Einleitung
Annähernd jeder Bereich unseres Lebens ist heute einem rapiden Wandel unterworfen – und das nachhaltiger denn je. Geschuldet ist dies wohl auch und vor allem den modernen (Kommunikations-)Technologien und den damit einhergehenden Veränderungen im menschlichen Kommunikationsverhalten. Medien und die sie ermöglichenden Technologien „katalysier[en] Veränderungen – Veränderungen in dem, was wir tun, und in unserer Denkweise“ (Turkle 1984: 9).
Ein solches Medium, das in einem nicht unerheblichen Zusammenhang mit diesen Veränderungen steht, ist das Internet – oder, um es korrekter auszudrücken: die einzelnen Medien, aus denen sich das Internet zusammensetzt. Das Internet ist in den vergangenen Jahren vermehrt aus seinem früheren Nischendasein herausgetreten und erreicht heute breite Bevölkerungsschichten. Diese Entwicklung wurde vor allem durch die benutzerfreundliche Hypermedialität des World Wide Web sowie „Web 2.0“-bezogene Tools (O’Reilly 2005: o.S.) begünstigt.
Diese Veränderungen in der Wahrnehmung und Nutzung des Internets können nicht nur festgestellt, sondern auch bewertet werden. „Neben den ausdruckserweiternden und kreativitätsunterstützenden gibt es auch einschränkende und perspektivenverengende Momente, vor allem dort, wo man sich den Vorgaben des Mediums gedankenlos überlässt.“ (Schmitz 1995: 33)
Allein deshalb scheint es gerechtfertigt, sich mit der Medien- bzw. Internetnutzung des Menschen differenzierter auseinanderzusetzen. Als Perspektive soll in der vorliegenden Arbeit die neurobiologische gewählt werden, die eine Untersuchung außerhalb der üblichen Diskussion zwischen verbohrter Technikphobie und der Weltsicht derer, die das Internet längst als unentbehrlichen Teil ihrer Existenz akzeptiert haben, erlaubt. Aus diesem Anliegen heraus soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, wie die im Internet vertretenen Medien bzw. das Internet als solches mit Veränderungen in der mentalen Architektur des Menschen zusammenhängen.
Als Ausgangspunkt der Arbeit dient zunächst eine auszugsweise Skizzierung des medialen Wandels. Ferner erfolgt im darauffolgenden Kapitel 3 eine Begriffsdefinition des Terminus „Neue Medien“ unter besonderer Berücksichtigung der Internet-Medien. In Kapitel 4 werden die besonderen Auswirkungen interaktiver, hypermedialer Medien auf die menschlichen Denkstrukturen analysiert. Kapitel 5 geht der Frage nach, ob (neue) Medien als Teil unseres erweiterten kognitiven Systems gesehen werden können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Medienkulturgeschichte: Von den alten zu den neuen Medien
3 Zum Begriff der ‚neuen Medien’
3.1 Welche Medien sind heute neu?
3.2 Online-Medien als neue Medien
3.2.1 E-Mail
3.2.2 Usenet
3.2.3 IRC (Internet Relay Chat)
3.2.4 Das World Wide Web (WWW-Browser)
3.3 Erfolgsgaranten für neue Medien
4 Medien und Kognition
4.1 Der Übergang von der oralen Kultur zur Schriftkultur und seine Auswirkungen auf die menschliche Kognition
4.2 Die Informationsgesellschaft der Gegenwart und die Veränderungen kognitiver Strukturen
4.2.1 Neue Medien und die menschliche Intelligenz
4.2.2 Welche Bedeutung haben neue Medien
4.2.2.1 … für die Aufmerksamkeit?
4.2.2.2 … für die Wahrnehmung?
4.2.2.3 … für den Wissenserwerb?
4.2.2.4 … für die Erinnerung?
4.2.2.5 … für das Denken?
5 Sind neue Medien ein Teil unseres kognitiven Systems?
5.1 Die These des erweiterten Geistes
5.2 Kritik an der ‚Extended Mind Thesis’
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Nutzung moderner Online-Medien und Veränderungen in der mentalen Architektur des Menschen unter neurobiologischer Perspektive. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit diese Medien unsere kognitiven Fähigkeiten beeinflussen oder gar Teil unseres kognitiven Systems werden könnten.
- Historische Entwicklung der Medienkultur
- Begriffsbestimmung der "Neuen Medien" und deren Einflussfaktoren
- Analyse der Auswirkungen von Online-Medien auf menschliche Intelligenz und Kognition
- Untersuchung der "Extended Mind Thesis" im Kontext digitaler Technologien
Auszug aus dem Buch
4.2.2.1 … für die Aufmerksamkeit?
Für Gigerenzer (2010) ist ein grundlegendes Merkmal der heutigen Informations- und Wissensgesellschaft der reaktive Umgang mit neuen Medien, d.h.: Menschen lassen ihre Aufmerksamkeit viel zu leicht von außen beherrschen.
Today, people's minds are in a state of constant alert, waiting for the next e-mail, the next SMS, as if these will deliver the final, earth-shattering insight. (Gigerenzer 2010: o.S.)
Das Thema der ‚Aufmerksamkeit’ greift ein zentrales kognitives Konzept auf, das die Auswirkungen der Wissensgesellschaft auf den Menschen beleuchtet. Aufmerksamkeit nimmt dabei ein Doppelstellung ein: „Sie bedeutet immer Selektivität, aber entweder wird das Vernachlässigen von Information oder die Konzentration auf Information betont.“ (Ballstaedt 2005: 3) Es ist unbestritten, dass die Aufmerksamkeit in der Wissensgesellschaft permanent gereizt und gefordert wird – vor allem durch das mediale Angebot –, gleichzeitig erlahmt sie aber auch wieder rasch. Damit stellt die Aufmerksamkeit einen biologisch wichtigen Mechanismus dar, der erstaunlich robust funktioniert: Aufmerksamkeit – bzw. vielmehr die Einschränkung derselben – schützt uns vor einem etwaigen ‚Information Overload’ (vgl. Ballstaedt 2005: 6).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung skizziert den rasanten Wandel durch moderne Kommunikationstechnologien und führt in die Fragestellung ein, wie das Internet unsere kognitive Architektur beeinflusst.
2 Medienkulturgeschichte: Von den alten zu den neuen Medien: Dieses Kapitel ordnet die Mediengeschichte in drei bzw. vier Hauptphasen ein und beschreibt den Übergang von Primär- zu Quartärmedien.
3 Zum Begriff der ‚neuen Medien’: Es erfolgt eine Begriffsdefinition neuer Medien mit Fokus auf Internet-Technologien, ihren Merkmalen und den Erfolgsfaktoren für deren Durchdringung der Gesellschaft.
4 Medien und Kognition: Das Kapitel analysiert die neurobiologischen Auswirkungen digitaler Mediennutzung auf kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Intelligenz.
5 Sind neue Medien ein Teil unseres kognitiven Systems?: Hier wird die 'Extended Mind Thesis' von Clark und Chalmers sowie deren kritische Würdigung im Hinblick auf die Integration externer Hilfsmittel in das menschliche Denken diskutiert.
6 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Medien unser Denken formen, und betont die Notwendigkeit, kognitive Kompetenzen wie vernetztes Denken gezielt zu fördern.
Schlüsselwörter
Neue Medien, Internet, Kognition, mentale Architektur, Extended Mind Thesis, Aufmerksamkeit, Informationsgesellschaft, Medienkulturgeschichte, neurobiologische Auswirkungen, Intelligenz, Wissenserwerb, Medienkompetenz, kognitive Evolution, Vernetztes Denken, Digitalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Einfluss von Online-Medien auf die kognitiven Strukturen und Denkprozesse des Menschen aus einer neurobiologischen Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Mediengeschichte, die Definition neuer Medien, die Analyse kognitiver Prozesse (Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Wissenserwerb) und die philosophische Frage des erweiterten Geistes.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, wie die Internetnutzung mit Veränderungen der mentalen Architektur des Menschen korreliert und ob neue Medien als Teil unseres kognitiven Systems betrachtet werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die medienwissenschaftliche Theorien, neurobiologische Erkenntnisse und philosophische Ansätze zur kognitiven Evolution verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die medienhistorische Einordnung, die spezifische Analyse kognitiver Bereiche bei der Internetnutzung sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der 'Extended Mind Thesis'.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen 'neue Medien', 'Kognition', 'Extended Mind Thesis', 'Aufmerksamkeit' und 'Informationsgesellschaft'.
Was besagt die 'Extended Mind Thesis' in diesem Kontext?
Sie postuliert, dass kognitive Prozesse nicht an der Schädeldecke enden, sondern unter bestimmten Bedingungen externe Hilfsmittel oder Werkzeuge als Teil des eigenen Verstandes einbinden können.
Wie bewerten die Autoren die Auswirkungen auf das Multitasking?
Es wird festgestellt, dass regelmäßige Internetnutzung zwar die Bildverarbeitung verbessert, aber die Kapazitäten des Arbeitsgedächtnisses überfordert, was die Konzentrationsfähigkeit negativ beeinträchtigen kann.
Welche Kritik wird an der Integration von Technik in den Geist geäußert?
Kritiker befürchten eine "Formatierung" des Menschen und weisen darauf hin, dass die klare Abgrenzung von internen und externen kognitiven Zuständen bei einer unkritischen Integration von Technik verloren gehen könnte.
- Arbeit zitieren
- Bakk.Komm. BA MA Sandra Bernhofer (Autor:in), 2010, (Neue) Medien und Kognition: Wie Online-Medien unser Denken beeinflussen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209228