Zum formellen und gattungshistorischen Wandel der Autobiographie

Exemplifizierungen von Innovationen anhand von Georges Perecs W ou le souvenir d’enfance


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
21 Seiten, Note: 1,75

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Autobiographie
2.1 Ursprung und historischer Abriss
2.2 Definition und Abgrenzung
2.2.1 Frühe Definitionsversuche und die Problematik der Abgrenzung
2.2.2 Lejeunes autobiographischer Pakt
2.2.3 Das Verständnis von Autobiographie und ihren Nachbargattungen nach Lejeune
2.3 Beweggründe für autobiographisches Schreiben
2.4 Funktionen, Formen und Gegenstände
(modernen) autobiographischen Erzählens

3 Autobiographisches Schreiben in W ou le souvenir d’enfance
3.1 Vorgeschichte und Inhalt
3.2 Besonderheiten und gattungsspezifische Innovationen
3.2.1 Kritische Rekonstruktion der Vergangenheit
3.2.2 Sinnkonstruktion durch Fragmentarität der Erinnerung

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Konsultiert man die Kategorie Sachbuch diverser Bestsellerlisten, so wird man feststellen, dass diese kaum mehr ohne die Autobiographien von mehr oder weniger einflussreichen Sternchen, Staatsmännern oder sonstigen Würdenträgern auskommt. Es dürfte nicht schwer fallen eine lange Liste antiker und moderner Autoren aufzustellen, die in verschiedensten Formen ihr literarisches Porträt gezeichnet haben. Erforscht wurden diese Selbstdarstellungen in der Vergangenheit – im Vergleich zu anderen literarischen Gattungen – aber in eher bescheidenem Ausmaß. So prangert etwa Gérard Genette noch Anfang der 1990er Jahre an, dass die Erzählforschung „ihre Aufmerksamkeit bisher fast ausschließlich den Verfahren und Objekten der fiktionalen Erzählung zugewandt“ (Genette 1992: 65) hat, die autobiographische aber weitgehend unbeachtet ließ.

Jene Forscher, die sich doch mit dem autobiographischen Erzählen befassten, wandten sich lange Zeit vornehmlich dessen biographischen oder kulturgeschichtlichen Aspekten zu. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fanden gattungs- und damit zum Teil auch erzähltheoretische Fragestellungen ins Zentrum der literaturwissenschaftlichen Aufmerksamkeit, wobei festzuhalten ist, dass die Menge der diesbezüglich seither erschienenen theoretischen Ansätze relativ überschaubar geblieben ist, was insofern verwunderlich ist, als dass sich die Autobiographie gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr und mehr „zur innovativen Form gewandelt“ (Holdenried 2000: 37) hat. Darüber hinaus kratzten diese Arbeiten eher an der erzähltheoretischen Oberfläche und waren weniger darum bemüht, Zusammenhänge zwischen Erzählen und Erzähltem zu suchen. Genau diese einseitige Konzentration der meisten Erzähltheorien auf die formalen Aspekte des Erzählens kritisiert der deutsche Literaturwissenschaftler Dieter Lamping:

Die Erzähltheoretiker haben ihren Scharfsinn zumeist darauf verwendet, Erzähl-Techniken immer differenzierter zu beschreiben. Nur gelegentlich haben sie dabei den Zusammenhang zwischen Formen und Funktionen des Erzählens bedacht. Noch seltener war ihnen der Gegenstand des Erzählens, das Erzählte selber, Aufmerksamkeit wert – und wenn, dann zumeist bloß im Zusammenhang fiktionstheoretischer Überlegungen. (Lamping 2000: 228f.)

Den Zusammenhang zwischen Erzählen, Erzähltem und der Funktion, die das Erzählen für seinen Sprecher hat, möchte ich in der vorliegenden Arbeit am Beispiel der Untersuchung von Georges Perecs W ou le souvenir d’enfance versuchen zu erhellen, das, wie die Arbeit zeigen möchte, der Gattung Autobiographie auf verschiedensten Ebenen neue Impulse verliehen hat. Diesem Teil der Arbeit geht eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Genre der Autobiographie voraus. Darin soll das Augenmerk auf dessen Ursprüngen, Grenzen und Funktionen sowie auf die Beweggründen, die Autoren zum Verfassen ihrer Autobiographie bewegen, gelegt werden.

2 Die Autobiographie

Die Autobiographie als literarische Gattung ist keine objektive Berichterstattung, aber auch nicht allein Ergebnis subjektiver Autoreneindrücke. Sie bewegt sich vielmehr dazwischen. Was bedeutet das für einen Definitionsversuch der Gattung? Wodurch zeichnet sich die Autobiographie aus? Was unterscheidet sie von anderen literarischen Ausdrucksformen? Diese und andere Fragen sollen im aktuellen Kapitel untersucht werden.

