Napoleon Bonaparte als literarisches Spiegelbild von Sehnsüchten, Erwartungen und Verteufelung


Bachelorarbeit, 2010
62 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. J. F. Reichardt: Vertraute Briefe aus Paris
II.1. Napoleonporträt
II.2. Die Kontrastfigur
II.3. Die Selbstinszenierung
II.4. Zur sozialen Ebene
II.5. Zur kulturellen Ebene

III. F. A. de Chateaubriand: De Buonaparte, Des Bourbons
II I.1. Zu den Eigenschaften
III.2. Zur politischen Situation
III.3. Militärisierung
III.4. Gesellschaft und Heilung

IV. Mythologisierung
IV.1. E. T. A. Hoffmann: Die Vision auf dem Schlachtfelde bei Dresden

V. Ch. D. Grabbe: Napoleon oder die 100 Tage
V.1. Idealisierung und „Heiland“
V.2. Versuch der Deformierung
V.3. Zur Napoleonauffassung des Volks
V.4. Kollektivsymbolik und Intensivierung

VI. Alexandre Dumas: Napoleon Bonaparte
VI.1. Zum Weltherrscher und Patriarchen
VI.2. Politik ohne Grenzen

VII. Schluss

VIII. Literaturangaben
VIII.1. Primärliteratur
VIII.2. Sekundärliteratur
VIII.3. Internet

I. EINLEITUNG

Napoleon I., der sich selbst zum Kaiser krönte, gilt als Bahnbrecher an der Schwelle zu einer neuen Zeit.[1] „Napoleon gelang es, eine Legende bei Lebzeiten zu schaffen, aber erst nach seinem physischen Ende zum Mythos zu werden.“[2] Er spielt in der gesellschaftlichen Realität des 19. Jahrhunderts eine außergewöhnliche und bedeutsame Rolle.[3] Anhand der Darstellungsweisen der Persönlichkeit Napoleons sind verschiedene Deutungsmuster zur Person entstanden. In der vorliegenden Arbeit werde ich untersuchen, wie Napoleon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschrieben wird. Im ersten Teil der Arbeit werde ich anhand eines Vergleichs zweier Texte von J. F. Reichardt[4] und von F. A. Chateaubriand[5] analysieren, wie Napoleon noch zu Lebzeiten literarisch auf deutscher und französischer Seite dargestellt wird. In der Analyse werde ich auf Napoleon eingehen und auf seine Wirkung im Volk, um einen Einblick zu bekommen, wie seine Stellung als Politiker und Mensch in der Gesellschaft ausschaut. Im Folgenden werde ich kurz auf die Anfänge der Mythologisierung eingehen und dies durch einen kleinen Beispieltext von E. T. A. Hoffmann[6] veranschaulichen. Im letzten Teil der Analyse werde ich einen Text von Grabbe[7] und einen von Dumas[8] vergleichen und erörtern, um zu sehen, ob und wie eine Mythologisierung nach dem Tod des Staatsmannes stattfindet. Hier werde ich, ähnlich wie auch im ersten Teil, auf Napoleons Darstellungsweise eingehen und prüfen, ob sich die Meinung des Volks bezüglich seines Oberhaupts verändert hat. Des Weiteren werde ich im gesamten Verlauf der Analyse darauf achten, ob es bestimmte Attribute und Stereotype gibt, die in der Literatur Deutschlands und Frankreichs typisch geworden sind.

II. J. F. Reichardt: Vertraute Briefe aus Paris

Der angesehene Weimarer Komponist steht in freundschaftlicher Beziehung zu Goethe und sind sich näher bekannt.[9] Reichardt gehört zu den Wenigen Intellektuellen, die sich im Rahmen der Französischen Revolution auf die Seite der Republikaner, der Girondisten stellen. Diese Einstellung führt zu Auseinandersetzungen mit vielen Bekannten, vor allem auch mit Goethe. Große Anteilnahme wird ihm von Jean Paul versichert, einem weiteren Revolutionssympathisanten. Mit der Veröffentlichung „Vertraute Briefe aus Paris“ von 1802/1803, die in der Gesellschaft auf großen Erfolg stößt, versucht er, wie Goethe meint, in „rasch hinfließende[r] Schreibart“[10] eine genaue Darstellung der französischen Gesellschaft unter der Herrschaft Napoleons wiederzugeben.[11]

II.1. Napoleonporträt

„Bonaparte ist klein, kaum fünf Fuß hoch, und äußerst mager: dünnere Lenden, Beine und Arme kann man nicht leicht sehen. Brust und Schultern sind breit, so auch das Gesicht, doch ohne hervorstehende Knochen, ungeachtet die Haut scharf angespannt ist. Diese ist ebensoviel Olivenfarbe als gelb, ohne die mindeste Spur von Blutfarbe und ohne alle merkliche Beweglichkeit.“ (VBP, S. 106f.)

