Die BASF im Ersten Weltkrieg und der Aufbau von Leuna


Hausarbeit, 2003
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Ammoniak und Salpetersäure
1.1 Ammoniak und dessen Produktion vor dem Ersten Weltkrieg
1.2 Salpetersäure und deren Produktion vor dem Ersten Weltkrieg

2. Die Kriegswirtschaft
2.1 Ausgangslage 1913
2.2 Die englische Seeblockade
2.3 Die Planung der militärischen Führung
2.4 Die Rolle Rathenaus und der Kriegsrohstoffbehörde

3. Reaktionen auf den Salpeter- und Ammoniakmangel
3.1 Reichsstickstoffwerke und Stickstoffmonopol
3.2 Salpeterversprechen
3.3 Der Ammoniakmangel und die Bitte an die BASF

4. Der Neubau in Leuna / Merseburg
4.1 Das Hindenburgprogramm und seine Auswirkungen auf Leuna

5. Schlussbetrachtung

Einleitung

In meiner Arbeit über die BASF im ersten Weltkrieg und den Aufbau der Leunawerke will ich darstellen, in wie weit bei der Frage der Ammoniak- und Salpetersäuregewinnung Wissenschaft, Industrie, politische und militärische Führungen miteinander verknüpft waren. Auf eine genaue Untersuchung der Rollen der wichtigsten Protagonisten wie Fritz Haber (1868 - 1943)1, Carl Bosch (1874 - 1940)2 oder Walther Rathenau (1867 - 1922)3 wird hierbei verzichtet, da dies den vorhandenen Rahmen, in Anbetracht der Bedeutung des Gesamtzusammenhangs sprengen würde.

Als Grundlage werde ich zu Beginn kurz auf die zwischen 1900 und 1918 verwendeten Verfahren zur Synthetisierung von Ammoniak und deren Verbreitung und Vor- bzw. Nachteile eingehen, da man nur auf dieser Grundlage die Konflikte und Vorhaben der einzelnen Interessengruppen verstehen kann. Dabei werde ich mich auf das nötigste beschränken, da eine genauere Bewertung und Beschreibung Chemikern obliegen sollte.

Als Anstoß für meine Arbeit diente mir vor allem das Buch „Die BASF“ von Werner Abelshauser (Hrsg.), dass einen sehr guten Überblick über den Themenkomplex gibt und mir beim Finden der Fragestellung sehr half. Der Aufsatz von Margit Szöllösi-Janze, „Berater, Agent, Interessent? Fritz Haber, die BASF und die staatliche Stickstoffpolitik im Ersten Weltkrieg“ gibt einen tiefgehenden Einblicke in die politischen Konflikte um die Stickstoffproduktion und einen Überblick über die wichtigsten verschiedenen Ammoniakproduktionsverfahren vor dem Ersten Weltkrieg. Sehr kritisch befasste sich Reiner F Oelsner in „Bemerkungen zum Leben und Werk von Carl Bosch: Vom Industriechemiker zum Chef der I. G. Farbenindustrie“ mit der Entwicklung der Ammoniaksynthese und den entstanden Mythen um das „Salpeterversprechen“ und den Aufbau der Leunawerke. Ein weiteres wichtiges Standartwerk über die Entwicklung der chemischen Großindustrie in Deutschland und deren Verflechtung mit der Politik ist die „Geschichte der deutschen Großchemie: Entwicklung und Einfluss in Staat und Gesellschaft“ von Walter Teltschik.

1. Ammoniak und Salpetersäure

Für die Betriebsgeschichte der BASF in den Jahren 1913 bis 1918 ist vor allem die Salpeter- und Ammoniakproduktion von Bedeutung. Um diesen Produktionsbereich entstand während des Krieges eine Vielzahl von Vernetzungen zwischen Wissenschaft, Politik und Industrie. Deshalb konzentriert sich meine Arbeit auf diesen Bereich der vielfältigen Palette chemischer Produkte der BASF.

1.1 Ammoniak und dessen Produktion vor dem Ersten Weltkrieg

Ammoniak ist ein farbloses stechend riechendes, in Wasser gut lösliches Gas mit der chemischen Formel NH3. Ammoniak entsteht bei der Fäulnis tierischer und pflanzlicher Substanzen durch Zersetzung der Eiweißstoffe. In der Natur liegt es auch in Form von Ammonsalzen vor. Ammoniak gehört in der Industrie zu den wichtigen anorganischen Großprodukten. Technisch sehr bedeutende Anwendungsbereiche sind beispielsweise die Produktion synthetischer Düngemittel (z. B. Ammoniumsulfat, Harnstoff), der Einsatz als Kühlmittel in Kältemaschinen, zur Erzeugung von Soda sowie die Erzeugung von Explosivstoffen, Salpetersäure oder Sulfonamide.

