Brigitte Reimann: Apologetin des System oder Individualistin im Staate?

Exemplarische Analyse eines Reimannschen Privatbriefs unter Bezugnahme des historischen Kontextes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
47 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Brigitte Reimann- eine kurze Biographie

3. Briefe an die Eltern: Reimanns Privatbrief vom
3.1. Privatkorrespondenz
3.1.1. Der Brief als Kommunikationsmedium
3.1.2. Reimann, die Briefeschreiberin
3.2. Historischer Kontext
3.2.1. Bitterfelder Weg
3.2.2. Bau der Berliner Mauer
3.3. Briefanalyse und –interpretation

4. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Brigitte Reimann, Kind der Nachkriegszeit, Bürgerin der DDR, Schriftstellerin im Dienste oder „Lebefrau“ im Wandel der Zeit? In jedem Fall erscheint die Literatin und passionierte Briefeschreiberin im Kontext der nachfolgenden Darstellungen als eine ambivalente Persönlichkeit, welche über den kreativen Weg des Schreibens ihren Gedanken und Meinungen einen ganz eigenen Ausdruck verlieh. Diese Inkohärenz spiegelt sich auch in der Kernfrage wieder, welche versucht eine Antwort darauf zu geben, ob die Künstlerin als Apologetin des Sozialisums in der DDR oder doch als Individualistin im Staate zu betrachten ist. Diese Fragestellung wird anhand einer exemplarischen Analyse eines Reimannschen Privatbriefes unter Berücksichtigung des historischen Kontextes sowie ihres Lebens diskutiert. Hierbei wird aus einer Sammlung von 426 Briefen, Postkarten und Telegrammen, die Reimann ihren Eltern nach Burg schrieb, ein Brief aus dem historisch komplexen Jahr des Mauerbaus ausgewählt. Neben einem biographischen Abriss stellt die Interpretation dieses Privatbriefes vom 19. August 1961 einen besonderen Zugang zur Analyse der Kernfrage dar. Die biographischen Angaben, welchen den äußeren Rahmen der Diskussion verkörpern, legen ihr besonderes Augenmerk auf Reimanns persönliche und berufliche Erfahrungen im realen Sozialismus der DDR. Die privaten und persönlichen Schicksalsschläge, welche sie besonders in ihren Tagebüchern verarbeitet, werden trotz ihres immensen Einflusses aus Reimanns sehr individuellen, emotionalen Charakter nicht expliziter diskutiert.

Das Briefeschreiben als identitätsbildendes Moment für Reimann und Fokus dieser Arbeit wird im zweiten Kapitel zunächst als genereller Kommunikationsakt, später exemplarisch am Brief selbst thematisiert. Im Anschluss daran werden der historische Kontext des Briefs sowie die Kulturpolitik der DDR als Referenzrahmen der Literatin die Briefanalyse und –interpretation einleiten. Ihre zahlreichen Briefkorrespondenzen sowie persönliche Tagebucheinträge sollen den textuellen Zugang zu Reimanns zwiegespaltenen Charakter und ereignisreichen Leben verkörpern. Im Rahmen der nachstehenden Analysen sind dahingehend vor allem folgende Veröffentlichungen zu nennen: Reimanns Briefe an Henselmann Mit Respekt und Vergnügen sowie ihre Tagebücher Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-1963, Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964-1970 und die Briefe an ihre Eltern Jede Sorte von Glück. Briefe an die Eltern, aus denen auch der Briefauszug vom 19.08.1961 stammt. Unterstützend zu diesen schriftlichen Selbstzeugnissen werden außerdem Biographien über die Literatin, so beispielsweise Dorothea von Törnes literaturwissenschaftliche Betrachtung Brigitte Reimann. Einfach wirklich leben herangezogen. Eben diese müssen allerdings aufgrund einer gewissen Autoren-Subjektivität und Stilisierung stets in einem kritischen Licht betrachtet werden, sodass Reimanns persönliche authentische Äußerungen in Briefen und Tagebüchern besonders im Fokus der Arbeit stehen.