Sein Aussehen wirkt ernüchternd: ohne Blutfarbe wie eine unmenschliche und gefühllose Person.

„Die Mittellinie des Mundes würde sehr angenehm sein, wenn sie nicht zu gerade wäre und beim Schweigen so scharf schlösse, daß von Lippen wenig zu sehen bleibt. Beim Reden sind diese aber immer stark auseinandergezogen und bilden ein fortdauerndes Lächeln.“ (VBP, S. 107)

Napoleon wird als unsympathischer und eher unauffälliger Mensch dargestellt. Sein Lächeln wird durch die Form seiner Lippen erklärt; demzufolge findet keine natürliche Regung statt, was das ernüchternde Aussehen unterstreicht, ein Nebeneinander von menschlichen und dämonischen Zügen: „[…] vegetativ-sensible, unbewußte Prozesse“[12], die ihn unberechenbar erscheinen lassen.[13] Man könnte behaupten, er wirkt beinahe mechanisch:. Seine Augen sind ausdruckslos „[…] ohne bestimmte Farbe und Feuer.“ (VBP, S. 107) Sein Blick ist unruhig und „forschend“. Seine schwarzen Haare passen nicht und liegen nass an. Kontrastiv zum Konsularkostüm Napoleons muss sein Körper darin kaum Eindruck machen.

„Dieses Kostüm besteht in einem etwas langen und weiten, scharlachroten, samtnen Kleide mit reicher Goldstickerei, die auf Bonapartes Kleide fast mit jeder öffentlichen Audienz immer stärker und prächtiger wurde.“ (VBP, S. 107)

Er legt es darauf an, seine körperlichen Defizite mit prunkvoller Kleidung zu kompensieren. Trotz der ruhigen Haltung erkennt man „[…] in allen Zügen den Italiener, die Italiener sagen, den Korsen, dessen Nationalphysiognomie bei ihm in ihrer ganzen Vollkommenheit ausgedrückt sein soll.“ (VBP, S. 108) Wenn auch mit Vorsicht, erläutert Reichardt das Problem seiner Herkunft. Napoleon ist nach seiner Herkunft ein fremder Aufsteiger. Niemals kann er sich als Franzose ausgeben. Seine Reden und Fragestellungen sind „herrisch“. (VBP, S. 108) Er gebraucht viele Pointen, an denen man seine Überheblichkeit und gekünsteltes Auftreten erkennt. Sein Benehmen ist keine natürliche „tournure d’esprit“. (VBP, S. 108) Nach Reichardt hat Napoleon keinen fremdartigen Akzent, dennoch ist jedem seine ausländische Herkunft offenbar. Er wird als „[…] weder fein- noch grobsinnlich […]“ (VBP, S. 108) bezeichnet. Ihn interessiert nicht die feine Küche oder ein schöner Weinkeller. Der ausgeprägte Sinn für Künste fehlt ihm ebenso wie der Reiz an Frauen.

