Am „Rattenfänger von Hameln“ lässt sich wie an keiner anderen Sage zeigen, wie sich der Blickwinkel auf eine Geschichte mit der Zeit veränderte. Bisher weitgehend unbeachtet ist jedoch die Sage als Träger von emotionalem Gehalt, was umso mehr erstaunt wenn man bedenkt, dass letztlich Emotionen für die Überlieferung eines Geschehnisses in Geschichten-, sprich Sagenform verantwortlich sind. Die hier vorliegende Arbeit hat zum Ziel, diese Lücke zu schließen und eine emotionstheoretische Analyse in verschiedenen Stadien der Rezeption vorzunehmen. Dazu sollen u.a. die Emotionstheorien von Sir Anthony Kenny, William Lyons und Ronald de Sousa verwendet werden, welche exemplarisch für neuere Theorien von Emotionalität als analytische Werkzeuge zur Anwendung kommen.
Die Eingangs- und Leitthese dazu lautet, dass sich ein wesentlicher Erkenntnisgewinn über die Rolle von Emotionen als motivierender Faktor in Sage und Märchen aus einer kritisch-analytischen Betrachtung des „Rattenfänger von Hameln“ ziehen lässt. Das Motiv der Verführung durch Musik wird dabei auf verschiedenen Ebenen beleuchtet, was zu einem umfassenden Gesamtbild und letztlich einer emotionstheoretischen Deutung dieses Sagenmotivs führen soll. Zudem werden so Betrachtungen über eine sich verändernde Emotionalität in der Rezeption über die Jahrhunderte möglich, die nirgendwo sonst stattfinden könnten. Die Akteure der Sage, die Kinder als Verführte und besonders der Rattenfänger als Verführer, durchlaufen dabei faszinierende Transformationsprozesse, nicht zuletzt durch ein sich veränderndes Verständnis des emotionalen Gehalts der Sage.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung und These
Kapitel 1 - Vorstellung der Sage und der Methodik
a.) Darstellung der Sage und der Theorien zum historischen Ereignis
b.) Die Rezeptionsgeschichte des Stoffes im Überblick
c.) Analytische Werkzeuge: Die Emotionstheorien und ihre Anwendung
Kapitel 2 - Die Quellen der Sage
a.) Heinrich von Herford (u.a.), Cantena aurea, Nachtrag (1430/50)
b.) Athanasius Kircher, Musurgia unversalis (1650)
c.) Jakob und Wilhelm Grimm, Deutsche Sagen (1816)
Kapitel 3 - Musik als Verführung
a.) Literarische Bearbeitungen der Rattenfängersage
b.) Das Motiv einer Entführung durch Musik im europäischen Märchen
c.) Eine systematisch-vergleichende Analyse aller Quellen
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Forschungslücke zum emotionalen Gehalt der Rattenfängersage zu schließen und eine emotionstheoretische Analyse der verschiedenen Stadien ihrer Rezeption vorzunehmen. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, wie Musik als Motiv der Verführung in Sage und Märchen emotional wirkt und welcher Erkenntnisgewinn sich daraus für das Verständnis dieser Erzählformen ziehen lässt.
- Emotionale Analyse der Rattenfängersage im historischen Kontext
- Einfluss neuerer Emotionstheorien (Kenny, de Sousa u.a.) auf die Sagenrezeption
- Vergleich der zentralen Quellen (Cantena aurea, Kircher, Brüder Grimm)
- Die Rolle der Musik als motivierender Faktor in der Kindesentführung
- Transformation der Akteure (Rattenfänger als Verführer, Kinder als Verführte)
Auszug aus dem Buch
a.) Heinrich von Herford (u.a.), Cantena aurea, Nachtrag (1430/50)
Die älteste erhaltene schriftliche Quelle über den Hamelner Kinderauszug, die als Vorstufe und Urfassung der Sage zugleich angesehen werden muss, ist der Nachtrag zur Lüneburger Handschrift, der Cantena aurea, von 1430/50. Der erste Absatz schildert die Sage ganz ähnlich, wie wir sie von den Brüdern Grimm kennen, jedoch ohne die Vorgeschichte des betrogenen Rattenfängers. Diese nachträgliche Motivation des mysteriösen Fremden, der hier ausnehmend positiv und mit einer gewissen Bewunderung beschrieben wird, ist noch zu keinem Stück angelegt. Umso überraschender ist das plötzliche Auftauchen dieser durchaus komplexen Vorgeschichte in der Mitte des 16. Jahrhunderts.
