„Die fetten Jahre sind vorbei“ titelt der RWI Krankenhaus Rating Report 2011 und kommt zu dieser Einschätzung nach systematischer Auswertung der Jahresabschlüsse 2008 und 2009 von insgesamt 1035 Krankenhäusern der Bundesrepublik Deutschland.
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Die Betrachtung und Beeinflussung der Personalkosten war lange Zeit zielführend, wenn es die Gesamtkosten eines Krankenhauses zu reduzieren galt. Der in 2005 noch bei 64 Prozent liegende Personalkostenanteil an den Gesamtkosten ist bis 2009 auf 60 Prozent gesunken. Dies geschah nicht durch massiven Lohnverzicht, sondern in der Regel durch Personalabbau. In hessischen Krankenhäusern bspw. sank die Zahl des nichtärztlichen Personals von 1998 bis 2008 um 11,4 Prozent.
Als geeignetes Mittel, Strukturen und Prozesse zu beeinflussen, werden Klinische Behandlungspfade beschrieben, die eine berufsgruppenübergreifende Zuständigkeit für die einzelnen, mit der Krankenhausversorgung eines Patienten verbundenen Verwaltungs-, Untersuchungs- und Behandlungsschritte zeitlich und personell definieren. Die mit der Einführung von Behandlungspfaden verbundene Überarbeitung klinischer Kernprozesse ist für die Hebung von Produktivitätsreserven zielführend und erhöht ggf. sogar noch die klinische Qualität.
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Die vorliegende Arbeit betrachtet Klinische Behandlungspfade hinsichtlich ihres Einflusses auf Nutzen und Kosten bei der Krankenhaus-Leistungserbringung. Kapitel 2 gibt im ersten Abschnitt zunächst einen allgemeinen Überblick über die Krankenhausfinanzierung, um im zweiten Abschnitt die pauschale Fallvergütung detaillierter darzustellen. Kapitel 3 beschreibt die grundlegenden Aspekte der Steuerung eines Krankenhauses und befasst sich mit Instrumenten des strategischen Managements. Hierbei soll ein Instrument angesprochen, ein weiteres detaillierter vorgestellt werden. Aspekte der operativen Unternehmensführung werden kurz angerissen und im Kapitel 4 im Zusammenhang mit der betrieblichen Leistungserstellung aufgegriffen. Nach einer allgemeinen Betrachtung folgen die Vorstellung der prozessualen Leistungserstellung sowie eine Einführung in gängige Stufenmodelle. Kapitel 5 beschreibt das Grundkonzept Klinischer Behandlungspfade, verknüpft es mit zuvor dargestellten theoretischen Überlegungen und beschreibt den Prozess der Pfadarbeit. Im Zuge einer Literaturrecherche werden in Kapitel 6 ausgewählte Artikel zu den Auswirkungen klinischer Behandlungspfade aus deutschsprachigen Publikationen zusammengefasst...
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Finanzielle Rahmenbedingungen
2.1 Krankenhausfinanzierung
2.2 Diagnosis Related Groups
3 Krankenhaus-Unternehmenssteuerung
3.1 Ausgangssituation
3.2 Ziele und Aufgaben
3.3 Strategische Unternehmensführung
3.3.1 Benchmarking
3.3.2 Portfolio-Analyse
3.3.2.1 Die 4-Felder-Matrix der Portfolio-Analyse
3.3.2.2 Reaktion in Form von Normstrategien
3.3.2.3 Kritik an der Portfolio-Analyse
3.4 Operative Unternehmensführung
4 Betriebliche Leistungserstellung
4.1 Krankenhausprodukt als Dienstleistung
4.2 Prozess der Leistungserstellung
4.3 Stufenmodelle
4.4 Zur Problematik der Leistungsbewertung und -steuerung
5 Klinische Behandlungspfade
5.1 Begriffsbestimmung
5.2 Zielsetzung
5.3 Zielformulierung
5.4 Prozessorientierung im funktionalen Krankenhaus
5.5 PDCA-Zyklus
5.6 Pfadarbeit
5.6.1 Pfadkonstruktion
5.6.2 Pfadimplementierung
5.6.3 Umgang mit Varianzen
5.6.4 Pfaddokumente
5.6.5 Benchmarking auf Pfadbasis
6 Effekte von Behandlungspfaden
6.1 Menge und Qualität
6.2 Mitarbeiter und Qualität
6.3 Behandlungspfade und Dokumentation
6.4 Rechtliche Aspekte
6.5 Verweildauer und Kosten
6.6 Behandlungspfade und Schnittstellen
6.7 Der Patient im Pfad
6.8 Behandlungspfade und ihre Entwicklungskosten
6.9 Kritik an der Effektbeurteilung
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Potenzial klinischer Behandlungspfade als Instrument der Krankenhaus-Prozesssteuerung. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse, wie durch die Standardisierung medizinischer Abläufe einerseits die Effizienz und Wirtschaftlichkeit verbessert werden können, während gleichzeitig die Qualität der Patientenversorgung gesichert oder gesteigert wird.