Im Jahre 1913 wurde der größte Teil des im Deutschen Reich verbrauchten Ammoniaks, 116 225 Tonnen, aus importiertem Chilesalpeter gewonnen (750 000 Tonnen). Zur synthetischen Gewinnung von Ammoniak standen das Ostwald-Verfahren, das Haber-Bosch-Verfahren und das Frank-Caro-Verfahren zur Verfügung. Den größten Anteil an der heimischen Stickstoffproduktion hatte mit 110 000 Tonnen, im Jahre 1913, der nach dem Ostwald Verfahren hergestellte Zechenammoniak. Als Nebenprodukt beim Kokereiprozess wurde der Ammoniak durch Koche n des anfallenden Gaswassers in Kokereien und Gasanstalten gewonnen. Darin ist auch der große Nachteil dieses Verfahrens zu sehen. Zwar ist sie relativ billig, doch lässt sich die Produktion nur in begrenztem Massesteigern, da die die Kopplung an die Koksproduktion besteht.4

Die zweite Möglichkeit war die Herstellung von synthetischem Ammoniak nach dem Haber-Bosch Verfahren der BASF. Dabei wurde Wasserstoff und Luftstickstoff im Haber-Bosch Reaktor unter erhöhtem Druck über einen Katalysator geleitet und dabei Ammoniak synthetisiert. Im Gegensatz zum Zechenammoniak kann das Haber-Bosch Verfahren grundsätzlich unbegrenzt gesteigert werden. 1913 stellte die BASF in Oppau bereits Ammoniak in kleinem Maßstab und unter großem finanziellem Aufwand her. Unter Marktbedingungen hatte das Verfahren gegen den Zechenammoniak und Importprodukte keine Chance, anders aber im Krieg.5

Als drittes Verfahren war das Frank-Caro Verfahren auf dem Markt. Auch dabei konnte die Produktion theoretisch unbegrenzt gesteigert werden. Hierbei wurde das mit elektrischer Energie gewonnene Calciumcarbit bei hohen Temperaturen mit Luftstickstoff zur Reaktion gebracht. Der so entstandene Kalkstickstoff konnte direkt als Düngemittel verwendet werden oder durch das Erhitzen mit Wasserdampf zu Ammoniak zersetzt werden. Ihr Anteil an der deutschen Vorkriegsproduktion war ebenso gering wie der des Haber-Bosch Verfahrens.6

1.2 Salpetersäure und deren Produktion vor dem Ersten Weltkrieg

Salpetersäure ist eine farblose, an feuchter Luft rauchende Flüssigkeit mit der chemischen Formel HNO3. Bis zum 1. Weltkrieg wurde Salpetersäure in der Industrie durch die Reaktion von Schwefelsäure mit Chilesalpeter hergestellt. Seit der großtechnischen Einführung der Synthese von Ammoniak wurde es auch möglich, Schwefelsäure durch Verbrennung von Ammoniak unter Verwendung eines Katalysators zu erzeugen. Als Katalysator wurde zunächst ein Platinkontakt verwendet. Später ersetzte Alwin Mittasch, Katalysatorspezialist bei der BASF, den Kontakt, wegen kriegsbedingten Platinmangels durch einen fast gleichwertigen Eisen-Wismut-Mangan-Kontakt. Nach diesem synthetischen Verfahren, das von Wilhelm Ostwald vorgedacht und von Carl Bosch und seinen Mitarbeitern in einen großtechnischen Maßstab übertragen wurde, lässt sich über die Zwischenstufen Stickstoffmonoxid und Stickstoffdioxid in Rieseltürmen unter Zufuhr von Luft und Wasser

Salpetersäure herstellen.7 Salpetersäure ist eine in großen Mengen hergestellte und verwendete Chemikalie; sie wird in der chemischen Industrie u. a. zur Herstellung von Düngemitteln und Sprengstoffen verwendet.

2. Die Kriegswirtschaft

2.1 Ausgangslage 1913

Wie schon in 1.1 ausgeführt war die deutsche Wirtschaft auf dem Gebiet der Ammoniak- und Salpeterherstellung stark von Importen von Chilesalpeter abhängig.8 Dieser wurde vor allem zur Dünger- und Munitionsherstellung im Reich verwendet. „Die Steigerung der Agrarproduktion bei konstanter Bodenfläche bedeutete eine immer intensivere Bodennutzung, die nur durch ausgiebigen Kunstdüngereinsatz möglich war. 1913 verbrauchte die deutsche Landwirtschaft insgesamt rund 8 Mio. t Kunstdünger (Superphosphate, Thomasmehl, Chilesalpeter, schwefelsaures Ammoniak); der Verbrauch war gegenüber 1890 auf nahezu das Sechsfache gestiegen. Rund ein Drittel des Kunstdüngers wurde importiert (Chilesalpeter, Rohphosphate, Schwefel).“9 Ähnlich, eher noch drastischer, war die Abhängigkeit vom Import bei der Herstellung von Salpetersäure für die Sprengstoff und Munitionsproduktion.