„Zu vermelden ist ein ganz ungewöhnliches Wunder, das sich im Städtchen Hameln in der Mindener Diözese im Jahre des Herrn 1284 genau am Tage Johannis und Pauli ereignet hat. Ein gewisser Jüngling von dreißig Jahren, schön und durchaus wohl gekleidet, so daß alle, die ihn persönlich sahen, auch seine Kleidung bewunderten, trat über die Brücke und durch die Weserpforte ein. Er hatte eine Silberpfeife von seltsamer Art und begann zu pfeifen durch die ganze Stadt. Und alle Knaben [bzw. Kinder], die jene Pfeife hörten, etwa 130 an der Zahl, folgten ihm aus dem Ostertor hinaus gleichsam zum Calvarien- oder Hinrichtungsplatz, zogen fort und verschwanden, so daß niemand erfahren konnte, wo auch nur einer von ihnen geblieben war. Die Mütter der Knaben [bzw. Kinder] liefen von Stadt zu Stadt und fanden überhaupt nichts.“
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1 - Vorstellung der Sage und der Methodik: Dieses Kapitel führt in den Sagenstoff ein, diskutiert historische Theorien sowie die Rezeptionsgeschichte und stellt die verwendeten emotionstheoretischen Analysemethoden vor.
Kapitel 2 - Die Quellen der Sage: Hier erfolgt eine detaillierte Analyse der drei zentralen Quellentexte aus den Jahren 1430/50, 1650 und 1816 hinsichtlich ihrer jeweiligen Darstellung und emotionalen Deutung.
Kapitel 3 - Musik als Verführung: Dieses Kapitel untersucht literarische Bearbeitungen und das Motiv der Entführung im europäischen Märchen, um die Funktion der Musik als Verführungsmittel systematisch zu vergleichen.
Schlüsselwörter
Rattenfänger von Hameln, Sage, Musik, Verführung, Emotionstheorie, Kindesentführung, Rezeptionsgeschichte, Cantena aurea, Brüder Grimm, Athanasius Kircher, Neugier, Belief-Desire-Theorie, Motivforschung, Märchen, historischer Kern.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rattenfängersage unter einer bisher weitgehend vernachlässigten Perspektive: Sie analysiert den emotionalen Gehalt der Sage und die Rolle der Musik als motivierenden Faktor für das Handeln der Akteure.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die quellenhistorische Einordnung der Sage, die Entwicklung der Figur des Rattenfängers durch die Jahrhunderte und die emotionstheoretische Deutung des Motivs der musikalischen Verführung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, welche Rolle Emotionen als motivierender Faktor in Sagen und Märchen spielen und wie man das Motiv der musikalischen Verführung emotionstheoretisch deuten kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine kritisch-analytische Betrachtung der Quellen vorgenommen, ergänzt durch die Anwendung der philosophischen Emotionstheorie (insbesondere Belief-Desire-Theorie, Begriffe des formalen Objekts) nach Autoren wie Kenny, de Sousa und Döring.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Sage, die Analyse der drei wichtigsten Quellentexte (Cantena aurea, Kircher, Brüder Grimm) sowie einen vergleichenden Abschnitt, der die Sage in den Kontext anderer Märchen und Mythen stellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Rattenfänger von Hameln, Emotionstheorie, Verführung durch Musik, Rezeptionsgeschichte, Neugier und die Quellenanalyse von Sagentexten.
Welche Bedeutung kommt der "Silberpfeife" in der frühen Sage zu?
Die "Silberpfeife" wird als ein Zeichen für die frühe mystische Verklärung des Stoffes gedeutet und markiert einen ersten Schritt auf dem Weg zur Sagenbildung.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Rattenfängers bei Kircher von der bei den Brüdern Grimm?
Bei Kircher (1650) wird der Rattenfänger als Dämon und Magier dämonisiert, während er in der späteren, trockeneren Fassung der Brüder Grimm (1816) eher in einem berichtenden Stil als Sagenfigur etabliert wird.
Warum ist die Neugier laut der Analyse der entscheidende Motivator?
Die Neugier gilt als die primäre Emotion, die den Kindern das Handeln diktiert, da sie im Gegensatz zu den Erwachsenen durch ihre kindliche Naivität keine Furcht oder Zweifel empfinden und somit für die Verführung anfällig sind.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Posse (Autor:in), 2012, Der emotionale Charakter einer musikalischen Verführung durch den Rattenfänger von Hameln, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209093