Unter Berücksichtigung der gewonnen Ergebnisse aus dem biographischen Abriss und der Briefinterpretation repräsentieren am Ende der Analysen nicht nur die Beantwortung der Leitfrage, sondern auch eine kleine Quellenauswahl zum Thema „Stimmen zum Mauerbau“ das Resümee der Darstellungen. Reimann als eine ganz besondere Stimme der DDR in den 50er und 60er Jahren sagte selbst einst in einem Brief an den Stararchitekten Hermann Henselmann, dass sie zwar keine Märtyrerin sei, aber dennoch etwas in ihrem Leben und dem ihres Umfeldes bewegen wollte: „Ich will Bücher schreiben (…).“[1] Die zwei essentiellen Konstanten in ihrem meist unruhigen Leben wahren demzufolge stets ihre Liebe zum Schreiben und zu ihren Mitmenschen, insbesondere ihren Eltern. Die Frage nach ihrer persönlichen Positionierung als Individualisten oder Apologetin des Systems muss daher stets vor den genannten Horizonten betrachtet werden.[2]

2. Brigitte Reimann – eine kurze Biographie

Am 21. Juli 1933 brachte Elisabeth Reimann, Tochter eines Goldleistenfabrikanten ihr erstes Kind, Tochter Brigitte Reimann zur Welt. Brigitte Reimann, die später bekannt gewordene DDR-Schriftstellerin, wuchs von da an gemeinsam mit ihren Geschwistern Ludwig, Ullrich und Dorothea in der Kleinstadt Burg nahe Magdeburg auf. Ihr Vater Wilhelm Reimann, gelernter Bankkaufmann wurde zehn Jahre später zum Militärdienst eingezogen und kehrte erst im Jahr 1947 zu seiner Familie zurück.[3]

Brigitte wurde in einen politisch äußerst komplexen Kontext, der Machtergreifung Hitlers und den Zweiten Weltkrieg hineingeboren. Bereits früh wurde sie mit dem, von ihr später oft kritisierten Militarismus sowie der damit einhergehenden Zukunftsangst konfrontiert. So schrieb sie noch Jahre später von ihrer Angst vor dem atomaren Aufrüsten und ihr Unverständnis für den Militarismus zur Machtkonsolidierung.[4] Brigitte schien aufgrund dieser Furcht in späteren unzähligen Männerbekanntschaften immer wieder väterliche Zuwendung, Halt und Sicherheit zu suchen.[5]

