Ein „guter“ Schulunterricht lebt von der aktiven Mitarbeit der Schüler . Die mündliche Leistung kann sich aus den Komponenten Qualität der Beiträge und Mitarbeit zusammensetzen. Vergleicht man diese mündliche Leistung der Schüler mit der in den schriftlichen Klausuren, so wird oft angenommen, dass diese Leistungen eine objektivere Bewertung zulassen. Schriftliche Leistungen werden in Hauptfächern zu mindestens fünf Zeitpunkten, in Nebenfächern sogar nur zu zwei Zeitpunkten über das ganze Schuljahr hinweg erfasst (vgl. NOTENBILDUNGSVERORDNUNG Fassung vom 5.5.1983, gültig ab 1.8.2012, §9). Im Vergleich dazu können mündliche Leistungen wöchentlich, wenn nicht sogar fast täglich abgebildet werden und sollten durch ihre Häufigkeit zu objektiveren „Urteilen“ führen, als es schriftliche Leistungen zulassen.
Trotz der vorstellbaren Vorteile bei der Bewertung von mündlichen Schulleistungen wird ihnen in der Praxis, wie auch in der Theorie, relativ wenig Beachtung geschenkt. Anfang der 90er Jahre beschrieb SCHRÖTER die erziehungswissenschaftliche Forschung bezüglich der Bewertung mündlicher Schulleistungen als einen „weißen Fleck auf der Landkarte [des] Wissens“ (SCHRÖTER 1981, S. 10). Bezüglich des Forschungsstandes hat sich in den letzten Jahrzehnten nur wenig geändert.
Die Forschung hat auf diesem Gebiet noch Vieles zu erkunden, weshalb sich die Fra-ge stellt, ob in der Praxis mündliche Leistungen im Unterricht in ausreichendem Maß erfasst und in die Leistungsbeurteilung der Schüler mit einbezogen werden können. Werden die mündlichen Beiträge der Schüler berücksichtigt, so sollte dies möglichst objektiv geschehen. Ob eine objektive Beurteilung von mündlichen Beiträgen bei Schülern möglich ist und wie diese Beurteilung gestaltet werden kann, wird in dieser Arbeit zu klären versucht.
Fraglich ist auch, welche Kriterien ein Lehrer in die Bewertung der mündlichen Note mit einfließen lassen kann und welche Vor- und Nachteile diese unterschiedlichen Bewertungsgrundlagen haben. Es stellt sich die Frage, ob es beispielsweise legitim ist, eine Beurteilung der Hausaufgaben oder sogar Kurztests in die mündliche Note mit einfließen zu lassen. Ebenso kann die Abgrenzung zwischen Mitarbeit und Leistung unterschiedlich gehandhabt werden, wobei sich hieraus die Frage ableitet, was tatsächlich mit den
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung
2 Zur Geschichte von Zensuren
3 Theoretische Grundlagen der Schulleistungsmessung und -bewertung
3.1 Funktionen der Zensuren
3.2 Gütekriterien
3.2.1 Objektivität
3.2.2 Reliabilität
3.2.3 Validität
3.3 Bezugsnormen
3.4 Fehlermöglichkeiten bei der Messung und Bewertung mündlicher Schulleistung
4 Zur Praxis der Messung und Bewertung mündlicher Schulleistung
4.1 Bestandteile der mündlichen Schulleistungsmessung und -bewertung
4.1.1 Vorgaben
4.1.2 Mitarbeit versus Schulleistung
4.1.2.1 Mitarbeit
4.1.2.2 Schulleistung
4.1.2.3 Charakterisierung mündlicher Schulleistungen
4.1.3 Abgrenzung der mündlichen Schulleistungsmessung und -bewertung
4.1.3.1 Hausaufgaben
4.1.3.2 Projektarbeit
4.1.3.3 Mündliches Abfragen
4.1.3.4 Kurztests
4.1.3.5 Referate
4.1.4 Schülerbeobachtung als Bestandteil der Leistungsmessung und -bewertung