- Analyse des finanziellen Umfelds und der Krankenhausfinanzierung
- Einsatzmöglichkeiten von Management-Instrumenten im Krankenhaus
- Methodik und Prozess der Pfadentwicklung und Implementierung
- Untersuchung der ökonomischen und qualitativen Effekte von Behandlungspfaden
- Bewertung der Patientenorientierung im Kontext strukturierter Behandlungsabläufe
Auszug aus dem Buch
5.6.1 Pfadkonstruktion
Nach der strategischen Entscheidung zur Einführung von Behandlungspfaden erfolgt die operative Umsetzung durch eine Festlegung des kompletten Behandlungsablaufes durch den zuständigen Vertreter des ärztlichen Dienstes. Auf Basis dieser Angaben erstellt das Pfadteam einen ersten, provisorischen Algorithmus. Zur Anwendung kommen Evidenz-basierte Leitlinien. Darüber hinaus wird der Behandlungsablauf einer Grundsatzdiskussion durch erfahrene Mitarbeiter unterworfen, die durchschnittliche Verweildauer festgelegt, notwendige Konsildienste festgeschrieben, ggf. OP-Vorbereitungen definiert und das Patientenkollektiv für den Pfad möglichst exakt definiert (Pfadbeschreibung). Unter Niederschrift einer sog. Komponentenübersicht wird die spezifische Weiterbearbeitung des Pfades durch die zuständigen Abteilungen/Berufsgruppen geordnet.
Eine Komponente beschreibt dazu ein in sich logisch abgegrenztes Pfadstück und die hierbei zu erbringenden Leistungen der Mitarbeiter einer Kostenstelle. Die minutengenaue Erfassung aller Einzelleistungen ist Grundlage der Pfadkalkulation und der Pfadkostenrechnung, die aber nicht Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit sind und hier nicht weiter ausgeführt werden sollen. Projektleitung, pfadverantwortlicher Arzt, Pflegedienst und Medizincontroller konstruieren so in mindestens drei mehrstündigen Teamsitzungen einen Pfad unter Hinzuziehung weiterer Berufsgruppen. Das Verfahren stellt sich zeit- und personalintensiv dar, ermöglich aber durch die intensive Zusammenarbeit der interdisziplinären Teams schon in dieser Phase der Pfadkonstruktion eine schrittweise Prozessoptimierung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung beleuchtet die wirtschaftliche Krise deutscher Krankenhäuser und identifiziert Behandlungspfade als ein geeignetes Mittel zur Hebung von Produktivitätsreserven bei gleichzeitiger Qualitätssicherung.
2 Finanzielle Rahmenbedingungen: Dieses Kapitel erläutert die duale Krankenhausfinanzierung und das DRG-System als Entgeltsystem, das den finanziellen Handlungsspielraum der Kliniken einschränkt.
3 Krankenhaus-Unternehmenssteuerung: Es werden Instrumente des strategischen Managements wie Benchmarking und Portfolio-Analyse vorgestellt, um Krankenhäuser trotz regulatorischer Einschränkungen steuerbar zu machen.
4 Betriebliche Leistungserstellung: Der Fokus liegt hier auf dem Verständnis des Krankenhausprodukts als komplexen Dienstleistungsprozess, der interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert.
5 Klinische Behandlungspfade: Dieses Hauptkapitel definiert das Konzept der Behandlungspfade, beschreibt den PDCA-Zyklus für deren Arbeit und erläutert die Phasen von Konstruktion bis zur Dokumentation.