1947 erkrankte Brigitte an einer Kinderlähmung, welche sie nachhaltig physisch beeinträchtigen sollte. Da sie im Krankenhaus für mehr als 40 Tage in Quarantäne bleiben musste, beschloss das junge Mädchen die Einsamkeit mittels einer Briefkorrespondenz zu Freunden und Familie zu übergehen.[6] Sie betonte dabei vor allem Freundin Irmgard gegenüber, dass sie auch während der Isolation von ihrer Treue und Liebe zu ihren Mitmenschen und zu ihrer Heimat, der DDR, zehren könne. Ihrer Kindheitsfreundin Veralore schrieb Brigitte nach ihrer Entlassung zudem von ihrer Begeisterung für das politisch aktive Leben und Handeln: „Ich persönlich stürze mich von einer Funktion in die andere. (…) bin ich „erster Mann im Staat“, nämlich insofern, als ich den ehrenvollen Posten eines „1. Vorsitzenden der Betriebsgruppe der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft an der Geschwister-Scholl-Oberschule“- (...) - bekleide.“[7] Die Literaturwissenschaftlerin McPherson bestätigt: „Schon früh bildet sich bei Brigitte Reimann das Gefühl eines gemeinsamen Zieles heraus, die Sicherheit, für ein Kollektiv, für und mit Gleichgesinnten zu kämpfen.“[8] Sie sprach in ihren Briefen immer wieder von einem „wir“, von der Kameradschaft und Gleichberechtigung aller Individuen in der DDR. Sie sah sich als treue Bürgerin des Staates und wies sogar Freunde, darunter auch Veralore, daraufhin, sich eine feste politische Meinung anzueignen und sich stets weiter zu bilden.[9] Dennoch und dies ist ein essentieller Punkt in der Charakterisierung der Schriftstellerin, zweifelte sie bereits in ihrer Jugend fast täglich an der Realisierung eigener Vorstellungen und politischer Ideale. Die Liebe zur Literatur, besonders zum Schreiben und darüber zur Teilhabe am aktuellen Geschehen sollten sie dabei für den Rest ihres Lebens prägen und erklärt auch das konsequente Arbeiten an ihrem letzten unvollendeten Roman trotz eines langwierigen Krebsleidens. Nach Abschluss ihres schulischen Werdegangs bewarb sie sich deshalb zunächst auch auf ein Studium der Theaterwissenschaft, nahm dann aber doch das Angebot an, aufgrund des drastischen Lehrermangels in der DDR einen Lehrgang für Neulehrer zu besuchen. Nach kurzer Zeit beschloss sie aber, sich fortan ganz dem Schreiben zu widmen.[10] In jenen Zeitraum fiel auch ihre erste Ehe mit Günter D., den sie meist Pirat nannte. Nach einer turbulenten Ehe, gekennzeichnet durch Gewalt, Gefängnisaufenthalt und Alkoholsucht ihres Ehemanns, lies sich Brigitte 1958 scheiden. Während dieser Ehe hatte sie nach einer Fehlgeburt einen Selbstmordversuch unternommen, der sie im weiteren Lebensverlauf immer wieder verfolgte.[11] In diesem Kontext war die zunehmende Arbeit mit anderen Literaten und Verlagsarbeitern eine Art besonderer Rückzugsort, sodass die Aufnahme in den Deutschen Schriftstellerverband 1956 nur einen weiteren Meilenstein auf ihrem literarischen Lebensweg repräsentiert. Bereits ein Jahr zuvor hatte sie in ihrem Tagebuch vermerkt: „ (…) ich (…) will mein ganzes Leben nur diesem einen Ziel widmen: auf dem Weg über die Literatur den Menschen helfen (…).“[12] Dieses Zitat verdeutlicht ihre beständige Liebe zur Menschheit und dem kollektiven Ideal des Sozialismus. Dennoch sollte auch sie individuelle Rückschläge erleben, welche sie immer wieder an der Realisierung des Sozialismus zweifeln ließen. Ein charakteristisches Erlebnis, welche sich hier einreihen lässt, war das Zusammentreffen mit dem Staatssicherheitsvertreter Kettner im Jahr 1957. Seine Absicht war es, die Literatin aufgrund ihres interessanten literarischen Umfeldes für eine Zusammenarbeit zu gewinnen.[13] Tatsächlich ließ sich Brigitte von Kettner zu einer Kooperation überreden. In ihrem Tagebuch schrieb sie, für die „(…) gute, saubere Sache des Sozialismus (…)“[14] einstehen zu wollen, dennoch sei die Bespitzelung ihrer eigenen Literaten-Kollegen gänzlich abzulehnen. Reimann war durchaus bereit, Unzulänglichkeiten und Missstände der Gesellschaft zu melden. Für den Rezipienten ihrer Erklärung bleibt aber die explizite Definition der sogenannten zu meldenden Unzulänglichkeiten offen.[15] Der steigende Druck, welcher von nun aufgebaut wurde, ließ die emotional labile Schriftstellerin zweifeln und unter schweren Depressionen leiden. Das ambivalente Verhältnis zur Staatssicherheit verstärkte sich im Dezember 1957, da Brigitte wegen einer Verhaftung ihres Ehemanns auf eine Gegenleistung angewiesen war.[16] In diesem Zeitraum lieferte sie unter anderem schriftliche Berichte über die Autoren Manfred Bieler, Hein Kahlau und Jens Gerlach.[17] So vertraute sie auch ihrem Tagebuch an, dass sie Angst habe: „ (…) wenn die Staasi es darauf anlegt, kann die mir Staatsverleumdung anhängen. Mir - zum Teufel: mir, die ich den Sozialismus, unsere Idee, liebe, so ehrlich wie nicht viele andere (…).“[18] Hierin spiegelt sich nicht nur ihre Furcht, sondern auch ihre tiefe Verbundenheit zum Sozialismus. Nach zwei Aussprachen zwischen ihr und Vertretern der Staatssicherheit, in denen sie stark unter Druck gesetzt wurde, schien sich 1958 dieses Problem aber vorerst gelegt zu haben.[19] Bereits 1955 hatte sie in ihrem Tagebuch betont, dass es ihr und dem Menschen per se stets um die „(…) Freiheit im Geiste und im täglichen Leben (…)“[20] gehen müsse, weshalb die Kettner-Affäre einen bleibenden Negativeindruck gegenüber der DDR und ihren Funktionären hinterließ.

Im gleichen Jahr lernte sie ihren zukünftigen Lebenspartner, den Schriftsteller Siegfried Pitschmann, von ihr Daniel genannt, kennen.[21] Gemeinsam mit ihm begab sie sich im Zuge der kulturpolitischen Bewegung Bitterfelder Weg [22] 1960 in die Industriestadt Hoyerswerda, in welcher sie das Leben der Arbeit im Kombinat der „Schwarzen Pumpe“ näher kennenlernte. 1960 war neben dieser beruflichen Veränderung aber auch ein, in privater Hinsicht aufregendes Jahr, da ihr Bruder Lutz mit seiner Frau und dem gemeinsamen Kind in den Westen floh. So schrieb Brigitte in ihrem Tagebuch zwar, dass er an den Sieg des Sozialismus glaube, aber die Handhabe bestimmter Funktionäre nicht für tragbar hielte.[23] Trotzdem konnte sie das Verhalten ihres Bruders nicht nachvollziehen, da der Sozialismus für sie die einzige vernünftige Möglichkeit ihrer Lebensumwelt darstellte. Bereits hier deutete sie an, was sie nur wenige Jahre später in ihrem Roman Die Geschwister tatsächlich realisierte, die Literarisierung der „(…) Tragödie unserer zweier Deutschland.“[24], der Spaltung von Familien, Freunden und Ansichten über den Staat sowie der lang anhaltenden Kluft zwischen den beiden Reimann-Geschwistern. Der Roman Ankunft im Alltag erbrachte Reimann bereits 1961 den ersten großen Erfolg und sie rückte mit dieser puristischen gegenwartsorientierten Erzählung zu einer Vorzeigefrau und DDR-Starautorin auf.[25] Nur vier Jahre später beschrieb Brigitte allerdings die voranschreitende Abwendung vom Bitterfelder Weg, da die Vereinigung der intellektuellen Künstlergarde und des Arbeiterkollektivs nicht die erwünschten Ergebnisse brachten. In dem Zusammenhang verurteilte sie besonders stark die Funktionalisierung und Instrumentalisierung der Literaten zu einer Erziehung der Jugend, insbesondere aber Ulbricht selbst, der den Künstlern Mitte der 60er zunehmend Kritik entgegen brachte: „Dieser Mann (W. Ulbricht; M.S.) ist von Machtrausch besessen, er läßt keine Meinung gelten außer der seinen, er ist ein Demagoge, der falsch und verlogen argumentiert (…).“[26] Die Schriftstellerin nahm besonders in diesem Jahr die zunehmende Unvereinbarkeit vom sozialistischem System und der Realität wahr: „(…) allmählich sehe ich das Problem komplex. Neben der Orgie an Bürokratismus ist die Unfähigkeit unserer Funktionäre schuld (…).“[27] Auch ihre Ehe mit Daniel, welche 1964 geschieden wurde, hatte Reimann zunehmend belastet, sodass sie sich dem, im Zirkel kennengelernten Jon K. zuwendete und ihn ein Jahr später heiratete.