4.2 Dokumentation mündlicher Leistung
4.2.1 Leistungsdokumentation durch Lehrer
4.2.1.1 Pädagogische Tagebücher
4.2.1.2 Beobachtungskarteien
4.2.1.3 Beobachtungsbögen
4.2.2 Möglichkeiten und Grenzen der Leistungsmessung und Leistungsbewertung durch die Schüler
4.2.3 Leistungsdokumentation durch Schüler
4.2.3.1 Arbeitsberichte
4.2.3.2 Lernkarteien
4.2.3.3 Selbstbewertungsbogen
4.3 Handlungsempfehlungen zur Messung und Bewertung mündlicher Schulleistung
4.3.1 Wahl der Bezugsnorm
4.3.2 Explizite Abgrenzung der mündlichen Leistung für die Handlungsempfehlungen
4.3.3 Wahl der Leistungsdokumentation durch den Lehrer
4.3.3.1 Vereinbarkeit des Beobachtungsbogens mit den Gütekriterien
4.3.3.2 Versuch der Verringerung von Fehlermöglichkeiten der Messung und Bewertung mündlicher Schulleistung durch den Beobachtungsbogen
4.3.3.3 Rhythmus der Beobachtungen
4.3.4 Entwurf eines Beobachtungsbogens
4.3.4.1 Anzahl der zu beobachtenden Schüler
4.3.4.2 Kopf des Beobachtungsbogens
4.3.4.3 Kriterien des Beobachtungsbogens
4.3.4.4 Zur Messung und Bewertung des Beobachtungsbogens
4.3.5 Einbeziehung der Schülerselbstbewertung mit Hilfe des erstellten Beobachtungsbogens
4.3.5.1 Dokumentation durch den Beobachtungsbogen
4.3.5.2 Schülerselbstbewertung und Gütekriterien
4.3.5.3 Wechselseitige Bewertung von Schülern
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht, wie mündliche Schulleistungen objektiv, reliabel und valide gemessen und bewertet werden können, insbesondere im Hauptfach Wirtschaft an kaufmännischen Schulen. Ziel ist es, eine praxisorientierte Handlungsempfehlung zu entwickeln, die Lehrern dabei hilft, diese Leistungen systematisch zu erfassen, ohne den Unterrichtsverlauf negativ zu beeinflussen.
- Theoretische Fundierung der Schulleistungsmessung und -bewertung
- Analyse von Beurteilerfehlern und Urteilstendenzen bei mündlichen Noten
- Entwicklung und Erprobung eines Beobachtungsbogens als Instrument zur Leistungsdokumentation
- Abgrenzung mündlicher Leistungen von Mitarbeit und anderen schriftlichen Lernkontrollen
- Integration der Schülerselbstbewertung in den Beurteilungsprozess
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Objektivität
Eine vollkommene Objektivität ist bei Schulleistungsmessungen kaum möglich (vgl. LIENERT 1987, S. 55). Wenn überhaupt nur dann, wenn die Leistung in Maß und Zahl zu erfassen ist, wie beispielsweise bei Rechtschreibfehlern in Diktaten oder bei Klassenarbeiten mit Richtig-Falsch-Lösungen (vgl. ebenda).
Nichtsdestotrotz benötigt man ein Instrument, um die Ergebnisse von Messungen, im vorliegenden Fall die Beurteilung von Schülerleistungen, verwertbar beziehungsweise vergleichbar zu machen (vgl. SACHER/ RADEMACHER 2009, S. 36). Dazu müssen sie bestimmten Anforderungen genügen, wofür hier die verschiedenen Gütekriterien herangezogen werden (vgl. ebenda).
„Unter Objektivität eines Tests versteh[t man] den Grad, in dem die Ergebnisse eines Testes unabhängig vom Untersucher sind. Ein Test wäre demnach vollkommen objektiv, wenn verschiedene Untersucher bei demselben [Probanden] zu gleichen Ergebnissen gelangten“ (LIENERT/ RAATZ 1998, S. 7).