Soziale Kontakte interessieren ihn überhaupt nicht: „´Ich [Napoleon] verlange nur, daß man mir gut dient´“[14] Anteilnahme an Tanz und Musik sind für ihn von Nichtigkeit. Sympathie pflegt er nur für die Tragödie. Hier geht es Napoleon nicht um die Kunst, sondern nur um die „heroische Gesinnung“ (VBP, S. 109), die oft pompös ausgedrückt wird. Laut Reichardt ist er ein großer Bewunderer des Dichters Ossian, der ihn mit „[…] dessen trübe[r], farbenlose[r] Natur [ihn] auch mit besonderer Sympathie ansprechen mag.“ (VBP, S. 109) Begeistern kann man Bonaparte auch nicht für Spiele, nicht einmal für die Jagd oder das Reiten. Paradoxerweise hält er englische Pferde und Jagdhunde zur Vervollkommnung seines Hofstaates. Sein ganzer Besitz dient dem Zweck der Repräsentation nach außen. Sein einziges Lebenselixier besteht darin zu herrschen: „Herrschen ist seine einzige Leidenschaft und Beschäftigung ,[…]“. (VBP, S. 109) Nach Barbara Beßlich zeigt Reichardt Bonaparte als „macciavellistischen Machtmenschen“[15]. Genauer genommen ist er ein „Selbstherrscher“ (VBP, S. 109), der alles selbstständig und allein entscheiden vermag und mit Anordnungen Tag und Nacht beschäftigt ist. Er ist im Bereich der Staatsangelegenheiten derart auf Erfolg bedacht, dass er tagsüber in seinem Arbeitszimmer „sich ausruhen muss, wenn sein gar nicht starker Körper erschöpft ist […]“. (VBP, S. 109) Es gelingt ihm nicht, in seiner Arbeitswut Tag und Nacht zu unterscheiden und ist rücksichtslos auch gegenüber seinen Mitmenschen Zum einen begibt sich seine Gemahlin erst zusammen mit Napoleon zu Bett, zum anderen interessiert ihn das Recht eines Jeden auf Nachtruhe nicht.

„Auch Leute aus der Stadt, denen er eben etwas sagen will, läßt er mitten in der Nacht rufen, er mag in Paris oder St. Cloud sein, und an der Art, wie er sie abfertigt oder auch wohl stundenlang warten läßt, sieht jeder leicht, daß er der Stunde gar nicht eingedenk ist.“ (VBP, S. 109)

An dieser Stelle sieht man wieder seine egoistische und von Herrschsucht getriebene Gesinnung. Er erweist keinem Respekt, nicht einmal während der Nacht. Es ist eine auf Erfolg bedachte Person ohne Rücksicht.

Während des Tages wagt er es kaum, sich unter das Volk zu begeben. „[…] so tut er in Paris auch nie einen Schritt zu Fuß.“ (VBP, S. 167) Er bewegt sich nur unter dem Schutz großer Garden nach draußen, meistens um zu jemandem aus seiner Familie zu fahren. Man bemerkt einen starken Isolationswunsch des Herrschers. In seinem Haus gibt es nicht viele erfreuliche Anlässe. Die Gesellschaften der Gemahlin werden immer mehr auf die engste Familie reduziert. An größeren Empfängen, die noch manchmal stattfinden, nimmt Bonaparte nur kurz teil. Es erscheint schwierig eine eindeutige Identifikation seiner Person anhand des Berichts vorzunehmen, denn er ist sozusagen weder einsam noch gesellig. Nach Reichardt scheint er eine neutral-unauffällige und rational geleitete Figur zu sein. Als Gegenspieler Napoleons, hinsichtlich nationaler Zwecke, führt der Autor zur weiteren Charakterisierung Bonapartes den Preußenkönig Friedrich II. ein.

II.2. Die Kontrastfigur

Reichardt führt Friedrich als genaues Gegenbild zum Herrscher ein. Ein schöner und ausdrucksvoller Kopf „den die Natur wohl je hervorgebracht hat.“ (VBP, S. 111) Seine Augen blitzen und die Lippen drücken

„[…] ein sonderbares, aber höchst angenehmes Gemisch von zarter Empfindung und feiner Sinnlichkeit, von wahrer Bonhommie und von feinem Spotte aus; […] Das ganze Gesicht, die ganze Gestalt war immer voll Blut und Leben.“ (VBP, S. 112)

Er benutzt dieselben körperlichen Merkmale und wertet diese bei Friedrich positiv. Es fällt auf, dass er dem Preußenkönig mehr sympathische Eigenschaften zuspricht und ihn als lebendigen, kräftigen Menschen schildert. Das Erscheinungsbild Napoleons setzt er in Zweifel.

Ebenso verhält es sich mit dem guten Geschmack von Friedrich bezüglich kulinarischer Genüsse hin zu den Künsten, und Literatur. Nach Reichardt weiß Friedrich als idealer Herrscher seine Zeit einzuteilen, die er für Staatsangelegenheiten braucht, und die Zeit, seine persönlichen Interessen zu verfolgen. Im Vergleich zu Napoleon fügt der Autor Friedrich auch weitere menschliche und vornehme Züge bei:

„Existierte je ein vollkommener Repräsentant der ganzen menschlichen Natur mit all ihrem Vermögen und ihren Schwächen, so war es Friedrich; hat je ein Mensch das Leben mit all seinen Widerwärtigkeiten und Freuden genossen, so war es gewiß Friedrich. […] In seiner Jugend vereinigten sich alle Umstände zur vollkommensten Ausbildung seiner feinen Empfänglichkeit und natürlichen Klugheit, zu welcher der glücklich geborene Bürger meistens nur durch den Widerstand in der ihn umgebenden bürgerlichen Gesellschaft und die stets waltende Liebe weiblicher Pflege und Teilnahme gelangt.“ (VBP, S. 112f.)