2.1 Ursprung und historischer Abriss

Während die Sachgeschichte (auto-)biographischer Texte bis in die Antike zurückreicht, datiert der Begriff Autobiographie in den modernen europäischen Sprachen nur ins 18. Jahrhundert zurück, d.h. das Referendum ist wesentlich älter als die heute dafür gebräuchliche Bezeichnung (vgl. Schnicke 2009: 1). Zunächst taucht er in der deutschen Literatur auf, dann in der englischen und bald auch in vielen weiteren europäischen Literaturen. Wie viele der in der damaligen Zeit entstehenden termini tecnici, vor allem aus dem Bereich der Naturwissenschaften, ist er eine künstliche Wortbildung, die mit Hilfe von Anleihen aus dem Griechischen gebildet wurde. Als Gattung bekannt war die Autobiographie aber, wie bereits erwähnt, schon Jahrhunderte zuvor, dies jedoch unter dem bis ins 18. Jahrhundert gebräuchlichen Ausdruck Memoiren (vgl. Misch 1949 [1907]: 38ff.).

Dieser Ausdruck hat einen tieferen Sinn insofern, als er, aus dem Wort für ‚Erinnerung’ gebildet, auf die psychologische Quelle der Geschichte – und nach der klassisch-griechischen Anschauung auch der Poesie – hinweist. (Misch 1949 [1907]: 40)

Als das erste große Dokument der Gattung gelten gemeinhin Augustins Bekenntnisse aus dem 4. Jahrhundert, die im Zusammenhang der christlichen Tradition der Psalmendichtung die Autobiographie als ein Produkt der religiösen Innerlichkeit erscheinen lassen, für die die christliche Übung der Gewissensprüfung charakteristisch ist. Im Lichte dessen und im Zuge des Erfolgs von Augustins Werk, folgten viele andere Autobiographen seinem Vorbild, deren Schriften bildeten eine ganze Klasse religiöser Selbstporträts. Ihr Hauptkennzeichen ist die Subjektivität der Betrachtung des Lebens, im Gegensatz zur Objektivität früherer Literaturen, die griechische und römische eingeschlossen (vgl. Misch 1949 [1907]: 52f.).

Obwohl die Bekenntnisse als erstes großes Dokument gelten, sind sie es nicht: Entgegen dem allgemeinen Irrglauben datiert das Genre Autobiographie noch weiter zurück, bis in die Antike, denn gemäß Misch ist „[i]n Wirklichkeit […] für alle wesentlichen Richtungen der Selbstbiographie im griechisch-römischen Altertum der Grund gelegt worden, und das Werk Augustins ist nicht ein Anfang, sondern eine Vollendung“ (Misch 1949 [1907]: 53).

Im 18. Jahrhundert erwuchs aus der Darstellung religiöser Berufungen im Pietismus die allgemeine Erforschung der inneren Haltung und Entfaltung. So entstand die Bildungs- und Entwicklungsgeschichte der eigenen Person, dies auch im Zuge einer wissenschaftlichen Betrachtung der großen Autobiografien der Renaissance, die als eine geschlossene Produktion vorlagen. Mit der Energie der inneren Erfahrung und der historischen Reflexion wuchs zugleich die Wertschätzung der Autobiographien. Man forderte und veranstaltete Sammlungen der Bekenntnisse merkwürdiger Männer, gab Überblicke über die bekannteren Werke, versuchte sie zu klassifizieren (vgl. Misch 1949 [1907]: 33).

Der absolute Durchbruch des Genres Autobiographie ließ sich jedoch erst Mitte des 19. Jahrhundert mit der psychosozialen Selbstkonstitution und dem Aufstieg des Bürgertums als Schicht konstatieren, das von der ökonomischen auch zur politischen Machtausübung gelangen wollte (vgl. Holdenried 2009: 38). Bemaß sich die Legitimation zur Verschriftlichung der eigenen Lebensgeschichte von der Antike bis zur Frühen Neuzeit nach der Vorbildwirkung der jeweiligen Existenz und des damit verbundenen Handelns, so ist seit dem Aufstieg der bürgerlichen Schicht eine Ausweitung des autobiographischen Schreibens zu konstatieren. Holdenried (2009: 38) stellt fest, dass die Lebensgeschichte als Autobiographie immer mehr den Status der biographischen Dokumentation gesellschaftlicher und ökonomischer Erfolge verliert und den Rang eines Mediums der Selbstverständigung gewinnt. Am Ende dieser Entwicklung stellt sich die Frage nach der Schreib-Legitimation nicht mehr im Sinne der Exemplarität, weil autobiographisches Schreiben zunehmend zum selbstreferentiellen Umgang mit der eigenen Person und Persönlichkeit gehört, für den der Einzelne nur sich selbst Rechenschaft schuldet (vgl. Holdenried 2009: 39).