1965 berief Ulbricht bezeichnenderweise bekannte DDR-Schriftsteller, darunter auch Reimann, ein, um gegenwärtige Probleme der literarischen Repräsentation der DDR zu diskutieren. Brigitte empfand diese Besprechung rückblickend als Diffamierung, da die Literaten zu Schuldigen jugendlicher Verkommenheit erklärt worden waren.[28] „Andererseits muß ich der Partei in einigen‚ Grundfragen‘ Recht geben, das ist nicht anders möglich für jemanden, der den Sozialismus bejaht. Nur über die Machart bitte sehr, möchte ich nachdenken und streiten und streitend schreiben dürfen.“[29] Reimanns aufkeimende ambivalente Haltung zum sozialistischen System, wie es in der DDR besonders seit Mitte der 60er Jahre umgesetzt wurde, spiegelt sich auch in dem posthum veröffentlichten Linkerhand -Roman wieder. Das 13. Kapitel, welches sie sowohl unter schwerer physischer Beeinträchtigung als auch größter emotionaler Wirrung kurz vor ihrem Tod 1973 verfasste, wurde zum Spiegel politischer Anklagen über inhumane Ungerechtigkeiten in der DDR. Brigitte wollte sich nicht länger der eigens, aber auch vom Staat auferlegten Zensur hingeben. Bereits viele Jahre zuvor hatte sie ihrer Freundin Irmgard von dem „Krieg mit den Lektoren“[30] geschrieben, dem sie sich stets ausgesetzt sah. Ihrem Briefkorrespondent Henselmann beschrieb sie 1966 ebenfalls ihre Unsicherheit, da sie der Roman an ihre eigenen Grenzen zwischen kritischer Meinung und Treue zum Staat brächten.[31] In Hinblick auf die zu Anfang erläuterte Frage erscheinen demnach nicht nur die beiden Jahre 1964 und 1965 als individuelle Zäsur erwähnenswert, sondern die generelle Entwicklung ab Mitte der 60er, darunter auch das Jahr 1968 mit dem Einmarsch der 5-Pakt-Staaten in die CSSR. Margrid Bricken spricht diesbezüglich von einer reimannschen Desillusionierung, die neben privaten Problemen auch ihre „(…) soziale Verwurzelung in ‘diesem Land‘ DDR und die Solidarisierung mit ‘seiner Regierung‘ (…).“[32] zunehmend brüchig erscheinen lassen. Die schockierte Reaktion auf den Einmarsch spiegelt sich auch in ihren Tagebüchern wieder: „DDR-Sender berichten nichts (…) verlogenes Geschwätz (…) Unfaßbar, daß immer noch, immer wieder mit diesen Methoden des Stalinismus gearbeitet wird.“[33]

Die sichtbare Enttäuschung über Versprechen und Schwur der Ideale der DDR sind ein Kernaspekt der Brigitte Reimann, wie sie sich Ende der 60er Jahre zeigte. Die zunehmende Abwendung vom Sozialismus, wie er in der DDR mittels Bespitzelung, Zäsur und Kontrolle realisiert wurde, erlebte sie mehr und mehr als restriktiv. In den Zeitraum fallen auch der Umzug nach Neubrandenburg, ihre Krebsdiagnose sowie die Scheidung von ihrem Ehemann Jon K. In einer Berliner Klinik lernte die, von der Krankheit und beruflichen Rückschlägen gezeichnete Brigitte 1970 ihren vierten Mann Arzt Rudolf Burgartz kennen. Nach unzähligen Krankheitsschüben, Bestrahlungen und Schwächeanfällen erlag sie ihrem Leiden am 20. Februar 1973 in einem Berliner Krankenhaus. Ein Jahr später wurde ihr unvollendeter Roman Franziska Linkerhand posthum in einer zensierten Version mit circa 100 gestrichenen Szenen bzw. Anmerkungen veröffentlicht.[34]

3. Briefe an die Eltern: Reimanns Privatbrief vom 19.08.1961

3.1 Privatkorrespondenz

3.1.1 Der Brief als Kommunikationsmedium

Der Brief als schriftliches Kommunikationsmittel und Selbstzeugnis wird seit dem 12. Jahrhundert in seiner heutigen Bedeutung als persönlich adressiertes Schriftstück gebraucht: „Briefe sind schriftliche, meist ausführliche und verschlossen übersandte Mitteilungen.“[35] Die Kommunikation findet dabei stets zwischen einem Absender und Empfänger statt, sodass sich ein dialogischer Charakter ergibt und in einer längeren Briefkorrespondenz beide Rollen wechseln. Die zumeist räumliche Trennung, welche herbei überbrückt werden soll, war besonders in den vorangegangenen Jahrhunderten ohne die heute omnipräsenten neuen Medien wie Telefon, Fernsehen, etc. ein bedeutsamer Anlass zum Briefeschreiben. Generell handelt es sich folglich bei einem Brief um eine besondere Form der Kommunikation, da diese indirekt, schriftlich fixiert und zeitverzögert stattfindet. Markante Merkmale sind neben der äußeren Form (Papier, Schrift, Stempel etc.) der innere Aufbau, wie beispielsweise die Grußformeln zu Beginn und am Ende sowie eine eindeutige Abtrennung zwischen Anrede, Briefinhalt und Schlussabschnitt. In dem Kontext sei auch auf die differenten Titel oder Anredeformen, wie „Sehr geehrter“ oder „Liebe“ verwiesen, da diese ein verbalisierter Indikator für die jeweilige soziale Stellung sowie Beziehung der beiden Kommunikationspartner sind.[36]