Reichardt reduziert Napoleon auf einen rein führerischen Willen, Egoismus und einen Mangel an Bildung. Der französische Konsul hat keinen Sinn für Künste. Seine Interessen sind machtpolitischer Natur. Um 1800 beginnt die nationale Propaganda, indem nationale Eigenschaften positiv gewertet werden und Fremdes negativ.[16] Dies sind alles Eigenschaften, die Reichardt hier in der Darstellung Friedrichs denunziert. Dieser ist die rechtschaffene Persönlichkeit, mit einer menschlichen Natur. Der König wurde unter der Obhut der mütterlichen Fürsorge zur idealen Herrschergestalt, kennt Höhen und Tiefen, die Napoleon keineswegs mit ihm teilen kann. Bonaparte fehlt die „feine Empfänglichkeit“ und Klugheit, die Reichardt lobt. Napoleon zeichnet sich diesbezüglich durch seine Beschränktheit auf das Staatsgeschäft und seinen allgemein groben Sinn aus, wie ihn kein Herrscher zeigen sollte. In Friedrich aber vereinen sich die zwei wichtigen Eigenschaften, die für einen Herrscher nach Reichardt unabdingbar sind: „[…] ein weiser König und ein glücklicher Mensch, ein tapferer Held und zarter Freund des Schönen und Angenehmen […]“. (VBP, S. 113) Dazu ist das Volk von Friedrich „angeerbt“. (VBP, S. 113) Napoleon hingegen hat sich die Menschen nur gefügig gemacht. Der Autor stellt die Legitimität in Frage, mit der Napoleon an die Macht gesetzt wurde und regiert. Er kann sich nicht auf ein rechtmäßiges Erbe berufen; zudem ist er ein Fremder, ein Emporkömmling, der die Gunst der Stunde genutzt hat. Reichardt versucht einige Hinweise auf die Unterschiede der beiden Völker, der Deutschen und der Franzosen anzuführen und vorsichtig Stellung zu beziehen. Der Autor erinnert daran, dass Friedrich einen Großteil seines Lebens mit Franzosen verbracht hat, und perfekt französisch spricht, dennoch kann er keine französischen Eigenschaften übernehmen. Reichardt weist auf den bedeutsamsten Unterschied hin – das öffentliche Urteil. „Friedrich machte sich aus dem Urteil der Menge nichts.“ (VBP, S. 114) Nach dem Autor herrscht unter der Führung Napoleons hingegen eine scharfe Kontrolle und Zensur. Seine Führung ist keineswegs mit dem preußisch-aufgeklärtem System zu vergleichen. Sowohl Friedrich als Napoleon unterliegen dem „eisernen Willen“, der sich jedoch unterschiedlich bei beiden manifestiert. Reichardt stellt durch die Parallelisierung der beiden Herrscher mit ihren gegensätzlichen Eigenschaften zwei Herrschaftstypen dar, von denen nach ihm nur einer vorbildlich sein kann. Napoleon als kalter und sachbezogener Herrscher, der aufgrund der Unvollkommenheit nicht langfristig in der Lage bleiben wird, ein Volk vernünftig zu leiten. Dies führt zu der Frage, wie Napoleon sich innerhalb des Volkes in Szene setzt.

II.3. Die Selbstinszenierung

Beim Hofzeremoniell geht es in erster Linie darum „[…] nur solche Menschen zu präsentieren, die auch bei ihren Höfen präsentabel sind oder sich durch besondere Talente auszeichnen.“ (VBP, S. 96) Es wird, genauso wie beim Herrscher selbst, viel Wert auf Künstlichkeit gelegt. Napoleon baut großes Gedränge um seine Person auf, indem er hunderte von Gesandten auf sich warten lässt. Diese müssen einen weiten Weg über eine ganze Mengen von Konsuln und Ministern gehen, um Zutritt beim Staatsmann zu erlangen.