6 Effekte von Behandlungspfaden: Hier werden die Auswirkungen auf Menge, Qualität, Mitarbeiter, Dokumentationsaufwand, Verweildauer und Kosten anhand der Fachliteratur kritisch analysiert.
7 Fazit: Die Arbeit schließt mit der Einschätzung, dass Behandlungspfade zwar kein Allheilmittel, aber ein sinnvolles Instrument zur Steuerung bei komplexen Abläufen sind, sofern sie als hausgemachtes Ergebnis interdisziplinärer Teamarbeit entstehen.
Schlüsselwörter
Klinische Behandlungspfade, Krankenhausmanagement, DRG, Prozessoptimierung, Dienstleistung, Krankenhausfinanzierung, Fallpauschalen, Qualitätssicherung, PDCA-Zyklus, Pfadkostenrechnung, Patientenorientierung, Effizienzsteigerung, Prozesssteuerung, Gesundheitswesen, interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit primär?
Die Arbeit analysiert, inwiefern klinische Behandlungspfade ein geeignetes Instrument für das Management von Krankenhäusern sind, um Prozesse in einem regulatorisch eingeschränkten Umfeld effizienter und wirtschaftlicher zu gestalten.
Welche zentralen Themenfelder deckt das Werk ab?
Die zentralen Felder umfassen die Krankenhausfinanzierung, Instrumente der Unternehmenssteuerung, die Besonderheiten der betrieblichen Leistungserstellung im Krankenhaus sowie die konkrete Konzeption und Implementierung klinischer Behandlungspfade.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Untersuchung?
Ziel der Arbeit ist es, zu untersuchen und einzuschätzen, ob mittels der Implementierung klinischer Behandlungspfade relevante ökonomische und qualitative Effekte auf die Krankenhausbehandlung erzielt werden können.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Analyse der einschlägigen Fachliteratur, der Verknüpfung von Managementtheorien mit dem Krankenhausalltag sowie der Auswertung von Studien zu Nutzen- und Kosteneffekten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des finanziellen Rahmens (DRG), die Grundlagen der Krankenhaussteuerung, die prozessuale Leistungserstellung sowie die detaillierte Beschreibung des Konzepts der Behandlungspfade inklusive Konstruktion, Implementierung und Effektbeurteilung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit ist stark durch Begriffe wie Prozessorientierung, Ressourcenverbrauch, Standardisierung, interdisziplinäre Zusammenarbeit, Wirtschaftlichkeit und Patientenorientierung geprägt.
Welche Rolle spielen die "Drei-Säulen" bei der Steuerung?
Das Drei-Säulen-Modell (Medizin, Pflege, Verwaltung) wird kritisch als eher funktional und oft ineffektiv für eine horizontale Patientensteuerung hinterfragt, wobei Behandlungspfade dazu dienen, diese traditionellen Grenzen zugunsten der Patientenversorgung zu überwinden.
Warum ist die "Einführung" von Behandlungspfaden oft so kostenintensiv?
Die Entwicklung und Implementierung erfordert einen hohen personellen Zeitaufwand durch interdisziplinäre Teams, ist methodisch komplex und verlangt eine dauerhafte Anpassung an die spezifischen Bedingungen des Krankenhauses, was als Investitionsentscheidung zu betrachten ist.
Welche Rolle spielt die IT bei der Dokumentation im Behandlungspfad?
IT-gestützte Systeme ermöglichen eine effizientere Erfassung und Visualisierung der Leistungen, was nicht nur zur Transparenz beiträgt, sondern auch die Qualität der Dokumentation erhöht und zur besseren Steuerung des Behandlungsverlaufs dient.
Ist eine "Fließbandmedizin" durch die Standardisierung unvermeidbar?
Der Autor argumentiert, dass Behandlungspfade zwar standardisieren, aber durch die Möglichkeit zur Berücksichtigung von Varianzen und die Betonung der interdisziplinären Zusammenarbeit keineswegs zwangsläufig zu einer rein mechanischen "Fließbandmedizin" führen, sofern die individuelle Patientenbetreuung als Kernaufgabe bestehen bleibt.
- Arbeit zitieren
- Karsten Preissler (Autor:in), 2012, Klinische Behandlungspfade: Kosten und Nutzen der Steuerung von Krankenhausprozessen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208505