Ursachen der Intensitätsschwankungen parasozialer Interaktionen während der Rezeption


Seminararbeit, 2012
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Begrifflichkeiten
1. Die Begriffe der parasozialen Interaktion (PSI) & Beziehung (PSB)
2. Personae und Rezipienten

III. Stand der Forschunge zu PSI und PSB

IV. Der Ursprung des PSI-Konzepts - PSI bei Horton und Wohl (1956)

V. Forschung zur schwankenden Intensität von PSI Und PSB
3. Das Zwei-Ebenen-Modell (2004)
4. Befunde zur schwankende Intensität der PSI
5. Auswertung und Zusammenfassung der Ergebnisse

VI. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Fernseh-Moderatoren, die ihre Zuschauer zu Beginn der Sendung herzlich begrüßen und diese entsprechend darauf reagieren, Rezipienten von Telenovelas wie „Gute Zeiten Schlechte Zeiten“ oder „Sturm der Liebe“, die ihre Lieblingsdarsteller tagtäglich im Fernsehen verfolgen und zu Ihnen aufschauen oder Nachrichtensprecher, die beinahe zu ständigen Begleitern des Publikums werden und ihnen fast so vertraut sind wie Freunde, alle haben sie eines gemeinsam: die "parasozialen Interaktionen" bzw. "parasozialen Beziehungen", wie sie innerhalb der Kommunikations- und Medienwissenschaften genannt werden. Die ersten Konzepte zu diesem Phänomen entstanden in den 50er Jahren. In diesen ging es im Zuge der sich rasch verbreitenden Medien Radio, Fernsehen und Kino um die Beschreibung massenmedialer Kommunikationsprozesse als parasoziale Interaktion bzw. parasoziale Beziehung. Die beiden bedeutendsten und weit reichsten wissenschaftlichen Arbeiten in der Entstehung der Theorie zur parasozialen Interaktion stammen von den amerikanischen Sozialwissenschaftlern Donald Horten und Richard R. Wohl,

Mass communication and parasocial interaction. Observations on intimacy at a distance (1956), die die Grundformen für diese Art der Fernsehrezeption entdeckt und erklärt haben sowie in der Publikation von Anselm Strauss und Wohl, Interaction in audience-participation shows (1957), in welcher die Gedanken wiederaufgenommen und präzisiert wurden. Allerdings muss hierbei erwähnt werden, dass die Ausführungen von Horton und Wohl eine Reihe an Desideraten und Unschärfen aufweisen (vgl. Schramm et al., 2002).

In der vorliegenden Arbeit wird das Medium Fernsehen, welches einen erheblichen Teil zur Gestaltung unserer Wirklichkeit beiträgt, in Verbindung gebracht mit dem Konzept der parasozialen Interaktion und Beziehung. Bei der parasozialen Interaktion geht es um das Erzeugen einer „Illusion“ einer „face-to- face“ Interaktion und Beziehung, welche sich von einer direkten sozialen Interaktion vor allem durch ein dazwischen geschaltetes Medium, wie das Fernsehen, unterscheidet. Dabei steht besonders der Rezipient im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen, da von diesem die parasoziale Beziehung ausgeht. Der Zuschauer oder auch Rezipient kann die Person im Fernsehen sehen und beobachten und entwickelt im Laufe der Rezeption bestimmte Einstellungen und Empfindungen für diese, welche jedoch Schwankungen unterliegen. Mit diesem Aspekt beschäftigt sich auch die vorliegende Arbeit: Es sollen die Ursachen für die schwankende Intensität der parasozialen Interaktionen dargestellt werden.

Als Fernsehpersonen wurden prominente Nachrichtenmoderatoren, Talkshowmoderatoren, Seriendarsteller und ähnliche Personen definiert, welche dauerhaft im Fernsehen zu sehen waren.

Zu Beginn dieser Arbeit gilt es zu aller erst zentrale Begrifflichkeiten aufzuzeigen und klar zu definieren, um diese im weiteren Verlauf dieser Arbeit eindeutig verwenden zu können. Im Anschluss daran erfolgt ein kurzer Umriss der Historie und des Forschungsstandes zu parasozialer Interaktion und Beziehung, um daran anschließend die Pionierstudie von Horton und Wohl aus dem Jahre 1956 näher zu erläutern. Daraufhin wird auf die in dieser Arbeit fokussierte Schwankende Intensität parasozialer Beziehungen umfassend eingegangen. In diesem Zusammenhang soll zunächst das Zwei-Ebenen-Modell, welches Hartmann et al. zur Komplexitätsreduktion des Konzepts der parasozialen Interaktion und Beziehung ausgearbeitet haben, umfassend dargestellt und erläutert werden, um in dem darauf folgenden Abschnitt die Ursachen der während der Rezeption auftretenden Intensitätsschwankungen mit Hilfe von älteren und neueren Befunden ab 2000 aufzuzeigen und relevante Erkenntnisse herauszustellen und ggf. zu falsifizieren oder zu verifizieren. Anschließend folgen eine kurze Auswertung und Zusammenfassung der herausgearbeiteten Erkenntnisse und ein abschließendes Fazit.