Bei der Parade versteht es Napoleon, sich richtig in Position zu setzen, um seine Wichtigkeit zu beweisen. „Wohl an sechstausend Mann der schönsten Truppen aller Art marschierten nach und nach auf dem großen, herrlichen Platz vor den Tuilerien auf.“ (VBP, S. 98) Die Infanterie befindet sich, ringsum geschützt von einem eisernen Gitter, innerhalb des Vorhofs, die Kavallerie außerhalb. Der Kavallerieplatz ist unter Napoleon vergrößert und von Gebäuden befreit worden, die fehl am Platz erschienen, vermutlich um den Platz noch größer und regelmäßiger wirken zu lassen. Bronzeverzierte korinthische Pferde, aus Venedig stammend, schmücken den Platz und gehören als Triumphgespann zusammen. Dies symbolisiert den politischen Triumph Napoleons und soll seine Größe zeigen. Unterstrichen wird diese von, im Eingang stehenden prachtvollen Hähnen, die sich zu Adlern aufblasen und oft zum Spott dienen, wie es Reichardt vermerkt. Hier findet sich ein erster Hinweis zur Annäherung Bonapartes an das römische Reich, das ebenfalls Adler als Symbol für Stärke benutzt. Er versucht eine „[…] Aura der Unbesiegbarkeit […]“[17] entstehen zu lassen. So dienen die prächtigen Figuren, Ausstattung und Paraden mit zur Propaganda der Stärke.[18] Reichardt ist klar, dass sich Napoleon in absehbarer Zeit zum Bild eines römischen Imperators hochspielen möchte.[19] Nachdem die Truppen sich vollständig versammelt haben, erscheint Napoleon auf seinem weißen Schimmel mit unzähligem Gefolge „[…] und sein geliebter Mamluck dicht vor ihm.“ (VBP, S. 99) Dass er ausgerechnet von einem Mamlucken begleitet wird, zeigt seine Stellung zur Religion. Im Ausland erzeugt dieses heidnische Auftreten unter anderem das Bild der „gottlose[n] Franzosen“[20], deren Anführer Napoleon ist.[21] Mit der Religion kann er genauso wenig anfangen wie mit den übrigen kulturellen Praktiken.

Der Konsul sitzt leicht und anständig zu Pferde, dies hat eine verfälschende Wirkung, denn so erscheint er größer „[…] als er wirklich ist.“ (VBP, S. 99) „Denn so sieht man nur sein schönes Profil, das viel von der Antike hat und welches durch seinen stillen Ernst, den er so herumreitend behauptet, veredelt wird“ (VBP, S. 99) Er versucht, sich als Herrscher auf antike Vorfahren zu berufen, und bekräftigt wird dies in den angefertigten Büsten Napoleons. Keines dieser Abbilder entspricht der Realität, hinter der sich laut Reichardt ein kleiner, schwächlicher aber strenger Mann versteckt. Sobald er in die Nähe der Korps kommt, erklingt die Musik, um seine Person noch prächtiger zu feiern. Trotz aller Versuche, ein perfektes Auftreten der gesamten Mannschaft unter Napoleon in der Öffentlichkeit an Tageslicht zu bringen, entsteht ein großer, zum Teil lächerlicher Kontrast zwischen den prächtig bewaffneten Männern und den viel zu kleinen Pferden. Es gelingt nicht, den evozierten Schein auf das Gesamtbild zu übertragen, und so dringen Elemente durch, die nicht perfekt sind: „[…] es waren lauter Rappen […]“, (VBP, S. 101) nicht zu vergleichen mit denen der preußisch-österreichischen Kavallerie. Napoleon ist sich der Aufmerksamkeit der Menschen bewusst und reitet zudem an Fenster, wo er Geschenke von Frauenzimmern bekommt. Er lässt sich also reichlich feiern. Napoleon hat sich ermächtigt, Ehrensäbel an Mitglieder der Kavallerie zu erteilen, mit denen er anschließend speist. Auch den Kameraden, die ihn nach Ägypten begleitet haben, erweist er eine ehrenvolle Behandlung. Er inszeniert sich öffentlich als guter Herrscher, der sich sogar mit seinen Untergebenen an einen Tisch setzt, um zusammen zu speisen. Er weiß genau, wie er sich dem Volk gegenüber zu „vermarkten“ hat. „Bis kurz vor dem Anfange der Parade regnete es; da ward es aber mit einem Male hell. Bonaparte soll dieses Glück bei seinen militärischen Prachtveranstaltungen oft haben.“ (VBP, S. 102) Reichardt nennt hier das Mittel, mit dem er nach seiner Auffassung zum Oberhaupt wurde: das Glück. Die für Bonaparte vorteilhaften Wendungen liegen nicht nur seinen pompösen Auftritten zugrunde, sondern seinem gesamten Handeln. Es liegt daher auf der Hand, dass Napoleons Karriere nicht auf ein intelligentes Vorgehen zurückzuführen ist, sondern einfach auf glückliche Fügungen. Diese grenzen beinahe an eine übernatürliche Fähigkeit.[22]

