Die Hauptseminararbeit legt den Fokus auf die Lesesuchtdebatte um das weibliche Geschlecht und untersucht, welche Auswirkungen von verschiedensten Seiten prognostiziert werden. Verfolgt wird die These, ob gerade das Leseverbot von Belletristik für Frauen auf Grund der Angst vor Emanzipation und zur vorsorglichen Unterdrückung des weiblichen Geschlechts verhängt wird und ob die gesamte Lesesuchtdebatte eine von den Obrigkeiten angestoßene Diskussion ist, um das Bürgertum zu kontrollieren. Von Interesse ist zudem, ob sich die Gründe für die Suchtdiskussionen bis in die Gegenwart hinein geändert haben, oder ob es sich immer noch um ähnliche Hintergründe und Besorgnisse handelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Änderung der Lesegewohnheiten im 18. Jahrhundert
2. Folgen und Gefahren der Lesesucht
2.1 Aufkommende Lesesuchtdebatte im 18. Jahrhundert
2.2 Körperliche und psychische Auswirkungen der übermäßigen Lektüre bei Frauen
2.3 Gefahr der Romane: Vollkommenheit der Fiktion vs. Unvollkommenheit der Realität
3. Madame Bovary – eine Lesesüchtige
3.1 Flauberts Realismus und das Leseverhalten im 19. Jahrhundert
3.2 Realitätsverlust von Emma: Flucht in die Welt der Phantasie
3.3 Folgen: Vernachlässigung der Familie, des Haushalts und Ehebruch
3.4 Verfall von Geist und Körper: Zerbrechen an der Unvollkommenheit der Realität
4. Aktualität der Suchtdebatte
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Lesesuchtdebatte im 18. und 19. Jahrhundert, mit einem besonderen Fokus auf die vermeintlich schädlichen Auswirkungen von Belletristik auf das weibliche Geschlecht und die daraus resultierende gesellschaftliche Kontrolle. Dabei wird analysiert, inwiefern die Fiktion als Fluchtweg aus der als unvollkommen empfundenen Realität zu psychischen und physischen Verfallserscheinungen führt, exemplifiziert durch die literarische Figur Emma Bovary in Flauberts Roman.
- Historischer Wandel der Lesegewohnheiten und Entstehung des modernen Bürgertums
- Medizinische, theologische und pädagogische Kritik an der weiblichen Lektüre
- Psychologische Mechanismen der Identifikation mit fiktionalen Charakteren und Realitätsverlust
- Die literarische Darstellung von Sucht und Selbstzerstörung in "Madame Bovary"
- Transfer der historischen Suchtdebatte auf heutige Medienphänomene
Auszug aus dem Buch
3.2 Realitätsverlust von Emma: Flucht in die Welt der Phantasie
Seit Kindesbeinen, noch vor jeglicher Ausbildung, liest Emma: „Elle avait lu Paul et Virginie et elle avait rêvé la maisonnette de bambous, le nègre Domingo, le chien Fidèle, mais surtout l’amitié douce et quelque bon petit frère […]“67. Die Klosterschule, die sie später besucht, beschert ihr bald Langeweile, da sie den christlichen Glauben schnell begreift, und so kommt es, dass sie anstatt der Messe zu folgen „[…] elle regardait dans son livre les vignettes pieuses bordées d’azur […]“ (GF, S. 98). Ihre sentimentale Seite kommt immer mehr zum Vorschein, denn bereits die Gleichnisse der Bibel rühren sie. Und bald „[…] elle rejetait comme inutile tout ce qui ne contribuait pas à la consommation immédiate de son cœur, […]“ (GF, S. 99). In dem Kloster, in dem Emma aufwächst, kommt sie zum ersten Mal mit sentimentalen Romanen in Berührung, denn bereits „[…] à quinze ans, Emma se graissa donc les mains à cette poussière des vieux cabinets de lecture“ (GF, S. 100). Sie treibt einen richtigen Kult um diese, ihr zugänglichen, Romane und liest sie heimlich im Schlafsaal. Die Bilder, die sie darin findet, beeinflussen ihre Empfindungen enorm und vervielfachen ihre Träumereien. Die intermedialen Bezüge zwischen Bild und Text verstärken ihre Einbildungskraft, die später zur Quelle ihres Leidens werden. Der Unterricht in dem Kloster wird ihr überdrüssig, was die Schwestern bald merken und versuchen sie wieder zu Besinnung zu bringen, jedoch ohne Erfolg. Die Romane mit ihren Fantasiewelten öffnen Emma die Tür für Schwärmereien von einem aufregenden und erfüllten Leben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Änderung der Lesegewohnheiten im 18. Jahrhundert: Das Kapitel beschreibt den Wandel vom exemplarisches Lesen religiöser Texte hin zur Konsumtion von Unterhaltungsliteratur durch ein wachsendes Bürgertum.
2. Folgen und Gefahren der Lesesucht: Hier werden die zeitgenössischen Ängste vor dem massenhaften Romanlesen thematisiert, die insbesondere Frauen als besonders gefährdet betrachteten und medizinische wie gesellschaftliche Folgen prognostizierten.
3. Madame Bovary – eine Lesesüchtige: Das Hauptkapitel analysiert am Beispiel von Emma Bovary, wie das ständige Lesen von Fiktion zum Realitätsverlust, Vernachlässigung der sozialen Pflichten und letztlich zum persönlichen Zerfall führt.
4. Aktualität der Suchtdebatte: Das Kapitel schlägt die Brücke zur heutigen Medienkritik und zieht Parallelen zwischen der historischen Lesesucht und modernen Abhängigkeiten wie der Internet- oder Computersucht.
Schlüsselwörter
Lesesucht, Lesewut, Belletristik, Realitätsverlust, Madame Bovary, Gustave Flaubert, Frauenbild, Fiktion, Sozialgeschichte, Medienkritik, Pathologisierung, Bürgertum, Suchtdebatte, Romanlektüre, Identifikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die historische Debatte über die vermeintlichen Gefahren der Lesesucht im 18. und 19. Jahrhundert, insbesondere im Hinblick auf Frauen und deren Romanlektüre.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind der historische Wandel der Lesekultur, die gesellschaftliche und medizinische Kritik am exzessiven Lesen sowie die psychologische Flucht aus der Realität durch Fiktion.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu ergründen, ob die historische Kritik an der Belletristik als Mittel der Unterdrückung diente und welche psychischen sowie physischen Auswirkungen durch das übermäßige Lesen auf Frauen prognostiziert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert primär auf der Analyse historischer Texte und Fachliteratur zur Lesergeschichte sowie einer literaturwissenschaftlichen Untersuchung von Flauberts „Madame Bovary“.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Betrachtung der Lesesuchtdebatte des 18. Jahrhunderts und wendet diese Erkenntnisse auf die literarische Figur der Emma Bovary an, um den Verfall von Geist und Körper durch Weltflucht zu beleuchten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Lesesucht, Realitätsverlust, Fiktion, Gesellschaftskritik und Medienpathologie charakterisiert.
Warum wird Emma Bovary als Fallbeispiel herangezogen?
Emma Bovary dient als exemplarisches Beispiel für eine Lesesüchtige, deren gesamtes Lebensschicksal und psychischer Zustand maßgeblich durch die Flucht in die fiktionalen Welten von Romanen determiniert wird.
Inwiefern ist das Thema der Lesesucht heute noch aktuell?
Die Arbeit stellt fest, dass die strukturellen Argumentationsmuster der historischen Debatte – wie die Angst vor Realitätsverlust, Vernachlässigung sozialer Pflichten und gesundheitliche Folgen – in modernen Debatten über Internet- oder Computersucht nahezu identisch wiederkehren.
- Arbeit zitieren
- Natascha Alexandra Hass (Autor:in), 2012, Folgen der Lesesucht bei Frauen anhand von Flauberts "Madame Bovary", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209153