II. Begrifflichkeiten

1. Die Begriffe der parasozialen Interaktion (PSI) & Beziehung (PSB)

Um Irritationen und Unklarheiten der in dieser Arbeit verwendeten Begriffe der parasozialen Interaktion (PSI) und Beziehung (PSB) zu vermeiden, sollen diese im folgenden Kapitel möglichst klar definiert und formuliert werden. Der Begriff der parasozialen Interaktion, welcher erstmalig 1956 im Aufsatz von den beiden Soziologen Horton und Wohl auftaucht, bezeichnet die scheinbare Wechselseitigkeit zwischen Medienfiguren (Personae genannt) und Rezipient. Horton und Wohl definieren parasoziale Interaktion folgendermaßen:

“ The more the performer seems to adjust his performance to the supposed response of the audience, the more the audience tends to make the response anticipated. This simulacrum of conversational give and take may be called para-social interaction. “ (Horton & Wohl, 1956, S. 215)

Die Differenz der parasozialen Interaktion (vgl. Gleich, 1997) zur parasozialen Beziehung besteht darin, dass diese über den Moment der Rezeption hinaus geht. Anders formuliert: ein Rezipient baut durch wiederholtes Rezipieren einer Medienperson eine Verbindung zu dieser auf, d.h. der Rezipient sieht die parasoziale Beziehung als Illusion einer Face-to-Face-Beziehung (vgl. Horton & Wohl, 1956, S. 185). Mit der Zeit lernt der Rezipient die TV-Person scheinbar immer besser kennen und bildet sich letztendlich einen bestimmten Eindruck von ihr. Die Beziehung geht über die Rezeptionssituation hinaus und ist daher Orts- und Zeit unabhängig (vgl. Baeßler, 2009). Auch hierfür stellten Horton und Strauss eine Definition auf:

„ Over the course of time, direct and indirect interplay between performers and audience binds them together in a common institution ( ) which has its own well- understood values and norms of reciprocal behavior ( ), its own history and course of mutual development. ( ) The relationships built up, and understandings that sustain them, seem no different in kind from those characteristics of normal social life; and the symbolic process mediating them are likewise the same, through their operations are modified somewhat by the special conditions of television broadcasting ” (Horton & Strauss, 1957, S. 587)

2. Persona und Rezipienten

An dieser Stelle sollen auch die beteiligten Personen bzw. soziale Entitäten klar abgegrenzt werden. Auf der einen Seite vom Medium steht die Medienpersona (mhz.:Medienpersonae), welche trotz einseitiger und nicht gegenseitiger Beziehung zwischen ihr und dem Publikum versucht, eine gewisse Vertrautheit herzustellen (vgl. Horton & Wohl, 2002, S. 81). Horton und Wohl (1956, S. 216) charakterisieren mit dem Begriff der Persona „[...] a special category of personalities whose existence is a function oft he media themselves“, eine typische Figur aus dem Alltag, die vom jeweiligen Medium präsentiert wird, wobei „these personalities usually are not prominent in any oft he social spheres beyond the media“. Persona, wie beispielsweise Moderatoren oder Fernsehansager etc., vermitteln durch verschiedene Tätigkeiten, wie beispielsweise durch die direkte Ansprache des Publikums durch Blick in die Kamera (vgl. Plake, 2004, S. 210), eine gewisse Vertrautheit und Nähe, die der sozialen Distanz nahe kommt, die man Bekannten und Vertrauten gewährt (vgl. ebd.). Laut Horton und Wohl (2002, S. 76) ist das Besondere an Personae, „[...], dass sie eine Intimität buchstäblich mit Massen von Fremden beanspruchen und erreichen und diese Intimität [...] immens einflussreich und befriedigend für die Massen [...]“ ist. Die Medienpersona bietet vor allem eine konstante und stabile Beziehung für den Rezipienten, denn durch ihr regelmäßiges Auftreten entsteht ein Band zwischen Rezipient und Persona (vgl. ebd., S. 77). Im Laufe der Zeit scheint der Rezipient die Persona folglich immer besser kennenzulernen und zu verstehen und kann vom Rezipienten fortan als Freund, Ratgeber, Tröster und Vorbild angesehen werden (vgl. ebd.).