Der „eigentliche[n] Audienzsaal[e]“ (VBP, S. 104) ist prächtig ausgestattet und mit Fahnen der Garde geschmückt. In diesem Saal, der dazu dient, die militärische Stärke zu zeigen, beginnt Napoleon seine Begrüßungstour der fremden Gesandten. Er versteht es mit schnell aufgesetzter Miene den Menschen entgegenzutreten. Eine weitere Gelegenheit sich zu profilieren findet bei der Volksvertretung statt. Diese wird in dem ehemaligen Palast Bourbon abgehalten. Hier befinden sich „prächtige Sitzungssaale“. (VBP, S. 239) Die Sitze der Legislatoren laufen amphitheatralisch zusammen. Für angesehene Zuschauer gibt es grüne mit Saffian beschlagene Stühle. Über der Tribüne befinden sich

„[…] marmorisierte[n] Säule[n] […] Die Wände sind durchaus von marmonisiertem Gips grün und gelb, giallo und verde antico vorstellend, mit Bronzeverzierungen darüber, welche die ebne Marmorwand in regelmäßige Quader abteilen […]“ (VBP, S. 239f.)

Reichardt ist klar, dass sich Napoleon selbst zum Vorbild eines römischen Imperators zu stilisieren versucht.[23] Napoleon möchte sich wieder durch die wertvolle Ausstattung an der Tradition antiker Herrscher messen. Deshalb liegt es nahe, dass Napoleon mehrmals im Jahr nach englischen Pferden und Jagdhunden schickt, um diese in seinen „[…] Prachtstall zu rekrutieren.“ (VBP, S. 160) Auch wenn er kein Interesse für das Reiten und Jagen aufbringen kann, gelingt es ihm, sich noch vornehmer nach außen zu profilieren.

In einem weiteren Schritt wird auf die Gesellschaft einzugehen sein, um zu analysieren, wie sich Napoleons stark inszenierte Alleinherrschaft hier auswirkt.

II.4. Zur sozialen Ebene

Reichardt bemerkt, dass Paris nicht von anhaltendem Interesse für Fremde sein wird. In der Stadt ist die „[…] verkehrte[n] Zeit der Revolution eine tolle Mischung des Höchsten und Niedrigsten, des Guten und des Schlechten […]“ (VBP, S. 187) anzutreffen. Es ist eine künstlich geschaffene Gleichheit unter Bonaparte aufgebaut worden,, die zur „[…] ekelhaftesten Schwelgerei der Blutsauger hinabsank, die eigentliche gute Gesellschaft gar nicht existiert.“ (VBP, S. 188) Die Zeit verlangt mit Napoleon wieder nach Einführung der Stände, da

„[…] das Vermögen des Staats und des Volks in der über allen Begriff hinaus angestrengten und gewaltsam getriebnen Kriegszeit in die Hände roher Menschen ohne Erziehung und ohne Kenntnisse gekommen. [ist]“ (VBP, S. 188)

Der Autor stellt Napoleon und seine Bediensteten nicht nur in die Reihe ungebildeter Leute, sondern stellt diese als Kriegssüchtige dar, die durch das Vorspielen von Gleichheitsidealen das Volk für eigene Zwecke instrumentalisieren.

