Anpassungsmechanismen der Mitglieder offener und geschlossener totaler Organisationen

Welchen Unterschied macht die freiwillige Mitgliedschaft?


Essay, 2012

8 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einleitung

Mit seinem Werk „Asylums: Essays on the Social Situation of Mental Patients and Other Inmates“ führte Erving Goffman sein Konzept der totalen Institution ein, das die sozialwissenschaftliche Debatte über Psychiatrien, Krankenhäuser oder Gefängnisse bis heute befruchtet. Nach Goffmans Definition handelte es sich jedoch auch bei einer Vielzahl anderer Einrichtungen wie Internate, Schiffe oder Klöster um totale Institutionen. Dass sein Konzept ein so breites Spektrum abdeckte, brachte Goffman nicht ausschließlich Anerkennung, sondern auch Kritik anderer Sozialwissenschaftler ein. So stellte Christie Davies in einem 1989 veröffentlichten Beitrag fest:

„There are weaknesses in Goffman’s analysis, both in some of his applications of the concept of total institution and in his method of confirmatory sampling […]. In this way total institutions are made to appear a much more homogenous cluster of organizations than they really are. Total institutions do have important distinguishing characteristics in common - […] but they are not as homogenous as Goffman suggests.” (Davies 1989: 82 f.)

Um Goffmans Modell zu differenzieren, schlägt sie ein alternatives Modell der Kategorisierung totaler Institutionen vor. Eine der von ihr vorgeschlagenen Variablen ist „the degree of openness or closedness of each institution“ (Davies 1989: 83), deren Ausprägung im Wesentlichen davon abhängt, ob der Beitritt zur Institution erzwungenermaßen oder aber aus freien Stücken erfolgt und unter welchen Umständen ein Austritt möglich ist. In dieser Hinsicht unterscheiden sich beispielsweise die totalen Institutionen Gefängnis und Schiff recht deutlich voneinander. Während sich Gefängnisinsassen den Zeitpunkt ihres Ein- und Austritts nicht selbst aussuchen können, begeben sich Passagiere freiwillig an Bord eines Schiffes und können es (wenn auch nicht immer sofort, so doch zumindest im nächsten Hafen) verlassen.

Wie beeinflusst die Offenheit oder Geschlossenheit einer Institution jedoch das Verhalten ihrer Mitglieder und deren Identifikation mit den offiziellen Zielen der jeweiligen Einrichtung? Für die Beantwortung dieser Frage werde ich mich auf das von Goffman beschriebene Unterleben totaler Institutionen konzentrieren. Meine These ist es, dass eine solche Ausbeutung des Systems in offenen totalen Institutionen wegen der Möglichkeit eines Austritts nicht bzw. nur äußerst selten stattfindet (vgl. Goffman 1973: 202ff.).

Ausgehend von einer Beschreibung der in Asyle dargelegten Anpassungsmechanismen und des Konzepts des Unterlebens werde ich die Fragestellung mit Hilfe zentraler Erkenntnisse der Organisationssoziologie bezüglich der Mitgliedschaftsmotivationen und Verhaltenserwartungen zu beantworten versuchen.

2. Das Unterleben totaler Institutionen

Bereits im Jahre 1964 bezeichnete Niklas Luhmann die formalisierten Verhaltenserwartungen als ein wesentliches Kennzeichen von Organisationen. Von ihren Mitgliedern erwarten sie ein bestimmtes Verhalten, das sich zum Beispiel in Regeln und Mitgliedschaftsbedingungen niederschlägt (vgl. Luhmann 1964: 27ff.). So wird beispielsweise vom Mitglied eines Sportvereins während Trainingseinheiten oder Wettkämpfen ein bestimmtes Verhalten vorausgesetzt. Unter anderem soll es die Anordnungen des Trainers befolgen und sein Handeln an Werten wie Teamgeist oder Fairness ausrichten.

Totale Institutionen gehen noch einen Schritt weiter. Sie stellen nicht nur Erwartungen an das Handeln ihrer Mitglieder, sondern auch an das Sein. Beim Eintritt finden ein Bruch mit früheren Rollen und eine Beschränkung des Kontakts zur Außenwelt statt. Indem sie die Schranken zwischen den Lebensbereichen Arbeit, Freizeit und Schlafen aufhebt, vereinigt die totale Institution das gesamte Handeln und Sein ihrer Mitglieder an einem Ort unter einer Autorität und in einem einzigen rationalen Plan, dem offiziellen Zweck der jeweiligen Einrichtung. Eben dies macht ihren allumfassenden, totalen Charakter aus, „geht über einen bloßen Vertrag bezüglich der Beteiligung hinaus und betrifft die Natur oder das soziale Sein des Teilnehmers“ (Goffman 1973: 177).

Goffman beschreibt verschiedene Formen der Anpassung, die die Mitglieder totaler Institutionen als Reaktion auf diese besonderen Erwartungen an ihr Handeln und Sein unternehmen. Verrichtet eine Person die von ihr erwarteten Tätigkeiten auf kooperative Art und Weise, so ist dies Ausdruck pflichtbewusster Erfüllung der Erwartungen, die an sie gestellt werden. Das Mitglied akzeptiert damit die organisationale Konzeption seiner Rolle und nimmt eine primäre Anpassung an die Institution vor (vgl. Goffman 1973: 185).