Überträgt man diese Definition auf die Bewertung schulischer Leistungen, so kann man die Grundfrage stellen, ob die Ergebnisse einer Prüfung beziehungsweise die Bewertung aller Schülerleistungen unabhängig von einer Person sind (vgl. SACHER 1996, S. 24). Formal wird zwischen drei Objektivitätsarten unterschieden: Der Durchführungs-, Auswertungs- und Interpretationsobjektivität (vgl. Langfeldt 1984, S. 74).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein und erläutert die Herausforderung, mündliche Leistungen objektiv zu bewerten, während das Hauptaugenmerk auf dem Fach Wirtschaft in kaufmännischen Schulen liegt.
2 Zur Geschichte von Zensuren: Es wird die historische Entwicklung von Zensuren von der römischen Zeit bis hin zur modernen Leistungsbeurteilung in der Schule nachgezeichnet.
3 Theoretische Grundlagen der Schulleistungsmessung und -bewertung: Hier werden zentrale Konzepte wie die Funktionen von Zensuren, wissenschaftliche Gütekriterien sowie verschiedene Bezugsnormen und potenzielle Fehlerquellen der Leistungsbeurteilung definiert.
4 Zur Praxis der Messung und Bewertung mündlicher Schulleistung: Dieses Hauptkapitel analysiert Bestandteile, Abgrenzungen und Dokumentationsmöglichkeiten mündlicher Leistungen und bietet konkrete Handlungsempfehlungen für die Unterrichtspraxis an.
5 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und reflektiert die Anwendbarkeit der erarbeiteten Beobachtungsinstrumente im schulischen Alltag.
Schlüsselwörter
Mündliche Schulleistung, Leistungsbewertung, Zensuren, Gütekriterien, Objektivität, Reliabilität, Validität, Beobachtungsbogen, Schülerbeobachtung, Bezugsnormen, Leistungsdokumentation, Schülerselbstbewertung, Wirtschaftsunterricht, Beurteilerfehler, Pädagogische Diagnose.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Problematik der Messung und Bewertung mündlicher Schulleistungen und sucht nach Wegen, diese Prozesse in der Schulpraxis objektiver und transparenter zu gestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen der Leistungsbewertung, die kritische Auseinandersetzung mit der Praxis der Notenvergabe sowie die Entwicklung praktischer Dokumentationsinstrumente.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es zu klären, inwieweit eine objektive, reliable und valide Messung und Bewertung mündlicher Leistungen im Unterricht möglich ist und wie Lehrer dies konkret umsetzen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Aufarbeitung bestehender pädagogischer Literatur und Forschungsergebnisse, um daraus Handlungsempfehlungen für die Unterrichtspraxis und den Entwurf eines Beobachtungsbogens abzuleiten.
Was wird im umfangreichen Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert verschiedene Bestandteile der mündlichen Leistung, diskutiert deren Abgrenzung zur Mitarbeit, stellt Dokumentationsmöglichkeiten vor und entwickelt konkrete Empfehlungen für den Einsatz von Beobachtungsbögen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Mündliche Schulleistung, objektive Leistungsbewertung, Gütekriterien, Beobachtungsbogen und Leistungsdokumentation sind die zentralen Begriffe der Arbeit.
Warum wird im Fach Wirtschaft ein besonderes Augenmerk auf dieses Thema gelegt?
Da in kaufmännischen Schulen das Fach Wirtschaft eine zentrale Rolle einnimmt, dient es als konkreter Bezugsrahmen, um die Anforderungen an die Leistungsbeurteilung praxisnah zu diskutieren.
Welchen Vorteil bietet der vorgeschlagene Beobachtungsbogen für Lehrer?
Der Bogen ermöglicht eine systematische Erfassung von Schülerleistungen anhand vordefinierter Kriterien, was die Objektivität fördert und die Entscheidungsfindung bei der Notengebung erleichtert.
- Arbeit zitieren
- Julia Jenz (Autor:in), 2012, Zur Messung und Bewertung mündlicher Schulleistung im Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208708