Beachtliche Summen werden ins Ausland verschwendet. Anstatt die nationale Wirtschaft und Kunst zu fördern, eifern viele ihren Bedürfnissen nach, Kunstwerke aus Italien und Indien zu importieren. „[…] alles will jetzt echte Antiken, die seltensten geschnittenen Steine um Kopf und Arm und Busen tragen.“ (VBP, S. 160) Wie diese Güter hergestellt werden, interessiert die Käufer nicht. Sie möchten ihr Oberhaupt imitieren, um sich eine vornehme Position in der Gesellschaft zu sichern. „[…] reiche junge Leute zeigen einem mit Ostentation ihren Stall voll englischer Pferde und Hunde.“ (VBP, S. 160) Es geht um reine Nachahmung, so wie Napoleon die Griechen und Römer imitiert, um seinen Platz als Herrscher zu legitimieren. Das Volk ist besessen von den antiken Schätzen. Viele sind bereit, den echten Wert für armselige Kopien zu zahlen. Es geht nicht um den wirklichen Wert des Objektes, sondern einzig um Profilierungslust. Geschmückte Frauen vergleicht Reichardt mit „römischen Prinzessinnen“. Das Volk ist genauso einfältig und auf Materialität bedacht wie ihr Herrscher. Reichardt übt Kritik an der französischen Repräsentationskultur, bei der sich seine Abneigung nicht direkt gegen den Luxus richtet, sondern gegen Napoleon als Urheber dieses Missstands.[24] Der Autor gibt durch diese Berichte ein Abbild „[…] moralische[r] Verderbnis der Aristokratie.“[25] Unter Napoleon gibt es keine Vorbilder mehr für das einfache Volk. Deshalb kann es keine garantierte Ordnung in der Gesellschaft geben.[26] Die wirkliche Kunst, wie sie vormals bestand, ist verkommen. Reichardt verweist wieder kontrastiv auf Friedrich II.. Denn um an den schönen Künsten wirklich Anteil und Freude zu haben, muss man eine höhere Bildung erlangt und eine glückliche Jugend verbracht haben. Die Französische Gesellschaft steuert unter Napoleon auf ein wirkliches Bildungsproblem zu. So wie das staatliche Oberhaupt von geringer Bildung ist, überträgt er ein neues Bildungssystem auf den ganzen Staat. In der Jugend sieht er keine eigenständigen Individuen, die das Recht auf eine fundierte Bildung haben. In den „Lyzeen“ (VBP, S. 256) wird nicht mehr gelernt. „[…] als für einen geschickten Soldaten gehört.“ (VBP, S. 256) Für Bonaparte repräsentieren die jungen, gesunden Menschen vor allem potentiell neue Soldaten. Er sieht sich als Soldatenkaiser, für den der Nachwuchs von Jugend auf, ins militärische Wesen eingeführt werden soll. Das Erlernen von Sprachen und sonstigen Geisteswissenschaften wird den Taubstummen[27] überlassen, ein weiteres Plädoyer für Napoleons primitiven alleinherrschenden Führungswillen. Er widersetzt sich allen Errungenschaften der Aufklärer, die wirkliche Gleichheit unter dem Volk schaffen wollen. Da er sich in der Tradition antiker Herrscher sieht, sind seine Diktionen passend. Reichardt geht davon aus, dass in ferner Zukunft sich Taubstumme um die internationalen Angelegenheiten kümmern müssen:

„Das wird eine Konversation geben! […] Sie allein [Die Taubstummen] werden also für die Zukunft durch öffentlichen Unterricht in den Stand gesetzt, sich mit den taciturnen Engländern unterhalten zu können.“ (VBP, S. 257)

Nach Reichardt stellt der Hof, der einstmals die Gesellschaft beschäftigste, keinen ´Unterhaltungswert´ mehr da. Spricht ein Fremder zum Beispiel über den Pariser Hof, so muss dieser mit einer kurzen und belanglosen Antwort der Bewohner rechnen. Unter der Herrschaft des Konsuls ist der Hof zum Tabuthema geworden. Allgemein besteht Vorsicht im Umgang mit der Meinungsfreiheit. Meistens wird man von Franzosen mit einem „[…] c`est ça, c`est égal […]“ (VBP, S. 191) verabschiedet. Das Konsulat unter Napoleon wirkt unterdrückend, die eigentlichen Werte der Revolution ausmerzend.

Es sind unsichere Zeiten, die nicht dauerhaft etabliert werden können, denn die „wilde Sturmglocke“ (VBP, S. 196) erschallt noch nach zwölf Jahren. Der jetzige Zustand erscheint Reichardt als

„[…] Betäubung, in der es jetzt so hinbrütet, unbekümmert, welcher Sturm nach der verräterischen Windstille die Erwachenden wieder in das unsichere Meer hinausschleudern kann, ist ängstlich und traurig anzusehen.“ (VBP, S. 196)

[...]