Bei der sekundären Anpassung hingegen versucht das Mitglied, die Erwartungen bezüglich seines Handelns und Seins unter Verwendung unerlaubter Mittel zu umgehen. Auf diese Weise entzieht es sich der von der Institution vorgesehenen Rolle und kann sein früheres Selbst aufrechterhalten. Die Gesamtheit der sekundären Anpassungsmechanismen bildet das Unterleben einer Institution (vgl. Goffman 1973: 185, 202). Als Beispiele nennt Goffman unter anderem das Zurechthämmern eines Löffels zu einem Messer durch Gefängnisinsassen (vgl. Goffman 1973: 202) oder die Übernahme eines attraktiven Postens mit dem Hintergedanken der persönlichen Vorteilnahme. So hätten sich beispielsweise in der von ihm beobachteten psychiatrischen Klinik Patienten, die einen Hilfsposten in der Küche übernommen hatten, unerlaubterweise zusätzliche Nahrungsmittel beschafft (vgl. Goffman 1973: 213 ff.).

Findet sich ein solches Verhalten auch in offenen Einrichtungen?

3. Der Eintritt in die offene totale Institution

Das besondere Charakteristikum offener totaler Institutionen ist die freiwillige Mitgliedschaft, die jederzeit wieder aufgekündigt werden kann. Seit den späten 1990er Jahren haben sich immer mehr solcher offener Einrichtungen herausgebildet und an Popularität gewonnen. Fernsehsendungen wie „Big Brother“ oder das Dschungelcamp belegen das ebenso wie die wachsende Anzahl privater Kliniken zur Therapie von Süchten oder psychischer Probleme.

In den folgenden Ausführungen werde ich mich jedoch zunächst auf solche Institutionen konzentrieren, in denen die Mitgliedschaft im Gegensatz zu den oben genannten Einrichtungen längerfristig angelegt ist und einer genuin persönlichen Motivation entspringt. Gute Beispiele solcher Institutionen stellen spirituelle Rückzugsorte dar, zum Beispiel Klöster[1]. Damit benutze ich in dieser Arbeit ein engeres Verständnis der freiwilligen Mitgliedschaft, als es in der Organisationssoziologie normalerweise der Fall ist. Am Ende ihres Aufenthalts in der totalen Institution „Big Brother“ winkt den Teilnehmern der Sendung ein Preisgeld. Hier kann die Entscheidung zur Mitgliedschaft also durchaus das Ergebnis einer reinen Kosten-Nutzen-Kalkulation sein. Zum Aufenthalt in einer Entzugsklinik kann ein Individuum von Familie und Freunden gedrängt werden, auch wenn es selbst diesen Schritt nicht für nötig hält. In beiden Fällen würde die Entscheidung zur Mitgliedschaft, obgleich das Individuum selbst sie letzten Endes trifft, durch externe Zwänge beeinflusst und wäre daher meinem Verständnis nach nicht vollkommen freiwillig (vgl. Kühl 2005: 99f.).

Ergo ist die Grundvoraussetzung des freiwilligen Eintritts in eine totale Institution die Identifikation mit ihren offiziellen Zielen. Dies bedeutet, dass das Individuum auch die Konzeption seiner zukünftigen Rolle innerhalb der Organisation und mit ihr die formalisierten Verhaltenserwartungen akzeptiert. Ist diese Akzeptanz nicht gegeben, so besteht kein Anreiz zum Eintritt. Ein überzeugter Atheist wird sein bisheriges Leben beispielsweise kaum aufgeben, um den Rest desselben in einem Kloster zu verbringen.

Bereits vor dem freiwilligen Eintritt in die totale Institution ist also ein Zustand erreicht, der Goffmans Beschreibung der primären Anpassung entspricht und jede weitere Anpassung überflüssig macht. Das Mitglied wird nach seinem Eintritt also die von ihm erwarteten Tätigkeiten kooperativ und aus innerer Überzeugung durchführen. Unter dieser Voraussetzung ist eine Ausbeutung des Systems durch das Mitglied nur schwer vorstellbar.

[...]


[1] Beim Eintritt gehen Nonnen und Mönche in der christlichen Tradition in der Regel nämlich eine lebenslange Bindung mit dem Kloster ein.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Anpassungsmechanismen der Mitglieder offener und geschlossener totaler Organisationen
Untertitel
Welchen Unterschied macht die freiwillige Mitgliedschaft?
Hochschule
Universität Potsdam  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Totale Institutionen
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
8
Katalognummer
V209059
ISBN (eBook)
9783656365815
ISBN (Buch)
9783656620709
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goffmann, Erving Goffman, Goffman, Asyle, Asylums, Total, Totale Institution, Totale Organisation, Anpassungsmechanismen, Mitgliedschaft, Primäre Anpassung, Sekundäre Anpassung
Arbeit zitieren
Tobi Remsch (Autor), 2012, Anpassungsmechanismen der Mitglieder offener und geschlossener totaler Organisationen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209059

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