Der Schneidergeselle Wenzel wird in der Goldacher Gesellschaft mit seinem Mantel durch einen Zufall für einen polnischen Grafen gehalten. Dass die äußere Erscheinung eines Menschen nicht immer zu Tage tritt, wie sie eigentlich ist, zeigt uns der Autor. Der Leser wird in einen Zustand versetzt, bei dem er den Signifikanten nicht mehr in Beziehung zum Signifikat, dem wirklich Seienden findet.
Im Folgen werde ich der Frage nachgehen, inwiefern der Schneidergeselle durch die Gesellschaft in die Rolle eines Grafen versetzt wird. Handelt ihn die Gesellschaft aufgrund seines Scheins oder wirkt Strapinsky aktiv und individuell in der Spannung zwischen Schein und Sein, vielleicht auch mithilfe einer Macht an dem Verlauf der Novelle mit?
Bei der Analyse werde ich zunächst auf die Figur Strapinsky eingehen und seine Entwicklung herausarbeiten. Anschließend untersuche ich die Stadt und das soziale Umfeld Strapinskys, sowie dessen Liebesbeziehung zu Nettchen.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. STRAPINSKYS AUFTRETEN
II.1. Strapinskys Charakterisierung
II.2. „Motivation von hinten“
III. DIE SCHEINWELT
IV. DIE GESELLSCHAFT
V. NETTCHEN ALS FORTUNA
VI. SCHLUSS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis zwischen Schein und Sein in Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“ mit besonderem Fokus auf die Figur des Wenzel Strapinsky. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit Strapinsky durch die Gesellschaft in seine Rolle gedrängt wird oder ob er aktiv an der Gestaltung seiner Identität zwischen Illusion und Realität mitwirkt.
- Analyse der Figur Wenzel Strapinsky und seiner persönlichen Entwicklung
- Untersuchung des sozialen Umfelds und der Rolle der Goldacher Gesellschaft
- Die Funktion der Kleidung als Auslöser für Missverständnisse und Illusionen
- Die Bedeutung von Nettchen als Fortuna-Figur für den Handlungsverlauf
Auszug aus dem Buch
II. 1. Strapinskys Charakterisierung
Der Schneidergeselle Wenzel Strapinsky befindet sich auf einer einsamen Landstraße, völlig mittellos und ohne Gepäck. Er trägt „[...] einen weiten dunkelgrauen Radmantel [...] mit schwarzem Samt ausgeschlagen, der seinem Träger ein edles und romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange schwarze Haare und Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser, aber regelmäßiger Gesichtszüge erfreute.“ (Kleider, S. 3)
Es ist dem Schneider ein Bedürfnis auf sein Äußeres zu achten, er strebt nach einer edlen Optik. Die Weite des Mantels verweist auf Strapinskys Streben nach Individualität, denn im Kontrast zu seinem schlanken Körperbau sucht die Weite des Mantels, Grenzen zu überwinden.5 Es ist kein Übermut, der den Schneidergesellen dazu bringt, sich als jemand auszugeben, der er nicht sein kann. Wenzels Streben nach einem gepflegten Aussehen findet sich in seiner Erziehung begründet. Wenzel erzählt in einer Rückblende von seiner Herkunft:
„Davon hatte sie [seine Mutter] eine feinere Art bekommen als die anderen Weiber des Dorfes und war wohl auch etwas eitel; denn sie kleidete sich und mich, ihr einziges Kind, immer etwas zierlicher und gesuchter als es bei uns Sitte war.“ (Kleider, S. 48)
Wenzel erklärt sein Verlangen nach außerordentlicher Kleidung als eine anerzogene Eigenschaft, die in Form von Eitelkeit hervortritt, eine „Selbstdarstellung“6. Es stecken keine bösen Absichten dahinter und kein Wunsch, sozial aufzusteigen. Dass Wenzel diesen Einschub hervorbringt, ist von großer Wichtigkeit, denn nur so erfährt man seine wahre Identität durch den vorherigen Lebenslauf, eine „´retrospektive Teleologie´“.7 Wenzel entpuppt sich als ein eigenständiges Individuum das einen Sinn für Schönheit hat.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Einführung in die Problematik des Scheins in Kellers Novelle und Darstellung der zentralen Fragestellung bezüglich Strapinskys Handlungsspielraum.
II. STRAPINSKYS AUFTRETEN: Analyse der Charakterzüge des Protagonisten, seiner Herkunft sowie der psychologischen und schicksalhaften Hintergründe seines Verhaltens.
II.1. Strapinskys Charakterisierung: Untersuchung des äußeren Erscheinungsbildes als Ausdruck von Identitätsstreben und als Kontrast zur inneren Bedürftigkeit.
II.2. „Motivation von hinten“: Betrachtung der schicksalhaften Fügungen und des Einflusses einer höheren Macht auf Strapinskys Entscheidungen.
III. DIE SCHEINWELT: Analyse der städtischen Umgebung von Goldach als Kulisse, die Strapinskys Illusion befördert und ihm eine neue Identität zuschreibt.
IV. DIE GESELLSCHAFT: Beleuchtung der Rolle der Goldacher Bürger, die den Schneidergesellen als Projektionsfläche für ihre eigene Unterhaltungslust instrumentalisieren.
V. NETTCHEN ALS FORTUNA: Interpretation der Rolle Nettchens als Schicksalslenkerin, die durch ihr aktives Eingreifen Strapinskys Scheinwelt beendet.
VI. SCHLUSS: Fazit zur Entwicklung Strapinskys und seiner letztendlichen Integration in die bürgerliche Ordnung durch Nettchens Führung.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Kleider machen Leute, Wenzel Strapinsky, Schein und Sein, Poetischer Realismus, Identität, Gesellschaft, Fortuna, Illusion, Schneidergeselle, Goldach, Literaturanalyse, Narration, Schicksal, Bürgertum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Spannungsverhältnis zwischen dem äußeren Schein und der inneren Wahrheit bei der Hauptfigur Wenzel Strapinsky in Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Konstruktion von Identität durch äußeres Auftreten, die Rolle der Gesellschaft als Ermöglicher von Illusionen und die Funktion schicksalhafter Fügungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage untersucht, ob der Schneidergeselle Strapinsky ein passives Opfer gesellschaftlicher Zuschreibungen ist oder ob er aktiv an der Inszenierung seines Scheins teilnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text unter Einbeziehung von Fachliteratur (z.B. zu den Themen Fortuna und Teleologie) interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Charakterisierung der Figur, die Analyse der Scheinwelt von Goldach, das Verhalten der Gesellschaft und die Rolle Nettchens als Fortuna.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Schein und Sein, Identitätsaufbau, soziale Projektion, Fortuna-Ikonographie und die Gattung des Poetischen Realismus.
Warum wird Strapinskys Mantel als zentrales Motiv hervorgehoben?
Der Mantel fungiert als primärer Signifikant, der bei den Goldacher Bürgern erst die Illusion des Grafentums erzeugt und somit die gesamte weitere Handlung in Gang setzt.
Welche Rolle spielt Nettchen am Ende der Novelle?
Nettchen agiert als Fortuna-Figur, die durch aktives Handeln („keine Romane mehr“) die Scheinwelt auflöst und Strapinsky in die bürgerliche Existenz überführt.
- Arbeit zitieren
- Marc Hoffmann (Autor:in), 2009, "Handeln oder gehandelt werden": Im Spannungsverhältnis zwischen Schein und Sein der Figur Strapinsky in Gottfried Kellers ´Kleider machen Leute´, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208786