Der Medienpersona gegenüber steht das Publikum zu Hause, auch Rezipienten genannt, an diese „dritten Beteiligten“ (Horton und Wohl, 2002, S. 82) richten sich die Angebote der Persona. Durch kleine Statements oder Fragen wird versucht die Barriere zwischen Publikum und Medienpersona aufzubrechen. Insbesondere bei Talkshows (vgl. hierzu auch Gleich, 1998, S. 77) wird durch das Studiopublikum das Publikum zu Hause vor dem Fernsehen stellvertretend angesprochen. Durch die Verwendung des vertraulichen „Du“ und dem aktiven und persönlichen Einbezug des Publikums wird versucht eine Illusion von Vertrautheit und Intimität aufzubauen (vgl. Schaumann, 2005, S. 12; Horton & Wohl, 2002, S. 80). Weiterhin können Medienpersonae durch verschiedene Mimiken und Gestiken den Anschein vermitteln, auf das Publikum einzugehen (vgl. Horton & Wohl, 1982, S. 217). Im Gegensatz zu realen Beziehungen, in welchen die beteiligten Personen keine Rückzugmöglichkeit haben, können parasoziale Beziehungen ohne starke Empfindung von Verpflichtung eingegangen werden, da sich die Rezipienten von Fernsehshows, Nachrichtensendungen etc. ihrer Unabhängigkeit bewusst sind und sich zu jeder Zeit zurückziehen können (vgl. Horton & Wohl, 2002, S. 75).

III. Stand der Forschung zu PSI und PSB

Nachstehend folgt zunächst ein grober Überblick über den Stand der Forschung bis heute, um im darauf folgenden Abschnitt eine genauere Betrachtung der Originalstudie von Horton und Wohl aus dem Jahr 1956 anzustellen. Die rasche Verbreitung des Fernsehens in den 50er Jahren führte zu vielgestaltigen Untersuchungen, die sich mit der Frage beschäftigten, welche Auswirkungen die Massenmedien - im Besonderen das Fernsehen - auf die Menschen haben, beziehungsweise damit, warum Menschen die Massenmedien nutzen und welchen Stellenwert diese im Alltag einnehmen. Den Anstoß zu den Überlegungen brachten - wie bereits in der Einleitung erwähnt - die beiden Soziologen Horton und Wohl 1956 mit ihrem Artikel im Journal of Psychiatry, in welchem diese das erste Mal von parasozialen Interaktionen und Beziehungen sprachen. Die zentrale Frage, die man nun zu klären versuchte, lautete somit nicht mehr: „Was machen die Medien mit den Menschen?“, sondern: „Was machen die Menschen mit den Medien? “ (Bonfadelli, 1981, S. 71). Vor allem in der US-amerikanischen Forschung fanden Horton und Wohls Vorstellungen und Ideen Beachtung. Allerdings wurde PSI und PSB im Blickwinkel der Uses-and- Gratifications-Forschung gestellt, welche von der Annahme ausgeht, dass der Rezipient sich eine Art Belohnung (= Gratifikation) von den massenmedial vermittelten Inhalten verspricht. Die Verwendung des Begriffs der PSI innerhalb des Uses-and-Gratifications-Approach geht davon aus, dass mit PSI dasselbe Bedürfnis befriedigt werden solle wie mit sozialer Interaktion (vgl. hierzu Rosengren & Windahl, 1972) und darüber hinaus werden PSI häufig als Substitut für „normale“ Interaktionen angesehen (vgl. Austin, 1985). Diese Interpretationen der Theorie von Horton und Wohl sind jedoch insofern problematisch, da diese in ihrem Konzept (1956) PSI Möglichkeiten zusprechen, die in sozialen Interaktionen nicht bestehen. Weiterhin postulieren Horton & Wohl, dass PSB gewöhnlich eine Ergänzung zu sozialen Beziehungen darstellen. Betrachtet man nun die gesamte wissenschaftliche Literatur im Bereich parasozialer Interaktion und Beziehung, dann bilden sich zwei Gruppen heraus: zum einen die Gruppe, welche am Ursprungskonzept von Horton und Wohl festhält und lediglich Erweiterungen und Variationen vornimmt (vgl. Hippel, 1992; Wulff, 1992). Zum anderen die Gruppe, welche PSI und PSB im Uses-and-gratifications-Ansatz stellt und darüber hinaus auch mögliche Einflussfaktoren auf PSI und PSB empirisch untersucht (vgl. Rubin, Perse & Powell 1985; Rosengren & Windahl, 1972; Bonfadelli, 1981; Austin, 1985).

Der in dieser Arbeit relevante Schwerpunkt liegt, wie bereits in der Einleitung erwähnt, auf dem Einfluss von Rezipienten- und Angebotsmerkmalen auf die Intensität von PSI und PSB (vgl. Hartmann et al., 2004a).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ursachen der Intensitätsschwankungen parasozialer Interaktionen während der Rezeption
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Kommunikationswissenschaften)
Veranstaltung
Medienwirkung
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V209070
ISBN (eBook)
9783656365778
ISBN (Buch)
9783656366980
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Parasoziale Interaktion, parasozial, schwankende Intensität
Arbeit zitieren
Aline Kaplan (Autor), 2012, Ursachen der Intensitätsschwankungen parasozialer Interaktionen während der Rezeption, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209070

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