Hinsichtlich einer Unterscheidung in verschiedene Briefarten seien neben dem nachfolgend analysierten Privatbrief der offizielle Brief sowie der Geschäftsbrief zu nennen. Im Gegensatz zum Privatbrief, welcher aufgrund des vertrauten Verhältnisses zwischen Absender und Empfänger Stimmungen, Meinungen, Beweggründe und Erlebnisse widerspiegelt, enthält ein Geschäftsbrief, der in der Quellengattung häufig den Akten zugeordnet wird, zumeist sachliche Informationen. Der offene Brief, welcher keinerlei Privatsphäre reflektiert, richtet sich dahingegen meist an zwei Adressaten, zum Beispiel an eine Institution und die dahinter stehende Person oder er entsteht als eine Art Leserbrief, welcher eine allgemeine Bedeutung für jeden Lesenden widerspiegelt.[37]

Neben der Differenzierung der Briefart, wie Pandel sie charakterisiert, lassen sich außerdem drei Hauptfunktionen des Inhaltes unterscheiden. Die sachorientierte Form, welche einen reinen Informationstransport darstellt, beschreibt die informative Funktion. Die partnerorientierte Intension spiegelt den Willen des Absenders wider, seinen Empfänger zu beeinflussen, sei es in Form eines Wunsches, einer Forderung, einer Bitte oder anderem. Als letzte Funktion nennt Pandel die Selbstäußerungsfunktion, welche besonders im Rahmen des später zu analysierenden Reimann-Briefes essentiell ist. Der Absender möchte hierbei Gefühle, Gedanken und Meinungen mitteilen. Hierbei sind die Individualität und der Charakter des Schreibenden besonders transparent.[38] Beachtenswert ist, dass sowohl Sach-, Emotions- und Beziehungsinformationen im Brief generell durch die Schrift verbalisiert werden, die Gestaltung und der Ausdruck dieser Äußerungen aber die Reaktion des Empfängers beeinflussen können. Der Produzent ist somit in der Lage, eine eigene Identität im Schreibprozess zu konstruieren, wobei die Rezeption des Briefes je nach Gemüt, Einstellung, Perspektive und Charakter des Empfängers subjektiv interpretiert werden kann.[39] In dem Zusammenhang erscheint besonders der Privatbrief als ein wichtiges Element der individuellen persönlichen Mentalitätsgeschichte, welche Stimmungen und Meinungen einzelner Personen im historischen Kontext reflektiert, so beispielsweise Reimanns Brief im Kontext des Mauerbaus. Zudem sind besonders die Informations- und Selbstäußerungsfunktionen unabdingbare Konstanten in der Rezeption von Privatbriefen. Der Brief kann außerdem oft als Glied einer längeren Korrespondenz zwischen zwei oder mehreren Kommunikationspartner auftreten, welche Rückantworten und Interferenzen bei der Interpretation des jeweiligen Einzelbriefes nicht außer Acht lassen darf.[40] Dies ist ein fundamentaler Beweggrund, neben Reimanns Privatbrief auch andere ausgewählte Tagebucheinträge und Briefkorrespondenzen in die nachfolgende Interpretation mit einzubeziehen.

