Der Aufruf „An die Kulturwelt“/manifest der 93: Motive und spätere Rezeption einiger Unterzeichner


Hausarbeit, 2012
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I.Einleitung

II.Max Planck
1) Motive
2) Widersprüche zwischen geistiger Haltung und Unterzeichnung
3) Wandel der Meinung und Rezeption des Manifests

III.Gerhart Hauptmann
1) Motive
2) Widersprüche zwischen geistiger Haltung und Unterzeichnung
3) Wandel der Meinung

IV.Ludwig Fulda
1) Motive
2) Widersprüche zwischen geistiger Haltung und Verfassung des Manifests
3) Wandel der Meinung und Rezeption des Manifests

V.Resümee

VI.Quellen- und Literaturverzeichnis

I.Einleitung

Der Aufruf „An die Kulturwelt“, auch Manifest der 93 genannt, entstand 1914 durch die Zusammenarbeit des Bühnenautors Ludwig Fulda, der den Text verfasste, Herrmann Sudermann, der diesen in Absprache mit Fulda überarbeitete und dem dichterisch ambitionierten Bürgermeister von Berlin, Georg Reicke, der dem Text seine Thesenform gab.[1] Im sogenannten „Krieg der Geister“ entstanden während dem Ersten Weltkrieg massenhaft Gedichte, Schriften und Aufrufe, doch kein Aufruf aus dem Deutschen Reich wurde im Ausland so oft und so negativ rezipiert wie dieser. Er wurde allgemein als Bekenntnis der deutschen Intellektuellen zum Militarismus bekannt und als solches geschmäht und verachtet. In diesem Manifest leugneten die Verfasser die Gräueltaten deutscher Soldaten an belgischen Zivilisten, behaupteten, der Krieg sei für Deutschland ein Verteidigungskrieg und stellten den Militarismus als einen nicht abtrennbaren Teil der deutschen Kultur dar. Doch was bewegte so viele deutsche Intellektuelle zu dieser Zeit, diesen chauvinistischen und die Wahrheit verdrehenden Aufruf zu unterzeichnen? Und wie rezipierten sie später das Manifest?

Diesen Fragen soll in der nachfolgenden Arbeit anhand einer Auswahl von drei Zeugen, die repräsentativ für die Unterzeichner in ihren Meinungen und späteren Verhaltensweisen in Bezug auf das Manifest stehen, nachgegangen werden. Die ausgewählten Zeugen sind Ludwig Fulda, der Verfasser des ursprünglichen Textes selbst, der berühmte Physiker Max Planck und der Dichter Gerhart Hauptmann. Diese Auswahl kann damit begründet werden, dass sowohl Planck als auch Hauptmann ihre Unterschrift auf telegraphischem Weg gaben, ohne vorher den Text des Aufrufs gelesen zu haben und somit repräsentativ für einen großen Teil der Unterzeichner sind, wie eine Umfrage des Journalisten Hans Wehberg nach dem Krieg ergab. Es wurden viele Unterschriften auf dem telegraphischen Weg eingeholt, der genau Text war diesen Unterzeichnern unbekannt. Es wurde ihnen lediglich gesagt, es handle sich um einen „Protest gegen Auslandslügen“. Außerdem wurden bedeutende Namen anderer Unterzeichner genannt, um den Angeschriebenen für eine Unterschrift zu gewinnen.[2]

Auch die Verschiedenheit der späteren Rezeptionen des Manifests gibt bei diesen drei Zeugen einen repräsentativen Überblick über die Rezeptionen der restlichen Unterzeichner. So hielt Fulda an der Idee des Aufrufs fest, während Planck sich später davon distanzierte und Hauptmann dazu schwieg.

Eine Untersuchung der Motive der Unterzeichner kann Aufschluss über die Denkweisen der damaligen Zeit geben und ist somit ein wichtiges Mittel, um die Ideologie, die im Deutschen Reich unter Kaiser Wilhelm II. vorherrschte, besser verstehen zu können. Dagegen gibt die Untersuchung der Widersprüche innerhalb der Charaktere Aufschluss darüber, wie sehr oktroyierte Werte die Meinung des Einzelnen beeinflussten. Eine genaue Betrachtung der späteren Rezeptionen des Manifest durch die einzelnen Unterzeichner ermöglicht zusätzlich einen Einblick, wie für die Gewinnung von Unterschriften berühmter Personen manipuliert wurde und wie die jeweiligen Personen nach Aufdeckung des Betrugs darauf reagierten. Im Folgenden sollen nun diese drei Untersuchungen anhand der oben genannten Zeugen durchgeführt werden

