Reich“, von 1928 wird sinnbildlich für die Umsetzung des „ poeta vates “-Gedanken Georges. Der Dichter wird zum Propheten und Anführer des Volkes.13 Eine besonders anschauliche Umsetzung dieses Gedankens findet sich in Georges „Der Dichter in Zeiten der Wirren“, das im Folgenden Gegenstand der Untersuchung sein soll.

2. Der Dichter in Zeiten der Wirren

2.1 Das Gedicht in seinen poetologischen Dimensionen

„Der Dichter in Zeiten der Wirren“, das zwischen 1918 und 1921 entstand und somit eindeutig in die Spätphase des künstlerischen Schaffens Georges zu verorten ist, besteht aus drei Strophen à 30 Verse und ist dem Andenken des Grafen Bernhard Uxkull gewidmet. Formal kennzeichnet sich das Gedicht vor allem durch seine Rechtschreibung und Interpunktion. Beides ist nach grammatikalischen Regeln als fehlerhaft einzustufen, vor allem die Groß- und Kleinschreibung der Substantive ist ein auffälliges Merkmal, das bei George im Allgemeinen zu konstatieren ist. Erklären lässt sich dieses Erscheinungsbild womöglich durch die Beugung der grammatikalischen Regeln zugunsten der Semantik. Die Großschreibung der Substantive bildet die Ausnahme und weist dadurch auf eine semantische Sonderstellung des Großgeschriebenen hin. Das Gedicht ist im reimlosen Blankvers verfasst und erinnert in seiner Ausgestaltung an Prosa oder Hymnendichtung. Die lyrische Sprechinstanz ist nicht eindeutig zu identifizieren. Es gibt kein lyrisches Ich im klassischen Sinne, dennoch wird der Eindruck vermittelt, der in der dritten Person Singular beschriebene Dichter werde stellenweise zum Wortführer des Gedichts. Bereits die eben erwähnte Widmung erweist sich nach einer ersten Rezeption des Gedichts als außerordentlich aussagekräftig, denn Bernhard Üxkull erschoss sich gemeinsam mit Adalbert Cohrs im August 1918 angesichts der Morde und Gräueltaten des Ersten Weltkriegs, in dem sie gedient hatten.14 Der Krieg, bzw. die Zeiten der Wirren werden somit auch zum dominanten Motiv in Georges Gedicht.15 Dennoch lässt sich der Stropheneinteilung entsprechend eine inhaltliche Differenzierung vollziehen.16

Der Gedichttitel „Der Dichter in Zeiten der Wirren“ kann als Paraphrase des Gedichtinhalts angesehen werden. Der Dichter befindet sich selbst in verschiedenen extern und intern bedingten Wirrzuständen, die es aufzulösen gilt. Die Wirren werden dabei durch den Krieg, seine Innensicht auf das Zeitgeschehen und seine Vision von einer Idealgesellschaft repräsentiert. In letzterem Zustand nimmt der Dichter die Position des geistigen Führers der neuen Gesellschaft ein. George konstruiert hier in gewisser Weise das poetische Gegenbild zu Machiavellis „Il principe“, dem politischen Führer, der in Krisenzeiten alle politische Entscheidungsgewalt in sich vereint, um die politische als auch gesellschaftliche Krise effektiv zu bekämpfen.

Die erste Strophe kann als prototypische Zustandsbeschreibung eines Dichters gesehen werden. George eröffnet die Differenz in der Fremdwahrnehmung in Friedens- und Kriegszeiten und weist zeitgleich auf die außergewöhnliche Begabung des Dichters hin (V.7), die das Schicksal und das Elend jedoch nicht abzuwenden vermag. Dabei liegt die Ursache dafür weniger beim Dichter selbst als bei den Rezipienten. Dennoch versetzt diese Überlegenheit den Dichter nicht in die Position sich von den Konsequenzen des Schicksals und des Kriegs loszusagen (V.29/30).

Die zweite Strophe fokussiert weniger auf die Stellung des Dichters innerhalb der Gesellschaft, sondern erhebt ihn selbst zum zentralen Gegenstand, der sich in einer reflexiven Auseinandersetzung mit seiner Umwelt übt. Dabei wird die chronologische Abfolge, die dem Gedicht innewohnt jedoch nicht unterbrochen. Der Dichter analysiert die gesellschaftlichen Verfehlungen und prangert diese an. Die Unbelehrbarkeit des

Menschen lässt für ihn aber nur einen Schluss zu: es muss noch schlimmeres Übel den Menschen ereilen bevor sich die Vision einer idealen Gesellschaft des Dichters, die ab Vers 54 thematisiert wird, realisieren lässt.

Die dritte Strophe greift nun diesen gezeichneten Idealzustand der vorangegangenen Strophe auf. Der Dichter erlangt hier schöpferische (V.64) Funktion und wird zum geistigen Führer und Vorbild dieser utopischen Idealgesellschaft, der er aufgrund seiner exponierten Stellung hierarchisch übergeordnet ist.

Im Folgenden sollen die einzelnen Strophen einer erneuten, detaillierteren inhaltlichen Analyse unterzogen werden. Ein besonderes Augenmerk soll in diesem Zusammenhang auch auf die poetologischen Dimensionen gelegt werden.

[...]


1 Vgl. Bodo Würffel, Wirkungswille und Prophetie. Studien zu Werk und Wirkung Stefan Georges, Bonn 1978, S.19.

2 Stefan George, Tage und Taten, S.85.

3 Vgl. Gerhard Zöfel, Die Wirkung des Dichters. Mythologie und Hermeneutik in der Literaturwissenschaft um Stefan George, Frankfurt a. M. 1987, S.18.

4 Vgl. Würffel, Wirkungswillen und Prophetie, S.19.

5 Zit. n. Zöfel, Wirkung des Dichters, S.17.

6 Ebd., S.32.

7 Vgl. Hansjürgen Linke, Das Kultische in der Dichtung Stefan Georges und seiner Schule, 1960 München, S.141.

8 Würffel, Wirkungswille und Prophetie, S.42.

9 Ebd., S.142.

10 Vgl., Ebd., S.46.

11 Vgl., Ebd., S.51f.

12 Ebd., S.57.

13 Diese Prophezeiung einer Führer-Figur machte Georges Dichtung vor allem für die nationalsozialistische Bewegung interessant, die die Machtübernahme Adolf Hitlers im Jahr 1933 gern als Erfüllung der Vorhersagen Georges deutete. George distanzierte sich jedoch von den Nationalsozialisten.

14 Vgl. Bodo Freiherr von Maydell, Der Sühner in dem Gedicht Der Dichter in den Zeiten der Wirren von Stefang George, in: Neue Beiträge zur George-Forschung 5 (1980), S.32.

15 An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass Krieg und Zeiten der Wirren hier nicht Synonym gebraucht werden, sondern als sich gegenseitig ergänzend angesehen werden.

16 Die folgenden Versangaben sind zitiert nach: Stefan George, Der Dichter in Zeiten der Wirren, in: Ders., Sämtliche Werke in 18 Bänden, Bd.9, Das Neue Reich, S.28-30.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das poetologische Selbstkonzept im Spätwerk Stefan Georges
Untertitel
Der Dichter in Zeiten der Wirren
Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V208479
ISBN (eBook)
9783656358190
ISBN (Buch)
9783656359784
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbstkonzept, spätwerk, stefan, georges, dichter, zeiten, wirren
Arbeit zitieren
Bachelor of Education Lukas Kroll (Autor), 2012, Das poetologische Selbstkonzept im Spätwerk Stefan Georges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208479

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