Eine Besonderheit des Privatbriefes kann dessen absichtlich literarisierte Form sein, welche unter dem Deckmantel biographischer Literatur und der Vermischung mit fiktiven Äußerungen einen äußerst subjektiven interpretatorischen Zugang der Briefanalyse nach sich zieht. Es kann sich hierbei einerseits um posthum veröffentlichte Briefsammlungen von Literaten, wie beispielsweise Reimann handeln, andererseits auch um vom Autor selbst herausgegebene Briefeditionen.[41] In jedem Fall muss in eine Interpretation und Rezeption derart literarisierter Briefkorrespondenzen stets die Möglichkeit einer Briefzensur oder anderer intendierter Beweggründe der inhaltlichen Strukturierung integriert werden.[42]

3.1.2 Reimann, die Briefeschreiberin

Durch das Schreiben gelang es Reimann ihren Gefühlen, Meinungen und Ansichten ein textuelles Bild zu geben, eine Reflexionen dessen, was sie im Kontext eines individuellen wie sozio-kulturellen Wandels tatsächlich spürte. Ihre Privatbriefe spiegeln nicht nur das Privatleben und ihren Alltag wieder, sondern bedienen sich auch einem äußerst individuellen Sprachstil.[43] Darüber hinaus schöpfte sie durch das Tagebuchschreiben als ein besonderes identitätsbildendes und reflexives Moment die Kraft für ihre eigene oft emotionale, körperlich wie psychische Zerrissenheit. Ihr vertrauensvolles Verhältnis zu jenem individuellen Artefakt spiegelt sich in dem freien nicht literarisierten Schreibstil des Tagebuchs wieder, der sich in einigen formalen Punkten von den unzähligen Briefen unterscheidet.

Hinsichtlich ihrer familiären Briefkorrespondenz bleibt zu erwähnen, dass Reimann anfangs wöchentlich, später in größeren Abständen über ihren neuen Arbeits- und Lebensort Hoyerswerda berichtete. Sie fütterte damit auch die Familienrundbriefe des Vaters, die dieser aus den Briefen seiner vier Kinder zusammenstellte. Die Schriftstellerin unterhielt aber nicht nur einen regen Briefkontakt zu ihren Eltern sowie Geschwistern, sondern auch zu Freunden und Kollegen. Sie hatte demnach für unterschiedliche Aspekte ihrer Arbeits- und Lebenswelt verschiedene Korrespondenzpartner, die sie in ihre Belange mit einbezog.[44] So hielt sie beispielsweise sechs Jahre Kontakt zu ihrer Freundin aus Kindertagen Veralore Schwitz. Das wohl vertrauensvollste Briefverhältnis allerdings hatte Reimann zu ihrer langjährigen Freundin Irmgard Weinhofen, die 1962 nach Amsterdam gezogen war. Besonders diese Korrespondenz muss in dem Bewusstsein einer möglichen Zensur betrachtet werden. Ein weiteres freundschaftliches Briefverhältnis hatte Reimmann darüber hinaus zu dem Künstler Dieter Dreßler, mit dem sie eine zunehmend kritischere Einstellung gegenüber der DDR und ihrer Kulturpolitik teilte. Außerdem schrieb Brigitte während ihres Krebsleidens ihrer Kollegin, Leidensgenossin und Präsidentin des Schriftstellerverbandes Anna Seghers sowie der Literatin Christa Wolf, mit welcher sie sich besonders nach 1963 über ihr Schaffen austauschte. Des Weiteren sammelte sie im Briefkontakt mit Hermann Henselmann, einem bekannten Architekten in der DDR, Informationen für ihren Roman Franziska Linkerhand.[45]

Die Schriftstellerin verfasste ihre Briefe augenscheinlich nicht in dem Gedanken, sie später als Edition zu veröffentlichen, weswegen sie sich in den privaten Briefen ihren Selbstzweifeln und Schwächen nahezu sorglos hinzugeben scheint. Auch Hannelore Schlaffer charakterisiert Reimanns Privatbrief als von einem spontanen Ausdrucksstil und einer natürlichen Alltagssprache gekennzeichnet.[46] Es ist davon auszugehen, dass Reimann die Briefe ihrem Wesen entsprechend, intuitiv schrieb und aufgrund mangelnder anderer medialer Kommunikationsformen allein zum Meinungsaustausch nutzte. Auch wenn sie nicht an deren spätere Veröffentlichung dachte, war sie sich doch einer möglichen Kontrolle durch die Staatssicherheit bewusst.[47] Innerhalb dieses Kontextes muss auch erwähnt werden, dass das Ministerium für Staatssichert nach Reimanns Tod die Rechte für das Manuskript von Franziska Linkerhand sowie ihre letzten Tagebücher aufkaufte. Möglicherweise unterlagen neben dem Roman auch die Tagebücher selbst einer zensierenden Nachbearbeitung.[48]

[...]