II.Max Planck

1)Motive

Als Deutschland Ende Juli 1914 seine Beteiligung am Krieg bekannt gab, ließ sich auch Planck von der allgemeinen Kriegsbegeisterung hinreißen. Schon immer war er patriotisch eingestellt gewesen und dem Kaiser gegenüber loyal. Er freute sich in den Briefen an seinen Sohn Erwin, der als Soldat an der Westfront war, stets über die deutschen Erfolge im Krieg.[3] Allerdings sah er dem Krieg nicht nur positiv entgegen, er erkannte auch dessen Gefahr und dass es „vielleicht sogar um die Existenz des Vaterlandes gehen wird“.[4]

Die patriotische Einstellung Max Plancks, die ihn wohl auch zur Unterzeichnung des Aufrufs nötigte, zeigte sich jedoch besonders zu Beginn des Krieges, als er in einer Rede vom 3. August 1914 in Berlin zur jährlichen „Feier des Stifters der Friedrich-Wilhelms-Universität“ von der „Gewissenhaftigkeit und Treue“[5] redete, mit der jeder seine vom Schicksal auserwählte Rolle erfüllen müsse. Er erklärte, dass dies sowohl für die Soldaten, als auch für die Wissenschaftler gelte. Diese Rede zeugte von einem für die damalige Zeit typischen Sittenkodex, der durch Erziehung und Tradition vermittelt wurde, in dem die Treue gegenüber der Familie, Gott und dem Vaterland hochgehalten wird. Für Planck waren diese Aspekte genauso wichtig wie seine Treue gegenüber der Wissenschaft.[6]

So tolerant Planck sich auch gab und so sehr er auch fremde Meinungen respektierte, seine Toleranz war stets diesem Kodex unterstellt und so stellten die Angriffe der Entente-Propaganda auf das deutsche Heer und den deutschen Kaiser wohl auch persönliche Beleidigungen für ihn selbst dar. Diese Identifikation mit dem Deutschen Reich und dem Kaiser und die bedingungslosen Treue gegenüber der vom Kaiser propagierten Werte machte ihn - entgegen seiner eigenen Vorstellung – zu einem sehr politischen Menschen. Seine Empfindung der eigenen Überparteilichkeit, die übrigens viele seiner Wissenschaftler-Kollegen teilten, war, wie Gustav Radbruch es treffend ausdrückte, „die 'Lebenslüge' des Obrigkeitsstaates“[7].

Ein weiterer Beweis für Plancks unverbrüchliche Treue zum Vaterland war, dass er seine Kinder in den Kriegsdienst ziehen ließ: Seine Töchter Emma und Grete meldeten sich sofort nach Kriegsausbruch für den Dienst im Lazarett, während sich seine Söhne Erwin und Karl für den Dienst an der Front einschrieben. Planck begrüßte diesen Einsatz für das Deutsche Heer in mehreren Briefen. Sein Sohn Erwin diente an der Westfront in Belgien, bis er am 7. September 1914 in französische Kriegsgefangenschaft geriet. Bis dahin hatte zwischen Vater und Sohn ein reger Briefwechsel geherrscht. Bei allem Patriotismus war Planck nämlich auch voller väterlicher Sorge um sein Kind.[8] So mag die Stationierung seines Sohns Erwin in Belgien ebenfalls ein Grund für die Unterzeichnung des Aufrufs gewesen sein, denn ein großer Teil der „Auslandslügen“, gegen die die Verfasser des Manifests - laut der telegraphischen Nachricht an Planck - protestieren wollten, befassten sich mit den Kriegsverbrechen der deutschen Soldaten in Belgien. So mag es für Planck, sowohl aus patriotischen Gründen, als auch aus väterlichen Pflichtgefühlen, eine Selbstverständlichkeit gewesen sein, einem Protest gegen diese Anschuldigungen seine Unterschrift zu geben.

2)Widersprüche zwischen geistiger Haltung und Unterzeichnung

Planck war im Ausland ein berühmter und anerkannter Wissenschaftler. Er gehörte zu fast allen europäischen Wissenschaftsgesellschaften als Ehrenmitglied, womit seine internationalen Beziehungen sich sehr weitläufig gestalteten. Diese Beziehungen trugen jedoch von der Unterzeichnung des Manifests einen erheblichen Schaden davon, was sicher nicht in Plancks Interesse gelegen hatte, denn ihm ging die internationale Zusammenarbeit in der Wissenschaft über jegliche Auseinandersetzungen zwischen den Völkern.[9]

Auch der offene Chauvinismus im Manifest passte nicht direkt zur Haltung Plancks, der zwar sehr patriotisch war und ein starkes Nationalgefühl besaß, aber dennoch andere Völker respektierte und anerkannte. Dies zeigte sich, als es in der Preußischen Akademie um die Verleihung des Steiner-Preises ging: Zwei italienische Aufsätze wurden als die besten befunden und sollten damit gekürt werden, wogegen sich allerdings in einer Sitzung am 20. Mai 1915 mehrere Mitglieder der Akademie aussprachen, da Italien zu diesem Zeitpunkt dabei war, sich den Alliierten anzuschließen. Planck jedoch verhinderte einen Ausschluss der italienischen Kollegen, da nach seiner Meinung die Auszeichnung einer weniger guten Arbeit allein aus Gründen der Nationalität undenkbar war.[10]