Auch in jüngerer Zeit hat die Autobiographie nichts von ihrer Aktualität und Beliebtheit bei Lesern wie Schreibenden verloren; im vergangenen Jahrhundert war sie im Zuge der Weltkriege, Bürgerkriege und Revolutionen vor allem unter Verbannten, Flüchtlingen und Emigranten eine beliebte literarische Ausdrucksform, in denen die Verfasser ihre Position vertraten und rechtfertigten.

2.2 Definition und Abgrenzung

Der Umgang mit dem Begriff Autobiographie war lange Zeit ein in der Schwebe befindlicher. Welche Definitionsversuche vorherrschten und welcher sich im Endeffekt durchsetzten sollte, wird im nächsten Unterpunkt eruiert.

2.2.1 Frühe Definitionsversuche und die Problematik der Abgrenzung

Die Selbstbiographie ist keine Literaturgattung wie die andern. Ihre Grenzen sind fließender und lassen sich nicht von außen festhalten und nach der Form bestimmen wie bei Lyrik, Epos oder Drama, die bei aller zeitlichen, nationalen und individuellen Vielgestaltigkeit der Schöpfungen doch in der Form einheitlich sich entfalten (Misch 1907 [1949]: 36),

meinte der deutsche Philosoph und Historiker Georg Misch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Für ihn war die Autobiographie eine Literaturgattung, die sich einer Definition hartnäckiger entzieht als die gebräuchlicheren Formen der Dichtung. Er entwarf eine Definition unter Erläuterung dessen, was die einzelnen Bestandteile des Ausdrucks – auto, bios, graphia – besagen: Die Autobiographie war damit für Misch „die Beschreibung […] des Lebens […] eines Einzelnen durch diesen selbst“ (Misch 1907 [1949]: 38). Abgesehen davon sei nicht mehr zu sagen: Was die Formen betrifft, in denen sie auftreten kann, so sind diese nur unscharf konturiert: „Keine Form fast ist ihr fremd“ (Misch 1907 [1949]: 37). In

Gebet, Selbstgespräch und Tatenbericht, fingierte Gerichtsrede oder rhetorische Deklamation, wissenschaftlich oder künstlerisch beschreibende Charakteristik, Lyrik und Beichte, Brief und literarisches Porträt, Familienchronik und höfische Memoiren, Geschichtserzählung rein stofflich, pragmatisch, entwicklungsgeschichtlich oder romanhaft, Roman und Biographie in ihren verschiedenen Arten, Epos und selbst Drama (Misch 1907 [1949]: 37)

sei sie schon aufgetreten. Auch Wayne Shumaker sah sich mit dem Problem konfrontiert, dass in der Vergangenheit keine Anstrengungen unternommen worden seien, „die Autobiographie genau abzugrenzen“ (Shumaker 1954: 76). Starobinski schätzt die Gattung ebenfalls als relativ frei ein: Im Wesentlichen erfordere die Gattung

zunächst die Identität des Erzählers mit dem Helden der Erzählung; sie erfordern sodann das Vorhandensein eben von Erzählung und nicht von Beschreibung. […] Der Bericht muss eine ausreichende Zeitspanne umfassen, damit der Verlauf eines Lebens sichtbar werden kann (Starobinski 1970: 200).

Seien diese Bedingungen einmal aufgestellt, so erweise sich der Autobiograph als frei, seinen Bereicht auf eine Seite zu beschränken oder ihn über mehrere Bände zu erstrecken; darüber hinaus könne er den Bericht seines Lebens mit demjenigen von Ereignissen vermischen, deren entfernter Zeuge er gewesen ist, wodurch der Autobiograph gleichzeitig – wie im Falle von Chateaubriand – zum Memoirenschreiber würde (vgl. Starobinski 1970: 200). Diese frühen Definitionsversuche lassen sich mit einem weiteren Zitat von Starobinski auf den Punk bringent:

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Zum formellen und gattungshistorischen Wandel der Autobiographie
Untertitel
Exemplifizierungen von Innovationen anhand von Georges Perecs W ou le souvenir d’enfance
Hochschule
Universität Salzburg
Note
1,75
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V209219
ISBN (eBook)
9783656367864
ISBN (Buch)
9783656369097
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
George Perec, Autobiographie, Autobiografie, W ou le souvenir d'enfance, Innovation, Geroges, Perec, W oder Die Kindheitserinnerung, Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Paris
Arbeit zitieren
Bakk.Komm. BA MA Sandra Bernhofer (Autor), 2011, Zum formellen und gattungshistorischen Wandel der Autobiographie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209219

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zum formellen und gattungshistorischen Wandel der Autobiographie


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden