Nach einer Kehrtwende innerhalb der Sprachdidaktik und der Gesetzgebung, die sich auch auf die Bildungs- und Lehrpläne auswirkte, werden Dialekte heutzutage im (Deutsch-)Unterricht befürwortet. Nicht zuletzt die Diskussion über Schüler/innen mit Migrationshintergrund und der damit verbundenen Mehrsprachigkeit hat zu einer Renaissance der Dialekte und Varietäten als innerdeutsche Mehrsprachigkeit geführt. Der Anspruch, Dialekte und Varietäten im Deutschunterricht zu behandeln, der von vielen Seiten gestellt wird, trifft dabei auf den Alltag bzw. die Wirklichkeit des Deutschunterrichtes. Es wird sich über die mangelnde Ausdrucksfähigkeit auf hochsprachlicher bzw. stilistischer Ebene der Schüler/innen (SuS) beklagt, und auf der anderen Seite sollen Dialekte und regionale Varietäten vermittelt werden. Wie kann das passen? Hinzu kommt auch noch Folgendes. Während sich früher die Deutschdidaktik bzw. Sprachdidaktik nur mit den innerdeutschen Varietäten auseinandersetzen musste, muss die Sprachdidaktik heutzutage auch die Mehrsprachigkeit von SuS berücksichtigen.
Im Folgenden soll es um die Frage gehen, inwiefern regionale Varietäten als Unterrichtsge-genstand zur Verbesserung des Sprach- und Schreibstils beitragen. Dabei soll auch der Aspekt der Migration miteinbezogen werden.. Als Beispieldialekt soll für die Argumentation stets das Niederdeutsche herangezogen werden. Unter dem Niederdeutschen bzw. Plattdeutschen sind die sprachlichen Varietäten Norddeutschlands zu verstehen. Das Bemerkenswerte am Nieder-deutschen ist, dass es bis zum Ausgang des späten Mittelalters und dem Untergang der Hanse, neben dem Latein für die Gelehrten, die einzige Sprache war, mit der in nicht nur im Raum des Hansebundes untereinander und im offiziellen Schriftverkehr kommuniziert wurde (Vgl. von Polenz, 2009, S.60). Das Niederdeutsche besaß dabei eine derartige Stahlkraft, dass es nicht nur auf das Hochdeutsche in Süddeutschland wirkte, sondern auch das Skandinavische beeinflusste (Vgl. ebd., S.61). Außerdem ist das Niederdeutsche seit 1999 eine voll anerkann-te Sprache, die durch die EU-Charta zum Erhalt der Regional- oder Minderheitensprachen geschützt wird. (Vgl. Goltz/ Lesle/ Möller 2008, S.6)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sprachvarietäten im Unterricht-Eine kurze Bestandsaufnahme
3. Der Schutz des Niederdeutschen- Verankerung im Lehrplan und EU-Charta.
4. Was bedeutet die oben genannten Anforderungen für den Sprach- und Schreibstil der SuS?
5. Niederdeutsch in der Unterrichtswirklichkeit
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern regionale Varietäten, am Beispiel des Niederdeutschen, als Unterrichtsgegenstand zur Verbesserung des Sprach- und Schreibstils von Schülerinnen und Schülern beitragen können, unter besonderer Berücksichtigung der Mehrsprachigkeit und des Migrationshintergrundes.
- Rolle von Dialekten im modernen Deutschunterricht
- Sprachhistorische Relevanz und Funktionalität von Varietäten
- Einfluss regionaler Sprachen auf das Sprachbewusstsein und den Schreibstil
- Integration von Minderheitensprachen laut EU-Charta und Bildungsplänen
- Herausforderungen in einer heterogenen, städtischen Schülerschaft
Auszug aus dem Buch
Was bedeutet die oben genannten Anforderungen für den Sprach- und Schreibstil der SuS?
Wenn die Schüler niederdeutsche Redewendungen erkennen und in eigenen Worten wieder geben können, trägt dies zu einer Erweiterung ihres Wortschatzes bei. Wenn die SuS Beispie le für die Verwendung des Niederdeutschen in unsere Umwelt nachdenken sollen, und um gangssprachliche, regionale und standardsprachliche Ausdrucksweisen unterscheiden sollen, wird hier am deutlichsten der Bezug zum Sprachstil deutlich. Denn durch die Unterscheidung wird den SuS auch klar, welche Ausdrücke tatsächlich ihrem regionalen Umfeld entsprechen und welche standardsprachlichen Ursprunges sind, sodass sie bei ihrer schriftlichen und mündlichen Kommunikation darauf achten können, welche Worte sie verwenden.
Man spricht auch von unterschiedlichen Codes, zwischen denen man wechseln kann. Deutlicher wird dieser Aspekt noch in er o.g. Anforderung an den Oberstufenunterricht. Erkennt man die kommunikative Funktion, so kann man diese auch in einen kommunikativen Rahmen einordnen. Dennoch möchte ich die Behauptung aufstellen, dass sich hier keine Verbesserung des Sprach- oder Schreibstiles ableiten lässt. SuS in der Oberstufe werden durch wissenschafts propädeutischen Unterricht auf den Besuch von Universitäten und Hochschulen vorbereitet. In solchen Schriftstücken finden eher Fremdwörter Eingang, sodass es eher zu einer Unterscheidung von Standardsprache und Fremdwörtern kommt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Dialekte im Deutschunterricht und Vorstellung der Forschungsfrage unter Einbeziehung des Aspekts der Migration.
2. Sprachvarietäten im Unterricht-Eine kurze Bestandsaufnahme: Historische Entwicklung der Einstellung zu Dialekten im Unterricht, weg von einer defizitären Betrachtung hin zur Förderung von Mehrsprachigkeit.
3. Der Schutz des Niederdeutschen- Verankerung im Lehrplan und EU-Charta.: Rechtliche und schulpolitische Rahmenbedingungen, insbesondere die Verpflichtungen aus der EU-Charta für das Niederdeutsche.
4. Was bedeutet die oben genannten Anforderungen für den Sprach- und Schreibstil der SuS?: Analyse des pädagogischen Mehrwerts von Dialektwissen für die Stärkung des Sprachgefühls und die stilistische Differenzierung.
5. Niederdeutsch in der Unterrichtswirklichkeit: Diskussion der Anwendungsproblematik in heterogenen Klassenverbänden und die Bedeutung für SuS mit Migrationshintergrund.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Relevanz von Dialekten für die sprachliche Ausbildung und Bewahrung kultureller Identität.
Schlüsselwörter
Dialekt, Niederdeutsch, Sprachdidaktik, Sprachvarietäten, Sprachstil, Schreibstil, Mehrsprachigkeit, Deutschunterricht, Bildungsplan, Migration, Sprachbewusstsein, Sprachgeschichte, EU-Charta, Regionalsprache, Kulturgut.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle regionaler Sprachvarietäten im modernen Deutschunterricht und prüft, ob und wie deren Vermittlung den Sprach- und Schreibstil von Schülern beeinflussen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Einbindung des Niederdeutschen in schulische Curricula, die sprachhistorische Fundierung sowie die Herausforderung, Dialekte in einer zunehmend heterogenen Schülerschaft zu vermitteln.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, den Nutzen von Dialekten für das Sprachverständnis und die stilistische Kompetenz der Lernenden zu evaluieren, statt sie lediglich als "falsches Deutsch" abzutun.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine didaktische Analyse und einen Literaturvergleich, um Bildungsstandards, die EU-Charta und fachdidaktische Positionen zueinander in Bezug zu setzen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Bestandsaufnahme, eine Analyse der rechtlichen Verankerung des Niederdeutschen und eine kritische Auseinandersetzung mit der Anwendung in der Unterrichtspraxis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Dialekt, Sprachdidaktik, Mehrsprachigkeit, Sprachbewusstsein und Niederdeutsch charakterisiert.
Inwiefern beeinflusst der Migrationshintergrund von Schülern das Unterrichtsziel?
Die Arbeit stellt fest, dass Dialekte auch für Schüler mit Migrationshintergrund wertvoll sein können, da sie allgemeine Strukturen von Sprache verdeutlichen und zum Verständnis innerdeutscher Mehrsprachigkeit beitragen.
Ist das Niederdeutsche laut Autor eine aussterbende Sprache, die nicht mehr in den Unterricht gehört?
Nein, der Autor plädiert dafür, dass gerade das Niederdeutsche als schützenswerte Varietät den Unterricht bereichert, sofern es nicht als "defizitär", sondern als Teil einer lebendigen Sprachkultur verstanden wird.
Warum ist das Erlernen von Dialekt für den Schreibstil förderlich?
Durch die Auseinandersetzung mit regionalen Varianten entwickeln Schüler ein Gespür für die Trennschärfe zwischen Umgangssprache und Standardsprache, was zu einer bewussteren Wortwahl führt.
- Arbeit zitieren
- Thore Kühn (Autor:in), 2012, Dialekt und guter Stil? Sprachvielfalt im Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209233