3)Wandel der Meinung und Rezeption des Manifests

Planck hatte wohl - wie viele weitere Unterzeichner - den Wortlaut des Aufrufs erst nach der Veröffentlichung erfahren. Er versuchte daraufhin, seine Unterschrift in verschiedener Weise zu erklären. Erst entschuldigte er sich im privaten Bereich bei vielen seiner ausländischen Wissenschaftskollegen, um die abgebrochenen Beziehungen wiederherzustellen. Lise Meitner, eine berühmte österreichisch-schwedische Kernphysikerin, ließ daraufhin verlauten, Plancks Unterschrift sei ohne sein Zutun auf das Manifest gekommen.[11] Doch diese Erklärung war Planck anscheinend zu wenig, deshalb wandte er sich in einem offenen Brief an den Physiker Hendrik Lorentz, der am 12. April 1916 im Rotterdamer „Handelsblad“ veröffentlicht wurde.[12]

In diesem Brief bezeichnete er das Manifest als einen Ausdruck der „patriotischen Erregung der ersten Kriegswochen“[13] und machte deutlich dass der kategorische Wahrheitsanspruch des Manifests nicht gegeben sei. Allerdings sah er diesen Wahrheitsanspruch nur als eine schlecht formulierte Formsache an oder als ein Vergreifen im Ton, weniger als einen grundlegenden Irrtum. Weiterhin bekräftigte er, dass die deutschen Intellektuellen stets hinter dem deutschen Heer stehen würden, wenn sie auch nicht „für jede einzelne Handlung eines jeden Deutschen (…) einstehen“[14] könnten. Planck bezeichnete in diesem Brief jedoch in keiner Zeile den Inhalt des Manifests als falsch, sondern nur seine anmaßende Form. Er gab auch zu verstehen, dass nach dem Krieg die Schuldfrage eingehend und objektiv geprüft werden müsse, er jedoch keinen Zweifel an der Unschuld Deutschlands habe. Der Brief schließt mit einem für Planck typischen Ausspruch, nämlich dass kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit stets wichtiger sei, als Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Staaten und Respekt vor den Angehörigen eines feindlichen Staates auch mit Patriotismus und Liebe für das eigene Land zu vereinen sei.[15]

[...]


[1] Bernhard vom Bro und der Zusammenbruch der internationalen Gelehrtenrepublik im Ersten Weltkrieg. In: William M. Calder (Hrsg.): Wilamowitz nach 50 Jahren. , Darmstadt 1985, S. 662

[2] William M. Calder (Hrsg.): Wilamowitz nach 50 Jahren., S. 661

[3] Astrid v. Pfufendorf: Die Plancks. Eine Familie zwischen Patriotismus und Widerstand, Berlin, 2006, S. 73 ff.

[4] Pfufendorf: Die Plancks, S. 68

[5] Zit. in: Pfufendorf: Die Plancks, S. 67

[6] Pfufendorf: Die Plancks, S. 67

[7] Fritz Stern: Max Planck. Größe des Menschen und Gewalt der Geschichte, in: Stern, Das feine Schweigen, München, 1999, S.46

[8] Pfufendorf: Die Plancks, S. 75 ff.

[9] Stern: Planck, S. 71

[10] Armin Herrmann: Max Planck in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbeck bei Hamburg, 1980, S.52

[11] Pfufendorf: Die Plancks, S. 71

[12] Herrmann: Planck, S.54

[13] Zit. in: Wolfgang u. Jürgen Ungern-Steinberg: Der Aufruf „An die Kulturwelt“. Das Manifest der 93 und die Anfänge der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg, Stuttgart, 1996, S. 72

[14] Zit. in: Ungern-Steinberg: Der Aufruf „An die Kulturwelt“, S. 72

[15] Ungern-Steinberg: Der Aufruf „An die Kulturwelt“, S. 72

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Aufruf „An die Kulturwelt“/manifest der 93: Motive und spätere Rezeption einiger Unterzeichner
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Der Erste Weltkrieg (Proseminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V208938
ISBN (eBook)
9783656365907
ISBN (Buch)
9783656367000
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Manifest der 93, aufruf an die kulturwelt, Erster Weltkrieg, Krieg der Geister, Propaganda
Arbeit zitieren
Julian Schumertl (Autor), 2012, Der Aufruf „An die Kulturwelt“/manifest der 93: Motive und spätere Rezeption einiger Unterzeichner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208938

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