[1] Reimann/ Henselmann (2001), S.52-53 (08.05.1965).

[2] Vgl. www.brigittereimann.de, [27.12.2011, 09:44 Uhr]

[3] Vgl. Törne (2001), S.7-9.

[4] Reimann (2001), S.151.(06.06.1965)

[5] Vgl. Törne (2001), S.13.

[6] Vgl. Törne (2001), S.17.

[7] Vgl. Reimann (1999), S. 31-32 (21.05.1950´).

[8] Vgl. McPherson (1998), S.143.

[9] Vgl. Törne (2001), S.23-24.

[10] Vgl. Törne (2001), S.32-33.

[11] Vgl. Törne (2001), S.42.

[12] Reimann (1983), S.27 (24.10.1955).

[13] Vgl. Bonner (1998), S.88.

[14] Vgl. Reimann (2000), S.73 (28.09.1957).

[15] Vgl. Törne (2001), S.67.

[16] Vgl. Bonner (1998): S. 90

[17] Vgl. Bonner (1998): S. 91-92.

[18] Reimann (2003), S.56. (18.06.1956)

[19] Vgl. Bonner (1998), S. 94-95.

[20] Reimann (2003), S. 18 (24.10.1955)

[21] Vgl. Törne (2001), S.89.

[22] Diese Entwicklung der Kulturpolitik wird im zweiten Kapitel zur Kontextualisierung des ausgewählten Privatbriefes noch näher erläutert.

[23] Vgl. Reimann (2000), S.140 (29.04.1960).

[24] Reimann (2000), S.140 (29.04.1960).

[25] Vgl. Krenzlin (1998), S.129.

[26] Reimann (2000), S. 267/268 (02.12.1962).

[27] Reimann (2001), S.44 (17.06.1964).

[28] Vgl. Gottlieb (1999), S.151.

[29] Reimann/Weinhofen (2003), S.109 (06.11.1966).

[30] Reimann/Weinhofen (2003), S.64 (05.10.1962).

[31] Vgl. Reimann/Henselmann (2001), S.55 (02.03.1966).

[32] Bircken (1998), S.31.

[33] Reimann (2001), S.214 (21.08.1968).

[34] Vgl. Törne (2001), S.290-291.

[35] Pandel (2006), S.41.

[36] Vgl. Pandel (2006), S.44.

[37] Vgl. Pandel (2006), S.45.

[38] Vgl. Pandel (2006), S.44-45.

[39] Vgl. Schmalfuß-Pflicht (2011), S.4.

[40] Mauelshagen (2005), S.421.

[41] Vgl. Schmalfuß-Pflicht (2011), S.5.

[42] Vgl. Pandel (2006), S.46.

[43] Vgl. Mauelshagen (2005), S.418.

[44] Vgl. Schmalfuß-Plicht (2011), S.48.

[45] Vgl. Schmalfuß-Plicht (2011), S.11-17.

[46] Vgl. Schlaffer (1997), S.36.

[47] Vgl. Schmalfuß-Plicht (2011), S.51-52. Verfasser und Empfänger haben ihre Schreiben diesen Annahmen angepasst, da sie im Lesen zwischen den Zeilen zunehmend geschult waren.

[48] Vgl. Bonner (1998), S.98-99.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Brigitte Reimann: Apologetin des System oder Individualistin im Staate?
Untertitel
Exemplarische Analyse eines Reimannschen Privatbriefs unter Bezugnahme des historischen Kontextes
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
47
Katalognummer
V208906
ISBN (eBook)
9783656363583
ISBN (Buch)
9783656363934
Dateigröße
10529 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
brigitte, reimann, apologetin, system, individualistin, staate, exemplarische, analyse, reimannschen, privatbriefs, bezugnahme, kontextes
Arbeit zitieren
Claudia Könitzer (Autor), 2012, Brigitte Reimann: Apologetin des System oder Individualistin im Staate?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208906

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