[1] Vgl. Ute Planert: Wann beginnt der „moderne“ deutsche Nationalismus? Plädoyer für eine nationale Sattelzeit. In: Jörg Echternkamp/Sven O. Müller (Hrsg.): Die Politik der Nation. Deutscher Nationalismus in Krieg und Krisen. 1760-1960. München 2002, S. 26.

[2] Eckart Kleßmann: Napoleon. Ein Charakterbild. Weimar 2000, S. 5.

[3] Vgl. Barbara Beßlich: Der deutsche Napoleon-Mythos. Literatur und Erinnerung 1800-1945. Darmstadt 2007, S. 11.

[4] Johann Friedrich Reichardt: Vertraute Briefe aus Paris. 1802/1803. Herausgegeben und eingeleitet von Rolf Weber. 1. Aufl. 1981. [Verlag der Nation Berlin]. Im Text fortan als „VBP“ angegeben.

[5] F. A. de Chateaubriand: De Buonaparte, des Bourbons, et de la nécessité de se rallier à nos princes légitimes, pour le bonheur de la France et celui de l`Europe. Paris 1814. Im Text fortan als „BB“ angegeben.

[6] E.T.A. Hoffmann: Die Vision auf dem Schlachtfelde bei Dresden. In: Hartmut Steinecke (Hrsg.): E.T.A. Hoffmann Fantasiestücke in Callot´s Manier Werke 1814. Band 2/1. [DKV]. Im Text fortan als „DKV“ angegeben.

[7] Christian Dietrich Grabbe: Napoleon oder die hundert Tage. Nachwort von Alfred Bergmann. Stuttgart 2005. [RUB; 258]. Im Text fortan als „Grabbe“ angegeben.

[8] Alexandre Dumas: Napoléon Bonaparte, ou Trente ans de l´histoire de France. In: Répertoire du Théâtre français à Berlin. N° 203. Berlin 1839. Im Text fortan als „NB“ angegeben.

[9] Vgl. (Anm. 4), S. 5.

[10] Ebd., S. 7.

[11] Ebd., S. 6f.

[12] Wulf Wülfing: “Heiland” und “Höllensohn”. Zum Napoleon-Mythos in Deutschland im 19. Jahrhundert. In: Helmut Berding (Hrsg.): Mythos und Nation. Studien zur Entwicklung kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit. Frankfurt a. M. 1996, S. 166.

[13] Ebd., S. 166.

[14] Eckart Kleßmann, Napoleon, S. 29.

[15] Barbara Beßlich, Napoleon, S. 62.

[16] Ruth Florack: Tiefsinnige Deutsche, frivole Franzosen: nationale Stereotype in deutscher und französischer Literatur. Stuttgart; Weimar 2001, S. 703.

[17] Eckart Kleßmann, Napoleon, S. 37.

[18] Vgl. Eckart Kleßmann, Napoleon, S. 37.

[19] Vgl. (Anm. 4), S. 11.

[20] Ute Planert: Der Stellenwert der Religion in den Kriegen der Französischen Revolution und Napoleons. In: Franz Brendle/Anton Schindling (Hrsg.): Religionskriege im Alten Reich und in Alteuropa. Münster 2006, S. 422.

[21] Ebd., S. 422.

[22] Vgl. Eckart Kleßmann, Napoleon, S. 7.

[23] Vgl. (Anm. 4), S. 11.

[24] Vgl. Ruth Florack, Tiefsinnige Deutsche, S. 704.

[25] Wulf Wülfing, Napoleon-Mythos, S. 171.

[26] Ebd., S. 171.

[27] Reichardt berichtet an dieser Stelle tatsächlich über eine Taubstummenanstalt. Siehe (Anm. 4) S. 253.

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Details

Titel
Napoleon Bonaparte als literarisches Spiegelbild von Sehnsüchten, Erwartungen und Verteufelung
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2,1
Autor
Jahr
2010
Seiten
62
Katalognummer
V208732
ISBN (eBook)
9783656374961
ISBN (Buch)
9783656376095
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Napoleon, Bonaparte, Napoleonismus, Mythos, Legende, Mythologisierung, Reichardt, Chateaubriand, Hoffmann, Dumas, Grabbe, Napoleonporträt, Napoleon oder die 100 Tage, Vertraute Briefe aus Paris, De Buonaparte, Des Bourbons
Arbeit zitieren
Marc Hoffmann (Autor), 2010, Napoleon Bonaparte als literarisches Spiegelbild von Sehnsüchten, Erwartungen und Verteufelung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208732

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