2.2 Die englische Seeblockade

Schon bald nach Beginn des ersten Weltkriegs erließ Großbritannien ein Handelsverbot gegen Deutschland. Zur Durchsetzung des Boykotts wurde zwischen Südnorwegen und den Shetland -Inseln sowie im Kanal bei Dover eine durch Patrouillenschiffe und Minen gesicherte Fernblockade in der Nähe der englischen Flottenbasen errichtet. Dennoch erreichten im Verlauf des Jahres 1914 noch umfangreiche Rohstofflieferungen das Deutsche Reich. Darauf reagierend verschärften die Briten die Blockadebestimmungen und erweiterten die Liste der Güter, die bei neutralen Schiffen beschlagnahmt wurden. Am 2.

November 1914 wurde die gesamte Nordsee von der britische n Admiralität zum Kriegsgebiet erklärt und für neutrale Schifffahrt bestimmte Routen festgelegt, um sie leichter kontrollieren zu können. D urch militärischen und diplomatischen Druck wurden fast alle neutralen Staaten gezwungen, die britische Kontrolle über den Seehandel zu akzeptieren. Diese Maßnahmen verstießen zwar gegen das Völkerrecht, doch konnte sich Großbritannien durch zahlreiche Vereinbarungen mit den neutralen Staaten einem offenen Protest weitgehend entziehen. Durch weiteren diplomatischen Druck konnte durch die Westmächte auch die Belieferung Deutschlands durch Drittländer auf dem Kontinent eingeschränkt bzw. verhindert werden.10

2.3 Die Planung der militärischen Führung

Die militärische Führung hatte sich umfangreich auf militärischem Gebiet vorbereitet, wenn auch nur mit beschränkter Sicht auf einen erwarteten kurzen Krieg.11 „Die deutschen Kriegsvorbereitungen hatten bekanntlich keine wirtschaftlichen Vorsorgemaßnahmen für einen langen Krieg ergriffen.“12 Die bei Kriegsausbruch bereits beendete Frühjahrsdüngung hatte außerdem die Salpetervorräte fast gänzlich aufgezehrt.13 Die mangelnde strategische Planung lässt sich vor allem auf zwei Faktoren zurückführen: Auf der einen Seite rechnete die Oberste Heeresleitung (OHL) mit einem schnellen Sieg nach dem Schlieffen Plan14, auf der anderen Seite fehlte im Kriegsministerium die fachliche Kompetenz oder das Interesse, um sich mit den tieferen Belangen der Industrie und der Auswirkungen des Krieges auf die Industrie zu beschäftigen. Über Carl Boschs Erlebnisse in einer Konferenz des Kriegsministeriums: „Was er dort erlebte war niederschmetternd. […] Die Offiziere im Kriegsministerium waren sich nicht klar darüber, daß man zur Munitionsherstellung Salpetersäure braucht und daß bis dahin alle Salpetersäure aus Chilesalpeter gewonnen wurde.“15

[...]


1 nähere Informationen zur Person: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/HaberFritz/.

2 nähere Informationen zur Person: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/BoschCarl/.

3 nähere Informationen zur Person: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/RathenauWalther/. 3

4 vgl. Szöllösi-Janze, Margit: Berater, Agent, Interessent? Fritz Haber, die BASF und die staatliche Stickstoffpolitik im Ersten Weltkrieg. In: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 19 (1996) Heft 2-3, S.105-117. Weinheim, 1996. S. 108.

5 vgl. Szöllösi-Janze, Margit 1996 S. 108.

6 ebd. S. 108f.

7 vgl. Teltschik, Walter: Geschichte der deutschen Großchemie: Entwicklung und Einfluss in Staat und Gesellschaft. Weinheim, 1992. S. 40.

8 diese Abhängigkeit bezog sich auch auf andere wichtige Grundstoffe wie Platin, Aluminium usw. Insgesamt wurden vom Deutschen Reich vor Kriegsbeginn 46,5 % aller Rohstoffe importiert.

9 Hardach, Gerd: Der Erste Weltkrieg (=Fischer, Wolfram (Hrsg.): Geschichte der Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert Band 2). München, 1973. S. 121.

10 vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/wk1/kriegsverlauf/seeblockade/index.html.

11 vgl. Hopbach, Achim: Unternehmer im Weltkrieg: Einstellung und Verhalten württembergischer Industrieller im „Großen Krieg“. Leinfelden-Echterdingen, 1998. S. 12.

12 vgl. Szöllösi-Janze, Margit 1996 S. 106.

13 ebd. S. 106.

14 nach dem Schlieffen Plan sollte schnellst möglich die Kanalküste erreicht und der Gegner durch eine Zangenbewegung innerhalb kürzester Zeit in die Knie gezwungen werden.

15 Holdermann, Karl: Im Banne der Chemie. Carl Bosch, Leben und Werk. Düsseldorf, 1953. S. 139. 7

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die BASF im Ersten Weltkrieg und der Aufbau von Leuna
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Stickstoff, Synthesebenzin, Kernenergie: Ergebnisse staatlicher Förderung
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V20927
ISBN (eBook)
9783638246767
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
BASF, Ersten, Weltkrieg, Aufbau, Leuna, Stickstoff, Synthesebenzin, Kernenergie, Ergebnisse, Förderung
Arbeit zitieren
Tobias Seidl (Autor), 2003, Die BASF im Ersten Weltkrieg und der Aufbau von Leuna, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20927

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