Zwischen Entgrenzung und Abgrenzung. Die Grenzen der Europäischen Union am Beginn des 21. Jahrhunderts


Essay, 2012

9 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Einleitung

Grenzen werden in verschiedenen wissenschaftlichen Fachrichtungen thematisiert. So findet das Thema nicht nur in der Politikwissenschaft, in den Bereichen der Internationalen Beziehungen und vergleichenden Politikwissenschaft, sondern auch bei Historikern, Geographen, Soziologen und Juristen regen Anklang, die sich mit der Gestalt, Rolle und Funktion von Grenzen beschäftigen. Im Laufe der Weiterentwicklung der Europäischen Union von einer Montan Union oder auch Wirtschaftsgemeinschaft, hin zu einem politischen Komplex zeigt sich jedoch ein ambivalenter Charakter von Grenzen. So findet an diesem Beispiel eine Entgrenzung nach innen statt, mit einhergehender Abgrenzung nach außen. Der Abbau und das Verstärken von Grenzen ist ein Paradoxon der europäischen Entwicklung.

Grenzen und ein historischer Überblick

Entgegen der üblichen Auffassung, hatte das Römische Reich keine festen Grenzen. Es gab zwar den Limes, allerdings hatte er nicht die Aufgabe zur Abgrenzung eines Herrschaftsgebietes, sondern lediglich eine Schutzfunktion. Eine festgelegte Linie mit Befestigungen, die einem Bürger Roms vermittelte, er würde das Gebiet des Reiches verlassen, gab es nicht. Das Römische Reich war vielmehr ein Imperium mit fluiden Grenzen. Diese fluiden Grenzen waren insofern ein Grenzraum in dem ein Übergang von einem Herrschaftsgebiet zum anderen statt fand. Im Mittelalter entstand die „Mark“. Auch hier war es der Raum, der unterschiedliche Herrschaftsgebiete von einander trennte. Im 12./13. Jahrhundert breitete sich für den Begriff „Mark“, wie im Namen Mark Brandenburg zu finden, das Wort Grenze im Deutschen aus. Es wurde dem slawischen Wort graniza/graenizen/greniz entlehnt[1] und mit Beginn der ottonischen Epoche für die Länder, die an der Grenze lagen verwendet.

Mit dem 18. und insbesondere 19. Jahrhundert bildeten sich Nationalstaaten, die der Grenze eine neue Dimension gaben. Es entstanden durch Grenzen definierte feste Territorien als Grundlage nationalstaatlicher Politik.[2] Hierbei basierte die nationalstaatliche Politik und damit die politische Herrschaft auf Macht, die in einem bestimmten Machtbereich ausgeübt wurde. Es entstand somit ein Gewaltmonopol, wobei Grenzen die staatliche Ordnung garantierten.

Grenzen haben allerdings auch einen großen Einfluss auf die Wirtschaft eines Landes. Aufgrund der natürlichen Rohstoffverteilung ist ein Handel über Landesgrenzen hinweg unabdingbar. Auch das Zollwesen ist hierbei zu nennen, wobei z.B. an der EU-Außengrenze eine Abschottung des europäischen Marktes durch Strafzölle stattfindet. Dies beispielsweise ist ein essentieller Bestandteil der europäischen Wirtschaftspolitik.

Grenzen besitzen zwei Extrema: Die undurchdringliche, feste Barriere oder aber den offenen Grenzraum. Die Zwischenformen sind jedoch die Regel, sodass man sagen kann, wie auch Klein konstatiert, dass man anhand der Beschaffenheit der Grenze zwischen zwei Staaten die Qualität der Beziehungen ablesen kann.[3] Je offener die Grenze also ist, desto besser sind die Beziehungen zwischen den zwei Staaten. Geschlossene Grenzen lassen hingegen auf keine guten Beziehungen oder gar auf eine Krisensituation schließen.[4] Wichtig bei Grenzen jedoch ist, dass sie Identitäten schaffen können und ein Gemeinschaftsgefühl bei denen hervorrufen, die innerhalb der Grenze leben. Diese Identitätsbeschaffung geht mit Formen des Nationalismus einher und bildet somit eine Art „Zellwand der Basiseinheit von nationaler Identität“[5] und dient somit emotional, psychologisch, politisch und auch geographisch als Trennlinie zwischen Freund und Feind.[6]

Reflektiert man diesen Aspekt auf die Europäische Union, so kann man erkennen, dass nationale Identitäten nach wie vor vorherrschen, jedoch eine weitere Abschwächung angestrebt wird, hin zu einer europäischen Identität, in dem die Binnengrenzen verschwinden und die zu unseren Außennachbarn verstärkt werden.

[...]


[1] Vgl. Krämer, Raimund: Staatsgrenzen im Wandel - Eine theoretisch-historische Reflexion, in: ders. (Hrsg.): Grenzen in den internationalen Beziehungen, Welttrends Lehrtexte Band 14, Potsdam 2009, S. 12.

[2] Vgl. Ruggie, John G.: Territoriality and Beyond, in: International Organization, 1/1993, S. 151.

[3] Vgl. Klein, Eckart: Völker und Grenzen im 20. Jahrhundert, in: Der Staat, H. 3/2001, S. 360.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Anderson, Malcom: The Frontiers of Europe, London/ Washington 1998. S. 3.

[6] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Zwischen Entgrenzung und Abgrenzung. Die Grenzen der Europäischen Union am Beginn des 21. Jahrhunderts
Hochschule
Universität Potsdam  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Grenzen in den internationalen Beziehungen - Das Beispiel der Europäischen Union
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
9
Katalognummer
V209280
ISBN (eBook)
9783656368472
ISBN (Buch)
9783656369202
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grenzen, EU, Europäische Union, Entgrenzung, Abgrenzung
Arbeit zitieren
Mehran Zolfagharieh (Autor), 2012, Zwischen Entgrenzung und Abgrenzung. Die Grenzen der Europäischen Union am Beginn des 21. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209280

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